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Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Fragen französischer SchriftstellerINNen von heute

12. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2017.

Am Ende dieses Beitrags befindet sich ein wichtiger Hinweis auf die Arbeiten des Theologen Jean – Pierre Jossua, Paris, zur religiösen Bedeutung der Poesie.

Der weltanschauliche Pluralismus in Frankreich ist „bunter“ als in anderen Ländern. In jeder Religion gibt es zudem noch eine große innere Vielfalt. Das gilt auch für den Katholizismus, zu dem sich heute nicht einmal mehr die Hälfte aller Franzosen bekennt. Diese Pluralität gilt für den Islam und die ebenfalls zahlenmäßig starken Religionen Judentum und Buddhismus. Jeder zweite Franzose nennt sich „agnostisch“, unentschieden im Ja oder Nein zu Gott. Das gilt für viele Schriftsteller. Die Gottesfrage ist für sie zwar nicht ganz tot, aber entscheidend ist die Freiheit, das Passende aus religiösen Traditionen auszuwählen. Religionssoziologen urteilen: Franzosen „basteln“ ihre eigene Spiritualität. Die Übersichtlichkeit von einst ist vorbei.

Bis 1960 standen „die“ katholischen Autoren, Mauriac, Bernanos, Mounier, Marcel, „den“ atheistischen Schriftstellern Sartre, de Beauvoir, Gide, Génet gegenüber.

Dabei waren katholischen Autoren nicht immer, wie Léon Bloy, treue Verteidiger der Kirchenlehre: Der ursprünglich extrem konservative George Bernanos entwickelte sich zum heftigen Kritiker der spanischen Kirche wegen ihrer Verquickung mit dem Franco-Regime. Es gab weltanschauliche Polemik, aber es wurden auch Brücken gebaut: Die katholische Kulturzeitschrift ESPRIT förderte in den dreißiger Jahren Debatten mit Atheisten. Katholische Autoren wie Paul Claudel wurden (und werden!) auf den großen Bühnen gespielt. Claudel trat in die Öffentlichkeit, als er von seiner plötzlichen Bekehrung in der Kathedrale Notre Dame berichtete.

Auch heute sind öffentliche Bekenntnisse zur eigenen Spiritualität unter Frankreichs Autoren beliebt. Sie sorgen dafür, dass religiöses Fragen und Suchen die Gesellschaft beleben. Jetzt bekennt der umstrittene Autor Michel Houellebecq: Seit jungen Jahren sei für ihn die Philosophie Schopenhauers maßgeblich, diese buddhistisch inspirierte Zustimmung zum leidvollen Leben. Dabei freut sich Houellebecq aber doch, dass sein „Meister“ „die kleinen Momente unvorhergesehenen Glücks, die kleinen Wunder, schätzte“. An Wunderbares glaubt Houellebecq ohnehin: „Ich habe eine Vorstellung von Religion, die der Magie nahe steht. Das Wunder beeindruckt mich“, sagte er 2015 der katholischen Zeitung „La Vie“. Anläßlich seines Romans „Unterwerfung“ habe er den Koran gelesen: Er bekennt: „Nur die Djihadisten sind es, die eine Islamphobie provozieren“.Houellebecq lehnt ausdrücklich den Atheismus ab und bekennt sich zum Agnostizismus. Das schließt sein Interesse für den Katholizismus wiederum nicht aus: Im Dezember 2013 lebte er für ein paar Tage als Gast im Benediktiner – Kloster in Ligugé bei Poitiers: Und freute sich, dass die Mönche ihn gern aufnahmen! In der Tageszeitung „Le Monde“ betonten sie sogar, mit welcher Begeisterung sie die Romane Houellbecqs lesen. Denn dieses spiegeln die Suchbewegungen der französischen Gesellschaft.

Im Kloster Ligugé lebt ein Mönch, der als Schriftsteller und Poet einen guten Ruf hat: Dabei ist Pater Francois Cassingena – Trévedy auch Historiker, Theologe und Komponist. Seine Gedichtssammlungen haben den Titel „Etincelles“ (Funken): „Ich bin überzeugt: In jedem Menschen gibt es etwas Hervorragendes, das man dringend bewahren muss. Der Poet berührt das Mysterium. Er bringt es zur Sprache, er gibt der Sprache die wahre Größe wieder“. Aber im Unterschied zu Houellebecq ist der Dichter- Mönch nicht an der „Unterwerfung“, sondern am Ungehorsam interessiert: „Der wahre Aufstand ist der fundamentale Widerstand gegen Lügen, Idole, Moden… Der Widerstand gegen alles, was in uns verhindert, das Wehen des Geistes, das Licht, den Blick in die Weite zuzulassen.“.

In eine neue Weite des Denkens gelangen, bei der auch christliche Spiritualität Orientierung bietet: Daran arbeitet jetzt der Schriftsteller Emmanuel Carrère: Er hat den viel beachteten Rom „Das Reich Gottes“ verfasst, eine Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum als aktuelle Frage, was die damals propagierten Werte heute bedeuten können: „Einst war ich gläubig“, bekennt Carrère, „ich habe aber ein Verkümmern des Glaubens erlebt. An die Auferstehung kann ich heute nicht mehr glauben. Aber allein, dass es Jesus gibt, ist mir jetzt wichtig. In seinem Sinne erhalten die Armen und Schwachen einen privilegierten Zugang zum Reich Gottes“. Entscheidend ist für ihn: „Das Buch Reich Gottes ist vielleicht noch nicht beendet, die Suchbewegung geht weiter“.

An dem Menschen Jesus ist auch der in Deutschland bekannte Poet Yves Bonnefoy interessiert. Für ihn hat Jesus völlig Anteil an der Endlichkeit des Menschen, die Auferstehung kann Bonnefoy nur abweisen. Denn jede Vorstellung einer Verzauberung der Welt oder von einem Jenseits ist eine Art Entfremdung. Bonnefoy will das einfache Leben ohne Illusionen zu Wort bringen. Religiöse Dogmen dürfen nicht im öffentlichen Leben bestimmend sein. Darin ist er ein typischer Verteidiger der französischen laicité, der Trennung von Religionen und Staat.

Einige Schriftsteller beziehen sich noch auf christliche Traditionen, übertragen sie aber in eine weltliche Lebenspraxis: Zum Beispiel: Jean Christoph Rufin. Er ist ein viel gelesener Autor, Mitglied der berühmten Académie Francaise, er arbeitete als Arzt und Menschenrechtsaktivist. Nun hat er sich als überzeugter Agnostiker aufs Pilgern eingelassen, bis nach Santiago de Compostela war er unterwegs: Darüber hat er ein bewegendes, persönliches Buch geschrieben: „Der Jacobsweg entfernte mich spirituell von unwichtigen Dingen, um zum Wesentlichen zu kommen. Ich wollte dem Leben, nicht den beruflichen Verpflichtungen die Priorität geben. Aber mit meinem Buch will ich kein konfessionelles Bekenntnis abgeben.“ Trotzdem muss er eingestehen, dass Spiritualität sein Thema als Schriftsteller wohl werden könnte. Ein schwacher Hinweis für einen möglichen, neuen Glauben.

Heftiger Antiklerikalismus hingegen ist im heutigen Frankreich eher unter Philosophen zu finden, etwa bei Michel Onfray. Aber auch für die viel gelesene Schriftstellerin Virginie Despentes ist heftige Kirchenkritikerin üblich, ihr Eintreten für weitestgehende sexuelle Freizügigkeit ist mit kirchlicher Moral schwer vereinbar. Man denke etwa an ihre Romane „Baise moi“ oder „Das Leben des Vernon Subutex“.

Einen ganz anderen Schwerpunkt hat sich die auch in Deutschland bekannte Theater – Autorin Veronique Olmi in ihrem neuesten Roman vorgenommen: Sie erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Nonne: In ihrem Roman „Bakhita“ schildert sie das Leben einer, um 1860 geborenen, Sklavin aus dem Sudan: Gequält, vergewaltigt, wie ein Stück Vieh behandelt, hat Bakhita ihre inneren Widerstandsreserven entwickelt: Sie landet noch als Sklavin in Italien, wird befeit und tritt in Venedig in ein Kloster ein: Die Güte und Freundlichkeit der „schwarzen Nonne“ war so überwältigend, dass Bakhita im Jahr 2000 heilig gesprochen wurde. Veronique Olmi bekennt, in einer „sehr katholischen und bürgerlichen Familie groß geworden zu sein. Als junge Frau hat sie sich von der Kirche getrennt. Dann aber begegnet sie dieser ungewöhnlichen Bakhita: „Wo kommt bei der Frau dieses Licht her? Wie kann sie soviel Güte entwickeln bei all dem Leiden. Ihr innerer Widerstand bleibt ein Mysterium

Was mich beim Schreiben des Romans nicht verlassen hat: Ich fühle mich förmlich von dieser Frau beschützt…Diese meine Erfahrung ist noch zerbrechlich…“, bekennt Veronique Olmi. Der Roman hat im September 2017 den Preis des weltweiten Kulturkaufhauses FNAC erhalten.

Die Bindungen muslimischer SchriftstellerInnen in Frankreich (sie stammen oft aus Algerien oder Marokko) an „den“ Islam sind immer kritisch und gebrochen. Leíla Slimani, geboren 1981 in Marokko, hat schon als junge Autorin den hoch angesehenen Goncourt – Preis erhalten. Ihre Stimme wird gehört, zumal sie jetzt über die vielfachen Gründe der sexuellen Unterdrückung, vor allem der Frauen in Marokko, publiziert: Seit 21 Jahren lebt Slimani in Paris. Sie weiß von dem Problem, dass Islam – Kritik von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnte. Dennoch fordert sie lautstark die Befreiung der Frauen im Sinne der universalen Menschenrechte, betont allerdings: Die Übermacht der Männer in Marokko sei nicht allein nur dem Islam zuzuschreiben, vielmehr hätte die europäische Kolonialherrschaft diese Macho – Tendenzen verstärkt.

Herrschaft und Brutalität in menschlichen Beziehungen legt unermüdlich Yasmina Reza frei, auch in ihrem neuen Roman mit dem durchaus bezeichnenden Titel „Babylon“: Die „gut“-bürgerlichen Ehen erscheinen als Beziehungen der Lüge. Bei den geringsten Anlässen kann das Wertegefüge zerbrechen. Diese Menschen erscheinen bei Reza als abgründige Wesen, sie entsprechen der üblichen Vorstellung von Babylon, dem Symbol für Verwirrung und Sittenlosigkeit. Mit der Erinnerung an Babylon als dem Nein zu einer göttlich gewollten menschlichen Welt werden letzte Reste einer biblisch geprägten Kultur noch von Ferne beschworen. Aber Religion, Gott, Glaube sind nur als beinahe unerreichbare „Hoffnungsfunken“ zu ahnen.

 

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Poesie als Weg zu Gott

Die ungewöhnlichen Studien des katholischen Theologen Jean-Pierre Jossua, Paris

 Ein französischer Theologe hat sich sein ganzes Leben mit der Suche nach dem Unendlichen, Sinnvollen, vielleicht auch Göttlichen in der modernen Literatur befasst: Das machen viele Theologen. Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist ein ganz besonderer Theologe, der leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, etwa Yves Bonnefoy. Er will sie nicht belehren, sondern das Gesagte verstehen und das Ungesagte entziffern.

Zahlreiche große Studien sind Ausdruck dieser Haltung. Pater Jossua betont: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.

Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Dieser Beitrag wurde im Oktober 2017 in leicht verkürzter Form in „PUBLIK FORUM“ veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



„Wahre Meisterwerte“: Ein Salonabend mit Wolfgang Ullrich

12. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Termine

Am Freitag, den 26. Januar 2018, wird Dr. Wolfgang Ullrich in unserem Salon sein und mit uns vor allem über sein neuestes Buch „Wahre Meisterwerte“ zu sprechen. Das Buch hat den Untertitel „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“, es ist im Wagenbach Verlag erschienen. Wolfgang Ullrich (Leipzig) ist einer der bedeutendsten Kunsthistoriker, auch Kritiker zeitgenössischer Kunst, er ist Philosoph. Seine zahlreichen Bücher zu den Themen finden weithin viel Beachtung. Wir treffen uns um 19 Uhr in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9. Einige Hinweise zum Buch lesen Sie hier.

Zu der Veranstaltung ist – wegen der begrenzten Anzahl der Plätze  – eine schriftliche Anmeldung NOTWENDIG, mail an: christian.modehn@berlin.de   Der „Eintrittspreis“ beträgt für diese Veranstaltung 8 Euro. Übliche Ermäßigungen möglich.

 



Weihnachtliche Leerformeln: Erlösung, Heil und Rettung…

6. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Weihnachten hat doch irgendetwas mit dem Christentum zu tun“: Mit diesem Satz formulieren die meisten Menschen in Europa, so Umfrageergebnisse, ihre Antwort auf die Frage: „Was denn nun eigentlich am 24. Dezember oder 25. Dezember gefeiert wird?“. Man gestaltet also ein Fest, dessen Anlass und Inhalt man nicht kennt. Kann man den Menschen, oft noch Kirchenmitgliedern, Vorwürfe machen, dass sie so wenig wissen von Weihnachten? Dass sie zwar manchmal noch an Heiligabend in den Kirchen die uralten Lieder singen mit dem Inhalt „Christ, der Retter ist da“ usw.. Aber es bleibt wohl nur eine ferne diffuse Sehnsucht nach einem Retter, der möglicherweise – wie ein anderes Lied bekennt – aus Himmelshöhen herab auf Erden gekommen ist. Dabei hat das Weihnachts-Fest mehr zu bieten als diffuse Gefühle, wenn man denn die Geburt dieses Jesus von Nazareth als Geburt eines „erlösenden Vorbilds“ betrachtet.

Die Frage darf philosophisch und theologisch nicht verdrängt werden : Bricht mit Weihnachten die Erlösung an und das endgültige Heil? Hat das „Heils“ – Versprechen des christlichen Glaubens irgendetwas mit der Erfahrung der Menschen in der Welt zu tun?

Blicken wir um uns und in die Welt: Wo bitte ist da Erlösung sichtbar und spürbar? Herrscht nicht allgemeine Unvernunft? Sind denn nicht so viele Politiker und Wirtschaftsbosse kaum noch zurechnungsfähig?

Dass so viele, selbst ursprünglich noch kirchlich gebildete Menschen dann nicht wissen und vor allem nicht innerlich erfahren, was Weihnachten heißt, ist meines Erachtens Schuld der Kirchen. Sie haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Bilder der alten Weihnachtslieder und Weihnachtsmythen in den Evangelien einfach so stehen lassen und sie in den Predigten dann nur nacherzählt, ohne diese Mythen zu entmythologisieren. Entmythologisieren bedeutet ja bekanntlich: Den (kleinen) wahren und gültigen Kern der Weihnachtsmythen in nachvollziehbarer, allgemeiner und deswegen vernünftiger Sprache auszusagen.

