Für eine neue Kultur des Abschieds

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

RBB Kulturradio
Am 21. 3. 2008 um 9. 04

SPRECHER
Es passiert jeden Tag. Ein Mensch stirbt. Für die Angehörigen bricht eine Welt zusammen. Aber jetzt ist keine Zeit zum Trauern. Todesanzeige, Trauerfeier, Grabstätte, Sarg bestellen, so vieles muss  geregelt werden. Sie wenden sich an ein Bestattungsunternehmen..

1. O TON 0 12“
Ich kenne ja einige Bestattungssachen, zum Beispiel meine Eltern, meine Schwiegereltern und und und. Wie das da so gelaufen ist, man ging rein, also man war froh, wenn man wieder draußen war.

SPRECHER
Nicht alle Bestatter denken nur ans Geschäftliche, wollen die Leiche möglichst schnell unter die Erde bringen.
Einige Bestattungshäuser fördern den persönlichen Abschied:

2. O TON, 0 12“
Das Haus ist für mich wie nach Hause kommen, diese Atmosphäre, dieses Zuhören, Streicheln der Seele. Hier in das Haus gehen Sie ja nicht mit Ängsten. Hier bekomme ich alle Hilfen dieser Welt.

SPRECHER
… weil die Trauernden den Toten aufbahren, bei ihm verweilen können und ihn schließlich selbst in den Sarg legen.

3. O TON, 0 09“.
Das hat mich erst mal nicht über den Tod nachdenken lassen, sondern über das Leben. Nämlich so zu leben, als könnte jeder Tag der letzte sein.

1. Musik

TITELSPRECHERIN
Anders trauern – Eine neue Kultur des Abschieds
Eine Sendung von Christian Modehn

1. Musik

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Werner und Michael sind seit 10 Jahren ein Paar, beide Mitte dreißig, beruflich erfolgreich. Sie wohnen in Berlin und genießen ihr Leben, bis Werner an AIDS erkrankt. Zuerst ist alles noch „halb so schlimm“, dann wird die Krankheit lebensbedrohlich. Schließlich gibt es keine medizinische Hilfe mehr.

4. O TON, 0 37“
Wir haben viel miteinander geweint. Aber es war auch sehr viel Frohes dabei, es war ganz viel Klares, dass Werner so sagte, ich möchte meine Familie besuchen. Dass wir von dem Moment an versuchten, alles was er so wollte, einfach in die Tat umzusetzen. Also ich würde insgesamt sagen, dass es eine große Chance war, so ganz bewusst damit umzugehen. Ganz einfach deshalb: Wir haben uns auf alles eingelassen, was da kommt. Und es war einfach ganz bewusst jeder Tag so gewählt, dass er mit dem Sterben auch zu tun hatte.
SPRECHER
Michael und sein todkranker Freund sind noch stark genug,  dem endgültigen Abschied ins Auge zu sehen. Sie verschweigen nichts, beschönigen nichts. Während seiner letzten Wochen stellt sich Werner vor, wie er im Sarg liegt … im Kreise seiner Freunde. Dieses letzte Beisammensein will er selbst gestalten, berichtet Michael:

5. O TON, 0 33“
Die Trauerfeier und die Einladung zur Trauerfeier, das haben wir alles miteinander gemacht. Da saßen wir hier und haben über vieles nachgedacht, wie wollen wir das haben. Wie willst du denn deine Beerdigung haben. Ich denke, das hat ihm auch ganz viel Sicherheit gegeben, dass seine Beerdigung so ist, wie er sich das wünscht. Und das, denke ich, kann einen ja auch entspannter sterben lassen. Wenn man weiß, das wird alles so, wie man sich das vorstellt.

