Monatsarchiv



Die Kirche als eine philosophische Schule

30. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Forschungsprojekte

Die Kirche als eine philosophische Schule
Hinweise zur Situation des frühen Christentums
Von Christian Modehn

Im Rahmen unserer Forschungsprojekte innerhalb des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ stellen wir heute ein Thema vor, das nicht nur von philosophiehistorischem oder kirchengeschichtlichem Interesse ist: Die frühen christlichen Gemeinden verstanden sich selbst und wurden auch von ihrer Umwelt so wahrgenommen: als eine philosophische „Schule“; dabei bedeutet dieser Begriff: Gemeinschaft, Gruppe, „Sekte“, diese in einem nicht negativ gefärbten Sinne.

Der Philosoph und Theologe Prof. Maurice Sachot (Straßburg) hat sich in seinem Buch „L Invention du Christ“ (Paris 2011) mit der Tatsache auseinander gesetzt, dass der Apostel Paulus nach einem Bericht der Apostelgeschichte (19,8 -10) in Ephesus in der Synagoge predigte, dort aber auf viel Unverständnis stieß. Er fand dann Zuflucht in der scholè, der Schule, des Philosophen Tyrannus. Dort, also im Haus des Philosophen, konnte Paulus zwei Jahre lang seine vom Judentum verschiedene Lehre verbreiten. Allein schon diese Toleranz des „heidnischen“ Philosophen scheint bemerkenswert zu sein: Wenn sich Vertreter unterschiedlicher religiöser Auffassungen streiten, kann die Philosophie eine Art neutrale Plattform sein, die es den bedrängten religiösen Menschen ermöglicht, weiterhin ihre Thesen zu vertreten. Bezogen auf Paulus schreibt Maurice Sachot: „Dieses Ereignis kann als Ursprung gedeutet werden, dass sich das Christentum als philosophische Lehre, als eine wahrhaftige Schule, etablierte, die nicht nur eine bestimmte Auswahl an Wahrheiten hat (hairesis), die nicht nur eine intellektuelle Strömung ist, die auch spirituell und kulturell strukturiert ist. Sondern die auch eine Schule ist, und in der Lage, mit anderen „Schulen“ im Wettstreit zu stehen“ (S. 134, auch S. 128).
Später werden die frühen christlichen Denker wie Justin oder Clemens von Alexandrien „Didaskaleias,“ also Schulen, gründen, wo sie die christliche Lehre, nach dem üblichen philosophischen Begriff didaskalia, verbreiten. So entstehen neue Orte philosophischer Debatten: Die christlichen „Schulen“ sind neben den anderen philosophischen Schulen (etwa der Stoa oder Epikurs) eben eine von vielen, aber sie haben Teil an der Kultur der Zeit, die längst an die Vielfalt von philosophischen Schulen gewöhnt ist.
Maurice Sachot weist auf eine Studie von Henri-Irénée Marrou hin, die zeigt, dass der gebildete Mensch sich damals zu einer philosophischen Schule, so wörtlich, „bekehrte“; diese entschiedene Hinwendung zu einer Schule findet sich dann auch in der Bekehrung zum Christentum wieder, als einer bestimmten Hinwendung zu einer (von vielen) „Schulen“ (S. 127; Fn. 16).
Maurice Sachot legt Wert darauf zu betonen, dass die christliche Religion als (eine von vielen) Schule(n) sich wie bei den anderen Schulen üblich als HAIRESIS zeigte, also als Auswahl bestimmter Lehrsätze. Es gibt eine Form der Konversion (im griechischen Kontext), wo bestimmte Begriffe und Vorstellungen des christlichen Glaubens „in den philosophischen Rahmen integriert werden, und dieser philosophische Rahmen bleibt dann doch der erste“… Selbst wenn ein Philosoph sich gläubig und christlich fühlte, sein Weg bleibt eher philosophisch als theologisch. „Darin wird die Tatsache des Christlichen integriert und neu interpretiert“ (S. 131).
Mit dem eindeutigen Phänomen, dass sich die ersten christlichen Gemeinden als philosophische „Schulen“ verstanden haben, hat sich auch der bekannte Philosoph Pierre Hadot in mehreren seiner Werke befasst. Grundlegend ist für ihn dabei, dass für die „antike Philosophie“ Griechenlands und Roms Philosophie stets als Lebensform und nicht nur als abstrakte Lehre verstanden wurde. Philosophieren hieß damals, darauf weist Hadot unermüdlich hin, im gemeinsamen Leben sich die Lehre des Meisters anzueignen und ihr dann im praktischen Alltag zu folgen. „Wenn Philosophieren bedeutet“, so schreibt Hadot (in „Qu est-ce que la philosophie antique“, Paris 1995, S. 358) im Anschluss und als Zitat des Kirchenlehrers Justin, „wenn Philosophieren also bedeutet, der Vernunft (Raison) gegenüber konform zu leben, dann sind die Christen Philosophen, weil sie konform zum göttlichen Logos (d.h. der vollkommenen Vernunft) leben“. Dann fährt der erste Spezialist für diese Fragen, eben Pierre Hadot, fort: “Diese Verwandlung des Christentums in eine Philosophie wird sich noch weiter akzentuieren mit Clemens von Alexandrien im 3. Jahrhundert. Für ihn ist das Christentum die vollständige Offenbarung des Logos und deswegen auch die wahre Philosophie“. Wenn sich das Christentum nicht