Was wäre ein allgemeiner, vernünftiger Kern des Weihnachtsfest: Jesus von Nazareth ist als Mensch Inspiration und Vorbild für die eigene Lebensgestaltung. Seine Botschaft: Lebe selbst dein Leben, lass es nicht von anderen gelebt werden. Überprüfe Gesetze und Vorschriften, ob sie dem sinnvollen Lebensentwurf in Freiheit entsprechen. Und vor allem: Lebe die Liebe, zu dir, deinen Nächsten, liebe die Welt, sie ist erhaltenswert und liebe den Sinn deines Lebens. Darin kann sich das Göttliche zeigen. Dann werden Momente der Befreiung, der „Rettung“, erfahrbar, dann ist Weihnachten nicht mehr eine leere Behauptung von Erlösung.

Jesus von Nazareth nahm für diesen Lebensentwurf in Freiheit und Gehorsam nur dem eigenen Gewissen gegenüber (darin hörte er die Sprache des Unendlichen, Gottes) sogar in Kauf, zu scheitern, also getötet zu werden von Menschen, die absolut an unsinnige Gesetze und Vorschriften gebunden waren. Darin ist sein qualvoller Tod doch irgendwie noch ähnlich zum gesammelten, eher friedvollen Tod des Sokrates.

Diesen Jesus als inspirierendes Vorbild gilt es Weihnachten zu feiern.

Vergessen sind die mittelalterlichen hoch komplizierten, von Theologen konstruierten Lehren, Jesus sei gekommen, um Gott Vater mit der heillos sündigen Menschheit zu versöhnen, indem er sich am Kreuz abschlachten lässt. Wenn diese Idee stimmt und die Versöhnung durch den Tod Jesu tatsächlich objektiv stattgefunden hat, dann „müssten die Christen mindestens erlöster aussehen“, wie Nietzsche sagte. Diese Versöhnungs-Theorie ist graue Theorie, die niemanden bewegt. Denn angeblich, so diese „ontologische These“, ist ja das Entscheidende objektiv, sozusagen göttlich, geschehen. Was muss da der Mensch noch tun?

Ist hingegen Jesus ein Vorbild von humanen und gerechten Lebensentwürfen, dann sind der einzelne und die Gemeinschaft in der tätigen Praxis gefordert. Dies ist keine Last. Sondern ein freier Lebensvollzug! Da wird es in dem Sinne absolut wichtig, sozusagen vom Göttlichen (im Gewissensspruch) so gewollt, dass die Menschenrechte respektiert werden, dass eine Kultur des Respektes entsteht, der Achtsamkeit für die eigene Seele und die Seele der anderen. Und natürlich für den „Leib“, also für die menschenwürdige Existenz in einer Gesellschaft, die den Namen Demokratie tatsächlich verdient. Mit Jesus von Nazareth wird förmlich der Blick in eine humane Gegenkultur eröffnet, jenseits von Gier, Effektivitäts – Zwängen, Unruhe und blinder Herrschaft. Diese moderne Gesellschaft nannte Hegel den „Atheismus der sittlichen Welt“, also den Atheismus, der in Gesetz und Brauchtum sich verfestigt hat und keine Öffnung auf Transzendenz mehr zulässt….

Das wäre im richtigen Sinne Weihnachten bzw. eine religiöse und kirchliche Weihnachtsfeier: Menschen aller denkbaren humanen Weltanschauungen im Sinne der Menschenrechte, kommen zu einer Feier zusammen und sprechen über ihr Leben. Sie feiern, tanzen, singen, speisen, trinken. Hören Musik und Poesie, eben auch Geschichten aus der Bibel. Und verpflichten sich, bei einer späteren Feier Weiteres zu bedenken, auch auf einen politischen Weg zu kommen im Sinne einer ökologisch lebensfähigen fairen Welt…In jedem Fall wäre zu bedenken: Dass Jesus von Nazareth aus einem grenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Lebens lebte, dass er die Erfahrung machen konnte und weitergeben wollte: Bedenkt, dass wir Menschen „immer schon“ in einem alles gründenden, nicht zu umgreifenden Sinn-Horizont leben. Man könnte dies eine Form von metaphysischer Geborgenheit nennen. Sie hat nichts mit Weltflucht zu tun. Diese Sinnerfahrung sich selbst und anderen zu erschließen, ist wohl das, was Weihnachten unter Erlösung und Rettung verstehen sollte.

Aber diese neue „Weihnachts – Praxis“ wird auch in diesem Jahr zu Weihnachten nicht stattfinden. Die Kirchen und ihre Pfarrer können sich zu keiner Unterbrechung der üblichen Weihnachtsfestivitäten, mysteriösen Liedern und Gottesdiensten entscheiden. Ein Freund sagte mir treffend: „Das ist alles theatralisches Trallala. Das ist gepflegte Regression“. Die Kirchen fürchten halt, die Leute treten bei radikalen Neuansätzen aus der Kirche aus und zahlen nicht mehr für die Fortsetzung des üblichen Kirchenbetriebes.

Also weiter so, selbst wenn sogar viele Gottesdienstteilnehmer dann immer noch nicht wissen, wo denn nun diese verheißene Erlösung spürbar ist. Da komme mir keiner mit dem Hinweis, zu Weihnachten werde die Befreiung von der Erbsünde als Tat der Erlösung gefeiert. Diese Erbsündenlehre ist, das sagen Religionswissenschaftler und Historiker, eine kirchliche Ideologie, sie wurde von Augustinus mit Macht durchgesetzt, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und um den Zwang zu untermauern, dass alle Menschen getauft, d.h. missioniert bzw. kolonisiert werden müssen. An die Befreiung von der Erbsünde glaubt Gott sei Dank fast niemand mehr, auch nicht zu Weihnachten. Das Böse in dieser Welt muss allein durch den Egoismus der Menschen erklärt werden, nicht mit Adam und Eva… Da heißt ja auch, dass sich jeder Mensch auch als fehlerhafter und schuldhafter Mensch begreift. Aber dazu braucht man keine Ideologie der Erbsünde…

Zurück zum Weihnachtsfest bzw. jetzt wohl nur noch Weihnachts – Kommerz -Trubel: Die Menschen brauchen offenbar die Regression in naive kindliche Welten, sie brauchen das Lametta, das „O du fröhliche“ (wer kann da fröhlich sein angesichts von Trump und Co ?), „Leise rieselt der Schnee“ und „Still und starr liegt der See“ (könnte auch eine Horrormeldung sein, man denke an den sehr stillen und starren ökologisch vernichteten Aral-See). Aber wo sind die Grenzen der Regression? Wann wird religiöse Regression zum betäubenden Opium? Brauchen wir Opium, um diese Welt zu ertragen? Warum vertrauen wir der Vernunft nichts mehr zu?

Aber, wie gesagt, Weihnachten hätte Sinn, wenn man sich auf die elementare Erfahrung allein und gemeinsam bezieht: Jesus von Nazareth als inspirierendes Vorbild kann wie ein Gottesgeschenk gelten. Er öffnet den Weg in ein Leben, das zum Sein führt und das Haben verhindert, um einmal die bekannten Begriffe von Erich Fromm zu gebrauchen. Nebenbei: Es gibt freilich noch andere inspirierende Vorbilder in der Religionsgeschichte und Kulturgeschichte. Aber zu Weihnachten denken wir nun einmal an den Menschen Jesus von Nazareth.

PS: Es wäre zynisch zu meinen, dass sich Rettung und Erlösung an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sozusagen in der übertriebenen und kaum zu bremsenden bürgerlichen Festtagsfreude abspielen. Weihnachten wäre dann ein Fest, das die Begüterten an drei Tagen besonders glücklich macht und die vielen anderen leer ausgehen lässt. Das ist zwar die Situation unserer Welt heute. Aber so muss es ja nicht bleiben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Über den Fortschritt: Vieles muss besser werden

4. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Eine Radiosendung von Christian Modehn. NDR Kultur. Reihe „Glaubenssachen“. Am Sonntag, den 21. 1. 2018, um 8.40 Uhr

Keine Errungenschaft der Neuzeit wird so heftig kritisiert wie der Fortschritt. Er wird, als totale Herrschaft von Technik und Bürokratie einseitig verstanden, von einigen Philosophen als Niedergang umfassender Menschlichkeit gedeutet. Tatsächlich aber ist entscheidend die Frage: In welcher Hinsicht ist denn etwas besser geworden? Die medizinische Versorgung der Menschheit z.B. ist zwar nicht pauschal besser geworden, wohl aber in vielen einzelnen Bereichen. Und wer fände den Einsatz für einen Fortschritt in der Friedenspolitik abwegig? Religiöse Menschen wünschen sich weitere Reformen, also Fortschritt, in der theologischen Forschung und kirchlichen Organisation.

 



Wir brauchen mehr Gesprächs-Salons. Nicht riesige zentrale Kulturzentren!

27. November 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft

Im Zusammenhang unserer Plädoyers für mehr Gesprächs-Salons in den großen Städten muss an ein Wort des Kulturwissenschaftlers und Museum – „Machers“ Martin Roth (kürzlich leider verstorben) erinnert werden. In „DIE ZEIT“ vom 6. Oktober 2016, Seite 44, „träumte“ Roth von einem „populären intellektuellen Schwergewicht“ des 21. Jahrhunderts. Und dieser Wunsch, diese Idee, dieser Traum von Martin Roth führte zu einer Kritik an den heute immer üblicher werdenden, fast nur der Repräsentation geltenden kulturellen Großprojekten in der City der Metropolen. Roth fordert mehr kleine, überschaubare Gesprächszentren in den Stadtteilen, man könnte sie Salons nennen. Roth schreibt 2016: „Anstatt das Humboldt Forum in Berlin zum Schönefeld der Kultur (gemeint ist der völlig gescheiterte Flughafen Schönefeld in Berlin) werden zu lassen, könnte man mit den dort bisher weitgehend konzeptlos verbauten Betonmillionen überall in Deutschland ZENTREN FÜR EINE OFFENE und DEMOKRATISCHE KULTUR unterstützen – das wäre zugegeben etwas weniger im Sinne der Gebrüder Humboldt, dafür mehr im Sinne von Popper und Habermas“. Ist dies nicht das Vermächtnis von Martin Roth???

Kultur ist heute zum „Kulturbetrieb“ geworden, zur Show, zum gut bürgerlichen Pflichtprogramm in riesigen teuren Sälen etc. Zum tausendsten Mal also Don Giovanni und Wagner …. und eben nicht regelmäßige Debatten in 100 kleinen philosophischen Salons, Gespräche der Bürger über Demokratie, über Ethik, Korruption, Religion usw. Dieses Basis-  Kultur ist marginal, auch in Deutschland… Wenn wenigstens noch jemand auf die Idee käme, ein „Haus der Philosophie“ in den Metropolen zu errichten. Literaturhäuser gibt es ja schon….Ein Haus der Philosophie muss ja nicht riesig groß sein. Vielleicht ein Zelt?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Vanitas, Eitelkeit, Nichtigkeit, Sterblichkeit, Tod.

27. November 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Vanitas – Vorschläge für eine Orinetierung im Leben und Sterben.

Von Christian Modehn. Diese Thesen wurden im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24.11.2017 diskutiert.

 

  1. Unter Vanitas verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit, Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens, auch Endlichkeit, dem Tod ausgesetzt sein.

 

  1. Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

 

  1. Die Totenköpfe sind eine Mahnung, an den Tod zu denken. Uns geht es philosophisch um dieses, auf die Existenz des Menschen bezogene Thema.

 

  1. Vanitas wird in der Literatur bedeutungsvoll Thema im alttestamentlichen Buch Kohelet („Der Prediger Salomos). Dies ist kein nihilistisches Buch.

 

  1. Vanitas hat nichts mit dem epikuräischen „Carpe Diem“ (Horaz) zu tun: „Genießen wir heute, denn morgen könnte alles vorbei sein“. Epikur selbst wehrte sich gegen maßloses Genießen!

 

  1. Vanitas zeigt: Wir leben heute in einer Zeit der totalen Banalisierung des Todes in der Öffentlichkeit, in den Medien, siehe das Unberührtsein angesichts des massenhaften Mordens weltweit.

 

  1. Vanitas sagt: Ich werde sterben. Es geht um meinen Tod. Siehe das Bild „Die Gatten Burgkmeier“…

 

  1. Vanitas hat es mit dem totalen Verfall der Leiblichkeit zu tun. Bleiben nur die Knochen? Was bleibt nach dem Tod, nach meinem Tod? Such der gepflegte Leib der Reichen vermodert.

 

  1. Vanitas ist eine Herausforderung: Wie gestalte ich mein Leben? Und will keine Verdrängung des Todes, meines Todes

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Der will –angesichts der Skelette und Totenschädel- nur noch den Frieden..

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, will mit dem Verklammertsein an die vielen Dingen („Haben“ im Sinne von Erich Fromm) aufhören.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, stellt sich der schweren, niemals „wissenschaftlich“ zu „lösenden“ Frage: Was ist nach dem Tod, nach meinem Tod. Dies ist wahrscheinlich eine europäische Frage, Buddhisten fragen anders. Aber wir sind nun einmal in den europäischen Kulturen verwurzelt.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Kann natürlich sagen und sich daran halten: „Ich komme als Mensch aus dem Nichts. Und ich gehe ins Nichts. Ich versinke und verschwinde“ Manche sagen: „Ende aus, basta“. Siehe etwa die seriöse vorgetragene Position von Norberto Bobbio, „Vom Alter“. Diese Position ist eine Haltung, die Respekt verdient und durchaus mit Argumenten auskommt, letztlich aber auf der zentralen These beruht: Es gibt keine Schöpfung. Alles ist Zufall…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann philosophisch auch erkennen: Ich bin als Mensch ein geschaffenes Wesen. Es gibt so etwas wie eine Schöpfung der Welt und damit der Menschen. Schöpfung ist ein Bild, kein umfassendes naturrechtliches Konzept wie in der Kathol. Kirche, sondern ein Bild, um das Gegebensein der Welt philosophisch zu verstehen. Eine Antwort auf:“Warum ist überhaupt etwas, und nicht viel mehr Nichts?“

 

  1. Wenn Schöpfung, dann gibt es also auch die Vorstellung von „Gott“. Wenn diese Welt von Gott gewollt ist, dann ist diese Welt eine ENDLICHE (und das heißt immer eine unvollkommene !) Welt. Dann hat aber jeder Mensch an der göttlichen Schöpfung Anteil. Diese Haltung kann egozentrisch missverstanden werden, ist sie aber nicht: Weil alle Detailbehauptungen über das „Wie“ eines postmortalen Lebens völlig offen bleiben. Philosophische Metaphysik ist in der Hinsicht bescheiden. Aber sie lehnt die Position des „Ende, Aus und basta“ mit Gründen ab.

