Pater Pio : Ein heiliger Scharlatan?

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Religionskritik

Pater Pio – nun auch bald ein „Kirchenlehrer“ und weitere Ungeheuerlichkeiten zu einem „heiligen Scharlatan“. Von Christian Modehn.

Zusätzlich zu den älteren Beiträgen wurde am 10. September 2013 diese Neuigkeit zu Pater Pio publiziert:
Kapuziner wollen Pater Pio zum Kirchenlehrer machen:

Der Kapuzinerorden in Italien will den Volksheiligen Pater Pio (1887-1968) zum Kirchenlehrer erheben lassen. Die süditalienische Ordensprovinz «Sant’Angelo e Padre Pio» in der Heimat des Heiligen habe eine Kommission aus fünf Ordensmännern und zwei Laien eingerichtet, die die Möglichkeiten dieses Vorhabens prüfen solle, berichtete die italienische Zeitung «La Gazzetta del Mezzogiorno»
Es sei kein leichter Weg, zitierte die Zeitung den Provinzoberen Francesco Colacelli. Nur 34 Heilige der katholischen Kirche sind vom Papst der Titel eines Kirchenlehrers zuerkannt worden. Voraussetzung ist ein herausragender theologischer oder spiritueller Beitrag zur katholischen Lehre.
Kritische Zeugen berichten hingegen, dass Pater Pio kaum predigen konnte, geschweige denn, dass er in schriftlichen Äußerungen Wesentliches vom christlichen Glauben vermitteln konnte. Insofern kann man das Ansinnen der Kapuziner schlicht nur waghalsig, wenn nicht „verrückt“ nennen. Aber solche Vorschläge bringen Pater Pio einmal mehr in die Presse. Auszuschließen ist es freilich nicht, dass sich die römische Kirche diesen Kirchenlehrer auch noch antut.
Pater Pio ist sicher der populärste Heilige Italiens. Johannes Paul II. sprach den Ordensmann 1999 selig und 2002 heilig. Zur öffentlichen Aufbahrung seines Leichnams pilgerten von April 2008 bis September 2009 insgesamt 8,6 Millionen Menschen in das süditalienische San Giovanni Rotondo. Seit Juni ist er in einem gläsernen Sarg dauerhaft in der Wallfahrtskirche zu sehen.

Vorweg eine Neuigkeit zum Kult um Pater Pio: Anfang Juni 2013 wurde berichtet: Der Leichnam des süditalienischen heiligen Pater Pio von Pietrelcina (1887-1968, im Jahr 2002 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen!) werde nun in einem Glassarg zur Verehrung durch die Gläubigen öffentlich dargeboten. Einen feierlichen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche von San Giovanni Rotondo in Apulien (dort lebte Pater Pio) feiere Kurienkardinal Angelo Amato als Auftakt zur Ausstellung der Leiche des „populärsten“ Heiligen Italiens. Offenbar braucht das Wallfahrtswesen in San Giovanni Rotondo doch auch einen neuen Schwung, d.h.: offenbar wird viel Geld gebraucht von den Pilgern. Denn Geldquellen zu erschließen ist der Haupt – Grund für den seit fast 2 Jahrtausenden gepflegten Reliquienkult der römischen Kirche. Kardinal Amato, offenbar theologisch nicht ganz ungebildet, ließ sich in seiner Predigt während der Festmesse doch zu den Worten hinreißen: „Pater Pio will, dass wir ihm auf das Gesicht schauen, und auch er kann uns in die Augen sehen“. In weltlicheren Zusammenhängen nennt man dies vernunftwidrigen Esoterismus, den die römische Kirche eigentlich ablehnt; aber sie pflegt die Unvernunft selbst, etwa wenn es denn (finanziell) geboten ist. Für die Ökumene ist dieser Kult um den allgemein für eher debil und eher süchtig gehaltenen Pater Pio natürlich ein Schlag, aber solches wird kaum noch registriert…

Es folgt nun die Abschrift der Radiosendung:;
Moderation:
Er ist einer der beliebtesten Heiligen in ganz Europa: Pater Pio, Kapuzinermönch aus Süditalien, hatte von 1918  bis zu seinem Tod im Jahr 1968 die blutenden Wundmale Christi an Brust, Füßen und Händen. Von diesen Stigmata lassen sich fromme Seelen bis heute erschüttern. Und voller Hingabe spenden sie dem Kloster in San Giovanni Rotondo  so viel Geld, dass Hotels und Krankenhäuser errichtet und katholische Radio- und Fernsehstationen dort aufgebaut wurden. Eine riesige moderne Wallfahrtskirche hat Stararchitekt Renzo Piano geschaffen. Der Stigmatisierte hat ein Riesenunternehmen hinterlassen, sagen kritische Geister; und sie fragen weiter: Sind denn die Wundmahle Pater Pios überhaupt echt? Christian Modehn berichtet