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Bei der eigenen Trauerfeier noch Regie führen: Daran zu denken, ist keine Frage „guter Nerven“,  sondern Ausdruck persönlicher Überzeugung:

25. O TON, 0 29“
Werner, denke ich, war christlich, obwohl er seinen Hader mit der Kirche hatte. Aber insgesamt glaubte er daran, dass es nach dem Tod was gibt, was auch auf ihn wartet. Und er war der festen Überzeugung, dass er Erfahrungen, die hier im Leben sammelt, mit in ein anderes Leben nehmen muss. Und das hat auch sein Sterben sehr geprägt: Tod zum Leben gehörig wie die Geburt. Er sagte immer, dass Anfang und Ende des Lebens nicht schön sind, aber einfach dazu gehören.

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Und so konnten am offenen Grab viele Luftballons in den Himmel geschickt werden, als Ausdruck der Hoffnung und der Gewissheit, dass ein kurzes, aber „insgesamt glückliches Leben“ zu Ende ging… Den trauernden Freundinnen und Freunden war der Weg zum Friedhof ohnehin nicht so schwer gefallen, sie konnten sich schon vorher verabschieden:

7. O TON, 0 49“
Werner hatte keinen Todeskampf, er schlief hier in der Wohnung genau in diesem Zimmer im Kreise seiner Freunde und seiner Familie einfach ein. Ich hatte so den Eindruck, dass Werner auf alle noch wartete, also ich hatte morgens so die Situation eingeschätzt, dass Werner wohl bis zum Abend sterben würde und habe alle Bekannten und Verwandten anrufen lassen. Weil Werner immer gesagt hat, er möchte nicht allein sterben, er möchte, dass möglich viel seiner Freunde um ihn herum sind. Und die kamen alle, es waren bestimmt 20/30 Leute  in der Wohnung, es waren Kinder, und es schwangere Frauen, eine ganz tolle und bunte Mischung an Leuten einfach auch, die einfach alle einträchtig hier waren, um mit Werner zusammen zu sein, wenn er denn sterben muss.

2. Musik

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Immer mehr Menschen gestalten ihren Abschied individuell und persönlich. Sie wollen nicht mehr „dem“ üblichen „Trauerverhalten“ entsprechen. Und dazu sind sie auch nicht verpflichtet: Denn für den Umgang mit Verstorbenen gelten Gesetze, die großzügiger sind als viele meinen: So kann der Leichnam noch 36 Stunden in der Wohnung aufgebahrt liegen. Wenn eine Person in der Klinik oder im Altenheim gestorben ist, darf die Leiche noch nach Hause genommen  werden. Von dieser Möglichkeit hat die Filmemacherein Katharina Gruber Gebrauch gemacht:

8. O TON, 0 29“
Ich hab das persönlich erlebt, als mein Vater gestorben ist, wo wir ihn zu Hause hatten, Tag und Nacht. Ich glaube, nicht in zwei Jahren lässt sich die Trauer so nachholen wie in genau diesen Tagen. Ich habe das erlebt bei meinem Vater, wo das dann wirklich innerhalb von mehreren Tagen so war, ihn selber umzuziehen, bei ihm zu sein, zu Hause zu haben, um jeden Tag zu sehn, wie er am Schluss nicht mehr wie schlafend aussieht, sondern wirklich wie tot.

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Katharina Gruber weiß jetzt genau,  dass ihr Vater tot ist. Denn sie hat seinen Leichnam gesehen, gespürt, gerochen. Niemals käme sie noch auf die Idee, ihn noch irgendwo zu suchen oder gar plötzlich –wie im Wahn – leibhaftig wieder zu sehen. Wer einen Verstorbenen über Stunden betrachtet hat, erlebt tiefen Respekt vor diesem Wesen, denn es ist keine Sache, sondern ein Mensch. Davon ist der Bestatter Uller Gscheidel überzeugt:

9. O TON, 0 54“
Was wirklich nach dem Tod ist, weiß letztendlich keiner von uns. Aber da ich davon schon ausgehe, dass Sterben auch ein längerer Prozess ist, der nicht einfach abbricht mit dem Herzstillstand, denke ich: Es ist schon auch etwas da, was nach diesem klinischen Tod noch geschützt werden müsste vielleicht. Ich glaube, dass ein Mensch der gestorben ist, kurz  nach seinem Tod in einem sehr fragilen Zustand geistig ist. Eine meiner wesentlichen Aufgaben ist, den Toten auch in seinem Prozess zu sehen und zu unterstützen, dass eben auch der Tote Zeit hat, sich auf diese neue Existenzebene zu begeben.

