Erfahrungen auf dem Teeweg

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Interkultureller Dialog

Erfahrungen auf dem Teeweg
Von Christian Modehn
„Der Tee-Weg gründet auf der Verehrung des Einfachen und Schönen inmitten des schmutzigen Alltags. Er umschließt Reinheit, Harmonie und das Geheimnis des Mitleidens. Die Tee-Zeremonie ist eine Verehrung des Unvollkommenen, sie ist ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“. Kakuzo Okakura, einer der hervorragenden Tee-Meister Japans, beschreibt einen „Weg“, der nach japanischer Auffassung zu Ausgeglichenheit, Friede und irdischem Glück führen kann. Dieser „Lebens-Weg“ folgt nicht den Weisungen einer Religion; er stellt etwas Alltägliches in den Mittelpunkt, den Tee.
Bei einer rituell gestalteten Feier kommen Menschen zusammen, um nichts anderes zu tun – als gemeinsam grünen Tee zu trinken. Seit mehr als 500 Jahren lassen sich Japaner auf die meditative Stille der Zeremonie ein. Einige Millionen Menschen folgen heute dem Chado, dem Teeweg. Viele tausend Europäer und Amerikaner entdecken diesen „Weg“,  durch ihn finden sie die Lebensenergie wieder.
Gerhardt Staufenbiel (München) hat schon an zahllosen Tee-Zeremonien in Japan teilgenommen, in leicht abgedunkelten Wohn-Zimmern mitten in Kyoto oder Tokio  oder in grossen Konferenz-Räumen mit mehr als hundert Teilnehmern. Nachdrücklich geprägt haben ihn aber vor allem Teezeremonien in der Abgeschiedenheit der Natur. „Der Weg zum Teehaus ist ganz wichtig“, berichtet Gerhardt Staufenbiel, „und dieser Weg ist immer feucht, mit Tau bedeckt, so daß man eigentlich wie in ein reines Land geht. Man verlässt die Stadt mit ihrer Hitze und Hektik und geht in die Klarheit der Berge, wie im Morgentau glitzert der Weg. Und am Weg befindet sich dann ein Wasserbecken, in dem man Hände und Mund reinigt, um symbolisch den ganzen Staub des Alltags abzuwaschen“.
Wer sich zur Teezeremonie aufmacht, weiß, daß er sich auf ein rituelles Geschehen mit vorgegebenen Riten einlässt: Hintereinander schreiten die Gäste langsam durch den Garten; sie nähern sich schweigend dem Teehaus: Aber was heißt „Haus“? Es ist eher eine unscheinbare, zerbrechliche Hütte! Sie erinnert an die Schlichtheit einer Einsiedler-Herberge: Das Strohdach ist tief herabgezogen, auf dem Dach hat sich Moos ausgebreitet, die Wände sind mit Schilf verkleidet. Auch der Eingang ins Teehaus ist ungewöhnlich: Er ist nur 70 Zentimeter hoch: „Man muß sich ganz klein machen und als kleiner Mensch hineingehen. Der Eingang ist ganz schmal“, berichtet Gerhardt Staufenbiel. „Früher, als der Samurai sein Schwert trug als sein Rangabzeichen und soziales Symbol, da musste er das Schwert draussen beiseite lassen, es passte nicht durch den Eingang! Das heißt, in das Teehaus hinein kommt nur der Mensch; die Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie spielt keine Rolle. Im Teehaus sind alle Menschen absolut gleich“.
Gerhardt Stauenbiel hat inzwischen im Teehaus Platz genommen. Als Philosoph hat er durch die Auseinandersetzung mit Martin Heidegger diese meditative Lebensform schätzen gelernt, einen durchaus „philosophischen Weg“, der Stille und Gelassenheit allerdings nicht nur denkt, sondern praktisch pflegt.
Die Gäste sitzen in dem winzigen Raum auf Tatami-Matten, aus Reisstroh geformt, bieten sie ein wenig Bequemlichkeit. Eine Blume ist in einer Nische aufgestellt, an einer Wand befindet sich eine Rolle mit japanischen Schriftzeichen. Nüchtern und karg ist das Haus, alle Konzentration gilt dem Tee.
