Sexueller Missbrauch, Korruption und ein anderer Katholizismus

6. Okt 2018 | von | Themenbereich: Befreiung, Religionskritik, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die vielen Beobachter, die sich weltweit kritisch mit dem Zustand der katholischen Kirchenführung heute (Anfang Oktober 2018) befassen, kommen insgesamt zu einem gleich lautenden Urteil: Angesichts der sich immer mehr ausbreitenden Kenntnis der Verbrechen von Priestern und Ordensleuten (inklusive das ebenso gravierende Verschweigen und Vertuschen der Bischöfe und Päpste), kann die römische Kirche in der Form und mit dem traditionellen Inhalt (der Lehre) nicht mehr weiter bestehen, wie sie bisher, etwa 1800 Jahre, gelebt hat: Als hierarchische Kleruskirche, ohne demokratische Kontrolle, mit einem Zölibatgesetz und ohne Frauenpriestertum. So wie diese Kirchenführung bisher „führte“, kann es nicht weitergehen, falls diese Kirche weiter als „Weltkirche“ bestehen will.

Und es wird nicht so weitergehen, weil im Fall der Reformunwilligkeit des Klerus die Gläubigen wegbleiben. So wird es kommen:  Die Laien und einige nachdenkliche Priester werden sich zurückziehen, austreten, vielleicht konvertieren in liberal – theologische protestantische Kirchen; als „Seelenrettung“ hoffentlich auch die individuelle Mystik pflegen.

Die „Kirchenführung“, also die Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste, müssen auf ihre absolute Macht verzichten, falls die Kirche noch Respekt unter den Menschen, den Gläubigen zumal, verdienen will. Aufgrund eines fundamentalistisch verstandenen Spruches Jesu von Nazareth, glauben diese Herren, „der Fels“ und die „Meister“ der Kirche zu sein, von keinem Gemeindemitglied gewählt, von keiner Synode mit gleich berechtigten Laien bestellt.

All das ist tausende Male gesagt, geschrieben, von manchen förmlich erbettelt worden, von Theologen, die diesen Titel verdienen, von mutigen Ordensleuten, von Journalisten und Gemeindemitgliedern, selbst von ganz wenigen katholischen Bischöfen, die über ihre klerikalen Bindungen hinausgewachsen sind, wie Bischof Jacques Gaillo.

Es geht also um nichts Geringeres als eine Reformation der katholischen Kirche, es geht um wirklich jetzt um eine grundlegende, alles verwandelnde Reformation. Eine neue, eine andere katholische Kirche muss entstehen. Dies ist die Aufgabe. Natürlich können einige klerikale Kreise in ihren Palazzi weiterhin ungerührt Gewohntes, „Ewiges“, propagieren, aber sie erreichen dann ein Niveau wie die traditionalistischen Piusbrüder.

Es ist eine Ironie, dass diese Forderung nach einer radikalen Reformation des römischen Katholizismus genau ein Jahr nach dem großen Reformationsfestival 2017 stattfindet: Da wagte niemand in üblicher ökumenischer Vertrautheit die grundlegende Reformation (nicht Reform, darum geht es gar nicht mehr) des Katholizismus anzusprechen. Nun ist das Thema in der großen Öffentlichkeit.

Die Kommentare in dieser Sache werden kürzer, weil alles gesagt ist. Aber die Kritiker sind de facto mit ihrer Kritik so schwach, man muss sagen, dass sie eigentlich mit ihren Forderungen nichts bewirken können. Die Herren da oben können ja weitermachen wie bisher und dann zum Schluss in ihren Palazzi unter sich jubeln und feiern, dass die Orthodoxie gerettet ist, die alte Lehre, die sie dann noch eine gute Lehre voller wahrer Dogmen nennen.

Es war de facto wohl einfacher, das System des Sowjetkommunismus zu Fall zu bringen als das römische System grundlegend von unten, von der Basis aus, zu umzugestalten. Die Diktatoren in Moskau waren eingebunden in ein dialektisches Verhältnis mit dem Westen. Der hat den Sowjetkommunismus zu Tode gerüstet. Und in der DDR haben sich die Oppositionellen so stark entwickeln können, dass die absolut herrschende Staatspartei SED in den Zusammenbruch kam.