 

  1. Ein Ausweg wäre die Bindung an die Natur und den Naturkreislauf: Wie die Blätter auf die Erde fallen, so werde auch ich einst fallen und auch zertreten werden und kehre in Erdreich zurück…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann natürlich alle denkbaren, auch spinösen Positionen vertreten. Philosophisch gesehen hat die Vanitas Debatte nur Sinn, wenn es im Leben selbst (!) Anhaltspunkte gibt für eine kritisch reflektierte Vanitas – Position. Also auch im Leben selbst Anhaltspunkte für ein Leben über den Tod hinaus. Alles andere wäre aufgesetzte Behauptung. Hier zeigt Philosophie ihre spekulative Stärke. Philosophie ist Geistphilosophie.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, könnte etwa mit dem Dichter Heinrich Böll sagen: „Ich als Mensch gehöre nicht ganz der Welt“, bin also woanderes „zu Hause“.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, sucht zur Frage: Ein „Leben“ nach dem Tode, eher die poetische Sprache für seine Argumente. Siehe Albert Camus.

 

  1. Siehe auch Ludwig Wittgenstein in seiner Erkenntnis, dass wir im Erleben der qualifizierten Gegenwart in die Ewigkeit eintreten. So ähnlich auch Meister Eckart.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt als Philosoph, übernimmt die Haltung des Philosophen Hegel in der Hinsicht (!): Der Geist des Menschen hat sich „abzuarbeiten“ an der Endlichkeit, am „Nichts“, aber der Geist zeigt sich dabei als der stärkere gegenüber dem Negativen. Der menschliche Geist hat Anteil am unendlichen (göttlichen, absoluten) Geist (siehe Eckart usw.).

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, weiß, dass der Tod, der Tod eines jeden, „prinzipiell“von Gott als dem Schöpfer dieser Welt, gewollt ist. Der Tod ist kein Übel, etwas zu Bekämpfendes, sondern ein Übergang.

 

  1. Wer diese Vanitas Vorstellung ernst nimmt, weiß: Die meisten Menschen haben keine Chancen auf einen selbst bestimmten Tod. Dies ist die Schuld anderer Menschen, der Strukturen, der Kriege, der Gesetze gegen das frei gewählte Sterben. Diese frustrierende Erfahrung kann nicht einem Gott angelastet werden. Sie ist Ausdruck des Egoismus der Menschen. Dass die Natur oft Unglück erzeugt (Erdbeben), ist Ausdruck dafür, dass auch die Natur zur endlichen und begrenztenWelt gehört. Wie der Mensch eben auch endlich ist.

 

  1. Vanitas ist eine Einübung in die reflektierte Annahme der Endlichkeit. Und die Aufforderung, das Sterben der Menschen menschlich und selbstbestimmt zu gestalten.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



„Alles ist vergänglich, sterblich“: „Vanitas“ – ein aktuelles Thema

25. November 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Von Christian Modehn. Diese Hinweise waren bestimmt für den Dialog im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24.11.2017

Unter „Vanitas“ verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit von allem; also Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens. Leiden an der Endlichkeit, absolut sicher dem eigenen Tod-Ausgesetzt sein.

Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

Meine zentrale These: Die Auseinandersetzung mit den Vanitas-Darstellungen könnte uns von der heute üblichen Trivialisierung des Todes befreien und zum Bedenken des eigenen Todes führen.

Ich will jetzt keine langen Zahlenreihen und Statistiken präsentieren über die Toten, die uns aktuell oder im ganzen 20. Jahrhundert umgeben: 34.000 Ertrunkene oder Verdurstete Flüchtlinge auf der Flucht über das Mittelmeer. Berge von Leichen in Bosnien Herzegowina. 7 Millionen Tote im Bürgerkrieg im Osten Kongos. 6 Millionen ermordete Juden. Völkermord größten Umfangs unter Stalin, Völkermord unter Mao, Völkermord in Kambodscha, Völkermord an den indianischen Völkern durch brasilianische und internationale Konzerne usw.

Die Reaktionen der meisten Menschen hierzulande ist: Abgestumpft leben gegenüber dem Tod. Wer noch lebt und in Europa meistens relativ gut lebt, sagt: „Hurra, ich lebe noch“… Tot sind immer die anderen. Die Verdrängung scheint absolut zu sein.

Zur ständig zunehmenden Überflutung als Abstumpfung durch Darstellungen von Mord und Totschlag durch die Fernsehsender Deutschlands, siehe den Beitrag von Christian Schüle im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/ueber-mord-und-tod-im-fernsehen-all-die-schoenen-toten.1184.de.html?dram:article_id=364111

Nur eine Statistik: Allein das ZDF ca. 430 Krimis pro Jahr. Über den Tatort – Kult wäre zu sprechen… Psychologen warnen vor der zunehmend aggressiveren Darstellung von Gewalt im Fernsehen. Aber das ist nicht unser Thema. Über die Verdrängung des Todes durch das massenhafte mediale Erleben des Todes anderer zu sprechen, wäre ein eigenes Vorhaben. Jedenfalls ist klar: Das massenhafte Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer, das Krepieren der Afrikaner in den von Europa bezahlten Lagern Libyens, hat europäische Politiker nicht zu einer großzügigen und humanen und klugen Flüchtlingspolitik geführt. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Das Stichwort ist: Abstumpfung des Humanen zugunsten nationalistischer Ideologien oder Angst um die Vorherrschaft der eigenen Parteien….

Wir sollten einen persönlichen, uns betreffenden Umgang mit dem Tod, mit unserem Tod, wiedergewinnen. Ich werde nicht nur sterben, also dies ist noch ein „Lebensprozess“, sondern ich werde tot sein und alle, die wir hier sitzen haben mindestens eines gemeinsam: Wir gehen dem Tod entgegen. Es ist interessant: Die meisten Menschen sprechen heute angesichts der Probleme rund ums Sterben bevorzugt vom Sterben und nicht so sehr vom Tod. Beim Sterben kann man noch etwas machen, mit meinem Tod ist von meiner Seite her und der der Hinterbliebenen nichts mehr zu „machen“ im Sinne von heilendem Eingreifen… Dabei ist diese behutsame, manchmal lange dauernde persönliche, philosophische Auseinandersetzung mit „meinem Sterben“ selbstverständlich auch ein Privileg der so genannten besseren Kreise. Ein sterbender Obdachloser in Berlin oder New York oder Bombay stellt sich diese Frage nach dem je meinigen Sterben oder gar nach „dem süßen Tod“ nicht.

Was können wir angesichts der Vanitas Darstellungen an Fragen entdecken: Man könnte sich fragen: Warum entsteht angesichts dieser allgemeinen menschlichen Verfassung, der absoluten Todesgewissheit, keine allgemein menschliche Solidarität? Es liegt wohl an der Verdrängung des eigenen Todes.

Und es wird hoffentlich unser eigener Tod sein, nicht ein Tod, andere über uns verfügen, etwa in Kliniken oder in Kriegshandlungen.

Wir sollten uns dem Vanitas Thema in der Kunst und Literatur stellen.  Vanitas deute ich also nicht als ein Angst machendes Thema. Das war sicher in der Vergangenheit der Fall. Vanitas erinnert uns heute – wie damals – an die unabwerfbare Grundverfassung unseres Daseins: Dies ist unsere – auch zeitliche – Endlichkeit. Der muss sich jeder stellen ohne Angst. Ich erinnere nur an das Gemälde von von Lucas Furtenagel, mit dem Titel „Die Gatten Burgkmaier“ von 1529, im Kunsthistorischen Museum Wien (S. 208). Es zeigt ein Ehepaar in einen Spiegel blickend: Und sehen sich darin als Totenköpfe. Ich denke solche Spiegelbilder sollte sich jeder Mensch öfter mal gönnen. Wir wissen von unserem Tod, aber wir wissen nicht, wann er eintritt. Es ist also ein gespaltenes Wissen. Wir werden nie unseren eigenen Tod erleben, das Sterben vielleicht, aber auch dann wissen wir im Sterben nicht, ob dieser Vorgang tatsächlich unser Ende sein wird. Das heißt: Unser Tod als gewusstes Ende entzieht sich unser genauen Kenntnis. Wir kennen den Tod als Tod als das nicht mehr leiblich Lebendigsein nur von außen, von anderen…

Wir werden so durch die Vanitas Thematik zur Frage geführt werden: Was ist eigentlich unser Leben? Wie gestalten wir unsere Lebenszeit? Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns bleibt, deren Dauer aber ungewiss ist. Aus dem Faktum des Todes wird eine ethische Frage. Das ist eher selten in der Philosophie, wo dieser Übergang von Sein zum Sollen eintritt.

Wir sind also wesentlich konkrete einzelne Menschen, die durch die ständige und je eigene und einmalige Art mit unserer Lebenszeit umzugehen, d.h. sie zu gestalten, eben konkrete einmalige Menschen mit einem eigenen Profil geworden sind. Wir sind also diejenigen konkret, die wir uns in unserer Zeit „gemacht“ haben. Damit ist unser eigenes Leben uns selbst zur Aufgabe, wir entkommen nicht der Aufgabe, etwas mit uns selbst zu tun, zu machen. Unser eigenes Leben ist dann unser Werk, wobei auch Zufälle und unabsehbare Schicksalsschläge (Naturkatastrophen) eine prägende Rolle für mein Leben (als mein doch auch wieder manchmal entzogenes) Werk spielen.

Die Vanitas Darstellungen sind wichtig als Kontrapunkt gegen die Verdrängung des Todes:

Jedes menschliche Leben ist begrenzt. Selbst wenn in 50 Jahren einige Millionäre, durch den Transhumanismus bestimmt, vielleicht 150 Jahre lang leben können. Dies ist die neueste Form der Todes – Verdrängung… Menschliches Leben bleibt trotzdem endlich. Nur weil wir sterblich sind, entsteht unser Gedanke: Es ist wichtig, dass wir unser Leben jetzt und immer wieder gestalten. Wir haben nicht ewig Zeit, auf dieser Erde unser Leben zu gestalten.

Über die Verdrängung des Todes wäre zu sprechen, etwa auch in Seniorenresidenzen: Dort wird nicht öffentlich mitgeteilt, etwa in den Runden des gemeinsamen Essens, welcher Mitbewohner gestorben ist. Plötzlich sitzen andere Leute an dem Platz.

Der Trend zum Beschönigen als Verschwindenlassen des Todes in den USA: Siehe das klassische Werk „Tod in Hollywood“ von Evelyn Waugh.

Gründe für die Verdrängung des Todes:

Entscheidend ist die Orientierung am Haben. „Die Angst vor dem Sterben ist die Befindlichkeit des dominant am Haben orientierten Menschen“ (Rainer Funk, Mut zum Menschen, S. 319). Je mehr deshalb jemand im Modus des Seins lebt, desto weniger werden ihn Altern, Sterben und Tod ängstigen, weil er auch im Nachlassen der physischen, emotionalen und geistig – intellektuellen Kräfte eine bejahende Einstellung zu dieser Wirklichkeit menschlicher Existenz hat“ (ebd.) Erich Fromm sagt: „Die Angst vor dem Sterben ist die Angst davor, das, was ich habe zu verlieren, mein Ich, meinen Besitz, meine Identität, die Angst vor dem Abgrund der Nichtidentität zu stehen, die Angst verloren zu sein“, (ebd. S. 320, Zit. Fromm, aus „Haben oder Sein“). Die Angst vor dem Sterben lässt nach, „da es dabei nichts zu verlieren gibt“ für einen Menschen, der nicht primär am Haben interessiert ist. Diese Menschen im Habensmodus sind primär an die Vergangenheit gebunden, Nostalgie, Archiv, Veraltetes Aufheben, Vergangenes pflegen, vgl. Rainer Funk, S. 320.)

Ich bin gemeint: Die Vanitas Bilder zeigen auch: Mein Tod steht mir bevor: Ich bin als einmaliger sterblich und sollte auch meinen eigenen Tod haben. Das hat zur Folge: Ich darf mich z.B. nicht (unfreiwillig) im Krieg töten lassen und ich darf nicht andere töten. Der Betrachter eines Totenkopfes sieht: Der Tod ist zwar das alle Menschen Verbindende und insofern absolut allgemeine, aber immer ist der Tod der Tod eines Individuums, einer Person, die als einzelne Person das Menschenrecht hat, auf je eigene Art zu sterben. Insofern gilt: Für den Betrachter des Totenkopfes: Ich darf nicht töten.

Die klassische Vanitasvorstellung bezieht sich auf das alttestamentliche Buch Kohelet, auch „Der Prediger Salomo“ genannt.

Im „Alten Testament“ wird Kohelet zu den Weisheitsbüchern gezählt. Eitelkeit hatte einst die Bedeutung von Vergänglichkeit. Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um sich selbst., um Schönheit, Glanz.

Kohelet meint „Sammler von Sprüchen“ und Kohelet wird in dem Buch auch als Eigenname verwendet. Es ist entstanden im 3. Jh vor Christus.

Tiefer Pessimismus gegenüber den alltäglichen, unreflektierten Überzeugungen der Menschen ist bestimmend. ABER: Es geht um eine sinnvolle Lebensgestaltung.

Dies ist kein Text des Nihilismus. Es ist ein philosophischer Text in der Bibel. Anders als andere AT Texte, in denen Gott selbst autoritativ zu den Menschen spricht. Es geht um das Erreichen eines glücklichen Lebens. Etwa in Kapitel 11: „Freue dich in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt. ABER wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird“.

Die entscheidende Erkenntnis wird am Schluss des TEXTES noch mal gesagt: „Fürchte Gott und halte seine Gebote“, im Kapitel 12.

Die Vanitas Idee als Warnung vor der Eitelkeit (noch einmal Erinnerung an ein Gemälde aus der späten Renaissance Zeit, mit dem Spruch: „Vive. memor. leti. fugit. Hora: Lebe, eingedenk des Todes, es flieht die Zeit (Stunde)

Ein Gemälde von Barthel Bruyn d.Ä., (1493 – 1555): „Der Ordensritter“, 1531. Im Kunsthistorischen Museum Wien) steht meiner Meinung nach gegen das vulgär – epikuräische „Carpe Diem“, denke nur an den heutigen Tag. Die Maxime „carpe diem“ , ist ein Wort des Dichters Horaz (65 bis 8 vor Chr): Genießen wir heute und jetzt! Und nichts auf den nächsten Tag verschieben. (Man weiß ja nicht, ob man dann noch lebt). Dies ist ein hedonistischer Vorschlag, aber nicht im Sinne des Philosophen Epikur. Er legte Wert auf das rechte Maßhalten…Mit Maßen und Bedacht die Lust genießen. Den Schmerz vermeiden, um zur Ataraxia, der Ruhe und Ungestörtheit zu kommen.