Der Gastgeber tritt zum Schluß ein: Schweigend verneigt er sich vor seinen Gästen. Das Wasser im Kessel beginnt schon leise zu summen.  Der Gastgeber hat das wertvolle Teegeschirr neben sich auf den Boden gestellt, die Dose mit dem pulverisierten grünen Tee oder den Bambuslöffel. Gefäße für kaltes und heisses Wasser stehen bereit, daneben liegt ein kleiner, pinselartiger Besen: Er hilft, den Tee mit dem Wasser zu verrühren. Die Hauptsache ist die Tee-Schale: In ihr wird das wertvolle Getränk zubereitet. Durch das sanfte Schlagen mit dem Pinsel schäumt der dickflüssige Tee etwas auf: Der Teemeister verneigt sich erneut. Er wendet sich jetzt Dietrich Roloff zu: Auch er ist Philosoph,  nach seiner Pensionierung gilt sein ganzes Interesse der Teezeremonie: „Der Teebrei wird für alle Anwesenden in ein und der selben Schale auf einmal zubereitet“, berichtet er, „und dann geht diese Schale von Gast zu Gast, und jeder trinkt nur einen Schluck von diesem dickflüssigen Tee. Und die Intensität des Geschmacks ist etwas, was lange auf dem Gaumen und der Zunge haften bleibt. Und dann wird ein dünner Tee serviert, das ist auch ein pulverisierter Tee. Aber da kommen nur zwei kleine Teelöffelchen in die Schale. Und entsprechend viel Wasser. Und diesen dünnen Tee trinkt der Gast mit drei vier Schlucken aus“.
Die Gäste reichen einander die Tee-Schale, dabei sagt der eine Gast zu seinem Nachbarn: „Verzeihen Sie, daß ich zuerst getrunken habe“.  Das sind keine Floskeln oder leeren Worte. Die Teilnehmer zelebrieren in einer gelassenen Ernsthaftigkeit diesen Ritus, Ausdruck für eine „Kultur der Höflichkeit“ und des Respekts vor dem anderen. Mit der gleichen Ruhe haben die Gäste auch den Kuchen probiert, der ihnen der Teemeister reicht: Feines, leichtes Gebäck, das den Geschmack für das kostbare Getränk erst so richtig öffnet.
Drei bis vier Stunden kann das gemeinsame Sitzen im Teeraum dauern. Die Zeremonie wird unterbrochen durch ein kurzes Verweilen im Garten. Dabei können die Gäste in Ruhe die Pflanzen betrachten und tief durchatmen, so geniessen sie den Ausstieg aus dem Alltag. Für Dietrich Roloff ist die Teezeremonie so etwas wie ein Übergang in eine andere Welt: „Wichtiger als das eigentliche Teetrinken ist dieser ritualisierte Ablauf mit einer sehr reichen Formensprache an Gesten; es ist ein Tanz der Hände, eine  Abfolge komplexer Geste; es geschieht so viel an einzelnen Aktionen. Die Teegeräte müssen gesäubert werden, der Reihe nach. Die Teeschale muß gespült werden, bevor der Tee darin zubereitet und dem Gast hingereicht wird. Also es geschieht so viel an einzelnen Aktionen, daß der Gast, wenn er in der Lage ist, sich fallen zu lassen, ganz davon in Anspruch genommen wird. Dann erlebt er die Kraft und die beruhigende Wirkung dieses Handlungsablaufes“.
Jeder Teemeister stellt sich ganz in den Dienst seiner Gäste. Dabei nimmt er sich selbst völlig zurück, er bleibt sozusagen unscheinbar im Hintergrund. Gerhardt Staufenbiel:
„Die Gäste sind überrascht, daß der Gastgeber nur Tee zubereitet und selber keinen Tee trinkt. Die ganze Teezeremonie soll den Gästen zeigen: Ich bin mit allem, was ich hier tu und was ich bieten kann, für euch, für meine Gäste da. Ich erweise euch den größten Respekt, dessen ich fähig bin. Und ihr sollt von mir einen ganz besonderen Genuss in einer Atmosphäre der Harmonie und des gegenseitigen Respekts bekommen“.
