Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

24. Jun 2017 | von | Themenbereich: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Theologische Bücher

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge des Christentums. Für den Kirchenlehrer Augustinus war klar, dass ungetauft sterbende Kinder aufgrund der »Erbsünde« in die Hölle kommen, auch wenn sie als Babys überhaupt keine Gelegenheit hatten, zu sündigen. Gegen diese Strenge entwickelten Theologen der Frühscholastik im Mittelalter die abgemilderte Version des »limbus puerorum« (von Limbus: Saum, Rand). Nach dieser Vorstellung kamen ungetauft sterbende Kinder nicht mehr in dieselbe Hölle wie die auf ewig Verdammten, sondern an den „Rand“, in eine Art »Vorhölle« also. Diese schloss zwar ebenfalls die selig machende Schau Gottes aus, war aber immerhin ein etwas angenehmerer Ort. Durch die Aufhebung der Lehre vom Limbus wollte Benedikt XVI. das Bild eines grausamen Gottes korrigieren. »Die Logik des Schreckens«, wie der Philosoph Kurt Flasch die klassische Erbsündentheologie nennt, sollte nicht länger die Glaubenden bestimmen. Aber dann bekam der Papst doch Angst vor seiner eigenen Courage und ließ die Internationale Theologische Kommission erklären: „Die Theorie des Limbus bleibt weiterhin eine mögliche theologische Meinung“. Angesichts dieser Unentschiedenheit ist die Diskussion über Sinn und Unsinn der Erbsünde eher noch dringender geworden.

Die Erbsündenlehre ist eine »Erfindung« (so der katholische Theologe Wilhelm Geerlings) des heiligen Augustinus (354-430). Als alt gewordenem Bischof im nordafrikanischen Hippo verdunkelte sich sein Bild vom Menschen. Überall sah er Böses, Sündhaftes, Häretisches. Die Vertreibung aus dem Paradies deutete er als Schrecken für die Menschheit. Augustin wollte nicht anerkennen, dass die »ersten Menschen« beim Essen vom »Baum der Erkenntnis« ihre individuelle Freiheit entdecken. »Dadurch, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, kam er in die Lage, nun seine Geschichte selbst zu gestalten und sich als Individuum zu entwickeln«, meint treffend Erich Fromm.

Aber Augustinus wollte den Glanz der Gnade Gottes dadurch herausstreichen, dass er behauptete: Die Menschheit sei total der Sünde verfallen! Nur unter dieser Bedingung kann es die Pflicht zur Kindertaufe geben. Nur so kann sich die Kirche als notwendige und einzige Vermittlerin der Gnaden etablieren und zur universalen Mission aller Heiden aufrufen. Aber selbst wer getauft ist, kann nicht sicher sein, dass er wirklich gerettet wird. Denn Gottes Güte hat ihre Grenzen: In seinem Zorn über den Ungehorsam von Adam und Eva errettet Gott in seiner ewigen Vorherbestimmung nur einige Erwählte vor der ewigen Verdammnis. Der Mensch muss vor diesem wütenden Gott-»Vater« Angst haben. Aber kann Angst zum Glauben bewegen?

Anfragen der Vernunft ließ Augustin nicht gelten: Wider besseren Wissens übersetzte er einen Vers aus dem Römerbrief (5, 12) falsch und schrieb, darin dem Kirchenlehrer Hilarius folgend, dem griechischen Text zuwider: »In ihm«, also in Adam, »haben alle Menschen gesündigt«, er meinte damit: Förmlich alle Menschen seien in Adam schon enthalten gewesen. Davon ist in der korrekten Übersetzung keine Rede. Paulus spricht nur davon, dass durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und alle Sünder sind. Paulus sagt nicht, dass in Adam förmlich alle Menschen schon enthalten sind. Aber »Augustin brauchte diese Lesart«, betont der Augustin-Spezialist Kurt Flasch, um seine Erbsündenlehre als biblisch hinzustellen. Der Historiker Peter Brown ergänzt: »Der Gott des Augustinus war ein Gott, der eine Kollektivstrafe für die Sünde des einen Mannes, Adam, verhängt hatte«.

Diese Erbsündenlehre entzieht sich dem Erleben des einzelnen: Eine Person kann sich in ihrem freien Tun als individueller Sünder wahrnehmen. Sie kann sich aber nie als »Erbsünder« direkt fühlen und erleben: Die Erbsünde ist ein Konstrukt, eine bloße Theorie. Trotzdem gehört sie bis heute zum Kernbestand der christlichen Lehre aller Kirchen. Aber was ist gewonnen, wenn man den Krieg in Syrien als Resultat der Erbsünde deutet? Oder den Holocaust und die Tyrannei Stalins als Beispiele für eine erbsündliche Prägung der Menschheit? Augustinus hat nur allgemeine Sprüche zu bieten: Der Mensch sei zum Tun des Guten gar nicht in der Lage, er sei von Grund auf verdorben und zum klaren Denken unfähig. Deswegen sei auch die Philosophie vom Teufel. Die Konsequenzen sind katastrophal: Entweder fühlen sich die Menschen angesichts ihrer totalen Verderbtheit wie gelähmt, können sich nicht mehr frei entscheiden, gut zu handeln. Oder sie wollen in maßloser Begeisterung für Arbeit und Erfolg beweisen, dass sie doch von Gott »angenommen« sind. Die Erbsündenlehre ist ein unermesslicher Komplex verstörender Überzeugungen, die mit der menschenfreundlichen jesuanischen Botschaft nichts zu tun haben. Bekanntlich hat Jesus nie von »Erbsünde« gesprochen.

