Heideggers „praktische Lebenshilfe“

6. Nov 2009 | von | Themenbereich: Denken und Glauben

Die Leidenschaft für das „Nutzlose“

Gelassenheit führt uns ins Offene, und als freie Menschen können wir immer noch Nein sagen zur Verführung durch die Allmacht der Automaten. Gespräche am Feldweg mit Martin Heidegger

Von Christian Modehn

Pünktlich zum Glockenspiel der Martinskirche in Messkirch haben sie sich versammelt: Zwei Philosophen, ein Theologe und ein Mönch. Martin Heidegger hat sie in seine badische Heimat eingeladen. Im Mesnerhaus am Kirchplatz ist er großgeworden. An der Kirche vorbei, über den weiten Platz des Renaissanceschlosses hinweg ist er schon als Student zu Spaziergängen aufgebrochen. Auf dem Feldweg, gleich hinter der Stadt, wollte er sich nicht etwa »die Zeit vertreiben«, sondern im achtsamen Gehen und Verweilen inmitten der Natur konnte er philosophisch meditieren und dabei die Gelassenheit einüben. An dieser Erfahrung möchte er seinen Gästen Anteil geben. »Hat denn Gelassenheit nicht mit Loslassen zu tun, mit dem Verzicht auf bisherige Lebensentwürfe?« Mit dieser Frage hat er seine Gäste begrüßt. »Könnte nicht die Gelassenheit wie eine grundlegende Therapie erscheinen im Umgang der Menschen mit sich selbst und der Umwelt?« Die technische Welt der Maschinen und Roboter, diese Welt der permanenten Beschleunigung und der Ausbeutung aller Kräfte kann Heidegger nicht aufheben. Er möchte ein neues Denken vorschlagen, damit sich die Menschen von dieser Welt nicht völlig vereinnahmen lassen. Seinen Gästen schärft er ein: »Die Natur wird zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie. Welche große Gefahr zieht so herauf? Dann geht mit dem höchsten und erfolgreichsten Scharfsinn des rechnenden Planens und Erfindens die Gleichgültigkeit gegenüber dem besinnlichen Nachdenken zusammen. Wenn diese Entwicklung sich fortsetzt, verliert der Mensch sein Eigenstes, dass er nämlich ein nachdenkendes Wesen ist.« Heidegger zeigt, wie wir als freie Menschen immer noch Nein sagen können zur Verführung durch die Allmacht der Automaten und Computer.

Bevor sie zum Feldweg aufbrechen, empfiehlt Heidegger, grünen Tee im »Schlosscafé« zu trinken. Bei diesem »himmlischen Getränk«, wie Japaner sagen, sammelt sich das Denken. Der Geist wird wach, die Vernunft weitet sich in das ungegenständliche Denken. Damit wird die Seins-Frage berührt: Denn Heidegger nennt alle Wirklichkeiten der Welt, Menschen wie Dinge, »Seiendes«. Und dieses »Seiende« wird vom »Sein« wie von einer unsichtbaren Energie im Dasein gehalten und am Leben erhalten. »Sein« ist vergleichbar einer geistigen Ursprungskraft. Ihr gilt das ganze Denken Heideggers. So verwundert es die zum Tee Versammelten nicht, dass er das Gespräch mit seinem bevorzugten Thema eröffnet: »Das Auszeichnende des Menschen beruht darin, dass er als das denkende Wesen auf das Sein bezogen bleibt und ihm so entspricht. Der Mensch ist eigentlich dieser Bezug der Entsprechung. Im Menschen waltet ein Gehören zum Sein. Mensch und Sein sind einander übereignet, sie gehören einander.«

Schwierige Worte, gewiss. Heidegger will darauf hinweisen: Der Mensch ist mit dem Sein, dem Unsichtbar-Wirkenden und Umgreifenden, verbunden, er ist nicht in der sichtbaren Welt der Dinge eingeschlossen. Wird das Sein zum Beispiel als die Lichtquelle verstanden, die alles erleuchtet, so erlebt der Mensch: In meinem Geist kommen die Dinge und die Lichtquelle für alles Dasein zusammen. Insofern ist der Mensch mit dem Sein, dem Unsichtbar-Wirkenden, verbunden. Er »gehört« zum Sein, er vermag dessen Botschaft zu vernehmen. Das Sein ist so umgreifend und alles begründend, dass es über die Macht des Menschen hinausreicht …

Nach dem Tee führt Heidegger seine Gäste ins Freie: Durch das Hofgartentor gelangen sie auf den Feldweg. Im Gehen, im Unterwegssein, in diesem so einfachen Vollzug, will er mit seinen Gästen nachdenken, wie denn ein »anderes« Denken möglich ist, also ein friedliches, sanftes Denken, das nicht egozentrisch herrschen will.