Beim Darreichen der Schalen und dem stillen Trinken des Tees entsteht eine Form der Gemeinschaft, die keine Gegensätze mehr kennt. Distanz und Abgrenzung sind aufgehoben; es gibt nicht mehr den Gastgeber auf der einen, und den Gast auf der anderen Seite. Der Tee verbindet auf eine geradezu mystische Art. „Alle zusammen, wenn sie es richtig machen, gehen auf in einer gemeinsamen Stille. Es gibt keine Grenzen mehr zwischen verschiedenen Ichs. Es gibt nur diese eine Stille. Die Teilnehmer verwandeln sich selbst in eine Stille, sie werden selbst Ruhe. Es entsteht die Erfahrung der Einheit“. (Gerhardt Staufenbiel).
Über Harmonie und Stille, Ehrfurcht und Reinheit wird im Teehaus nicht diskutiert; diese Haltungen werden eingeübt und praktiziert; aber in einer solchen Ruhe, daß sie das „Herz“ der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichen.
Ruhe bedeutet im Teehaus nicht vollständiges Schweigen; gelassen und heiter begegnen sich Gäste und Gastgeber. Höchste Konzentration ist auch hier verlangt. Gerhardt Staufenbiel: „Man spricht nur über die Dinge, die jetzt im Augenblick passieren. Das ist so stark strukturiert, daß man,  wenn man z.B. wissen will, was das für eine Teeschale ist, die der Gastgeber benutzt, muß man warten bis der richtige Augenblick ist. Wenn dieser Augenblick vorbei ist, kann man nicht mehr danach fragen. Das heißt man ist auch mit dem Gespäch, mit den Gedanken, ganz im Jetzt,  im Augenblick, man schweift nicht ab“.
Mindestens zwei Millionen Japaner folgen heute dem Tee-Weg. Auch in Europa, Amerika und anderen asiatischen Ländern werden es noch einmal so viele Menschen sein, die sich für „den Tee“, wie sie sagen, entschieden haben. Sie gehören unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen an; viele andere folgen einer philosophischen Lebenshaltung, manche nennen sich atheistisch oder bezeichnen sich als Humanisten. Der Teeweg steht allen Menschen offen. Ist er eine Art überkonfessionelle Religion? Gerhardt Staufenbiel erinnert an das Wort eines der grossen Tee-Meister:
„Sushitsu Sen hat gesagt: In der Schale Tee ist die ganze Welt versammelt. In dem Grün spiegelt sich die ganze Natur, die Wälder, die Berge; das Rund der Teeschale ist wie das ganze Weltall, was man in den Händen hält. Man ist eins mit dem Tee. Wenn das religiös ist: dann würde ich sagen: Dann führt das zu einer religiösen Erfahrung. Wenn ich den Teelöffel ablege, und den mit voller Konzentration ablege und die Atmung und die ganze Körperbewegung alles in einer vollkommenen Harmonie ist, dann ist das ein regelrechtes Glücksgefühl, diesen Teelöffel auf die Teedose ablegen zu können. Dann bin ich ganz da, bin ich ganz präsent. Und wenn man das Religion nennen will, warum nicht?“.
Den Tee verdanken die Japaner der chinesischen Kultur. Gelegentlich wächst er in China zu einem 20 Meter hohen Baum heran; besonders geschätzt sind aber die kleinen Teepflanzen. Sie wurden schon im 5. Jahrhundert n.Chr. in China gezüchtet: Die Teeblätter galten als Heilmittel; erst um das Jahr 1000 wurden sie zu Pulver geschlagen: Daraus wurde ein volkstümliches Getränk hergestellt. Im 8. Jahrhundert machten sich buddhistische Mönche aus Japan nach China auf. Sie studierten nicht nur Buddha-Texte; sie liessen sich in den rechten Genuss des Tees einweisen: Buddhistische Mönche brachten den Tee in die Heimat mit: So entwickelte sich schon vor mehr als 1000 Jahren eine japanische Teekultur. Die Mönche liebten die anregende Wirkung des edlen Getränks; es half, die vielen langen Stunden des Meditierens hell wach zu bleiben.
