Monatsarchiv



Vorhof der Völker, Gespräche mit Atheisten in Berlin

30. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

In der religiösen Wüste Berlins
Die katholische Kirche suchte das Gespräch mit Atheisten. Doch so richtig erfolgreich war das Unternehmen nicht
Von Christian Modehn
Veröffentlicht in PUBLIK FORUM am 6. 12.2013

Ihre Bücher wurden wie Gift hinter dicken Schranktüren verschlossen, die Autoren verfolgt, gequält, verbrannt: Atheisten hatten in den vergangenen Jahrhunderten keine Chancen in einer katholisch dominierten Kultur. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts begnügt sich die römische Kirche damit, die Gottlosen mit den Waffen der Polemik zu bekämpfen.

»Nun aber ist der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen vorbei«, sagt jetzt Berlins Kardinal Rainer Woelki. Er darf das sagen, weil der Vatikan selbst seit drei Jahren offiziell Atheisten zum Gespräch einlädt – »auf Augenhöhe«, wie der zuständige Kardinal Gianfranco Ravasi betont. Er ist der »Kulturminister« des päpstlichen Staates. Unter Benedikt XVI. wurde diese anspruchsvolle Dialog-Initiative ins Leben gerufen. »Vorhof der Völker« wird sie genannt. In Paris, Palermo, Stockholm und Tirana fanden diese Dialoge bisher statt.

In Berlin wurden kürzlich erneut einige »Vorhöfe« eröffnet: der Festsaal des Roten Rathauses, das Deutsche Theater, das Bode-Museum oder ein Hörsaal der Klinik Charité. Dort trafen sich Christen mit Menschen, die sich als Ungläubige verstehen.

Einst baten fromme Juden ihre heidnischen Mitbürger auf den Tempelvorplatz zum Disput. Das Heiligtum selbst blieb ihnen verschlossen. Ob die Erinnerung daran heute hilfreich ist, bleibt fraglich. Schließlich lädt man verfeindete Nachbarn, mit denen man wieder ins Gespräch kommen möchte, direkt ins eigene Haus ein und speist sie nicht auf der Terrasse ab. Auf einem »Vorhof« fühlen sich Gäste doch eher brüskiert.

So war das Interesse der Berliner Atheisten an den Veranstaltungen auch eher gering. Wer outet sich schon gerne als Ungläubiger? In Berlin nennen sich mehr als sechzig Prozent der Bewohner konfessionslos. Unter ihnen sind sicher viele Atheisten. Daran wohl hat Kardinal Ravasi gedacht, als er zu Beginn betonte: »In religiösen Dingen ist Berlin eine Wüste.« Will er die Wüste nun zum Blühen bringen, fragen sich nicht wenige Atheisten. Und sollen wir die neuen Oasen kirchlichen Glaubens etwa begründen helfen?
Irritationen gab es also von Anfang an. So meldete sich auf dem »Vorhof« kein einstiger DDR-Bürger atheistischen Bekenntnisses zu Wort und auch kein an Gott verzweifelnder Hartz-IV-Empfänger aus Neukölln. Auch der Humanistische Verband Deutschlands, der mehr als 16 000 atheistische Mitglieder hat, oder die entschieden kirchenkritische Giordano Bruno Stiftung waren auf den Podien nicht vertreten. Haben Kirchenvertreter Angst vor diesen Kreisen?

Auf einem der Podien sprach der bekennende »fromme Atheist« Herbert Schnädelbach, ein Philosoph. Er fand sehr persönliche Worte angesichts tiefer existenzieller Verunsicherungen: »Ich kann mir vorstellen, dass man unglaublich dankbar ist, wenn etwas gut gegangen ist. Man möchte sich bei jemandem bedanken. Aber man weiß nicht, bei wem. Oder man möchte sich beklagen. Aber da ist für mich niemand. Das ist der Punkt, der mich zu dem macht, was ich einen frommen Atheisten genannt habe.« Wichtiger war ihm allerdings, entschieden an die inzwischen allgemein akzeptierte Erkenntnis Immanuel Kants zu erinnern: »Eine allen gemeinsame Moral kann sich nur aus der Vernunft entwickeln und nicht aus religiösen Traditionen.« Bei dem bekannten katholischen Religionssoziologen Hans Joas fand er dafür volle Zustimmung: »Die Kirche ist keine Agentur für Moral.«

Insgesamt erinnerten die Dispute an Veranstaltungen katholischer Akademien. Debattiert wurde über Fragen der Anthropotechnik oder über die künstlerische Freiheit im Blick auf Gotteslästerungen. Nette Themen, aber nichts Neues. Traurig vor allem, dass das Publikum nicht in das Gespräch einbezogen wurde. Die Gäste auf dem »Vorhof« hatten zu schweigen. Überhaupt nicht klar ist, wie solche »hochkarätigen« Themen eine Verständigung, gar die »Versöhnung« von Glaubenden und NichtGlaubenden bewirken sollen.

Schon die Fixierung des Vorhabens auf »den« Glaubenden und »den« Atheisten ist problematisch. Es gibt ja auch den sich gelegentlich gottlos fühlenden Glaubenden. Und es gibt auch den spirituellen Atheisten, der das Erhaben-Transzendente in der Kunst erlebt, ohne an einen persönlichen Gott zu glauben. Wäre diese Erkenntnis die Ausgangsbasis des Gesprächs, dann könnten Christen wie Atheisten erkennen: Wir sind Verwandte, deuten nur unser Leben unterschiedlich. Uns verbindet das Humanum, die Sorge um uns selbst und das bedrohte Menschsein. Diese gemeinsame Basis gilt es zu pflegen. Dogmen und Philosophien, seien sie theistisch oder nicht, sind dann zweitrangig.

Zu einer solchen Haltung ist die katholische Kirche von ihrer eigenen Lehre allerdings (noch) nicht in der Lage. Sie schwankt unentschieden hin und her zwischen höflich-diplomatischer Toleranz und der alten missionarisch-rechthaberischen Position.

Traurig auch, dass der »Vorhof der Völker« in Berlin ohne die protestantische Kirche meinte auskommen zu können. Wenn ein Atheist die Taufe »begehrt«, dann bitte doch die katholische! So lautet wohl insgeheim die Parole. Dabei könnte doch angesichts atheistischer Glaubenshaltungen eine einzige christliche, also überkonfessionelle Theologie entstehen. Eine Theologie, die von altem dogmatischem Schrott befreit ist und vor allem fragt: Was ist menschliches Leben und Lieben?

Jedoch zu solchen Fragen fehlt es dem »Vorhof der Völker« am erforderlichen Mut. Er ist, mit Verlaub, zu klerikal, was angesichts seiner vatikanischen Herkunft kein Wunder ist. Das ließe sich aber, Impulsen des neuen Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus folgend, ändern: Nur eine auch theologisch arme, auf Grundfragen konzentrierte Theologie hat Chancen, bei Atheisten, Agnostikern, Konfessionslosen gehört zu werden. Dann geht es um Fragen wie: Verhindert unsere auf Konsum und Wachstum ausgerichtete Kultur nicht jede Form von Spiritualität? Drängt diese Kultur oder eher Unkultur uns nicht den neuen Gott, das Geld, förmlich auf? Ist der gemeinsame Glaube von religiösen und nichtreligiösen Menschen nicht längst der »Glaube« an die absolute Macht des Geldes und des Kapitals?

Über solche Fragen aber lässt sich besser in kleinen Gruppen sprechen, in den (Nebenzimmern von) Bars und Restaurants, in Galerien und privaten Salons. Für eine solche Basis-Kultur interessieren sich die Menschen, gerade auch jüngere. Dabei sollte man sich in der Tat ein Bonmot von Oscar Wilde zu Herzen nehmen, das immerhin Kardinal Gianfranco Ravasi zitierte: »Die richtigen Antworten geben, das können viele. Aber um die richtigen Fragen zu stellen, muss man ein Genie sein.«



Die Hoffnung von Weihnachten. Ein Interview mit dem Publizisten Frank Kürschner–Pelkmann, Hamburg

30. November 2013 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Denken und Glauben

Die Hoffnung von Weihnachten
Brücken bauen zwischen “naivem” Kinderglauben und existenziellen religiösen Fragen
Ein Interview mit dem Publizisten Frank Kürschner – Pelkmann, Hamburg
Die Fragen stellte Christian Modehn

—Zur website von Frank Kürschner-Pelkmann klicken Sie bitte hier

Herr Kürschner-Pelkmann, Sie haben eines der umfangreichsten und gründlichsten Bücher über Weihnachten publiziert. Wie sind Sie denn auf dieses Projekt gekommen? Gibt es bei Ihnen auch biographisch eine Art Begeisterung für Weihnachten?

Meine Beschäftigung mit Weihnachten entstand nicht nur aus Begeisterung, aber doch einem großen Bedürfnis, meine sehr widersprüchlichen Weihnachtserfahrungen zu reflektieren. Gern erinnere ich mich an die Weihnachtsgottesdienste in einer festlich mit Kerzen erleuchteten Schlosskirche und an die friedliche Stimmung des Weihnachtsfestes in meiner Kindheit in den 1950er Jahren. Aber spätestens nach der Konfirmation kamen die Zweifel, ob die Weihnachtsgeschichte nur ein – wenn auch sehr schönes – Märchen ist. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich dann versucht, die schönen Geschichten der Bibel und die Vernunft in einem persönlichen Glauben zu verbinden. Dabei habe ich gemerkt, welche zentrale Rolle hierfür die Weihnachtsgeschichte hat.

In meiner Beschäftigung mit diesem Thema habe ich vor allem gelernt, dass ich die tiefere Wahrheit der biblischen Überlieferung nur dann erkennen kann, wenn ich sie als Glaubensgeschichten und nicht als die Darstellung historischer Ereignisse verstehe. Abstrakt wissen das die meisten Pastorinnen und Pastoren, aber häufig predigen sie – und das gerade am Heiligen Abend – so, als hätte sich eine Geschichte in Bethlehem genau so zugetragen, wie sie aufgeschrieben wurde. Aber gerade wenn ich mich nicht daran klammere, dass das Jesuskind im Jahre 0 in einem Stall in Bethlehem geboren wurde und bald darauf Hirten und Könige vorbeikamen, sondern versuche zu verstehen, was uns die Evangelisten mit diesen Geschichten über Jesus und seine Botschaft sagen wollten, wird für mich die Weihnachtsbotschaft zu einer Botschaft der Freude, des Friedens und der Gerechtigkeit. Inzwischen kann ich mich wieder uneingeschränkt auf dieses Fest freuen.

Haben Sie eine intensive Erinnerung an ein bestimmtes Weihnachtsfest? Sie sind ja als Journalist auch in der Welt viel unterwegs gewesen.

Da fällt mir spontan ein Weihnachtsfest auf der Insel Madeira ein. Meine Frau und ich machten einen Wanderurlaub, und unsere Gruppe wohnte in einem kleinen Hotel, in dem außer uns nur noch wenige Gäste übernachteten. Am Weihnachtsabend genossen wir alle im Restaurant ein köstliches Festessen. Es war noch nicht beendet, da stimmte eine Gesangslehrerin in unserer Gruppe gefühlvoll ein Weihnachtslied an, und unsere ganze Gruppe stimmte ein. Ein deutsches Ehepaar, das offenbar vor Weihnachten hatte flüchten wollen, sprang mit allen Anzeichen des Entsetzens auf und lief aus dem Restaurant.

Weihnachten zu entkommen ist eben gar nicht so einfach. Und eigentlich ist es das gerade auf Madeira nicht, wo zur Weihnachtszeit überall Krippen und Weihnachtsschmuck zu sehen sind. Die bunten Krippen werden von Touristen oft als Folklore „abgebucht“, aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass er zeigt, wie der Glaube im Alltag der Menschen zu Hause ist. Dass die Krippendarstellungen durch Landschaften, Gebäude und Kleidung Madeiras abbilden, macht deutlich, dass die 2.000 Jahre alte Geschichte von der Geburt des Kindes von den Einheimischen immer neu als Ereignis mitten in ihrem eigenen Leben erfahren wird. Und ebenso ist es in vielen Ländern der Welt. Es freut mich immer wieder, wenn solche lokalen Weihnachtstraditionen gegen die weltweiten Eroberungszüge des Weihnachtsmanns verteidigt werden, denn dieser Mann mit rotem Mantel und Rauschebart ist zum Symbol der globalen Expansion eines total kommerzialisierten Weihnachten verkommen.

Können Sie, können wir eher kritisch nachdenkliche Menschen in Westeuropa, heute überhaupt hier noch Weihnachten als religiöses Fest feiern? Hat der Kommerz, der Rummel, nicht alles längst verdeckt?

