Sterbehilfe und Seelsorge

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Religionskritik

Saarländischer Rundfunk 2002:
Wenn der Tod verlangt wird
Kirchliche Begleitung im Fall von Euthanasie
Von Christian Modehn

1.     SPR.: Berichterstatter
2.     SPR.: Zitator und Übersetzer
21 O TÖNE.      Man beachte zu dem Thema auch die neuen Hinweise zum katholischen Priester, Politiker, Mystiker Herman Verbeek, Groningen, NL, der bei schwerster Erkrankung mit ärztlicher Hilfe aus dem Leben scheiden konnte, klicken Sie hier:

Moderationshinweis:
Totensonntag: ein Tag, der einladen will, übers Sterben nachzudenken, auch über das eigene, das persönliche Ende. Gibt es den Guten Tod, das sanfte Entschlafen? Immer seltener geschieht das. Die meisten Sterbenden sind in ihren letzten Wochen und Tagen von den Apparaten abhängig, den Medikamenten, den Ärzten, die anstelle der Kranken entscheiden. Gibt es eine persönliche Verantwortung dem eigenen Tod gegenüber, dürfen Patienten sagen: Jetzt reicht es, ich will „hinübergehen? In Holland meinen sehr viele Christen: Es darf ihn geben, den milden Tod, den man in den Niederlanden Euthanasie nennt. Ein problematisches Thema in Deutschland, gewiß, aber ein Thema, das auch hier immer dringlicher wird. Christian Modehn hat seiner Sendung den Titel gegeben: Wenn der Tod verlangt wird. Kirchliche Begleitung im Fall von Euthanasie.

1.SPR.:
Hans Günther ist lutherischer Pfarrer in der Rivierenbuurt von Amsterdam, einem bürgerlichen Wohnviertel im Südosten der niederländischen Hauptstadt. Er ist ein moderner Seelsorger: In der Predigt am Sonntagmorgen will er seine Gemeinde mit zeitgemässer Theologie vertraut machen. Darum ist ihm auch das Bibelgespräch so wichtig. Zusammen mit den Gemeinde-Mitgliedern möchte er die uralte Botschaft des Glaubens für die heutige Zeit neu interpretieren. Viele Stunden verbringt er damit, ältere Gemeindemitglieder zu Hause zu besuchen, er will hören, was die Menschen bewegt. Vor einigen Monaten rief Anne B. bei Pfarrer Günter an: „Kommen Sie doch mal  wieder zu meinem schwerkranken Mann“, hatte die Frau am Telefon gesagt. Ein paar Stunden später saß der Pfarrer am Bett von Pieter B.:

1.ZUSP.: „Ich hab gesehen, wie dieser Mensch gelitten hat. Das war also nicht mehr zum Ansehen. Der hatte einen Krebs, wo ihm vom Ohr bis in den Hals und die Speiseröhre und die Organe, wo die wegfaulten. Der konnte kaum noch reden und essen sowieso nicht. Das war so etwas von Viehisch, ich würde sagen menschenunwürdig, und nach meinem ersten Besuch dachte ich: Wenn ich das verhindern könnte, oder wenn ich diesem Elend ein Ende machen könnte, dann würde ich unmittelbar das tun, auf welche Weise, natürlich um diesen Menschen zu genesen, zu heilen“.
0 42“.
1.SPR.:
Aber für Pieter B. gab es überhaupt keine Aussicht auf Heilung: Das hatten ihm zahlreiche Ärzte vor Wochen schon gesagt. Und sie mußten ihm auch die schreckliche Wahrheit mitteilen, daß die Schmerzen noch stärker werden. Am schlimmsten war es, als ihm der Hausarzt sagte: Eines Tages werde der Tod durch qualvolles Ersticken eintreten. Nach ausführlichen Beratungen hat sich Pieter B. entschieden, um Euthanasie zu bitten: Schon einige Jahre zuvor hatte er eine Patientenverfügung unterschrieben: Dort bekundete er seinen Willen, unter keinen Umständen einem langsamen, qualvollen Sterben ausgeliefert zu werden. Über diese Zusammenhänge war Pfarrer Günther längst informiert: Bei seinem Besuch erfuhr er nun, daß der Termin nun feststand, an dem die Medizin, das tödliche Euthanaticum, verabreicht werden sollte. Pieter B. hatte noch den dringenden Wunsch, die letzten Tage vor dem selbst gewählten Ende mit geistlichen Beistand zu verbringen:

2.ZUSP.: „In mehreren Gesprächen über einen Zeitraum von 3 Wochen,  bin ich ziemlich oft dort gewesen. Und das Gespräch verlief so, daß ich probiert habe, deutlich zu machen: Was ihr tut, wenn ihr den Arzt um Euthanasie fragt: Dann ist das nicht das Beenden des Lebens, in dem Sinn. Sondern das ist, die Möglichkeit wahrnehmen, um das Ende des Lebens, das deutlich ist, das logisch ist, absehbar ist, um das nicht zu einer menschenunwürdigen Qual werden zu lassen. Also das Ziel des Euthanasieprozesses, wenn man das so sagen will, ist nicht das Töten eines Menschen in dieser Situation, sondern daß ich die Möglichkeiten gebrauche, die die Medizin uns bietet, um doch ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen“.
0 54“.
1.SPR.:
Der Tag des Sterbens rückte näher. In einer Klinik sollte die Spritze gegeben werden: Die Eheleute hatten sich darauf verständigt, daß sie diesen Termin den „Tag der Operation“ nannten: Während der Mann sehnsüchtig auf diesen Moment wartete, hatte die Frau doch viel Mühe, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: „Mein Mann wird in meinen Armen sterben; seine Qual wird auf eigenen Wunsch ein Ende haben“. In dieser spannungsreichen Situation von Erwartung und Angst besuchte Pfarrer Günther das Ehepaar ein paar Stunden vor dem endgültigen Abschied:

3.ZUSP., „Ich war an dem Tag zuvor bei ihm. Und wir haben ein Gebet gesprochen. Das hat er mit gehört, er war bei vollem Bewußtsein, ohne zu sprechen. Ein Gebet, was ich frei formuliert habe. Ich dann auch ein Gebetsformeln auch gebraucht, die der Frau auch bekannt waren, das Vater Unser haben wir miteinander gebetet, und, wir haben uns verabschiedet“.
0 25“
1.SPR.:
Ein paar Stunden später wurde Pieter B. ins Krankenhaus gebracht: Nur seine Frau sollte dabei sein, wenn der Arzt zuerst das Schlafmittel, und dann, nach 10 Minuten, das Euthanaticum spritzt. Sanft und friedlich ist Pieter B. entschlafen. Ein milder Tod, sagte die Frau nachher, nicht ohne Erleichterung. Pfarrer Günther kümmerte sich um die Witwe in ihrer Trauer:

4.ZUSP., „Ich bin ein paar Tage später wieder noch dort gewesen, und auch ein paar Wochen ab und zu vorbeigegangen bei der Frau. Ich habe den Eindruck, daß sie es ganz gut, daß sie den Frieden damit hatte, würde ich mal sagen“.  0 15“.
1.SPR.:
Pfarrer Günther verteidigt nicht pauschal die Euthanasie; er meint, niemals dürfte der Tod auf Verlangen als die beste Methode angepriesen werden. Euthanasie ist etwas für „Ausnahmefälle“. Der Amsterdamer Seelsorger ist überzeugt: Die palliative Therapie, die umfassend von Schmerzen befreit, sollte noch viel umfassender praktiziert werden. Denn viele Patienten leben wieder auf, wenn sie trotz schwerer Krebserkrankung schmerzfrei auf den Tod warten können. Aber längst nicht in allen Fällen hilft die palliative Therapie. Für Pieter B. zum Beispiel war Euthansie der einzige Ausweg, den gräßlichsten Leiden zu entkommen. Darum verteidigt Pfarrer Günther die Euthanasie:

5. ZUSP.:  „Ich finde es einen Vorteil, auch für die Frau, die ihren Mann verliert. Wo es natürlich eine Rolle spielt, auf welche sie ihn verliert. Sagen wir mal schreiend sterbend sieht in seinem Bett zu Hause, oder ob sie ihn im Krankenhaus einschlafen sieht, und seine  Hand dabei halten kann, und das geschieht in Ruhe. Das ist ganz wichtig für die Zukunft dieser Frau. Das finde ich einen Fortschritt. Aber Ja!
0 28“
1.SPR.:
Bisher war der „milde Tod“ nur „gedoogt“, wie man in Holland so gern sagt, „er wurde nur geduldet“. Ärzte, die auf dringenden Wunsch ihrer Patienten die Euthanasie anwenden und dies den staatlichen Behören melden, werden nicht strafrechtlich belangt. In einigen selten Fällen mußten sich die Gerichte mit der Frage befassen, ob tatsächlich alle strengen Vorschriften beachtet wurden. Aber noch nie ist ein Arzt sozusagen „wegen Tötung“ verurteilt worden! Die wichtigste Vorschrift heißt: Einzig und allein der Patient darf die Bitte um Euthanasie äussern;  also Verwandte oder Freunde des Betreffenden haben in diesem Fall nichts zu bestimmen! Mehrfach und über einen längeren Zeitraum muß der Euthanasie-Wunsch besprochen werden, alle anderen Möglichkeiten ärztlichen Handelns müssen erwogen werden. Schließlich beraten mehrere Ärzte über den jeden einzelnen Fall. Etwa 3000 Menschen entscheiden sich pro Jahr für den milden Tod; weil aber nicht alle Ärzte die Euthanasie den Behörden melden, dürften es sicher noch mehr sein. Im nächsten Jahr dürfte wohl Euthanasie offiziell gesetzlich erlaubt sein, unter den selben strengen Regeln! Holland – ein „Euthanasie-Land“, wie manche Kritiker meinen? Keineswegs! Von allen Todesfällen in Holland sind lediglich 3 Prozent durch Euthanasie verursacht. Die zum Tode führenden Euthanatica verabreichen meist die Hausärzte;  Euthanasie ist sozusagen der Tod in einem stillen, privaten Rahmen. Viele Beobachter sehen darin durchaus eine positive Entwicklung: Das bewußt gesetzte Ende kann im Alltag erlebt werden kann. „Manchmal haben diese Abschiede zugleich eine stoische Ruhe und eine gläubige Geborgenheit“, so ist immer wieder zu hören.
Aber auch in den Kliniken ist Euthanasie schon fast eine gewisse Alltäglichkeit geworden. Rob Mascini ist katholischer Klinikpastor in der holländischen Stadt Haarlem: Ihn rufen vor allem Patienten, die noch mit der katholischen Kirche verbunden sind. Und auch sie wünschen immer wieder „den milden Tod“.

6.O TON, „Die meisten Patienten haben Gott befragt. Und das sagen sie dann auch mir: Ich kann nicht glauben, daß der liebe Gott mir diese Schmerzen gibt. Und er möchte nicht, daß ich so leide. Und er ruft mich schon so lange, sagt man meistens. Er ruft mich schon so lange. Aber die Menschen ,wollen nicht, daß ich nach dem Himmel gehe. Die halten mich hier. Warum muß ich noch bleiben, wenn Gott mich ruft“.
0 26“
1.SPR.:
Niederländische Katholiken haben keine Schwierigkeit, ihre Bitte um Euthanasie mit dem eigenen Glauben zu verbinden. Deswegen hat Pastor Mascini auch keine Vorbehalte, diesen Patienten in der letzten Stunde beizustehen:

7.O TON, „Wenn ein Mensch zu einer solchen Entscheidung kommt in einer Lage, die so schmerzvoll ist, dann muß ich bei diesem Mensch bleiben. Und Respekt haben, Ehrfurcht haben für ihre Übertzeugung, daß es gut ist. Dann bitten sie um Kommunion oder sie fragen um die Krankensalbung oder sie fragen um ein Gebet oder einen Segen. Dann denke ich: Wer bin ich, um diesen Menschen das gebet zu enthalten und den Segen von Gott zu enthalten in solch einer entscheidenden Angelegenheit“.
0 38“
1.SPR.:
Pastor Mascini und die meisten holländischen Klinikseelsorger  orientieren ihre Hilfe und Begleitung am konkreten Bedürfnis der Patienten. Der leidende Mensch steht im Mittelpunkt, nicht ein theologisches Prinzip oder eine kirchenrechtliche Vorschrift.
Auch der katholische Krankenhaus-Pastor Andre Zandbelt in Haarlem wird immer wieder gerufen, wenn Patienten auf die Euthanasie warten:
8.O TON, niederländisch, freistehend ca. 008“. Dann etwas herunterziehen: (insg. 0 32“)
2.SPR. als Übersetzer:
Wenn Euthanasie beispielsweise mittags stattfinden soll, dann gehe ich schon morgens zum Gespräch mit dem Patienten; ich rede auch mit dessen Angehörigen. Wenn der Patient gläubig ist, bete ich auch mit ihm und feiere kleine Rituale, damit er sich gut Gott anheimgeben kann. Aber wenn dann mittags wirklich das Euthanaticum gespritzt wird, dann bin ich zwar dabei, aber dann tue ich von meiner Seite aus nichts mehr.
1.SPR.:
Manchmal können Klinikpfarrer noch in den letzten
Minuten den Menschen nahesein, die auf die Euthanasie warten. Pastor Mascini erinnert sich:

9.O TON, „Ich hab es einmal mitgemacht, das war eine Frau, in der Vergangenheit war sie katholisch, aber sie ging nicht mehr zur Kirche. Wollte dann nichts mehr mit Gott zu tun haben. Und doch habe ich sie besucht. Da komme ich ins Zimmer. Fragte, „Wie geht’s?“. „Sehr gut, um drei wird es passieren“.   „Was wird passieren?“ „Ja, dann gehe ich weg“. Dann sagte ich: „Euthanasie?“ „Ja. Dann bin ich weg“. „Kann ich noch etwas für sie tun“. Da haben wir einige Minuten drüber gesprochen. Kann ich noch etwas für sie tun? Nein, sie können nichts mehr für mich tun. „Kann ich um 3 zur Kapelle gehen und eine Kerze anzünden und beten?“ Und da fängt sie schrecklich an zu weinen, auf diesem Moment kommen alle Emotionen los. Und kann ich dieser Frau noch ein bißchen helfen, einige Stunden, die sie noch hat, auch diese Seite von ihrer Emotion zu verarbeiten“.  1 05“.
1.SPR.:
Die offizielle katholische Glaubenslehre verurteilt Euthanasie aufs Schärfste. Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ wird Euthanasie als „unannehmbar“ bezeichnet. Von prinzipieller Strenge sind auch die Dokumente der niederländischen Bischofskonferenz; sie  hat mehrfach in öffentlichen Erklärungen betont:

2. SPR.:
Euthanasie kann niemals geduldet werden. Sie widerspricht dem grundlegenden Schutz des Lebens. Es kommt zu einem Bruch in unserer Kultur, wenn Euthanasie sogar noch legalisiert wird.

