Wils

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Denkbar

Dossier: Wir sind nicht Papst

»Ein fürchterliches Unglück«

Für ihn ist das Maß voll: Jean-Pierre Wils verlässt die Kirche. Fragen an einen Theologen, der diesem Papst den Rücken kehrt

Von Christian Modehn

Herr Professor Wils, wann sind Sie aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten?

Jean-Pierre Wils: Ich hatte einen Tag vor dem Holocaust-Gedenktag, Ende Januar, einen Vortrag gehalten, bei dem auch ein Überlebender der KZs anwesend war. Mir war inzwischen bekannt, welchen unverantwortlichen Unsinn dieser Bischof Williamson gesagt hatte. Wie konnte ich da noch katholisch bleiben, wenn jetzt Holocaust-Leugner ganz offen zur römischen Kirche gehören sollen? Ich spürte in meinem Gewissen, dass ich zu dieser Kirche nicht mehr gehören kann. Ich wusste, sonst verliere ich meine Selbstachtung auch als Theologe. Am 28. Januar habe ich dann beim Amtsgericht Kleve gegen eine Gebühr von dreißig Euro meinen Kirchenaustritt vollzogen.

Warum hat Sie die Rehabilitierung der vier traditionalistischen Bischöfe persönlich so erschüttert?

Wils: Für mich ist das ein furchtbares Ereignis. Es war aber eher der Anlass für meinen Austritt, nicht die Ursache. Mit der Rehabilitierung dieser Leute war das Maß sozusagen voll: Die Kirche im Ganzen hat sich ja konservativ gewendet in den letzten Jahren, was ich ablehne. Aber wenn jetzt auch noch die Piusbrüder offiziell dazugehören, die Menschenrechte ablehnen und früher Sympathien für südamerikanische Diktatoren bekundeten, die faschistoide Denkbilder haben, dann wird die Kirche noch weiter ins reaktionäre Fahrwasser kommen. Stellen Sie sich doch vor, diese Leute halten das Zweite Vatikanische Konzil für das Werk von Freimaurern und »der jüdischen Lobby«! Ich habe das Gefühl, jetzt passiert ein fürchterliches Unglück in der Kirche.

Mit Ihrem Kirchenaustritt wird der Kreis kritischer Katholiken noch kleiner. Sie verzichten auf die Mitarbeit an innerkirchlichen Reformen. Ist Ihnen das egal?

Wils: Jeder muss überlegen, wie weit seine Energie reicht, um innerhalb der Kirche für Reformen einzutreten. Ich habe diese Energie nicht mehr, es geht ja auch um mein Leben. Der neue Erzbischof von Utrecht, Willem Eijk, auch er ein Ethiker, hat zum Beispiel andere theologische Auffassungen als ich. Aber er als Bischof betrachtet seine persönliche Überzeugung als sakrosankt, als Ausdruck göttlicher Offenbarung, mit dem Stempel der Vorsehung versehen. Da gibt es keine Diskussionen! Also: Ich respektiere alle, die weiter innerhalb der Kirche für Reformen eintreten wollen. Aber ich kenne die Kirche gut genug von innen, um jetzt diesen Schlussstrich zu ziehen. Es ist eine Illusion zu meinen, in der Kirche könne es noch mal einen offenen Kurs geben. Ich habe zudem den Eindruck, dass der Papst die Kirche in Westeuropa längst aufgegeben hat. Aber ich mache ja keine Werbung für Kirchenaustritte. Ich will doch nicht das Gewissen anderer bestimmen! Mein Kirchenaustritt ist Ausdruck meiner persönlichen Gewissensnot.

Können Sie sich vorstellen, dass die Rehabilitierung Bischof Williamsons ein »Regiefehler« der vatikanischen Diplomatie ist?

Wils: Nein, das ist meines Erachtens gewollt. Joseph Ratzinger ist ja seit Jahren mit allen Abläufen des Vatikans bestens vertraut. Es ist nicht ein Kardinal aus Patagonien Papst geworden, sondern ein absoluter Insider. Ich zweifele allerdings an dem Mythos, er sei ein großer Intellektueller! Er ist ganz und gar nicht der viel besprochene »Mozart der Theologie«. All das ist Unsinn. Stellen Sie sich doch vor: Alle Theologen werden aufs Genaueste vom Vatikan durchleuchtet, da überlässt man nichts dem Zufall. Und nur bei den vier traditionalistischen Bischöfen ist der Vatikan auf einmal inkompetent oder überfordert? Undenkbar! Der Papst will die Leute vom rechten Rand wieder in der Kirche haben. Denn man darf nicht vergessen: Die Holocaust-Leugnung ist nur ein Aspekt der Lehre dieser Leute. Sie sind insgesamt reaktionär. Auch darüber muss man sprechen!

Und wenn der Papst die Rehabilitierung zurücknähme?

Wils: Das ist sehr unwahrscheinlich, denn dann würde er es sich mit den rechten Kreisen wieder verderben, das würde wieder neue Probleme machen. Und die Diskussion ginge weiter. In jedem Fall hat das Ansehen des Papsttums enorm gelitten.

Bleiben Sie an christlicher Spiritualität interessiert?

Wils: Ich habe keinen Zeitdruck, nun gleich eine andere Gemeinschaft zu suchen. Allerdings bin ich auf der Suche nach einem freien Raum, wo man das Leben mit anderen teilen kann, wo man Christ sein kann, ohne ständig das Schwert der Orthodoxie zu spüren, ohne ständig zur Konformität aufgefordert zu sein, sondern wo Zweifel und Teilidentifizierungen respektiert werden. Ich denke, dass ich mit dieser Suche nicht allein bin. Ich erhalte zahllose Mails und Anrufe von Menschen, die mich unterstützen. Auch meine Kollegen an der Theologischen Fakultät haben sehr viel Verständnis für meinen Schritt, ohne dass sie ihm nun folgen. Ein Rabbiner hat mich zum Beispiel angerufen und mit tränenerstickter Stimme seine Wut über Williamson mitgeteilt, gleichzeitig hat er sich bei mir bedankt, dass ich persönlich mit meiner Entscheidung ein wirksames Zeichen des Widerstands setze.

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