Es gibt eine Welt jenseits der totalen Kommerzialisierung – und es gibt auch ein Weihnachtsfest jenseits des Kommerzes. Vielleicht können sich kleinere Kinder und ältere Erwachsene noch am stärksten der Vermarktung des Festes entziehen. Viele Kinder lassen sich noch unbefangen anrühren von der Geschichte von dem neugeborenen Kind, das in einer kalten Nacht in einer Krippe liegt, umsorgt von seinen Eltern und bald schon verfolgt von einem bösen König. Und viele ältere Menschen wenden sich von einem totalen Verkaufsrummel ab, schon weil er ihnen zu laut ist. Schade ist, dass in vielen Weihnachtsgottesdiensten keine Brücken gebaut werden zwischen „naivem“ Kinderglauben und den existenziellen religiösen Fragen vieler Erwachsener und gerade älterer Menschen. Recht verstanden – und das heißt, nicht wortwörtlich verstanden – kann die biblische Weihnachtsgeschichte uns einen neuen Zugang zum Glauben eröffnen, zu dem woher, wofür und wohin des menschlichen Lebens.

Sehr viele Menschen nehmen gerade und oft sogar ausschließlich zu Weihnachten an Gottesdiensten teil. Äußert sich da vielleicht eine tiefe Sehnsucht nach einem Abtauchen ins Kindliche, ins Naive, ins Heile und Friedliche? Das wäre ja auch prinzipiell ein respektables Verhalten?

Ich bin gegen eine Zertrümmerung der sehnsuchts- und hoffnungsvollen Weihnachtsstimmung. Da habe ich viel von dem brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff gelernt. Zum christlichen Glauben gehört für ihn die tief empfundene Hoffnung auf eine andere friedlichere und heilere Welt. Wo „alternativlos“ zu einem zentralen Begriff im politischen Diskurs geworden ist, hat diese Hoffnung etwas geradezu Subversives. Das hat zum Beispiel auch die Schriftstellerin Astrid Lindgren in ihren Geschichten beeindruckend dargestellt. Die Weihnachtsfeste in Bullerbü sind keine verkitschte Idylle, sondern gerade auf dem Hintergrund des oft problembeladenen Lebens der Schriftstellerin die Verteidigung der Hoffnung auf ein ganz anderes Zusammenleben der Menschen. Astrid Lindgren hat die soziale Realität in ihren Geschichten und auch in ihrem vielfältigen Engagement in der schwedischen Gesellschaft nicht ausgeklammert, aber sie hat eben auch die Hoffnung auf eine andere Welt wach gehalten, eine wirklich weihnachtliche Hoffnung.

Weihnachten wird auch von nichtreligiösen Menschen gefeiert, sogar in Japan feiern Menschen Weihnachten, dabei wissen sie oft gar nicht, was das Fest bedeutet. Was wäre dringende Aufgabe der Kirchen, neu und einfach und klar den Menschen zu erklären: Mit diesem Jesus von Nazareth ist etwas Besonderes geschehen, ein Grund zur Freude. Was wäre in Ihrer Sicht dieses Besondere, dieser Grund zur Freude?

Es stimmt, dass die Kirchen die besondere Bedeutung von Weihnachten neu erklären sollten. Aber die Probleme beginnen schon damit, dass viele Theologen und besonders Theologieprofessoren ein ambivalentes Verhältnis zum Weihnachtsfest haben. Dabei geht es nicht nur um die Kommerzialisierung, sondern auch darum, dass Weihnachten ein fröhliches Fest ist. Das macht Weihnachten für „ernsthafte“ Theologen zu einem Fest zweiter Ordnung. Das Kreuz und damit Ostern stehen im Zentrum, nicht die Krippe. Als die frühere Hamburger Bischöfin Maria Jepsen anregte, die Krippe stärker in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens zu stellen, erntete sie wütende und böswillige Reaktionen in konservativen Theologenkreisen. Ich hoffe auf eine Kirche, die die Freude des Neuanfangs und die Verheißung von Frieden und Wohlergehen für alle stärker in den Mittelpunkt ihrer Verkündigung und ihrer Darstellungen des Weihnachtsfestes stellt. Bei Lukas verkünden die Engel den Hirten eine große Freude. Es ist die Freude darüber, dass mit Jesus mitten in einer Zeit der Gewalt und Ausbeutung ein Mensch auf die Welt gekommen ist, der den Menschen neue Hoffnung und Orientierung für ein geschwisterliches und gottgefälliges Leben gibt. Und diese umfassende Freude, hoffe ich, wird das Weihnachtsfest wieder stärker prägen. Dann wird es auch zu einem einladenden Fest für nichtreligiöse Menschen.

Copyright: Frank Kürschner-Pelkmann

Der Abdruck des Interviews ist erlaubt, wenn die Quellenangabe erfolgt: Religionsphilosophischer Salon Berlin mit den Hinweisen auf das Buch.

Frank Kürschner-Pelkmann: Von Herodes bis Hoppenstedt. Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte. Verlag Tredition, 2012, 696 Seiten; 36,80 Euro.



Weder sozial noch demokratisch noch christlich. Der Koalitionsvertrag und die Flüchtlinge

27. November 2013 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Weder sozial noch demokratisch noch christlich
Der Koalitionsvertrag und die Flüchtlinge

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ liebt die Philosophien, vor allem die Basis, das Philosophieren eines jeden. Aber Philosophieren ist nicht nur eine grundsätzliche, manchmal abstrakte Denkhaltung. Sie ist immer gebunden an das Eintreten für die Menschenrechte. Darum veröffentlichen wir gern eine Stellungnahme des Jesuiten–Flüchtlingsdienstes vom 27. 11. 2013 über die Ausgrenzung von Flüchtlingen im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Die so genannte Demokratie zeigt dort ihr wahres Wesen, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Und zu den Schwächsten hier bei uns zählen die Flüchtlinge.
Christian Modehn

Der Jesuitenflüchtlingsdienst Berlin schreibt am 27. 11. 2013:

Ein skeptisches Fazit zu den flüchtlingspolitischen
Vereinbarungen der möglichen Großen Koalition hat Pater Frido Pflüger SJ,
Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes Deutschland, gezogen. „Dieser
Koalitionsvertrag ist ein Dokument des Misstrauens gegenüber
Flüchtlingen“, sagte Pflüger heute in Berlin. Er enthalte nebeneinander
positive Bekenntnisse zur nötigen Willkommenskultur und Drohungen von
Ausweisung und Abschottung.

Pflüger begrüßte, dass sich Union und SPD grundsätzlich auf eine
stichtagsunabhängige Bleiberechtsregelung für Menschen geeinigt haben, die
lange Zeit von den Ausländerbehörden nur geduldet wurden. „Das betrifft
bis zu 86.000 Menschen, oft Familien, deren Kinder schon in Deutschland
geboren sind. Ihnen müssen wir eine Lebensperspektive bieten“, sagte
Pflüger, der als Mitglied der Berliner Härtefallkommission täglich mit den
humanitären Defiziten der bisherigen Regelung konfrontiert ist. Auch die
geplanten Erleichterungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt und die Lockerungen
der sogenannten „Residenzpflicht“, die es Geduldeten und Asylsuchenden
verbietet, ihre Stadt oder ihren Landkreis zu verlassen, begrüßte Pflüger.

Zum Flüchtlingsschutz in Europa beschwöre der Entwurf zwar die Solidarität
der EU-Staaten untereinander und die Einhaltung menschenrechtlicher
Standards. „Aber im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge, in Syrien sind wir
mit der größten humanitären Katastrophe der letzten Jahrzehnte
konfrontiert. Deutschland müsste jetzt konkrete Initiativen ergreifen,
damit sichere und legale Fluchtwege nach Europa geöffnet und die
Zuständigkeitsregeln für Asylverfahren innerhalb der EU vernünftig
reformiert werden. Statt dessen beschränkt sich der Vertrag auf
Allgemeinplätze.“

Der Jesuit lobte die Absicht von Union und SPD, das so genannte
Resettlement auszubauen, also mehr Flüchtlinge direkt aus Krisenregionen
aufzunehmen. „Hier kann Deutschland noch deutlich mehr anbieten“, so
Pflüger.

Zur Absicht der Koalitionäre, Asylverfahren für Flüchtlinge aus
Balkanstaaten wie Serbien und Mazedonien abzukürzen, sagte Pflüger: „Das
ist armselig. Aus diesen Ländern fliehen Angehörige der Roma-Minderheit
vor erwiesener und schwerster Diskriminierung, Rassismus und Elend. Aber
statt uns damit auseinanderzusetzen, schieben wir sie so schnell wie
möglich wieder dorthin ab.“ Stärker als der Flüchtlingsschutz werden
letztlich die Ausweisung und Abschiebung akzentuiert. Das erfülle ihn mit
Sorge, so Pflüger.

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980
angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als
internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In
Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für
Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne
Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind
Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Kontakte:
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland
Jesuit Refugee Service (JRS). Dr. Dorothee Haßkamp (Pressearbeit)
Witzlebenstr. 30a
D-14057 Berlin
Tel.: +49-30-32 60 25 90
dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de
http://www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de
http://www.facebook.com/fluechtlinge



Ausgegrenzt und totgeschlagen: Zum Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

26. November 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik, Termine

Ausgerenzt und totgeschlagen: Zum Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Der 25. November ist der „Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Auch an den folgenden Tagen sollte man(n) sich an das Grauen erinnern, das Männer und die mit ihnen verbundenen ökonomisch – politischen Systeme den Frauen zufügen…Lesen Sie einen Bericht in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK Forum. Klicken Sie bitte hier.

Dieser Beitrag weist auf die Dominikanische Republik hin. Dort ist der Welttag „entstanden“, durch das Engagement von Continue reading “Ausgegrenzt und totgeschlagen: Zum Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen” »



Sorge um Hamed Abdel-Samad

25. November 2013 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Sorge um Hamed Abdel-Samad: Für einen humanistischen Islam eintreten ist lebensgefährlich

Unsere Sorge gilt in diesen Stunden (25.11. 2013, nach seinem ungeklärten Verschwinden) Hamed Abdel-Samad, dem in Europa und Ägypten bekannten und von Demokraten geschätzten Vordenker eines humanistischen Islam.

Auf vielfache Nachfrage, auch von denen, die das Denken dieses großartigen Mannes bisher nicht kennen, bieten wir ganz knappe Zitate aus Interviews, die er für den NDR Hörfunk (NDR INFO) dem Journalisten Christian Modehn gegeben hat.

Hamed Abdel-Samad sagte in einer Radiosendung von Christian Modehn auf NDR Info:

– Ich habe persönlich nichts gegen den Koran. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab wohl etwas dagegen, dass man mit diesem Buch oder im Namen dieses Buches Menschen unterdrückt“.

– Keine Kultur kann sich entwickeln, ohne sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen. So ging es allen Kulturen der Moderne, sie mussten sich dem Westen öffnen. Und nicht nur die Instrumente der Moderne, sondern auch den Geist der Moderne ausleihen. Das bedeutet Individualismus, Einhaltung der Menschenrechte, Selbstkritik“.

– Ich nahm Abschied von einem Glauben, der Andersdenkende und Andersgläubige schikaniert und die eigenen Anhänger in die Isolation treibt, so dass sie keine Antworten mehr auf das Weltgeschehen finden außer Wut und Verschwörungstheorien. Dieser Glaube macht die Menschen entweder passiv oder explosiv.

– Ich würde es mir wünschen, dass mehr muslimische Intellektuelle in Europa sich für Reformen einsetzen. Ich sehe aber, dass viele von ihnen mit sich selbst beschäftigt sind, mit der bedingungslosen Verteidigung des Islam. Das hilft niemandem, das hilft Muslimen nicht, das hilft Europäern nicht. Wir haben hier eine privilegierte Situation, dass man in Freiheit lebt, dass man schreiben und sagen kann, was man will. Und statt sich für Reformen in der islamischen Welt einzusetzen, sind viele leider Gottes damit beschäftigt, das Islam Image aufzupolieren“.

Es gibt eine kleine „Bewegung Humanistischer Islam“ in der Schweiz. Sie verdient viel Sympathie unter Demokraten und Menschen, denen die Menschenrechte allerhöchstes Gut sind: Zu dieser Bewegung gehört Elham Manea.

Elham Manea hat ihre Lebensphilosophie in ihrem Buch „Ich willnicht mehr schweigen“ auf den Punkt gebracht:
„Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“.
Als Dozentin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans, seine Textgestalt.
„Wenn wir eine Reformation wirklich durchsetzen wollen, dann müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur von dem heiligen Text. Die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“.

