„Ökumene jetzt“: Für und Wider zu einem Dokument

21. Sep 2012 | von | Themenbereich: Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

„Ökumene jetzt“. Für und Wider zu einem Dokument

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin. Der Beitrag wurde am 6.9.2012 veröffentlicht.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Was spricht dafür, „Ökumene jetzt“, also auch Gottesdienst – Abendmahls – Gemeinschaft der getrennten Christen und Kirchen, zu fordern?

Ich finde es höchst bemerkenswert, dass hochrangige Politiker, prominente Fernsehleute und namhafte Künstler mit einem solchen Aufruf an die Öffentlichkeit gehen. Ganz offensichtlich wächst die Einsicht, dass die Religion zu wichtig ist als dass man sie den Kirchen überlassen dürfte. Einigermaßen unverständlich bleibt zwar, dass die Erstunterzeichner immer noch meinen, sie könnten die kirchliche Hierarchie in ihre Richtung bewegen. Im Blick auf die Frage, wie man sich diese sichtbare Einheit der Kirche sollte vorstellen können, bleibt das Papier ja auch ziemlich vage. Dennoch, es freut mich, dass solche Kontroversen um die Religion von namhaften Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft angestoßen und in den Medien ausgetragen werden. Noch glücklicher wäre ich freilich, wenn dabei die religiösen Themen angesprochen würden, die nicht nur von kirchlicher, sondern gesellschaftlicher, ja globaler Relevanz sind. Ob das noch diese Fragen sind, die mit der Gottesdienst- und Abendmahlsgemeinschaft von katholischen und evangelischen Christen zusammenhängen, wage ich zu bezweifeln.

Warum haben die (vor allem katholischen Kirchenführer) Angst, „Ökumene jetzt“ zu unterstützen?

Der Aufruf sagt ja deutlich genug, warum die Kirchenführer, vor allem auf katholischer Seite, aber keineswegs nur dort, die Ökumene blockieren. Es geht ihnen um die Macht der Institution, um die Bewahrung derjenigen Traditionen, die die eigene institutionelle Identität sichern. Die Theologie wird immer nur vorgeschoben. Mit der Substanz des christlichen Glaubens, der Sinngrundierung, die er unserem Leben gibt, haben die Lehrstreitigkeiten über das kirchliche Amt oder das Abendmahl schon lange nichts mehr zu tun. Deshalb ist es auch völlig illusorisch von theologischen Lehrgesprächen Fortschritte in der Ökumene zu erwarten. Weil der Aufruf „Ökumene Jetzt“ aus dieser längst enttäuschten Erwartung die Konsequenzen zieht und auf das Versprechen, auf dem Wege theologischer Verständigung zum Ziel zu kommen, nichts mehr gibt, deshalb reagieren die Kirchenführer so verärgert.

Entspricht die klassische Kirchenökumene auch theologisch noch dem was heute angesagt ist, nämlich die Ökumene religiöser Menschen in der ganzen Vielfalt des Religiösen?

Der Aufruf zur „Ökumene Jetzt“ wünscht die „sichtbare Einheit“ der Kirchen. In diesem Wunsch liegt in der Tat etwas Totalitäres, dem religiösen Pluralismus Feindliches. Denn wenn die kirchliche Einheit eine sichtbare sein soll, dann braucht sie im Grunde die starke Institution, das Lehramt usw. Wer die „sichtbare Einheit“ fordert, arbeitet letztlich immer für die Aufrechterhaltung des römischen Machtanspruchs. Denn wie anders als durch eine zentralistische, autoritäre Organisation, wie sie die vom Papst regierte römische Kirche ja darstellt, soll „sichtbare Einheit“ hergestellt werden können?

Eine liberale Theologie wünscht gar keine „sichtbare Einheit“ der Kirchen. Sie plädiert für die Vielfalt der Kirchen und religiösen Gemeinschaften, weil sie darin eine Möglichkeit zur Realisierung der christlichen und religiösen Freiheit erkennt. Wo viele Kirchen lebendig sind, da hat der einzelne die Möglichkeit, sich die Kirche oder religiöse Gemeinschaft, zu der er gehören möchte, selbst zu suchen. Eine Einheitskirche ist, gerade dann wenn sie Anspruch darauf erhebt, im Besitz der religiösen Wahrheit zu sein, überhaupt nur als  Einrichtung religiösen Zwangs vorstellbar.