nur als Lebensform, sondern auch als Diskurs, als Lehre, zeigte, etwa im 1. und 2. Jahrhundert, so weiß Hadot, dann ging es dabei um die Exegese von Bibeltexten. „Diese Schulen der Exegese boten einen Typus von Bildung, durchaus analog zu den zeitgenössischen philosophischen Schulen“ (359). Es darf auch nicht vergessen werden, dass die verschiedenen philosophischen Schulen „spirituelle Exerzitien“ (so Hadot S. 276 ff.) boten, als Übungen, Askese könnte man sagen, die das Erkannte und Gelehrte mit dem Geist und der Seele vertraut machten. Diese geistlichen Übungen der Philosophen und ihrer Schulen sind die inspirierende Basis auch für die späteren geistlichen Übungen der Christen und ihrer Kirchen! Die Frage des Kultus wäre weiter zu erforschen. War die Zeremonie, die Liturgie, nur eine Eigenheit der Schule der Christen? Die Mitglieder der philosophischen Schulen nahmen aller Wahrscheinlichkeit an den religiösen Zeremonien ihrer angestammten (heidnischen) Religion teil. Wie stand es mit der sozialen Verantwortung, haben da die philosophischen Schulen etwas vorzuweisen oder ist da ein Spezifikum der christlichen Schule zu sehen? Diese Frage ist beinahe rhetorisch, wenn man bedenkt, dass etwa Sokrates sich darstellt als ein Mensch, der sozusagen die „Mission empfangen hat, sich um andere zu kümmern““ (so Pierre Hadot, in: La philosophie comme manière de vivre“, Paris 2001, Seite 173). In der Schule der Epikuräer wurde etwa die Freundschaft über alles geschätzt. „Freundschaft ist für Epikuräer ein Vergnügen („plaisir“). Sie begehren die Freundschaft, weil sie ein reines Vergnügen, eine Lust, ist“ (S. 174). Noch deutlicher wird Seneca im Brief 48:“Lebe für andere, wenn du für dich leben willst“.Mit anderen Worten: Man kann nicht glücklich sein, wenn man nur an sich denkt. Die philosophischen Schulen waren am ethischen Wandel des Ich stark interessiert, ja, sie forderten ihn für einen wahren Philosophen.
Aber schon im 2. Jahrhundert bildet sich unter den Christen die Überzeugung, dass ihre Philosophie „die wahre und wirkliche“ (S. 152 bei Sachot) ist. Philosophische Einsicht wird nun umgewandelt in eine Form des Glaubens. Kenntnis wird nicht mehr wie üblich philosophisch verstanden als Aktivität der menschlichen Intelligenz, die niemals an ein definitives Ende kommen kann, weil sie Suchbewegung ist; „sondern Kenntnis wird als Gabe Gottes verstanden, die man nur in einem Akt des Glaubens annehmen muss“ (S. 153). Die Wahrheit zeigt sich nicht am Ende einer Denkbewegung, sondern sie „steht schon am Anfang fest“ (153), „sie ist nicht von einem gewissen Zweifel, sondern von einer absoluten Gewíssheit bestimmt“ (ebd). Das Christentum verbreitet nun Dogmen und Dekrete, philosophische Meinungen haben der festen vorgegebenen Wahrheit zu weichen. Dadurch befinden sich die philosophischen Schulen, die die christlichen Gemeinden darstellen, nicht mehr auf der selben Ebene wie die sonstigen philosophischen Schulen. „Unsere Lehre ist höher als alle menschliche Philosophie“, erklärt schon der Theologe Justin in seiner Apologie (zitiert von Maurice Sachot, S. 153). In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts wird der „heidnische“ Philosoph Kelsus die erste große gründliche Widerlegung dieser christlichen Philosophie“ machen.
Aber später als Staatsreligion setzt sich mit aller Gewalt dieser ausschließliche Wahrheitsanspruch durch, es entsteht eine eigene kirchliche Ideologie, also Theologie, die sich zwar philosophischer Begriffe noch bedient, aber diese im eigenen Sinne eigener Wahrheit umdeutet. Später wird gar im Mittelalter Philosophie offiziell zur „Dienerin der Theologie“ (und damit der Kirche) degradiert; sie hat vorbereitenden, relativen Charakter gegenüber dem Eigentlichen, der theologischen Lehre. Diese Rolle der Philosophie als Dienstmagd (ancilla) der Theologie hat das philosophische Selbstverständnis bis in die Neuzeit bestimmt, mit der Konsequenz, dass sich Philosophie, dann selbstbewusst geworden, oft von jeglichem Denken des Göttlichen entschieden absetzte (etwa bei bestimmten Denkern der französischen Aufklärung).
Wichtig bleibt die Anregung, die christlichen Gemeinden als „philosophische Schulen“ zu verstehen. Der Philosoph Alain de Botton nennt heute seine philosophischen Zentren in London „schools of life“. Gäbe es für christliche Gemeinden einen besseren Titel? Man muss ja heute mit dem Begriff Schule nicht immer gleich das Strapazierend – Indoktrinäre mithören. „Orte des Lebens“ könnte man auch sagen, wenn damit immer gemeint ist: Es gibt viele solcher Lebensorte und die christlichen Orte sind nur einige von vielen, aber solche mit einer eigenen „Hairesis“, siehe oben, also Häresie, eben mit einer eigenen Botschaft und Lehre.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.