Bitte lesen Sie auch den aktuellen Kommentar unserer Kollegin BRITTA BAAS der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die Gewalt gegen Frauen beenden: Hinweise auch zur Dominikanischen Republik

25. November 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Ausgegrenzt und totgeschlagen
Der Welttag zur Beseitigung der gegen Frauen hat seinen Ursprung in der Dominikanischen Republik
Von Christian Modehn

Soldaten töten. Sie töten einander. Und sie töten Frauen, die sie nicht selten zuvor Continue reading “Die Gewalt gegen Frauen beenden: Hinweise auch zur Dominikanischen Republik” »



Vorhof der Völker – ein Dialog mit Atheisten? Nun auch in Berlin

23. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Der „Vorhof der Völker“ – in Paris (2011) und jetzt auch in Berlin:
Zum Dialog mit „Heiden“ und Atheisten
Von Christian Modehn und dem Religionsphilosophischen Salon Berlin

Zum aktuellen Bericht über den „Vorhof der Völker“ in Berlin vom 26. bis 28. November 2013 klicken Sie bitte HIER.

Ende November 2012 (!) hat der Religionsphilosophische Salon Berlin einen Beitrag publiziert zum Vorhaben „Vorhof der Völker“ in Berlin. Dabei geht es um einen Dialog zwischen Katholiken (!, Ökumene findet da offenbar nicht statt), vor allem zwischen Kardinälen, Prälaten und Theologie-Professoren und so genannten Atheisten, ebenfalls oft Professoren. Wir haben damals an die ähnliche Veranstaltung in Paris im Jahre 2011 erinnert.
Aus aktuellem Anlaß bieten wir nun aufgrund vielfältiger Anfragen noch einmal diese Beiträge.
Denn vom 26. bis 28. November 2013 findet die Veranstaltung „Vorhof der Völker“ in Berlin statt; diese „Vorplätze“, also die offenen Räume, das meint ja „Vorhof“, sind nun – merkwürdigerweise – das Berliner Rathaus (mit dem Bürgermeister als politischem Schutzpatron und offenbar Mitfinanzier), die Charité und das Bodemuseum…Sogar in den abgeschlossenen Räumen der „Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft“ findet ein Vorhof statt. Sind das alles wirkliche „Vorhöfe“, also eine Art offene und allgemein zugängliche AGORA? Wir wagen das zu bezweifeln und fragen: Vor wem haben diese Katholiken Angst, wirklich auf einem Vorhof, auf einer Agora, mit den Tausenden von Atheisten und Skeptikern Berlins in Kontakt zu kommmen und einen Dialog in „Augenhöhe“ also Gleichberechtigung, zu führen? In Berlin sind bekanntlich etwa eine Million Menschen „konfessionsfrei“. Und wie viele „Atheisten“, Skeptiker, Agnostiker usw. es in den Kirchen selbst gibt, ist noch einmal die Frage. Warum also dieser Rückzug in abgeschlossene, hohe Mauern? Und wer wird später die Millionen Euro bedauern, die solch ein Unternehmen gekostet hat?
In Paris hieß im Jahre 2011 die Veranstaltung „Au parvis de gentils“, also auf dem „Vorplatz der Heiden“ authentisch und wörtlich übersetzt. Aus den „Heiden“ wurden nun schlicht die „Völker“…Und die Völker in Berlin werden von dem Chef des Unternehmens, Kardinal Ravasi, vorweg als ziemlich säkular und leider nicht katholisch beschrieben.

Im November 2011 publiziert:
In Berlin, so berichtet „Christ und Welt“, die Beilage zur Wochenzeitung Die Zeit, am 22. 11. 2011, soll im kommenden Jahr ein Dialog mit Atheisten stattfinden, organisiert von einer vatikanischen Kultur – Behörde. Diese Initiative bezieht sich auf eine Veranstaltung, die schon im Frühjahr 2011 in Paris stattfand, unter dem Titel: „au parvis des gentils“, wörtlich und korrekt aus dem mittelalterlichen Latein übersetzt, „Auf dem Vorplatz der Heiden“. „Les gentils“, sind die Heiden, siehe Thomas von Aquin „Summa contra gentiles“. Im Rheinischen Merkur wird berichtet, wie die päpstlichen und sonstigen Veranstalter daraus den weniger belasteten Titel „Vorhof der Völker“ gemacht haben.

Wir dokumentieren hier einen Beitrag aus der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, der anläßlich der mit einem Riesen – Aufwand gestalteten Veranstaltung in Paris 2011 geschrieben wurde. Dieser sogen. Dialog war, so einhellig die große, die „nicht – klerikale Presse“, ein ziemliches Fiasko, für das sich kaum ein normaler „Heide“ oder Atheist in Paris interessierte. Eher waren es die charismatisch-missionarischen Katholiken aus fundamentalistischen Bewegungen, die da – meist vergeblich – auf atheistisch-heidnische Gesprächspartner warteten.. .auf dem Vorplatz der Heiden, nämlich auf dem parvis de Notre Dame, dem Vorpöatz der Kathedrale, im Herzen der angeblich gottlosen Metropole PARIS…

Auf dem Vorhof der Heiden
Wenn der Vatikan mit Atheisten sprechen will
Von Christian Modehn, am 4.4.2011
Diesem Beitrag liegt ein Artikel für PUBLIK FORUM zugrunde.

Papst Benedikt gibt sich dialogfreundlich. Er hat kürzlich in Paris Atheisten drei Tage lang zum Gespräch mit Theologen eingeladen. Zu den Organisatoren gehören Mitarbeiter des „Päpstlichen Rates für die Kultur“, wichtigster Manager ist Pater Laurent Mazas von der äußerst konservativen „neuen geistlichen Gemeinschaft“ der Johannesbrüder. Die Tagungsorte hatten den Charme des Exklusiven, wie die UNESCO oder das akademische „Institut de France“. Aber organisierte Atheisten, wie die Freidenker, blieben fern. Selbst der spirituell interessierte Atheist und Buchautor André Comte – Sponville zeigte kein Interesse. Der populäre, aber deutlich antiklerikale Philosoph Michel Onfray wurde erst gar nicht eingeladen. So umkreisten denn 45 Wissenschaftler, darunter 5 Frauen, eher abstrakte Themen, wie das „Universale und Individuelle“ oder die „gerechte Ökonomie“. Sie lieferten Beiträge, deren Bedeutung über die Veröffentlichung in Sammelbänden kaum hinausgeht. Beachtlich waren die Ausführungen der international bekannten Philosophen Julia Kristeva und Fabrice Hadjadj, die erneut ihr spirituelles Interesse bekundeten. Nur am Ende der dreitägigen Veranstaltung wollte sich der elitäre Zirkel dem Dialog zwischen glaubenden und nichtglaubenden Menschen „an der Basis“ öffnen: Vor der Kathedrale Notre Dame sollten sie debattieren, während innen Brüder von Taizé meditative Gesänge darboten. Aber zu dieser „populär“ gemeinten Veranstaltung kamen anstelle der 25.000 erwarteten Besuchern nur einige tausend, darunter waren äußerst wenige, die sich als Atheisten outeten. Diese Abendveranstaltung ist ein Flop, berichtet die halboffizielle katholische Tageszeitung La Croix. Und das war insgesamt vorauszusehen, denn das Projekt stand unter einem antiquierten Motto: Dialog auf dem „Vorplatz der Heiden“. Welcher Atheist sieht sich denn auch als ein „Heide“, der an viele Götter glaubt? Und was soll der Begriff Vorplatz? Warum laden die Katholiken ihre ungläubigen Mitbürger nicht zu sich „nach Hause“, also in eine Kirche, ein, sondern lassen sie auf dem „Vorplatz“ stehen? Werden Atheisten etwa als Taufbewerber gesehen, die wie in der Urkirche keinen Zutritt ins Heiligtum haben?
Das neue päpstliche Dialog Projekt rechnet mit festen Identitäten: Hier der Gläubige, dort der Ungläubige. Aber sind die heutigen kirchenfernen Menschen überhaupt „Atheisten“ ? Sind sie nicht eher Skeptiker, Suchende, Zweifler? Und aktuelle Umfragen zeigen, dass etwa 30 Prozent der französischen Kirchenmitglieder nicht an Gott glauben. Kann der klassische Gottesbegriff von Theologen wie eine fixe und bekannte Größe in die Debatte geworfen“ werden?
Der Vatikan hat mit diesem um äußeren Glanz bemühten Projekt gezeigt, dass er das Wort Dialog nicht ernst nimmt. Denn Dialog meint Lernbereitschaft aller Beteiligten; auch Glaubende, auch Theologen haben von Atheisten zu lernen.
Trotz dieser blamablen Dialoginitiative ist der Vatikan entschlossen, bald Atheisten in Prag und Tirana auf den Vorhof der Heiden zu laden. Dabei fehlen schon jetzt 600.000 Euro allein zur Finanzierung der Pariser „Dialoge“.

Zum Dialog „Christen und Atheisten, was sie von einander LERNEN können“, veranstaltet vom Religionsphilosophischen Salon am 21. 11. 2013 klicken Sie bitte hier.

COPYRIGHT: CHRISTIAN MODEHN.



Religiöse und Nicht-Religiöse lernen von einander? Ein Projekt des Religionsphilosophischen Salons

23. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Christen und Atheisten:
Was sie von einander lernen können
Rückblick auf eine Veranstaltung des Religionsphilosophischen Salons und der Urania in Berlin am 21. 11. 20213.
Anlässlich des Welttages der Philosophie
Einige Hinweise
Von Christian Modehn

Eines der Projekte des Religionsphilosophischen Salons heißt „Christen und Atheisten im Dialog“. Man könnte auch sagen: „Religiöse Menschen und Nicht-Religiöse Menschen im Dialog“. Diese Projekt geht auch nach der Veranstaltung am 23. 11. 2013 in der Urania Berlin weiter.
Es freut uns sehr, dass auf unsere Anregung hin tatsächlich etwa 70 TeilnehmerInnen mehr als 2 Stunden in der Urania dabei waren, durchaus auch etliche jüngere Menschen. Auf dem Podium diskutierten Prof. Michael Bongardt (Vizepräsident der FU) und Prof. Lutz von Werder (Initiator philos. Cafés) unter der Moderation von Dr. Ingolf Ebel, Urania.
Das beträchtliche Interesse der TeilnehmerInnen verstehen wir als Hinweis, dass die gemeinsame Suche und das gemeinsame Fragen nach dem grundlegenden Sinn, ob man es nun Gott, das Göttliche, das Weltliche, das Diesseits usw. nennt, nach wie vor sehr wichtig und lebensmäßig geradezu dringend ist. Die TeilnehmerInnen hatten verstanden, dass es die philosophische Basis des Religionsphilosophischen Salons ist, keinerlei Besserwisserei, keine Dogmatik, keine Ausgrenzung irgendeiner Position oder gar Abwertung („Diese Menschen sind ja bloß Atheisten“) zuzulassen. In den großen Kirchen etwa ist diese Haltung der Gleichberechtigung kaum zu finden. Eher kleine liberal-theologische und freisinnige Kirchen vertreten diese Position. Für den Religionsphilosophischen Salon bedeutet diese offene Haltung, dass auch wir eigene philosophische Haltungen und Überzeugung haben, die aber selbstverständlich korrigierbar und wandelbar sind. Erkenntnis und Selbsterkenntnis kommen ja bekanntlich an kein Ende. Nur Fundamentalisten behaupten das (mit Gewalt).

Inhaltlich scheinen diese Fragen weiterer Beachtung wert, die jetzt mal thesenmäßig vorgestellt werden:
Mitten im Leben stellen sich für viele Menschen die Fragen nach dem Grundlegenden und Ganzen ihres Lebens selbst. Dieses eigene Leben, also dieses Geworfensein in diese konkrete Existenz, entspricht ja nicht meiner autonomen Wahl. Vielleicht wäre ich viel lieber in Amsterdam geboren worden… Und auch das eigene Ende, der Tod als Datum und Ort, entzieht sich mitten im Leben meiner Kenntnis und meinem Zugriff. Ich kann meinem Leben zwar ein Ende setzen, aber ob dann definitiv Schluss ist oder ob es weitere Formen des (geistigen) Seins meiner selbst gibt, ist völlig offen, im Sinne des exakten Wissens.
In der Akzeptanz meines Geworfenseins in dieses konkrete Leben und in der Annahme meines unbekannten Todes und völlig unbeweisbaren „Lebens oder Nichtlebens“ nach dem Ende, liegt die größte philosophische Herausforderung. Aber sie ist keine Spielerei, keine überflüssige Frage, kein Luxus. Sondern „immer schon“ nehmen wir bewusst, meistens aber unbewusst auf diese Frage Stellung. Naturwissenschaften haben ganz andere Themen, sie haben zu den genannten Fragen als Naturwissenschaften nichts zu sagen. Religiöse Menschen als religiöse Menschen belehren ja auch nicht Physiker in ihrer Forschung mit der Bibel oder dem Koran in der Hand. Sie sollten es jedenfalls nicht tun! Und dafür sollten sich religiöse Menschen einsetzen.