Die biblische Vanitas Vorstellung steht also auch gegen Epikurs Lehre vom Tod, wenn er behauptet: „Der Tod geht uns nichts an. Solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“. („Von der Überwindung der Furcht“) Das könnte man eine verhaltenstherapeutische Lehre (der Oberflächlichkeit) nennen.

Ist es nicht so: Dass der Gedanke an meinen Tod eigentlich ständig aufblitzen kann? Ich kann mir also den Gedanken an den Tod nicht selbst abgewöhnen oder verbieten.

Die AUFKLÄRUNG wandte sich gegen das „barocke Grausen“. Der Mensch soll sich entwickeln und angstfrei gestalten. Aufklärung ist Glaube an die Möglichkeiten des Menschen.

Der Tod erscheint jetzt nicht mehr als Knochenmann, sondern als schöner Jüngling, klassisch griechisch, etwa bei Lessing, (1729 bis 1781), siehe die Schrift: „Wie die alten den Tod gebildet“, 1769. Es geht Lessing dabei um die Erkenntnis, dass in Griechenland und im alten Rom der Tod nie als hässliches Gerippe, als Knochenmann, erschien. Der Tod als Strafe Gottes konnte für vernünftige Menschen nicht in den Sinn kommen. Lessing meint, die Heilige Schrift rede auch von einem Engel des Todes, er wehrt sich gegen die biblische, von Paulus stammende Vorstellung: „Der Tod ist der Sünde Sold“, das heißt eine Strafe für die Sünde, die Adam und Eva im Paradies in ihrem Ungehorsam gegangen haben

Es gibt selbstverständlich mehrere philosophische Möglichkeiten mit dem Tod umzugehen. Diese Vielfalt ist Ausdruck dafür, dass es angesichts des Todes keine gedankliche Klarheit, kein wirkliches Wissen (wie in den Naturwissenschaften) geben kann. Alles Denken steht hier vor einer großen Fraglichkeit, die man auch Geheimnis nennen sollte. Also der Tod ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern der Tod als Erkenntnis bleibt uns wesentlich verschlossen, er ist „da“ als Realität, aber nicht im Wissen zu umgreifen. .

Es gibt also vielfache Antworten, die letztlich sich alle jeweils auf eine These beziehen, die man sich im Glauben aneignet. Diese Basis – These wird als Ausgangspunkt gewählt, weil man darin auch eine Orientierung für sich selbst sieht. Die Wahl dieser Basisthese (etwa: „Nach meinem Tod ist alles aus“) enthält auch Implikationen zum jeweiligen Selbstbild, zur Bedeutung, die man der eigenen Person zuweist.

Es gibt etwa die heute sehr weit propagierte (Glaubens) These: Der Tod, mein Tod, ist ein definitives Verschwinden ins Nichts. “. So etwa der italienische Philosoph Norberto Bobbio, in „Vom Alter“. „Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt, von dem was ich werden sollte. Das Nichts, das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen bin…

Diese Aussage arbeitet mit einem zum Objekt gemachten Begriff des Nichts als einer Realität, die behauptet wird und an die geglaubt werden muss. Es ist die Rede vom Nichts wie von einem Zustand. Ist es denn so klar, dass der einzelne geborene Mensch aus dem Nichts kommt? Hatte er nicht zumindest Eltern? Woher kamen die her? Will man die ganze Evolution entlang zurück gehen und dann landet man bei der Frage: Woher stammt eigentlich die Welt im ganzen und damit die Menschheit? Und dann kann die Frage entstehen, ohne in eine naive Bibel-Deutung zu geraten: Gibt es so etwas wie eine Schöpfung? Und wenn es so etwas wie eine Schöpfung gibt, davon sind viele, nicht nur fromme Leute überzeugt, wie George Steiner, dann gibt es auch die Vorstellung von einem Schöpfer, der diese Welt als Evolution (!) auf den Weg gebracht hat. Dazu später noch ein Hinweis.

Albert Camus hat die Sterblichkeit eines jeden Menschen wie unaufhebbares Verurteiltsein zum Tode bestimmt. Wir sind alle zum Tode verurteilt. Dieses Urteil müssen wir wie Sisyphus förmlich abarbeiten. Und darin unseren Sinn finden. Aber das führt bei Camus zu einer eher heiteren Stimmung.

Camus schreibt aber immer wieder in vorsichtiger, poetischer Sprache, dass der sterbende Mensch angesichts seines bevorstehenden Todes nicht doch Hoffnungen hat auf etwas Besseres, als was dieses irdische Leben für ihn war….

Camus sieht im Erleben der Schönheit der Natur vor allem eine Dimension des Heiligen. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca: „Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit“. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Die Gegenwart ist kein Element der üblichen physikalischen Zeitstrecke Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Vielmehr ist Gegenwart der erfüllte, lange währende, zeitlich nicht messbare Augenblick, der aus der Verfallenheit in die Zeit für eine Dauer befreit. Bei Camus: Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen. „Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut“.

Mir kommt es entschieden darauf an, die heute beliebte These vom Sturz des Menschen ins Nichts beim Tod ein wenig philosophisch in Zweifel zu ziehen. Camus ist ein Denker, der, obwohl nicht-kirchlich und Agnostiker, doch eine sanfte Sprache für die „ewige Gegenwart“ als Gegenwart des Ewigen gefunden hat.

Es kommt auf die Erfahrung der Gegenwart an: Gegenwart ist kein Punkt in der unendlich langen Zeitreihe in die Zukunft hin, wonach dann jede Gegenwart wieder verlischt und Vergangenheit ist…

Gegenwart ist die Dauer als das Heraustreten aus dem Zeitstrom. Das ist die Grunderfahrung von Ludwig WITTGENSTEIN: 1889-1951. „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich“.

Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod“. Ähnlich auch im  Tractatus Logico Philosophicus: 6.4311:
„ Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt“.

Wenn immer wieder, auch in Europa, philosophische und religiöse Überlegungen vorgeschlagen werden, die für eine mögliche Form des „Weiterlebens nach dem Tod“ eintreten, dann nur unter der Voraussetzung: Die gegebene Welt (und sie ist für uns alle immer eine zum Staunen führende „Gegebenheit“: „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts) kann als „Schöpfung“ verstanden werden. Wobei die dann verwendeten Begriffe wie Schöpfung und Schöpfer nicht banal aus der endlichen Welt her verstanden werden, sondern eben analog, als Bilder, etwas Gegebenes, aber nicht zu Greifendes, auszusagen! Dies führt dann beim Bedenken der Welt als Schöpfung zu der Frage: Zeigt sich im Leben selbst ein Hinweis auf die Frage, was ist nach dem Tod? Oder anders gefragt: Gibt es im reflektierten Leben selbst Hinweise auf eine Form des „Weiter Lebens“ nach dem Tod. Damit wird nicht die Frage nach den Nahtod Erlebnissen gestellt, sondern es gilt die allgemeine und viel grundsätzlichere Frage: Gibt es mitten im geistvollen im Leben Hinweise auf ein selbstverständlich immer analog zu verstehenendes „Weiterleben“, die angesichts einer kritischen Reflexion Bestand haben.

Ein erster Hinweis kann ein: Wir sterben in gewisser Hinsicht als ständiges Abschiednehmen von eigenen Lebensentwürfen. Und wir leben ständig in einer Situation des Abschieds, des Loslassens, auch physisch verändert sich unser Körper. Aber dies wäre nur ein Beleg für die allgemeine Verfallenheit zum Tode hin. Gibt es nun auch für Hinweise auf das Ewige im Menschen?

Wenn die Welt und die Menschen also Schöpfungen eines Gottes sind, dann kann die Welt als das andere dieses Gottes nicht völlig außerhalb Gottes stehen. Denn dann hätte sich Gott mit der total von diesem Gott losgelösten Welt eine Art endlichen Gegengott geschaffen. Und wenn es zwei Götter gäbe, müsste die Frage diskutiert, welcher dieser beiden Götter ist der Vor-Herrschende. Also: Diese Konzeption führt nicht weiter. Es ist spekulativ nur denkbar, dass Gott als Schöpfer IN der Welt und damit im Menschen anwesend ist, ohne dabei die Endlichkeit des Menschen aufzuheben.

Wenn also ein Gott auch die Welt in seinen „Bereich“ einbezogen hat, wie die klassische Philosophie etwa Hegel lehrt, dann muss der Gott in der evolutiven endlichen Welt selbst anwesend sein als ein Element der Ewigkeit in der endlichen Welt. Diese Erkenntnis verändert alle Einschätzungen des Todes und der Endlichkeit. Der Tod als Ausdruck der Endlichkeit ist dann sogar von Gott gewollt. Dass der Tod und das Sterben auf dieser Welt so miserabel zugeht, ist dem Menschen anzulasten, seinem Egoismus, seinem Nationalismus, seiner Kriegslust und Zerstörungslust.

Noch einmal zu dem oben erwähnten Norberto Bobbio. Er behauptet: „Alles, was einen Anfang hatte, hat ein Ende“ (S. 54). Das gilt für die Dinge INNERHALB der Welt selbstverständlich. Dann aber folgt der entscheidende Satz: „Nur das, was keinen Anfang hatte, hat kein Ende. Was jedoch weder Anfang noch Ende hat, ist die Ewigkeit“ (ebd).

Damit führt Bobbio selbst genau auf unsere Philosophie der Schöpfung und der Ewigkeit von Gott und Welt und der nicht greifbaren und nicht „abzuschaffenden“ Anwesenheit Gottes in der Seele des Menschen: Denn wenn die Welt als Schöpfung von Gott stammt als dem Ewigen und der Gott in der Welt als der dann ewigen Welt selbst anwesend ist, dann hat der Mensch, jeder Mensch, bleibend Ewiges in sich. Das heißt: Dieses Ewige als Teil des Göttlichen (was wir Seele nennen) wird mit dem Tod des irdischen Menschen nicht vernichtet.

Meister Eckart (1260 – 1328) hat das so ausgesagt, indem er auf den göttlichen Gott Bezug nahm: „Ich bin ungeboren (damit meint er: ich bin eine Schöfung Gottes) und nach der Weise meiner Ungeborenheit (mein Sein durch Gott und In Gott) kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ewiglich bleiben. Was ich meiner Geborenheit (also meiner weltlichen und endlichen Herkunft nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich“. (Deutsche Predigten, „Beati pauperes“, in: Meister Eckart, „Einheit mit Gott“, hg Dietmar Mieth, 2002, S. 154). Noch einmal: Ungeborensein heißt: Aus Gott stammen und das Wesentliche (die Seele) eben nicht von den irdischen Eltern und der irdischen Mutter empfangen, Menschen als Menschen können das Ewige nicht vermitteln. Es geht also auch um Eckarts Lehre vom Seelenfunken. Dieser drückt eine Gleichheit mit Gott aus, die für den Menschen schon vor seinem Leben auf der Welt, dann mitten im irdischen Leben und dann wieder nach dem Tod Wirklichkeit ist, (Alois M. Haas, Meister Eckart als normative Gestalt….Einsiedeln 1979, S. 126) Dies ist für Eckart die höchste Vorstellung vom Glück. …“Eigentlich spricht Eckart von nichts anderem als der Einheit zwischen Mensch und Gott“ (130).

Ich möchte zum Schluss auch auf HEGEL hinweisen, auf die Phänomenologie des Geistes“. Darin geht es Hegel auch um die Anerkenntnis der absoluten Kraft des Geistes, der Vernunft, die sich gerade im geistigen „Abarbeiten“ an der Endlichkeit und dem Tod zeigt: „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt“ , In Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in 20 Bänden, hier Band 3, Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Suhrkamp, 1970, S 36.

Die Welt ist nicht der eigentliche „Aufenthaltsort“ des Menschen, wir gehören in eine göttliche Welt. Diese Überzeugung hat Heinrich Böll einmal formuliert: „Der Mensch ist für mich ein Gottesbeweis“, sagt er in einem Interview: „Wie meinen Sie das?“, fragt Karl-Josef Kuschel.  Bölls Antwort: „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht erkannt zu werden, führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Dies ist für mich die entscheidende Erkenntnis in meiner Sicht: Der Tod, unser Tod, ist, wenn man den Unendlichen mit dem üblichen Symbolwort benennen soll, also von „Gott“ als der Instanz, die die endliche Welt geschaffen hat, sozusagen „gewollt“.   In der Hinsicht ist der Tod grundsätzlich kein Übel. Er ist in dieser Philosophie gottgewollt. Das konkrete Sterben ist leider für viele ein Übel. Aber dies wäre prinzipiell zu verbessern.

 Die Welt als Naturgegebenheit selbst ist endlich, begrenzt, unüberschaubar, das zeigen die Naturkatastrophen, etwa Erdbeben. Klimakatastrophen sind vom Menschen gemacht, siehe den Egoismus der Industrie-Nationen.

Die Menschen sind endlich. Sie neigen zum Egoismus, also zum Tun des Bösen. Das Böse kommt durch das Tun der Menschen in die Welt, das Böse wäre also eigentlich zu reduzieren in einer von Vernunft und Empathie und Respekt bestimmten Welt.

