Kirchengemeinden in Berlin – Warum sie bedeutungslos geworden sind

22. Nov 2017 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Berlin boomt“, um den gängigen Werbeslogan zu verwenden. So ganz falsch ist er ja nicht. Überall wird gebaut, jede Ecke gefüllt, mit Eigentumswohnungen meist. „Berlin ist eine ziemliche Pleite“, um treffend vom Verkehr, von Schulen, Wohnungen, der Sorge um Arme und Obdachlose etc. zu sprechen. Noch nie war eine Stadtregierung so unbeliebt und offenbar unfähig. Aber die CDU würde es auch nicht besser machen…„In Berlin mal leben, das wollen so viele“, um einen ungebrochenen Trend anzusprechen, von den 14 Millionen Touristen jährlich ganz zu schweigen. Berlin, diese so zwiespältige und so beliebte und so gestresste Metropole für die Menschen, die da ständig leben. Spricht jemand in den Medien z.B. noch von Religionen, Kirchen, Theologien in Berlin?? Das passiert eher sehr selten. Und die Kirchen sorgen mit ihrem administrativen Sparprogrammen ohnehin selbst für ihr langsames Verschwinden. In Berlin wird das kaum kommentiert. Selbst die betroffenen Gemeinden schweigen, nehmen fast alles hin, was die Hierarchie durchsetzt. Im Katholizismus werden Gemeinden gestaltet, zusammengelegt, vergrößert einzig nach dem einen klerikalen Gesichtspunkt: Welches Mitglied der allmählich aussterbenden Priesterschaft können wir noch in die Gemeinden setzen. Niemand denkt daran, ernsthaft katholischen Laien volle und umfassende Verantwortung für die Gemeinden zu übergeben. Allgemeines Priestertum ist ein schönes Wort und nur eine Ideologie. Man denke etwa den Millionen Euro kostenden und überflüssigen Umbau der inneren Gestalt der Hedwigskathedrale … Das Geld sollte man sinnvoller für Wohnprojekte für Obdachlose ausgeben und für offene Gesprächsräume, „Salons“, in allen Stadtteilen. Als Galerien, Krypten, Etagen etc…

Berlin ist für den Religionsphilosophischen Salon immer schon ein Thema gewesen, nicht zuletzt durch die Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb.

Wir sammeln Elemente für eine neue Berliner liberale Theologie. Diese zeichnet sich z.B. durch dogmatische Offenheit und Bejahung von Innovation und Experiment aus.

Zur kirchlichen Situation in Berlin: Etwa 33 Prozent der Menschen in Berlin sind Mitglieder der großen christlichen Kirchen. Die anderen, von den Muslimen einmal abgesehen, bilden die Mehrheit: Sie nennen sich selbst konfessionsfrei. Und wenn sie sich Atheisten nennen, sind sie wahrscheinlich eher selten absolute Feinde einer religiösen Haltung, aber das ist ein anderes Thema.

Die Gemeinden der evangelischen und katholischen Kirche sind trotz ihrer Sichtbarkeit durch große Kirchengebäude de facto sehr schwach. Die Kirchenchöre spielen noch eine Rolle (Matthäuspassionen !) und die Kindergärten und die Seniorentreffs. Wenn man die Teilnahme an den Sonntags – Gottesdiensten betrachtet: Etwa 3 Prozent der Protestanten gehen sonntags zur Kirche. Bei den Katholiken sind es etwa 8 Prozent. Also ca. 20.000 Protestanten nehmen sonntags an den Gottesdiensten teil, bei den Katholiken etwa 30.000. Heiligabend sieht es anders aus. Natürlich hat jeder die Freiheit, auf seine Art seine Spiritualität zu pflegen. Hier geht es um Fakten. Wenn man die Altersstruktur der TeilnehmerInnen an den Gottesdiensten betrachtet, sieht es im Blick auf Zukunft für die Kirchen eher betrüblich aus. Man sollte halt nicht die gut besuchten Gottesdienste im Berliner Dom (ev) oder der Marienkirche (ev) anschauen, sondern eben auch die eher leeren Kirchen sonntags in Wedding oder Neukölln ansehen. Diese klotzigen Gebäude stehen förmlich fast immer, wähernd der ganzen Woche  leer und meist verschlossen herum. Junge Leute amüsieren sich auf den Stufen der verschlossenen Kirchen.

Tatsache ist: Die Sonntagsgottesdienste sind in Berlin (ist es in Köln, Hamburg oder München anders?) kein Teil der Stadtkultur. Und das ist der kritische und bedenkenswerte Punkt. Kirchen werden wegen bestenfalls der Kirchenmusik wegen beachtet und besucht, diese schöne Musik ist allerdings nur mit hohen Eintrittsgebühren erreichbar… Kirchen werden nicht mehr wegen der Predigten oder der Prediger besucht. Wer kennt einen interessanten und kritischen Berliner Prediger? Ist da jemand stadtbekannt, auffällig, umstritten, ständig Gast in den Talkshows? Einen, der mal heftig und deutlich zum schwierigen Leben in dieser sozial gespaltenen Stadt Stellung nimmt? Niemand ist da. Armselige Kirche ohne wirklichen Geist.

