200. Geburtstag von Karl Marx

18. Apr 2018 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Über religiöses Opium und den Klassenkampf: Marx als „Fremdprophet“

Hinweise von Christian Modehn

……….Dieser Text war ein Kurzreferat für eine Gesprächsrunde. Siehe auch auf dieser website einen 2. Beitrag: „Über Marx hinaus denken“ (zu Max Horkheimer)

Provozierende und deswegen weiterführende Thesen stelle ich vor, wie sie sich zum 200. Geburtstag von Karl Marx gehören. Irgendwie sollte beim Marx – Gedenken in diesem Jahr das klare Denken auch mit der Leidenschaft für eine gerechtere Welt verbunden werden. Nur so kann man mit Marx denken und treffend von ihm sprechen: Leidenschaft für die Gerechtigkeit war das Lebensthema von Karl Marx.

Wir können jetzt freier und unbefangener auf das in sich vielfältige, anerkanntermaßen unvollendete Werk von Marx blicken. Die Neuausgabe seiner Schriften auch mit Engels, MEGA genannt, kommt gut voran.

Dass Marx sich selbst nicht „Marxist“ nennen ließ, dass er nicht die Diktatur der Bolschewisten voraussagte, geschweige denn bejaht hätte, ist heute ins allgemeine Bewusstsein gebildeter Menschen gedrungen. Der Kommunismus bolschewistischer Prägung ist eine Verirrung, eine Absage an das Denken von Marx. So wie, im Vergleich, die Ausschaltung und Vernichtung so genannter Hexen durch die Kirchenführungen nichts mit der zentralen Botschaft des Propheten Jesus von Nazareth, seiner Bergpredigt etwa, zu tun hat. Marx ist sehr wahrscheinlich ein „Fremdprophet“, der von außen auf Religion, auf Christentum, schaute und als Humanist und Atheist – wie alle Propheten – Provozierendes sagte.

Dieses Wichtige, diese zentralen Einsicht, von Marx, wurde viele Jahrzehnte von den Kirchen und ihren Theologen ignoriert. Marx galt dort – völlig unzutreffend – nur als Begründer des nun böse erlebten Bolschewismus.  Der Kommunismus war in der Sicht der Kirchen nur eine säkularisierte Ersatzreligion, war Machbarkeitswahn des Endgültigen, ein Hoffen auf ein Reich Gottes ohne Gott. Darum wurden Sozialisten und Kommunisten in Westeuropa verfolgt, und kirchlicherseits exkommunziert, wie etwa in Italien.. Es dauerte bis 1965, dass einige unentwegte Christen und Marxisten miteinander ins Gespräch kamen. Und manch ein Marxist, wie Roger Garaudy, wurde in diesen Jahren zum Reform – Marxisten und selbstverständlich aus der Partei PCF ausgeschlossen. Dissidenten schließt man aus: Dieselbe Praxis pflegte auch die katholische Kirche Jahrhunderte lang. Katholizismus und Kommunismus stehen sich im Umgang mit ihren Mitgliedern, in der Herrschaft der Herrschenden, bekanntlich sehr nahe. Diese Nähe beider Systeme wurde theologisch nie untersucht. Vielleicht hassten sich deswegen Katholiken und Kommunisten so sehr, weil sie in so vielem, wie Endzeiterwartungen, Dogmatsimus und Zentralistische Führung, Ausshaltung von Minderheiten etc. ähnlich waren und sind.

Theologische oder kirchenpolitische Veränderungs/Reformprozesse wurden durch diese geannten Dialoge in diesen meist katholisch geprägten Kreisen rund um die „Paulus Gesellschaft“ in Ansätzen sichtbar: Das Thema Zukunft und Hoffnung rückte in den Mittelpunkt einiger theologischer Denker. Wenn Protestanten Marxisten wurden, dann oft sogar „stramme Anhänger“ der letztlich doch bolschewistischen Parteien, der SED oder Kommunistische Partei der CSSR usw. Stichwort: „Prager Friedenskonferenz“ rund um den Theologen und Karl Barth Schüler Josef L. Hromadka. Bei den Katholiken war es – etwa bei der „Berliner Konferenz“ – ähnlich. Die DDR galt diesen Leuten als der bessere deutsche Staat…Die „Friedenspriester“ in Prag waren mit der Kommunistischen Partei in der CSSR verbunden, aber sie „retteten“ wahrscheinlich noch gewisse Restbestände katholischen, sakramentalen Lebens in dieser auch kulturellen „Eiszeit“ dort.