Diese dialektische Spannung gegenüber einer „bedrohlichen“ anderen Seite (wie der Kapitalismus gegenüber dem Sozialismus) gibt in der Krise des Katholizismus nicht. Zumal die Protestanten in ihren klassischen, manchmal liberal -theologischen Kirchen (wie manche Lutheraner etc.) ebenfalls (zahlenmäßig) schwach dastehen gegenüber den Millionen fundamentalistischer Evangelikalen und Pfingstgemeinden. Würden z.B. viele tausend progressive Katholiken in die (wenigen) liberal –theologischen protestantischen Kirchen konvertieren, könnten diese liberal –theologischen Kirchen sogar gestärkt werden und neuen Schwung erhalten…

Nur ein Hinweis noch: Es ist in diesen Debatten über die tiefe Krise des Katholizismus nicht das Stichwort KORRUPTION gefallen. Die Gläubigen in Deutschland haben in gutem Glauben und religiösem Vertrauen über die Kirchensteuer und über ständige Spenden diesen Klerus finanziert. In der Hoffnung, dass dieser Klerus ihnen die religiösen Dienste leistet, die sie als Gläubige wünschen. Dies ist eine Beschreibung der Fakten. Aber: Dieses Vertrauen haben so viele Priester missbraucht, sie haben sich am Geld der Gläubigen erfreut und dann ihre sexuellen Vorlieben einfach ausgelebt, haben Kinder und Jugendliche der den Klerus finanzierenden Gemeindemitglieder missbraucht und damit so viele Menschen, Opfer, seelisch ruiniert. Dieses Verhalten des Klerus ist korrupt. Das Vertrauen ist zerbrochen.

Und das berührt die Frage: Auf welche Weise ist eigentlich das sich jetzt korrupt zeigende Klerussystem mit den Priestern entstanden? Jahrhundertlang war es so:  Sehr viele Kinder wurden als 8 Jährige von ihren kinderreichen Familien im „Kleinen Seminar“ abgegeben, einer Vorbereitungsanstalt fürs Priestertum, oft war dies ein Internat, und dann wurden sie nach dem Abitur weitergeleitet ins Priesterseminar und dann mit 24 Jahren (sic) zum Priester geweiht: Es wäre eine Studie wert, wie die sexuelle Aufklärung in diesen kleinen Seminaren oder später im Priesterseminar aussah! Meiner Meinung wurden sehr viele unaufgeklärte, unreife ältere Knaben zu Priestern geweiht, die dann die ganze Karriere im Klerussystem vor Augen hatten: vom Kaplan zum Pfarrer, dann zum Erzpriester, dann zum Domherrn, dann zum Bischof usw…Sexuelle Energie wurde in die Karriere gesteckt, ins korrekte Verhalten nach außen hin wenigstens. Jeder „Mitbruder“ wusste fast alles über den anderen Mitbruder im Bistum, in der Ordensprovinz usw.: Der eine war eben ein bekannter Homo, der andere auch ein gay, man kannte sich entsprechenden Treffpunkten; der andere war ein Hetero, aber mit fester Freundin und vielleicht einem Kind, für das der Bischof Alimente zahlte. Der andere war ein Trinker, der andere besessen von der Reiselust, der andere faul etc. In diesem klerikalen System der „Mitbrüder“ wagte niemand, Klartext zu sprechen, Wahrheit zu sagen, niemand hatte den Mut, schlimme Vergehen, wie sexuellen Missbrauch, anzuzeigen. Man blieb unter sich, jeder schützte die „Sonderwege“ des anderen.

Dieses System ist korrupt. Es sollte von Soziologen detailliert beschrieben werden.

Dieses System der Priester Rekrutierung besteht bis heute in fast allen Ländern, dieses System ist falsch und pervers: Weil keine Alternativen praktiziert werden: Warum kann man nicht 40- oder 50 jährige Frauen und Männer nach einem Theologiestudium zu Priestern ausbilden, warum müssen es 25 Jährige alte Knaben sein? Diese alternative Modell praktiziert die anglikanische Kirche! Nebenbei: Der Orden, der von einem – so Papst Benedikt XVI. – pädophilen Verbrecher gegründet und mehr als 50 Jahre geleitet wurde, die „Legionäre Christi“, führen trotz aller Skandale über diesen Pater Marcial Maciel immer noch weltweit 20 „kleine Seminare“, jetzt diskret „Apostolische Schulen“ genannt, weiter. Für Buben, wie man so sagt…

Man muss kein Prophet sein: Die Krise, ausgelöst durch den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester und das Schweigen der verantwortlichen Bischöfe, wird zur größten, zur entscheidenden Überlebensfrage des römischen Katholizismus. Einige Herren der Kirche haben das vielleicht verstanden. Aber sind sie bereit, die persönlichen und vor allem die theologischen Konsequenzen zu ziehen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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