1.SPR.:
Diese Position ist ethisch rigoros, aus der Distanz formuliert, prinzipiell und allgemein! Sie ist sozusagen am grünen Tisch geschrieben, sagen die meisten niederländischen Christen, die für Euthanasie Verständnis haben: Sie wollen ja in keiner Weise den Suizid fördern, sie wollen einzig und allein unerträgliches Leiden beenden helfen! Laut Umfrage bejahen 70 Prozent der Katholiken ausdrücklich die Möglichkeit, Euthanasie in Ausnahmefällen anzuwenden. Bei den Protestanten findet Euthanasie eine ähnlich hohe Zustimmung. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern denken die Pfarrer Hollands genauso wie die Laien in den Gemeinden: So auch der katholische Pastor Rob Mascini:
10.O TON, „Nichts ist heiliger in unserer Kirche wie unser eigenes  Gewissen. Natürlich müssen wir unser Gewissen auch richten, an das was uns gegeben wird. Aber wenn ein Mensch vor dem Angesicht von Gott zur Entscheidung kommt, dann müssen wir das respektieren. Und nicht unser Gebet und unseren Segen enthalten!“ 0 25“.
1.SPR.:
Das Gewissen, die oberste Instanz moralischen Handelns: Dadurch wird die einmalige Würde des einzelnen Menschen, des einzelnen Gläubigen, angemessen respektiert! Die Glaubenserfahrung des Kranken wird ernst genommen, Pastor Zandbelt:

11.OTON, Niederländisch, ca. 007“ freistehen lassen, dann herunterziehen.
0 23“
2.SPR.:
Aus der Distanz, sozusagen in der Theorie, kann man ja mal die Frage stellen: Kann Gott die Euthanasie akzeptieren? Wenn ein Mensch sich aber in der Situation von Schmerz und Pein befindet, dann fragt er ganz anders, etwa so: Kann Gott mich verurteilen, wenn ich in meiner Situation um Euthanasie bitte?
1.SPR.:
Über die Erfahrungen mit der Euthanasie wird in den Kirchen immer wieder öffentlich diskutiert: In Utrecht, zum Beispiel wurde anläßlich des Katholikentages des Forums für Kirchenreform eine Großveranstaltung über Euthanasie und Seelsorge angeboten. Auch in den  Pfarrgemeinden ist die freie Entscheidung für den eigenen Tod ein Thema der Bildungsveranstaltungen. In einigen protestantischen Kirchenkreisen gibt es Pfarrer, die sozusagen als Spezialisten für Euthanasie gelten und sogar eigene Abschiedsriten entwickeln.
Immer ist in Holland Euthanasie mit dem Begriff „freiwillig“ verbunden. Sozusagen als Lobbyisten in dieser Sache arbeitet in Holland nun schon seit 17 Jahren der „Verein für  „freiwillige Euthanasie“ mit dem Kürzel NVVE. Der Verein vermittelt allerdings nicht Ärzte, die zur Euthanasie bereit sind, und auch der Versand von Sterbepillen ist ausgeschlossen. Er versteht sich lediglich als Informationszentrum über alle Fragen von Sterben und Tod. Der  NVVE verschickt auch die sogenannten Lebenstestamente: Dort können Menschen bei klarem Verstand, sozusagen noch jung an Jahren und bei guter Gesundheit, festlegen, welche medizinischen Eingriffe sie noch im Falle von schwerster Erkrankung wünschen und welche eben nicht!  Die Mitgliederzahlen steigen, betont die Psychologin Martine Cornelissen vom NVVE:

12.ZUSP.: „Ich glaube, jetzt ist es 90 Prozent der Bevölkerung, die findet, daß eine schwerkranke Person fragen kann an seinen Arzt, um das Leiden zu beenden. Es gibt nur kleine fragmentarische Gruppen in unserer Gesellschaft, die wirklich da gegen sind. Und die grosse Christlich Demokratische Partei ist nicht dagegen“.
0 27“
1.SPR.:
Der Verein für freiwillige Euthanasie hat inzwischen 100.000 zahlende Mitglieder aus allen Schichten der Bevölkerung, auch zahlreiche Christen gehören dazu, sie haben eine gemeinsame „Philosophie“:
13.ZUSP.:  „Autonomie ist für unsere Mitglieder ein sehr wichtiges Konzept. Und Autonomie, das heißt, daß man Respekt bekommt für seine Eigenheit. Und das meint nicht, daß man alles tun kann, was man will. Das heißt: Auch das Respekt für den Nachbarn hat. So wenn ich eine autonome Entscheidung nehme, dann heißt es:  gut nachgedacht habe, alles abgewogen was mit meiner Entscheidung zu tun hat. Das ist für uns eine Basis unserer Gedanken“.0 43“
1.SPR.:
Der autonome Mensch, der frei sein eigenes Leben gestaltet: Diesem Idealbild folgen immer mehr Menschen in Holland. Natürlich wissen sie, daß sie niemals absolut autonom sein können, allzu sehr sind sie eingebunden in eine bestimmte Kultur und Sprache. Aber in den Niederlanden wollen immer mehr Menschen alles, was sie noch frei gestalten können, eben „selbständig“, „autonom“, ohne Fremdbestimmung gestalten. Und dazu gehört eben auch das eigene Ende. Pastor Zandbelt kann sich als Holländer mit diesem philosophischen Gedanken durchaus anfreunden. Im praktischen Alltag spielen für ihn andere Motive eine Rolle:

14.Zusp.:0 40“.
2.SPR.:
Ich kann mich an meine Erfahrungen in der Klinik gut erinnern, daß Euthanasie wie eine Erlösung wirkt für die Patienten. Dabei spielt natürlich Selbstbestimmung immer eine Rolle. Aber bei meinen Erfahrungen muß ich sagen: der Gedanke der freien Selbstbestimmung tritt doch oft zurück vor der viel wichtigeren Erkenntnis: Euthanasie ist eine medizinische Tat, die dem Erbarmen entspringt, dem Mitleid, wenn alle anderen Auswege blockiert sind.

1.SPR.:
Im Umgang mit der Euthanasie entdecken Christen auch  ein neues Gottesbild: Das aussichtslose Leiden unter starken Schmerzen wurde einst als eine Art mystischer Weg zu Gott gedeutet. „Wen Gott liebt, den züchtigt er“, heißt eine alte Glaubensweisheit, die man noch heute im ganzen deutschsprachigen Raum hören kann. Holländer denken da anders: Für sie ist Gott kein Sadist, der Freude hat am Leiden seiner Geschöpfe: Pastor Mascini:

15.ZUSP.:0 24“    „In der ersten Seite der Bibel steht, daß der Mensch sehr gut geschaffen ist. Und das wollte Gott realisieren bei uns. Und da kann er das Leiden nicht ertragen. Und wenn der Mensch so in Gespräch mit Gott in Freiheit entscheidet, daß dieser Gott den Menschen in Barmherzigkeit empfangen wird, dann müssen wir schweigen“.

1.SPR.:
Der neue, der freie Umgang mit dem eigenen Tod verändert das religiöse Denken: Früher war noch in den niederländischen  Glaubensbüchern zu lesen:
2.SPR.:
Gott hat dem Menschen das Leben als Geschenk gegeben, deswegen darf der Mensch nicht von sich aus das Leben beenden und damit des Geschenks unwürdig werden.
1.SPR.:
Mit diesem Bild vom Leben als einem Geschenk können sich Theologen und christliche Ethiker heute nicht mehr so recht anfreunden, nicht  nur in Holland, sondern beispielsweise auch in Frankreich: Dort wird seit Jahren über die gesetzliche Freigabe des sanften Todes in Ausnahmefällen gestritten. Sozusagen als Lobby arbeitet dort die  „Association pour le Droit de Mourir dans la Dignite“, also der „Verein für das Recht, in Würde zu sterben“. Etliche Jahre war der katholische Theologe Jacques Pohier Präsident dieser Association. Er hat sich immer wieder mit der These auseinandergesetzt: Weil Gott das Leben gibt, darf der Mensch es nicht für sich selbst beenden:

16.ZUSP.: Französisch
2.SPR.:
Ich kann die Position der katholischen Hierarchie nicht verstehen, die immer wieder betont: Gott gibt das Leben. Und er bleibt auch der Besitzer des Geschenks des Lebens. Ich finde diese Position gotteslästerlich: Schon im menschlichen Bereich ist es doch so: Wenn sie mir etwas schenken, können sie mir doch nicht sagen: Im letzten bleibe ich doch der Besitzer. Solch ein kleinliches Verhalten Gott seiner Schöpfung zu unterstellen, ist doch ein Skandal.
1.SPR.:
Gott gibt seinem Geschöpf umfassende Freiheit: Darauf kommt es an, der Mensch soll sich mündig, reif und vernünftig in seinem Leben verhalten; unter extremen Bedingungen soll er darum seinen eigenen Tod gestalten dürfen: Unter allen Theologen hat sich der holländische Theologe, Professor Harry Kuitert, (sprich Käutert), am nachdrücklichsten, seit den siebziger Jahren, mit diesem Thema befaßt: Kuitert ist sozusagen der theologische Vordenker einer christlichen Euthanasie-Praxis:

17.ZUSP.: „Ich glaube, daß das Leben das Ziel des Schöpfers ist. Und daß wir dem Schöpfer folgen, wenn wir einander das Leben geben und schützen. Und doch gehört der Tod so sicher zum Leben, daß wir auch mit dem Tod fertig werden sollten mitten im Leben. Und daß wir jetzt,  wenn wir sehen, daß wir über unseren eigenen Tod so wenig bestimmen können, durch die Ausbreitung der medizinischen Macht. Daß wir wieder in unsere eigene Hand unsere persönliche Freiheit nehmen über unseren eigenen Tod, wenn es unseres Erachtens so weit ist, zu bestimmen. Das kann man vor Gott verantworten, glaube ich. 0 46“
1.SPR.:
Seit mehr als 20 Jahren wird in Holland über den milden Tod diskutiert und praktiziert, aber als äusserster Notfall, nicht als übliches Verhalten! Bisher war er in der Grauzone des Geduldeten angesiedelt;  bald wird in einem strengen gesetzlichen Rahmen straffrei bleiben.
In Holland kann der Begriff Euthanasie heute ideologisch unbelastet  verwendet werden. In Deutschland denkt viele dabei automatisch an die Verbrechen während der Nazi-Zeit, als in Kliniken und KZs sogenanntes unwertes Leben getötet wurde. Der Schatten der Vergangenheit ist so stark, daß eine offene Diskussion über aktive Sterbehilfe in Deutschland kaum möglich ist. Und doch sind immer wieder auch Pfarrerinnen und Pfarrer mit diesem Thema konfrontiert. Jutta Schreur zum Beispiel, eine evangelische Pfarrerin in Berlin-Charlottenburg; sie begleitet in ihrem Gemeindedienst auch AIDS-Kranke Männer. Als das Leiden immer unerträglicher wurde, hatte sich ein AIDS-Patient entschieden, mit Hilfe der schweizerischen Euthanasie-Bewegung „EXITUS“,  freiwillig aus dem Leben zu entscheiden. Sein Freund hatte ihn dabei unterstützt. An die Gespräche mit dem Hinterbliebenen erinnert sich Pfarrerin Scheur:

18.ZUSP.: „Ich habe ihm gesagt, daß er keine Schuldgefühle haben muß. Daß er es richtig gemacht hat. Denn er hat diesen Freund lange gekannt. Die waren ja lange ein Paar. So daß er wohl deutlich spüren konnte, was jetzt wirklich dessen Wille ist. Das ist ja keine Entscheidung gewesen, die man mal eben so trifft beim Abendessen. Sondern die haben sich richtig darüber auseinandergesetzt, mehrfach darüber unterhalten, und nicht nur alleine, sich informiert, mit Ärzten. Sie haben gemeinsam diesen Prozeß gestaltet. Von daher konnte ich ihm dann mit meinerseits gutem Gewissen sagen: das hast du richtig gemacht. Du hast Dich richtig entschieden. Du hast ihm damit geholfen. Und du kannst mit dieser Entscheidung eigentlich auch gut weiterleben“.052“
1.SPR.:
Immer wieder stellte der Freund des Verstorbenen die Frage: Darf ein guter Christ sich dem unerträglichen Leiden entziehen? Flieht er damit nicht vor seinem individuellen Schicksal, sozusagen seinem persönlichen Karfreitag? Pastorin Schreur:
1.SPR.:
19.ZUSP.: „Ich finde, das kann niemand einem anderen einem anderen Menschen vorschreiben, wie viel Leiden er denn zu ertragen auch bereit ist. Das kann doch auch von Menschen zu Mensch sehr verschieden sein, das Maß, was einer erträgt. Und da bin ich wirklich nicht Gott, der das entscheiden möchte. Da bin ich nicht Richterin zu sagen, aber du hast das jetzt gefälligst noch zu ertragen. Das mache ich nicht. Das kann wirklich nur jeder nur individuell entscheiden. Kann natürlich mit einem Mensch ins Gespräch kommen und mit ihm auszuloten versuchen, wie viel Lebensqualität dir noch, wenn du diesen oder jenen Zustand erreicht hast. Und ist das auch noch ein Zustand, wo du wirklich sagst, ja das ist Qualität. Oder ist das eben nur Existieren. Aber das ist eine Frage der Seelsorge, des persönlichen und immer wieder individuellen Gesprächs eben. Und ich kann keinem vorschreiben, was er ertragen kann und was nicht“. 0 57“
1.SPR.:
80 Prozent aller Deutschen sollen laut Repräsentativ-Umfrage von FORSA nichts dagegen haben, wenn auch hierzulande der milde Tod unter ganz strikten Vorschriften und Gesetzen für Schwerstkranke möglich wird. Auch unter Pfarrern und Theologen wächst langsam die Bereitschaft, neu über die Euthanasie nachzudenken und jene Christen zu akzeptieren, die sich für Euthanasie entscheiden. Pfarrerin Jutta Schreur:
20.ZUSP.: „Wenn jemand selber sich bewusst dafür entscheidet, diesen Weg zu gehen, dann soll er genauso begleitet werden, wie ein Mensch, der eines natürlichen Todes stirbt. Und er braucht ja vielleicht sogar, weil es keine einfache Entscheidung, viel mehr als andere eine seelsorgerliche Stützung und Begleitung. Um auch für sich klar zu kriegen: Will ich das, stehe ich voll und ganz dazu. Dann finde ich, ist es nur recht und billig, wenn dann auch jemand mit dabei ist, der diesen Weg mitgeht und sich dem nicht entzieht.  0 46“.
1.SPR.:
Der Katholik, Professor Jacques Pohier in Paris, hofft, daß bei seinem eigenen frei gewählten Ende einmal ein Pfarrer dabei sein wird. Was in Frankreich noch gar nicht selbstverständlich ist! Jacques Pohier hat nämlich in einem Testament verfügt:

21.ZUSP.: Französisch.
2.SPR.:
Heute weise ich es zurück, als kranker Mensch zu überleben, wenn meine intellektuellen Kapazitäten völlig ausbleiben, wenn ich keine emotionalen Beziehungen mit anderen mehr haben kann, wenn ich in allen meinen Lebensäusserungen nur noch von anderen abhängig bin: In diesem Fall bin ich entschlossen, aufgrund meiner eigenen Entscheidung zu sterben, bevor dieser Augenblick der völligen Unselbständigkeit eintritt.
1.SPR.:
In Frankreich und Deutschland halten zahlreiche Menschen Euthanasie für überflüssig, weil es ja die „palliative, die schmerzfreie Therapie“ in der letzten Lebensphase gebe. Dabei wird vergessen, daß etwa in der Bundesrepublik lediglich für zwei Prozent der Sterbenskranken ein Bett auf einer Palliativstation oder in einem Hospiz zur Verfügung steht! Und selbst wenn alle Sterbenden palliativ versorgt würden: Es gibt immer wieder Fälle, wo kein Medikament die Qualen beseitigen kann. Diesen Patienten einen milden Tod zu ermöglichen, gehört einfach zum umfassenden Begriff der „Würde des Menschen“, von der in Deutschland so viel gesprochen wird.

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