Diese religiöse Stellungnahme bezieht sich auf das vorgestellte Ganzsein meines Lebens, also auf die Momente von Geburt und Tod, damit beziehe ich mich auf zwei Wirklichkeiten, die ihrerseits im Dunkeln liegen: Warum wurde ich hier geboren, was war vorher, bin ich eine Schöpfung, nur ein „Geworfenes“ und am Ende.
Also ich kann mein eigenes Dasein als gedachte Ganzheit (zwischen Geburt und Tod) gar nicht in den Griff klärender und wissenschaftlich beweisbarer Begriffe bringen. Das heißt: Ich bin kein fassbares Ganzes, ich bin insofern mir selbst nicht und niemals völlig durchschaut.
Ich bin auch nicht als Geworfener völlig autonom. Ich bin innerhalb der Grenzen meiner eigenen unbekannten Grenzen also nur begrenzt autonom. Jeglicher Überschwang im Autonomie Stolz ist also problematisch. Das schließt ja nicht aus, alle Energie einzusetzen für die Förderung der (nun einmal begrenzten) Autonomie.

Das mir selbst wesentlich unbekannte eigene Dasein (in der oben beschriebenen Weise) führt zur religiösen oder nicht religiösen Antwort als Entscheidung: Ich kann überzeugt sein: Mein mir selbst unbekanntes Dasein ist von einem „Grund“ getragen, also ich bewege ich mich in einer allen Menschen wohlwollenden Sphäre, die ich auch im Leben als wohltuend, inspirierend, Sinn stiftend, heilsam erlebe, als göttlichen Funken, wie die Mystiker sagen. Oder ich bin überzeugt: Nein, da ist nichts weiter. Ich freue mich meines Lebens jetzt. Das ist alles. Diese natürlich respektable Haltung kann man Atheismus nennen.
Wenn es einen Dialog gibt zwischen Glaubenden und Nichtreligiösen, dann könnte nicht das besserwisserische Argument im Mittelpunkt eines ruhigen Dialogs stehen, sondern der Austausch: Wie bist du zu deiner Überzeugung gekommen? Welches orientierende Licht bietet dir deine Überzeugung? Ist diese Überzeugung eine Kraft, in der Gesellschaft mit anderen für eine gerechtere Gesellschaft zu handeln? Ist aus dieser Haltung eine Kritik möglich an den vielen neuen Göttern und Götzen, die uns von den ökonomisch und politisch Herschenden aufgedrückt werden? Es geht also im Dialog zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden um die Weitung und Klärung des Humanum. Und um die ständige Kritik und Überwindung der Götter und Götzen.

Also noch mal zusammengefasst:
Glaube wie Atheismus sind als frei gewählte Überzeugungen eben Glaubenshaltungen, die also immer Entscheidung sind. Wenn sich beide, also Glaubende und Atheisten, auf einer Ebene der Existenz begegnen, haben sie die Basis gemeinsam, das Ausgesetztsein gegenüber dem Umgreifenden.

Copyright: Christian Modehn für den Religionsphilosophischen Salon.



Papst Franziskus zeigt einige Knochen, die Reliquien, des heiligen Petrus.

22. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die angeblichen Knochen des Heiligen Petrus (Reliquien) können nun in Rom verehrt werden
Was Papst Franziskus so alles vorhat
von Christian Modehn

Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche werden die Überbleibsel, die Knochen oder die „Gebeine“, des heiligen Petrus öffentlich ausgestellt, am Sonntag, dem 24. 11. 2013, ist es soweit: So hat es Papst Franziskus angeordnet. Dabei wird die Frage wieder aktuell: Sind die Knochen wirklich echt? Kann das jemand entscheiden? Oder ist die Knochenverehrung überhaupt viel wichtiger als die „Authentizität“ er Gebeine?
Petrus, der Fischer, einer der Zwölf Apostel, (Ultra – Kurzbiographie: Analphabet, verheiratet) soll der erste Pontifex Maximus gewesen sein. Also ein Vorgänger der Päpste und der einst oft korrupten Kirchenfürsten (Medici und Co.), also der Herren der Kirche, die heute im Vatikan mit ihrem Hof (Curie!) residieren. Und er soll in Rom gestorben sein als Märtyrer, Genaus weiß man nicht…
Nun gab es 1942 bei Bauarbeiten in den sogenannten Heiligen Grotten einen Fund, den man zuerst für Hundeknochen hielt, aber in einem Karton dann doch aufbewahrte. Dann wurden diese staubigen Reste einem sehr alten Herrn zugeschrieben, aus der Zeit um das Jahr 60, meinte man später. In diesen Jahren, Genaues weiß man nicht, soll sich der Fischer Petrus, nun Papst, in Rom aufgehalten haben. Angeblich soll es sogar Übereinstimmungen geben im Gewebe dieser Knochenreste mit einer schon vorhandenen Reliquie des ersten Papstes, die in der Kirche San Giovanni im Lateran bereits verehet wird.
Nun also sollen die Knochen aus dem Schuhkarten von 1942 der katholischen Öffentlichkeit zur Verehrung und Erbauung vorgeführt werden. Das hat Papst Franziskus beschlossen, so berichtet die Presse, etwa der Spiegel, am 22.11. 2013. Mit dieser Knochenpräsentation soll auch das „Jahr des Glaubens“ abgeschlossen werden (und fromme, zahlungskräftige Pilger in die Heilige Stadt gelockt werden). Bei der Gelegenheit, nur nebenbei, fragt man sich, wie progressiv im theologischen Denken der angeblich so progressive Papst Franziskus wirklich ist. Offenbar muss er mit solchen Maßnahmen der Knochenverehrung hefige reaktionär – fromme und abergläubische Kreise bedienen und beruhigen?
Wir haben schon mehrfach als religionskritischer Salon auf den Reliquienkult hingewiesen. Aus aktuellem Anlaß bieten wir noch einmal die Lektüre eines Beitrags an zur kritischen Erbauung und zur Einstimmung auf die Frage: Was hat die römische Kirche bis heute tatsächlich von der Reformation gelernt? Luther war bekanntlich, theologisch wohl sehr zu recht, gegen die Verehrung von Knochen und alten Kleidern und Röcken. Das wäre ein hübsches Thema im Umfeld von 2017.Wird man so viel Mut haben, das Thema aufzugreifen, vielleicht passenderweise gleich mit einer Diskussion über den immer noch praktizierten Ablass…

Schon vor kurzem auf die Verehrung heiliger Kleider hingewiesen:
Anläßlich der Wallfahrten zum sogen. Heiligen Rock in Trier baten einige Leser um einen eher kulturellen – religionsgeschichtlichen Zugang zum Thema Reliquien.

Wir weisen vorweg auf eine heute wenig beachtete Entwicklung rund um den Kult des „Heiligen Rock“ hin: Im Jahr 1844 gab es eine gr0ße Wallfahrt zum „Heiligen Rock“ nach Trier mit einer halben Million Pilger. Gegen die dort offenkundige  Veräußerlichung des Glaubens protestierte Johannes Ronge, ein ursprünglich römisch – katholischer Priester, der ein Jahr zuvor wegen seiner Kirchenkritik suspendiert wurde. Ronge kritisierte 1844 den Kult um dieses Stück Stoff als „Götzenfest“, was ihm vierlerlei Anfeindungen und Verfolgungen einbrachte. Ronge stand dann lange Jahre an der Spitze der „Deutsch – katholischen Kirche“, die viele tausend Mitglieder zählte, sozial sehr aktiv war, dogmatisch aber freisinnig blieb.
Tomas Halik, der berühmte Prager katholische Theologe, hat übrigens in Trier einen denkwürdigen Vortrag zum Thema Kleiderverehrung gehalten….

Wir bieten zum Nachlesen – in der Form einer für Hörfunkzwecke üblichen Gestalt – den Beitrag, der im Kulturradio des RBB gesendet wurde. Der Beitrag bietet u.a. O TÖNE des Spezialisten Prof. Arnold Angenendt.

GOTT UND DIE WELT, Sendedatum:         21.11.2004

Etwas, das bleibt – alte und neue Reliquien

Eine Sendung von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2.  Zitator und Übersetzer

26 O TON Zuspielungen, u.a. von Prof. Arnold Angenendt, Historiker

Mittelalterliche Musik

O TON,

Ich denke es gibt sehr viele Leute, die eine Locke von ihrem Kind in der Brieftasche mit sich herumtragen oder den ersten Milchzahn und dergleichen.

O TON,

In der Vitrine befinden sich einige Gegenstände, derer Theresa sich bedient hat.  ein Tonbecher, Holzlöffel, ein Wasserkrug, ein Brotkorb….

O TON

In den Gebeinen steckt die Kraft der von Gott geheiligten Seele im Himmel. Wenn man die Gebeine anrührt, dann holt man die Kraft in sich hinein.

Musik 

Etwas, das bleibt  – alte und neue Reliquien

Eine Sendung von Christian Modehn

O TON:  0 45″.

„Es war ja schließlich unser einziger Sohn, der verstorben ist. Und wir haben ihn bis zum Schluss gepflegt. Ich habe zuhause in der Wohnung eine Gedenkecke aufgebaut. Und zwar er war Hobbybastler, Modell-Bahner. Und ich habe einige Modellsachen, die er selber gebaut hat, dort hin gestellt. Dann habe ich von ihm in dieser Ecke Bilder stehen; ich habe seine gesamten CDs. Und  dann habe ich einige Sachen zuhause, die er bei der Bundeswehr getragen hat. Er war bei der Luftwaffe und noch von German Airforce. Also, das sind Sachen, die ich zuhause habe.

1. SPR.:

Für Friedrich Pagel ist Erinnerung mehr als ein stilles Ge-Denken. Er will von seinem verstorbenen Sohn etwas sehen, er möchte etwas von ihm greifen, spüren, riechen. Nur so kann der Verstorbene lebendig bleiben. Der kleine Hausaltar ist der Mittelpunkt der Wohnung. Wenn Friedrich Pagel auf die Fotos schaut und die Kleidungsstücke berührt, dann weiß er: Peter, sein Sohn, ist ganz nahe:

O TON, 0 50″.

Und ich muss ganz ehrlich gestehen: Meine Frau ist sehr schwer krank. Ich hab ein schweres Los zu Haus aufgrund der Erkrankung meiner Frau. Und manches Mal stehe ich vor dem Bild von unserem Sohn, und rede mit ihm. Und dann unterhalten wir beide uns. Ich habe folgendes gehabt: Aufgrund der Erkrankung von meiner Frau  ging es mir auch nicht so gut, also da hatte ich innerlich das Gefühl gehabt: Jetzt machst du Schluss. Ich wollte Schluss machen. Und in dem Moment, wo ich diesen Entschluss hatte: Da habe ich in Gedanken meinen Sohn vor mir gesehen, und da hat er  gesagt: Mach es nicht, die Mutter braucht dich.

1.SPR.:
Lebende sind mit den Toten verbunden: Eine Weisheit, die schon den Menschen in sehr alter Zeit, etwa in Ägypten, vertraut war. Für die Mehrheit der Menschen, gleich welcher Religion und Weltanschauung, ist eines klar:   Der Geist strebt über das Irdische hinaus; er reicht ins Unendliche hinein, in den Bereich, wo die Toten gut aufgehoben sind. Es muss also nicht Ausdruck magischen Denkens sein, wenn sich auch heute Menschen mit „ihren“ Verstorbenen innig verbunden fühlen. Nicht nur auf dem Friedhof. Sie wollen zum Beispiel Urnengefäße mit der Asche ihrer Lieben bei sich zu Hause bewahren und pflegen. Zahlreiche Bestatter werden immer wieder mit diesem Wunsch konfrontiert. Wolfgang Litzenroth ist Geschäftsführer im Großhamburger Bestattungsinstitut GBI:

O TON, 0 38″.

Grundsätzlich ist das aus meiner persönlichen Sicht etwas, was ich befürworte.  Wenn jemand im Umgang in dieser Form mit den Verstorbenen, mit der Asche, einen persönlichen Weg glaubt zu finden, Trauer zu bewältigen, finde ich es richtig. Ich stelle mir den Fall, wo die Kinder beispielsweise durch berufliche Mobilität über ganz Deutschland oder wohin auch immer verstreut sind, hätte man theoretisch die Chance, die Urne mitzunehmen. Was man nicht unbedingt machen muss, aber die Möglichkeit wäre gegeben. Wer glaubt auf diesem Wege individuell so umzugehen zu wollen, der soll es tun dürfen.