Im 16. Jahrhundert bildete sich dann in Japan die Teezeremonie heraus, deren Regeln bis heute gelten. Vor allem Meister Rikyo hat diese „Kultur der Stille mitten im Alltag“ entwickelt: Er lebte zu einer Zeit, als Japan von europäischen Gelehrten und Missionaren besucht wurde. Der spanische Jesuit Franziskus Xaverius weilte im Jahre 1549 in Japan: Er und andere Jesuiten hatten schon damals Interesse am interreligiösen Gespräch. In dieser Atmosphäre der Toleranz entwickelte Meister Rikyu seinen Tee-Ritus. Gerhardt Staufenbiel: „Der Tee ist wirklich absolut offen. Das ist Rikyos Tradition. Rikyo hat sehr viele Elemente aus verschiedenen Religionen übernommen. Er hat das Element der Stille aus dem Zen Buddhismus, man kann sagen: Das Element der Reinheit könnte zenbuddhistisch sein, könnte aber auch shintoistisch sein. Verschiedene Leute sagen dann bei der Teezeremonie: Das erinnert mich sehr an eine katholische Meßfeier. Das ist kein Wunder. Weil der Jesuitenmissionar Franz Xaver soll bei seinem Japanaufenthalt Unterricht in Teezeremonie bei Sen Rikyo empfangen haben. Und Rikyo hat geschaut wie die katholischen Priester den Meßkelch reinigten. Und das gefiel ihm so gut, daß er dann diese Bewegung für die Teezeremonie übernommen hat. Also auch christliche Elemente sind im Teeweg enthalten. Aber Meister Rikyo hat diese Elemente ein wenig verändert, daß sie eben gerade nicht mehr gerade Zen sind und nicht mehr konfessionell-christlich sind. Der Teeweg ist weltanschaulich nicht gebunden“.
Auch an einzelnen Worten Jesu soll der grosse Teemeister Rikyu Gefallen gefunden haben: Ein Spruch aus den Gleichnissen Jesu habe ihn inspiriert, als er an den Ausbau eines neuen Teehauses dachte und die Eingangstür gestalten mußte: „Es gibt eine Legende  in der Sen-Familie, daß er auf die Idee des viel zu kleinen Eingangs gekommen ist, weil er die Bibel gelesen hatte: Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich. Und dann hat er gesagt: Das muß ich nicht predigen. Vielmehr mache ich den Eingang so klein, daß derjenige, der da hindurch will, sich  ganz klein machen muß. Und dann wird man schön demütig durch das Eintreten“.
Der japanische Teeweg ist seit 500 Jahren nicht mehr Sache der Mönche allein: Mehrere Schulen haben sich im Laufe der Zeit gebildet, sie werben heute für den Tee-Weg. Die sogenannte Ura-Senke, also das Ura-Teehaus, hat als der bedeutendste aller „Tee-Wege“  mindestens 2 Millionen Anhänger; die Urasenke hat noch  weitere Tee-Organisationen gegründet, etwa eine internationale Jugendbewegung. Gerhardt Staufenbiel ist mit dieser internationalen Tee-Gemeinschaft heute als Tee-Meister in München verbunden: „Die Urasenke hat eine moderne Organisation. Man kann dorthin gehen und Teezeremonie studieren, auch Ausländer sind dort sehr willkommen. Der Großmeister gibt sogar Stipendien für ausländische Studenten. Es gibt eine eigene Jugend-Organisation. Und die etabliert sich jetzt international. Kürzlich war in Hawaii ein grosses Treffen, und die Leute sind dabei eine weltüberspannende Organisation zu bilden. Es bildet sich ein Tee-Netzwerk. Wir haben in München Kontakt mit einer Jugendgruppe in Japan. Da ist die Präsidenten dieses Jahr gewählt worden, das ist eine Deutsche, die lebt seit 7 Jahren in Japan. Und wir haben jetzt den Plan, eine Tee-Partnerschaft zu stiften. Wir Europäer brauchen den Kontakt, vor allem den Dialog mit Ostasien, vor allem mit dem Teeweg, denn er ist ein Weg des Friedens“.
