Helder Camara 100 Jahre

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Befreiung

Dom Helder Camara:

„Wer noch hofft, wird radikal“

Von Christian Modehn, Berlin

Die Abschrift einer Radiosendung Febr. 2009
1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator und Übersetzer Helder Camaras
3. SPR.: Zitator und Übersetzer übriger O TÖNE (Gaillot)
23 O TÖNE, verwendet werden zus.: 15 05“
5 musikal. Zuspielungen

1. O TON, Rufe: „Camara, Camara“..

1. SPR.:
Junge und Alte, Christen und Atheisten, begrüßen „ihren“ Bischof.

1. O TON, Rufen: „Camara, Camara“,

1.SPR.:
Ein Mann tritt auf die Bühne, klein von Gestalt, beinahe zerbrechlich seine Statur.
Sein Kennzeichen: Ein Holzkreuz auf dem schwarzen Talar. Dom Helder Camara ist der Erzbischof von Recife in Nordost – Brasilien, der „Hungerzone“ des Landes.

3.O TON.
2. SPR.:
Wir lesen in der Bibel, dass Gott das Schreien seines Volkes gehört hat, als es in Ägypten in der Knechtschaft lebte.
Gott ist kein toter Gott und deshalb wissen wir, dass er auch heute das Schreien der Menschen hört. Zwei Drittel der Menschheit leben in unmenschlichen Bedingungen, sie werden unterdrückt. Aber Gott hört das Schreien seines Volkes

2. O TON, Applaus, noch mal 0 03“ freistehend.

1.SPR.:
Dom Helder Camara bewegt seine Arme, als möchte er dem Schrei der Armen eine Gestalt geben. Er weist mit den Fingern in die Höhe, als wolle er den Himmel beschwören.

3. O TON,
2. SPR.:
Denn Gott lebt, er spricht noch heute. Er offenbart sich weiter in den Ereignissen unseres Lebens.

2. O TON, Applaus, ca. 0 03“

1.SPR.:
Wo auch immer er auftritt, in den großen Städten Amerikas, Europas oder Asiens, fordert Dom Helder Camara mit der Leidenschaft eines Propheten Gerechtigkeit für die Armen. Er will sich nicht damit abfinden, dass Millionen Menschen vor Hunger krepieren und von jeglicher Gesundheitsfürsorge und Schuldbildung ausgeschlossen sind.

1.musikal. Zusp., bleibt ca. 0 08“ freistehend,

1. SPR.:
„Mit seinen vollen Taschen wird der Reiche sein Glück nicht finden“… Wie oft hat Helder Camara dieses Volkslied in seiner Heimat gehört. In Fortaleza, Nordostbrasilien, wurde er am 7. Februar 1909 geboren. Von seinen 12 Geschwistern sterben drei Brüder schon als Kleinkinder an Diphterie, weil jede medizinische Hilfe unbezahlbar ist.

1.musikal. Zusp., bleibt noch mal 0 06“ freistehen,

1. SPR.:
Trotz vieler anderer Begabungen, studiert Helder Camara Theologie. Als junger Priester lässt er sich in blindem Enthusiasmus auf rechtsradikale Politiker ein. Er hofft, ein autoritäres, antidemokratisches System könnte das Elend der Massen am schnellsten überwinden. Aber sehr bald bereut er seine politische Naivität.
Er wird 1952 zum Weihbischof von Rio de Janeiro ernannt, schon damals eine Stadt mit zahlreichen Favelas, den Siedlungen der Elenden. Er gilt als Organisationstalent und wird deswegen mit der Ausrichtung des Eucharistischen Weltkongresses in Rio de Janeiro beauftragt. Während der Feierlichkeiten erlebt er seine Bekehrung. So hat er es immer wieder seinen Freunden in Brasilien erzählt. Pfarrer Paulo Suess, Theologieprofessor in Sao Paulo, erinnert sich:

4.O TON, 0 38“, auf Deutsch.
Da kam ein Kardinal zum Eucharistischen Weltkongress aus Lyon und er hat also den Helder Camara gefragt, warum er die Messe liest zum Meer hinschauend, und nicht zur Favela hinschauend. Das muss offensichtlich ein Saal gewesen sein, von dem aus man zum Meer hinschauen konnte. Und dann meinte der Kardinal, er müsste doch mal eine andere Position einnehmen, dass er zur Favela hinschaut. Und er hat das immer wieder erzählt, der Helder Camara: Das war für ihn der Moment, wo er wirklich seinen Blick verändert hat.
Hier rausgehen