Der Weg führt mit leichten Steigungen über Wiesen und Felder vorbei zum Ehnried. Im stets wiederkehrenden Blühen und Welken und Absterben zeigt sich die Ganzheit des Lebens. Natur und Welt werden von dem gründenden, aber unsichtbaren Sein wie von einer alles ermöglichenden Energie belebt. In Formeln oder Definitionen kann man das »Sein« nicht greifen, es ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern ein »Geheimnis«. Im Schatten der Linden nimmt die Gruppe Platz, Heidegger ergreift das Wort: »Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren uns die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten. Sie versprechen uns einen neuen Grund und Boden, auf dem wir stehen und bestehen können.«

Martin Heideggers Plädoyer für die Gelassenheit findet unter seinen Gästen viel Zustimmung. Der Ordensbruder Johannes Kirschner leitet in Berlin das Kloster »Meister Eckhart«: »Es geht um das Loslassen von Anhaftungen und Gewohnheiten. Etwa wenn ich glaube, ich müsste jetzt unbedingt dies und das haben, die Zigarette oder das neue Auto. In diesen Momenten bin ich nicht mehr innerlich frei für Inspirationen, Gaben, neue Erfahrungen.«

Gelassenheit bedeutet viel mehr als der »kühle Kopf«, den man gelegentlich in hektischen Situation bewahren muss, meint Bruder Johannes: »Gelassenheit ist ein Übungsweg. Und es gibt verschiedene Formen der Übung, sei es die Meditation, sei es die Tätigkeit oder auch die geistige Auseinandersetzung. Wir sollten täglich üben, jeder in seiner Art, wie er veranlagt ist. Für mich ist der Karma-Yoga-Weg ganz wichtig, der meditative Weg der Tätigkeit. Meine Übung besteht darin, alle Gedanken loszulassen, ich gebe mich ganz der Tätigkeit hin, vereine mich mit ihr, dann komme ich in die innere Leerheit, die mich dann frei macht.«

Martin Heidegger ist dankbar, dass ein Mönch Gelassenheit als praktischen Übungsweg der Freiheit beschreibt. Nur so gibt es die Möglichkeit, das Umgreifende, das Sein, zu erfahren. Er selbst kann als Philosoph nur im Denken zeigen, wie man von der Bindung an die Technik, vom heute üblichen Verfallensein an Computer Abstand gewinnt. »Im Denken wird jedes Ding einsam und langsam«, an diese Lebensweisheit von einst erinnert er, an das Abstandnehmen von den Dingen, an die Übungen des Langsamwerdens. Seine Freunde aus Japan und anderen asiatischen Ländern sind auch für diese Kultur der Achtsamkeit eingetreten. Unter seinen Gästen ist auch ein Spezialist für asiatische Philosophien. Luis Gutheinz lebt als Jesuit in Taiwan. Er befasst sich seit vielen Jahren mit Lao Tse und dessen Weisheitslehre im Buch »Tao Te King«: Diese Weisheitssprüche aus dem fünften Jahrhundert vor Christus inspirieren auf dem Weg zur Gelassenheit, meint er:

»Es sind eher Fingerzeige zu einem Lebensgeheimnis. Hinweise, wie wir ganzheitlicher, ehrlicher, wesentlicher werden könnten. Dadurch, dass wir das Allzugeschäftigsein, das Krampfen, all dieses übertriebene Bemühen, dass wir all das noch einmal fallen lassen und den Mut haben, näher an den Rhythmus des Geschehenlassens heranzukommen, der Leere, des Hohlraumwerdens.«

Die philosophierenden Spaziergänger erleben, wie sich fernöstliche Philosophie und europäisches Denken nahekommen. Aber für Heidegger erschließen sich im Bedenken der Gelassenheit neue Horizonte. Er liest seinen Gästen eine Zeile aus »Der Feldweg« vor: »Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Im Unausgesprochenen ihrer Sprache ist, wie der alte Lese- und Lebemeister Eckhart sagt, Gott erst Gott.«

Martin Heidegger bezieht sich auf den Philosophen Meister Eckhart. Der lebte als Dominikanermönch in Erfurt und Köln im 13. Jahrhundert. Auch er hat alte Gottesbilder aufgegeben, als er über die Gelassenheit als »Lassen« und »Loslassen« nachdachte. Bruder Johannes meldet sich zu Wort: »Meister Eckhart sagt: Wenn du glaubst, du hast Gott erkannt, dann hast du irgendjemanden erkannt, aber nicht Gott. Also, Gott gefunden kann ja nur heißen, ich habe Vorstellungen und Bilder von Gott gefunden, die Bilder von Gott sind ja sehr vielfältig und schön, sie sind wunderbar. Aber es sind eben nur Bilder. Und dann gibt es dahinter eine Wirklichkeit, die viel größer und anders ist.«