1. SPR.:
Auch wenn es bislang nicht erlaubt ist, eine Urne mit der Asche eines Angehörigen zuhause aufzustellen:  Die Sehnsucht nach irgendeiner  körperlichen Nähe zu Verstorbenen, und sei es nur zu einem Kleiderfetzen, ist ungebrochen.Und: immer mehr Menschen wollen heute auch von den Lebenden, den heimlichen Geliebten z.B., dem besonders nahestehenden Verwandten oder dem angebeteten Star  persönliche Gegenstände bei sich haben und besitzen. Ein neues Thema auch für Kulturwissenschaftler, betont Jörg Richter, Museums-Kurator in Halberstadt:

O TON, 0 45″.

Das Versteigern von Kleidungsstücken berühmter Sänger, von Rockgruppen. Das Werfen von T-Shirts von Fußballstars in die Menge, das Weitergeben von Haarlocken. Ich denke es gibt sehr viele Leute, die eine Locke von ihrem Kind in der Brieftasche mit sich herumtragen oder den ersten Milchzahn und dergleichen. Das ist wieder so ein Punkt, wo die Erinnerung allein nicht reicht. Ich möchte ein Dinge haben von einem Idol. Und mir genügt nicht, von diesem Idol zu wissen oder von ihm zu lesen. Sondern ich möchte das Idol wirklich vertreten haben durch eine Sache.

1. SPR.:

So werde ich selbst durch die materielle Gegenwart des anderen bestärkt und erbaut, könnte man fortfahren…Und vor allem: Ich werte mich selbst auf, wenn ich wertvolle Gegenstände meines angebeteten Idols in der Wohnung habe. Und ich kann die Haare, die Milchzähne meiner Kinder wie  schützende Amulette erleben. Wer rechtzeitig zu sammeln beginnt und die Überreste von Berühmtheiten erwirbt, macht zudem eine gute Kapitalanlage: Der Theologe und Historiker Professor Arnold Angenendt erinnert sich an eine Begegnung mit dem Künstler Joseph Beuys:

O TON, 0 21″.

Ich war mal in Kassel bei der Dokumenta. Und da hat Beuys einen Box-Kampf gemacht, natürlich nur zur Show, und anschliessend wurden die Box Handhandschuhe verkauft. Die lagen bei 50 Mark. Hätte ich da geschrieen: „Hier!“ – Ich hätte heute eine Reliquie von unendlichem Wert.

1. SPR.:
Die bekannte Photo-Galerie „Camera-Work“  in Berlin-Charlottenburg  präsentierte kürzlich eine Ausstellung über John F.Kennedy und Jackie . Die Besucher wurden schon draußen, im Hofdurchgang in die Welt des immer noch hoch verehrten amerikanischen Präsidenten eingestimmt:

O TON, ATMO,

1. SPR.:
Die vielen Schwarz-Weiss-Fotos von der Kindheit bis zur Ermordung John F. Kennedys fanden eine leibliche, eine materielle Ergänzung: Denn zu bewundern waren auch ein alter Lederkoffer, an dem die Spuren der vielen Reisen noch deutlich sichtbar sind sowie Briefe, Postkarten, Unterschriften. Auch ein schwarzer Hut aus persischem Lammfell, ein Lieblingsstück von Jackie Kennedy , stand in einer Vitrine – Reliquien einer Großmacht-Dynastie. Weil der Begriff „Reliquien“ auf religiöse Vorbilder, auf Heilige, festgelegt ist, sprechen Kulturwissenschaftler   und Auktionshäuser eher von „Memorabilien“, von weltlichen Erinnerungsstücken. Loredana Nemes ist Mitarbeiterin bei „Camera-Work“:

O TON, 0 54″.

All diese Fülle von Fotografien wird ergänzt von den Memorabilien, den persönlichen Objekten von John F Kennedy und Jackie, die Einblick in private Bereiche geben, wie die Kleidung von Jackie, die Mode. Dann aber auch Politisches vom Wahlkampf, die Aktentasche, die sehr viel für John F Kennedy bedeutet hat, die er bis zum letzten Tag dabei hatte. Es aktiviert alle Sinne: Man kann sie riechen, das Alter ist zu sehen und zu riechen. Man kann sie anfassen. Es sind moderne Reliquien, denn sie weisen auf Augenblicke hin, die vergangen sind, deren Form aber aktiviert werden kann.

1. SPR.:
Aber die Faszination hat ihren Preis: Grosse Auktionshäuser wie Sotheby’s haben längst Memorabilien im Programm,  etwa die Gitarre von Jimmy Hendrix. Auch das Leichtuch von Eva bzw. „Evita“  Peron fand einen potenten Käufer: Für 130.000 Euro hängt die letzte Hülle der  argentinischen Staatsfrau  jetzt in der Wohnstube irgendeines deutschen Millionärs!  Bescheiden hatte das Geschäft begonnen – im Jahr 1988 war  der Frisier-Mantel von Kaiserin Sissi noch für ganze 5000 Mark zu haben.  Für Stücke von John F Kennedy werden hingegen astronomische Summen geboten.

Die Leidenschaft des Sammelns ist offenbar wie jede andere Leidenschaft von der Vernunft nicht zu zügeln. Denn niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass das ersteigerte Objekt, die Memorabilie, wirklich von dem verehrten Star selbst stammt. Im Falle Kennedys sind die Käufer vor allem auf die Zuverlässigkeit der Privatsekretärin des ermordeten Präsidenten verwiesen: Auf Evelyn Lincoln. Lorena Nemes:

O TON, 0 27″.

Gewiss können auch alle diese Papiere, die Zettel zum Beispiel auf denen J.F. Kennedy seine Unterschrift übt, um beste Weihnachtsgrüsse zu übersenden. All das kann gefälscht sein. ( Da war) In Evenlyn Lincolns Besitz haben sich viele dieser Objekte befunden, und man muss denke an einer Stelle anfangen zu glauben, sonst ist es schwer, in diese Bereiche einzutauchen.

 

O TON, Lied aus Frühmittelalter zu Ehren der Märytrer.

1. SPR.:
Auf den Glauben kommt es an… Schon im Mittelalter, als der Handel mit Reliquien florierte, beruhigten die französischen Bischöfe ihre besorgten Gläubigen:

Zitator:
Selbst wenn die verehrten Reliquien, etwa der Knochen des Heiligen Martin oder der Stofffetzen aus der Kutte des Heiligen Franziskus, nicht echt sein sollten: Ihr Gläubigen könnt auch diese mutmasslich unechten Reliquien verehren. Denn die Verehrung der Heiligen fördert allemal eure Frömmigkeit!

Lied aus Frühmittelalter zu Ehren der Märytrer.

1. SPR.:
Mit  Gesängen wie diesem forderten mittelalterliche Mönche zur Verehrung der Märtyrer auf. Die Geschichte der Verehrung und der Suche nach christlichen Reliquien beginnt allerdings noch viel früher:   Im Jahre 167 begannen die ersten Christen, Reste und Überbleibsel des hochverehrten Heiligen Polykarp zu sammeln;  sie wurden wie „Edelsteine verehrt“, heisst es in einem Brief aus dieser Zeit. Seit dem 2. Jahrhundert gibt es also den christlichen Reliquienkult, er hat im Hochmittelalter seine Blüte erlebt; bis heute prägt er die Frömmigkeit der katholischen Kirche. Die Knochen der Heiligen, vor allem der Märtyrer, zu berühren – das war für das ewige Seelenheil genauso wichtig wie die regelmässige Teilnahme an den Sakramenten. Der Theologe und Historiker Professor Arnold Angenendt aus Münster ist Deutschlands „Reliquien-Spezialist“:

O TON, 0 23″

In den Gebeinen steckt die Kraft der von Gott geheiligten Seele im Himmel. Wenn man die Gebeine anrührt, dann holt man die Kraft in sich hinein. Das ist das theologische Konstrukt. Das ist gar nicht ur- christlich, das irgendwann da, das ist menschlich sehr gut verständlich. Aber eine Sonderform dessen, was allgemein unter Menschen mit Reliquien ist.

1. SPR.:
Die Christen haben den Kult der Reliquien weltweit gefördert und einen florierenden Handel mit den heiligen Überresten entwickelt: Bis zum 10. Jahrhundert wurde nur der unversehrte Leichnam verehrt, danach begann  die konsequente Zerstückelung der toten Gebeine. Jede Kirche, die etwas auf sich hielt, wollte im Besitz einer Reliquie sein. Mangels Masse an heiligen Skeletten blieb also nur die Zerlegung.  Von Bischof Bernward von Hildesheim wird berichtet, wie er im Jahr 996  bei einem Besuch in Rom einfach den Sarkophag des Heiligen Timotheus öffnete und in aller Eile einen Arm des Heiligen heraus brach. Er folgte damit allerdings nur der Tradition anderer Bischöfe, die vor allem in den römischen Katakomben Leichenteile plünderten und raubten. Seit dem 11. Jahrhundert werden mit grosser Selbstverständlichkeit die Häupter der Heiligen abgetrennt, Beine abgehackt oder bloss  Füsse und Hände: Der angesehene Theologe Thomas von Aquin wollte unbedingt einige Zähne der geistvollen Nonne Liutgard von Tongern besitzen: 16 Zähne wurden nach deren Tod herausgebrochen und dem Theologen zur Verehrung übergeben. Später wurde Liutgard heilig gesprochen.

Mittelalterliche geistliche Musik, darüber

Zitator:

Selbst in noch kleinen körperlichen Bruchstücken ist der Heilige GANZ anwesend.

1. SPR.:

So rechtfertigten die Bischöfe ihre Praxis der Leichenzerstückelung:  Schwierig wurde es nur, wenn jemand  wagte, in diesem Zusammenhang an ein Grund-Dogma, nämlich die leibliche Auferstehung eines jeden Christen, zu erinnern: Dennn wie finden die vielen in alle Welt verteilten Körperteile im Moment der Auferstehung zueinander? Eine Frage, die leider unbeantwortet blieb. Aber das störte die Reliquien-Euphorie keineswegs im Zuge der  Kreuzzüge ergoß sich ein wahrer Strom von Reliquien aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa. Seit dem 16. Jahrhundert kursierte landauf, landab der Scherz:

Zitator:
Es gibt so viele Splitter vom Kreuze Christi, dass man damit ein grosses Segelboot bauen könnte.

1. SPR.:
Mühsam war es, Reliquien von Maria, der Mutter Jesu, zu finden: Nach dem Glauben der Katholiken wurde sie ja leiblich in den Himmel aufgenommen. Der katholische Theologe und Historiker Arnold Angenendt schreibt:

Zitator:
Weil es also keine eigentlichen Körper-Reliquien gab, musste man sich mit Haaren, Zähnen und Nägeln Mariens begnügen. Sogar angebliche Muttermilch Mariens wurde verehrt. Gleich in vier verschiedenen Kirchen Europass wurde ihr Hemd und ihr Gürtel den Gläubigen dargeboten.
Die Reliquien bedeutender Heiliger galten als das größte Schmuckstück einer Stadt: Wallfahrten wurden organisiert, Herbergen errichtet,  und das Geschäft mit frommen Andenken, den Devotionalien,  florierte. Auch  Halberstadt – im heute gar nicht mehr so frommen Land Sachsen-Anhalt – profitierte von den Besuchen der Reliquien-Freunde. Im dortigen Domschatz gibt es zahlreiche heilige Überbleibsel, die in „Reliquiaren“, in eigens gestalteten Kästen, aufbewahrt werden: Jörg Richter ist dort Kustos:

O TON, 0 57″.

Diese Reliquiare wurden spätestens seit dem 15. Jahrhundert in einem grossen Schrank auf dem Hauptaltar des Doms aufbewahrt. Dieser Schrank war die längste Zeit des Jahres geschlossen. An wenigen hohen Feiertagen im Jahr wurde dieser Schrank dann geöffnet. Die Reliquiare heraus genommen, dem Volk gezeigt. Teilweise wurden die Reliquiare auch durch die Stadt getragen noch zu anderen markanten Punkten oder in andere Kirchen hinein. Das ist also wirklich noch bis in die Neuzeit gepflegt worden, diese Praxis. Weil es neben den katholischen Domherren immer weiter einen katholischen Bevölkerungsanteil hier in Halberstadt gegeben hat.

ATMO in LISIEUX

1. SPR.:
Nach Turin zieht es die frommen Toursiten bis heute wegen des „Leichtuches Jesu“, wegen des „Heiligen Rocks“ pilgern sie nach  Trier. Auch nach Lisieux in der Normandie strömen alljährlich 800.000 Wallfahrer. Sie verehren die Heilige Thérèse, die als junge Ordensfrau hier im Jahre 1897 starb und schon 1925 heiliggesprochen wurde. Sie gilt als die Mystikerin für das 20. Jahrhundert. Auch auf Deutsch werden den Pilgern die Reliquien in den Vitrinen erläutert:

O TON, 0 22″.