1.SPR.:
Seit der Zeit ist er mit den Armen verbündet. Er nützt seine Stellung als Bischof und wird zur „Stimme der Stummen“ , zum „Verteidiger der Elenden“. Als Weihbischof in Rio startet er ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus und organisiert Alphabetisierungskurse. Dabei hat er durchaus Erfolg: Um den vielen tausend verarmter Menschen aber wirksam zu helfen, muss ein funktionierendes Rechtssystem in einer demokratischen Staatsordnung errichtet werden. In seinem Tagebuch notiert er:

2. SPR.:
In den Strukturen der Wirtschaft und des Staates haben sich die Sünden des Egoismus und der Korruption, der Unterdrückung und Ausbeutung, verfestigt. Wer die Sünde heute überwinden will, muss also auch die sündigen Strukturen in der Gesellschaft politisch verändern.

1. SPR.:
Vom Ausmaß des Elends der Menschen erschüttert, nimmt Dom Helder Camara am 2. Vatikanischen Reformkonzil teil. Schon damals, Anfang der sechziger Jahre, war er vielen Bischöfen, Theologen und Journalisten wegen provokativer Äußerungen bekannt. Hatte er es doch gewagt, dem Papst vorzuschlagen, die vatikanischen Renaissance – Palästen zu verlassen und eine Mietwohnung in Rom zu beziehen. Seine Gemächer sollte der „Nachfolger des armen Fischers Petrus“ der UNESCO zur Verfügung stellen.
In der Konzilsaula hat Helder Camara nie das Wort ergriffen, für ihn ein Zeichen der Solidarität mit den Journalisten, die an den Beratungen der Bischöfe nicht teilnehmen durften. In seinem Widerstandsgeist sammelt er aber am Rande des Geschehens einige progressiv gesinnte Bischöfen und Theologen um sich, sie sollen eine Art Lobby der Kirchenreform bilden. Der Jesuit Martin Meier aus München erinnert an diese Treffen in Rom:

5. O TON, 1 05“,Es war ein Stückweit vielleicht auch ein verschworener Kreis. Nicht geheim in dem Sinn, dass man die Dinge geheim halten wollte.
Helder Camara hat ohne Zweifel für die Kirche Lateinamerikas eine historische Bedeutung gehabt. Weil er auf dem 2. Vatikanischen Konzil unter den lateinamerikanischen Bischöfen einer derjenigen war, die dort schon ihre Stimme erhoben hatten. Die auf dem Konzil schon von den Armen gesprochen haben, von der Notwendigkeit, dass die Kirche Stellung bezieht in der Herausforderung der weltweiten Armut. Und zusammen mit einem chilenischen Bischof, mit Don Manuel Larrain, hat er auf dem Konzil auch schon erste Ideen entwickelt, dass in Lateinamerika eine Bischofsversammlung stattfinden sollte, die das 2. Vatikanum noch mal speziell auf die Verhältnisse in Lateinamerika umsetzt.

1.SPR.:
Bevor er sich darum kümmern kann, fordert er noch die Konzilsteilnehmer wenigstens zu einer symbolischen Bekehrung zu den Armen auf.

2. SPR.:
Wir 2.400 Bischöfe beim Konzil könnten unsere goldenen und silbernen Bischofskreuze dem Papst zu Füßen legen und zum Verkauf bestimmen und dafür Kreuze aus Bronze oder Holz in Empfang nehmen, als Zeichen dafür, dass wir einen einfachen Lebensstil nach den Weisungen des Evangeliums pflegen wollen.

1. SPR.:
Davon will kein „Oberhirte“ etwas wissen… Dom Helder Camara lässt sich in seinem Eifer nicht bremsen: Ihm ist es zu verdanken, dass sich die Bischöfe aller lateinamerikanischen Länder im Jahr 1968 in Medellin, Kolumbien, zu einer Konferenz treffen. Sie unterstützen nun offiziell die Basisgemeinden der kleinen Leute, auch die „Bevorzugung der Armen in der Kirche“ wird offiziell anerkannt. Sogar der eher linkslastige Begriff „Befreiung aus der Armut“ findet bei der Amtskirche Zustimmung. Aber Helder Camara fordert mehr: Er plädiert für eine umfassende Befreiungstheologie. Sie muss das wahre Gesicht des herrschenden Kapitalismus beim Namen nennen.