Soshitsu Sen, gegenwärtig der am meisten geschätzte japanische Teemeister,  hat einmal geschrieben:
„Setzen wir uns zusammen und trinken wir in Ruhe gemeinsam aus einer Schale Tee: Und es wird Frieden sein zwischen diesen Menschen“. Im Juli 2001 wurde in einer der größten Kirchen von New York, der Kathedrale Saint John the Divine, eine interreligiöse Tee-Zermonie gefeiert. Die getrennten Christen dürfen auf Weisung der Kirchenführung noch nicht einmal gemeinsam Abendmahl feiern. Aber eine Schale Tee, in Würde getrunken, dürfen sie sogar mit Buddhisten, Moslems und Atheisten teilen. Bei seinen zahlreichen Reisen hat Gerhardt Staufenbiel gemeinsame Teezeremonien von Moslems und Juden erlebt: „Es gibt in Amerika eine Gemeinschaft von Sufis und jüdischen Mystikern, die alle zusammen Teezeremonie halten und den Tee als eine Art  Ritual erleben, in dem sich ihre verschiedenen religiösen Erfahrungen sammeln und treffen. Wir haben im Tee eine Urerfahrung der Menschen, die zusammen sitzen und in eine tiefe Stille und Konzentration kommen und dadurch eine Kommunikation erleben, die auf der verbalen Ebene so eben gar nicht möglich ist. Und das allein ist schon ein Friedensprozeß“.
Für ein friedliches Zusammenleben sorgen: Das ist auch die „Mission“ der japanischen Teehäuser in Deutschland: In München, Freiburg und Hannover gibt es sicher die schönsten Teehäuser, mitten in Parkanlagen gelegen. In Nürnberg wird ein Teehaus gebaut, ebenso in Wien. Im Ostasiatischen Museum in Berlin-Dahlem kann ein original japanisches Teehaus besichtigt werden.
Wer in Europa Teezeremonien gestaltet, muß dem Geist des Tees entsprechen, nicht aber unbedingt allen uralten rituellen Gesetzen folgen: Dietrich Roloff: „Man kann Teezermonie genauso auch zu Hause in einem ruhigen und leerem Raum abhalten. Man braucht dann ein paar Tatami Matten, und auf diesen Tatami Matten findet auch zuhause der eigentliche Ablauf der Teezeremonie statt. Die Wirkung einer Teezeremonie hängt nicht davon ab, ob wir sie in einem Teehaus oder in einem entsprechend eingerichteten Zimmer abhalten. Ein Teehaus mit einem Teegarten steigert vielleicht den Eindruck etwas,  aber es ist nicht wesentlich“.
Die Teezeremonie ist keine ästhetische Spielerei. Sie ist eine philosophische Religion der Lebenskunst. Dietrich Roloff folgt der Teeschule Ueda-Soko-Ryo in Hiroshima; durch ständiges Üben ist er inzwischen selbst Tee-Meister geworden: „Ich denke: In den 7 Jahren meiner Praxis habe ich die Fähigkeit dazugewonnen, mich selbst zurückzunehmen, mich selber weniger wichtig oder gar nicht wichtig zu nehmen. Und Gelassenheit und Ruhe an den Tag zu legen. Und durch den Trubel einer Groß-Stadt gehen zu können, ohne innerlich von dieser Hektik angesteckt zu werden. Als ob sich hinter der Unruhe des Großstadtlebens so etwas wie eine weite Ruhe auftut, die einen erfüllt“.