2. Musik

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Dem Toten sollen die Lebenden sanft und zärtlich begegnen, ihre Zuneigung braucht einen sichtbaren Ausdruck: Die trauernden Verwandten könnten doch ihrem Verstorbenen einen letzten Dienst erweisen und sich persönlich um ihn kümmern, fordert Uller Gscheidel:

10.O TON, 0 39“
Stellen Sie sich doch mal vor, die Mutter stirbt, und dann war die Mutter eh sehr scheu und sehr intimfeindlich, ja, so. Und dann wird sie von zwei fremden Männern abgeholt, die sie dann ausziehen und waschen, also das geht schon über die Intimschranken deutlich hinweg. Außer man sagt: Na ja, das ist sie nicht mehr, das ist nur ein Stück Fleisch. Aber wann wir mit einem Blick drangehen, das ist ein Mensch gewesen, dann ist es nicht zumutbar, dass zwei fremde Männer auf eine mal die Frau ausziehen.

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Einige Bestatter haben ihre „Versorgungsräume für die Toten“ bereits so eingerichtet, dass die Hinterbliebenen genug Platz haben, ihre Lieben zu waschen, zu kämmen und zum letzten Mal anzukleiden. Es ist manchmal mühsam, Verwandte und Freunde für diesen „Liebesdienst“ zu gewinnen, aber der seelische Gewinn ist groß, berichtet die Bestatterin Dorothea Klaer:

11. O TON, 0 36“
Es ist wirklich ein großes Bedürfnis, den Verstorbenen noch mal zu waschen und schön einzukleiden. Weil der Verstorbene geht einen neuen Weg, er tritt eine Reise an. Und wenn ich sonst eine große Reise antrete, dann wasche ich mich auch vorher. Ich gucke, dass meine Kleider in Ordnung sind, dass ich ein Kleinod mitnehme. Und das ist ein alter Ritus. Und den auch wieder zu fördern, und zu sagen, ja mach das doch, es ist euer Verstorbener, ich helfe dabei.

2. Musik

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Mit „dem“ Tod  „im allgemeinen“ befassen sich nur die Philosophen. Im Alltag geht es immer auch um MEINEN Tod:  ICH werde sterben, ICH werde im Sarg liegen. Schwerstkranke wollen auch noch diesen letzten Aufenthaltsort möglichst individuell gestalten. Katharina Gruber hat diese Erfahrung mit ihrer Freundin Gesine Meerwein gemacht:

6. O TON, 0 47“
Das ist der Einstieg, dass sie nach der Krebsoperation, bei der dann Metastasen festgestellt worden, die man nicht mehr wegkriegt, wie so eine kleine Vision hatte von einem Sarg in Bootsform, das war ihr sozusagen im Dämmerzustand als Bild gekommen. Und dann  hat sie davon erzählt, und irgendwann hat sie gesagt: Vielleicht mach ich das wirklich. Und  dann hat sie ein Freundin, die Schreinerin ist, hat sie gefragt. Und haben zusammen ein Boot entworfen und sozusagen Boots Bau Workshops gemacht an den mehreren Wochenenden. Es gab auch den Moment, als diese beiden Planken von dem Boot hochkamen und es plötzlich ein Raum wurde, in den ein Körper passt. Und das war ein unglaublich intensiver Moment.