6. O TON CAMARA, auf Französ.
2. Spr.:
Heute gibt es proletarische Länder und sogar proletarische Kontinente. Sie müssen die Preise hinnehmen, die von den großen Industrienationen diktiert werden. So ist es klar, dass die reichen Länder immer weniger Geld für Produkte aus den armen Ländern bezahlen. So sinken die Preise. Hingegen verlangen sie steigende Preise für die Güter, die sie den armen Ländern verkaufen. Es ist unmöglich in einem kapitalistischen System zu leben. Man muss wissen, dass die Kontrolle des Weltmarktes von den internationalen Konzernen bestimmt wird. Sie sind hauptverantwortlich für den immer größer werdenden Abstand zwischen den immer reicher werdenden Ländern und immer mehr verarmenden Ländern.
Wir klagen den Kapitalismus an, wir bekämpfen ihn, allerdings nicht mit Gewalt und Hass, jedoch voller Klarheit und energisch und ehrlich prangern wir die internationalen Konzerne an. Denn sie sind die Organisationen, die den Kapitalismus am Leben halten mit seiner Gewinnsucht und dem Fieber der Konkurrenz.

1.SPR.:
Seine Gesellschaftskritik findet überall Aufmerksamkeit. Von 1965 bis 1989 hat er mehr als 500 große Vorträgen in aller Welt gehalten. Beim „Deutschen Forum für Entwicklungshilfe“ im Jahr 1970 in Bonn wurde er von dem Katholiken Hermann Joseph Abs, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, heftig kritisiert:

3. SPR.:
Sie sind ein Phantast! Es ist doch falsch, dass die Weltwirtschaft von Konzernen beherrscht wird. Bitte bleiben Sie als Bischof bei ihren eigenen Themen.

1.SPR.:
Aber diesen Gefallen kann Helder Camara dem Bankier nicht machen:

2. SPR.:
Wenn die Kirche sich auf ihre „frommen“ Themen und auf belanglose interne Fragen begrenzt, ändert sich nichts an der Unterdrückung. Dann nimmt die Kirche nur am „Spiel“ der Unterdrücker teil. Niemals darf sich ein Christ auf eine Spaltung von Spiritualität und Politik einlassen.

1. SPR.:
Die Befreiungstheologie gilt nicht nur für die Armen:

2. SPR.:
Man sollte nicht glauben, dass die Reichen frei sind. Aus der Nähe betrachtet, sind sie Sklaven ihres Egoismus und ihrer sozialen Stellung. Sie sind Sklaven des Geldes, und den Verlust ihres Eigentums befürchten sie ständig.

1. SPR:
Helder Camara hat immer den „realen“ Sozialismus in Osteuropa abgelehnt, eine gerechte Ordnung kann er auch dort nicht erkennen. Er setzte sich für einen neuen, einen demokratischen Sozialismus ein.

2. SPR.:
Warum sollte man heute das Wort Sozialismus aus der Kirche verbannen? Warum sollte man meinen, der Sozialismus sei immer an den gottlosen Materialismus gebunden? Und immer antireligiös und antichristlich? Es ist lächerlich, wenn sich die Kirche in ihrer Angst vor dem Sozialismus einmauert.

1. SPR.:
Im März 1964 wird Helder Camara zum Erzbischof von Recife ernannt, einer Metropole in der Dürreregion“ des Nordostens. Nur jeder Zehnte kann dort menschenwürdig leben. Zur selben Zeit übernehmen die Militärs die Macht in Brasilien, bis 1985 dauert ihr blutiges Regime. Von Anfang gibt es für Dom Helder keinen Zweifel: Gottesdienste zu Ehren des Militärputschs zu feiern, kommt für ihn nicht in Frage. Er will bei den Armen sein, nicht an der Tafel der Mächtigen sitzen. Pfarrer Paulo Suess:

7. O TON, 0 27“.
Der Helder Camara hat sich auch selber arm gemacht. Und vor allem hat er immer ganz bescheiden gelebt in einem Anbau an der Kirche, in einer Sakristei sozusagen. Er hat immer diese Nähe zu den kleinen Leuten gehabt. Sie hatten Zugang, sie konnten da kommen, da gab es keine Bediensteten, keine Sprechstunde. Und das verändert, ihn sowohl als auch das Verhältnis zu den Leuten.

