Humanistischer Islam. Menschenrechte sind wichtiger als die religiösen Gesetze

7. Mrz 2010 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Interkultureller Dialog

Für einen humanistischen Islam
Wenn Menschenrechte wichtiger sind als Gottes Gebote

Von Christian Modehn
Diesem Beitrag liegt eine Radiosendung für den NDR zugrunde.

„Ich habe persönlich nichts gegen den Koran. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab wohl etwas dagegen, dass man mit diesem Buch oder im Namen dieses Buches Menschen unterdrückt“.
Hamed Abdel – Samad weiß genau, wovon er spricht: 1972 in einem Dorf in Ägypten geboren, lernte er schon als Kind große Teile des Korans auswendig, eine Ehrensache für den Sohn eines Imams. Aber „Allah, der Barmherzige“, stand dem Knaben nicht bei, als Männer über ihn herfielen und vergewaltigen. Anzeige zu erstatten war unmöglich in einer Kultur, die jegliches Sprechen über Sexualität als ein Tabu betrachtet. Der Alltag war von Gewalt bestimmt: Der Hausvater durfte die „eigenwillige“ Mutter verprügeln und die Kinder „selbstverständlich“ auch. Mädchen mussten die Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen, weil die Gebote des Korans es angeblich so verlangten. Erst in Europa hat sich Abdel – Samad aus der religiösen Unterdrückung befreien können. „Mein Abschied vom Himmel“ heißt sein neues Buch. Es ist ein Plädoyer für einen aufgeklärten, einen menschenfreundlichen Islam:
„Keine Kultur kann sich entwickeln, ohne sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen. So ging es allen Kulturen der Moderne, sie mussten sich dem Westen öffnen. Und nicht nur die Instrumente der Moderne, sondern auch den Geist der Moderne ausleihen. Das bedeutet Individualismus, Einhaltung der Menschenrechte, Selbstkritik“.
Seit 13 Jahren lebt Hamed Abdel – Samad in Deutschland. Hier hat er die demokratische Kultur des Westens schätzen gelernt, in München arbeitet er inzwischen als Politologe und Islamforscher. Sein arabischer Name bedeutet: „Dankbarer Sklave Gottes“. Dieser Bezeichnung will er heute nicht mehr entsprechen. Hamed Abdel – Samad schreibt in seinem Buch:
„Ich nahm Abschied von einem Glauben, der Andersdenkende und Andersgläubige schikaniert und die eigenen Anhänger in die Isolation treibt, so dass sie keine Antworten mehr auf das Weltgeschehen finden außer Wut und Verschwörungstheorien. Dieser Glaube macht die Menschen entweder passiv oder explosiv“.
Diese lebensfeindliche Alternative gilt es zu überwinden in einer radikalen Erneuerung des Islams:
„Ich würde es mir wünschen, dass mehr muslimische Intellektuelle in Europa sich für diese Reformen einsetzen. Ich sehe aber, dass viele von ihnen mit sich selbst beschäftigt sind, mit der bedingungslosen Verteidigung des Islam. Das hilft niemandem, das hilft Muslimen nicht, das hilft Europäern nicht. Wir haben hier eine privilegierte Situation, dass man in Freiheit lebt, dass man schreiben und sagen kann, was man will. Und statt sich für Reformen in der islamischen Welt einzusetzen, sind viele leider Gottes damit beschäftigt, das Islam Image aufzupolieren“.
Im deutschsprachigen Raum ist der Kreis der Reformer des Islams nicht sehr groß. Nur einige Intellektuelle treten in öffentlichen Debatten hervor. Die so genannte Basis, die „normalen Frommen“ und die Besucher von Moscheen, äußern sich kaum über die Qualität muslimischer Theologie. In der Schweiz allerdings gibt es seit 5 Jahren eine Art Bürgerbewegung für einen humanistischen Islam. Saida Keller – Messahli, in Tunesien geboren, hätte eigentlich in ihrer neuen Heimat, in Zürich, genug zu tun als Lehrerin für Romanistik. Aber sie wollte praktisch beweisen, dass es auch einen anderen, einen progressiven Islam geben kann.