Wäre es nicht dem Niveau des glaubenden Menschen angemessen, ihm volle Freiheit zu lassen, wo und wann und bei wem er Gottesdienst und Abendmahl feiert?

Das Erfreuliche an „Ökumene Jetzt“ ist, dass sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu Wort melden, weil ihnen der christliche Glaube wichtig ist und auch die Zugehörigkeit zu ihrer Kirche, sei es die evangelische oder die katholische.  Aber sie wollen sich nicht mehr von ihrer Kirche vorschreiben lassen, wo sie Gottesdienst feiern und am Abendmahl teilnehmen dürfen und wo nicht. Zu Recht machen sie geltend, dass es gar keine theologischen Gründe sind, die die römisch-katholische Kirche daran hindern müssten, zur Anerkennung auch anderer, auf Christus ausgerichteter Kirchen zu finden. Die theologischen Gründe werden, so sagen sie ausdrücklich, lediglich vorgeschoben, um die Interessen institutioneller Machterhaltung, um die es ausschließlich geht, zu kaschieren.

Gewiss, den Vorwurf einer Verweigerung der Abendmahlsgemeinschaft auch mit katholischen Christen, kann man den evangelischen Kirchen nicht machen. Ihre Einladung zu Gottesdienst und Abendmahl gilt allen Christen. Wenn es aber z.B. darum geht, dem Begehren nach kirchlichen Lebensritualen (Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung) auch dann nachzukommen, wenn die betreffenden Mensch der evangelischen Kirche nicht zugehören, gerät die Bereitschaft, vorbehaltlos dem Verlangen nach dem kirchlichen Segen zu entsprechen, schnell an ihre Grenzen. In den evangelischen Kirchen tut man sich mit der Anerkennung der religiösen Autonomie der Menschen ebenfalls immer noch schwer.

Sind heute nicht ganz andere ökumenische Themen dran, die Einheit der Menschheit zu bedenken und gerecht zu gestalten, auch im Dialog mit sogen. Atheisten und Agnostikern, die ja auch ihre „absoluten Werte“ haben?

Gut ist, dass die Religion überhaupt zum öffentlichen Thema gemacht wird, und dann nicht nur die (gefährliche) Religion anderer, sondern die eigene Religion, die Kirche, zu der man gehört und weiterhin gehören will, deren Praxis man aber nicht mehr in allen Punkten zustimmen kann. Weil es Persönlichkeit aus Politik, Kultur und Gesellschaft sind, finden sie Gehör in den wichtigen Medien. Aber das müsste jetzt weitergehen. Zurzeit wird in den großen Tageszeitungen eine lebhafte Debatte um die „Rettung des Euro“ geführt. Da kommen keineswegs nur Ökonomen, die von der Sache im engeren Sinne etwas verstehen, zu Wort, sondern auch Literaten und Philosophen, Juristen und Künstler. Sie debattieren die Werte, um deren Erhaltung es geht und die es lohnend machen könnten, die ungeheuren finanziellen Risiken, die mit der Euro-Rettung verbunden sind, einzugehen. Immer spielt dabei der Hinweis auf das „Vertrauen“, auf das der Geldverkehr und die Wirtschaft angewiesen sind, eine wichtige Rolle. „Vertrauen“, das ist aber auch das zentrale Thema der Religion, woher es kommt und was uns, oft noch wider allen Augenschein, an ihm festhalten lässt. Wo das Vertrauen angesprochen ist, ist jedenfalls die spirituelle Dimension unseres Daseins berührt. Darüber müsste also auch öffentlich gesprochen werden, darüber, was getan werden kann, um Vertrauen zu schaffen – dasjenige, auf das der Euro angewiesen ist, dann aber alle Maßnahmen angewiesen sind, die zu einer gerechteren und friedlicheren Welt führen könnten.

Aber so gesehen hat „Ökumene Jetzt“ doch auch wieder Recht: Wie sollen wir der institutionalisierten Religion, also den Kirchen, einen Beitrag zu vertrauensbildenden Maßnahmen, die wir in Europa und der Welt so dringend brauchen, zutrauen können, wenn sie schon im Verhältnis zueinander kein Vertrauen aufzubringen in der Lage sind?

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb

Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

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