1. SPR.:
Sein Mittagessen nimmt er meist in einem billigen Lokal ein. Manchmal teilt er sich die karge Mahlzeit aus Bohnen und Reis mit einem Bettler. Und weil er kein Auto besitzt, nutzt er gern den Auto – Stopp, eine Gelegenheit mehr, mit den Leuten zu plaudern. Und wenn er mal ins Kino geht, verschenkt er ein paar Eintrittskarten an Jugendliche. In den Abendstunden hört er die Schallplatten seines Lieblingskomponisten, des Sänger Chico Buarque:

4. Musikal. Zusp. Song, Chico Buarque, ca. 0 10“ freistehend.

1. SPR.:
Die Samba Rhythmen liebt er über alles, sie sind für ihn Teil der wertvollen brasilianischen Kultur. Helder Camaras breite Interessen machen ihn bei jungen Leuten beliebt. Sie lassen sich von seinen Predigten begeistern, Demetrius Demetrio, damals Student in Recife, berichtet:

8. O TON, 0 58“, Demetrius:
3. SPR.:
Bei einer Rede hat er berichtet, wie eine bessere Welt errichtet werden kann. Vor allem, wie man den Jugendlichen auf den Straße helfen kann. Ich war davon sehr beeindruckt, darum habe ich Dom Helder Camara besucht und über mein Projekt gesprochen: Denn ich wollte erleben, wie denn das Leben auf der Straße tatsächlich aussieht. Und dann bin ich durch die Vermittlung des Bischofs mit einer Gruppe zusammen gekommen, die schon auf der Straße arbeitete. Und nach einiger Zeit habe ich mich entschlossen, mit den Kindern selbst auf der Straße zusammenzuleben, auch dabei wurde ich von Dom Helder unterstützt. Wenn ich Probleme mit der Polizei hatte oder wenn Anwälte gebraucht wurden, hat er geholfen. Wenn ich mal müde war, konnte ich in einer abgelegenen Kirche für eine Nacht mal bleiben. Ich habe viel Unterstützung erhalten. Und so ist die Gemeinschaft der „Kleinen Propheten entstanden, dank der Hilfe Dom Helder Camaras.

1. SPR.:
Im Hilfswerk „Die kleinen Propheten“ lernen die verwahrlosten Jungen und Mädchen das Wichtigste: Sie akzeptieren sich selbst als wertvolle menschliche Wesen.

9. O TON, 0 44“ Demetrius
3. SPR.:
Wir haben ein großes Haus, eine Art Jugendfreizeit Heim, wo pro Monat mehr als 300 Kinder hinkommen. Unser Haus befindet sich in einem Viertel, wo es viel Gewalt gibt.
Wir bieten den Kindern Schutz, bei uns erleben sie eine Welt ohne Gewalt. Das ist kein Heim zum Übernachten. Aber während der ganzen Woche bieten wir ihnen dort Tanzkurse, Musikkurse. Ganz wichtig sind die Alphabetisierungskurse, damit sich die Kinder und Jugendlichen ihrer Rechte bewusst werden. Einmal in der Woche treffen sich die pädagogischen Mitarbeiter mit den Kindern, da wird gemeinsam entschieden, welche Aktivitäten wir planen. Die Kinder und Jugendlichen haben eine Stimme in der Programmgestaltung.

2. musikal. Zusp., Lied der Landlosen, bleibt ca. 0 10“ freistehen.