„Mir wurde einfach klar, dass ich immer Unbehagen hatte, wenn ich Vertreter von islamischen Organisationen in der Schweiz hörte im Namen aller Muslime sprechen. Das hat mich unheimlich gestört. Weil die haben auch über mich gesprochen, für mich, und ich wollte das einfach nicht mehr. Und dann hab ich mir gesagt: jetzt mach du auch etwas, du kannst nicht nur klagen“,
Und so gründete Saida Keller Messahli das „Forum progressiver Islam“: In dem Gesprächskreis treffen sich Muslime, die den Glauben an Allah mit der demokratischen Kultur versöhnen wollen:
„Ich hatte diese Idee, dieses Forum zu gründen und hatte sehr viele Schwierigkeiten, Leute davon zu überzeugen. Die Reaktion war sehr ambivalent. Sicher dreiviertel der Leute, die ich gefragt, sagten: Wir müssen unbedingt so etwas machen. Aber: Ich würde mich nie getrauen, das zu machen. Also, die Angst vor den organisierten Muslimen! Und als ich merkte, das viele Angst haben, war mir wie zusätzlicher Antrieb, unbedingt das zu machen. Weil ich dachte, das kann es ja nicht sein, dass alle schweigen“.
Inzwischen setzen sich 150 Frauen und Männer in der Schweiz für einen humanistischen Islam ein. Ihnen ist das kritische Studium des Korans besonders wichtig:
„Diese heilige Schrift ist aus dem 7. Jahrhundert, und wir leben im 21. Jahrhundert. Und es kann nicht sein, dass wir die Entwicklung von 1400 Jahren in der Menschheitsgeschichte einfach ignorieren. Das heißt: Wenn diese Vorschrift sagt: Einem Dieb muss man den Arm abhacken, das macht man heute in Saudi Arabien oder in Afghanistan oder in Pakistan, dann sagen wir: Das darf nicht sein: Jeder Mensch ein schützenswertes Menschenrecht auf körperliche Integrität hat. Also ist diese Vorschrift wegzuschaffen. Menschenrechte, demokratische Regeln und internationales Recht sollen höher gewertet sein und stehen höher als jede religiöse Vorschrift“.
Die Reformvorschläge könnten radikaler kaum sein: Menschenrechte sollen im Islam wichtiger sein als religiöse Gesetze. Und die menschliche Vernunft soll darüber entscheiden, welche religiösen Traditionen heute noch Gültigkeit haben. Nur in dieser Haltung glaubt Saida Keller – Messahli den religiös gefärbten islamischen Extremismus abwehren zu können:
„Der Missbrauch dieser heiligen Schrift ist enorm. Wer ist schon demokratisch an die Macht gekommen? Niemand. Jedes Staatsoberhaupt legitimiert seine Macht durch Gott“.
Die Reform – Muslima erinnert sich bei aller Kritik gern an die Traditionen eines menschenfreundlichen islamischen Glaubens.
„Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Und dennoch: Ich vermisse ihre Haltung zur Religion so stark wie nie. Sie haben den Islam so humorvoll gelebt. Mein Vater trank sehr gern Wein z.B. Und wenn ihm einer wagte zu sagen, warum trinkst du? Dann sagte er: Hör mal zu: Glaube hat gar nichts damit zu tun, was ich in meinem Glas habe. Belästige mich nicht mehr. Mein Vater war Bauer, meine Mutter Hausfrau, und haben für sich die Haltung entwickelt, dass man die Großzügigkeit haben muss zu akzeptieren, dass ein anderer Religion anders macht“.