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Nicht alle Sterbenden haben noch die Kraft, den eigenen Sarg nach individuellen Vorstellungen zu entwickeln und anzufertigen. Manche Bestatter laden aber die Hinterbliebenen ein, gemeinsam den Sarg ihres Verstorbenen zu gestalten. Claudia Marschner hat sich darauf spezialisiert:

26. O TON, 0 50“.
Die Idee ist ja, der Sarg ist so der letzte Zug. Und den möglichst schön auszustaffieren, zu gestalten, Geschenke mitzugeben, den zu bemalen. Also, es muss ja vorrangig nicht sein, dass der Airbrusher oder der Lackierer alles arbeitet und die Angehörige wieder nur kaufen, sondern, dass ich frage, gibt es den Wunsch, den Sarg zu gestalten, über Klebefiguren, Montagen, Kollagen. Gibt es jemand, der so kreativ ist oder graphisch kreativ ist,  dass er sagt, wir malen Sterne und Monde. Wenn ich erkläre oder Fotomaterial zeige, von Hinterbliebenen, die das schon mal gemacht haben, dann sagen die: Ach so, ist ja doch schön. Aber dann wollen wir den Sarg bekleben wollen mit Laubblättern oder Muscheln oder mit Glimmerstaub. Oder wir schreiben unsere Namen mit dicken Markern drauf. Jeder hinterlässt seine Spuren, seinen Namen, was auch immer.

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Natürlich haben Trauernde das Recht, zu verstummen, nichts mehr zu machen und die Leere, das Nichtmehrdasein ihres Angehörigen, auszuhalten… in Stille, unter Tränen. Aber etliche Menschen wollen im Angesicht des Todes noch etwas Sinnvolles tun. Sie möchten aktiv ihren Schmerz überwinden. Da kann die Gestaltung des Sarges eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen sein, besonders, wenn es sich um ein Kind handelt:

12. O TON, 0 35“
Das war ein kleiner Junge, der an den Folgen von Krebs gestorben ist, er war 8 oder 9 Jahre alt. Und der wusste so alles über Züge, Bahnhöfe, Züge, der hatte die Schilder, manchmal hat er sie auch gemopst aus den Waggons. Dann hatte die Bahn auch schon mal Schilder geschickt und so. Und da haben wir wirklich diesen weißen Sarg, der wurde gestaltet wie ein ICE, also wurde drauf montiert. Und dann gab es eine Nummer, jeder Zug hat eine bestimmte Nummer, den mochte der Junge sehr gern, und dann haben wir halt, was weiß ich, ICE 734, und mit dem Zug in Anführungsstrichen ist er dann hier verabschiedet worden.

SPRECHER
Wer nicht die Kraft hat, den Sarg über etliche Stunden hinweg zu gestalten und zu bemalen, kann wenigstens bei dem entscheidenden Augenblick aktiv dabei sein, berichtet die Bestatterin Dorothea Klaer:

13. O TON, 0 57“
Dieses Ritual des Sargschließens geschieht dann, wenn die Angehörigen sich bereits zwei oder drei Tage vom Verstorbenen verabschiedet haben. Und dann ist es gut zu schließen, d.h. den Körper ganz weg zu geben. Zu sagen: Ja, jetzt trenne ich mich vom Körper. Und dann nehmen die Angehörigen selber den Deckel und legen ihn auf den Sarg und nehmen die Schrauben in die Hand und schrauben die Schrauben zu. Das ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg des Abschiednehmens.

SPRECHER
Einige Bestattungshäuser verfügen über eigene Räume für die Abschiedsfeiern; sie sind in freundlichen, hellen Farben gestaltet. Anstelle der harten Holzbänke in Friedhofskapellen gibt es bequeme Sessel, große Fenster geben den Blick frei in den Garten.

4. Musik

Im Bestattungshaus von Dorothea Klaer ist so viel Platz, dass auch Musikgruppen auftreten können oder sogar Balletttänzerinnen:

14. O TON, 0 38“
Da ist eine Frau verstorben, Mitte fünfzig an Krebs und die hatte eine junge Tochter,  Anfang zwanzig. Und die hat getanzt. Und ihrer sterbenden Mutter hatte sie noch einen Tanz vorgetanzt und hatte dann diesen gleichen Tanz den Trauergästen vorgetanzt. Und auch noch mal für diese jetzt verstorbene Mutter getanzt. Das war sehr bewegend.  Sie war auch entsprechend gekleidet, und es war ein Tango, den sie getanzt hat, mit rotem Kleid, das war ein Tango, der was mit Tod zu tun hat.