Und diese Ruhe hat positive Auswirkungen für Leib und Seele, betont Gerhard Staufenbiel: „Ich lebe in vollen Zügen und ich geniesse den Augenblick. Ich fühle mich momentan  gesundheitlich sehr gut; vielleicht kommt das von dem vielen Tee, vielleicht auch von der meditativer Haltung. Aber ich nehme die Dinge so, wie sie sind, ich lebe im Jetzt. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, wie wird es mal sein, wenn man vor der Stelle steht, zum Tod überzugehen. Ich sage nur: Ja, dann ist es eben so weit“.
Die Teezeremonie findet immer in einer Atmosphäre des Übergangs, des Aufbruchs statt: Die Teehäuser sind so leicht gebaut, daß jederzeit wieder an anderer Stelle eine neue Hütte errichtet werden kann: Weiterziehen und Abschiednehmen: Das lernen alle Menschen, die sich auf den Teeweg einlassen. Günther Haasch, Japanologe in Berlin und „Tee-Freund“  seit langen Zeiten: „Alles vergeht, und deswegen darfst du nicht vertrauen, daß alles ewig bleibt, oder dass die Freundschaft ewig bleibt oder das Glück ewig bleibt. Man muß sich vertraut machen, daß alles vergeht. Und darum wird es dann auch um so leichter, Abschied zu nehmen. Abschiednehmen ist die wesentliche Tätigkeit. Also das Leben besteht aus Wahrnehmen von Zeitabläufen, die mitunter sehr schmerzlich sein können. Aber dieses einmal als Struktur des Kosmos zu erkennen, das beruhigt auch wieder. Und das Entscheidende im Teeweg ist ja, daß ich zur Erkenntnis der Struktur des Kosmos komme und mich also nicht antizyklisch verhalte, mich nicht gegen den Kosmos stelle“.
Harmonisch das Leben gestalten: Diese zentrale Lehre des Teewegs folgt uralten Einsichten: Gegensätze mag es zwar geben, sie können aber niemals unüberwindlich sein. Belastungen im Alltag mag es zwar geben, aber sie dürfen niemals Macht über den Menschen gewinnen. Der Teeweg hilft, die Mitte wiederzufinden, die Mitte im eigenen Leben. Dietrich Roloff: „Es gibt in Japan den Ausdruck: „Der Mensch des Teeweges“. Und den zeichnen ganz besondere Eigenschaften aus, nämlich eine Ehrfurcht der Natur und den Dingen gegenüber. Und ein Maß von Selbstlosigkeit, für die anderen dazu sein, sich den anderen zu öffnen, die anderen wichtig zu nehmen. Und ihnen Gutes angedeihen zu lassen“.

In Harmonie mit der Natur leben
Was die indianischen Völker Kanadas zu sagen haben
Von Christian Modehn
Die Bezeichnung „Indianer“ beruht auf einem Missverständnis mit schlimmen Folgen: Als Christoph Kolumbus 1492 in der „neuen Welt“ landete, glaubte er, sich in Indien zu befinden. So nannte er die Bewohner Amerikas „Indianer“. In den letzten Jahren wehren sich die „Indianer“ gegen diese Bezeichnung, sie wollen in Kanada lieber „Autochthone“, also „erste, ursprüngliche Bewohner“ genannt werden oder, wie in der französisch sprechenden Provinz Québec,  „Amérindiens“, eine Verschmelzung der Worte Amerika und Indianer. Wenn man im folgenden Beitrag doch noch von „Indianern“ die Rede ist, dann nur dem in Europa noch gängigen Sprachgebrauch zu folgen. Jegliche Diskriminierung, die in dem Wort anklingt, ist natürlich ausgeschlossen.