LOGOS – eine philosophische Weihnachtsfeier

28. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

LOGOS – eine philosophische Weihnachtsfeier
Von Christian Modehn

Am 27. 12. 2013 trafen sich 17 Freundinnen und Freunde des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ zu einer Besinnung, einem Gespräch, besonderer Art im „Kulturraum Mainzer7“ in Neukölln: Wir wollten uns den Prolog des Johannes Evangeliums philosophisch erschließen, d.h. fragend und kritisch suchend den (schwierigen) Text verstehen und eine mögliche Aktualität für uns prüfen. Dabei sollte auch die musikalische Besinnung eine Rolle spielen … und natürlich das gemeinsame Essen und Trinken. Kurze Vorträge, als Impuls fürs Gespräch, hielten Christian Modehn und Michael Braun, praktischer Philosoph in Berlin.

Einige Perspektiven:

Unsere Bilder vom Weihnachtsfest sind stark geprägt von den Erzählungen der Weihnachtsgeschichten, wie sie die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten. Diese Bilder von der Geburt im Stall, von Maria und Josef und dem Kind in der Krippe, von den Hirten usw. sind immer noch vielen Menschen in Europa präsent. Sie wissen, dass diese Geschichten unterschiedlich von den beiden Evangelisten gestaltet sind, dass sich da Dichtung und historische Wahrheit stark mischen. Und immer kommt da gleich ein moralischer Anspruch in der Deutung hinzu: Wie etwa: Herberge geben; Werden wie die aufmerksamen Hirten; sanft wie die Tiere, fürsorglich wie Josef usw. Diese Weihnachtsgeschichten haben sich gegenüber einer anderen, viel tieferen und anspruchsvolleren Weihnachtsgeschichte in den Mittelpunkt gedrängt, der Weihnachtsgeschichte des Johannes Evangeliums, wie sie uns der Prolog im ersten Kapitel vorschlägt. Dieser Text, so abstrakt er auch erscheinen mag, ist verwurzelt im spirituellen Leben der ersten Christen. Sie fragten angesichts der Geburt dieses Jesus von Nazareth, wer er denn eigentlich ist, woher er kommt, was seine Bedeutung ist. Darum weisen Exegeten zurecht darauf hin, dass dieser Texte auch hymnische Strukturen hat. Er hat seinen konkreten Platz im Leben der Gemeinde. Auf die historische Textkritik usw. können wir hier nicht eingehen.
Das ist unsere, auch liberal-theologisch gestützte Überzeugung: Dieser biblische Text ist Menschenwort. Fromme Menschen schätzen ihn über alle Maßen hoch ein und erklärten ihn zum „Gotteswort“. Philosophisch gesehen ist der Prolog also ein wichtiger menschlicher Weisheitstext. Er spielt zudem im „interreligiösen Dialog“ eine große Rolle.
Dieser Text hat immer wieder auch Philosophen angesprochen, um 1800 gab es einen wahrlichen Boom an Prolog- und Johannes-Deutungen durch Philosophen. Etwa Hegels Notizen in Frankfurt, Fichtes Schrift „Anweisung zum seligen Leben“, vorher schon Lessing, dann Hölderlin usw.

Damit stehen wir vor der Frage: Was ist eigentlich eine philosophische Besinnung auf Weihnachten? Es ist der Versuch, diese Erzählung auf einen allgemeinen menschlichen Inhalt hin zu hören und zu lesen, zu suchen, was sich da an existentiellen Vollzügen zeigt, in der Hoffnung, in dieser Entdeckung Inspirierendes für das eigene Leben zu finden, sich herausrufen zu lassen von vielleicht provozierenden, unsere „Moderne“ störenden Formulierungen.
Philosophische Weihnachten heißt also: Sich die Freiheit nehmen, sich dem Text auf die je eigene nachdenkliche Weise zu nähern.
Unterstützt wird dieses philosophische Vorhaben vom Prolog selbst. Denn neuere Übersetzungen, etwa die „Bibel in gerechter Sprache“ schlagen vor, den Logos Begriff mit „Weisheit“ zu übersetzen, also mit Sophia, dann passt es gut, mit dem Medium der Philo-Sophia diese Sophia zu verstehen.

Was sind entscheidende Impulse? Der Prolog ist ein Text, der unser Denken weitet, Neues zu denken gibt. Und das ist schon viel! Wenn Neues passiert, geschieht das niemals ohne das Denken.

Der zentrale LOGOS Begriff im Text macht die meisten Schwierigkeiten, weil LOGOS im Griechischen eine weite Bedeutungsebene hat: Wort, Sprache, Vernunft, Sinn….
Diese verschiedenen Bedeutungen müssen, zusammen mit Weisheit, immer mitgehört werden, wenn man den PROLOG liest. Dadurch wird auch ein Raum der Freiheit des Denkens eröffnet.

Gesprochen wird von „Im Anfang war der Logos“…. Damit ist nicht ein Datum eines Weltbeginns gemeint, sondern das Unvordenkliche in ewigen Zeiten beschworen, als Gott sozusagen vor der Schöpfung „nur“ Gott war mit seinem Logos. Das hier das Mysterium berührt wird, ist deutlich… Zurecht wurde darauf verwiesen: Der Prolog ist auch ein „mystischer Text“, der sich der stillen Meditation erschließt.

Die späteren Verse zeigen, dass dieser Logos bei Gott kein anderer ist als Jesus Christus. Er ist nicht nur der Offenbarer, er nimmt alle, die sich seiner Existenzdeutung anschließen, also „glauben“, vor allem aber „lieben“ als praktische Lebensform, in das ewige Leben Gottes hinein. Insofern wird hier von einer doppelten menschlichen Existenz gesprochen: Der Glaubende ist nach dem PROLOG nicht nur irdisches, weltliches Wesen, sondern auch Wesen des göttlichen Lebens. Dieser Gedanke ist offenbar heute schwer mit zu vollziehen, aber er sollte gedacht und gefühlt werden. Das „Ewige im Menschen“ ist ja längst eine wichtige philosophische Einsicht, die nur von Naturalisten aus Unkenntnis und Abwehr oft belächelt wird.

Interessant und provozierend ist die Aussage des Prologs: Das Wort ist Fleisch geworden“. Da steht auf Griechisch SARX, Fleisch, nicht etwa das neutralere Wesen „Mensch“. Fleisch heißt hier: Ganz Mensch in Leiblichkeit, Eros, Sexualität, Begierde, Liebe, Vereinigung. Offenbar war für die frühen und späteren Christen dieser Gedanke so ungeheuerlich, dass sie lieber das hier angesprochene göttliche Fleisch (als Begriff für den Menschen) verurteilt haben und es vernachlässigten und zähmten und unterdrückten. Darin waren sie wohl abhängig von ihrem kulturellen Umfeld, neuplatonisch geprägt…Dadurch wurden aber langfristig Neurosen gefördert, Kirche als krankmachende Institution hat in der „Fleisch“- Verachtung eine Bedingung.
Man sieht also, welche „Ungeheuerlichkeiten“ sich auftun, in einer achtsamen und kritischen Lektüre des Prologs.
Es wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass die ganze Wirklichkeit der Welt LOGOS- geprägt erlebt wird. Da muss man wieder LOGOS in der ganzen Breite der Bedeutungen hören. Die Welt, so der ungeheuerliche Vorschlag des Autors aus dem Jahr 100, ist grundsätzlich und nicht mehr revidierbar eben Logos-Welt. Das heißt: Die Sinnlosigkeit hat für den Text nicht das letzte Worte; auch nicht die heute so allerorten spürbare Unvernunft: Dieser Text ist sozusagen ein radikales Nein zu jedem Nihilismus. Der Logos ist der ganzen Wirklichkeit eingestiftet, dies ist für den Autor keine Willkür eines einzelnen frommen Spinners; es ist von Gott, dem Unendlichen, selbst in diese Welt gelegt. Hier eröffnen sich Perspektiven, die bis zu Theorien der Evolution reichen, etwa Teilhard de Chardin… Tatsächlich ist es ja wohl so, dass auch heute unabhängig von dieser theo-logischen Deutung wir Sinnlosigkeit und Widerwärtiges immer nur im Horizont von Sinn und Vernunft wahrnehmen können. Wir stehen offenbar auch bei aller erfahrbaren Sinnlosigkeit im Horizont eines offensichtlich unabwerfbaren Sinns. Das Nein ist also immer nur möglich durch das größere Ja, auch wenn es faktisch oft so schwach und zerbrechlich erscheint. Mit anderen Worten: So fern ist uns der Text des Prologs für uns Modernen nicht, selbst für Menschen, die sich nicht so religiös explizit verstehen wollen.