4. Musik
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Immer mehr Menschen wollen auf ihre eigene Weise mit Sterben und Tod umgehen: In den USA lassen Angehörige die Asche ihres Verwandten zu einem kunstvollen Edelstein pressen: Er kann dann als Schmuckstück immer mitgenommen werden…Dadurch werden die Überreste eines Menschen allerdings zum Privatbesitz der Hinterbliebenen… Soweit ist man in Deutschland noch nicht: Aber die Privatisierung der Friedhöfe z. B. ist bei uns kein Tabuthema mehr. Der Bestatter Fritz Roth hat den großen Park, der sein Institut umgibt, zum ersten privaten Friedhof in Deutschland umgestaltet. Für mehrere hundert Urnen und Gräber ist Platz. Und der private Friedhof wird gut angenommen, berichtet Fritz Roth:

16. O TON, 0 31“.
Eine junge Frau, die starb, und die wollte eigentlich anonym beigesetzt werden. Aber bevor sie starb, hatte sie noch von diesem Konzept gehört, und hatte ihren Mann hier hin geschickt und hat gesagt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, dann möchte ich nicht anonym bestattet werden. Und sie sagte: Dieser Stein aus dem Garten, die Pflanzen aus dem Garten, die müssen auf mein Grab. Und das machten wir. Und sie war die Frau, die eine Vorliebe zum Mond hatte. Wo ihr Mann sie dann  nachts um 12  Uhr in einer Mondnacht beigesetzt hat.

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Individuelle Wünsche werden respektiert. Wer eine Musikband noch am Grab auftreten lässt, hat hier keine Probleme, auch eine Buddha Statue neben der Urne ist willkommen. Der Friedhof von Fritz Roth ist so groß, dass er den Ausmaßen eines durchschnittlichen staatlichen Friedhofs entspricht. Und er hat durchaus öffentlichen Charakter: Rund um die Uhr stehen die Türen offen, Fritz Roth hilft den Besuchern, sich den Trauerpark meditativ zu erschließen:

15. O TON, 0 27“:
Natur ist für mich auch immer einer der besten Trauerbegleiter. Ich vergleiche in meiner Arbeit Trauerzeit mit Winterzeit. Sogar die Bäume, die machen mir Mut: Was machen die im Winter? Die werfen alles weg, was morsch und faul ist. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, man könnte fast so sagen, wie Exerzitien. Und da kann der Schnee hier im Bergischen und dort, wo Sie leben,  noch so hoch so sein: Der Baum hat das Vertrauen, ich werde wieder grün werden.

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Bei einem Spaziergang an das eigene Ende denken, in der Stille verweilen, schweigen: Psychologisch gebildete Bestatter wollen mit neuen Angeboten Sterben und Tod mitten ins Leben zurückholen. Deswegen lädt Fritz Roth Schulklassen und Jugendgruppen in sein Bestattungshaus ein:

19. O TON, 0 39″.
Mit diesen Jugendlichen gehe ich natürlich nicht sofort zu einem Toten hin. Ich nehme mir erst mal Zeit, mich mit ihnen auf den Weg zu machen. Nehme mir Zeit, so nachzuspüren, wo sie ihre Ängste haben, was sie für Erfahrungen haben, was sie für Vorstellungen haben. Und wenn ich dann mit ihnen zu einem Toten hingegangen bin, dann entdecken sie, dass das nichts mit diesem Horrorszenarium zu tun hat. Sondern dass die Begegnung mit Tod eine Riesenchance auch für Ehrfurcht, für ein Mysterium um das Leben herum ist. Ich weiß, wir brauchen vor dem Morgen keine Angst zu haben, wenn wir heute im Hier und Jetzt auf unser Ende schauen
SPRECHER
Über 12.000 Kinder zwischen fünf und neun Jahren hätten sein Haus besucht, berichtet Fritz Roth. Familien mit Kindern nehmen das Bestattungshaus als einen Ort zum Verweilen an.  Sie nennen es Herberge oder Landhaus und schauen immer wieder „einfach so“ vorbei. Auf dem Gelände gibt es auch ein Haus für Kinder, die sich mit dem Tod einer nahe stehenden Person auseinander setzen müssen.