——————————————————————————–

1. O TON: Pater Pio betet Ave Maria, ca. 0 08“ freistehend seine Stimme, dann herunterziehen.

SPRECHER:
Pater Pio betete gern den Rosenkranz. Und stundenlang konnte er im Beichtstuhl reumütige Sünder ermahnen. Nur predigen und schreiben war nie seine Stärke. Als „schlichtes Gemüt“ wurde er schon als junger Mönch bezeichnet: Aber darüber sehen  die 5 Millionen Pilger gern hinweg, die jährlich nach San Giovanni Rotondo in Apulien pilgern. 40 Jahre nach dem Tod des Heiligen lassen sich die Wallfahrtsmananger etwas Neues einfallen: Sie zeigen Pater Pios Leiche in einem Glassarg der Öffentlichkeit. Der Historiker Professor Sergio Luzzatto hat den Pater Pio Kult untersucht:

2. O TON: 0 24“.
Übersetzer
Das katholische System und die Kirche haben ein Interesse daran, die Pilgerfahrten neu zu beleben durch die Ausstellung des Leichnams. Die Kirche will zeigen, dass der Körper ziemlich unversehrt ist, auch wenn man ihn ganz ordentlich herausgeputzt hat. So zeigt man einen Heiligen, der die Gesetze der Biologie verachtet.

SPRECHER:
Nur der Kopf ist verwest, vor allem die einst blutigen  Hände erscheinen jetzt makellos, keine Spur von den Wundmalen Christi. Aber waren diese Stigmata  zu Lebzeiten echt? Professor Luzzatto wollte es genauer wissen, er hatte Zugang zu den vatikanischen Archiven und entdeckte dort merkwürdige Apothekenrechnungen: Der Pater habe sich größere Mengen  Karbolsäure bringen lassen, erzählt Luzzatto. Damit sei es ihm möglich gewesen, entsprechende Wunden zu erzeugen. Gleichzeitig nahm er das Nervengift Veratrin, ein Schmerzmittel. Professor Luzzatto entdeckte auch Stellungnahmen von Theologen und selbst von Papst Johannes dem Dreiundzwanzigsten, nach denen Pater Pio der Scharlatanerie verdächtigt werde. Professor Luzzatto hat diese Erkenntnisse in einem umfangreichen Buch dokumentiert:

3.O TON, 0 16“.
Übersetzer:
Die Verdachtsmomente sind ja nicht von mir. Sie stammen von der Kirche. Die Kirche selbst hat lange Zeit gedacht, die Stigmata seien nicht echt und auch bei seinen Wundern glaubte man, sie seien eher zweifelhafter Natur.

SPRECHER:
Diese Einwände hat Papst Johannes Paul II. mit Bestimmtheit beiseite geschoben, er hat den umstrittenen Pater im Jahr 2002 heilig gesprochen, weil die gläubigen Massen ihn nun einmal so liebten, hieß es:

4. O Ton, insges. 0 30“.  Freistehend 0 08“, Massen jubeln, verwenden, wenn VIVAT zu hören ist, ab 017“

SPRECHER:
Tausendfach werden heute Videos verbreitet, die den greisen Pater Pio müde winkend am Kloster-Fenster zeigen: Die jubelnde Menge ist auch heute noch sicher, durch die Hilfe des Kapuziners wunderbare Hilfe und Heilung zu empfangen

5. O TON, 0 17“
Übersetzer
Es gibt neue Umfragen unter praktizierenden Katholiken Italiens: Demnach beten sie häufiger zu Pater Pio als zur Jungfrau Maria oder zu Christus. Ein Priester mit den Stigmata gilt eben als die wahre Verkörperung Christi.

SPRECHER:
Professor Luzzatto hat in seinem Buch auch die Beziehungen des Wundertäters zum Regime von Benito Mussolini untersucht:

6. O TON, 0 28“.
Übersetzer
Es gab ein herzliches Einverständnis zwischen diesem Priester und dem faschistischen Regime. Der Faschismus versuchte, sich die italienische Folklore zunutze zu machen und auch die volkstümlichen religiösen Kulte. Pater Pio selbst stand den Faschisten nahe. Und die Faschisten ihrerseits waren Pater Pio sehr ergeben.