Zu allem Unglück aber hat Augustin seine Lehre auf das Feld der Sexualität ausgedehnt: Im Moment der Zeugung, lehrt er, werde die Erbsünde übertragen. Augustin duldete bekanntlich die sexuell bestimmte Liebe nur als »Instrument«, um Kinder zu zeugen. Auch die Ideologie vom »verführerischen Weib« hat hier ihren Ursprung genauso wie auch der Glaube an den Teufel: Schließlich wird die Schlange als ein gefallener Engel, als Teufel, gedeutet.

Früher galten weise Frauen als »teuflisch besessen«, sie wurden als Hexen verfolgt und verbrannt. Exorzisten »heilen« immer noch »Besessene«. Die Erbsündenlehre ist also eine Art »Schlussstein«, mit dem das ganze Gebäude klassischer Dogmatik steht oder fällt. Im offiziellen katholischen Katechismus (Vatikanstadt 1993) wird dem Mythos vom Sündenfall sogar die Qualität einer »Offenbarung« zugesprochen. »Wer an der Erbsünde rührt, tastet das Mysterium Christi an«. Denn Jesus ließ sich ans Kreuz schlagen, um die (Erb-) Sünde der Welt zu überwinden. Sein Opfer wird vom gütigen himmlischen Vater angenommen.

Nach Meinung vieler Theologen hat die Erbsündenlehre den christlichen Glauben verdorben. Sie ist eine esoterische Lehre des vierten Jahrhunderts, von der sich Christen endlich befreien müssen. Gibt es einen Ausweg? Augustins heftigster Gegner war Bischof Julian von Eclanum. Schon er war überzeugt: Kein Mensch ist so verdorben und so sündhaft, dass er nicht aus seiner eigenen freien Tat Gutes schaffen kann. Die menschliche Sexualität, auch die Lust, ist ein von Gott gewolltes Gut. Wenn der Mensch in seiner Freiheit Gutes tut, dann ist es seine gute menschliche Leistung. Gott ist wie ein unterstützender Helfer dabei. Er ermuntert dazu, dass der Mensch das Gute noch besser und umfassender tut. Doch Augustin setzte seine Überzeugung durch, auch mit Hilfe politischer Gewalt. Längst ist erwiesen: Die Mitglieder von Synoden, die damals über verschiedene Modelle zur Erbsündenlehre zu befinden hatten, konnte er durch Bestechung gewinnen: »Die siegreiche Partei galt dann als die rechtgläubige Partei«, so der Augustinusspezialist Kurt Flasch.

Doch um zu verstehen, warum Menschen in ihrer Freiheit böse handeln, braucht man nicht die Erbsündenlehre. Der italienische Theologe Giovanni Franzoni gibt die Richtung an: »Das Böse in der Welt ist voll und ganz innerhalb des Horizonts der Welt und des Menschen erklärbar«. Darin folgt er den grundlegenden Erkenntnissen Immanuel Kants: Das Böse kann schrittweise eingeschränkt werden, wenn die Menschen dem Spruch ihres Gewissens folgen. In ihm äußert sich das universale Sittengesetz, es kann selbst vom Verbrecher nicht ganz ausgeschaltet werden. Inmitten der Turbulenzen freier Entscheidungen hat die böse Tat ihren Ort. Aber die Freiheit als solche ist nicht deswegen böse, weil Menschen in freier Entscheidung auch Böses bewirken können. Diese Erkenntnis ist elementar, nicht nur für Kant, der betonte: Wenn ich mich von egoistischen Maximen leiten lasse und dem universalen Sittengesetz zuwider handle, entsteht Böses in der Welt. Böse ist ein egoistischer Lebensentwurf, weil er niemals allgemeines Gesetz für alle werden kann. Die Philosophin Hannah Arendt folgt in gewisser Weise Kant: Derjenige ist böse, der nicht selbst denken kann und denken will, sondern als »Mitläufer« den Autoritäten blind ergeben ist. Auch Hannah Arendt meint: Um Böses in der Welt zu verstehen, brauchen wir analytische Kritik, vernünftige Argumente, nicht Behauptungen einer Mythen nacherzählenden Erbsündenlehre.

Das Böse kann durch kritische Erziehung, durch Bildung und Gesellschaftskritik eingeschränkt werden. Woher der immer wieder erlebbare »Hang zum Bösen« (Kant) stammt, wird sich nicht restlos aufklären lassen. Aber dass der Mensch vorrangig gut ist, bleibt die wesentliche Erkenntnis Kants. Theologische Konsequenzen deuten sich an: Beim Abschied von der Erbsündenlehre befreit sich die Kirche von einem belastenden Menschenbild sowie vom Teufel und der Lehre von der allein selig machenden Kirche. Jesus ist nicht länger das »Opferlamm«, sondern das erlösende Vorbild, das zum Guten ermuntert. Ohne die Erbsündenlehre wird der christliche Glaube wieder elementar – einfach und vernünftig. Er nähert sich den guten Traditionen eines christlichen Humanismus, dem Ja zu Gottes guter Schöpfung. Wenn schon der Limbus (fast) abgeschafft wurde, dann wird auch eine Befreiung von der Angst machenden Erbsünden-Lehre möglich sein.

 

 

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