Gegen Hysterie und Nervosität: Was Fasten heute bedeutet. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

25. Feb 2016 | von | Themenbereich: Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

Weiterdenken: 3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Gegen Hysterie und Nervosität: Was Fasten heute bedeutet

Die Fragen stellte Christian Modehn

Fasten hat sich längst als Begriff und als Realität auch außerhalb der Kirchen etabliert. Fasten gehört zur „Wellness-Kultur“, z. B. mit ihrer Suche nach dem idealen Körpergewicht. Könnte Fasten und Fastenzeit nicht auch ganz neue Bedeutung gewinnen? Was denken Sie davon, z.B. das Fasten mit dem Unterbrechen eingeschliffener Denkgewohnheit zu verbinden? Gehört nicht auch die Unterbrechung zum Kern religiösen Lebens?

Zeiten des Fastens gehören seit jeher in nahezu allen Religionen zu eben den Praktiken, mit denen sie zur Prägung der individuellen Lebensform beitragen. Heute wird das Fasten allerdings nicht mehr praktiziert, weil es ein religiöses Gesetz gebietet, sondern weil es Menschen hilft, bewusster und aufmerksamer mit sich selbst und ihrer Welt umzugehen. Ein Ausdruck unserer „Wellness-Kultur“ sei das Fasten geworden, sagen Sie zu Recht. Gerade weil das Fasten für uns Heutige nicht mehr zu den religiösen Pflichten gehört, können wir umso besser seinen zutiefst menschlichen Sinn erkennen. Jetzt sehen wir, wie gut es uns tut, Auszeiten zu schaffen, „Unterbrechungen“ im Gewohnten, wie Sie formulieren – und gerade das Fasten eine solche Unterbrechungspraxis ist, die uns mit Leib und Seele in Anspruch nimmt und verändern kann.

Ebenso wichtig scheint es mir deshalb, die spirituelle Dimension des Fastens zu erkennen. Es kann nicht nur dazu helfen, aus den Alltagsroutinen herauszukommen, das Getriebe, in dem wir oft allzu bereitwillig funktionieren, für eine gewisse Zeit anzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Die Unterbrechung des Alltäglichen, die das Fasten ermöglicht, kann zu einem bewussteren Leben verhelfen. Es führt dazu, dass sich wieder stärkere Resonanzen zwischen mir und der Welt aufbauen, dass ich mich schließlich im Denken neu in der Welt orientiere. Eingeschliffene Selbstverständlichkeiten werden fraglich, die aufs Ganze gehenden Sinnfragen können aufbrechen: Was ist mir wirklich wichtig? Wofür will ich mich einsetzen? Was gibt mir das Gefühl, nicht vergeblich zu leben?

Der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) warb für den sonntäglichen Gottesdienst, indem er ihn als eine Gelegenheit zur „Unterbrechung des geschäftigen Lebens“ pries. Die Unterbrechung, zu der der Gottesdienst verhilft, sollte die Besinnung auf den Grund und das Ziel des eigenen Daseins ermöglichen, zur Verständigung über den Sinn führen, der dem bewussten Leben innewohnt. Heute sind es weniger die durch die religiösen Institutionen geregelten Veranlassungen, die uns in Kontakt zu uns selbst und dem göttlichen Grund allen Sinns bringen, als vielmehr die Initiativen für ein bewussteres Leben, zu denen wir uns selbst entschließen. Für das Fasten kann ich mich selbst entscheiden. Das kann anstrengend sein und ist mit Verzichtsleistungen verbunden. Auf diese Weise rückt uns das Fasten aber den religiös bedeutsamen Sachverhalt vor Augen, dass wir durchaus selbst etwas tun können bzw. es eigener Anstrengungen bedarf, um mit unserem Leib und unserer Seele, also ganz, so wie wir sind, dem göttlichen Grund unseres Daseins näher zu kommen.

Wenn man das Unterbrechen, „den-neuen-Weg gehen“, auch als Abstandnehmen von sich selbst bezeichnet und als kritisches Schauen auf das eigene Leben: Dann sind wir beim Kern der philosophischen Reflexion, dem Sich-selbst-Denken. Fasten ist also eine Form der kritischen Besinnung. Doch auch dafür brauchen wir eigene Räume und eigene Zeiten. Der Philosoph Montaigne hatte seinen berühmten Turm. Wo und wie können wir unseren eigenen privaten „Turm“, d.h. unseren eigenen „Raum der Stille“ pflegen?

