Die wertlosen Menschen …

24. Jan 2018 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Heute an Auschwitz denken und immer

Ein Hinweis von Christian Modehn

Es ist Zufall, dass unser religions-philosophische Salon im Januar 2018 einen Tag vor dem internationalen Auschwitz-Gedenken am 27. Januar stattfindet. Der Tag bedeutet heute: Menschen in Deutschland tun alles, dass Antisemitismus heute in Deutschland keinerlei Chancen hat!

Nicht nur deswegen liegt es nahe, einige Hinweise mitzuteilen zum Weiterdenken und Weiterforschen über den Zusammenhang von WERTEN (unser Thema am 26.1. 2018) und Auschwitz, als dem historischen Ort der viel-tausendfachen Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die von der Nazi-Ideologie als Untermenschen definiert wurden, Sintis, Kommunisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas usw. Als „wertlos“ wurden sie alle ins Abseits gedrängt, der Würde beraubt und fast immer getötet.

Auschwitz steht stellvertretend für alle anderen KZs. Die Orte der millionenfachen systematischen und bürokratischen Vernichtung der Juden und aller, die angeblich für wertlos von der Nazi Ideologie erklärt wurden. Die Ideologie der Herrenmenschen ist keineswegs überwunden. Fühlen sich nicht viele Europäer und US – Amerikaner als die „Herren der Welt“?

Schon in Dachau hatten die Nazis ihre zentralen Werte den dort Inhaftierten unübersehbar eingeschärft: „Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Opfersinn“. Das klingt noch „preußisch“ – und sogar noch relativ harmlos; gemeint war aber das totale Gefügigmachen der Menschen gegenüber der Nazi-Ideologie.

Die Nazis hatten die Umwertung der klassischen, „abendländischen“ und christlichen Werte systematisch betrieben, so intensiv, so brutal, dass sehr viele Deutsche dieser Ideologie aus Bequemlichkeit, Egoismus, politischer Dummheit und Antisemitismus folgten. Und in der Tötungsmaschinerie mittaten. Ab 1945 hatten sie natürlich nichts gewusst.

Das Auschwitzgedenken hat nur Sinn, wenn man nach heutigen Ideologien fragt, nach Ideologien und Philosophien, die wieder die Menschheit in wertvolle und wertlose Menschen unterscheiden. So deutlich nach außen hin spaltet die Menschheit kaum jemand in der gebildeten Welt Europas oder Amerikas. Man gibt sich heute etwas moderater. Aber die Tatsache der Spaltung der Menschheit in wertvolle Menschen und wertlose Menschen ist überall zu sehen und wahr – zunehmen.

Das Auschwitz – Gedenken muss sich heute als Tag des  Kampfes gegen alle Formen des Rassismus  verstehen.

Diese Spaltung der einen Menschheit in wertvolle und weniger wertvolle Menschen ist die Basis für den Faschismus und jede Form des Totalitären. Der bekannte jüdische Psychiater Boris Cyrulnik, Jahrgang 1939, geboren in Bordeaux, spricht in dem Zusammenhang von einer „perversen Moral“: „Ein Individuum kann mit seinen nahen Angehörigen gute Beziehungen haben, aber für dieses Individuum können dann Juden, Sintis, „Neger“ Untermenschen sein. Dann wird es für dieses Individuum normal, diese Untermenschen zu vernichten, so, wie man die Schmutzflecken entfernt…Pervers ist für mich jemand, der in seiner eigenen Welt ohne den anderen lebt“ (vgl. dazu das Interview mit Boris Cyrulnik und Tzvetan Todorov in „Le Monde“ vom 1. Januar 2017)