Einige wenige Worte aus den Sprachen ihrer indianischen Mitbürger haben sich die europäisch geprägten Kanadier inzwischen eingeprägt: „Mitakuye oyas in“ sagen Frauen und Männer aus dem Volk der Cri, wenn sie eine Rede abschliessen, jemandem Gutes wünschen oder ein Gebet beenden wollen. „Mitakuye oyas in“ bedeutet: „Meine Verbundenheit mit allen Wesen soll gelten“. Das Wort hat nicht nur die eher oberflächliche Bedeutung des manchmal gedankenlos formulierten Wunsches „Alles Gute“. „Mitakuye oyas in“ ist gewichtiger, es ist eine Art definitive Bekräftigung des Gesagten, so wie das AMEN in der Kirche, wenn die Gemeinde spricht:  „AMEN“, das heisst: „Ja, so soll es sein“. Die Mitglieder der indianischen Völker Kanadas, die zu 11 grossen Sprachfamilien gehören, denken in ihren Begegnungen und Gesprächen mitten im Alltag wie auch in den religiösen Riten zuerst und vor allem an die Gemeinschaft der Menschen. „Der Lebenssinn der indianischen Völker lässt sich nicht mit dem bekannten Spruch des englischen Dichters Shakespeare „Sein oder Nichtsein, das ist die Frage“ beschreiben. Das ist viel zu individualistisch. Die Autochthonen in Kanada können nur glücklich sein und sinnvoll leben, wenn sie sich mit allen Wesen der Natur in Harmonie befinden“, schreibt Professor Achiel Peelmann. Er ist Anthropologe und Theologe an der Universität St. Paul in der kanadischen Hauptstadt Ottawa.
Das Gespräch, vor allem der Austausch zwischen der überwiegenden Mehrheit europäisch-christlich geprägter Einwanderer mit den etwa 550.000 indianischen Ureinwohnern hat erst in den letzten 30 Jahren begonnen. Und noch immer gibt es immer wieder Feindseligkeiten und Übergriffe, etwa wenn die grossen Energie-Konzerne in der Weite des Nordens Land besetzen und ausbeuten, das zum angestammten Lebensraum indianischer Völker gehört. Oder wenn es um die Aufteilung von Fischereizonen zwischen Indianer-Familien und kommerziellen Großbetrieben geht.
Immerhin konnte die Regierung der Französisch sprechenden Provinz Québec in den letzten Monaten einen bemerkenswerter Durchbruch erzielen: Die Rechte der dort lebenden indianischen Völker wurden umfassend gestärkt. Sie sind in allem gleichwertige Bürger, sie haben zudem das Recht, ihre angestammten Gebiete in eigener Regie zu verwalten. „Jetzt beginnt wirklich Zusammenarbeit und Vertrauen“, erklärte Pita Aatami, vom Volk der Inuit nach den Beschlüssen der Provinzregierung von Québec. Anerkannt ist nun: Die indianischen Völker sind die ersten, die ursprünglichen Bewohner Kanadas; alle anderen sind sozusagen erst danach im Land der Autochthonen eingetroffen, eigentlich eine Tatsache, die seit der kolonialen Eroberung Amerikas bekannt sein dürfte. Aber vielen europäisch geprägten Kanadiern und vielen Europäern war sie einfach nicht bewusst.
„Jetzt kommt es darauf an, dass sozusagen der „Rest der Welt“ begreift, dass die indianischen Völker eine für die ganze Menschheit wertvolle Kultur und Religion bewahrt haben“, sagt Professor Achiel Peelman. „Die von Europäern geschriebene „Indianer-Literatur“ hat zu viele Klischees verbreitet, und geradezu alberne Vorstellungen von der =Rothaut= geprägt“. Gängige Klischee-Vorstellungen müssen aufgegeben werden: Die Indianer sind eben nicht die edlen Wilden oder blutrünstigen Krieger der Karl May Romane; sie sind Mitbürger Kanadas, sie müssen als „normale Menschen“ anerkannt werden.
Das neue „Museum der Zivilisationen“ in Ottawa wurde von Douglas Cardinal, einem Architekten aus dem indianischen Volk der Cri,  errichtet; die Bilder des indianischen Künstlers Anishanabe finden in ganz Kanada viel Aufmerksamkeit; der Komponist John Kim Bell aus dem Volk der Mohawk hat 1988 sein Ballett „In the land of spirits“ uraufgeführt. Großartige Beiträge fürs kulturelle Leben!