SPRECHER:
Auf solche Erkenntnisse haben katholische Kreise Italiens in altbekannter Weise reagiert: Sie haben Luzzatto, den Überbringer der unangenehmen Botschaft kritisiert und attackiert und ihn – bezeichnenderweise – als „bösen Juden“ verdächtigt. Der Pater Pio Kult, der auch einiges an Gewinn abwirft, darf offenbar nicht gestört werden. So verbreitet seine Radiostation auch noch das müde Beten des sterbenden Helden:

7. O TON, insges., 0 40“, Pater Pio betet Vater Unser, freistehend ca. 0 07“

Sprecher:
Pater Pios Frömmigkeit war nicht nur naiv und schlicht, sie war durchsetzt von Ängsten vor dem Teufel. Immer wieder warnte der Stigmatisierte vor diabolischen Mächten, auch darauf weist  Professor Luzzatto nachdrücklich hin:

8. O TON, 0 15“.
Übersetzer:
Der Teufel hat auf diesem Weg zur Heiligkeit eine wichtige Rolle gespielt, man denke an die große Versuchung. Und wenn man über Pater Pio forscht, dann muss man auch diese Beziehung zum Teufel zum Schwerpunkt machen.
(frei übersetzt: „kann man sich „nur“ mit dessen Beziehung zum Teufel befassen.“ )

Sprecher:
Am 23. September, soll in allen katholischen Kirchen nicht nur in Italien der Heilige Pater Pio gefeiert. Die Gläubigen können sich im Gebet an ihn wenden und um Hilfe und mit diesen Worten um Beistand bitten. „Heiliger Pater Pio, bitte für uns!“

Bücher von Prof. Luzzatto:
„Padre Pio. Miracoli e politica nell` Italia del Novecento“.
Edit.: Einaudi, 419 Seiten.   Eine englische Übersetzung ist in Vorbereitung.

Auf Deutsch hingegen liegt von Sergio Luzzatto das wichtige Buch vor über den Diktator MUSSOLINI:
„Il Duce. Das Leben nach dem Tod“., Eichborn Verlag 2007.

Blickpunkt Diesseits NDR 6.4. 2008

„Zweifel und Unglaube gehören in die Kirche“
zur Aktualität Reinhold Schneiders – Anlässlich des 50. Todestages
Von Christian Modehn

1.SPR.: Berichterstatter
2.SPR.: Zitator

Moderationshinweis:
Über das Gegeneinander von Glauben und Unglauben, Religion und Atheismus, wird jetzt weltweit gestritten, so heftig, wie schon lange nicht mehr. Fromme, spirituelle Menschen stehen den Verteidigern eines gottlosen Diesseits unversöhnt gegenüber. Ein katholischer Dichter könnte die verhärteten Fronten durchbrechen, Reinhold Schneider ist sein Name. Heute, am 6. April, vor 50 Jahren ist er gestorben: Christian Modehn erinnert an einen Zeitgenossen.

————

2. SPR.:
Das Antlitz Gottes hat sich für mich ganz verdunkelt. Es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Kelter-Treters.

1.SPR.:
Der katholische Dichter Reinhold Schneider beschreibt seine Beziehung zu Gott. Von Glaubensgewissheit oder Hoffnung auf ein ewiges Leben ist keine Rede. Bei einem Aufenthalt in Wien, im Winter 1957 – 58,  hat er Tagebuch geführt und in radikaler Wahrhaftigkeit nur das notiert, was er wirklich noch glauben kann.

2. SPR.:
Ich weiß, dass Christus auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen vermag.

1.SPR.:
Reinhold Schneider, 1903 in Baden-Baden geboren, viel beachteter Autor zahlreicher Romane, Novellen und Erzählungen, hat sich in Wien entschlossen, seine innerste Wahrheit, seinen Glauben am Rande des Unglaubens,  darzustellen, ungeschützt und ohne Rücksicht auf  kirchliche Autoritäten. Er nennt seine spirituelle Entwicklung dort einen „inneren Unfall“, spricht von einem „Hinausgleiten“ aus dem traditionellen Glauben der Kirche.
Seine Tagebuch Notizen wurden 1958 unter dem Titel „Winter in Wien“ veröffentlicht, nur wenige Tage vor seinem Tod hat er das Manuskript dem Herder Verlag übergeben.
Reinhold Schneider hatte Wien besucht, um mit der Sensibilität eines Gott- Suchers den Geist der Stadt zu erfahren. Er spürte der Größe und den Verirrungen des österreichischen Imperiums nach, ließ die monumentalen Kirchen und Klöster in ihrer kalten Pracht auf sich wirken. Trost für seine Seele oder gar Hoffnung auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit findet er in einer dogmatisch geschlossenen Glaubenswelt nicht:

2. SPR.:
Christus ist für mich nicht der allmächtige Ordner der Welt. Die Beweise Gottes helfen nichts. Werden denn die Gläubigen noch innerlich bewegt, wenn gezeigt wird: Gott kann auch noch auf krummen Zeilen gerade schreiben?