Wie gesagt: Das Böses-Tun der Menschen kann aus Verzweiflung über die eigene Endlichkeit geschehen: „Ich will für immer herrschen, will nicht meine Endlichkeit, meinen Tod, akzeptieren“. Siehe die Studien von Erich Fromm. Die Herrschenden, die nach Besitz und Haben Greifenden verhindern als den je eigenen humanen Tod. Daran wäre zu „arbeiten“…

Der je eigene Tod bleibt durchaus ein leider wohl noch fernes Ziel einer humanen Welt.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 



Kirchengemeinden in Berlin – Warum sie bedeutungslos geworden sind

22. November 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Berlin boomt“, um den gängigen Werbeslogan zu verwenden. So ganz falsch ist er ja nicht. Überall wird gebaut, jede Ecke gefüllt, mit Eigentumswohnungen meist. „Berlin ist eine ziemliche Pleite“, um treffend vom Verkehr, von Schulen, Wohnungen, der Sorge um Arme und Obdachlose etc. zu sprechen. Noch nie war eine Stadtregierung so unbeliebt und offenbar unfähig. Aber die CDU würde es auch nicht besser machen…„In Berlin mal leben, das wollen so viele“, um einen ungebrochenen Trend anzusprechen, von den 14 Millionen Touristen jährlich ganz zu schweigen. Berlin, diese so zwiespältige und so beliebte und so gestresste Metropole für die Menschen, die da ständig leben. Spricht jemand in den Medien z.B. noch von Religionen, Kirchen, Theologien in Berlin?? Das passiert eher sehr selten. Und die Kirchen sorgen mit ihrem administrativen Sparprogrammen ohnehin selbst für ihr langsames Verschwinden. In Berlin wird das kaum kommentiert. Selbst die betroffenen Gemeinden schweigen, nehmen fast alles hin, was die Hierarchie durchsetzt. Im Katholizismus werden Gemeinden gestaltet, zusammengelegt, vergrößert einzig nach dem einen klerikalen Gesichtspunkt: Welches Mitglied der allmählich aussterbenden Priesterschaft können wir noch in die Gemeinden setzen. Niemand denkt daran, ernsthaft katholischen Laien volle und umfassende Verantwortung für die Gemeinden zu übergeben. Allgemeines Priestertum ist ein schönes Wort und nur eine Ideologie. Man denke etwa den Millionen Euro kostenden und überflüssigen Umbau der inneren Gestalt der Hedwigskathedrale … Das Geld sollte man sinnvoller für Wohnprojekte für Obdachlose ausgeben und für offene Gesprächsräume, „Salons“, in allen Stadtteilen. Als Galerien, Krypten, Etagen etc…

Berlin ist für den Religionsphilosophischen Salon immer schon ein Thema gewesen, nicht zuletzt durch die Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb.

Wir sammeln Elemente für eine neue Berliner liberale Theologie. Diese zeichnet sich z.B. durch dogmatische Offenheit und Bejahung von Innovation und Experiment aus.

Zur kirchlichen Situation in Berlin: Etwa 33 Prozent der Menschen in Berlin sind Mitglieder der großen christlichen Kirchen. Die anderen, von den Muslimen einmal abgesehen, bilden die Mehrheit: Sie nennen sich selbst konfessionsfrei. Und wenn sie sich Atheisten nennen, sind sie wahrscheinlich eher selten absolute Feinde einer religiösen Haltung, aber das ist ein anderes Thema.

Die Gemeinden der evangelischen und katholischen Kirche sind trotz ihrer Sichtbarkeit durch große Kirchengebäude de facto sehr schwach. Die Kirchenchöre spielen noch eine Rolle (Matthäuspassionen !) und die Kindergärten und die Seniorentreffs. Wenn man die Teilnahme an den Sonntags – Gottesdiensten betrachtet: Etwa 3 Prozent der Protestanten gehen sonntags zur Kirche. Bei den Katholiken sind es etwa 8 Prozent. Also ca. 20.000 Protestanten nehmen sonntags an den Gottesdiensten teil, bei den Katholiken etwa 30.000. Heiligabend sieht es anders aus. Natürlich hat jeder die Freiheit, auf seine Art seine Spiritualität zu pflegen. Hier geht es um Fakten. Wenn man die Altersstruktur der TeilnehmerInnen an den Gottesdiensten betrachtet, sieht es im Blick auf Zukunft für die Kirchen eher betrüblich aus. Man sollte halt nicht die gut besuchten Gottesdienste im Berliner Dom (ev) oder der Marienkirche (ev) anschauen, sondern eben auch die eher leeren Kirchen sonntags in Wedding oder Neukölln ansehen. Diese klotzigen Gebäude stehen förmlich fast immer, wähernd der ganzen Woche  leer und meist verschlossen herum. Junge Leute amüsieren sich auf den Stufen der verschlossenen Kirchen.

Tatsache ist: Die Sonntagsgottesdienste sind in Berlin (ist es in Köln, Hamburg oder München anders?) kein Teil der Stadtkultur. Und das ist der kritische und bedenkenswerte Punkt. Kirchen werden wegen bestenfalls der Kirchenmusik wegen beachtet und besucht, diese schöne Musik ist allerdings nur mit hohen Eintrittsgebühren erreichbar… Kirchen werden nicht mehr wegen der Predigten oder der Prediger besucht. Wer kennt einen interessanten und kritischen Berliner Prediger? Ist da jemand stadtbekannt, auffällig, umstritten, ständig Gast in den Talkshows? Einen, der mal heftig und deutlich zum schwierigen Leben in dieser sozial gespaltenen Stadt Stellung nimmt? Niemand ist da. Armselige Kirche ohne wirklichen Geist.

Wer kennt noch einen Ordensprediger, einen, den man einst wort –gewaltig und prophetisch nennen konnte? Nichts da, die Orden verschwinden in Berlin. Die wenigen verbliebenen Ordensleute in Deutschland halten sich dann scharenweise und bequemerweise lieber im schönen München auf…

Zum Desinteresse so vieler Kirchenmitglieder an der Teilnahme in der Gemeinde hat schon 1965 der damals sehr bekannte anglikanische Bischof John A. Robinson in seinem Buch „Eine neue Reformation“ Stellung genommen. Ich finde seine Hinweise zum Desinteresse so vieler an „ihren“ Gemeinden nach wie vor wichtig und der Diskussion wert. Denn das Abstandnehmen von den Gemeinden ist ja nicht nur ein philosophisches und theologisches Problem. Es ist auch aus sozialen Gründen noch viel mehr problematischer, weil dann Kommunikationsmöglichkeiten unterschiedlicher Menschen nicht mehr gelingen.Erstaunliche Kommunikation über alle Grenzen hinweg könnte ja prinzipiell in offenen (!) Gemeinden gelingen…Aber die gibt es kaum. Man stelle sich etwa die katholische St. Matthias Gemeinde in Berlin Schöneberg vor: Wunderbar auf einem großen MARKT – Platz gelegen UND mitten in einem der großen Berliner Schwulen Viertel. Was tut die Gemeinde in Zusammenarbeit mit den schätzungsweise 40.000 Homosexuellen, die in der näheren und weiteren Nachbarschaft wohnen? Gar nichts unternimmt die Gemeinde. Rosenkranzandachten zu gestalten ist so viel einfacher und Messe lesen sowie so, als mit Schwulen und deren Familien über die Vielfalt der Lebensformen zu sprechen etc. Das hei0t: Diese Gemeinde – wie viele andere – lebt förmlich in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten. Aber das regt keinen mehr auf, die betroffenen Homosexuellen schon gar nicht. Die erwarten absolut nichts mehr von der römischen Kirche. Dabei sind viele Schwule sehr spirituell interessiert…Eine ganze große kulturelle Szene hat die Kirche also „verloren“, um es einmal klassisch theologisch zu sagen. Die Intellektuellen hat sie längst verloren, die Arbeiter, die Armen, die Frauen, die Jugendlichen und jungen Menschen, die am Wochenende lieber scharenweise in die vielen „Clubs“ gehen und dort vielleicht sehr persönliche Transzendenz – Erfahrungen (bei der Musik, beim Sex) erleben. Alle diese Gruppen und Klassen hat die Kirche verloren. Wen hat sie noch? Die Angestellten der Kirchenverwaltungen möchte man sagen.

Also: Bischof Robinson spricht von Menschen aus seiner Umgebung und in seiner Erfahrung, von Menschen, die zwar durchaus bereit wären, sich „irgendein christliches Anliegen zu eigen zu machen oder mit ihrem Leben etwas Sinnvolles zu beginnen. Denen aber im Traume nicht einfallen würde, sich deswegen einer örtlichen Pfarrgemeinde anzuschließen und in ihrem Rahmen zu arbeiten. Und zwar nicht notwendig deswegen, weil ihre Bindung an Christus nicht zuverlässig wäre, sondern weil die Pfarrgemeinde ihnen als ein Gebilde erscheint, das zu den wirklichen Brennpunkten des menschlichen Lebens und den Stellen, an denen die Entscheidungen getroffen werden, keinerlei Beziehung hat“. (S. 90).

Die „neue Reformation“ – so der Buchtitel – sollte für Bischof Robinson dringend kommen, sie müsste aber von einer Kirche ausgehen mit neuen Formen (er meint sicherlich im Blick auf frühere Bücher auch neue Inhalte), „die von den durch weltliche Bedürfnisse geschaffenen Strukturen herum wachsen“…

„Die Kirche muss eine offene Gesellschaft, eine Aufnahme bereite Gemeinschaft sein, deren Wesen darin besteht, den Menschen zu begegnen , wo sie sind und sie anzunehmen als das, was sie sind“ ( S. 46).

1965 schrieb der anglikanische Bischof und Theologe John A. Robinson diese Worte. Damals glaubten viele noch, dass seine Worte Gehör finden, also zu neuen Initiativen inspirieren. Hat die „neue Reformation“ stattgefunden, ist sie unterwegs? In der Sicht der liberalen Theologie eher nicht.

Ein Blick nach Nord-Rhein-Westfalen: Dort sind „1.500 von insgesamt 6.000 Kirchen beider Konfessionen von der Schließung bedroht“ (Berliner Zeitung, Beitrag von Franziska Knupper, am 23./ 24. September 2017).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Sehnsucht – diese gesunde „Sucht“ nach einem besseren Leben: Ein philosophischer Salon

19. November 2017 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Termine, Warum Salon-Gespräche wichtig sind?

Am Freitag, den 15. Dezember 2017, veranstalten wir um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, einen (religions-) philosophischen Salon über die Sehnsucht: Ohne Sehnsucht nach den anderen Menschen, nach Schönheit, nach Frieden, vielleicht auch (ich würde sagen hoffentlich) nach der Nähe des Göttlichen, können wir „eigentlich“ nicht leben. Sehnsucht ist ein Thema, das viel zu selten philosophisch gewürdigt wird. Wir versuchen es an diesem Abend vor Weihnachten, wo manche eine starke (kindliche ?) Sehnsucht haben nach einem anderen, einem nicht-kommerziellen Fest.

In einer Welt, die das meiste, was für den Menschen wichtig ist, technokratisch „löst“ und eindimensional „beantwortet“, ist Sehnsucht eine seelische Kraft des Widerstands. Erich Fromm hat Sehnsucht und die immer vorhandenen psychischen Bedürfnisse eng verbunden. Ist Sehnsucht dann das Leiden an den unerfüllten seelischen Bedürfnissen, wie „Verwurzeltsein“, „Identität erleben“, „Bezogensein auf Transzendenz“, wie Erich Fromm schreibt?

Vielleicht bietet unser persönlich – reflektiertes Sprechen im Salon einige Anregungen. Vielleicht auch Reflexionen über die belebende Kraft der Sehnsucht, auch Gedanken zur unerfüllten Sehnsucht. Und Gedanken, dass Sehnsucht so etwas wie ein „leises“ Erscheinen einer anderen Welt ist, die eigentlich ihr gutes Recht haben sollte in dieser realen Welt? Sehnsucht kann auch politisch werden und sich als Empörung äußern. Oft aber bestimmt uns angesichts der politischen Krisen der Gegenwart, d.h. des Zerfalls demokratischer Ordnungen, nur noch „ein Überrest nostalgischer Sehnsucht nach den Gewissheiten des (einst) anti-totaliären und liberalen Westens“ (so der Autor Pankaj Mishra,  „Die grosse Regression“, 191). Werden wir zur befreienden Sehnsucht finden anstelle nostagischer Schwärmereien?

Herzliche Einladung also mit der dringenden Bitte, um nicht Verpflichtung zu sagen, sich anzumelden, angesichts der für einen Salon nun einmal begrenzten Teilnehmer Zahl. Wir sind keine „Akademie“ mit ihren großen Vorträgen, sondern uns liegt am Austausch, am Gespräch, am Dialog. Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Teilnehmergebühr, nur für die Raummiete: 5 Euro, Studenten haben freien Eintritt.

Bitte schon vormerken: Am Freitag, den 26. Janar 2018 ist Wolfgang Ullrich (Leipzig) bei uns, sehr vielen als Autor zu Kunstgeschichte und Philosophie bekannt ist. Wir sprechen mit ihm über sein neues Buch über Werte. Für diese außergewöhnliche Veranstaltung gelten nur schriftliche Anmeldungen.



Salons, auch philosophische, in Berlin. Ein Beitrag des Stadtmagazins TIP

18. November 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Neue Lebensformen, Themen bisheriger Salon-Gespräche

In der neuen Ausgabe des TIP vom 16.11.2017 hat die Redakteurin Eva Apraku einen interessanten Beitrag veröffentlicht über die Vielfalt kultureller Salons in Berlin heute. Man möchte nach der Lektüre meinen, wir gehen einer neuen Ära der Salons entgegen (und befürchten fast ein bisschen, dass nun fast alle Veranstaltungen, abgesehen von Opern-Aufführungen etc., sich allmählich Salon nennen…) Aber Salons als Veranstaltungen anspruchsvoller Gespräche in eher kleinem, oft privaten Kreis in angenehmer Atmosphäre (mit gelegentlichem gemeinsamen Essen) haben durchaus eine Chance und eine Zukunft. Sie können zu Orten werden, wo unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Kulturen und Ideologien regelmäßig zusammenkommen. Und zwar außerhalb der so genannten Event-Kultur, die die TeilnehmerInnen fast immer zu passiv und stumm dasitzenden und zuhörenden Subjekten macht. Dies gilt auch sehr oft für die Veranstaltungen der Akademien, wo nach langen Vorträgen ein paar Minuten für Fragen aus dem Publikum erlaubt werden. Ich halte diese im übrigen hoch finanzierte (von Kirchen, Parteien etc.) Akademie Kultur für weithin überholt. Die kläglichen Ergebnisse trotz superteurer Werbung etc. sprechen für sich. Also, mein Vorschlag ist: Lieber 12 verschiedene Salons in den Galerien, Lofts, Restaurants etc. in verschiedenen Stadtvierteln als eine einzige klotzige und teure Akademie im Zentrum.

Salons sind jedenfalls eine Alternative. Der Beitrag im TIP erwähnt auch den Religionsphilosophischen Salon Berlin, der seit 10 Jahren, fast immer einmal im Monat, philosophische Gespräche in kleinem Kreis (bis zu 20 TeilnehmerInnen) organisiert in Galerien, zur Zeit in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Wer sich mit dem Beitrag im TIP vertraut machen will und danach das Heft selbst lesen  will:

www.facebook.com/tip.Berlin/photos/a.10150911000384648.451990.59810144647/10155816965834648/?type=3&theater

Christian Modehn



Ein süßer Tod? Die „Herder–Korrespondenz“ veröffentlicht ein Heft über „Konflikte am Lebensende“

17. November 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Ergänzung am 20. November: Einige LeserInnen haben mich gefragt, warum ich denn so ausführlich und kritisch zu dem Heft Stellung nehme: Die Antwort: Weil meiner Meinung nach heute niemals, also auch nicht „bloß“ auf Deutschland bezogen, das Sterben der vielen Verarmten, der Flüchtlinge, der auch durch Europas Wirtschaftspolitik arm Gemachten im Süden dieser Welt ausgeblendet werden kann und darf. So wie auch keine seriöse Reflexion auf „das Gute Leben“ hier in Deutschland/Europa niemals auf die Darstellung des miserablen Lebens so vieler arm Gemachter im Süden dieser Welt verzichten kann. Zumindest eine Publikation aus einem katholischen Verlag muss diesen Maßstäben folgen, sonst ist alles Reden von „katholisch“ eine Irreführung und ein Werbetrick. CM.