1.SPR.:
„Kein Land, keine Hütte, kein Brot auf dem Tisch“… Aufgrund der ungerechten Verteilung des Landes haben 10 Millionen Bauern keine Chance zum überleben. 20.000 Großgrundbeseitzer verfügen über 60 Prozent aller Ländereien. Helder Camara ist entschlossen, diese Situation zu verändern. Mit der brasilianischen Bischofskonferenz fördert er die Landlosen – Bewegung, eine politisch radikale Bürgerinitiative. Die ausgehungerten Familien nehmen sich die Freiheit, brachliegende Länderein zu besetzen und zu bewirtschaften. Die Landlosen – Bewegung ist bis heute einer der aktivsten Sozialen Bewegungen Brasiliens. Sie wird von über 90 Prozent der Brasilianer unterstützt. Pfarrer Paulo Suess begleitet diese Aktionen in Sao Paulo:

11. O TON, 1 05“.
Leute aus der Landlosenbewegung die sind dann so durch die Straße gegangen und haben geschaut, mit wem könnten wir auf dem Land ein neues Leben beginnen. Haben die dann herausgerufen, und drei Monte vorbereitet. Und dann kommt es zur Land – Rückeroberung. In der Nacht losgefahren. Und ich habe nie so eine bunte Gesellschaft gesehen, mit jungen Leuten, alten Leuten, ledige Mütter, Transvestiten, Homosexuelle, alles Mögliche, in der Kirche sieht man so eine Vielfalt nicht. Und dann nachts, um 2 Uhr, kommt dann ein Omnibus, man weiß das vorher nicht, wo die Landbesetzung sein wird, damit die Polizei nicht vorher kommt. Und alle, die sich da engagieren, im Laufe von 5 Jahren kriegen sie ein Stück Land. Man kann sagen, ein Prozentsatz hält es aus, ein anderer hält das nicht aus. Denn es ist sehr viel schwieriger, auf einer kleinen Scholle Land da Kartoffeln anzubauen als in der Großstadt so von diesen Suppenverteilern da zu leben.

1.SPR.:
Helder Camaras Wunsch, die ungerechten Strukturen zu verändern, geht wenigstens im Ansatz in Erfüllung, betont der Franziskaner Augustinus Diekmann aus Nordostbrasilien:

10. O TON, 0 36“,
Das Bezeichnende nicht nur an der Landlosen-Bewegung, sondern auch an anderen Basisbewegungen in Brasilien ist, dass die mehr und mehr unabhängig geworden sind, unabhängig von Kirche, Parteien, von Gewerkschaften und anderen sozialen Gruppierungen. Was ich sehr begrüße: Wer dort mitmachen will, kann das tun, auch wir von der Kirche, Aber wir haben nicht in erster Linie das Sagen. Das Positive ist, dass eine betroffene Gruppe, nämlich die Landlosen, ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben.

1.SPR.:
Helder Camara hat als Erzbischof von Recife dafür gesorgt, dass die Kirche ihre eigenen Ländereien den Armen überlässt. Und alle Gelder, die er 1974 bei der Verleihung des Alternativen Friedensnobelpreis erhielt, setzte er für die Genossenschaften armer Bauern ein.
Zweiunddreißig mal wird er mit einer Ehrendoktorwürde hochkarätiger Universitäten wie der Sorbonne oder Harvard- University ausgezeichnet. Seit den siebziger Jahren ist er eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt. Aber nur im europäischen Ausland ist es ihm erlaubt, die verbrecherischen Regime in Lateinamerika anzuklagen:

12. O TON CAMARA, 1 07“;
2. SPR.:
Wenn ein Laie, eine Ordensfrau, ein Pastor oder ein Priester oder auch ein Bischof Nahrungsmittel verteilen, Kleidung und Arzneimittel austeilen oder sogar Häuser bauen, dann werden diese Personen wie Heilige angesehen. Wenn dieselben Personen aber darauf hinweisen, dass es die Situation der Armut soziale Ursachen hat, dass Rechte eingefordert werden müssen, die Menschenrechte zu respektieren sind mit Nachdruck, aber ohne Gewalt, ohne Hass: Dann werden diese Personen sofort als rot, als links und als Kommunisten bezeichnet.
Aber wir sind nichts von alledem, wir tun nichts anderes, als das Evangelium in greifbarer, konkreter Weise zu leben.