Am 10. Januar 1889,  vor der Einkleidung mit dem Habit des Karmels, trug sie ein weisses Kleid und diese Schuhe. Die Stola des Priesters ist aus dem Stoff ihres Kleides gefertigt. Nach dem Brauch des Karmels wurden Theresa die Haare geschnitten, und,  wie es manches mal geschah, aufbewahrt.

1. SPR.:

Reliquien gibt es in unterschiedlichen Bedeutungs-Graden: Am wertvollsten sind die Körper-Reliquien, Knochen zumeist. Gegenstände, die ein Heiliger irgendwann einmal anfasste, gelten als die eher zweitklassigen „Berührungsreliquien“:

O TON,  033″. 

Um Bilder zu malen, hat Theresa die Palette und den Malkasten benutzt, die auf dem Tisch stehen. Das kleine Gemälde in der Vitrine ist von Theresas gemalt worden, die sich von einem Bild inspirieren liess, das sie in ihrer Zelle hatte.

O TON, Musik zu Therese von Lisieux

1. SPR.:
Ein Lied, das zu Ehren der heiligen Nonne Thérèse von Lisieux weltweit verbreitet wird. Teile ihres toten Körpers werden seit 50 Jahren immer wieder auf Tournee geschickt: Von Russland über Indien, von Brasilien bis nach Deutschland wurden Reliquien der Nonne transportiert, damit die Frommen direkten Zugang zur Heiligen haben. Direktor des Pilgerzentrums in Lisieux ist Prälat Bernard Lagoutte

O TON, 0 39″

Zitator.:

Die Reliquien von Theresa gehen in die ganze Welt. Und das ist eine einmalige Erfahrung. Gerade heute landen die Reliquien auf dem Pariser Flughafen Roissy; sie kommen gerade aus Kolumbien zurück. In Kolumbien ist Theresa in die eher friedlichen Regionen gegangen, aber auch in die gefährlichen Gebiete. Wir haben Berichte, dass auch Guerilleros zu den Reliquien Theresas gekommen sind, um sie zu verehren. Also das ist schon erstaunlich: Eine bescheidene fromme Frau, im Alter von 24 Jahren gestorben. kann noch immer eine Inspiration sein zur Liebe, zur Solidarität und zur Friedensstiftung.

1. SPR.:
In Afrika haben selbst katholische Bischöfe ihre Probleme mit den herum-reisenden Reliquien. Ihr Argument:  die Knochenreste könnten bei den neugetauften Christen wieder die alten, die heidnischen und magischen Vorstellungen wachrufen. Prälat Lagoutte aus Lisieux  wurde  kürzlich in Westafrika damit konfrontiert – doch er berichtet, er habe dort andere Erfahrungen gemacht:

O TON, 0 42″.

Die Leute sind gekommen, um die Reliquien zu berühren. Sehr schnell verliert man dabei eine magische Mentalität. Es ist im Letzten das Herz von Theresa, das berührt: Es ist nicht eine physische Masse, nicht der Knochen rührt uns an. In Afrika ist das allerdingsso. In diesem Jahr waren die Reliquien in Benin. In einem Dorf kamen die Leute, um die Reliquien zu berühren: Der Bischof hatte seine Bedenken. Tatsächlich ist es aber anders: Nicht die Knochen interessieren, sondern Theresa spricht in ihrer Seele zu uns.

O TON, frühmittelalterl. Gesang

1. SPR.:
Angesichts des Reliquienkultes ist es gar keine Frage: Das Mittelalter lebt in der Katholischen Kirche ungebrochen fort. Erst vor wenigen Tagen hat z.B. Papst Johannes Paul II. voller Stolz verkündet, dass er in seiner Privatkapelle die Urne mit den sterblichen Überresten des Heiligen Augustinus aufstellen will: Die Knochenreste des grossen Kirchenlehrers aus dem 4. Jahrhundert werden mit einer eigens gecharterten Militärmaschine vom alten Standort Pavia direkt in die Heilige Stadt geflogen. Wer Reliquien sucht, muss allerdings weder nach Rom,  noch nach Trier oder zum Kölner Dom reisen: Sie sind unter jedem Altar in jedem grösseren katholischen Gotteshaus zu finden. Das habe seinen guten Grund, erläutert Prälat Ewald Nacke von der Päpstlichen Nuntiatur in Berlin:

O TON, 0 40″.

In der Apokalypse gibt es eine Stelle, an der es heisst: dass die Seelen der Märtyrer eintreten für die Kirche, für die Gemeinde. Unter dem Altar, wo jetzt das Opfer Christi gefeiert wird, da sind sie gegenwärtig. Und von da aus diese Verbindung. Das ist nicht zwingend, aber so eine uralte Tradition, von Anfang praktisch. Und das wird auch hier dann fortgesetzt. Das schließt nicht aus, dass auch an einer anderen Stelle die Eucharistie gefeiert werden kann. Nur da, wo ein fester Altar da ist, sind auch Reliquien von Heiligen, besonders von Märtyrern.

1. SPR.:
In der privaten Hauskapelle der Nuntiatur in Berlin-Kreuzberg gibt es neben zwei Überbleibseln römischer Märtyrer auch eine ganz besonders wertvolle Reliquie:

O TON, 0 19″.

Die dritte Reliquie, die wir hier haben, ist eine Reliquie des Heiligen Bonitatius, des ersten Apostels Deutschlands, vor 1250 Jahren war sein Todesjahr. Und er soll deutlich machen, dass wir für dieses Land hier arbeiten und tätig sind.

1. SPR.:
Die Echtheit einer Reliquie wurde früher durch die sogenannte Feuerprobe erwiesen: Authentische Reliquien widersetzten sich der Feuersbrunst und gingen unversehrt aus den Flammen hervor. Bei den Knochenresten des Heiligen Bonifatius ist diese Feuerprobe allerdings überflüssig:

O TON, 0 17″.

Die Authentizität steht nicht in Frage. Der Leichnam des Heiligen Bonifatius wurde nach seiner Ermordung zurückgebracht in das Kloster Fulda, das er sich als Ort seines Begräbnisses gewünscht hat. Und die Authentizität steht nicht Frage.

1. SPR.:
Weltweit werden ständig neue katholische Kirchen gebaut, schliesslich sollen die mehr als eine Milliarde Katholiken geistlich versorgt werden. Werden die  Reliquien also nicht irgendwann knapp? Weit gefehlt, erwidert Prälat Ewald Nacke:

O TON, 0 17″.

Es gibt ja immer auch Heilige, die neu heilig gesprochen werden. Und auch von ihnen gibt es ja Reliquien. Es gibt etwa Reliquien von Mutter Theresa, zum Beispiel Tropfen Blut, die auf einem Kleidungsstück dann erhalten sind.

O TON, aktuelle Kirchenmusik aus Lateinamerika

1. SPR.:

Es gibt heute auch einen politisch gefärbten Reliquienkult: Er steht im Dienst der Befreiung der Armen! Wenn Katholiken in El Salvador ihre Kirchenlieder singen, denken sie an Erzbischof Oscar Roméro oder den Jesuitenpater Ignacio Ellacuría: Sie wurden von den Militärs erschossen, weil sie sich für die liberación, die politische Befreiung, einsetzten. Von diesen Vorbildern werden auch Reliquien bewahrt und verehrt, betont der Theologe Ludger Weckel aus Münster. Er hat mehrmals El Salvador besucht:

O TON,  1 12″.

Also das offensichtlichste Phänomen ist, dass es viele Orte gibt, die nach diesen  Märtyrern benannt werden, nach diesen aktuellen Märtyrern der letzten 20 30 Jahre. Es gibt  dann eine weitere Form der jährlichen Erinnerung, es gibt die Jahrestage. Der Romero Tag ist nach wie vor ein Erinnerungstag und ein Tag des Protestes gegen die Ungerechtigkeit. Ich denke, das ist so die Form der offensichtlichen Erinnerung. Die Bücher und die Handschriften werden dann an speziellen Orten aufbewahrt, zum Beispiel  gibt es ein kleines Museum in der Jesuiten Universität in San Salvador, wo Gegenstände der ermordeten Jesuiten aufbewahrt werden, auch Gegenstände Romeros. Es gibt kaum ein katholisches Haus, und die Mehrheit ist immer noch katholisch, die Hütten mögen noch so klein sei, es gibt überall ein Bild von Romero oder einen Spruch, einen Satz von Romero.

1. SPR.:

Wahrscheinlich ist die Verehrung stofflicher Überreste so tief in die Seelen vieler Menschen eingeschrieben, dass der Kult der Reliquien noch lange fortbestehen wird. Für viele protestantisch geprägte Theologen aber ist klar: Die Verehrung von heiligen Knochen ist Ausdruck einer veräusserlichten Form des Glaubens: Nicht die heiligen Gebeine sollen verehrt werden, sondern einzig und allein Gott, der Unendliche und Unsichtbare. In einer eher modernen katholischen Theologie zeichnet sich heute hingegen ein typisches und sanftes „Ja-Aber“  den Reliquienkulten gegenüber ab. Professor Arnold Angenendt:

O TON, 0 40″

Die grosse Versuchung etwa aller Sachen-Orientierten Religionen besteht in Folgendem: Ich nehme die Sache und bin geheilt.. Ich berühre den Heiligen Knochen, und brauche  anschliessend nichts mehr zu tun. Ich hab das Himmelreich sicher. Das ist das Problem, dagegen hat sich die Reformation immens und mit Recht gewendet. Die Aufklärer haben das dann lächerlich gemacht, die Naturwissenschaftler haben gesagt: „Da steckt doch keine Seel drin, keine heilige Kraft, tot ist tot.“ Das löst das Problem ja auch nicht.  Solange eine Reliquie dann dazu führt, dass man die Erinnerung an eine Person wach hält, dann wird einem diese Person noch mal wieder mehr deutlich. Nur so ist das eine gute Reliquie.

copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 



Der phantastische Jesus. Weihnachtsgeschichten der Apokryphen. Eine Radiosendung

22. November 2013 | Von | Kategorie: Termine

Der phantastische Jesus
Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche
Von Christian Modehn
Eine Radiosendung auf NDR INFO am 25. 12. 2013 um 6.05 und 17.05 Uhr

Über die Geburt Jesu und den Alltag des „göttlichen Kindes“ in der „heiligen Familie“ bieten die Evangelisten Lukas und Matthäus keine ausführlichen Beschreibungen. Aber die frühen Christen wollte mehr wissen, waren neugierig und so verfassten etliche Autoren, von frommer Phantasie geleitet, weitere Legenden und Erzählungen, „apokryphe“, verborgene Evangelien: Da wird von der Geburt in einer Höhle berichtet, von aufdringlichen Hebammen oder den Eltern der „Gottesmutter“ Maria. Das wundertätige Baby entwickelt sich zum trotzigen, frechen Jungen. Die Kirchenführung wollte den Wert dieser Texte nicht anerkennen. Aber das fromme Volk sowie Künstler und Schriftsteller lassen sich von ihnen bis heute inspirieren. „Der Glaube braucht phantastische Bilder“, sagen Liebhaber dieser ersten „Jesus – Romane“.



Hüllenlos heilig. Jesus ist nackt. Eine Radiosendung am 2. Weihnachtsfeiertag

21. November 2013 | Von | Kategorie: Termine

Hüllenlos heilig
Jesus ist nackt
Von Christian Modehn

Eine Radiosendung des Hessischen Rundfunks, 2. Progr., 26. 12. 2013, um 11.30 Uhr

Wer schamhaft leben will, zeigt sich höchst ungern nackt, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Diese Lehre hat die „klassische“ Moral des Christentums Jahrhunderte lang verbreitet, Prüderie wurde zur Tugend.
Heute entdecken Christen und mit ihnen Theologen, was sie eigentlich ständig sahen, aber nicht wirklich wahr – nehmen wollten: Nackt liegt Jesus, „das göttliche Kind“, in der Krippe. Und die Meister religiöser Kunst zeigen, wie Maria ihr nacktes Kind auf ihrem Arm trägt. Dabei wird „die Gottesmutter“ selbst noch mit freier Brust dargestellt. Und Jesus wird fast nackt auch am Ende seines Lebens den Augen der Glaubenden zugemutet: Der elende Leib des Erlösers ist eine Provokation für allen Schönheitswahn. Franz von Assisi wusste, dass Kleider das wahre Wesen verhüllen, schöne Gewänder sind Ausdruck von Macht. Darum hat er sich im Moment seiner Bekehrung aller Kleidung entledigt. Denn er wusste: Jesus zeigt, wie in „existentieller Nacktheit“ das Menschsein besser gelingen kann, in Offenheit, Wahrhaftigkeit und Schutzlosigkeit. „Nur in dieser Nacktheit kann ich dem nackten Gott begegnen“, sagt Jesuitenpater Klaus Mertes. „Hüllenlos heilig“ heißt das Programm derer, die auch zu Weihnachten dem nackten Jesus nacheifern wollen.



