Zum Welttag der Philosophie am 15. November 2007

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Denken als Lebenshilfe
Von Christian Modehn

Braucht das philosophische Denken Werbung und Reklame? Die UNESCO ist offenbar davon überzeugt.Sie hat vor 5 Jahren den „Welttag der Philosophie“ eingerichtet, er wird immer am dritten Donnerstag im Monat November „begangen“ oder besser wohl: „bedacht“.  Viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit hat die Philosophie durchaus verdient, hat sich doch diese als „schwierig“ bezeichnete Disziplin längst über den akademischen Raum hinaus entwickelt. Für viele Menschen ist sie  als „Liebe zur Weisheit“ lebenswichtig geworden. Christian Modehn berichtet.

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„Ich empfinde sehr oft, wenn ich eine tolle Einsicht lese oder auch selber mir eine erarbeitet habe, eine ungeheure Lebenslust, eine Lebendigkeit. Also es ist eine sehr schöne Sache, durch Denken sich soviel Kraft geben zu können, dass man meint, wirklich unbesiegbar zu sein und immer wieder Ideen und Mythen  zu finden, die einen weiter tragen. Und diese Lebenshilfe erreicht man natürlich nur, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt“.

Pascale Pfannenschmidt arbeitet als Architektin in Berlin: Ihre  intellektuelle Leidenschaft aber gilt seit einigen Jahren dem grundsätzlichen Nachdenken, der tieferen „Beschäftigung mit sich selbst“, wie sie sagt. In offenen philosophischen Debattierclubs, die heute weltweit „Philosophische Cafés“ heißen, hat sie die Möglichkeit entdeckt, über die engen Grenzen des Berufslebens hinauszuschauen. In den Diskussionen der  Philosophischen Cafés lernen so genannte „Laien“, dass sie in sich selbst die Energie haben, selbständig das eigene Lebensglück zu suchen oder von bisherigen Weltanschauungen Abschied zu nehmen. Wer regelmäßig an Philosophischen Debatten teilnimmt, fühlt sich frei genug,  eigenständig mit der Frage nach Gott umzugehen: Eine entscheidende Einsicht für Marianne Zwanzig, eine pensionierte Ärztin:

„Ich gehöre ja der Evangelischen Kirche an, aber die ganzen Inhalte, die die Kirche als Glaubensinhalte vermittelt, die können mich zunehmend weniger überzeugen. Und da denke ich bietet mir die Philosophie ganz viele Möglichkeiten zu sehen, wie sind kluge Geister mit diesem Thema umgegangen. Dieses philosophische Denken lässt mir sehr viel mehr Freiraum“.

Der Welttag der Philosophie hat in diesem Jahr das Motto „Der Sinn des Dialoges“.   Damit ist nicht nur das Gespräch zwischen unterschiedlichen Gruppen in Staat und Gesellschaft gemeint; auch die Fachphilosophen an Universitäten und Hochschulen müssen sich dem Gespräch mit den philosophischen „Laien“ stellen. Und dabei können sie entdecken: Philosophie ist vom Ursprung her Lebenshilfe. Professor Gerhard Kruip vom „Forschungsinstitut für Philosophie“ in Hannover:

„Ich glaube, dass man als Mensch in dieser hochkomplexen Welt, in der wir heute leben, sich besser orientieren kann wenn man ein gewisses philosophisches Grundwissen hat, wenn man weiss, wie plural die unterschiedlichen Sichtweisen in unterschiedlichen Kulturen sind und welche Gemeinsamkeiten es trotzdem gibt. Welche Argumentationsstrategien  es in ethischen Fragen gibt, welche davon aussichtsreich sind. Da gibt es viele Dinge, wo Philosophie tatsächlich Orientierung leisten kann“.

Orientierung bietet Philosophie, weil sie das skeptische Fragen  fördert, das Abstandnehmen von Selbstverständlichkeiten und eingeschliffenen Verhaltensweisen. Eine solche Philosophie kann durchaus heilsam sein, betont der Philosophiehistoriker Heinrich Niehues Pröbsting aus Erfurt:

„Die Seele krankt an falschen Vorstellungen, dass man, um glücklich zu werden, Macht besitzen muss, dass man in der Öffentlichkeit sich erfolgreich darstellen muss, dass äußere Güter für das Glück unbedingt notwendig seien.
Dass wir diese falschen Vorstellungen aber korrigieren können: Das scheint mir eine unverzichtbare Einsicht zu sein, eine Einsicht, die nicht überholt ist durch moderne wissenschaftliche Psychotherapie“.

Denn in philosophischen Diskussionen suchen Menschen gemeinsam nach neuen Lebensentwürfen. Sie wissen sich aufgehoben in einer Art Denk-Gemeinschaft, die nach Alternativen zu bisherigen Üblichkeiten Ausschau hält. Philosophische Cafés gibt es inzwischen in allen großen Städten, in Hannover bietet das Forschungsinstitut für Philosophie seine Dienste an. Gerhard Kruip:

„Wir machen viele Veranstaltungen in dieser Richtung, zum Beispiel regelmäßig ein aktuelles Forum Philosophie, wo wir aktuelle Themen aufgreifen, vor allem ethische oder sozialethische Themen, zum Beispiel, ob man Flugzeuge abschießen darf, die von Terroristen gekapert worden sind“.
copyright: christian modehn

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