1. SPR.:
Konservative Kirchenkreise in Lateinamerika bis hin zum Vatikan unterstützen die Meinung der Militärs: Die radikalen Befreiungstheologen und damit auch Dom Helder Camara seien des Marxismus verdächtig. In Deutschland erklärt der Vorsitzende des Hilfswerkes Adveniat, der Essener Bischof Franz Hengsbach, im Mai 1977:

3. SPR.:
Die so genannte Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus.

1. SPR:
Der Diktator von Bolivien, Hugo Banzer, belohnt Bischof Hengsbach umgehend für diese Äußerung: Ihm wird die Auszeichnung des „Orden Condor de los Andes“ überreicht. Und in Brasilien fordert der Bischof von Diamantina, Geraldo Sigaud, vom Orden der Steyler Missionare, die Polizei auf, Erzbischof Helder Camara umgehen zu verhaften. Tatsächlich wird er offiziell zur „Unperson“ erklärt. Diese Attacken von staatlicher wie auch von kirchlicher Seite gegen die Befreiungstheologie sind alles andere als „ideologische Spielereien“, betont der Jesuitenpater Pater Martin Meier:

13. O TON, 0 22“
Die Beschuldigung, Kommunist zu sein, die war und ist in Lateinamerika lebensgefährlich, und dieses Gespenst ist immer noch lebendig, diese Anklage des Marxismus. Und das heißt, in Lateinamerika, wenn man von jemand sagt, er ist Marxist: Er muss weg!.

1.SPR.:
Dom Helder Camara wagen die Militärs nicht auszulöschen, hingegen werden einige seiner engsten Mitarbeiter, auch Priester, gefoltert und getötet. Den abgründigen Schmerz darüber kann Dom Helder nur in der Meditation und im Gebet überwinden: Nachts schrieb er seine Gedichte und Reflexionen:

2. SPR.:
Sollten wir so entfremdet sein, dass wir uns den Luxus leisten, Gott in der Bequemlichkeit müßiger Stunden, in luxuriösen Kirchen, in pompösen, aber oft leeren Gotteshäusern zu suchen? Warum sehen wir ihn nicht dort, wo er wirklich ist, in den Armen, in den Unterdrückten, in den Opfern der Ungerechtigkeit, für die wir alle nur allzu oft mitschuldig sind? Auch die Christen gehören zur Clique der Unterdrücker.

1. SPR.:
Von diesen Texten lassen sich der Choreograph Maurice Béjart und der Komponist Pierre Henry zu einer „Messe für die gegenwärtige Zeit“ inspirieren, sie wird 1967 in Avignon uraufgeführt, ein deutliches Beispiel für die Anerkennung des Bischofs unter zeitgenössischen Künstlern.

5. Musikal. Zuspielung, Messe pour le temps présent. Ca. 0 08“ freistehend. Dann langsam ausblenen, Text rauflegen:

1.SPR.:
Dom Helder Camara hat in weiten Horizonten gedacht. Es ging ihm um eine globale Bewusstseinsveränderung zugunsten einer Kultur der Freiheit und des Respekts, der Gerechtigkeit und des Friedens. Er hat die kapitalistische Unkultur kritisiert, in der alles und alle zur Ware werden und in der einzig der Konsum noch leitender Wert ist:

15. O TON, Camara , 0 55“.
2. SPR.:
Man muss an die Verbindung mit den mächtigen Massenmedien denken, dessen sich die Konzerne direkt oder indirekt bedienen. Sie wollen die Leser, Hörer oder Zuschauer zum Kauf von Produkten anleiten, die sie in Wirklichkeit gar nicht brauchen. Beschließen die Konzerne gar einen Krieg anzuzetteln, so verstehen sie es glänzend die öffentliche Meinung zu manipulieren, dieser Krieg sei notwendig im Sinne der menschlichen Freiheit, er schaffe sogar Arbeitsplätze und sie ein Beitrag zum Wohle der Menschheit.

1. SPR.:
An der neuen, der menschenwürdigen Kultur muss die Kirche ihren Anteil haben, meint Helder Camara. Sie kann Vorbilder empfehlen,. Aber die müssen erst einmal vom Staub der Jahrhunderte befreit werden. Die Ordenschwester Barbara Kiener erinnert sich:

18. O TON, 0 30“.
Dom Helder Camara war für mich eine große Persönlichkeit, und ich habe in Brasilia seine Rede von Maria gehört. Maria ist so eine Frau, die Hoffnung stärkt, die angepackt hat, die wusste, wann sie Ja sagen muss und wann sie Nein sagen muss. Die wirklich aufsteht und mit ihnen für Gerechtigkeit eintritt. Das Evangelium ist eine Botschaft, die wirklich die ungerechten Machtverhältnisse umkrempelt.