Heute gilt es, einige Vorschläge von Marx, einige zentrale als aktuelle Impulse des Weiterdenkens (!) zu debattieren. Die Schriften von Marx werden aus den bolschewistischen Irrdeutungen befreit und Marx wird als Denker, wie andere Philosophen und Ökonomen oder Humanisten, ernst genommen. In dieser Weise wird man auch in den Kirchen und Theologien mit ihm umgehen!

Marx nannte sich Atheist, definierte aber Religion umfassend als Opium des Volkes UND gleichzeitig als Ausdruck des wirklichen Elends sowie als Protest gegen das (soziale, materielle) Elend. Immerhin, so Marx, sei Religion das Gemüt einer herzlosen Welt. Aber er sah Religion als ein beruhigtes, ein zum Stillhalten führendes Gemüt der Armen. Im Opium Rausch erscheint die gerechte Welt schnell als schöner Traum. Das Erwachen ist böse. Und die meisten, die erwachen, werden politisch nicht aktiv. Sie sind im Rahmen einer „Opium“ – Religion eher gelähmt.

Genauso wichtig für heute ist die Sensibilität von Marx, immer wieder die Gesellschaft auf ihre Klassenstruktur, auf Herrscher und Beherrschte, auf unverdient (durch die Ausbeutung der Armen) reich gewordene Reiche und auf die immer stärker werdenden Klassen der Armen hinzuweisen.

Das Thema Klassenspaltung und Klassenüberwindung in einer gerechten Ökonomie und Politik ist DAS aktuelle Thema von Marx; es kann auch für die Arbeit der Theologie und der Kirchen eine hohe, manchmal wohl, immer noch neue Relevanz haben. Und die Kritik von Papst Franziskus am Kapitalismus, an einer „Wirtschaft, die tötet“, ist ja doch irgendwie von Marx inspiriert, selbst wenn Papst Franziskus schon um seines eigenen Überlebens willen alles tun muss, um nicht irgendwie als Marxist zu gelten. Dennoch äußerte er in einem Interview mit La Stampa im Dezember 2013 ganz offen seine Sympathien für die „guten Marxisten“, die er wohl in seiner argentinischen Heimat erlebte.

Die 1. These: Religionen (Kirchen, Islam, Judentum usw.) dürfen normalerweise kein Opium sein.

Die 2. These: Die Kirche ist Teilnehmerin des heutigen Klassenkampfes

Zur ersten These: Religion darf normalerweise kein Opium sein.

Warum „normalerweise“? Weil es Ausnahmen gibt, in denen Religion als seelischer Trost in Situationen ohne jede Aussicht auf „weltliche“, materielle, leibliche, gesellschaftliche Verbesserung eine hilfreiche, wenn auch betäubende Bedeutung haben kann. Ob im Blick auf das Sterben und den Tod diese Rolle des „hilfreichen Opium“ wichtig ist, bleibt eine andere Frage. Man sieht: Bei der Frage nach der Verbindung von Opium und Religion gibt es wohl kein absolut klares Entweder Oder, es kommt nur entschieden darauf an, dass Religion als solche nur als absolute Ausnahme Opium ist, schon gar nicht aber darf  es von Machthabern als Opium FÜR das Volk aufgedrängt werden.

In Lateinamerika hat die Befreiungstheologie seit 1970 die Armen vom Opium der allseits beruhigenden Religion und Kirche befreien wollen. Religion und Glauben ist dort eine Kraft der Lebensgestaltung, des Widerstandes gegen Unrecht, der Erfahrung von tragender Gemeinschaft, des Respekts, der Gleichheit, des Endes allen Klerikalismus. Da wird eine Spiritualität entwickelt, die nicht alte fromme Floskeln wiederholt, sondern das gelebte Leben als Schrei nach Gerechtigkeit artikuliert. Man lese wieder einmal Helder Camara, Oscar Romero, Pater Sobrino, Pedro Casaldaliga, Leonardo Boff usw…

Diese Befreiungstheologie wurde attackiert von Rom, von den Päpsten: Sie versuchten, diese Theologie zu spalten, in eine moderate, also der Hierarchie angenehme Theologie und in eine rebellische, sich der marxistischen Methode bedienenden Theologie. Diese Spaltung schwächte die Befreiungsbewegung, und das war das vatikanische Ziel. Der Vatikan hatte sich nachweislich mit den USA und ihren Präsidenten (Reagan vor allem) verbündet, um auch gegen den angeblichen Kommunismus der Befreiungstheologie vorzugehen. Entsprechende Ausbildungszentren wurden in den USA explizit gegen die Befreiungstheologie und ihre Bewegungen errichtet, man denke an die „School of Americas“ , um Befreiungsbewegungen auszuschalten und deren Inspiratoren zu töten, siehe etwa in Guatemala und El  Salvador oder heute in Honduras usw.

