Monatsarchiv



Attar und Hiob: Wenn die Frommen Gott anklagen. Zu einem Salonabend am 27.3.2015

31. März 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

ATTAR und Hiob: GOTT anklagen angesichts des Leidens

Einige Hinweise für das Gespräch im Religionsphilosophischen Salon am 27.3.2015

Von Christian Modehn

Wir wollen in gewisser Weise unser Gespräch vom Februar 2015 fortsetzen, darum zuerst einige Hinweise zum islamischen Mystiker Attar aus Nischapur, Persien (1145-1220) und sein Werk „Das Buch der Leiden“. Dabei beziehen wir uns auf die Ausführungen von Navid Kermani „Der Schrecken Gottes“, Becksche Reihe, München 2011. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch. —-Zu einer systematischen Reflexion „Über das Böse“ klicken Sie hier

Attar war Apotheker, also „Heiler“, in einem Persien, das von den Mongolen bedroht und dann brutal überrannt wurde. In seiner persönlichen wie auch gesellschaftlichen Verzweiflung wendet sich Attar an Gott. Er ist in der damaligen Kultur sozusagen die oberste „Beschwerdestelle“. Aber die islamischen Herrscher dulden die Anklage Gottes nur für einen ganz kleinen Kreis, für die Narren und Weisen. Das normale Volk darf nicht Gott anklagen. In jedem Fall sagt „Das Buch der Leiden“ etwas, was der islamischen Elite nicht gefällt! Sie kennen die Hiob-Gestalt, die im Hintergrund zu Attars Aussagen steht, wohl eher aus dem Koran, dort wird an nur 4 Stellen recht kurz und knapp von dem geduldigen Hiob gesprochen (Sure 38, 41-44; Sure 6, 84; Sure 21,83-84; Sure 4, 16). Attar ist ein Autor (ein Sufi) mit einem umfangreichen Werk, bekannt sind hier auch „Die Vogelgespräche“, die sogar in der Schaubühne (Berlin) aufgeführt wurden. Zur Form von „Das Buch der Leiden“ nur so viel: Es ist eine Seelenreise von 40 Tagen durch den Kosmos auf der Suche nach einem barmherzigen Gott…Der Text liegt in deutscher Sprache in der Übersetzer des berühmten Orientalisten Hellmut Ritter (zu teurem Preis) vor.

„Das Buch der Leiden“

Navid Kermani schreibt: Dies ist ein „Furcht erregendes und verstörendes Stück Weltliteratur“(95). „Erkenntnis wird hier darauf reduziert, die Sinnlosigkeit zu erkennen“. (96). Die Grundaussage ist: Gott quält. Er verachtet das Leiden der Menschen, er ist unbarmherzig, ohne Großmut, Gott erlaubt dem Menschen noch nicht einmal, sich von ihm zu befreien.

„Aber das soll man bloß nicht Gott sagen, dann macht er alles noch hundertmal schlimmer“, sagt ein weiser „Narr“ im Text: „Gott hat mir auf mein Bitten um Brot geantwortet: Ich solle doch Schnee essen. Selbst ein Irrer sagt so etwas nicht“. (S.131)

Wie später auch, etwa bei dem Philosophen Emil Cioran, kommt das Motiv vor: „Es sei ein Nachteil geboren zu sein (98). Der fromme Mensch will „in diesem Leben nicht leben“ (99). „Wer an ein Jenseits glaubt, muss sich eingestehen, dass es nach dem Tod im Himmel mit dem schrecklichen Gott weitergeht“ (100) … und das will man nicht. Es gibt also eine Jenseits-Abwehr bei frommen Leuten.

„Mit Gott geschimpft hat niemand so leidenschaftlich wie Attar“ (170). „Mit Attar wird Gott attackiert, und zwar von einem, der Gott verfallen ist“ (172). „Die meisten Narren Attars klagen ohne Hoffnung. Frieden finden sie nur in der Resignation oder im Irrsinn. Weil Gott für sie der Schrecken ist, fürchten viele Narren gar, das ER sie erhöre, und dann würde er sie noch ärger quälen“ (243).