Ich denke, dass da jeder heute tatsächlich seinen eigenen Weg zu finden hat, jeder und jede sich einen Raum ausbauen und den „Turm“ suchen muss, wo sich die Chance zur Selbstbesinnung und Sinndeutung eröffnet. Sich an Zeiten des Fastens zu halten, ist ja auch nur eine Möglichkeit neben vielen anderen, um die Alltagsroutinen und Verhaltensgewohnheiten zu unterbrechen. Es gibt andere Wege, auf denen es geschehen kann, dass Menschen in einen intensiveren Kontakt kommen zu sich selbst und sich ihnen ein tieferes Verständnis aufbaut, von den Gründen der Vertrautheit, die sie mit sich selbst haben, von dem Sinn, der ihr Leben trägt, von dem Ziel, auf das hin sie ihr Leben führen. Es kann dies in der Praxis konzentrierter, in die innere Welt führender Meditation geschehen. Es kann dort geschehen, wo die Anregung zum Selbstdenken von außen kommt, im Gespräch, bei der Lektüre, im Kino, oder eben auch, nach wie vor, im Gottesdienst, im Hören einer religiösen Rede.

Denn es ist zwar so, dass den Wegen, die in die Besinnung auf uns selbst führen, ein unmittelbares Mit-Sich-Selbst-Vertraut-Sein schon vorausliegt. Um unserer selbst gewiss zu werden, die eigene Identität zu finden, ein uns in unserer Lebenspraxis orientierendes Selbstkonzept ausbilden zu können, dazu brauchen wir aber immer auch den Anschluss an Traditionen humaner Selbstdeutung, an geprägte Vorstellungen von dem, was ein Leben gut werden lässt und wie der Sinn zu verstehen ist, der unser eigenes Dasein in einen größeren Zusammenhang stellt, in einen solchen zumal, der uns selbst und den anderen Menschen, denen gar, die in Not sind, wirklich gut tut.

Fasten als kritisches Denken führt, wahrhaftig gedacht, wie von selbst zum Handeln zugunsten derer, die auf dieser Welt nicht nur fasten, sondern hungern und verhungern, weil ihnen Essen und sauberes Wasser vorenthalten werden… Wie kommen wir weiter, wie komme ich weiter, im Beistand für diese so vielfältig zwangsweise fastenden, weil hungernden Millionen Menschen etwa in Afrika. Wie kann die „Fernstenliebe“ in uns und bei uns lebendig werden als Empathie?

Es ist ja in der Tat so, dass das Fasten nur dann ein möglicher Weg zur Selbstbesinnung und Lebenssinndeutung sein wird, wo Menschen nicht im harten Kampf um das tägliche Brot stehen. Dann aber wirft es doch gerade zurück auf das, was Not tut. Es kann uns, wenn wir fasten, stärker als sonst vor Augen treten, wie sehr wir im Überfluss leben, wie vieles wir normalerweise genießen und verbrauchen, das wir getrost entbehren könnten. So führt der Weg in die Kontemplation, auf den wir mit dem Fasten gelangen, weiter, hinein die Diskussion und dann auch in die Aktion, angesichts der Frage, was wir tun können, um zu einer gerechteren Verteilung des weltweit gesellschaftliche produzierten Reichtums zu kommen. Das Fasten übt ein in ein Verzichten-Können, in ein mit Weniger-Auskommen-Können. Es ist so tatsächlich ein besonders guter Weg, wenn es einen Ausweg aus globalen Verhältnissen zu finden gilt, in denen ein Drittel der Menschheit mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss.

In der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zeigt sich ja nur zu deutlich, dass sich das reiche Europa auf die Dauer der Herausforderung nicht wird entziehen können, dass es den Reichtum zu teilen gilt, wir also von unserem Überfluss zunächst, nach und nach aber noch sehr viel mehr werden abgeben müssen.

Wer fastet, dem fällt das Abgeben leichter. Denn er hat gelernt, dass weniger zu haben nicht nur möglich ist, sondern einem selbst sogar sehr gut tun kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

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