Natürlich mag es für einige immer wieder interessant sein, trotz der förmlich unüberschaubaren Flut der Veröffentlichungen zum Sterben (weniger häufig zum Tod !) in Deutschland bzw. in der westlichen Welt doch noch einmal ein Heft zur Hand zu nehmen, das über „Konflikte am Lebensende“ informiert. Wie erwartbar geht es um die üblichen Themen Kinderhospize, Organspenden, Nah-Tod-Erfahrungen, Deutungen des neutestamentlichen Auferstehungsglaubens usw. Und natürlich geht es auch um die Frage der aktiven Sterbehilfe durch Ärzte. Die bekanntlich eine breite Mehrheit der Bevölkerung wünscht, aber diese Mehrheiten werden politisch nicht respektiert. Gerade weil die Kirchen alle noch verfügbare Macht einsetzen, pauschal aktive Sterbehilfe für Deutschland als Verbot zu erhalten. In der Hinsicht folgen die C Parteien ausnahmsweise den kirchlichen Weisungen. In der Frage der Zusammenführung von Flüchtlings-Familien tun die C – Parteien dies nicht! Familienwerte gelten den C Parteien ganz klar nur für gebürtige Deutsche.

Bemerkenswert in dem Heft ist, dass ein Gespräch mit dem Präsidenten der „Gesellschaft für humanes Sterben“, dem Philosophen Prof. Dieter Birnbacher und dem in katholischen Kreisen allseits bekannten „Psycho-Therapeuten, Theologen und Kabarettisten“ (sic! so im Heft selbst) Manfred Lütz an vorderster Stelle platziert ist. Lütz lehnt wie erwartet jegliche aktive Sterbehilfe ab. Er nennt Ärzte, die aktive Sterbehilfe leisten „seelisch kalt“, pauschal meint er sogar, „Depressionen sind heilbar“. Als guter Katholik und die C Parteien offenbar vertretend, will er Autonomie und Selbstbestimmung des einzelnen begrenzen. Katholische Ordensbrüder in Belgien, die in ihren Kliniken, dem dortigen freiheitlichen Gesetz und ihrem Gewissen folgend, Euthanasie zulassen, nennt er pauschal „skandalös und peinlich“. Prof. Birnbacher hält sanft gegen die Position von Lütz.

Ich will auf die einzelnen Beiträge nicht weiter eingehen, erlaube mir nur den Hinweis, dass auch der (einst als evangelisch auftretender) Bibelwissenschaftler katholischen Bekenntnisses Prof. Klaus Berger zu Wort kommt. Er arbeitet seit 2010, pensioniert, in der ziemlich reaktionären theologischen Ausbildung der Trappisten in der Eifel – Abtei Maria Wald, der dortige ebenfalls reaktionäre Abt wurde vom Ordensoberen kürzlich abgesetzt…Warum kann die „Herder Korrespondenz“ auf diesen Bibelwissenschaftler nicht verzichten. Warum wird nicht aus entsprechenden Studien von Hans Küng zitiert? Warum ist es der Herder Korrespondenz unbekannt, dass der katholische Priester Herman Verbeek in Groningen (Niederlande) durch Euthanasie sterben wollte und tatsächlich mit ärztlicher Hilfe sterben konnte? Der katholische Bischof von Groningen nahm an der ökumenischen Trauerfeier teil. Das wären interessante Themen gewesen…Aber dafür braucht man einen freien Geist und Mut zur Kritik am bestehenden Kirchen-System!

Ich finde es vor allem sehr traurig, dass eine katholische Zeitschrift, die ja wohl noch eine gewisse Relevanz hat, auch wenn sie an keinem Kiosk zu kaufen ist, das doch allgemeine Thema Tod mit dem Untertitel „Konflikte am Lebensende“ NUR auf die deutsche Situation des Sterbens bezieht. Und man hat nach meinem Eindruck ohne jegliche Ironie den Obertitel wählt: „Komm, süßer Tod“. Dieser Satz ist Wunsch, aber selten Realität selbst in Deutschland, wo laut Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung von 2015 nur drei Prozent der Schwerst-Kranken in den wohl rundum angenehmen Hospizen sterben. Für die meisten spielt sich „der süße Tod“ noch sehr bitter und oft sehr anonym in den Kliniken ab.

Was mich sehr kritisch stimmt ist: Eine katholische Zeitschrift begrenzt sich beim Thema Lebensende auf die eher bürgerliche Welt innerhalb der Grenzen Deutschlands. Auf das Sterben und Krepieren so vieler Tausend Menschen weltweit (bei Kriegen, die verhindert werden könnten, in den Folterlagern, den Verbrechen der US Justiz im Falle von Todesstrafe etc.) wird überhaupt nicht eingegangen in dem Heft. Es wird z.B. auch die Auseinandersetzung mit den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen völlig verzichtet. Aber das gehört zu einem Heft, das sich explizit, laut Titel, ,vornimmt über „Konflikte am Lebensende“ zu berichten.

Es gibt ja mehr als 34.000 Flüchlinge, die im Mittelmeer bisher umkamen; selbstverständlich auch durch die Politik der Flüchtlings-Abschreckung (!) des Westens, letztlich auch von Frau Merkel und Co.. Wer beklagt zum Beispiel diese 34.000 Opfer unmenschlichen Umgangs mit Flüchtlingen. Sie mussten ihr Leben auf grausamste Weise lassen, durch Ertrinken und Verdursten usw. Wer wird diese Namen, die jetzt veröffentlicht wurden, in den Kirchen und öffentlichen Plätzen laut verlesen als Form des Gedenkens, das sich ja im Falle der Vernichtung der Juden etwa durchgesetzt hat?

Ich finde: Es ist eine enorme Begrenzung, es ist ein großer Fehler, wenn das Heft bei „Konflikten am Lebensende“ auf das gar nicht „süße Sterben“ der tausenden von Afrikanern etwa im Südsudan gar nicht eingeht, dieses Krepieren in den Lagern, dieses Geschundensein der Verhungernden im Jemen, dieses Ermordetwerden von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in den katholischen Ländern Lateinamerika und so weiter.

Es gibt auch ein Sterben, das durch deutsche Waffen (vielleicht von Firmen, deren Chefs und führende Mitarbeiter Katholiken bzw. Kirchensteuerzahler sind) mit verursacht ist. Ein Sterben auch aufgrund von völlig unzureichender Solidarität der Deutschen mit den Armen Afrikas usw. Es ist etwa ein Sterben der Bauern Afrikas, die unter der von Europa, auch den C Parteien, diktierten Freihandels Zone krepieren.

Man kann jedenfalls heute kein Heft über „Konflikte am Lebensende“ machen, wenn man nicht auch die tiefen seelischen Konflikte thematisiert, die doch etliche Deutsche erleben, weil Deutsche und deutsche Politiker objektiv und de facto mitschuldig sind am Tod so vieler Unschuldiger. Das Heft der Herder Korrespondenz beschreibt letztlich eine hübsche bürgerliche Welt des „süßen Todes“. Wer braucht das noch?

Man fragt sich, wurde dieses Heft als Schnellschuss publiziert, um mit dem „beliebten Todesthema“ noch etwas Geld zu verdienen? Sonst sehe ich keinen Grund für diese Publikation, abgesehen vielleicht von den Farbdrucken des katholischen Malers Michael Triegel.

Herder Korrespondenz SPEZIAL, Komm süßer Tod. November 2017, 9,95 Euro. 64 Seiten.

Meine dringende Empfehlung: Lesen Sie anstelle dieses Heftes der Herder Korrespondenz lieber den gratis verfügbaren Beitrag über die christliche Begleitung von Schwerst-Kranken auf dem Weg zur aktiven Sterbehilfe in der Schweiz. In der Monatszeitschrift „Stadt Gottes“ (der katholischen Ordensgemeinschaft „Steyler Missionare“), veröffentlicht in der Ausgabe von November 2017. Und diskutieren Sie diesen wichtigen Beitrag in Gemeinden etc. Dieser Beitrag ist Ausdruck für eine katholische Presse, die noch auf Freiheit Wert legt und Mut hat und nicht, wie die Herder Korrespondenz, offenbar ganz auf dem Kurs der C Parteien gelandet ist und eher Langweiliges produziert. Zum Beitrag in der Stadt Gottes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Sittenwidrige Verhältnisse:Die Beziehung von Moral und Gesetz (Recht) muss neu bestimmt werden!

15. November 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein kommentierender Hinweis zu einer philosophisch –ethischen Diskussion

Von Christian Modehn am 15.11.2017

Kann „man“ ohne weiteres einverstanden sein, wenn Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) das Millionengehalt für den AIR BERLIN Manager Thomas Winkelmann nach der Pleite des Unternehmens mit den Worten würdigt: „Man kann den Vertrag mit Herrn Winkelmann moralisch schlecht finden, aber er stammt aus der Zeit vor der Insolvenz“. Ist der Vertrag bei dieser zeitlichen Platzierung deswegen vielleicht sogar moralisch gut, muss man fragen. Ist deswegen alles entschuldigt?

Frau Zypries (SPD) fährt fort: „Ich kann verstehen, dass andere es (d.h. die horrende Höhe des Gehalts nach der Pleite) für problematisch halten, aber juristisch lässt sich dagegen wenig sagen“. So im Tagesspiegel vom 13. 11. 2017 als Zitat von DPA. Aber man kann wenigstens „wenig“ dagegen sagen. Warum macht das die Ministerin nicht? Hat sie Angst vor der Macht der Lobbyisten?

Zur Erinnerung: „Die ZEIT“ berichtete ONLINE am 20. Oktober 2017: „Winkelmanns Grundgehalt in Höhe von 950.000 Euro geht weiter. Und zwar bis zum Vertragsende bis Anfang 2021 – und auch im Falle einer ordentlichen Kündigung. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro festgesetzt. Die Zahlungsverpflichtungen wurden durch eine so genannte Bankgarantie von bis zu 4,5 Millionen Euro abgesichert – ein branchenüblicher Vertrag zwar, dennoch sind viele darüber empört“. Noch einmal: Das gesetzlich Übliche und Korrekte führt zu – bislang wirkungsloser – Empörung.

Also: Diese horrende Gehalts – Zahlung ist moralisch fragwürdig bis unmoralisch sein, aber vom rechtlichen Standpunkt aus ist sie gesetzlich korrekt. Aber angesichts der Moral eben nicht gerecht!

Das schwierige und immer wieder vermiedene Thema ist aufgemacht: Welche bestimmende Rolle kann humane Moral angesichts ungerecht erscheinender Gesetze haben? Es gibt die Beispiele aus Diktaturen, wie dem Nazi Regime, als Widerstandskämpfer wegen der ungerechten Gesetze aus der Verpflichtung der Moral, d.h. des Gewissens, gehandelt haben. Das war zu Zeiten von Diktaturen. Die Frage ist: Gibt es die Häufung ungerechter Gesetze auch in Demokratien und Staaten, die sich Demokratien nennen?

Heute und schon längere Zeit stehen also einmal mehr, wie so oft, rechtlich korrekte Verträge und Verhältnisse gegen moralische Auffassungen einer breiten Schicht der Bevölkerung und der journalistischen Kritiker. Dass niemand damit rechnet, dass Herr Winkelmann wenigstens auf einen Teil seiner Gehälter, die ihm ohne Arbeitsleistung bis Anfang 2021 gezahlt werden, VERZICHTET, dass er bis jetzt auch selber nicht auf diese Idee kommt und etwa eine Million für Obdachlose spendet, ist Ausdruck für den (un)moralischen Zustand unserer Gesellschaft. Wenn man von Gewissen spricht, ist ja der Gewissensspruch bekanntlich nicht auf Gesetze bezogen, sondern auf moralische universal gültige Auffassungen.

Es macht sich also weltweit, auch in Deutschland, eine Empörung breit zum Beispiel über gesetzlich offenbar korrekte Gehaltszahlungen für bestimmte Super – Manager. Diese Empörung hat ihr Kriterium (!) in einer moralischen (!) Auffassung über das, was Menschen und Manager verdienen dürfen. Damit wird die reflektierte Moral in einer Demokratie auch als Kriterium für ein gesetzlich geordnetes Miteinander verstanden. Diese Moral entspricht dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte. Denn die Menschenrechte sind zwar in einer rechtlichen Form formuliert, aber sie haben als geistigen Background eine bestimmte universal gültige Auffassung vom Menschen als Menschen. Und dazu gehört auch der soziale Ausgleich: Wenn tausende aus einer Pleite-Firma plötzlich auf der Straße stehen, ist es sittenwidrig, wenn dann Manager dieser Firma Monatsgehälter kassieren, die tausende Familien Unterstützung bieten könnten.

Also, selbst wenn die Gehaltsvereinbarungen mit Herrn Winkelmann gesetzlich in Ordnung sind: Die Frage geht in eine andere Richtung: Unter welchen Bedingungen und mit welchem Ziel werden diese Verträge als rechtlich gültige Verträge überhaupt geschlossen? Wer hat wann Gesetze geschaffen, die diese jedem sittlichen Empfinden widersprechenden Zahlungen, auch im Fall einer Firmenpleite, gesetzlich zusicherten? Da kommen wir sehr tief in der Problematik der demokratischen Gesetzgebung: Und dann wird deutlich: Dort spielen sich Lobby Gruppen die gesetzlichen Bälle zu, die Abgeordneten schaffen Gesetze, die als unmoralisch empfunden werden, weil sie als Abgeordnete selbst den Kreisen zugehören, die eines Tages von den (unmoralischen), aber formal korrekten Gesetzen profitieren. Dieses unwürdige Spiel wird weltweit in den Parlamenten betrieben, man blicke nur mal nach Lateinamerika, etwa aktuell nach Brasilien. Da werden ungerechte Verhältnisse zementiert durch nur formal rechtlich korrekte, aber unmoralische Beschlüsse der Gesetzgebung. Die Wälder im Amazonas würden z.B. noch sehen, wenn so genannte demokratische Politiker dort moralisch und nicht nur formal rechtlich handeln würden. Tausende weiterer Beispiele sind möglich…

Das Empörende ist in meiner Sicht, dass die bestehenden Gesetze, die etwa den Skandal um Herrn Winkelmann zu einem rechtlich korrekten Status machen, dass also diese bestehenden Gesetze der Demokratie faktisch kaum mehr rückgängig gemacht werden, obwohl dies prinzipiell in einer Demokratie wie in Deutschland möglich ist. Das heißt: d.h. die Gesetze werden, so wie die Politik in Deutschland und anderswo läuft, kaum korrigiert werden zugunsten einer an den Menschenrechten orientierten Moral und der entsprechenden Rechtsauffassung. Denn diese sich Privilegien zuspielenden Kreise sitzen nach wie mit absoluter Mehrheit in den Parlamenten, gewählt von den (dummen ?) Bürgern. Dass darüber nicht in der ganzen Breite diskutiert wird, ist eigentlich eine Schande. Man denke daran, dass sich offenbar alle daran gewöhnt haben, wenn Vorstände von DAX Unternehmen das 50 fache verdienen wie ein so genannter normaler Angestellter. Herr Matthias Müller von VW verdient z.B. 9,6 Millionen Euro, ohne offenbar für die jetzt offensichtlichen Schäden durch falsches Management mit seinem privaten Vermögen einzustehen.