18. O TON,  0 40“
„Die Villa Trauerbunt ist nur für Kinder reserviert, dieses Haus, wo Kinder, die einen Verlust hatten, über Malen, Spielen, Gestalten, Basteln, ihre Gefühle ausdrücken können. Dann haben wir einen Wut Raum drin: Und jedes im Mai, Juni, beauftragte ich eine Theaterfrau ein Theaterspiel für Kinder über Staunen, Hinsehen, Phantasieren, aber auch über Tod zu entwickeln. Und das bieten wir allen Grundschulklassen, allen Kindergärten an Und gleichzeitig spielen die draußen und drinnen ist vielleicht eine Trauerfeier oder eine Veranstaltung, und es passt alles unter ein Dach. Und meine Endvorstellung ist es ja, dass dieses Haus ein Geburtshaus wird, wenn hier Menschen Tränen der Freude weinen über Leben, das begonnen hat. Und daneben stehen Menschen, die Tränen der Trauer weinen über Leben, das sich vollendet hat.

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Längst haben sich „alternative Bestatter“ zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Wer deren persönliche Hilfe und Begleitung wünscht, sollte mit 3000 Euro für ein Begräbnis rechnen. Aber sind die Discountbestatter tatsächlich „günstiger“? Uller Gscheidel hat da seine Zweifel:

20. O TON, 0 45“
Das kann nur funktionieren über die Masse. Da bleibt als Verdienst so wenig übrig, dass ich jetzt viel bestatten, damit ich ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen führen kann, dass es einfach Massenabfertigung sein muss. Wenn man auf persönliche Betreuung wert legt, dann geht das nicht miteinander. Die Frage ist, nicht das Lamentieren über die Existenz von Billigbestattern. Sondern die Frage  ist eher, wie möchte ich mit dem Thema Tod umgehen, wie möchte ich mit den Menschen, der er oder sie einmal war,  umgehen, und letztendlich weitergedacht noch, wie möchte ich, dass man mit mir umgeht.

3. Musik

SPRECHER
Jeder sollte so lange trauern, wie es ihm gut tut. Aber was passiert, wenn dann noch vieles Unerledigte den Hinterbliebenen belastet? Wenn er noch Fragen hat, die er zu Lebzeiten nicht mehr stellen konnte? Claudia Marschner hat für diese Fälle ein ungewöhnliches Angebot. Sie vertraut auf die Kraft der Therapie durch Schreiben: Der Name: Post to heaven, Post für den Himmel:

21 A. O TON, 0 23“.
Hier gibt es einen Briefkasten: Und wenn du wütend bist, traurig bist, wenn du noch Fragen offen hast, weil deine Mutter sich das Leben genommen hat oder durch einen Unfall gestorben ist oder dein Freund oder deine Oma, dann kannst du einen Brief schreiben, den ganz geheim zukleben, der wird nicht gelesen, und in die Post to heaven geben. Und da ist auch ne Briefmarke, die kostet auch Geld, das ist richtig ein Postamt.
SPRECHER
Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Briefkasten von der Bestatterin geleert wird. Claudia Marschner sammelt die Briefe, sind 20 zusammengekommen, werden sie in einem Krematorium feierlich verbrannt:

21. B. O TON, 0 20“.
Also die Pfarrerin soll die Himmelsboten anrufen und soll sagen, hier ist Post für die Verstorbenen im Jenseits und wir rufen jetzt die Boten, um die halt in Liebe auszutragen, da gab es noch viele offene Fragen und Wünsche. Und einfach ne Kontaktaufnahme.
Und die Asche ist dann Zeichen nach der Kremierung für die Ankunft der Briefe. Und dann ist die Post in Heaven.