Glauben ohne Angst. Ein Interview über „Himmel und Hölle“ mit Prof. Wilhelm Gräb

18. November 2013 | Von | Kategorie: Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Termine, Weiter Denken

Religion ohne Angst
Ein Interview mit dem protestatischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb,
Humboldt Universität Berlin
Die Fragen stellte Christian Modehn

Im Umfeld des Totensonntags oder Ewigkeitssonntags wird auch vom Ende des Lebens gesprochen, manche christlichen Menschen denken dann an das Endgericht Gottes, an mögliche göttliche Strafen.
Sicher werden auch der Begriff und die Bilder von „Hölle“ wieder hoch kommen. Was ist für eine liberale Theologie, die „es gut meint mit dem Menschen“, wie Sie früher so deutlich sagten, wichtig im Blick auf den Totensonntag?

Im Jahreszyklus ist der Totensonntag – nach kirchlichem Sprachgebrauch, der Ewigkeitssonntag – ein wichtiger Tag. Es ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr und wird gerade von denen, die einen lieben Menschen verloren haben, als Tag des Gedenkens begangen. In vielen gemeindlichen Gottesdiensten werden die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen; auf den Friedhöfen finden weitere Andachten am Nachmittag statt. Betont der „Totensonntag“ das Totengedenken, so der „Ewigkeitssonntag“ die christliche Auerstehungshoffnung.

Christlicher Glaube ist in seinem Zentrum Auferstehungsglaube. Aus der Gewissheit, dass Jesus, der den Tod am Kreuz hat sterben müssen, von Gott ins ewige Leben gerufen wurde, ist die christliche Religionsbewegung entstanden. Insofern kann man durchaus sagen, dass es ein und dasselbe bedeutet, christlich zu glauben und die Ewigkeitshoffnung zu gewinnen. Das apokalyptische Weltbild des Neuen Testamentes drückte diese Ewigkeitshoffnung dann in Bildern aus. Sie haben die Totenauferweckung mit dem Gerichtsgedanken verbunden. Dem Eingang in die himmlische Seligkeit steht dann ein finsterer Ort entgegen, an dem Heulen und Zähneklappern sein wird.

Der christliche Grundimpuls war jedoch überhaupt nicht von diesem Dualismus „himmlische Seligkeit contra Hölle“ geprägt. Jesus versprach vielmehr allen, die seinen Weg der Gottes- und Nächstenliebe mitgehen, die unendliche Lebensfülle. Deshalb konnten Jesu Anhänger auch seinen Kreuzestod nur als eine Art Durchbruch durch Elend, Sterben und Tod hinein in die ewige Seeligkeit deuten. Denn so hat Jesus von Gott gesprochen, dass in ihm das Leben ist, ein Leben, das gerade nicht mehr nur diese Krankheit zum Tode ist, das nicht im Tod endet, sondern den Tod überwindet und in Gottes Ewigkeit eingeht.

Das Neue Testament lässt keinen Zweifel daran, dass alle Bilder von Gottes ewigem Leben niemals adäquate Vorstellungen sein können. Alle Vorstellungen sind unserer endlichen, irdischen, widersprüchlichen, tödlichen Wirklichkeit entnommen. Wir können nur symbolisch, in uneigentlichen Sinnzeichen, von
der transzendenten göttlichen Wirklichkeit sprechen. Aber dabei ist vom Neuen Testament her ebenso klar, dass Gott die unendliche Fülle des Lebens, der unverlierbare Sinn des Ganzen der Wirklichkeit ist. Wer im Geiste Jesu an Gott glaubt, setzt darauf, dass der Welt im Ganzen ein unverlierbarer Sinn innewohnt. Er besteht auch darauf, dass Gott jeden, der ihm vertraut, jetzt schon an der Fülle ewigen Leben teilhaben lässt. An Gottes Ewigkeit teilzuhaben, schon mitten in der Zeit und unendlich übers Irdische hinaus, geschieht, wo Menschen im Glauben und in der Liebe ihr Leben gestalten.

An Gottes Ewigkeit gewinnt jeder Anteil, der glaubt. Mehr braucht es nicht. Den Glauben aber braucht es, weil ja nur dann, wenn wir selbst uns in Beziehung zu Gott wissen, wir in der Einheit unseres selbstbewussten Daseins an Gottes ewigem Leben teilhaben. Unser Glaube macht es, dass wir uns selbst als zu Gott gehörig verstehen.

Von der Hölle ist im Christentum in keiner Weise zu reden. Gott ist ewiges Leben. Er ist Leben im Licht und in der Fülle und nicht zugleich auch noch das Gegenteil. Es ist keine Leere und keine Finsternis in ihm. Versteht der christliche Glaube sich richtig, dann redet er also nicht von der Hölle und finsteren Teufelsmächten. Es sähe dann außerdem so aus, als wüssten wir von einer jenseitigen Wirklichkeit, die für die einen eine himmlische Glückseligkeit und für die anderen eine schreckliche Todeswirklichkeit bereithält. So ist es aber nicht.

Alle Aussagen über eine jenseitige Wirklichkeit, sei es die des Himmels, sei es die der Hölle, entspringen, sobald sie vom vertrauensvollen Akt des Glaubens absehen, einer halt- und heillosen Spekulation. Die Hölle ist eine Erfindung derer, die meinen, man müsse den Menschen Angst machen, damit sie sich zum Glauben bekehren und ein ordentliches Leben führen. Die angstmachende Rede von der Hölle verfehlt beides, Gott und den Glauben, die Fülle des Lebens und das grundlose Vertrauen darauf, dass die Fülle allen Menschen versprochen ist.

Sind denn die traditionellen Bilder, die aus dem biblischen Buch der Apokalypse stammen, heute noch existentiell berührend und wichtig?

Es gibt so viel Schreckliches in der Welt, Naturkatastrophen, und vor allem die Kriege, all die Grausamkeiten, die Menschen einander antun. Es ist einfach nur furchtbar! So sieht die Hölle auf Erden aus. Da ist es nur zu verständlich, dass wir auch in der Bibel Vorstellungen und eine Sprache finden, die die Blutströme, die die Menschheitsgeschichte durchziehen, in Bilder eines endzeitlichen Dramas übersetzen, in dem Gott den unerbittlichen Kampf gegen die Mächte des Bösen führt. Diese Bilder des endzeitlichen Schreckens, die sich nicht nur im letzten Buch der Bibel (der Apokalypse), aber dort mit besonderer Wucht finden, zeigen, wie zu einer bestimmten Zeit dem Schrecken und unserem Entsetzen Ausdruck gegeben werden kann.

Die Botschaft der Bibel ist dennoch eine durch und durch von der Angst befreiende Botschaft. Jesus ist gekommen zu retten, was verloren ist, nur dazu. Das Christentum ist eine Erlösungsreligion und sonst gar nichts.

Der Fehler, der freilich immer wieder begangen worden ist und auch heute begangen wird, liegt darin, den Glauben, den allein der Gott verlangt, an menschlich kontrollierbare Bedingungen zu knüpfen: die christliche Taufe, den Glauben der Kirche, die Zustimmung zu bestimmten Glaubenssätzen, die Einhaltung bestimmter Moralvorschriften. Nur wer in einem bestimmten Sinn glaubt, sich zu einer bestimmten kirchlichen Gemeinschaft der Erwählten hält, geht in die ewige Seligkeit ein, den anderen droht die ewige Verdammnis.

So aber wird die biblische Botschaft im Kern missverstanden. Sie will, „dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Timotheus 2,4), wer sie auch seien, welcher Konfession oder Religion sie auch angehören, selbst wenn sie keiner Kirche oder Religion verbunden sind. Die Wahrheit ist, dass Gott die Welt trotz der ungeheuren Macht des Bösen in Liebe zusammenhält und auf den Sinn, den sie im Ganzen hat, ausrichtet.

Allmächtig ist Gott nicht, wäre er es, gäbe es die Macht des Bösen, all die Gewalt in Natur und Geschichte überhaupt nicht. Wäre Gott immer schon alles in allem, die Vollendung der Liebe und die Realisierung des Sinns des Ganzen, dann gäbe es aber auch keine natürliche Evolution und keine die Freiheit der Menschen realisierende Menschheitsgeschichte. Als die Macht der Liebe und als der Sinn des Ganzen von Welt und Leben ist Gott für uns, die wir in der Zeit sind und in eine immer noch unvollendete und undurchschaubare Geschichte verstrickt sind, ein werdender Gott. Gottes Sein ist im Werden, so aber, dass er uns an diesem Werden teilhaben lässt. Dies geschieht in unserem vertrauensvollen Glauben, in unserem Tun der Liebe, in der Hoffnung, mit der wir in allem Widerstreit und allem Kampf auf eine Vollendung der Welt im Guten setzen.

So ist die christliche Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen, zu verstehen. Sie setzt keinen Widerspruch, keine Macht des Bösen, nicht einmal eine Zornesmacht in Gott selbst hinein. Sie redet auch keinem Gegengott, keinem Teufel das Wort. Gott ist die Macht einer ohnmächtigen Liebe und damit Weg zur Realisierung des Sinn des Ganzen einer Welt, die von uns als eine solche erfahren wird, in der es ungeheuer viel Leid, Schmerz und Geschrei gibt.

Indem wir Gott denken und an ihn glauben und auf ihn unsere Hoffnung setzen, gehen wir aber davon aus, dass die Liebe das letzte Wort behält und wir auf einen Gott zugehen, der, wie es im letzten Buch der Bibel heißt, „abwischen wird alles Tränen“ (Offenbarung 21,4). So ist Gott der, der überall dort am Werk ist, wo Menschen auch noch in Katastrophen neuen Mut gewinnen, wo sie auch noch in bösen Erfahrungen an den Sieg der Liebe glauben, wo sie im Leiden am trotzigen Dennoch neuen Glücks festhalten, wo sie die Hoffnung nicht aufgeben. Weil es Gott ist, der am Ende Recht behalten wird, deshalb ist es eines jedes Menschen Bestimmung, im unendlichen Ganzen letztlich nicht verloren zu gehen, an der Fülle teilzuhaben, ewig in Gott geborgen zu sein.

Kann es eine religiöse Haltung geben, die ohne Angst auskommt, ohne Angst vor Gott?

In der Religion geht es um nichts anderes, so könnte man geradezu sagen, als eben darum, die Angst, die zu unserem endlichen Dasein gehört (Heidegger hat sie im Anschluss an Kierkegaard ein Existential genannt), zu überwinden. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33) So sagt es Jesus. In der Welt haben wir Angst, denn wir wissen nicht, was sein wird und es kann und wird so vieles geschehen, was wir nicht verstehen und allen unseren Vorstellungen vom Leben wie es sein sollte zuwiderläuft. Aber der Glaube ist gerade darin Glaube an Gott, dass er den Gedanken einer Vollendung fasst, der den Widerstreit der Welt hinter sich lässt und den Sinn uns zeigt, auf den hin wir schon immer leben. Dann werden wir sein wie Träumenden, die eintauchen in ein Meer voller Wärme und Licht.

Sollten wir uns von der Vorstellung „Gott als strafender Richter“ verabschieden?

Radikal! Die Vorstellung von Gott als strafendem Richter ist zwar eng mit der juridischen Auffassung der paulinischen Rechtfertigungslehre verbunden, aber genauso unhaltbar wie diese jurirdische Gottesauffassung insgesamt. Wenn Gottes Sein im Werden ist, dann erfahren wir ihn nur dort, wo wir die Macht des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung erfahren. Gott ist in den Weltprozess selbst verwickelt, oft so, dass wir ihn nicht verstehen, weil wir ihn und seine Liebe nicht zusammenbringen können mit dem, was geschieht. Im Absurden und Desaströsen spricht die Erfahrung nicht dafür, dass einen Gott gibt. Eigentlich spricht die Erfahrung nie direkt für Gott. Sie kann nicht für ihn sprechen. Dennoch ist Gott so ins Weltgeschehen verwickelt, dass er ihm die Richtung gibt, hin auf einen guten Ausgang aller Dinge. Als der Richtungssinn der Geschichte existiert er. Im Vertrauen auf diesen Sinn ist er der Gegenstand unseres Glaubens und der Grund unserer Hoffnung.

