Ein Katholik wird ungläubig. Reinhold Schneiders Aktualität

6. Mrz 2010 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

„Zweifel und Unglaube gehören in die Kirche“
Zur Aktualität Reinhold Schneiders

Hinweise von Christian Modehn

(Dieser Beitrag bezieht sich nur auf die religiöse Krise, die Reinhold Schneider in Wien erlebte. Es wäre gleichermaßen wichtig zu dokumentieren, in welcher Weise der offizielle Katholizismus nach 1945 Reinhold Schneider ausgrenzte: Einst als konservativer katholischer Autor gerühmt, wurde er nach 1945 wegen seines friedenspolitischen Engagements diffamiert. Daran hat z.B. mehrfach Heinrich Böll erinnert, etwa in seinem Nachwort zu Carl Amerys Buch „Die Kapitulation. Oder deutscher Katholizismus heute“ , 1963).

Über das Gegeneinander von Glauben und Unglauben, Religion und Atheismus, wird wieder weltweit gestritten. Spirituelle, religiöse Menschen stehen den Verteidigern eines gottlosen Diesseits ziemlich unversöhnt gegenüber. Ein katholischer Dichter könnte die verhärteten Fronten etwas „auflockern“: Der inzwischen fast vergessene Reinhold Schneider (1903 bis 1958) bleibt gerade zu dem Thema „modern“ und zeitgemäß.

