Auferstehung: Das Ewige im Menschen erkennen und leben

3. Apr 2018 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Denken und Glauben, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Gedicht von Clara F. Janning.

Die Kirchen feiern eine lange Osterzeit bis Pfingsten: Von daher gibt es Wochen lang Gelegenheit, sich über die Auferstehung des Lebens Gedanken zu machen…

Man könnte den folgenden Text nur als TROST mißverstehen; dies ist er vielleicht auch, zumal möglicherweise für die Milliarden Menschen, die im Laufe der Geschichte immer als Untermenschen, als Unwichtige, Überflüssige, als „Menschenmaterial“ mißhandelt wurden und werden. Etwas „Ewiges“ hatten und haben sie trotzdem! Über das „Ewige im Menschen“ auch in Verbrechern (auch Verbrechern als „Politiker“, Stalin, Hitler usw.) kann sich jeder Leser, wie bei allen Vorschlägen hier, selbst Gedanken machen.

Wie die Emmaus -Erzählung heute neu – im Horizont gegenwärtiger Politik – verstanden werden kann, habe ich zu erklären versucht.

Über Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth und damit unsere menschliche „Auferstehung“ können wir und sollten wir nur in nachvollziehbaren, des gemeinsamen nachdenklichen Gesprächs würdigen Formulierungen reden. Und nicht, wie so oft (in Predigten) üblich, einfach nur eine der Geschichten von Jesu Auferstehung bilderreich aus dem Neuen Testament nacherzählen. Dann können wir nichts verstehen. Oder wir glauben nur, dass die Bilder des Neuen Testaments irgendwie doch „historische Wunder“ sind, die uns zwar zum Verzicht auf jegliche Vernunft verpflichten, aber doch das (falsche) Gefühl geben, irgendwie etwas Mysteriöses berührt zu haben. Es gibt zweifelsfrei das Geheimnis im Leben, aber es nicht gebunden an Bilder und Vorstellungen des 1. Jahrhunderts und an Sprachen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Die förmlich einen Riss in unser Leben bringen und uns zur gläubigen Dummheit verdonnern. Das wollen bekanntlich immer weniger Menschen. Gott sei Dank.

Wie also von Ostern und der Auferstehung Jesu Christi sprechen?

Entscheidend ist, meine ich, die vielen bunten und hübschen Bilder und mysteriösen Ereignisse (der Auferstandene erscheint leiblich, verschwindet dann wieder unleiblich etc…) auf etwas zugänglich Menschliches zurückzubeziehen. Sie also nicht historisch ernst zu nehmen. Von der Auferstehung Jesus gibt es keinen Zeitungsbericht. Wie sollte das auch gehen?

Ostern und die Auferstehung Jesu sind als Angebot einer Daseinsdeutung zu verstehen, die eine menschliche Qualität erschließt, über die aber man sprechen kann. Ostern macht also eine besondere Qualität des Menschen offenbar, die man „Auferstehung“ nennt. Indem Jesus schon sehr früh „der Erste der Auferstandenen“ genannt wurde, offenbart er nur, was alle anderen Menschen an bleibender, „auferstandener“ Qualität, also ewiger Qualität „haben“. Dieses „Haben“ ist kein von Menschen Gemachtes, sondern etwas mit der „Schöpfung“ der Welt und der Menschen Gegebenes. Über die Schöpfung also muss man reden, wenn man von der Auferstehung als der Erkenntnis des Ewigen im Menschen spricht. Dies ist die Grundlage.

Ich biete jetzt noch einmal den Text an, den ich den Abonnenten des newsletters zu Ostern 2018 geschickt hatte:

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich für Zweifelnde und Skeptiker, zu denen auch ich gehöre, zum Weiterdenken inspirierend, Hinweise für ein kritisches Verstehen der Auferstehung und damit zu Ostern vorschlagen kann. Was jetzt folgt, sind einige Thesen… Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, diese Zeilen zu lesen. Heute wird gern im Internet die Lesedauer eines Beitrags genannt: Gelesen also ca. 10 Minuten. Bedacht ca. 1 Stunde. Klingt arrogant, ist aber wahr. Wer keine Denkzeit hat, lese bitte etwas anderes!

Tatsache ist: Nichts ist schwieriger als in Begriffen über eine ungewöhnliche Erfahrung zu sprechen, die einige Menschen nach dem Tod Jesu hatten: Sie sprachen von der Auferstehung Jesu von Nazareth, sein Befreitsein aus dem Tod in eine andere Form des Bleibens, des unanschaulichen Daseins und der Lebendigkeit.