1.SPR.:
Reinhold Schneider, der vielseitig gebildete Autor, bezieht sich im Wiener Winter auch auf die Natur, lässt den wilden Kampf ums Überleben in der Tierwelt auf sich wirken: Er findet das ewig wiederkehrende Naturgeschehen von Fressen und Gefressenwerden auch in dem zerstörerischen Wahn kriegerischer Auseinandersetzungen wieder. Die Fratze des Sinnlosen starrt ihm überall entgegen. Und er hat als gläubiger Katholik den Mut, von der Ohnmacht Gottes zu sprechen:

2. SPR.:
Wie viele Fesseln hat Gott nicht abgenommen. Wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf. Gott ist da, aber nur mit unbedeckten Wunden.
1.SPR.:
Gott wird nur noch als der mit der Schöpfung Leidende, als der machtlose Gott erlebt. Der Widerspruch zur offiziellen Lehre ist eindeutig, kein Wort mehr von dem Gott, „der alles so herrlich regieret“. Dabei galt Reinhold Schneider Jahre lang als Vorbild, als Inbegriff eines christlichen Dichters: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zahllosen Menschen spirituell beigestanden, als „dichtender Sanitäter“, wie er sagte: Mehr als 30.000 Briefe Reinhold Schneiders in die Lazarette und Lager, in die Gefängnisse und Bunker sind erhalten: Sie sind Zeugnisse eines Glaubens,  der inmitten der totalen Vernichtung vor einer abgründigen Verzweiflung bewahren und Mut zum Überleben machen wollen. Die Geschwister Scholl waren begeisterte Leser seiner Publikationen. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre hat sich der Schriftsteller Reinhold Schneider, 1903 in Baden- Baden geboren, zum katholischen Glauben bekehrt: Seine zahlreichen Bücher und Studien sind jedoch kein Seelentrost, keine Verkündigung, sondern Analyse machtpolitischer Verhältnisse. (, etwa das viel beachtete Werk „Las Casas vor Karl V.“  Es handelt von der Vernichtung der indianischen Völker durch die spanischen Kolonisten). Aber mit dem so genannten Wiederaufbau nach 45 kommen Reinhold Schneiders immer mehr Zweifel an der Wirkkraft des Religiösen: Die Wiederbewaffnung Deutschlands in der Adenauer Zeit können Gläubige nicht verhindern, so werden  kriegerische Ambitionen wieder wahrscheinlich. Schneider leidet darunter, dass die meisten Theologen  die Katastrophen der Nazizeit verdrängen. Deren Publikationen nennt nichts als Narkose, Betäubung. Die überlieferten Lehren  der christlichen Kirchen erscheinen ihm wie kraftlose Floskeln. Die offizielle Glaubenslehre wird für ihn zur Indoktrination, zur Weltanschauung und  Ideologie.
In dieser Überzeugung machte er sich auf nach Wien, offenbar will er zu einer letzten radikalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber finden. Dabei verschweigt er nicht sein seelisches Leiden, den Kampf gegen die Depressionen. Aber er meint: Depressive Menschen haben religiös etwas zu sagen, sie können z.B. von einem banalen Jubel-Katholizismus befreien. Am Ende seines Wiener Winters gibt er offen zu, am Rande Unglaubens zu leben. Er fühlt sich den Skeptikern, den Zweifelnden, den Atheisten verbunden. Aber er hat noch die Kraft, sich in leeren kleine Gotteshäuser zu setzen und den fernen Gott anzusprechen im Gebet, in einer Art Poesie, die sich wie in eine Leere hinein artikuliert. Reinhold Schneider hat seiner Kirche einschärfen wollen:

2. SPR.:
Es muss einen Platz für den Unglauben und den Zweifel in der Kirche geben.

1.SPR.:
In Reinhold Schneiders autobiografischer Theologie können sich heute religiöse und atheistische Menschen wieder finden. Denn ihnen wird sozusagen eine gemeinsame Gesprächsebene vorgeschlagen: Das Zerbrechen der alten Gottesbilder, das Warten auf etwas Neues. Und damit die Annahme einer augenblicklichen Leere, vielleicht sogar des Nichts.

——
Das Buch in „Winter Wien“ ist anch wie vor, wie die meisten anderen Werke Schneiders, im Buchhandel erhältlich.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ohne Kommentar.