Beim Spaziergang hat die Gruppe das Ehnried erreicht, in der Ferne sind die Türme der Martinskirche schon wieder sichtbar. Heidegger hat lange geschwiegen, seine Begleiter wissen, Gedanken fallen ihm in der Stille sozusagen »zu«. Als Philosoph will er nicht Altbekanntes wiederholen, sondern in einer »philosophischen Unruhe« bislang Ungesagtes entdecken, auch zur Gottesfrage. Der Philosoph Günter Figal, ein Teilnehmer auf dem Spaziergang, will gerade darauf hinweisen: »Heidegger versucht, den Erfahrungsgehalt von Religion in eine philosophische Sprache zu bringen. Er geht hinter die dogmatischen Theologien zurück, hinter die Theologien, die eine bestimmte Lehre verkünden. Er denkt das Ereignis der Präsenz Gottes als eine für sich bestehende philosophische Möglichkeit. Er versucht nicht weniger, als sich vorzustellen, wie das Göttliche oder ein Gott jenseits religiöser Dogmen als lebendig erfahren werden kann. Es ist das Wesen des Göttlichen, befreit von religiösen Erscheinungsformen.«

Der Philosoph Holger Zaborowski ergänzt diese ungewöhnliche Denkmöglichkeit mit einem Hinweis auf die Biografie Heideggers: »Er ist ja noch geprägt von einer bestimmten Form von Religiosität, die versucht hat, Gott in ein System des Denkens einzuholen, in dem man gemeint hat, man könne mit dem menschlichen Denken alles, eben auch Gott, in den Griff bekommen. Was hat Heidegger aber gemacht: Er hat versucht zu verstehen, wie denn dann eigentlich von Gott gesprochen werden kann.« Und diese »eigentliche Form des Erlebens Gottes zeigt sich im bedächtigen Denken, in der Gelassenheit …«

Der philosophische Spaziergang führt wieder durch das schmale Hofgartentor zum Kirchplatz.

Heidegger will das philosophische »Feldweg-Gespräch« ausklingen lassen, wie es begonnen hat: bei einem Glas Tee. Die Teilnehmer haben erlebt, wie sich im besinnlichen Nachdenken, im Abstand vom Alltag der Stadt, Spuren der Transzendenz zeigen. Zum Schluss ergreift der Gastgeber noch einmal das Wort: Es ist eine Einladung, die philosophische Gelassenheit im besinnlichen Denken regelmäßig zu üben, und zwar um ihrer selbst willen: »Erst wenn die Menschen sich vom dauernden Rechnen und Herrschen, Verwerten und Verwenden gelöst haben, leben sie frei«, betont Martin Heidegger und fährt fort: »Dann wächst die eigentliche Leidenschaft des Denkens, nämlich die Leidenschaft zum »Nutzlosen«. Dann wächst die Einsicht, dass ein Gedanke erst echter Gedanke ist, wenn er keinen Nutzen braucht und keinen Vergleich mit der Nutzbarkeit. Dann kann es einem vielleicht zeitweise glücken, das zu werden, was man einen Vorgänger nennt, den, der vorausgeht, auch zu einer neuen undogmatischen Gotteserfahrung in der Gelassenheit.«

Martin Heidegger (1889-1976) zählt zu den bedeutendsten Philosophen. Peter Sloterdijk hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es Heidegger um eine grundlegende, durchaus radikale Neuorientierung des Menschen in der Welt ging, jenseits überlieferter metaphysischer Konzepte. Diese Vorschläge bleiben gültig, auch wenn Heidegger in der NS-Zeit mit seiner Parteimitgliedschaft »einen Irrweg« gegangen ist, wie der Philosoph und Biograf Manfred Geier schreibt. Geier unternimmt den Versuch, »Heidegger zu verstehen, ohne ihn lieben zu müssen«, wie er sagt. »Heidegger wurde mir zwar nicht sehr sympathisch, aber ich konnte das Konzept seines Lebens nachvollziehen. Es ließe sich ganz einfach zusammenfassen: Heidegger kommt aus kleinen Verhältnissen und strebt als Denker immer zum Größten.« Das sei das wesentliche Geheimnis seiner gesamten Philosophie, in der sich ein sehr monumentaler Zug verstecke: »Diese narzisstische Übersteigerung führte zu seinem Kokettieren mit der projizierten Größe des Nationalsozialismus.« Zusammenfassend schreibt Manfred Geier: »In der Gesamtentwicklung ist Heideggers Bild, das er sich vom Nationalsozialismus zusammengedacht hat, nur eine Episode.« In einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers vom 8. April 1950 schreibt Heidegger, er empfinde eine Scham, »jemals unmittelbar und mittelbar (am Nationalsozialismus) mitgewirkt zu haben«.

Erschienen in PUBLIK Forum, 2009.

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