Im Islam bleibt dieser radikale Protest gegen Gott nur dem Heiligen, dem Propheten und dem Narren vorbehalten, Protest kann nicht Sache aller Frommen sein (209). Und nur in der Mystik ist diese Klage möglich. Im Koran selbst ist diese An-Klage nicht zu finden. (S. 230)

HIOB, aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament.

Attar kennt die Geschichte von Hiob (176), aber nicht den Text, wohl kennt er die Erzählung, die mündlich in dieser islamischen Kultur verbreitet wurde. Bei Attar werden viele Hiob Motive des AT variiert. Es ist interessant, dass in der noch recht frühen islamischen Kultur die Kultur der Bibel (AT) irgendwie populär bekannt war. Also religiöse Abgrenzungen nicht so deutlich waren. (182). Unsere philosophische Mitstreiterin Heike schreibt dazu: „Die Hiob Geschichte ist immer weiter geschrieben worden. Die Urform, die Rahmenhandlung als Volksmärchen wurde um 900 v. CHR. aufgeschrieben. Nach der Exilserfahrung (und dem Erleben des Bösen) kam der Teufel in der Erzählung dazu (520 v.Chr.). Und damit ist Gott nicht mehr der Verursacher des Unglücks. Hiobs Monolog und die Gespräche der Freunde entstanden wohl um 450 v. Chr. (Rede Elihus 430 vor) und das Lob der Weisheit um 300 v. Chr. Das Kapitel 28, um Hiobs Begegnung mit Gott vorzubereiten“.

Der fromme und vorbildliche Hiob leidet ohne jeden für ihn erkennbaren Grund. Gott spielt auf Vorschlag des Teufels ein Spielchen mit ihm, will ihn testen.

Kermani meint: Gott straft in diesem Text ohne Ansehen von Sünden, ohne erkennbaren Grund. Gott kann ungerecht sein (S.153). Ein Hinweis auf die Klagelieder des Jeremias. „Du hast ohne Barmherzigkeit Menschen geschlachtet“ (Klagelieder 2.21)

Der Beter des AT klagt nicht nur, er klagt Gott an. Etwa Psalm 88 ist da wichtig.

Einige Zitate:

Hiob 3,11: „Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt…“

Hiob 7,16:“Ich vergehe. Ich leb ja nicht ewig. Gott, lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch“. … 9, 18: „Gott lässt mich nicht Atem schöpfen.. Geht es um Recht, wer will ihn vorladen“ (schon damals die richtige Erkenntnis, wie sinnlos ein Blasphemie Gesetz ist: Gott ist kein Rechtssubjekt und kann es als Gott gar nicht sein).

Hiob 12, 23: „Gott macht Völker groß und bringt sie wieder um“

Hiob 16,11: „Gott mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen, ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht. Er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert“. Und so weiter und so weiter.

Einer der wichtigsten Texte der Empörung gegen den Gott. Er hat zahlreiche  Autoren, wie Attar, und andere (wie Joseph Roth) zu literarischen Aktualisierungen eingeladen…

Die Übersetzungen aus Hiob stammen aus der LutherBibel, 1985.

Copyright: Christian Modehn Berlin

 

 



Können wir das Böse verstehen? Hinweise zu einem Salonabend über Attar und Hiob

31. März 2015 | Von | Kategorie: Denkbar

Können wir Böses verstehen?

