Fortschritt in der Diskussion. Fragen nach einem philosophischen Salongespräch

24. Feb 2018 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Die Diskussion über Sinn und Unsinn des Fortschritts geht weiter… Heute, am 26.2. 2018, schreibt Elisabeth Hoffmann, Berlin, diesen Kommentar:

Die Schattenseiten des Fortschritts

Fortschritt zum guten d.h. lebenswerten, d.h. nachhaltigen und zukunftstauglichen Leben gibt es schon sehr viel in der Welt. Wir wären selig und zuversichtlich, wenn wir jeden Tag davon in den Zeitungen lesen würden, statt diejenigen Nachrichten, die eine „Normalisierung“ des Krieges und Feindbilder wieder aufleben lassen. Gegen diese Vergiftung des Geistes eines Weltbürgertums müssen wir uns innerlich und äußerlich wehren. Die Mehrheit der Menschen ist im humanen Sinne fortschrittlich, kooperativ, gutmeinend, vertrauend und immer mehr gebildet, um die Zusammenhänge zu verstehen und zu handeln. Wichtigster Fortschritt bleibt für mich die Emanzipation und sozial-politische Bildung und Demokratisierung von allen Lebensbereichen.  Ein Zitat von Bazon Brock zum Thema: „Es gibt keinen Fortschritt in der Entwicklung der Kulturen. Alle Kulturen aller Zeiten haben immer schon das volle Potenzial der menschlichen Möglichkeiten, wenn auch in je unterschiedlicher Weise, entfaltet. Das anzunehmen ist zwingend, da wir inzwischen wissen, dass die Menschen seit mindestens 35.000 Jahren in jeder Hinsicht die gleichen waren wie wir es heute sind“. Bazon Brock, Berlin, am 27.03.2017). Davon abgeleitet würde ich sagen, dass Fortschritt als solcher erst dann benannt werden dürfte, wenn die Folgen für Mensch und Natur und Zukunft, also die „Schattenseiten“, davon mit bedacht werden (wie Endlager für Atomabfälle, Plastikmüll in den Meeren, Mikroplastik, Krebs, Zusammenbruch des Immunsystems, keine Antibiotika mehr die helfen, Insektensterben, Seelensterben, Einsamkeit, Ohnmacht, Konsum als Kompensation etc). Was dann unterm Strich eine Verbesserung ist, das „nehmen“ wir aufs Konto des Fortschritts….. das wird nicht viel sein, was das Technische angeht.

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Ein Hinweis von Christian Modehn, verfasst am 24.2.2018:

Der religionsphilosophische Salon am Freitag, den 23. Februar 2018, hatte das Thema: „Gibt es Fortschritt in meinem Leben und in der Welt/Gesellschaft?“, an dem Gespräch beteiligten sich 18 Personen. Einige Hinweise zur Diskussion: Es ist fast obszön, heute von Fortschritt zu sprechen, auch als Fortschritt im ethischen Verhalten der Menschheit. Wenn man das permanente Grauen von Krieg und Verletzung der Menschenrechte vor Augen hat.

Selbst wenn der Fortschritt als dauernde, maßlose Steigerung und Optimierung des Technischen (immer „bessere“ Atombomben) philosophisch heftig kritisiert wird, bleibt doch die Frage: Kann eine kritische philosophische Ethik diesen „Fortschrittsrausch“ noch steuern und bremsen? Gibt es also auch „guten“ Fortschritt? Wie sollen wir den unterstützen? Vor allem: Gibt es so etwas wie „Fortschritt“ auch in unserem individuellen Leben? Wäre dann die Begriffe Reifen und Erwachsenwerden hilfreich? Warum ist es gut und fortschrittlich, auch einmal stillzustehen, nicht mehr „weiter zu gehen“, sondern zu verweilen und nicht permanent auf der ewig weiter in die Zukunft strebenden Zeitlinie weiter zu schreiten. Warum wird der Begriff Fortschritt heute so diskriminiert? Weil die großen Organisationen, Parteien, die ständig von Fortschritt sprachen, die Grundidee eines auch ethischen Fortschritts verraten haben? Dies ist keine Frage mehr, sondern im Blick auf den Kommunismus eine Tatsache.

Warum gibt es Fortschritt in den Religionen? Etwa in der Akzeptanz der historisch-kritischen Forschung bei der Interpretation von Bibel und Koran? Vor allem: Wie hoch ist der Fortschritt einzuschätzen, wenn sich immer mehr Menschen, auch religiöse, von infantilen Gottesbildern lösen? Ist der aktuelle Bezug, Rückgang,  auf die alte, auch mittelalterliche Mystik in dem Falle auch Fortschritt? Ist also der Rückgang in die Vergangenheit also nicht immer Regression? Warum ist die heute übliche rechtspopulistische und rechtsradikale Regression als Überwindung demokratischer Errungenschaften so gefährlich? Leben wir bereits in politisch regressiven Zeiten? Wer leistet da Widerstand? Diese und andere Fragen besprachen wir in unserem Salon am 23. 2. 2018 und entdeckten dabei: Selbst wenn viele TeilnehmerInnen seit Jahren den Begriff Fortschritt nicht mehr verwendet haben, so lohnt sich doch die Mühe einer grundlegenden, philosophisch fragenden Auseinandersetzung. Fortschritt geschieht in bewusster Entscheidung, ist also von der eher naturwüchsigen „Entwicklung“ zu unterscheiden. Deutlich also ist: Auf die Idee des Fortschritts als Realisierung des ethisch Besseren können wir nicht verzichten, wissen dabei aber, dass es den „totalen“, insgesamt guten Weltzustand durch „Fortschritt“ erzeugt nicht gibt. Religiös wird dieser insgesamt heilsame und rettende Zustand mit dem Bild „Reich Gottes“ beschrieben, auch Walter Benjamin spricht vom Kommen des Messias und der messianischen Zeit. Das Reich Gottes bleibt theologisch und religionsphilosophisch also eine zentrale anzustrebende Idee, aber mit dem Wissen, dass dieses Reich Gottes nie von uns „total“ geschaffen werden kann UND gleichzeitig jedoch in dem Wissen, dass wir (und jeder Mensch!) den Auftrag haben , danach dann doch tätig zu streben. Dieses stetige Streben hat mit „Sisyphus“ nichts zu tun. Weil allein schon dieses  Streben (also dieses gute, also fortschrittlich – gute Handeln) erlösende Momente in sich birgt. Darüber werden wir in unserem Salon am 23. 3. 2018 sprechen!

copyright: Christian Modehn

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