Der Gott, der vertrauenswürdig ist, ist kein richtender Gott. Dann müsste er über dem turbulenten Weltgeschehen thronen, um schließlich den Guten den Himmel zu öffnen und die Bösen in die Hölle zu schicken. Der vertrauenswürdige Gott ist der in die Menschen- und Weltgeschichte verstrickte, aber ihr den Richtungssinn gebende Gott, vielfach ohnmächtig in seiner Liebe, immer wieder bösen Mächten unterliegend. Deshalb steht das Kreuz im Zentrum des Christentums. Aber wenn es diesen Gott unseres Vertrauens nicht gäbe, dann hätte diese komplizierte, ebenso schöne wie schreckliche Welt kein Ziel, keines, an das wir glauben und auf das wir hoffen können.

Welche Interessen haben einige Christen, wenn sie noch am Begriff der Hölle und katholischerseits am Fegefeuer festhalten?

Da Gottes Wesen in der Höllen-Predigt völlig verkannt wird, liegt die Vermutung nahe, dass diese Vorstellung ein machtvolles Instrument in der Hand derjenigen ist, die an einen strafenden Gott bei den Menschen immer noch glauben. Sie wollen die Angst steigern bei denen, die in diesen unglücklichen Gottesvorstellungen vielleicht sogar schon erzogen worden sind. Oft wird zwar gesagt, dass mit der Drohung von Hölle und Fegefeuer die Menschen zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung und zum Tun des Guten angehalten würden. Das Gegenteil scheint mir jedoch der Fall. Höllen- und Gerichtsandrohung führen allenfalls zu einer trüben Doppelmoral.
Klerikale Herrschaftsinteressen liegen auf der Hand.
Die Bibel redet eine andere Sprache: „Niemand hat Gott jemals gesehen. So wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist völlig in uns… Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe.“ (1. Johannes Brief, 4, 12 und 18)
copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Die Zukunft des kirchlichen Glaubens in Deutschland. Einige Tatsachen

17. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Über die Zukunft der Kirchen in Deutschland
Einige Tatsachen
Von Christian Modehn

Wollen wir einmal ausnahmsweise eindringlich und sehr deutlich beginnen, zumindest für diejenigen, die immer noch an starke Kirchen in einem christlichen Land (Deutschland) glauben oder davon träumen. Denen möchten wir faktengestützt, wie man so sagt, mitteilen: Das bisherige kirchliche Leben und die bisherige Gestalt und Lehre von Kirche stehen in Deutschland am Ende. Das alles ist bald vorbei, wenn sich nicht die Sache einer weitergehenden Reformation, einer „Reformation der Reformation“, herumspricht und realisiert. Das ist keine Lieblingsidee eines Philosophen, sondern eine Überzeugung, die sich eben aus den Fakten selbst ergibt.
Also:

Oft werden wir im Religionsphilosophischen Salon gefragt, wie man denn, statisch möglichst präzise, die Bindungen an den Glauben der Kirchen in Deutschland beschreiben kann.
Die Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ bietet in ihrem Sonderheft „Glauben lehren“ vom Oktober 2013 u.a. einen Beitrag des Würzburger Katholischen Theologen Hans – Georg Ziebertz. Er berichtet u.a. auch von neuesten Umfragen und religionssoziologischen Studien, vor allem bezogen auf die katholische Kirche in Deutschland.
Damit sich möglichst viele ein realistisches Bild über die Kirchenbindung vor allem junger Menschen machen können und damit auch über die (zahlenmäßige) Zukunft der Katholischen Kirche in Deutschland: Einige Informationen aus dem Beitrag von Hans – Georg Ziebertz, in dem genannten Heft ab Seite 10ff.

Wie viele Eltern in Deutschland halten es für wichtig, den katholischen Glauben an die eigenen Kinder weiterzugeben? Es sind 8 Prozent der befragten Väter und 10 Prozent der befragten Mütter, die das „sehr wichtig“ finden. „Wichtig“ finden es noch einmal 19 % der Väter und 25 % der Mütter. Hingegen sind es 73 % der Väter und 65 % der Mütter, die die Weitergabe des eigenen Glaubens „nicht wichtig“ oder „überhaupt nicht wichtig“ finden. (Seite 11) :
Wie hoch ist der Anteil der religiös erzogenen Menschen in Deutschland?
Bei den 60 Jährigen sind es 70 %, die angeben, religiös erzogen worden zu sein. Bei den 26 bis 35 Jährigen sind es 35 %. Bei den 16 bis 2 5 Jährigen sind es 25 %, die religiös erzogen wurden, in derselben Altersgruppen in Ostdeutschland sind es 13 %.
Nebenbei: Aus diesen Zahlen kann fast „errechnet“ werden, wie die Zukunft der Kirche in den nächsten 25 Jahren aussieht, wenn diese Kirche denn an ihrer jetzigen Gestalt und Lehre (!) festhält.
Die Würzburger Jugendstudie (Seite 12 f) zeigt, dass „die“ Religion im allgemeinen noch von über 50 % der befragten Jugendlichen für wichtig gehalten wird, man meint, sie werde „präsent“ bleiben. Wenn es hingegen um die persönliche Bedeutsamkeit von Religion und Kirche geht, „sinken die Prozentwerte deutlich unter 50 Prozent“ (Ziebertz, S. 11). In der bekannten Shellstudie wird deutlich: Der Glaube an Gott nimmt unter Jugendlichen ab, „von 50 Prozent auf 44 Prozent zwischen 2002 und 2010“, so Ziebertz (S. 12). Gott als personales Du akzeptierten im Jahr 2006 40 Prozent der Katholiken, vier Jahre später (!!) glauben nur noch 32 Prozent der befragten Katholiken an Gott als einem personalen Du. Der katholische Theologe Ziebertz kommentiert diese Tatsache: „Die Gottesvorstellung zeigt deutlich deistische und universalistische Züge. Gott wird nicht durch Attribute oder Merkmale verstanden, wie sie die Religionsgemeinschaften vertreten, sondern sehr viel allgemeiner – und damit konturloser. Gott ist nicht unterwegs in und mit der Geschichte der Menschen, wie es die christliche Religion vertreten würde, sondern allenfalls eine Erstursache. Die Beziehung des Menschen zur Welt und zum Göttlichen ist unpersönlich“, soweit die Einschätzung des katholischen Theologen Ziebertz.
Wir fragen: Helfen Begriffe aus dem 18. Jahrhundert weiter, wie der Begriff des Deismus? Vor allem: Ist der Verzicht auf personale Gottesbilder unmittelbarer Art nicht auch religiös für den einzelnen ein Gewinn, eine Befreiung von infantilen Gottes – Vorstellungen, ein Weg hin zum dem größeren Gott? Ist das nicht das Anliegen der großen Theologen Karl Rahner oder Paul Tillich? Deutlich wird angesichts dieser Tatsachen, die wohl kein Bischof ignorieren darf: Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Menschen vorschreiben ließen durch eine angeblich objektive Lehre, was sie von Gott denn halten sollen. Die Ernstnahme der eigenen subjektiven Religiosität (auch in Richtung eines “nicht mehr so personalen Gottes“ ist ein Gewinn. Darüber sollte diskutiert werden, vielleicht mit Philosophen und Mystikern zusammen, die mehr erfahren haben als Dogmatiker, die ewig religiöse Formeln und Gottesbilder einer ganz bestimmten Zeit (dadurch sind diese angeblich objektiven Lehren ja selbst relativ!) wiederholen. Mit anderen Worten: Es sollten grundlegende Erkenntnisse einer modernen liberalen Theologie in aller Freiheit debattiert werden, um der Zukunft des Religiösen im Menschen willen. Es geht ja einzig um ein tiefes Verständnis des Menschen, nicht um den Erhalt einer bestimmten, hierarchisch geformten Institution. Können Menschen frei ihre eigene Religiosität aussprechen, kann ja auch eine neue, dann reformierte Kirche entstehen. Wann endlich hat liberale Theologie in allen großen Kirchen Deutschlands eine Chance, wann gibt es liberal – theologische Gemeinden, auch freisinnige Gemeinden in Deutschland – mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie es charismatische oder evangelikale Gemeinden gibt?

PS: Nun berichtet Claudia Keller im „Tagesspiegel“ vom 17. 11. 2013 auf Seite 3, dass selbst in den „prekären Milieus“ Deutschlands, also ungeschönt gesagt, unter den Armen, und das sind die arm Gemachten (!), dass dort also die Kirchen – Bindung allmählich gegen Null tendiert. Kirche ist, so schreibt Claudia Keller völlig zurecht, verstanden als Interesse an Gemeinde und Theologie, eine Sache der guten Bürger. Aber auch da lässt das Interesse rapide nach, siehe oben.

Copyright: Christian Modehn



The Silent University, die schweigende Universität – Asylsuchende als Lehrmeister. Eine neue Initiative

10. November 2013 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft

The silent University, die schweigende Universität – aber sie schweigt nicht: Flüchtlinge teilen ihr Wissen (mit)
Von Christian Modehn. Informationen in Englisch von den Organisatoren weiter unten.

Es ist das große Verdienst der neuen Leitung des Maxim Gorki Theaters in Berlin, dass am 10. November einige Besucher des dortigen „Herbstsalon“ die Chance hatten, eine der bemerkenswerten Kultur – Initiativen kennen zu lernen: „The silent University“, die Schweigende Universität, eine Akademie, die gar nicht schweigt; aber es sprechen eben Menschen, die von europäischen Asyl Gesetzen zum Schweigen verurteilt sind: Akademiker, Schriftsteller, Wissenschafter aus Afrika z.B. Sie sind hier als Asylsuchende gelandet, dürfen aber ihrer Kompetenz entsprechend nicht arbeiten, von Schweden vielleicht abgesehen.
„The Silent University“ wurde 2012 gegründet, um die Intellektuellen unter den Asylsuchenden zusammenzuführen, um sie zu Vorträgen und Diskussionen für eine breite Öffentlichkeit zu mobilisieren. Und das gelingt. Es ist die Stimme der „anderen“, die da wahrnehmbar wird, es sind Wissenschaftler aus Afrika z.B., die hier ihre Kenntnisse mit uns teilen wollen. Und wir, die so abwehrenden, so Asyl feindlichen Europäer, die lieber unter sich bleiben wollen, die lieber den eigenen Wohlstand absolut verteidigen wollen gegen alle „Eindringliche“, wir können von der Menschlichkeit und dem Wissen dieser silent university durchaus profitieren. Wir nennen nur einige Namen der Professoren: Seida Ndoloma, Mulugeta Fikadu, Geraldine Takundwa, Miguel Teixeira, Dr.NazarPola, Behnam Al-Agzeer

Wann gibt es eine „silent university“ auch in Deutschland, auch in Berlin? Wann geben die finanziell so äußerst üppig ausgestatteten Akademien, etwa kirchliche Akademien, dieser silent university Räume für eigenes, freies Gestalten?
Jetzt gibt es silent Universities in London, Stockholm und Montreuil (bei Paris). Wann in Berlin? Wer hat den Mut, diese Initiative hier zu starten. Die Räume sind ja da, (während der Woche) leer stehende Kirchen, fast nicht genützte Gemeindehäuser, leere Säle in Klöstern und Räume der Vorstände von Banken und Betrieben, leer stehende Bankgebäude usw..

Die Adresse der Silent University in London: Klicken Sie hier:
http://thesilentuniversity.org/cities/london/

coypright: Christian Modehn.
Mit diesem Beitrag eröffnen wir die neue Rubrik „Alternativen für eine humane Zukunft“. Religionsphilosophie, so wie wir sie verstehen, ist primär an einer humanen Zukunft für alle Menschen interessiert und sie steht im Dienst dieser Perspektive. Das ist gute Tradition der Aufklärungsphilosophie.

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Der atheistische Christ – der religiöse Atheist: Wider die klassischen Grenzziehungen. Ein Salonabend

10. November 2013 | Von | Kategorie: Termine

Wir setzen die Gespräche in der Urania vom 21. 11. 2013 fort unter dem Titel:
Der atheistische Christ – der religiöse Atheist: Wider die klassischen Grenzziehungen.
Das Thema verdient weiter unsere intensive Beachtung, wenn uns daran liegt, eine neue Kultur des religiösen und nichtreligiösen Miteinanders (in Berlin und sonst) zu gestalten und aufzubauen.
Der Ort: Die Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf. Beginn: Um 19 Uhr am MITTWOCH 4. Dezember 2013.
Teilnahme gebühr, für Studenten frei, auch sonst Ermäßigung, sonst: 5 Euro.
Bitte um Anmeldung, da die Zahl der Plätze begrenzt ist an: christian.modehn@berlin.de

Zur Veranstaltung in der Urania am 21. 11. 2013 klicken Sie bitte hier.