…und eben auch andere Kleider trägt als seine Nachbarin:
„Mein Problem ist, dass jene Frauen, die die Burka tragen, mich diskriminieren. Und das kann ich nicht akzeptieren, Wenn sie das einfach für sich machen würden. Das Problem ist, dass sie das im öffentlichen Raum tun und immer mit dem immanenten Vorwurf gegen alle anderen, die das nicht so machen. Es gibt Kopftuch und Kopftuch. Es gibt Kopftücher, die sind politisch dermaßen aufgeladen, die empfinde ich als Affront. Und es gibt ein Kopftuch, so wie es meine Mutter trägt, wo man die Haare auch sehen darf, das überhaupt nicht politisch aufgeladen ist“.
Aber die politischen Machthaber haben einen totalen Anspruch: Über ihre Kleider Vorschriften wollen sie auch die Sexualität kontrollieren.
„Die ganze Verhüllungsgeschichte, das machen sie, weil sie ein riesiges Problem mit der Sexualität haben im Leben. Und dieses Problem ist so gigantisch, es findet hinter der Kulisse statt und nur nach ganz bestimmten festgelegten Regeln, also vor der Ehe nicht, nach der Ehe nicht. Dadurch haben diese jungen Männer keine Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen mit einer Frau, weil die Frau darf auch keine Sexualität aus leben vor der Ehe. Und sehr oft sind die Männer von Natur aus gar nicht homosexuell, sondern sie haben keine andere Wahl, als ihre sexuellen Erfahrungen mit einem Mann zu machen, d.h. sie werden gezwungen, etwas zu machen, was sie gar nicht wollen. Das ist politisch bedingt und auch sozial bedingt“.
Die Reform des Islams kann auf die freie Aussprache über die Sexualität und die Rechte der Frauen niemals verzichten. Manchmal können solche Gespräche auch in der Öffentlichkeit arabischer Länder angestoßen werden. Die Politologin Elham Manea hat das erlebt. Sie stammt aus dem Jemen; auf beinahe wunderbare Weise konnte sie ihr Buch über die „Frauenfrage im Islam“ noch in der muslimischen Welt veröffentlichen:
„Dass ich das gemacht habe auf Arabisch, publiziert in Beirut, aber auch in Jemen, war einfach klar und deutlich meine Meinung betreffend Frauenrechte, Frauensituationen in unserer Gesellschaft klar und deutlich zu sagen.
Es wurde als Skandal betrachtet am Anfang, aber die Tatsache, dass ich das überlebte, hat mir wie einen Schwupps gegeben.
Vor dem 11. Sept. habe ich nichts gesagt. Ich habe einfach geschluckt,
Wenn man nicht dagegen steht, dann macht man mit auch“.
Elham Manea lebt inzwischen in der Schweiz, auch sie ist Mitglied des Forums für einen humanistischen Islam. Die Kritik an einem machtvollen Islam ist für sie selbstverständlich; aber sie legt Wert darauf, nicht mit einer Atheistin, einer „Ex-Muslimin“ verwechselt zu werden.
„Es geht um humanistischen Islam, d.h.in unserer Freiheit unser Leben zu gestalten, wie wir wollen“.
Elham Manea hat ihre Lebensphilosophie in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ auf den Punkt gebracht:
„Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“.
Als Dozentin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans, seine Textgestalt.
„Wenn wir eine Reformation wirklich durchsetzen wollen, dann müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur von dem heiligen Text. Die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“.
Worte, die für die meisten Muslime heute als einen Skandal empfinden. Denn sie werden seit Jahrhunderten von ihren Herrschern belehrt: Der Koran sei eine völlig eigenständige Literaturgattung, sie entziehe sich dem vernünftigem Begreifen des Menschen. Als „ewiges Wort Gottes“ sollte man den Text nicht in den Zusammenhang der Geschichte stellen. Aber gerade davon sind heute humanistische Islamtheologen überzeugt. Weltweit bekannt ist z.B. der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid. Er plädierte schon 1990 in seiner Heimat für eine menschliche Verstehensweise des „Heiligen Buches“. Ihm gelang der Nachweis, dass mehrere Autoren die einzelnen Verse des Korans zu einem Buch zusammengefügt haben. Wegen dieser historisch – kritischen Koranlektüre wurde Abu Zaid als Apostat, als Atheist, verurteilt, er musste nach Holland fliehen. Heute ist er Professor an der Humanistischen Universität von Utrecht:
„Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.