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Wem diese Form der Trauerarbeit zu „abgehoben“  erscheint, hält sich dann doch an eine greifbare Form des Gedenkens: Aber auch bei der Gestaltung der Grabsteine wünschen sich immer mehr Menschen individuelle Formen. Wenn ein Leben gar nicht so harmonisch war, ist eine Komposition aus unterschiedlichen Steinen angebracht. Wenn ein Mensch sehr viel für die Familie getan hat, können zwei Stühle zum Verweilen der treffende Ausdruck sein. Matthias Spengler gestaltet seit Jahren kunstvolle Grabzeichen, „Denkwerke“, wie er sagt,  als Einladungen zur Meditation:

23. O TON, 0 42“
Aber wenn das Denkwerk fertig und aufgestellt ist. Dann merke ich, dass den Angehörigen oft auch ein Stein vom Herzen fällt. Es ist ein Schritt auf dem Weg zur Trauerbewältigung getan. D.h. ich kann den Stein, wenn er fertig ist, den kann ich anfassen und es ist vielleicht so eine Krücke, um den Tod zu begreifen. Ich glaube, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod beeinhaltet auch viel assoziative Kraft, dass wir Dinge sagen oder erahnen können und eine Formgebung anstoßen können, auf die wir durch rationale Überlegung nicht gekommen wären.

SPRECHER
Grabsteine als Kunstwerke, die über das Materielle und Irdische hinausweisen. Davon lassen sich manche Menschen so begeistern, dass sie zusammen mit Matthias Spengler ihren eigenen Grabstein entwerfen:

22. O TON, 0 46“.
Wir haben also in Zusammenarbeit mit diesen lebenden Menschen ein Denkmal entwickelt, was,  solange sie leben ein Lebenszeichen ist, und im Garten oder in der Wohnungen aufgestellt wird Und wenn sie denn sterben, zum Grabzeichen wird und umgesetzt wird auf den Friedhof. Es ist ein Stückweit für Leute, die mitgemacht haben, vielleicht Standortbestimmung gewesen, dass man sich überlegt, wo stehe ich im Leben? Was wäre wenn ich jetzt sterben würde, wie würde das jetzt aussehen. Die Person, mit der ich zu tun hatte, die hat auch viele Brüche in ihrem Leben gehabt, und ihr Leitspruch war so aus dem West-Östlichen Divan von Goethe: Stirb und werde. Und das war für mich ein Kernsatz, den ich da bearbeitet wissen wollte. Da haben wir als Form den Mühlstein genommen, ein Mühlstein, da kommt ja das Korn auch rein, und wird zerstört, kaputt gemacht, aber es kommt eben was bei raus, es wird Brot darausgebacken, von dem wir uns ernähren.

1. Musik
SPRECHER
„Mitten im Leben“  den eigenen Tod ganz nah an sich heranlassen: Das treibt nicht in die Verzweiflung, sondern weckt wieder Freude am Leben. Wichtig ist nur, beim Verlust eines geliebten Menschen das übliche, beinahe schon Standard gewordene  „Verhalten im Todesfall“ zu  überwinden, eben „anders zu trauern“.

1. Musik

Titelsprecherin:
Anders trauern – eine neue Kultur des Abschieds
Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn
Es sprach: Max Volkert Martens
Ton: Robin Rudolph
Redaktion. Anne Winter
Regie: Ralf Ebel

Das Manuskript zur Sendung können Sie telefonisch bestellen unter 01805-217121 – der Anruf kostet 14 Cent aus dem Festnetz, Mobilfunkpreise können davon abweichen – oder per e-mail: religion@rbb-online.de

Zu den Mitwirkenden:

Claudia Marschner, Bestatterin, Berlin
Uller Gscheidel, Bestatter, Berlin
Matthias Spengler, Grabmale als „Denkwerke“, Berlin
Katharina Gruber, Filmemacherin, Freiburg. i.Br.
Dorothea Klaer, Bestatterin „Horizonte“, Freiburg i.Br.
Fritz Roth, Bestatter, Bergisch-Gladbach.

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