Polens Katholische Kirche – Angst vor der Freiheit

17. Jul 2009 | von | Themenbereich: Religionskritik

Blickpunkt Diesseits
Angst vor der Freiheit
Religion in Polen

Eine Buchbesprechung von Christian Modehn

Moderationshinweis:
Seit dem Tod des „polnischen Papstes“  vor 4 Jahren wird über die Katholische Kirche in unserem Nachbarland eher selten berichtet. Aber gilt auch heute noch die beinahe selbstverständliche Überzeugung, „die“ Polen seien besonders fromm und den Bischöfen gehorsam ergeben? Versteht sich die Kirche tatsächlich noch immer als der einzige Hort „polnischer Werte“?  Gibt es inzwischen Menschen, die aus der Kirche austreten und sich Atheisten nennen? Mit diesen und anderen religionspolitischen Fragen setzt sich das neue Jahrbuch des „Deutschen Polen Instituts“ in Darmstadt auseinander. Christian Modehn hat das Buch gelesen.

Das Deutsche Polen Institut hat als unabhängiges wissenschaftliches Informations- und Dokumentationszentrum Journalisten und Publizisten aus Polen eingeladen, zentrale Aspekte des religiösen Lebens zu untersuchen. Die Autoren wissen sich einem objektiven und kritischen Blick verpflichtet, sie stehen nicht im Dienst der Katholischen Kirche. Als einziger deutscher Autor schreibt Dieter Bingen, der Direktor des Darmstädter Instituts, einen grundlegenden Essay. Er zeigt, wie sich die Hierarchie und weite Teile des Klerus immer noch schwer tun, die neue politische Situation nach der Wende anzuerkennen. Einerseits sieht sich die Kirche als triumphierende Siegerin über den Kommunismus. Dabei haben aber die Bischöfe zu Zeiten des Kommunismus keineswegs die Gewerkschaft Solidarnosc vorbehaltlos unterstützt. Sie wollten es sich nicht mit den damals Mächtigen verderben. Auf der anderen Seite gibt es unter vielen Bischöfen heute ein tiefes Misstrauen gegenüber den liberalen Werten der Demokratie. Diese „Oberhirten“ sehen in Westeuropa und der EU nur den Feind, der polnische Werte zerstören will, und die gründen in der Folgsamkeit gegenüber allen Lehren der Kirche. Darum ist ihr Kampf gegen Frauenrechte und gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen von polemischen Querschlägen bestimmt. Bischöfe beschreiben die Demokratie  häufig als „Zivilisation des Todes“. Nur eine Minderheit unter den Bischöfen setzt sich von diesen Positionen ab. Dieter Bingen zitiert polnische Intellektuelle, die die Kirche vor der „totalitären Versuchung“  warnen und dringend für eine Kirche des Dialogs plädieren.  Diese Offenheit fehlt allerorten: Monika Walus, eine theologische Publizistin, berichtet z.B., dass Katholische Theologinnen keine Chancen haben, als Dozentinnen  an einer kirchlichen  Hochschule zu arbeiten. Frauen werden nur als untergeordnete Mitarbeiterinnen des Klerus geduldet.  Die Anzahl der Nonnen geht ständig zurück. „Ob dies ein Warnsignal ist, dass immer weniger Frauen ihren Platz in der Kirche sehen?“, fragt Monika Walus, die sich selbst als „Hausfrau und Theologin“ vorstellt.   Noch nennen sich über 90 Prozent der Polen katholisch. Die Kirche fühlt sich in einer Art Monopolstellung. Katholisch – rechtsextremer Politiker fordern:  Angesichts dieser Statistik müsse die Moral der Kirche auch zum Gesetz des Staates werden. Andere reaktionäre Kreise schlagen allen Ernstes vor, Christus zum König der Polen zu erklären. Das ultra konservative und antisemitische Radio Maryja mit seinem Medienimperium genießt unter Polen so viel Ansehen, dass selbst Papst Benedikt XVI. der Volksverhetzung kein Ende setzen kann. Aber die Autoren des Jahrbuches Polen berichten auch, dass sich immer mehr junge Leute vom Religionsunterricht abmelden. In den großen Städten nehmen immer weniger Katholiken an den Messen teil. Diese Menschen bekennen: „Wir können Gott nicht in dieser Kirche finden“. Der Publizist Andrzej Oseka zeigt aber, dass es heute immer noch eine Art Spießrutenlauf ist, sich öffentlich zum Atheismus zu bekennen. „Das öffentliche Bekenntnis  zum Unglauben ist in Polen gleichbedeutend mit der genauso gefährlichen Aussage, man sei vom AIDS Virus infiziert“, schreibt Andrzej Oseka. Das neue Polen – Jahrbuch ist auch deswegen sehr zu empfehlen, weil es grundlegende Informationen zu den zahlenmäßig kleinen orthodoxen und protestantischen Kirchen bietet sowie vom mühevollen Aufbau der bescheidenen jüdischern Gemeinden berichtet. Jetzt gibt es wieder 12 Synagogen im ganzen Land, inzwischen sind wieder mehrere orthodoxe Rabbiner tätig. Gelegentlich gibt es Gespräche zwischen Katholiken und Juden, aber insgesamt fördert die katholische Kirchenführung nicht die Auseinandersetzung mit „den anderen“.  „Man kann das auch als eine bittere Niederlage des für polnische Verhältnisse aufgeschlossenen Theologen Karoly Wojtyla, des Papstes Johannes Paul II.,  bezeichnen“, meint Dieter Bingen, der Direktor des Deutschen Polen Institutes.

Hinweis:
Jahrbuch Polen 2009: Religion. Herausgegeben vom Deutschen Polen Institut, Harrassowitz Verlag, 2009, 217 Seiten, 11. 80 Euro.

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