Zu Vers 4: Da wird Gott als Lebendigkeit beschrieben; und diese (göttliche) Lebendigkeit ist in den Menschen. Welche Bedeutung hat dieser Vorschlag für das Verstehen von menschlicher Kreativität, die ja auch als Geschenk erlebt wird? Das ist kaum auszumessen. Diese Lebendigkeit wird im Prolog als Licht beschrieben. Da gibt es eine weite Linie auch in die Philosophie-Geschichte: Licht spielt immer eine zentrale Bedeutung, nicht nur die geschenkten Geistesblitze wären zu erwähnen. Lumières, Licht, ist auf Französisch Aufklärung, Helligkeit und Klarheit. Die Aufklärung auch als göttliches Geschehen – warum nicht? Wichtiger vielleicht noch:
Wir Menschen stehen immer im (göttlichen) Licht und suchen die Quelle des Lichts. Zu Vers 5: Aber es gibt Finsternis. Aber die Finsternis ist nicht total. Es gibt ein Licht. Es scheint in der Finsternis. Aber es gibt so etwas wie Verfestigung der Finsternis durch die freie Entscheidung des Menschen.
Aber diese (nur von Menschen gemachte Finsternis ?) kann das schöpferische göttliche Licht nicht ergreifen, d. h. nicht auslöschen, nicht zerstören. Die Finsternis ist nicht Herr des Lichts.
Darin eine ungeheuere Hoffnungsaussage: In den Dunkelheiten unseres Lebens ist das Licht stärker. Wir stehen immer im Licht, wir erinnern uns an das Licht, es gíbt keine totale Dunkelheit. Keine totale Gottesfinsternis.
Jetzt geht es im Vers 9 explizit um die Weihnachtgeschichte:
Dieser Logos als Licht ist bereits bei den Menschen, es erleuchtet bereits alle Menschen, die in diese Welt kommen.
Vers 10: ER war in der Welt, also der logos, als Gott. Dahinter steht eine Überzeugung: Gott (Vater) bleibt sozusagen im Himmel, aber der Logos ist unter uns.
Zum Schluss des Prologs die Warnung, nun zu meinen, allzu viel von Gott zu wissen. „Niemand hat Gott gesehen“ heißt es da. Im Logos Jesus Christus, so der Autor, wird Gott verkündet, und zwar als Menschenliebhaber. Er ist der, der Mensch wird, der als göttlicher Logos das Leben, das fleischliche Leben des Menschen lebt. Der Gott als Mensch: Das ist eine Revolution des Denkens über Gott. Weihnachten ist also eigentlich ein Fest, das fix und fertige, vor allem schlicht – naive Gottesbilder durcheinander wirbelt und zerstört zugunsten eines authentischen auch vor der Vernunft Bestand habenden Gottes-Bezugs.

Der Johannes Prolog beschreibt, wenn man so will, „das Wesen“ der Menschen, er sagt, was Menschen sind (bzw. sein könnten, wenn sie sich dem Vorschlag des Textes anschließen). Der Prolog spricht vom Sein, noch bevor irgendwelche moralischen Appelle des Sollens formuliert werden. Das macht ihn so fundamental wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Menschenrechtsverletzungen in der Dominikanischen Republik. Ein Interview mit Prof. Wilfredo Lozano

17. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Die Friedrich-Ebert-Stiftung gestattet uns die Publikation eines Interviews mit Prof. Wilfredo Lozano, Santo Domingo, Dominikanische Republik, über den Verlust der Staatsbürgerschaft, der jetzt vielen tausend Menschen dort droht.
Der Religionsphilosophische Salon, wie der Name sagt vorwiegend mit philosophischen Interessen, sieht in der Verteidigung der Menschenrechte ein eminent philosophisches (und natürlich humanes) Thema. Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf ein Land, die Dominikanische Republik. Dazu liegen auf dieser website schon etliche Beiträge vor.

Tausenden Dominikaner_innen droht Continue reading “Menschenrechtsverletzungen in der Dominikanischen Republik. Ein Interview mit Prof. Wilfredo Lozano” »



Mandela lebt: Gedanken nicht nur zu Weihnachten. Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

15. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

Mandela lebt. Gedanken nicht nur zu Weihnachten.
Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität Berlin
Die Fragen stellte Christian Modehn

Wir erinnern daran, dass dieses Interview das 20. ist in der Reihe „Funda-mental vernünftig“, die wir mit Prof. Wilhelm Gräb seit eineinhalb Jahren gestalten. Wir, das sind auch die vielen LeserInnen, danken herzlich für diese so freundliche Form der Zusammenarbeit. Sie bleibt hoffentlich noch lange für uns inspirierend, die wir an einer Spiritualität interessiert sind, die der Vernunft gro-ßen Raum lässt und die man – mit einer „Etikette“ – eine zeitgemäße „liberale Theologie“ nennen kann. Prof. Gräb ist einer der wenigen, die da für uns be-sonders inspirierend sind. Diese neue „liberale Theologie“ ist offen für ein lern-bereites Gespräch mit Philosophien, auch deswegen schätzen wir sie so sehr. Zudem erinnern wir daran, dass Prof. Wilhelm Gräb seit vielen Jahren einmal pro Jahr für einige Wochen auch Theologie in Südafrika lehrt, im Gespräch mit den Menschen dort.

Frage: Bei den Abschiedsfeiern für Nelson Mandela zeigte sich in aller Öffent-lichkeit die Überzeugung des Volkes: Mandela lebt. Er ist nicht tot. Mandelas Sache geht weiter. Zeigt sich da auch eine lebendige Überzeugung von einem vernünftig verstandenen Auferstehungsglauben, der auch universales Interesse finden sollte?