Die Autoren des Korans konnten wie alle anderen spirituellen Schriftsteller gar nicht anders, als ihre eigenen begrenzten Traditionen mit allgemein gültigen Weisheitslehren zu vermischen. Historisch Bedingtes muss nun von bleibend Gültigen unterschieden werden. Daran arbeiten die Reformer des Islams heute. Einer von ihnen ist Rachid Benzine, er stammt aus Marokko und lehrt heute als Islamwissenschaftler im französischen Aix en Provence:
„Unsere Dogmen wurden in der Geschichte erarbeitet, sie sind die Ergebnisse der Geschichte, sie sind an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem universalen Gedanken des Korans und seiner historischen Sprache. Es muss ein neues Verständnis des Korans entstehen, einen neuen Horizont, in dem sich sein Sinn zeigt, eine neue Hoffnung gerade für Leute, die heute an ihm verzweifeln. Denn im Namen unumstößlicher Wahrheiten hat man Menschen ermordet, die nicht die gleiche Glaubenswahrheit teilen. Wir müssen heute verstehen, dass es keine Religion gibt, die vollständig wahr oder vollständig falsch ist. Wir müssen die Relativität der Glaubenssysteme erkennen. Wenn wir unsere religiösen Texte betrachten, die sich als Wort Gottes verstehen, dann gibt es immer darin angeblich Worte des Lebens, die sich aber in Worte des Todes verwandeln“.
Vorbilder für ihre tolerante Glaubenshaltung finden die Islam Reformer in der weiten Vergangenheit, etwa bei den Sufi Mystikern im Mittelalter, wie z.B. bei Ibn Arabi, der im 12. Jahrhundert in Andalusien lebte und dort schrieb:
„Mein Herz ist bereit zur Aufnahme von jeder religiösen Form. Mein Herz wurde ein Kloster für Mönche, ein Tempel für heidnische Götter und die Kaaba des muslimischen Pilgers, mein Herz wurde ein Platz für die Tafeln der jüdischen Tora und der Lehren des Korans. Ich folge einzig der Religion der Liebe“.
Diese mystischen Traditionen der religiösen Toleranz gingen im Islam nie ganz verloren. Und auch das kritische Forschen ist nie ganz verloren gegangen. Aber Islam – Wissenschaftler riskierten ihr Leben, als sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Koran als einen literarischen Text interpretierten, wie die Professoren Al-Khuli oder Ahmand Kalafallah in Ägypten.
Die heutigen Reformer des Islams arbeiten eng mit nicht – muslimischen Wissenschaftlern zusammen. Georges Tamer z.B. arbeitet an der Ohio State University. Er ist Christ und stammt aus dem Libanon. In Deutschland hat er Islamwissenschaften studiert. Tamer setzt sich mit fundamentalistischen Strömungen auseinander, die behaupten: Heutige Herrscher in arabischen Staaten müssen Weltliches und Religiöses in einer Hand vereinen. Professor Tamer:
„Nur zu Zeiten des Propheten waren die Belange des Staates und einer religiösen Gemeinschaft in einer Hand. Das ist aber die prophetische Ära im Islam. Der Anspruch, dass man beides in einem haben müsse, ist einfach der Anspruch, die prophetische Ära wieder zu beleben. Und das kann nicht möglich sein, weil man dafür einen Propheten braucht. Und es gibt im Islam die Lehre, dass Mohammed der letzte Prophet ist. Die prophetische Ära ist auch nach gutem islamischen Verständnis schon vorbei. Und nicht wiederholbar“.