1.SPR.:
Helder Camara traute es den Ordensleuten zu, die „,Machtverhältnisse umzukrempeln“, wenn sie denn ihre großen Klöster aufgeben und mitten in den Elendsvierteln leben. Schwester Barbara Kiener berichtet von ihrem „Kloster“ in Goiania:

16. O TON , 0 51“
Wenn ich mitten unter Leuten lebe, die nicht wissen, was sie morgen essen werden, dann hat das Auswirkungen auf das, was wir in unserer Schwesterngruppe kochen. Wir stellen fest, auch wir können einfacher leben und wir können teilen mit den anderen. Wenn wir wahrnehmen, wie die anderen Menschen leben müssen, aufgrund ihrer Lebensbedingungen, dann sind wir viel bereiter, von unserem bürgerlichen Leben wegzugehen. Mir wurde ganz bewusst, Träger der Botschaft des Evangeliums sind die Armen in bevorzugter Weise. Sie lehren mich, was wirklich Leben bedeutet, dass nicht ich die Missionarin bin, die hinkommt und etwas bringt, sondern dass ich in Beziehung zu diesen Menschen reich beschenkt werde.

1. SPR.:
Kirchenreform ist für Helder Camara immer auch Gottesdienstreform: Poetisch begabt und musikalisch interessiert, weiß er, wie eintönig die üblichen Sonntagsmessen sein können, er ermuntert ausdrücklich zu neuen liturgischen Formen:

17. O TON, 0 36“
Wir hatten einen großen Freiraum, Liturgie zu feiern und Liturgie neu zu erfinden, neu entdecken: Wie können wir denn das Wort Gottes und das Leben der Menschen in den Mittelpunkt stellen und daraus eine Liturgie entstehen lassen. In unseren Fortbildungen, in den Bibelkursen, ist zusammen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einfach eine Liturgie geschaffen worden. Und es gibt viele Frauen und Männer, die dieser Liturgie eine neue Sprache gegeben haben, die Psalmen neu vertont haben, die Psalmen in die Sprache des Volkes übersetzt haben.

3. musikal. Zusp., Lied der Basisgemeinen, „Auf der Suche nach Freiheit“.

1.SPR.:
Hat Dom Helder Camara, der Reformer und Rebell: Hat er auch Unterstützung von brasilianischen Bischöfen gefunden? Sind einige seinem Beispiel gefolgt? Pfarrer Paulo Suess, Theologieprofessor in Sao Paulo, ist da sehr zurückhaltend:

20. O TON, 0 48“.
Unter der großen Zahl der brasilianischen Bischöfe gibt es doch immer wieder auch solche, die, ohne den Helder Camara nachzuahmen, das Profil eines Heiligen haben. Der Dom Luciano Mendes war einer, der war Weihbischof von San Paulo. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der so nah an den kleinen Leuten war, in Sao Paulo kam er abends heim, und da waren die Bettler vor der Tür gestanden, dann hat er sie liebevoll noch aufgenommen,. Und den einen hat er die Nägel geschnitten, weil er hatte so ein Gefühl für Ästhetik, dass es unschön war, wenn er so lange Nägel hatte, und dann vielleicht noch einen Kaffee gemacht und solche Dinge. Die Armen haben ihn immer ausfindig gemacht.

1.SPR.:
Aber die Sympathisanten Dom Helder Camaras konnten sich nicht durchsetzen, als er 1985 auf sein Bischofsamt verzichtete. Er war 75 Jahre alt geworden und der Papst hatte nicht den geringsten Versuch unternommen, ihn noch für einige Monate im Amt zu lassen, was bei prominenten konservativen Oberhirten eher üblich ist. Sehr schnell entschied sich der Vatikan für den bislang völlig unbekannten Kirchenjuristen Jose Cardoso Sobrinho als Nachfolger. Und der hatte nichts Eiligeres zu tun, als alle wichtigen theologischen Institute zu schließen, die Helder Camara aufgebaut hatte. Von einer „Verwüstung“ des Bistums sprachen Beobachter in Recife. Und selbst der damalige Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat, Prälat Dieter Spelthahn, wagte es, öffentlich zu erklären:

3. SPR.:
Bischof Cardoso ist nicht dialogfähig, er ist der falsche Mann am falschen Platz.

1.SPR.:
Aber der Papst ließ sich von solchen Worten nicht beeindrucken. Der Vatikan wollte das Werk des Befreiungstheologen Helder Camara soweit es nur geht reduzieren, wenn vernichten. Bezeichnenderweise ist dieser weltberühmte Bischof nie in den Kardinalsstand erhoben worden. Während z.B. sein theologischer Gegner, Bischof Hengsbach von Essen und Sympathisant des Opus Dei, das rote Kardinalkäppchen erhalten hat…
Dom Helder, wie er auch nach seiner Pensionierung von seinen Getreuen genannt wurde, lebte weiter zurückgezogen in seinen Zimmerchen. Der französische Bischof Jacques Gaillot, wegen progressiver Umtriebe vom Papst abgesetzt, hat damals seinen Freund unterstütz:

21. O TON, 0 25“.
3.. SPR.:
Ich habe ihn zweimal in Recife besucht. Er hat nichts mehr gesagt, was seine Beziehung zur Kirche angeht oder was seinen Nachfolger betrifft. Er hat geschwiegen; nicht, weil er resigniert hätte, sondern weil er nichts gegen seine Kirche unternehmen wollte. Aber in seinem Schweigen wollte er gleichzeitig sagen: Ich bin nicht einverstanden, was passiert, aber ich bleibe in der kirchlichen Gemeinschaft.

1. SPR.:
Dom Helder Camara hat noch gelegentlich Vorträge gehalten, er hat die Armen in seinem Zimmer empfangen, mit ihnen gebetet, und so wird, berichtet, viel geweint. Nur einmal hat er einen Wutausbruch nicht zurückhalten können, weil sein Nachfolger einen der fähigsten, aber progressiven Priester, abgesetzt hatte. Am 27. August 1999 ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Der Berliner Filmemacher und Brasilienspezialist Hans Georg Ulrich besucht regelmäßig das Grab Dom Helders:

22. O TON, 0 42“,
Der Helder Camara liegt ja in der Kirche begraben. Und wenn man an diesen Ort kommt, ist eine besondere Atmosphäre dort. Es sind immer Menschen dort, und es sind die Armen, Mittelstand, die Reichen. Besonders fällt mir immer auf, dass sehr viele arme Menschen da sind. Also wenn man das vergleicht mit Mitteleuropa, dann wird man beim Bischof kaum jemanden am Grab finden. Das finde ich immer eine ungewöhnliche Situation. Und wenn man aus der Kirche rauskommt, stehen meist Menschen vor der Kirche, solange nach seinem Tod, und sprechen über ihn. Man wird auch als Ausländer angesprochen. Und dann wird gesagt, das ist der und der, und das hat der für uns gemacht, und der war für uns ganz wichtig.

1. SPR.:
Von der Amtskirche ausgestoßen und verachtet, von den armen Leuten immer noch geliebt: Das wird dieser Tage wieder spürbar beim „9. Internationalen Sozialforum“ in der brasilianischen Stadt Belem: Mehr als 70.000 Vertreter der Basisbewegungen und der Nicht-Regierungsorganisationen diskutieren über Alternativen zur neoliberalen Wirtschaftsordnung. Sie entdecken dabei, wie aktuell die Gesellschaftskritik Helder Camaras ist. Zahlreiche Gruppen sind dabei, die sich noch auf ihn berufen, wie die „Pastoral der Menschen vom Lande“. Sie halten fest an der Verbindung von Politischer Kritik und biblischem Glauben, der Theologe Franz Hinkelammert ist aktives Mitglied des Internationalen Sozialforums:

23. O TON, 0 29“
Es entsteht ein Christentum auf der Strasse. Diese Gruppen haben eine enorme Partizipation von christlichen Personen; aber auch christliches Denken spielt eine große Rolle. Das Christentum geht wieder auf die Strasse, da habe ich überhaupt keine Zweifel. Und zwar auf eine sehr autonome Art und Weise. Die machen richtige Gottesdienste und die holen dann auch mal einen Priester dazu, oder auch nicht. Aber da ist eine selbstständige Welt am Entstehen.

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