Wilhelm Gräb: Die ganze Welt nahm in der vergangenen Woche bewegt von Mandela Abschied. Was macht die Faszinationskraft dieses ungewöhnlichen Menschen aus?
Nelson Mandela hatte als ein Kämpfer gegen die unmenschliche Rassentrennung der Apartheid in Südafrika 27 Jahre lang, unter Androhung der Vollstreckung der Todesstrafe, im Gefängnis gesessen. Er kam nach 27 Jahren Haft frei und konnte seinen Henkern ohne Hass, ohne Rache- und Vergeltungsabsichten be-gegnen. Bedingungslos vergeben konnte er und hat so den Weg zu einer friedli-chen und gedeihlichen Zukunft für Südafrika geöffnet. Das war ein Handeln gleichsam aus göttlicher Liebe.
Ja, man kann sogar noch weiter gehen und sagen: Mandela war ein göttlicher Mensch. Mandela hat göttlich gehandelt. Das kann man mit dem Apostel Paulus auf theologisch begründete Weise sagen: Durch Mandela hat Gott gehandelt wie er nach Paulus durch Christus gehandelt hat. „Gott“, so sagt Paulus, „versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2. Korinther 5, 19). Was Gott durch Christus getan hat, hat er auch durch Mandela getan. Er versöhnte ein zerrissenes Volk mit sich selbst. Aufgerichtet durch Mandela, sichtbar für die heutige Welt, das Wort von der Versöhnung.
Ganz wie Jesus. Er hat auf Gewalt nicht mit Gegengewalt geantwortet. Eines seiner letzten Worte am Kreuz war: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34) So hat auch Jesus die Spirale von Gewalt und Gegen-gewalt unterbrochen. So wurde neues Leben möglich, die neue Schöpfung von der Paulus sprach. Leben aus tödlichen, todbringenden Verhältnissen. Das ist Auferstehung. Ja, Mandela lebt. Das Wort von der Versöhnung, das er erneut aufgerichtet hat, wirkt weiter.
Vielleicht kann man sogar noch weiter gehen und sagen: In und durch Mandela hat Gott nicht nur gehandelt. Mandela war nicht nur ein Instrument in Gottes Hand, sondern mit Gott eins: In und durch Mandela ist Gott auf besonders sichtbare Weise Mensch geworden, so, wie er in Christus exemplarisch Mensch geworden ist. Deshalb weiter: Überall dort wird Gott Mensch, wo so gehandelt wird wie Mandela gehandelt hat. Gott wird Mensch, wo vorbehaltlo-se, bedingungslose Liebe geschieht. Dort wird es Weihnachten.
Und wie ist Mandela aufgetreten, nachdem er 1990 aus dem Gefängnis entlas-sen worden war? Nicht gebieterisch, nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht auf der Durchsetzung seiner neu gewonnenen Macht bestehend. Nein, immer trat er mit einem heiteren Lachen vor die Öffentlichkeit und wenn sich nur die Gele-genheit bot, dann tanzte er seine Schritte. Er wollte kein Vorbild sein. Er wollte keine unerfüllbare Last auf die Menschen legen, sondern sie mit dem Herzen für den Siegeszug der Liebe gewinnen. Eben wie Jesus. Wie das Kind in der Krippe. Es stellt keine Forderungen. Es sagt uns nicht, dass wir bessere Menschen werden, lieben und vergeben sollen. Es zieht uns zwanglos auf seine Seite, weil es die Freude am Leben in uns weckt, weil es die Liebe, die wir zu einem Men-schenkind empfinden, in uns entstehen lässt. So handelt Gott in dieser Welt, in Jesus, in Mandela, in allen Menschen, die er innerlich verwandelt, indem er sich einnistet auf dem Grunde einer Menschenseele, indem er uns Menschen die Lie-be spüren lässt, in der wir atmen und die wir weiterverströmen können.

Frage: In der Zeit vor Weihnachten ist die Aufmerksamkeit religiöser Menschen auf das Jesuskind in der Krippe fixiert. Aber inspirieren uns die Ereignisse rund um den Abschied von Nelson Mandela nicht auch, Weihnachten mit der Aufer-stehung (und damit auch mit dem Kreuz) zu verbinden, wenn nicht als Einheit zusehen?

Wilhelm Gräb: Die Revolutionierung des Gottesgedankens, die das Christentum ausgelöst hat, tritt deutlich hervor, wenn wir sehen, dass Weihnachten, Karfrei-tag und Ostern eine Einheit bilden. Das Kind in der Krippe wärmt unser Herz, aber doch eben deshalb, weil uns in ihm der Gott, der Grund allen Sinns, so lie-bevoll begegnet. Der christliche Gott ist kein Herrscher, kein Weltenlenker noch gar ein endzeitlicher Richter. Der christliche Gott ist die Macht der Liebe, eine ohnmächtige Macht in den Augen der Welt also. Aber im Leben von Menschen wie Mandela einer war, sehen wir, was die ohnmächtige Macht der Liebe alles vermag. Das geht nicht, ohne zu leiden. Die Liebe, zu der Mandela fähig war, zeigt sich in seiner Bereitschaft zur bedingungslosen Vergebung, im Verzicht auf Vergeltung. Das war der Karfreitag im Leben dieses göttlichen Menschen. Die absolute Selbsthingabe und damit das Ende aller Opfer. Nur so aber ist die neue Schöpfung möglich, wiedererwecktes Leben, das aus der Gefangenschaft in todbringenden Verhältnissen herausführt: Ostern, der Tag der Auferstehung.
Als fielen Weihnachten und Ostern auf einen Tag, so haben die Südafrikaner die Begräbniszeremonien in dieser Woche begangen. Nicht in rückwärtsgewandter Trauer über den Verlust Mandelas, sondern in der freudigen Hoffnung, dass sein Werk der Versöhnung weitergeht.

Frage: Das Johannes Evangelium kennt ja keine Geschichten von der Krippe und dem Stall, in dem Jesus geboren wurde. Hingegen wird für philosophisch Interessierte großartig gesagt: Der Logos wird Fleisch, der Logos wird Mensch. Können und sollen wir nicht daraus folgern: Ja, wir Menschen alle haben An-teil an dem göttlichen Logos? Er ist in uns? Drückt sich in den spontanen Glaubensüberzeugungen, etwas des Volkes in Südafrika jetzt, diese Überzeu-gung aus: Gott, der Logos, ist in uns. Dieser Logos, also auch diese Vernunft, sollte weltgestaltend sein.