Nichts ist schwieriger, als über die vielfältigen (!) Auferstehungs-Erzählungen im Neuen Testament zu sprechen, die alltägliches Denken und Sprechen sprengen. Denn wir sind auch heute (leider) gewöhnt, in unserer Konsumgesellschaft, uns ganz aufs Gegenständliche und Greifbare zu beziehen und von daher unser Denken und unseren ganzen, umfassenden Lebensentwurf bestimmen zu lassen. Wir leben in gewisser Weise in eindimensionalem Denken.

Andererseits: Es gibt nichts Dringenderes, als tatsächlich von dem zu sprechen und sprachlich darum zu ringen, was unser Dasein betrifft im Blick auf die Endlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens. Der Tod ist ja immer mein Tod, der mich vor die Frage stellt: Und die Frage nach dem Tod ist eine andere als die des guten Sterbens, diese steht heute völlig im Mittelpunkt. Zurecht, aber nur in gewisser Hinsicht. Die Frage bleibt irgendwie doch bei einigen: War es mit dem Tod dann alles? Die Asche wird verstreut. Ende. Aus. Basta. ?

So sehr ich materialistische Lebensentwürfe versuche zu verstehen: Ich bleibe doch immer auch der sehr Tiefes sehenden metaphysischen Denk – Tradition verpflichtet. Weil sie eben gerade heute inspiriert! „Alt“ in der Philosophie bedeutet ja niemals vergangen und passé!

Es wäre in diesem Sinne zu sprechen über zentrale Lebens – Erfahrungen, die wiederum schwer in Worte zu bringen sind, nichts desto weniger aber in jedem Leben real sind und deswegen wachgerufen werden können. Es sind dies Lebenserfahungen, die zeigen: Es „gibt“ Ewiges in unserem Leben.

Viele Menschen erleben unerwartet Augenblicke des grundlegenden Getragenseins und Geborgenseins als ein Geschenk. Viele erleben einen kürzeren schönen, aber gar nicht „opium – mäßigen“ Ausstieg aus der Alltäglichkeit, etwa im Hören von verschiedenen Formen der Musik, immer wieder: Bach. Beim Hören der Matthäus Passion weinen ja bekanntlich auch Atheisten, aus welchen Gründen auch immer. Wir erleben Momente des absolut Sich Verpflichtetfühlens, also im ethischen Leben. Es gibt Ekstasen in der Erotik, wo Menschen spüren, sich selbst zu überschreiten. Es gibt Einsichten, dass wir mit allen Menschen das Hineingestelltsein teilen in die von uns unabwerfbare Erfahrung, dass es Gutes als Gutes gibt, Wahres als Wahres, Schönes als Schönes. Dies ist eine nicht zu tötende formale Erfahrung im Lebendigsein. Es gibt Erfahrungen des solidarischen Handelns, in den wir über die engen Grenzen unseres Ich hinauswachsen. Dieses „Mehr“ ist gemeint, das nicht von uns manipuliert werden kann, das da ist und nur mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Liste der Erfahrungen, die auf Unbedingtes und allen Menschen Gemeinsames hinweisen, auf allgemeine und bleibende Strukturen des Geistes, möge jeder und jede fortsetzen: Es gibt in einer bestimmten Form der Daseinsinterpretation die Einsicht: Es gibt in mir etwas Bleibendes, Nicht Zerstörbares, man könnte sagen: Ewiges IM MENSCHEN, das nicht aus dem individuellen Leben entspring!

Warum sage ich das alles? Gerade das erschließt das Verständnis von Auferstehung.

Genau diese Erfahrung des Ewigen, des Bleibenden, des Tragenden, des Wesentlichen wie auch immer: Genau diese Erfahrung ist philosophisch gesehen ein Kennzeichen der Menschen: Sie haben Ewiges, Bleibendes, Erhebendes in sich selbst, in ihrem Geist oder in der Seele sprechen. Schließlich sind wir Menschen sicher nicht ein plumper Klumpen purer Materie.

Diese Erkenntnis (des Ewigen im Menschen) gilt nicht nur für die guten reichen Bürger im satten Europa. Diese Erfahrung trägt letztlich auch die Lebensenergie der Armen weltweit. Die natürlich einen absoluten Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse haben. Aber nur aus der genannten inneren Erfahrung können Sie überhaupt um Gerechtigkeit kämpfen, auf Gerechtigkeit hoffen, auf die Bekehrung der Reichen zur Solidarität mit den Armen. Man denke an die Spiritualität Gandhis oder des heiligen Erzbischof Oscar Romero El Salvador…