Eine fundamentalistische Verschmelzung von weltlicher Herrschaft und religiöser Führung verbietet der Koran, eine Erkenntnis, die für Länder wie den Iran oder Saudi Arabien wie eine Art Kriegserklärung erscheinen muss. Der Staat, so heißt es dort, solle völlig von der Scharia, dem religiösen Gesetz, bestimmt sein. Wie reagieren die Studenten, wenn diese Ideologie zurückgewiesen wird? Professor Tamer:
„Es ist immer beim ersten Mal ein Schock. Aber wenn man intensiver ins Gespräch einsteigt und auf Dauer wirken solche Gespräche einiges. Es hat Auswirkungen auch in muslimischen Gesellschaften. Ich bin davon überzeugt, dass solche Bemühungen ausstrahlen“.
Über das Internet werden diese weltweit verbreitet. Auch das gebildete Publikum in der arabischen Welt verlangt förmlich nach wissenschaftlichen Informationen. Hamded Abdel – Samad musste sein Buch „Abschied vom Himmel“ allerdings offiziell einen „Roman“ nennen, um vor der ägyptischen Zensur bestehen zu können:
„Also ich spreche nicht nur in islamischen Kreisen in Deutschland darüber. Ich spreche in Ägypten und in arabischen Ländern. Ich schreibe auch darüber wöchentlich in einer ägyptischen Zeitung. Und das, was ich hier sage, sage ich in der islamischen Welt. Ich habe auch viel Wert darauf gelegt, dass das Buch zuerst auch in Ägypten erschienen war“.
Mit den Islam Reformern im Westen arbeiten bereits einzelne Wissenschaftler in arabischen Ländern zusammen. Saida Keller Messahli berichtet von einer befreundeten Islam Spezialistin in Nordafrika:
„Die forscht auch über Tabuthemen, und macht das clandestin. D.h. ihre Forschung darf sie nicht gegen außen vertreten. Sie forscht über Apostasie. Das ist ein absolutes Tabu. Wenn jemand von Ihnen erfährt, dass sie sich offiziell von Gott verabschiedet haben, dann riskieren sie ihr Leben. Und sie trifft diese Leute, zuerst anonym, sie schickt ihnen Fragebogen, und spielen sich sehr viele Tragödien ab in diesem Sinn“.
Die Vertreter des humanistischen Islams sind vor allem Kritiker ihrer Religion. Aber sie fühlen sich als Demokraten immer auch den Menschenrechten verpflichtet und damit der Religionsfreiheit. Darum erheben sie nach wie vor ihre Stimme, etwa gegen den Baustopp von Minaretten etwa in der Schweiz:
„Man kann nicht den Bau eines Minaretts in der Verfassung verbieten. Religionsfreiheit heißt nicht nur, seine Religion frei wählen zu können, es heißt auch, seine Religion praktizieren u können.
Ich hab sehr viel auszusetzen an islamischen Organisationen in der Schweiz, das ich tu ich regelmäßig. Aber man kann nicht ein Menschenrecht beschneiden mit der Begründung von Ehrenmorden oder was auch immer .Sie verhindern keine Ehrenmorde, wenn sie einen Turm verbieten“.
Wieder den Sinn für Nuancen entwickeln und Pauschalurteile zurückweisen: Elham Manea widerspricht in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ z. B. dem beliebten Klischee, „die“ Terroristen aus der arabischen Welt seien nur „islamisch“ geprägt:
„Die Menschen, die diese Gräueltaten begingen, benutzten den Islam als Rechtfertigung für ihr Handeln. Aber die Verwendung des Adjektivs „islamisch“ trägt nicht dazu bei, den Feind greifbarer zu machen. Sie fördert lediglich seine Obskurität, was das Angstgefühl noch verstärkte“.
Denn die Terroristen sind vor aller religiösen Identität zuerst Mörder und Verbrecher, Menschen, die auf diese Weise ihre Frustration über die eigenen korrupten Herrscher oder die „westliche Dekadenz“ „abarbeiten“ wollen. …Angesichts dieser Verhältnisse erwarten die Reformer keinen unmittelbaren Erfolg ihrer Arbeit, betont Elham Manea:
„Ich werde nicht versuchen, die Generationen, die jetzt hier leben, zu ändern. Ich versuche eher die Jungen, die in die Schule gehen, zu ändern. Es ist wichtig, dass wir mit dieser Generation arbeiten, dass wir ihnen eine Alternative bieten.