Mit anderen Worten: Die römische Kirche hat sich bis vor kurzem ganz offiziell anti – marxistisch verhalten. Sie las Marx ideologisch immer nur als einen Feind von Glaube und Theologie.

Aber gerade heute bilden sich wieder religiösen Bewegungen, auch innerhalb der Pfingstkirchen oder der Evangelikalen, die Religion nur als Beruhigung verstehen. Oder als Impuls, sich selbst zu bereichern und dieses Geschehen als Ausdruck der göttlichen Zuwendung zu deuten. Andererseits ist der Zustrom der Armen zu diesen Kirchen doch auffällig: Vielleicht sind diese Menschen (in Afrika, Asien, Lateinamerika, USA) so elend gemacht worden durch die neoliberalen Strukturen und deren Herren, dass sie dieses Opium brauchen. Die Führer dieser genannten Kirchen nützen die Armen und den so genannten Mittelstand oft schamlos aus, um sich selbst zu bereichern. Entsprechende Studien liegen vor, etwa zu Nigeria oder Brasilien.

Insgesamt ist es noch eine dringendes theologische und religionsphilosophische Aufgabe, zentrale Begriffe der alten christlichen Tradition auf deren Opium-Charakter hin zu überprüfen und dann zu korrigieren. Etwa „Erlösung“, „Heil“, Auferstehung usw. nicht als Vertröstung zu deuten.

Die Kirche ist Teil de heutigen Klassenauseinandersetzungen

Es ist heute bei den meisten kritisch reflektierenden Soziologen und Politologen, bei Journalisten und Ökonomen eine selbstverständlich angenommene Erkenntnis: Unsere (Welt-) Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft. Jeder – auch der demokratische – Staat ist ein Klassenstaat. Gesetze sind selbst in den wenigen verbliebenen Demokratien sehr oft Ausdruck von Klasseninteressen. Bekanntlich sitzen in den Parlamenten nicht gerade sehr viele Arbeiter, Arbeitslose, Obdachlose, allein erziehende Mütter, Studenten, Menschen aus anderen Kulturen etc. Alle diese Leute bilden, wenn man ihre Zahl addiert, alles andere als eine Minderheit in einem Staat. Aber sie können nicht an Gesetzen mitwirken. Gesetze machen „gut-bürgerliche“ und sehr wohlhabende Politiker im Verbund mit ihren befreundeten Lobbyisten, etwa in der Autoindustrie…

Ähnlich sind die Verhältnisse in den Synoden der evangelischen Kirche, in den Gemeinderäten. Und: Aus welchen Schichten stemmen die PfarrerInnen?  Ähnlich sind die Zustände in der römisch – katholischen Kirche. Der Klerus stammt fast immer aus dem Mittelstand. Der brasilianische Kardinal Aloisio Lorscheider bracht es auf den Punkt: „Es gibt sehr viele Priester in der Kirche, die fühlen sich am wohlsten in der High Society“ (zit. „Lasst euer Licht leuchten“, Münster 2015, Edition ITP Kompass, Seite 72). Neuerdings wird der Adel in der Kirche Deutschlands wieder sehr sichtbar. Ganze Listen von Adligen Familien, die der theologisch konservativen Seite und konservativen politischen Seite selbstverständlich stark zuneigen, hat schon der Journalist Peter Hertel in seinem wichtigen Buch „Glaubenswächter“ (2000) publiziert, Seite 163 ff. Die enge Verbundenheit der Fürstin von Thurn und Taxis mit Bischöfen, wie Kardinal Müller und anderen, ist ja nur ein bekanntes Beispiel. Bischöfe, die aus der Oberklasse stammen, verhalten sich meist im Sinne der Oberklasse, dazu gibt es viele Beispiele auch aus Lateinamerika.

Und in den Gemeinden sind es jetzt vor allem die Wohlhabenden, die sich noch am offiziellen kirchlichen Leben beteiligen. Darüber gibt es Studien, etwa zur Teilnahme an der Sonntagsmesse im 16. Pariser (ultrareichen) Stadtbezirk oder in den feinen Gegenden von Versailles. Diese Kreise sind politisch sehr rechts, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen die „Homo-Ehe“…Katholisch „praktizieren“ und politisch zum sehr rechten Spektrum zählen, das die eigenen ökonomischen Privilegien verteidigt, gehört zusammen.