Wilhelm Gäb: Die vom griechischen Denken bestimmte Begrifflichkeit, mit der das Johannes-evangelium arbeitet, hilft uns, über die Gegenständlichkeit in der Rede von Gott hinauszukommen. Dann verstehen wir noch besser, dass in Menschen wie dem Jesus von Nazareth oder dem Xhosa Nelson Madiba Mandela lediglich auf ex-emplarische Weise sichtbar und menschheitsgeschichtlich wirksam wird, was doch zugleich, der Potenz nach, in allen Menschen da ist. Wenn wir sagen, dass Gott in Jesus Christus oder in Nelson Mandela Mensch wird, dann gilt das po-tentiell für alle Menschen. Wir alle tragen Gott in uns. Das eben zeigt sich uns in unserer Vernunftbegabung, die es macht, dass wir die Welt erkennen und ges-talten können. Dass da dieses Passungsverhältnis ist, zwischen uns und der Welt, wir uns in ihr Ziele setzen und sie auch erreichen können, wir das Gefühl haben, in ein letztlich sinnvolles Ganzes einbezogen zu sein – das alles hat seinen Grund im göttlichen Logos, an dem wir alle teilhaben.
Wer Gott leugnet, wird wohl nicht an den „Sinn des Ganzen“ glauben, wird wohl „Nihilist“ werden. Gott als der Logos ist die Idee vom Sinn des Ganzen einer Welt, zu der wir gehören und die wir als Ganze doch nie vor uns bringen können. Wir wissen im Grunde nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Und dennoch können wir darauf vertrauen, dass sie sich uns erschließt und als lebensdienlich erweist.
Längst nicht immer freilich scheint uns dieses Vertrauen berechtigt. Es ge-schieht so viel Schreckliches in der Welt und die besten Absichten rufen oft nur noch größere Übel hervor, es geht so ungerecht zu, dass uns zumeist eher ein Grundmisstrauen dem Sinn des Ganzen gegenüber angemessen erscheint. Im-mer dann, wenn solches Grundmisstrauen in uns aufkommen will, tut es gut, auf solch ungewöhnliche Menschen wie Jesus oder Mandela zu schauen. In ihnen sehen wir auf beispielhafte Weise, was der göttliche Sinn des Ganzen vermag, wenn Menschen ihn ergreifen und in seiner Richtung handeln.
Dann geschieht es, dass Friede einkehrt, wo Streit und Krieg war. Dann ge-schieht es, dass Feinde sich als Brüder und Schwestern erkennen. Dann schweigen die Waffen, wie es an den Weihnachtstagen des 1. Weltkriegs, für Stunden wenigstens, der Fall war. Die Bedeutung von Weihnachten ist auch heute überall auf der Welt, zumindest als ungefähre Ahnung, präsent. Sie kann ja auch gar nicht überschätzt werden. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen für die Welt, dass die Trauerfeier für Mandela – Obama und Castro gaben sich dort die Hand – wenige Tage vor Weihnachten stattfand. Ja, Mandela lebt – in Ewigkeit. Amen.

Veröffentlicht am 14.12.2013
Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon



Papst Franziskus: „Ich bin nicht beleidigt, wenn man mich einen Marxisten nennt“

15. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Papst Franziskus ist nicht beleidigt, wenn man ihn einen Marxisten nennt.
Von Christian Modehn
Nach Informationen der Amsterdamer Tages-Zeitung Trouw am 15. 12. 2013, gelesen um 15.20 Uhr.

Papst Franziskus fühlt sich nicht beleidigt, wenn man ihn einen Marxisten nennt. Allerdings sei der Marxismus als politische und ökonomische Philosophie verkehrt, sagte er. Aber er habe doch während seines Leben etliche Marxisten getroffen, die, so wörtlich, „gute Menschen seien“. Darum „fühle ich mich nicht beleidigt, wenn man mich selbst einen Marxisten nennt“.

Mit diesem typisch us-amerikanischen Vorwurf hatte der us- amerikanische Kommentator Rush Limbaugh den Papst kritisiert und vor allem auch das jüngste päpstliche Schreiben „Evangelii Gaudium“ zurückgewiesen. Darin hatte Papst Franziskus den Kapitalismus heftig attackiert. Der Kapitalismus führe u.a. aufgrund der übertriebenen Liebe zum Geld zu einer neuen Tyrannei. Der Papst betonte an diesem Wochenende in einem Interview mit „La Stampa“, dass in seinem Schreiben nichts geschrieben stehe, das nicht auch aus der Soziallehre der Kirche hergeleitet werden könne. Also gute katholische Tradition sei.

Unser Hinweis: Man stelle sich einmal vor, so viel Weite des Denkens hätte ein Johannes Paul II. gehabt und mit ihm ein Joseph Ratzinger als Chef der Glaubensbehörde, als beide auf die angeblich oder manchmal tatsächlich marxistisch gepräge Theologie der Befreiung (in diesem Kampf in enger Verbundenheit mit US Präsident Reagan) einschlugen, Theologen diffamierten, mundtot machten, ja alle „Kommunisten Hasser“ der Militärdiktaturen förmlich oder indirekt ermunterten, diese „marxistischen“ Priester und Nonnen umzubringen. Siehe etwa die Vorgänge in El Salvador rund um die Ermordung Erzbischof Romeros usw… Theologisch war die offizielle Diskriminierung der Befreiungstheologien auch eine Katastrophe, weil der Gedanke, Erlösung und Heil seien auch materiell und gesellschaftlich erfahrbar, ins Abseits gerieten und bis heute kaum gedacht werden im Rahmen einer totalen Spiritualisierung der römischen Theologie.