Einige Hinweise zu einem schwierigen Thema anlässlich des Religionsphilosophischen Salons am 27. 3. 2015

Von Christian Modehn  —Zu einigen Hinweisen zu Attars Buch der Leiden und zu Hiob klicken Sie hier

Die Texte Attars und Hiobs zeigen: Die ausdrückliche Klage Gott gegenüber, vor allem auch die explizite und heftige ANklage Gottes als eines ungerechten Wesens hinterlässt die Überzeugung: Bei Attar bleibt es – besonders im definitiven Ende, dem Epilog – bei der Verzweiflung angesichts eines eher menschenfeindlichen Gottes. Bei Hiob folgt nach der Anklage Gottes dann doch zum Schluss der demütige Respekt vor seiner unergründlichen Wirklichkeit.

Welche Konsequenzen ergeben sich für eine philosophische, vernünftig argumentierende Lebensweise aus diesen zweifellos schwierigen und verstörenden Texten?

Das Aussprechen der Anklage Gottes kann dem einzelnen Leidenden helfen, zu einer deutlichen Wahrnehmung seiner Situation zu gelangen. Der leidende Mensch hört sich selbst zu; er nimmt wahr, worunter er leidet. Das kann zur Klärung der eigenen Situation führen. Klage und Anklage Gottes sind poetische Formen, denen sich die Reflexion anschließen muss. Sonst bleiben sie bloße Worte der Erregung.

Wenn man aber nach-denkt: Was zeigt sich dann heute? Gott kann in einem reflektierten, vernünftigen Denken und Fühlen nicht direkt als Subjekt angesprochen und einbezogen werden. Warum soll denn Gott gerade nur mich in meiner Not erhören und direkt eingreifend retten und meinen Nachbarn nicht? Ist Gott also eher willkürlich-launig? Ist dies etwa sein Wesen, seine göttliche „Geheimnishaftigkeit“? Doch wohl nicht. Diese Überzeugung zu haben, ist keine menschliche Arroganz, kein Allmachtsgefühl! Sie ist, wenn man es fromm formuliert, Ausdruck der göttlichen Kraft der Vernunft, die Gott der Schöpfer den Menschen gegeben hat. Und diese Vernunft sollen wir „gebrauchen“, weil sie als Gabe Gottes uns auch dem Göttlichen nahe bringt. Totale Beliebigkeit und Willkür entspricht einem tyrannischen Gottesbild. Aber: „Gott ist Geist“, sagt das Neue Testament…Hegel war deswegen überzeugt: Wenn Gott Geist ist, dann ist er auch Vernunft. Aber das ist ein anderes Thema. Die Überzeugung von Gott als dem Wundertäter, der Leiden aufhebt, ist theologisch und philosophisch heute nicht nachvollziehbar.

Aber damit endet nicht das Nachdenken über die Wirklichkeit des Bösen. Denn „Gott“ kann in dieser Debatte mit dem Begriff „Sinn“ übersetzt werden. Dann wird die „Gottes“-Klage zur Klage über den im Augenblick nicht sichtbaren und spürbaren Sinn, also meinen subjektiven Sinn wie den Sinn überhaupt. Dann wird der klagende Mensch deutlich auf sich selbst reflektierend zurückgeworfen. Es kommt nur darauf an, in dieser Situation sich zu vergewissern: Auch in der Suche nach dem Sinn weiß ich implizit, dass es Sinn gibt. Ich habe ihn ja früher einmal erfahren, ich habe mich an ihm erfreut. Nun ist er entschwunden. Ich kann nur klagen und suchen, weil ich weiß, was ich suchen kann: den Sinn, der mich immer noch auch im verzweifelten Suchen hält. Gottesklage wird zur Sinnsuche. Dadurch wird das Thema besprechbar und in die Argumentation gezogen. Es werden nicht mehr fromme Geschichten erzählt oder autoritäre Weisungen der Vertreter Gottes auf Erden gegeben. Denn der Übergang von göttlichem Wort zu amtlich interpretierten Wort des „Klerus“ ist immer da und fließend. So aber wird ein freier Raum geschaffen in der Erkenntnis: Wir selbst suchen selbständig verzweifelt nach Sinn, weil wir immer noch in ihm stehen und leben, und weil wir ihn einmal in ganzem Licht erlebt haben. Ob wir zu diesem Sinn sprechen (beten) können, ihm Worte der Poesie „widmen“, ist eine andere Frage. Wer aber den Sinn als personal – wohltuende Wirklichkeit erlebt, kann sich dann durchaus zu diesem Grund des Lebens (das ist der Sinn) poetisch verhalten. Oder er kann auf dieser Reflexionsstufe das Symbol „Gott“ (mit dem verwandelten Inhalt) wieder vorsichtig verwenden. In jedem Fall zeigt mir die verzweifelte Suche nach Sinn, nach dem tragendem Grund: Ich habe noch Widerstandsreserven bei mir, das zeigt mir allein schon die Leidenschaft der Frage .Ich bin auch in der Sinn-Suche noch immer vom Sinn als Grund des Daseins getragen.