Was hat das mit der Auferstehung zu tun? Genau diese Erfahrung des Ewigen, Bleibenden, im Menschen IST Auferstehung: Es gibt etwas, das nicht vergeht von mir und von keinem Menschen. Nicht das Ich als konkrete Gestalt bleibt ewig; aber ein Funke, ein Glanz, der mich im Dasein beschenkt hat, ist unzerstörbar und ewig. Ob darin etwas Persönliches bewahrt ist? Darüber kann man nur spekulieren. Mystiker und philosophische Mystiker sprachen jedenfalls vom ewigen göttlichen Funken. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Theologie der Schöpfung der Welt und damit des Menschen durch Gott(Göttliches). Das kann hier nur angedeutet werden. Und die Sprache ist hilflos, weil wir Dimensionen berühren, die da sind, aber die wir selten artikulieren in unser aufs Platte und Pragmatische eingeschränkten Sprache…

Genau dieser ewige göttliche Funken in jedem Menschen wird zu Ostern gefeiert. Man merkt, wie schwer sich die Sprache tut, diese Dimension überhaupt in Worte zu bringen. Aber: Diese Einsicht ist Ostern. Das ist unglaublich viel. Eine universale menschliche Botschaft, ein Vorschlag zur Daseinsdeutung. Das heißt: Jesus von Nazareth hat als der gerechte Mensch nach seinem grausamen Tod diese Erkenntnis unter seinen Freundinnen und Freunden wachgerufen: Sie haben erkannt: Dieser geliebte Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, lebt in gewisser Weise nach seinem Tod. Denn er hatte diesen göttlichen Funken, den auch wir haben. Das hat er uns offenbart! Mit ihm sind wir auferstanden, weil wir den göttlichen Funken als Gabe des Göttlichen in uns nun wissen.

Natürlich lag der tote Mensch Jesus von Nazareth nach seinem Tod im Grab. Seine Leiche verweste. Aber er lebte, das wussten die Menschen um ihn, die mit ihm den göttlichen Funken als das Ewige in jedem Menschen entdeckt hatten. Diese Ewigkeit im Menschen lebt selbstverständlich in allen Menschen aller Religionen.

Das Drama ist: Die Kirchen haben die bildhaften Erzählungen des Neuen Testaments von der Auferstehung Jesu ebenso anschaulich und in gewisser Weise naiv permanent weiter – und nacherzählt, die Bilderwelten nur nach – gesprochen, aber dadurch kaum tiefes Verstehen des Auferstehungsgeschehens bewirkt. Die Texte des Neuen Testaments sind Bilder. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen das Eine: Das Ewige im Menschen ist unzerstörbar. Wie konkret dann dieses Ewige post mortem bewahrt bleibt, muss naturgemäß offen bleiben.

Wer diesen Hinweis mit – gedacht hat, kann gern noch über ein Wort von Plotin nachdenken: Auf dem Sterbebett  sagte Plotin: „Ich versuche gerade, das Göttliche in mir zum Göttlichen im Universum zu bringen“ (Porphyrius, Das Leben des Plotin).

——-Wer sich mit dem Thema weiter befassen will, kann meine 24 Minuten dauernde Radiosendung hören: Am Ostersonntag um 9.04 RBB KULTUR oder nachlesen im Programm RBB. Der Titel: Auferstehung für Aufgeklärte. (Siehe auch: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/gott_und_die_welt/archiv/20180401_0904.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ich hatte die LeserInnen des newsletters eingeladen, Ihre eigene Weise der Auferstehungs – Erfahrung mitzuteilen für eine Publikation auf dieser website. Clara F. Janning schickte mir ein Gedicht, geeignet als Gesang, eine Poesie, die sie schrieb, inspiriert von Willigis Jäger, auch Hermann Hesse und musikalischen Gedanken aus dem ABBA Song „arrival“:

Komm, komm, wenn die Zeit zur Ankunft gekommen ist, dann komm.

Scheu die Mühe nicht, wir warten voll Freude, darum komm.

Mit dem, was du mitbringst, ist für dich ein Platz bei uns bereit.

Komm und teil‘ ein Stück von deinem Weg und ein Stück von deiner Zeit. ://

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin führt unser Weg?

All dies fragen wir, indem wir ihn gehen, unsern Weg,

fließen mit im Strom des Lebens und „verbringen“ unsre Zeit,

sind ein Teil der Sinfonie des Lebens in aller Jahreszeiten Kleid. ://

Geh, geh, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, dann geh.

Trauer hält dich nicht, der Fluss fließt zum Meer, und dahin geh.

Geh in Liebe, und geh im Vertrau’n auf eine Wiederkehr.

Allem Ende wohnt ein Zauber inne, der Anfang ist, ein Mehr. ://

Clara F. Janning

 

 

 

 

 

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