Wer kennt noch einen Ordensprediger, einen, den man einst wort –gewaltig und prophetisch nennen konnte? Nichts da, die Orden verschwinden in Berlin. Die wenigen verbliebenen Ordensleute in Deutschland halten sich dann scharenweise und bequemerweise lieber im schönen München auf…

Zum Desinteresse so vieler Kirchenmitglieder an der Teilnahme in der Gemeinde hat schon 1965 der damals sehr bekannte anglikanische Bischof John A. Robinson in seinem Buch „Eine neue Reformation“ Stellung genommen. Ich finde seine Hinweise zum Desinteresse so vieler an „ihren“ Gemeinden nach wie vor wichtig und der Diskussion wert. Denn das Abstandnehmen von den Gemeinden ist ja nicht nur ein philosophisches und theologisches Problem. Es ist auch aus sozialen Gründen noch viel mehr problematischer, weil dann Kommunikationsmöglichkeiten unterschiedlicher Menschen nicht mehr gelingen.Erstaunliche Kommunikation über alle Grenzen hinweg könnte ja prinzipiell in offenen (!) Gemeinden gelingen…Aber die gibt es kaum. Man stelle sich etwa die katholische St. Matthias Gemeinde in Berlin Schöneberg vor: Wunderbar auf einem großen MARKT – Platz gelegen UND mitten in einem der großen Berliner Schwulen Viertel. Was tut die Gemeinde in Zusammenarbeit mit den schätzungsweise 40.000 Homosexuellen, die in der näheren und weiteren Nachbarschaft wohnen? Gar nichts unternimmt die Gemeinde. Rosenkranzandachten zu gestalten ist so viel einfacher und Messe lesen sowie so, als mit Schwulen und deren Familien über die Vielfalt der Lebensformen zu sprechen etc. Das hei0t: Diese Gemeinde – wie viele andere – lebt förmlich in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten. Aber das regt keinen mehr auf, die betroffenen Homosexuellen schon gar nicht. Die erwarten absolut nichts mehr von der römischen Kirche. Dabei sind viele Schwule sehr spirituell interessiert…Eine ganze große kulturelle Szene hat die Kirche also „verloren“, um es einmal klassisch theologisch zu sagen. Die Intellektuellen hat sie längst verloren, die Arbeiter, die Armen, die Frauen, die Jugendlichen und jungen Menschen, die am Wochenende lieber scharenweise in die vielen „Clubs“ gehen und dort vielleicht sehr persönliche Transzendenz – Erfahrungen (bei der Musik, beim Sex) erleben. Alle diese Gruppen und Klassen hat die Kirche verloren. Wen hat sie noch? Die Angestellten der Kirchenverwaltungen möchte man sagen.

Also: Bischof Robinson spricht von Menschen aus seiner Umgebung und in seiner Erfahrung, von Menschen, die zwar durchaus bereit wären, sich „irgendein christliches Anliegen zu eigen zu machen oder mit ihrem Leben etwas Sinnvolles zu beginnen. Denen aber im Traume nicht einfallen würde, sich deswegen einer örtlichen Pfarrgemeinde anzuschließen und in ihrem Rahmen zu arbeiten. Und zwar nicht notwendig deswegen, weil ihre Bindung an Christus nicht zuverlässig wäre, sondern weil die Pfarrgemeinde ihnen als ein Gebilde erscheint, das zu den wirklichen Brennpunkten des menschlichen Lebens und den Stellen, an denen die Entscheidungen getroffen werden, keinerlei Beziehung hat“. (S. 90).

Die „neue Reformation“ – so der Buchtitel – sollte für Bischof Robinson dringend kommen, sie müsste aber von einer Kirche ausgehen mit neuen Formen (er meint sicherlich im Blick auf frühere Bücher auch neue Inhalte), „die von den durch weltliche Bedürfnisse geschaffenen Strukturen herum wachsen“…

„Die Kirche muss eine offene Gesellschaft, eine Aufnahme bereite Gemeinschaft sein, deren Wesen darin besteht, den Menschen zu begegnen , wo sie sind und sie anzunehmen als das, was sie sind“ ( S. 46).

1965 schrieb der anglikanische Bischof und Theologe John A. Robinson diese Worte. Damals glaubten viele noch, dass seine Worte Gehör finden, also zu neuen Initiativen inspirieren. Hat die „neue Reformation“ stattgefunden, ist sie unterwegs? In der Sicht der liberalen Theologie eher nicht.

Ein Blick nach Nord-Rhein-Westfalen: Dort sind „1.500 von insgesamt 6.000 Kirchen beider Konfessionen von der Schließung bedroht“ (Berliner Zeitung, Beitrag von Franziska Knupper, am 23./ 24. September 2017).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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