copyright: Christian Modehn



Tag der Menschenrechte: Jeder Mensch ist heilig

10. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Für den „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ ist es selbstverständlich, an den heutigen „Tag der Menschenrechte“ (10. Dezember 2013) zu erinnern und ohne alles Pathos zu betonen: Es gibt wohl kein dringenderes Thema, auch philosophisch kein dringenderes Thema, als die Menschenrechte und den Kampf, dass alle Menschen endlich als Menschen respektiert werden, dass also die Menschenrechte für alle gelten und nicht nur für eine Minderheit, die sich als „Elite“ fühlt und Sonderrechte beansprucht.
Wir haben im Religionsphilosophischen Salon schon oft dieses Thema besprochen und diskutiert.
Heute nur zwei wichtige Hinweise:
ERSTENS: Professor Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin,hat in einem Interview kürzlich auf die uns besonders interessierenden Verbindungen von Menscherechten und Religiosität hingewiesen. Wir bieten noch einmal einen Auszug.
ZWEITENS: Es haben sich einige NGOs zusammengeschlossen und eine Studie publiziert, die Menschenrechtsverletzungen durch große eruopäische/amerikanische Konzerne und Banken dokumentiert. Unser Philosophischer Salon ist den Traditionen der philosophischen Aufklärung verpfichtet. Deswegen ist auch Kritik am herrschenden System eine Selbstverständlichkeit.
DRITTENS bieten wir ein Zitat des Befreiungstheologen, Kardinal Evaristo Arns, Sao Paulo, Brasilien.

ERSTENS: Aus einem Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb:
Die Erklärung der Menschenrechte ist aus keiner der konkreten Religionen hervorgegangen, auch aus dem Christentum und seinen Kirchen nicht. Ihr Ausgangspunkt waren Erfahrungen von Verletzung und Leid, die Erfahrung ihrer brutalen Nichtanerkennung, „Akte der Barbarei“, wie es in der Präambel der UN-Charta von 1948 heißt. Hervorgegangen sind die Menschenrechte aus dem Aufschrei derer, denen durch totalitäre Regime ihr Lebensrecht verweigert wurde, die aus rassischen, völkischen, politischen und religiösen Gründen gequält, gefoltert und ermordet wurden. Die Erfahrung der humanitären Katastrophe des Holocaust und 2. Weltkriegs, die darin lag, erkennen zu müssen, dass Menschen die Bedingungen verletzen oder gar zerstören können, ohne die der Mensch als Mensch nicht zu existieren vermag, war der entscheidende Auslöser. Die Menschenrechte sind auch heute die wichtigste Appelationsinstanz, wenn der Schrei von Menschen über ihre eklatante Verletzung in den Blick der Öffentlichkeit rückt

Frage: Gibt es denn wie sonst bei den konkreten Religionen auch eine Spiritualität der Menschenrechte?

Viele Menschen rund um den Globus verstehen sich nicht mehr als Gläubige im Sinne der konkreten Religionen. Sehr wohl aber verstehen sie sich als spirituell, genau in dem Sinne, dass sie den unendlichen Wert eines jeden Menschenlebens achten wollen. Oft geht ihre heilige Ehrfurcht vor dem Leben noch über das menschliche Leben hinaus und erstreckt sich auf alles Lebendige. Das hat vielfältige spirituelle Praktiken zur Folge, bis hin zur Umstellung von Ernährungsgewohnheiten und anderen Fragen des Lebensstils. Ja, es gibt weltweit eine Spiritualität der Menschenrechte, eine universale Religion der Humanität und der Ehrfurcht vor dem Leben. Zur weiteren Lektüre klicken Sie bitte HIER.
Der Beitrag von Wilhelm Gräb gehört zu einer Reihe von Interviews, die unter dem Motto „Fundamental vernünftig“ auf dieser website publiziert werden. Sie bieten Impulse, für eine Spiritualität und Religiosität einzutreten, (selbstverständlich auch innerhalb der Kirchen), die die freie Einsicht, die kritische Frage und das individuelle religiöse Erleben des einzelnen voll respektiert.

ZWEITENS:
Es gibt „dirty profits“ von 26 Unternehmen unterschiedlicher Branchen und 19 Finanzinstitute, die wegen heftiger Verstöße gegen die Menschenrechte (und den Umweltschutz) sehr übel auffallen. Wenn diese Unternehmen Milliardengewinne machen, dann beruhen diese immer auch auf Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung und Umweltzerstörung. Mehrere NGOs haben am Montag, 9.12. 2013, eine Studie vorgestellt, in der sie diese Verbrechen dokmentieren: „Dirty profits 2“ ist der Titel. Zur Lektüre klicken Sie hier.
Zur allgemeinen Information über die NGOs, die die Studie erstellt haben, klicken Sie bitte hier.

DRITTENS:
Kardinal Evaristo Arns aus dem Franziskaner Orden ist einer der mutigen Verteidiger der Menschenrechte in Brasilien. Er hat auch den Befreiungstheologen Leonardo Boff unterstützt. Kardinal Arns wurde von Papst Johannes Paul II. immer wieder in seinen Aktivitäten eingeschränkt und bestraft, weil er zusammen mit Kardinal Ratzinger meinte, Befreiungstheologie sei ein Schaden für die angeblich ewige, erstarrte und dogmatisch verfestigte römische Kirchenlehre…
Hier also das Zitat von Kardinal Arns aus einem Interview mit Christian Modehn(der Originalton liegt vor).

Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

copyright:Christian Modehn



Edvard Munch: 150. Geburtstag. Der Angst ins Gesicht sehen

9. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Edvard Munch: Anläßlich seines 150. Geburtstages:
Der Angst ins Gesicht sehen
Von Christian Modehn