Als Thema für weitere Diskussionen müsste an den alten Begriff der „sittenwidrigen Verträge“ erinnert werden. Ich denke noch an den Fall, als einer mir bekannten 75 jährigen Rentnerin von einem gerissenen Versicherungsvertreter ein Sparprogramm mit 15 jähriger Laufzeit aufgeschwatzt wurde. Dieser Vertrag konnte als „sittenwidrig“ gekündigt werden. Der Begriff „sittenwidrig“ ist alles andere als altmodisch, er ist der berechtige Ausdruck für die Empörung, dass in bestimmten Fällen das Maß des menschlich Erträglichen überschritten wird. Gibt es sittenwidriges Verhalten auch im gesellschaftlichen Bereich, etwa bei Zusagen horrender Gehälter? Ich denke: Ja. Ein anderes Beispiel:

Ist das heute per Fernsehen ständig vermittelte Sterbenlassen von Tausenden von hungernden und schwer kranken Menschen etwa in Jemen, im Südsudan, in Zentralafrika usw., ist also dieses weltweite Zusehen beim Krepieren von tausenden Menschen, die als Menschen selbstverständlich genauso wertvoll sind wie die Manager im reichen Westen, ist dieses allgemeine Zusehen des Westens sittenwidrig, unmoralisch, also verwerflich? Ich denke ja. Denn der Westen, diese reichen Länder mit ihren tausenden Milliardären, hätten ja bei gutem Willen die Möglichkeiten, zu helfen, aber bitte nicht durch Spendenaufrufe, sondern durch die Beendigung des Waffenhandels, der sittenwidrig ist vor allem mit Staaten, die selbst ständig Kriege führen, wie Saudi – Arabien etc. Es ist sittenwidrig, dass es in Deutschland und anderen Demokratien Gesetze und entsprechende rechtliche Schlupflöcher gibt, die etwa deutschen Industrien die Waffenproduktion und den Waffenhandel gestatten.

Ist also ein moralisches, d.h. der Menschenwürde entsprechendes Verhalten auch einklagbar? In manchen Fällen ja, man denke etwa daran, dass die unterlassene Hilfeleistung auch vom Gesetz her bestraft wird (§ 323 c, Strafgesetzbuch): Wenn ich jemanden in großer Not nicht helfe, und ich der einzige bin, der Hilfe leisten kann, dann ist mein Nicht – Helfen nicht nur moralisch verwerflich, sondern zu bestrafen.

Vielleicht sollte man das Annehmen horrender Gehaltszahlungen für Manager etc. als gesetzlich verwerfliche Unterlassung von Hilfeleistungen (für die Entlassenen etwa, die vom System arm Gemachten z.B.) deuten und entsprechend bestrafen.

In jedem Fall ist die Empörung und die Wut über die Bevorzugung einiger Herren von ganz oben so groß, dass Abhilfe geschaffen werden sollte, um des sozialen Friedens willen. 2018, so der Tagesspiegel am 15. November 2017, werden 1,2 Millionen Menschen in Deutschland ohne Wohnung sein, wenn die Wohnungspolitik so bleibt, wie sie ist, nämlich ungerecht.

Die Frage nach den gerechten Gesetzen und den sittenwidrigen Gesetzen bzw. Verträgen gehört ins Zentrum öffentlicher Debatten. Weil eben, wie so viele sagen, die Empörung groß ist. Heinrich Böll, dessen 100. Geburtstag wir am 21. Dezember 2017 gedenken, hat einmal gesagt: „Es gibt eine (falsche) Geduld der Armen. Dieses Wort bezieht sich darauf, was die Armen im Laufe der Menschheitsgeschichte alles erduldet haben. Oder sagen wir: über sich haben ergehen lassen, was sie hingenommen haben. Dies ist eine ungeheure Masse von Erduldetem“. (in: Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen, Piper Verlag 1985, S. 75). Ist die Zeit der Geduld vorbei? Beginnt die Zeit der Empörung, von der Stephane Hessel so viel geschrieben und gesprochen hat? Kann man sich aber Empörung vorstellen, ohne eine ausgeprägte Erfahrung von dem zu haben, was Menschen und Gesellschaften MORALISCH auszeichnet? Die humane, d.h. die Menschenrechts – orientierte Moral ist stärker als die Gesetzgebung. Das ist nicht mehr als eine Hoffnung…

Wer gern eine Kurzfassung will: Wenn die Gesetzgeber und Vertragsmacher bei ihren Texten und Verträgen sich von einem moralisch verantwortlichen Bewusstsein leiten lassen würden, was ja menschlich gesehen prinzipiell möglich ist, und auch die Vertragsnehmer ein moralisches Bewußtsein hätten und nicht jeden Vertrag aus egoistischer Gier unterschreiben würden: Dann gäbe es das genannte Problem nicht, etwa das  der skandalösen Annahme von Millionengehältern ohne tatsächliche Arbeit. Philosophie muss manchmal Utopien formulieren, die nichts anderes sind als die Beschreibung menschenwürdiger Verhältnisse, die alle klein Gemachten kaum noch für möglich halten. Mit den skandalösen Fakten werden sich die Empörten aber niemals abfinden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 



Heinrich Böll als Katholik: „Nicht versöhnt“

13. November 2017 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zum 100. Geburtstag des Dichters.

Der 21. Dezember 2017 ist ein „runder“ Gedenktag: Dabei kann man das Denken und das Leben der Person, an die wir dann denken sollen, alles andere als rund nennen: Wir wollen im Religionsphilosophischen Salon Berlin einen kleinen Denk – Beitrag leisten und wenigstens einige aktuelle Gedanken des „Jubilars“ vorstellen: Am 21. Dezember 1907 wurde in Köln der Dichter Heinrich Böll geboren. Am 16. Juli 1985 ist er gestorben.

Uns interessiert der Katholik Heinrich Böll, der er immer war, selbst wenn er heftigste Vorbehalte gegenüber der Institution hatte und 1972 aus der Kirche ausgetreten war.

Es ist klar, dass Religion und Kirche in den Werken Bölls beinahe allgegenwärtig sind. Böll war in der „mystischen Welt“ des Katholizismus tief verwurzelt. Er weiß, dass der Mensch sich auf dieser Erde nie ganz zu Hause fühlen kann. „Dass wir also noch woanders hingehören und von anders herkommen“. Böll will die Sakramente in neuer, menschenfreundlicher Bedeutung erleben. Er ist so tief in seinem Glauben, dass „ich mir einen Atheisten nicht vorstellen kann… Wir kommen von außerirdischen Kräften her“ (in: Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“, Piper Verlag 1986, S. 65)

Nur aus dieser Bindung an die mystische Seite des Glaubens ist Bölls heftige Kritik an der Institution Kirche zu verstehen. Böll wollte die Kirche im Licht der Gestalt Jesu Christi bewerten. Darin kann man durchaus einen reformatorischen Impuls sehen, selbst wenn Böll vom Protestantismus wenig wusste.

Es ist keine Frage: Viele Aspekte von Bölls Kirchenkritik sind heute aktuell. Bölls Werke sind also in der Hinsicht überhaupt nicht „veraltet“. Die Debatten über die Zahlung der Kirchensteuer als Ausdruck der Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft sind ja keinen Schritt vorangekommen…Und genau in den Zusammenhang passt gut die Verteidigung, die Böll leistete für den katholischen Dichter Reinhold Schneider (gestorben 1958). Er ist aus religionsphilosophischen Interessen für uns sehr wichtig, vor allem wegen seiner offenkundigen und eingestandenen Gott-Ferne, wenn nicht Atheismus, was in dem Buch Schneiders „Winter in Wien“ förmlich in die Augen springt. Böll mag den eigentlich einst eher konsersativen Reinhold Schneider, weil er nun, nach dem Krieg, zum entschiedenen Pazifisten wurde. Und damit selbstverständlich in der militär-freundlichen Adenauer Kirche, also der katholischen, in Ungnade fiel. Man lese dazu in Heinrich Böll, „Die Fähigkeit zu trauern“, S. 67 f. Man sehnt sich förmlich nach mutigen Intellektuellen wie Böll, die noch mit dem Glauben an Jesus von Nazareth kritisch verbunden sind. Es gibt solche Menschen in den Kirchen nicht mehr. Die Kirchen in Deutschland sind intellektuell verödet, am Nullpunkt, es herrscht die Bürokratie, es gibt noch einige konservative, treu -römische, damit geistig unfreie, ideologische Autoren, aber an die  denken wir gar nicht mehr. Die katholische Kirche in Deutschland ist materiell stinkend reich, aber intellektuell verarmt, es gibt nur noch ein paar gut bezahlte intellektuelle Funktionäre (oder Theologieprofessoren) der Kirche.

Hilfreich ist bei dem Thema das Interview, das der französische Journalist und Autor René Wintzen mit Heinrich Böll im Oktober 1976 führte, es ist zuerst in Paris erschienen, später auch Taschenbuch bei DTV unter dem Titel „Eine deutsche Erinnerung“ (1981). Das Buch ist nur noch antiquarisch zu haben.

Böll beschreibt darin zum Teil drastisch, immer aber der Wahrheit verpflichtet, Erfahrungen mit der Kirche in seiner Jugend: Er kritisiert etwa die Bauwut der Bischöfe nach dem Ersten Weltkrieg: Überall entstehen neogotische Kirche „von einer industriellen Kälte“, dort „fanden die Pflichtgottesdienste statt, es gab den Katechismus Unterricht, dieser ganze fürchterliche Wahnsinn des 19. Jahrhunderts würde über einem abgerollt“ (39).

Die Indoktrination, die Ideologisierung, des Glaubens war ihm zuwider. Auch „die religiöse Erziehung der Eltern war wahrscheinlich schlimm“. Er geht als Jugendlicher nicht zum Sonntagsgottesdienst, „ohne unreligiös zu werden“ (40). Böll weist auf lächerliche rechtliche Bestimmungen hin: Etwa das Kirchengebot, nur nüchtern, d.h. ohne Speisen gegessen zu haben, an der Kommunion teilnehmen zu dürfen. (42). Das „Nüchternheitsgebot“ wurde dann 1964 fast ganz abgeschafft. Ein Gebot, für das einst die Päpste kämpften, verschwand also, ohne dass man den Menschen sagte, „warum man es jahrhundertelang aufrechterhalten hat“ (42). Die plötzliche Zurücknahme unsinniger Kirchengebote und Gesetze ist natürlich eine Wohltat, sie kommt meist plötzlich von Rom. Und die Leute, die einst gegen die Feuerbestattung kämpften, werden nun plötzlich konfrontiert mit der Entscheidung, auch für Katholiken ist Feuerbestattung möglich. Es ist diese Herrscher Allüre, die Böll so aufregt, zurecht

Die Kirchenkritik Bölls ist motiviert von der intellektuellen Armut der Kirche: Er verwendet übrigens immer wieder für das Wort „Milieu“, das „katholische Milieu“. Manche glauben noch heute, es förmlich riechen zu können.

In diesem Milieu wird zu viel Unsinn gelehrt, etwa die Lehre von der heiligen Familie, bestehend aus Josef, Maria und dem Jesuskind. Wie kann dieses Zusammensein eine Familie sein, wenn in ihr Erotik und Sexualität der Eheleute überhaupt keine Bedeutung haben. Wie kann man solch eine Konstruktion den Katholiken gar als Familien-Vorbild, als heilig, einschärfen? (54 f.).

Sehr heftig wurde Böll, wenn er auf die Kirchensteuer zu sprechen kam. Er fand es skandalös, dass ein Katholik nur dann Kirchenmitglied sein darf, solange er die Kirchensteuer bezahlt. „Man verrechtlicht das Verhältnis zu einer Religion, man fiskalisiert es, materialisiert es, das ist klassischer Materialismus“ (57). Böll ist dann 1976 wegen dieses offiziellen kirchlichen Materialismus aus der Kirche ausgetreten. Seiner Entscheidung sind dann viele andere gefolgt. Böll nannte die leidenschaftliche Sucht nach Kirchensteuern den „kirchliche Materialismus“. Er besteht bis heute. Die Kirchenführung nahm und nimmt Geld von Leuten, die nur aus Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit oder Tradition noch ihre Kirchensteuer zahlen, dann aber werden diese Menschen von den Herren der Kirche als „Karteileichen“ abqualifiziert. Das Geld dieser „Leichen“ stinkt also gar nicht.

Aktuell und wichtig ist Bölls tief greifende Kirchenkritik bis heute: Insgesamt herrscht in der katholischen Kirche ein administrativer Umgang mit den Sakramenten vor, man denke an die Debatten um Mischehen und Wiederverheiratet Geschiedene, diese Themen, die angesichts des Zustands dieser Welt heute geradezu absurd und lächerlich erscheinen. Darüber ereifern sich alte zölibatäre Bischöfe bis heute wochenlang, und viele Katholiken nehmen an dieser absurden Diskussion teil, ohne sich die Freiheit zu nehmen, einfach den eigenen Weg zu gehen…

Böll ist den eigenen Weg gegangen, auch in der Kirche. Er hat sich die richtige Frage gestellt: Warum ändern sich, verbessern sich, eigentlich die Katholiken nicht, die ständig an der Messe teilnehmen? Warum ist der Gottesdienstbesuch so wirkungslos? (62). Die Pflicht an der Sonntagsmesse teilnehmen zu müssen nannte Böll treffend „Druck, Magie, Terror“. Diese sitzen so tief, „dass sich die Menschen dem unterwerfen, gegen ihre Einsicht“ (ebd).