Aber heute erkennen immer mehr Kanadier: Die Einstellung zum Leben, sozusagen die „Lebens-Philosophie“ der indianischen Völker,  könnte eine grosse Hilfe sein bei persönlichen Problemen oder gesellschaftlichen Konflikten. Dabei betonen Menschen, die in ständigem persönlichen und wissenschaftlichen Austausch mit indianischen Völkern befinden, immer wieder: „Das Zentrum im Leben der Autochthonen ist die Religion“, so etwa Prof. Achiel Peelman. Schon die Therapie und die medizinische Versorgung eines Menschen wird ganzheitlich, spirituell, erlebt: Die traditionelle indianische Heilkunst bedient sich nicht nur der Kräuter und Wurzeln; der Patient wird vom „Medizin-Mann“ berührt, massiert, gesegnet, sozusagen „gehalten“ und in eine neue Erfahrung von Hoffnung und Zuversicht geführt. Schon 1983 erklärten Mediziner des kanadischen Gesundheitsministerium: „Wir erkennen die gesunde Basis der traditionellen indianischen Medizin an; vor allem erkennen wir, wie hilfreich sie ist, wenn es um Behandlung psychischer Störungen geht oder um die Behandlung von Suizid-Gefährdeten oder Drogenabhängigen. Vielleicht hat diese traditionelle, ganzheitliche Medizin grössere Chancen heilsam zu sein als unsere moderne Therapie“.
Aber die Ärzte, wie alle anderen, die den „Geist“ der indianischen Völker näher kennen gelernt haben, betonen: Die Basis für die heilsame Kraft des Medizin-Mannes ist der allgemeine indianische Glaube an die Verbundenheit aller Menschen mit der ganzen Natur und mit dem Kosmos. Der Mensch weiss sich getragen von einem tiefen Einheitserlebnis: Die Natur, die Pflanzen, die Tiere, sind nicht das andere, das fremde Gegenüber; sie sind nicht irgendein Objekt, ein Ding, das man benutzen oder beherrschen und nach Belieben vernichten kann. Pflanzen und Tiere sind in gewisser Weise Partner der Menschen. Die ökologische Bewegung entdeckt diese Weisheit und versucht, sie in die eigene Bildungsarbeit mit einzubeziehen. Natürlich müssen sich die indianischen Völker auch von Tieren ernähren: Aber wenn sie auf der Jagd ein Tier getötet haben, dann schneiden sie z.B. das Herz heraus und begraben es in der Erde: Ein Zeichen der Dankbarkeit und der Verehrung der umfassenden Natur, aus der alles stammt, was ist.
So wird auch Gott nicht als der ferne Herr des Himmels verehrt; sondern als geistige Kraft IM Menschen, als belebende Vitalität in der Natur. Gott ist in allem anwesend. „Er ist das grosse umfassende Geheimnis“, sagen die indianischen Völker, „wir Menschen sind deswegen so unendlich wertvoll: Gott ist in uns, wir sind Teil des Göttlichen“. Zu dieser Erkenntnis gelangen die Indianer bei ihren grossen rituellen Festen, etwa dem Sonnentanz. „Wir haben ja keine Bücher, in denen unser Glaube genau aufgezeichnet ist. Unsere Beziehung zu Gott wird über die Generationen hinweg mündlich vermittelt und in den Riten immer wieder erneuert“, sagt Viola Hatch aus dem Stamm der Cri. In der heiligen „Pipe“, der Pfeife, wird die Verbindung mit den Ahnen erlebt. Aus diesem Glauben ergeben sich unmittelbar friedenstiftende Impulse für ein gemeinsames Leben.
Die Kirchen in Kanada haben seit einigen Jahren erkannt, dass diese uralten Glaubensweisen selbstverständlich respektiert werden müssen. Sie wollen die Indianer nicht idealisieren; sie wissen, dass die ersten Bewohner Amerikas  aufgrund einer Jahrhunderte dauernden Unterdrückung seelisch verletzt sind und noch immer sozial degradiert leben müssen. „Aber wenn Indianer Christen werden, dann sollen sie ihre guten Traditionen bewahren. Denn der eine Gott, sein Geist,  ist doch ausserhalb der christlichen Kirchen anwesend und lebendig“, sagt Professor Achiel Peelman.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

Ohne Kommentar.