Es gibt es die andere, die offen sind, die sind bereit, einen anderen Weg zu haben“.
Die Reformer des Islam sind nicht bereit, Demokratie und Menschenrechte nur als begrenzten Ausdruck ausschließlich westlicher Werte anzusehen. Sie sind überzeugt: Demokratie und Menschenrechte sind von universaler Bedeutung für alle Menschen, selbst wenn sie in einer bestimmten Tradition Europas entstanden sind. Und den Glauben des einzelnen in die Privatsphäre zu setzen, ist nicht bloß für Europäer oder Christen gültig: Saida Keller Messahli:
„Die Glaubensfrage ist eigentlich die intimste Frage, die man jemandem stellen kann. Es ist immer ein Missverständnis zu meinen, das Intimste sei der Körper. Das ist ein absolutes Missverständnis. Das Intimste ist die Glaubensfrage, d.h. jene Frage, die ein Mensch zuinnerst mit sich herumträgt, und diese Frage muss ich ja niemandem beantworten. Es ist mein Recht, diese Frage für mich zu behalten, nicht so dogmatisch zu glauben wie von mir erwartet wird. Ja, ich nehme mir diese Freiheit“.
Der Humanistische Islam wird Zukunft haben, weil sich die Muslime nicht mehr davon abbringen lassen, ihren eigenen, individuell gefärbten Glauben zu pflegen: Elham Manea:
„Ich glaube an Gott, ich glaube nicht an einen Text, ich glaube nicht an ein Buch. Ich glaube an Gott. Und es bleibt diese spirituelle Beziehung, trotz aller meiner Zweifel, aller meiner Rationalität bis heute. Religion lebt noch, aber in verschiedenen Formen privater Sphäre, man sieht einfach das nicht, das ist alles“.
In der „privaten“ Welt lebt die Religion, und dort bildet sich auch eine neue Spiritualität. Islam Reformer wie Hamded Abdel Samad stellen sich die Frage: Wie kann in dieser individualistischen Frömmigkeit Gott beschrieben werden?
„Das, was jeder für sich selber entdeckt, und nicht irgendjemand von oben, der das diktiert. Nicht der Patriarch, der über alles herrscht. Kein Gott, der nur diktiert, aber niemals verhandelt“.
Hamed Abdel – Samad hat sich von einem feudalistischen, wenn nicht diktatorischen Gottesbild befreit zugunsten eines Gottes, der als „oberster Garant der Demokratie“! verehrt werden kann. Dass diese Überzeugung keine neue ideologische Verblendung ist, steht außer Frage: Denn Gott, der Barmherzige, kann nur als Menschenfreund verehrt werden, wenn er tatsächlich in gleicher Weise aller Menschen Freund ist, vor allem der Unterdrückten. Aber diese Überzeugung heute öffentlich zu äußern, ist lebensgefährlich: In seinem Buch „Mein Abschied vom Himmel“ schreibt Hamed Abdel Samad:
„Vor dreizehn Jahren verließ ich Ägypten mit der Hoffnung, in Freiheit leben zu können. Nun bin ich sogar mitten in Europa auf Polizeischutz angewiesen, weil ich von meinem Recht auf freie Meinung Gebrauch mache. Ich bin lediglich Teil eines Konfliktes zwischen Absolutismus und Ambivalenz, Dogma und Vernunft, Monokultur und Vielfalt. Dieser Konflikt beschränkt sich allerdings nicht auf den Islam“.

Literatur:
Hamed Abdel – Samad, Mein Abschied vom Himmel. Fackelträger Verlag, Köln, 2009, 312 Seiten, 19.50 Euro.

Elham Manea, Ich will nicht mehr schweigen. Herder Verlag 2009, 200 Seiten. 17,95 Euro.

Nasr Hamid Abu Zaid, Gottes Menschenwort. Für ein humanistisches Verständnis des Koran. Herder verlag 2008, 235 Seiten. 15 Euro.

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