Der Auschwitz Gedenktag ist die Aufforderung zu denken und emphatisch mitzufühlen mit diesem einen zentralen Inhalt, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Jeder hat den gleichen Wert. Diese elementare Tatsache aller Humanität wird heute weltweit negiert: Im Umgang mit den von den so genannten Eliten Arm-Gemachten in Afrika, den krepierenden Flüchtlingen im Mittelmeer. Als Untermenschen werden in demokratischen Staaten auch Obdachlose behandelt, der so genannte, aber wohlhabende Sozialstaat mit vielen steuetbegünstigten Millionären und Milliardären kann für sie nicht sorgen usw. Untermenschen brauchen nicht eine gute Medizin wie die anderen, sie brauchen  keine gesunde Nahrung… Als Untermenschen betrachten viele Politiker in Lateinamerika die Indígenas, die ursprüngliche, „indianische“ Bevölkerung und töten sie, siehe Guatemala, El Salvadorheute vor allem Honduras. Wer kümmert sich eigentlich in Deutschland aktiv und informativ um die wertlos gemachten armen Menschen heute in Honduras? Alle so genannten großen Medien befassen sich mit GROKO oder mit Herrn Trump usw. Wie viele sind eigentlich wieder begrenzte Nationalisten geworden?

Philosophisch gesagt: Wir leben in einer Welt, in der der andere Mensch als anderer nicht respektiert wird. Und es gibt populistische Parteien, die sich gegen die „anderen“ wehrhaft wehren. Die Namen dieser Parteien sind bekannt. Die FPÖ in Österreich ist wohl das bekannteste Sammelbecken derer, die zur radikalen Abwehr der anderen, der Fremden, der Flüchtlinge entschlossen sind. Mit Hilfe von Herrn Kurz. Um sich schuldlos zu fühlen, gerieren sich diese Kreise als die besten Freunde der Juden. Öffentlich, das ist zum Lachen. Das sagen die FPÖ Leute nur, um von ihrer Islam-Feindschaft abzulenken. Dies ist meine Meinungsäußerung! Diese Kreise in ganz Europa finden Zuspruch, weil die Bürger wieder dem nationalen Stolz, einem „uralten Wert“, folgen. Nur Aufklärung kann gegen diese Un-Werte noch „angehen“ und es die wirkliche Beachtung der Gesetze, die den Freunden aller Unwerten Einhalt gebieten.

Der Auschwitz-Gedenktag ist wichtiger denn je. Jeder Tag des Jahres sollte  Auschwitz Gedenktag sein. Die Ignoranz und aktive Feindschaft gegenüber den „anderen“ nimmt zu. Und Philosophie wird „die Philosophie des/der anderen“ schon aus politischen Gründen zur Hauptdisziplin erklären müssen.

Dieses Thema „Respekt für die anderen Menschen“ als Basis der Demokratie wird um so dringender, als die künftige Arbeitswelt vorwiegend von Robotern bestimmt sein wird. Dies bedeutet: Viele Millionen werden in die Arbeitslosigkeit  entlassen und damit in eine lange weilende Freizeit als Langeweile geschickt. Sie werden die Masse der eigentlich überflüssigen Menschen darstellen. Sie werden, falls es gut geht, zu Objekten einer minimalen Sozialfürsorge.

Schon heute gelten die Armen in der kapitalistischen (Un-)Kultur als die „Überflüssigen“, die eigentlich den „Betrieb“ nur stören…Für die vielen Millionen aus der Arbeit Entlassenen, etwa in 30 Jahren, gilt: Diese erleben dann eine leer empfundene, erzwungene Langeweile; diese hat nicht nur psychische Auswirkungen, sondern auch erheblich politische. Die Arbeitswelt der allseits herrschenden Roboter ist sicher nur für die Unternehmer ein weiterer  Schritt in die große Freiheit…

Nebenbei: Eigentlich könnten religiöse Gemeinschaften, auch Kirchen, Orte sein, um die Langeweile der Vielen meditativ und sozial engagiert zu gestalten. Aber diese Kirchengemeinden werden dann, wenn es gilt, mit den „Überflüssigen“ zusammenzuleben, schon kaum noch existieren, wenn der gegenwärtige Trend anhält: Dass nämlich Kirchenleitungen, wie jetzt,  von selbst Gebäude und Orte der Gemeinden und Gemeinschaft abbauen. Weil diese Kirchenleitungen, widerspruchslos hingenommen, etwa die katholischen, von der Ideologie des Klerikalismus befallen sind. Oder wie die Protestanten, die selbst in Deutschland angeblich kein Geld mehr haben für das, was man einst so „nett“, aber richtig Seelsorge nannte.

Copyright: christian modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

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