Im „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ denken wir anlässlich seines 150. Geburtstages (am 12. Dezember 2013) gern an den großen Edvard Munch. Zur kunsthistorischen Interpretation seiner vielfältigen Arbeiten wollen wir uns hier nicht äußern. Interessant ist für uns die ursprüngliche Verbundenheit mit einem pietistisch genannten, fromm evangelischen Elternhaus in Norwegen und der weiteren spirituellen Entwicklung; sie findet Ausdruck in seinen Arbeiten, aber wohl immer verbunden mit dem Angst erzeugenden pietistischen Glauben. Es gibt wie bei allen Künstlern immer auch eine philosophische Interpretation der Werke, vielleicht könnte dabei auch eine existentiale Interpretation hilfreich sein. Dabei wird unter anderen Dimensionen deutlich, wie Edvard Munch einer der vielen Künstler ist, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts von den klassischen orthodoxen christlichen Lehren der Kindheit lösen und den eigenen spirituellen Weg gehen.Mehr als einen Hinweis, eine Einladung zum Weiterforschen, können wir hier nicht bieten.
Bekannt sind die fünf um 1894 entstandenen Gemälde, die unter dem Titel „Madonna“ beachtet werden. Diese Madonna, wenn sie denn auch auf Maria, die Mutter Jesu, bezogen ist, könnte auch als eine Pietá interpretiert werden; sie ist vom Leiden, vom Tod, gezeichnet, hat dabei aber auch eine erotische Ausstrahlung bewahrt. Auch die Madonna der Renaissance hat in ihrer blühenden Leiblichkeit erotische Züge. „Liebendes Weib“ nannte Munch diese Madonna, vielleicht ein Titel, der die Spannung zwischen Hingabe bis zum Tod andeuten will. Viermal hat Munch das Motiv „Der Schrei“ gemalt, inzwischen längst eine Ikone, weltweit verbreitet und wie ein Kultbild verehrt und als Massenware missbraucht. Um einmal fast einen Kalauer auszusprechen: Ein ziemlich großer Schrei ist die Tatsache, dass ein „Schrei“ von Edvard Munch im Mai 2012 für 120 Millionen Dollar von einem Milliardär ersteigert wurde. Dieser „Schrei“ schreit jetzt einsam in einem gepanzerten Keller einer Villa, oder?
Allein schon die Motive, die rund um den „Schrei“ geschaffen wurden, zeigen einsame Menschen in tiefster Not der Verzweiflung, im Geworfensein in einer völlig fremde, bedrohliche Welt. Gibt es Gemälde, die treffender die seelische Verfasstheit vieler moderner Menschen deutlich machen? Man denke etwa auch an das Gemälde „Der Tod im Krankenzimmer“ von 1893.
Edvard Munch wurde in eine streng religiöse evangelische Familie hineingeboren, das Kind wurde, wie man sagte, „notgetauft“, aus Angst, es könne sterben, ohne rituell von der Erbsünde befreit zu sein, also die Taufe empfangen zu haben. Ohne Taufe droht selbst den Neugeborenen nach ihrem plötzlichen Tod eine Art Hölle. „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet“, schreibt Edvard Munch. Die Mutter stirbt früh an Tuberkulose, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem immer wieder den Kindern vorgelesen wird mit den schauerlichen Kommentaren: „Mutti hört im Himmel zu und beobachtet uns“.
Edvard Munch wächst in einem Christentum auf, in dem das ganze Leben von Angst zerfressen ist. Er selbst bleibt sein Leben lang davon seelisch belastet. Ein Mittel, die Angst zu bearbeiten, wird für ihn die Kunst. „Ebenso musste er den Tod malen, um persönliche böse Erinnerungen loszuwerden“, schreibt Ragna Stang in ihrem großen Buch „Edvard Munch – der Mensch und der Künstler“ (1979, Königstein im Taunus, S. 121). Andererseits: wer den krankmachenden christlichen Glauben studieren und kritisiere möchte, wende sich bitte an Edvard Munch. Aber wieder einmal ist es auch die Krankheit, die sehend macht, die Dinge spürt, die angeblich Immer-Gesunde in ihrer Fitness gar nicht entdecken. „Ich ging die Straße hinunter, als die Sonne unterging. Und sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer… und ich fühlte, dass ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Der Freund Munchs, der Dichter August Strindberg, meint: Der Maler hörte den Schrei der Natur, „und des Entsetzens vor der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen“. Den Schrei als akustische Äußerung malen, das ist wohl (nur?) Munch gelungen!
Sein seelisches Erleben und Erschaudern bleibt inspirierend bis heute, es darf angesichts der vielen Reproduktionen nicht banalisiert werden. Sein Freund Janes Thiis hielt Munch für einen metaphysisch begabten Menschen: „Er gab in seiner Kunst Ausdruck vom Wunder des Lebens“. Munch selbst bekannte: „Gott ist in uns und wir leben innerhalb von Gott, einem ursprünglichen und originalen Licht von überall her“. Munch betonte: „Aus allen (meinen) Reden wird man sehen, dass ich ein Zweifler bin, aber niemals die Religion verleugne oder verspotte“ (ebd. S 123).Diese alle Dogmen des Christlichen überwindende, sagen wir: mystische oder „pantheistische“ Spiritualität spricht in Munchs Werken. Sie ist ein Hoffnungsschimmer, auch in den Bildern der Verzweiflung.
1909 war Munch nach längeren Aufenthalten etwa in Deutschland, vor allem Berlin, nach Norwegen zurückgekehrt,er hat dort eine Fülle von Werken geschaffen, die auch der Zuversicht im Leben Ausdruck geben.

Edvard Munch ist am 23. Januar 1944 auf Ekely gestorben.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Kleine philosophische Weihnachtsfeier am 27. Dezember 2013

8. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Der nächste Salon, Termine

LOGOS: Eine kleine philosophische Weihnachtsfeier.
Einen Bericht über das gespräch am 27. 12. 2013 zum Thema LOGOS: Klicken Sie bitte hier.
Eine herzliche Einladung für Freitag, den 27. Dezember 2013 um 19 Uhr, in das private Kulturzentrum „MAINZER 7“ in Neukölln, das von Thomas Maurenbrecher geleitet wird.
Unser Thema am 3. Weihnachtsfeiertag: Der Logos. Die Vernunft. Ist Logos etwas Göttliches? Kann Logos Mensch werden (Johannes Evangelium). Haben Philosophen einen Beitrag zu leisten zu einer Kultur von Weihnachten?
Einleitende Statements von Christian Modehn und Michael Braun, praktischer Philosoph in Berlin.
Erste Annäherungen zu einem selten bedachten Thema mit Gesprächen, Stille, Musik, Wein, Wasser, kleinen Speisen.
Beitrag: 5 Euro.
Wir treffen uns in der Mainzer Str. 7 in Neukölln, dicht am U BHF Hermann Platz, über die Karl Marx Str.erreichbar.
Anmeldung erforderlich, weil wir einen kleinen Imbiß vorbereiten. Anmeldung bitte an:Christian.Modehn@berlin.de
Aktuelle Infos: www.religionsphilosophischer-salon.de