Durch die Einbindung der Kirche in den deutschen Staat, durch die vereinbarte freundliche Kooperation in Sachen Kirchensteuer, ist die Kirche alles andere als ein prophetische Stimme in Gesellschaft und Staat, geschweige denn ein Akteur provozierend neuer prophetischer Praxis. Diese Kirche gehört zur Klasse der Wohlhabenden, auch wenn sie mit Caritas etc. ihr dadurch noch vorhandenes schlechtes Gewissen beruhigt. Man schaue nur, wie diese Kardinäle und Bischöfe bei Veranstaltungen, im Umfeld von Gottesdiensten, bei offiziellen Empfängen herumlaufen, in einer Tracht… man denke an die Pracht der teuren Gewänder, man denke an die Paläste, in denen sie in Deutschland, Österreich, Spanien, Italien usw. wohnen… Die Kirchenführer sind nicht Teil der Klasse der Unterdrückten. Kirche und Klassenbindung ist ein dauerndes Thema. Den Armen in Afrika usw. werden bloß Spenden zugewiesen. Die Kirche des Nordens bleibt reich, die des Südens bleibt weitgehend arm.

Darum werden die besonders finanziell besonders „einträglichen“ und gut bürgerlichen Gegenden und Städte auch von den Klerikern bevorzugt, ins Arbeitermilieu oder in die Armensiedlungen will kaum ein Pfarrer. Darum sind reiche und schöne Städte wie München Sammelpunkte vieler Kleriker und Ordensleute, da lebt es sich so gut, anders als in Dortmund oder Chemnitz oder Ost – Berlin. Mit anderen Worten: Die Bibel, die man ja als Schrift gegen jegliches Klassendenken, Oben und Unten, verstehen solle, ist wirkungslos gegenüber den Klassenbindungen der Kirchenführungen.

Man sieht als bei diesen wenigen Hinweisen: Marx macht mit seinem Stichwort der Klassenherrschaft die Gedanken frei, er führt zur kritischen Analyse, die leider nur wenige öffentlich vertreten. Wird es im Marx Jahr anders?

Es wäre weiter zu fragen, wie in der theologischen Forschung Filter eingesetzt werden, die verhindern, über den eigenen Klassenstandpunkt hinauszuschauen.

Über die Trennung von Kirche und Staat wird in der deutschen Theologie fast gar nicht mehr diskutiert. Über die Gemeinden als Orten, in den sich alle, auch die Armen als solche wohlfühlen und als Teil der Gemeinde wahrgenommen werden, wird eher wenig gesprochen. Vor allem: Die Gebete und frommen Texte werden nicht nach Aussagen untersucht, die die alte autoritäre Herrschaft ausdrücken: Christus als König; Maria als Königin… Demut als Tugend oder Gehorsam als zentrale Tugend passen genau in das Konzept.

Noch einmal: Innerhalb einer wissenschaftlichen und kritischen Standards verpflichteten (Kirchen) Geschichtsforschung wäre viel mehr zu debattieren über den tiefsitzenden Antimarxismus, Antisozialismus und Antikommunismus der Kirchen. Die Kirchen, Bischöfe, Päpste, Kleriker, Gemeinden usw. fanden den Faschismus weniger schlimm als den Kommunismus, Rom schloss bekanntlich Konkordate mit Mussolini, Hitler, Franco oder dem Dikator Leonidas Trujillo, um nur ein Beispiel aus Lateinamerika zu nennen. Rom fand letztlich den Faschismus weniger schlimm als den Kommunismus. Der Kommunismus erschien als religiöse biblische Variante, als Häresie, die es absolut zu bekämpfen galt, mehr noch als den Faschismus. Man denke daran, dass die deutschen Kriegspfarrer im 2. Weltkrieg im Kampf gegen die Sowjetunion das extreme Feindbild Kommunismus ständig an der Front propagierten: „Was den Antibolschewismus angeht, waren die christlichen von den nationalsozialistischen Diskursen dabei kaum zu unterscheiden“, schreibt die Historikerin Dagmar Pöpping in ihrer Studie „Kriegspfarrer an der Ostfront“. Die Nazis wie die Pfarrer waren überzeugt: Atheistische Bolschewiki seien seelenlos, weshalb man mit ihnen nicht wie mit beseelten Menschen zu verfahren brauchte. (vgl. dazu die ausführliche Besprechung dieses neuen Buches im „Tagesspiegel“ vom 22.12. 2017, Seite 25, ein Beitrag von Christoph David Piorkowski).

Der 200. Geburtstag von Karl Karl Marx eröffnet ein weites Feld der Fragen.

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

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