Noch viel zu wenig debattiert wird Bölls Vorschlag, anstelle der Sonntagsmesse lieber in kleinem Familienkreis einmal in aller Ruhe und stilvoll gemeinsam zu speisen, zu sprechen, sich auszutauschen, das Leiden und die Freude der Familienmitglieder zu teilen? (63).

Insgesamt beschreibt Böll die Kirchenführung mit den Worten „Unbarmherzigkeit, Hochmütigkeit und heuchlerische Frömmigkeit“, so die Germanistin Elisabeth Hurth in der „Herderkorrespondenz“ (2010).

Dabei weiß Böll, dass die Gesellschaft heute religiöse Vollzüge, authentisch gelebt, mit dem Interesse an seelischer Heilung und Befreiung, dringend bräuchte. „Glaube und Religion geben dem Leben nicht nur Halt, sie geben ihm auch eine Form“, schreibt Elisabeth Hurth.

Am 9.9. 1983, also 2 Jahre vor Bölls Tod, veröffentlichte die Zeitschrift PUBLIK FORUM ein Interview mit Böll, das Karl-Josef Kuschel führte (auch als Buch der Serie Piper, „Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“, 1986, dort S. 64 ff. ). Dabei fällt wieder auf, dass Böll einerseits den mystischen, den inneren, den spirituellen Wert des katholischen Glaubens für sich wichtig findet, dabei aber betont: „Ich betrachte mich nicht als Kirchenhasser, nicht andeutungsweise“ (67). Andererseits ist aber seine Kritik an der CDU/CSU und der Liebe der Hierarchie zu diesen Parteien ungebrochen. Er fragt, warum sich diese Parteiführer und Parteimitglieder mit dem „C“ nie auf Jesus Christus berufen. „Christliche Politiker sprechen ja nie von Jesus Christus… Wenn man nur die (alles Jesuanische neutralisierenden, CM) Worte christlich oder Christentum benutzt, dann sind diese Worte sozusagen Abschiedsbegriffe“ (68), solche also, die nur noch sehr ferne Erinnerungen an die radikale Gestalt Jesu von Nazareth wachrufen.   Man stelle sich vor, in der Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen jetzt in Europa hätten sich die C Politiker an Jesus von Nazareth thematisch erinnert…

Ulrich Greiner hatte in „Die Zeit“ vom 27. Januar 2010 (anlässlich des Abschlusses der 27 Bände umfassenden -Kölner Ausgabe-) einen Beitrag über Böll verfasst mit dem Titel „Der Schriftsteller des Mitleids“. Das soll heißen: Böll war nie ein Liebhaber böser Ironie. Er sprach nicht distanziert lästerlich lächelnd über die Dinge: Er war in sie involviert, nahm daran teil. „Wir können diese Haltung als christliche Caritas beschreiben, als absichtslose, vom eigenen Nutzen absehende Zuwendung zu den Menschen. Das ist die Bedingung von Mitleid…Wer zum Mitleid imstande ist, der kennt auch den Zorn und die Empörung“ (Ulrich Greiner).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Die liberale Theologie führt die Kirchen aus dem Getto. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

12. November 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Weiter Denken

Weiterdenken heißt unsere Interview – Reihe mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Dieses Interview  ist die 34. Folge dieser viel beachteten Reihe.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1.Das Reformationsgedenken, 10 Jahre hat es gedauert, ist nun zu Ende. Nach meinem Eindruck fehlte bei all den vielen hundert Themen, die im Zusammenhang des Reformationsgedenkens von offizieller kirchlicher Seite vorbereitet und dann abgehandelt wurden, die liberale Theologie. Sie selbst sind einer der wenigen führenden Theologen, die unentwegt theologisch denken unter der Perspektive liberaler Theologie. Liberale Theologie bedeutet ja große Weite im Denken und Respekt vor den religiösen Äußerungen auch der nicht kirchlichen Menschen, auch in der Kultur. Ich möchte provozierend fragen: Hätte das Reformationsgedenken die liberale Theologie thematisiert, wäre vielleicht die Idee einer Zweiten Reformation deutlich geworden?

Ja, die liberale Theologie bedeutet auch für mich eine große Weite im Nachdenken über die Religion als einer Angelegenheit des einzelnen Menschen. Liberale Theologie gehört nicht in eine bestimmte Epoche der Theologiegeschichte. Sie steht im Grunde auch nicht für eine theologische Richtung. Sehr viel eher sehe ich in ihr eine Haltung der Theologie und letztlich dem Leben gegenüber, von der ich denke, dass sie viele Menschen heute zu Freunden der Religion machen könnte.

In der Religion nicht mehr die Notwendigkeit einer Zustimmung zu Glaubenslehren und Lebensregeln zu erkennen, sondern die Ermutigung zu einer dem eigenen Ich wie dem Zusammenleben förderlichen Lebenshaltung bräuchte vermutlich tatsächlich so etwas wie eine zweite Reformation. Vielleicht ist diese neue Reformation aber auch längst in Gang.

Vor die Theologie rückt die liberale Theologie die Religion, oder besser, das menschliche Leben, das für religiöse Erfahrungen und religiöse Fragen offen ist: dort, wo wir uns der Grenzen bewusst werden, der Kontingenz unseres Daseins; dort, wo wir den Anspruch hören, den die anderen an uns machen; dort, wo wir merken, dass wir in unserem Planen und Tun, in unserem Wollen und unserer Kritik immer schon vom Sinn des Ganzen ausgehen, obwohl wir diesen doch nicht wissend vor uns bringen können.

Liberale Theologie nimmt von der so sich uns zeigenden Transzendenzoffenheit unseres Lebens ihren Ausgang. Sie setzt darauf, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, sich zu dieser Transzendenz bewusst zu verhalten. Wir Menschen wollen, dass unser Leben gelingt, dass es gut mit ihm wird, wissen aber zugleich, dass wir dieses Gelingen, so sehr wir uns auch anstrengen mögen, doch nicht in der eigenen Hand haben. Wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht gelegt haben, noch zu legen im Stande sind, wir geraten an Grenzen, die uns unüberwindlich bleiben, wir setzen auf den Sinn unsers Tun, ohne doch dessen Konsequenzen vollständig überschauen zu können. Sich zu Grund, Grenze und Sinn des Lebens bewusst zu verhalten, das bedeutet für liberale Theologie, Religion zu haben.

Aber sie nimmt gegenüber der so gelebten Religion keine belehrende, normierende oder fordernde Rolle ein. Sie will mit Menschen dann und dort, wo sich ihnen die Lebens- und Sinnfragen selbst stellen, ins Gespräch kommen. Nicht mit fertigen Antworten, denn sie weiß, dass es auf die Fragen der Religion keine fertigen Antworten gibt. Das macht sie ja zu religiösen Fragen. Liberale Theologie definiert die Religion so, dass sie sagt: wer Religion hat, lässt sich auf eben die Fragen ein, auf die es sie keine abschließenden Antworten gibt. Deshalb sind Menschen, die Sinn für die Religion haben und dann vielleicht auch für eine sich im Nachdenken über Religion vollziehende liberale Theologie, Menschen, die neugierig bleiben, die sich nie zufriedengeben mit dem Erreichten, aber doch auch voller Hoffnung, indem sie mit dem 1. Johannesbrief sagen: „Wir sind nun Gottes Kinder“ – und als solche in die in Gott gegründete Freiheit gestellt, „aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“ (1.Joh 3,2)

Auch die Bibel, die kirchlichen Bekenntnisse und dogmatischen Lehrgebäude liefern keine fertigen Antworten. Liberale Theologie findet in den heiligen Texten aber immer wieder hilfreiche Hinweise zu einem uns förderlichen, ja, tröstlichen Umgang mit dem merkwürdigen Dasein, das wir selber sind, eben weil sie in eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber einweist.

Liberale Theologen sprechen von Demut, Gelassenheit und Dankbarkeit, wenn sie die Haltung dem Leben gegenüber, die Religion gewinnen lässt, beschreiben wollen. In der Sicht liberaler Theologie baut sich das Religiöse jedenfalls nicht aus der Zustimmung zu so genannten Glaubensinhalten auf, schon gar nicht zu biblischen oder kirchlichen Lehren. Das Religiöse tritt in jener Haltung dem Leben gegenüber hervor, die mir daraus erwächst, dass ich mich in eine größere, alles umgreifende, göttliche Wirklichkeit hineingestellt und von ihr getragen weiß. Um den Sinn für Religion zu wecken und zu fördern, versucht Liberale Theologie deshalb davon zu überzeugen, dass das Vertrauen auf einen göttlichen Sinngrund der Welt und des eigenen Daseins in ihr, eine entlastende Kraft hat und den Lebensmut auch noch auf brüchigem Lebensgelände zu erhalten vermag.

Wovon liberale Theologie ausgeht, ist, dass Menschen grundsätzlich leben wollen, und sie wollen, dass ihr Leben gelingt. Liberale Theologie tritt deshalb energisch für die Beseitigung von Lebensumständen ein, durch die Menschen daran gehindert werden, sich selbstbestimmt entfalten und ein Leben in Würde und Freiheit führen zu können. Die Menschenrechte und die in sie eingeschriebene Religionsfreiheit sind ihr Credo. Ihre Leitfrage ist nicht mehr die nach dem gnädigen Gott, sondern die nach echtem, befreitem Leben.

2.Warum haben eigentlich die meisten protestantischen und katholischen Kirchenführer in Deutschland Angst vor einer Anwendung liberal-theologischer Impulse?

Das liegt daran, dass die liberale Theologie nicht nur Demut und Dankbarkeit dem Leben gegenüber, sondern auch Freiheit und Kritik zu Haltungen erklärt, die die Religion fördert, und die es sogar ihr selbst gegenüber einzunehmen gilt. Die liberale Theologie vertritt die religiöse Autonomie jedes und jeder einzelnen. Sie hält dazu an, das Kriterium der subjektiv empfunden Lebensdienlichkeit gegenüber allen von außen und oben herangetragenen Ansprüchen auf Belehrung im rechten Glauben und Leben anzuwenden.

Diese souveräne Haltung der eigenen Religion gegenüber, so meinen viele Kirchenleitende, untergrabe die kirchliche Autorität und öffne der subjektiven Beliebigkeit Tor und Tür. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch sagen, dass sich in der pastoralen und seelsorgerlichen Praxis weithin diese Orientierung an der Subjektivität durchgesetzt hat. Absolute Geltungs- und Wahrheitsansprüche werden kaum noch erhoben. Dass etwas in der Bibel steht, gilt nicht per se schon als Argument. Religiöse Rede muss durch das Nadelöhr der jeweils eigenen Einsicht in ihre Wahrheit. Dann erst – und so verfährt heute jede verständnisvolle pastorale Praxis –, wenn die religiöse Rede subjektiv einleuchtet und sie mich in meiner Lebenssituation zu stärken, zu trösten, aber genauso auch zu kritischem Widerstand zu ermutigen vermag, sind wir bereit, sie für uns anzunehmen.

Auch wenn die pastorale Arbeit im Grunde sich längst auf das liberal-theologische Paradigma umgestellt hat, stimmt diese Weite und Offenheit in der pastoralen Praxis immer noch nicht mit dem öffentlich kommunizierten theologischen Selbstverständnis der Kirche zusammen. Dieses verlangt nach wie vor, von absoluten Vorgaben her zu denken, dem Wort Gottes, der biblischen Offenbarung, den Dogmen und Lehrgebäuden. Auch die dezidiert kirchlich arbeitende Theologie bezieht ihren kirchlichen Einfluss immer noch sehr stark aus ihren Anstrengungen, die Aufgabe der Auslegung und Anwendung der autoritativen kirchlichen Vorgaben wahrzunehmen.

Dass es in der seelsorgerlichen Praxis in erster Linie darauf ankommt, nicht Texte, auch nicht die heiligen Texte, sondern das Leben zu verstehen, das hat in die Selbstauffassung der Kirche zu wenig Eingang gefunden. Auch verunsichert eine solche Selbstbeschreibung immer noch und wird als Bedrohung der Identität und des Auftrags der Kirche gesehen.

3.Wenn die offiziellen Kirchen und Gemeinden in Deutschland – im Unterschied zu den Niederlanden – so viel Ausgrenzung liberal – theologischen Denkens betreiben: Müssten wir, das sage ich auch als liberal-theologischer Journalist, nicht viel stärker unabhängige Orte entwickeln für liberal – theologisches Arbeiten, mitten im kulturellen Geschehen, im Dialog mit sich säkular verstehenden Menschen? Mit anderen Worten: Führt das liberal – theologische Denken nicht auch von selbst über die etablierten Kirchenorganisationen hinaus zu einer neuen religiösen Weite? 

Auch da würde ich zunächst sagen, dass das ja längst auch geschieht. Die religiösen Themen werden überall in der Kultur verhandelt. Kultur ist ja das, womit wir dem Ausdruck geben, was uns bewegt und beschäftigt, was uns bedrängt, weil unsere eigene Identität daran hängt und womit wir doch nicht fertig werden – im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Politik. Das alles findet aber auch Eingang in das Engagement so vieler Menschen, sei es durch ihre Mitarbeit in NGOs oder auch durch die verantwortliche Ausübung ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Arbeit. Sie unternehmen dieses Engagement, weil sie ihren Vorstellungen vom guten Leben folgen. Sie gründen Initiativen oder schließen sich solchen an, in denen sie den Kampf für mehr Humanität und die Durchsetzung der Menschenrechten aufnehmen, – denken wir nur noch einmal an die „Willkommenskultur“ im Sommer und Herbst 2015.

Die Weite liberal-theologischen Denken zeigt sich gerade auch darin, dass wir, sofern wir ihm folgen, nicht meinen, wir müssten alle diese Initiativen und Aktivitäten im christlichen Geist der Freiheit und der Menschlichkeit in die Kirche zurückführen oder an sie anbinden. Eine starke Kirche liegt überhaupt nicht im liberal-theologischen Interesse. Ihm geht es am Ort des einzelnen Menschen um die Ermöglichung einer freien und selbstverantwortlichen, in dem allem aber auch gelassenen Einstellung zum Leben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin



Jacob Böhme, philosophischer Mystiker, gestorben am 17.11.1624

12. November 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Bis zum 19.11.2017 ist noch in Dresden die Ausstellung über Jacob Böhme, den philosophischen Mystiker oder mystischen Philosophen (welche „Definitionen“ passen schon bei ihm ?), zu betrachten.

Böhme, 1527 geboren, ist am 17.11.1624 in seiner Heimatstadt Görlitz gestorben.

Wer den Weg zu Ausstellung in Dresden nicht mehr „schafft“, der kann immerhin einige Hinweise zu Jacob Böhme und der Ausstellung hier lesen.