„Das Antlitz Gottes hat sich für mich ganz verdunkelt. Es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Kelter-Treters“. So beschreibt der katholische Dichter Reinhold Schneider gegen Ende seines Lebens seine Beziehung zu Gott. Von Glaubensgewissheit oder Hoffnung auf ein ewiges Leben ist keine Rede. Bei einem Aufenthalt in Wien, im Winter 1957 – 58, hat er Tagebuch geführt und in radikaler Wahrhaftigkeit nur das notiert, was er wirklich noch glauben kann, was für ihn noch „wirklich“ ist. „Ich weiß, dass Christus auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen vermag“.
Reinhold Schneider, 1903 in Baden-Baden geboren, viel beachteter Autor zahlreicher Romane, Novellen und Erzählungen, hat sich in Wien entschlossen, seine innerste Wahrheit, seinen Glauben am Rande des Unglaubens, darzustellen, ungeschützt und ohne jede Rücksicht auf kirchliche Autoritäten. Er nennt seine spirituelle Entwicklung einen „inneren Unfall“, spricht von einem „Hinausgleiten“ aus dem traditionellen Glauben der Kirche. Seine Tagebuch Notizen wurden 1958 unter dem Titel „Winter in Wien“ veröffentlicht, nur wenige Tage vor seinem Tod hat er das Manuskript dem Herder Verlag übergeben.
Reinhold Schneider hatte Wien besucht, um mit der Sensibilität eines Gott- Suchers den „Geist dieser Stadt“ zu erfahren. Er spürte der Größe und den Verirrungen des österreichischen Imperiums nach, ließ die monumentalen Kirchen und Klöster in ihrer kalten Pracht auf sich wirken. Trost für seine Seele oder gar Hoffnung auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit findet er in einer dogmatisch geschlossenen Glaubenswelt nicht: „Christus ist für mich nicht der allmächtige Ordner der Welt. Die Beweise Gottes helfen nichts. Werden denn die Gläubigen noch innerlich bewegt, wenn gezeigt wird: Gott kann auch noch auf krummen Zeilen gerade schreiben?“
Reinhold Schneider, der vielseitig gebildete Autor, bezieht sich im Wiener Winter auch auf die Natur, lässt den wilden Kampf ums Überleben in der Tierwelt auf sich wirken: Er findet das ewig wiederkehrende Naturgeschehen von Fressen und Gefressenwerden auch in dem zerstörerischen Wahn kriegerischer Auseinandersetzungen wieder. Die Fratze des Sinnlosen starrt ihm überall entgegen. Und er hat als gläubiger Katholik den Mut, von der Ohnmacht Gottes zu sprechen: „Wie viele Fesseln hat Gott nicht abgenommen. Wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf. Gott ist da, aber nur mit unbedeckten Wunden“.
Gott wird nur noch als der mit der Schöpfung Leidende, als der machtlose Gott erlebt. Der Widerspruch zur offiziellen Lehre ist eindeutig, kein Wort mehr von dem Gott, „der alles so herrlich regieret“. Dieses Kirchenlied („Lobe den Herren“) erscheint ihm geradezu lächerlich. Wie kann man so etwas noch ernsthaft singen? Dabei galt Reinhold Schneider Jahre lang als Vorbild, als Inbegriff eines christlichen Dichters: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zahllosen Menschen spirituell beigestanden, als „dichtender Sanitäter“, wie er sagte: Mehr als 30.000 Briefe Reinhold Schneiders in die Lazarette und Lager, in die Gefängnisse und Bunker sind erhalten: Sie sind Zeugnisse eines Glaubens, der inmitten der totalen Vernichtung vor einer abgründigen Verzweiflung bewahren und Mut zum Überleben machen wollen. Die Geschwister Scholl waren begeisterte Leser seiner Publikationen. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre hat sich der Schriftsteller Reinhold Schneider, 1903 in Baden- Baden geboren, zum katholischen Glauben bekehrt: Seine zahlreichen Bücher und Studien sind jedoch kein Seelentrost, keine Verkündigung, sondern Analyse machtpolitischer Verhältnisse, etwa das viel beachtete Werk „Las Casas vor Karl V.“ Es handelt von der Vernichtung der indianischen Völker durch die spanischen katholischen Kolonisten. Aber mit dem so genannten Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 kommen Reinhold Schneiders immer mehr Zweifel an der Wirkkraft des Religiösen: Die Wiederbewaffnung Deutschlands in der Adenauer Zeit können Gläubige nicht verhindern, so werden kriegerische Ambitionen wieder wahrscheinlich. Schneider leidet darunter, dass die meisten Theologen die Katastrophen der Nazizeit verdrängen. Deren Publikationen nennt er nichts als Narkose, Betäubung. Die überlieferten Lehren der christlichen Kirchen erscheinen ihm wie kraftlose Floskeln. Die offizielle Glaubenslehre, auch die Theologie, wird für ihn zur Indoktrination, zur Weltanschauung und Ideologie. Entsprechend ablehnend waren den auch die Reaktionen der Mächtige in Staat und Kirche.
Aber in dieser kritischen Distanz zum Überlieferten machte er sich auf, will Wien „von Innen her kennenlernen“, offenbar möchte er zu einer letzten radikalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber finden. Dabei verschweigt er nicht sein seelisches Leiden, den Kampf gegen die Depressionen. Aber er meint: Depressive Menschen haben religiös etwas zu sagen, sie können z.B. von einem banalen Jubel-Katholizismus befreien. Am Ende seines Wiener Winters gibt er offen zu, am Rande Unglaubens zu leben. Er fühlt sich den Skeptikern, den Zweifelnden, den Atheisten tief verbunden. Aber er hat noch die Kraft, sich in leere kleine Kirchen zu setzen und den fernen Gott anzusprechen im Gebet, in einer Art Poesie, die sich wie in eine Leere hinein artikuliert. Reinhold Schneider hat seiner Kirche einschärfen wollen: „Es muss einen Platz für den Unglauben und den Zweifel in der Kirche geben“. In Reinhold Schneiders autobiografischer Theologie können sich heute religiöse und vielleicht auch atheistische Menschen wieder finden. Denn ihnen wird sozusagen eine gemeinsame Gesprächsebene vorgeschlagen: Das Zerbrechen der Gottesbilder, das Warten auf Neues. Wichtig bleibt das Annehmen der Leere, vielleicht sogar des Nichts. Vergessen wir nicht, welches Leitwort sich Reinhold Schneider für „Winter in Wien“ gewählt hat:

„Sterbliche Gedanken soll der Sterbliche hegen. Nicht unsterbliche Gedanken der Sterbliche“.
Epicharmos aus Krastos. (Philosoph, 540 – 460 vor Chr.)

Das Buch in „Winter Wien“ ist nach wie vor wie die meisten anderen Werke Schneiders im Buchhandel erhältlich.

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