Manche stellen sich die Frage: Leide ich, weil ich Böses getan habe? Straft mich Gott? Am wichtigsten ist es in einer philosophischen Lebensform, diese volkstümliche Überzeugung abzuweisen: Gott greift nicht als ein strafendes Subjekt aus Himmelhöhen ins Weltgeschehen, in mein kleines Leben, ein. Er bestraft nicht den angeblich oder tatsächlich moralisch böse handelnden Menschen, er bestraft nicht die Welt (-Gesellschaft) mit schlimmen Naturkatastrophen. Das ist ein zu personales, wir meinen infantiles Gottesbild. Die Naturkatastrophen gehören zur bleibenden Unvollkommenheit dieser Welt (und der Erkenntnis des Menschen): Wer in der Welt lebt, muss diese Unvollkommenheit dieser Welt annehmen. Sie ist sozusagen die kosmische Seite der ebenso unveränderbaren menschlichen Endlichkeit, Sterblichkeit. Die wir auch als solche annehmen müssen als Struktur unserer Weltverbundenheit. Das unübersehbare Durcheinander der Natur (Natur ist keineswegs immer verzückend und verzaubernd, wie einige Romantiker glaubten und glauben) gehört zur Struktur der Welt. Diese gegebene Struktur pauschal als „die beste aller denkbaren Welten“ (Leibniz) vorzustellen, führt nicht weiter. Der zwiespältige Zustand der Natur kann nicht verändert werden. Er bleibt die bleibend offene Frage. Diese offene Frage als Existenz-Form anzunehmen ist wohl die entscheidende Leistung eines jeden reifen Menschen. Zum „moralisch Bösen“ siehe Punkt 3.

Wie können wir noch aktiv agieren, wenn sich Sinnloses und Vernichtendes in unserem Leben zeigt: Ein extremes Beispiel: Menschen können inmitten höchster Not und schlimmsten Leidens doch noch rettend, für andere, Nachkommende, sich verhalten. Ich denke etwa an den 11. September, und da besonders an den „flight 93“. Die Piloten wussten bereits kurz nach dem Start, dass andere Flugzeuge in die Tower mit hilflosen Opfern rasten. Diese Piloten verhinderten einen offenbar geplanten Absturz ihrer Maschine im Washingtoner Regierungsviertel und stürzten hingegen auf einem freien Feld ab. Das heißt: In größter Not und größtem Leid kann noch der Verstand bewahrt werden und eine schlimme Massen-Katastrophe verhindert werden, in der Bereitschaft, sich selbst dabei zu opfern.

Das zeigt: Das Böse als erfahrbare Welt-Wirklichkeit hätte wohl kaum eine solche Übermacht in der Gesellschaft und den Staaten, wenn alle Menschen ihre Augen und ihren Verstand vor dem (sich anbahnenden) Bösen offen halten… und widerstehen.

Beispiel: Wie viele Millionen Menschen haben zu Beginn der Nazizeit aus Feigheit und Dummheit weggesehen?

Es hilft ja auch nicht, nach einem Tsunami-Vorfall Gott anzuklagen, wenn etwa dabei Atomkraftwerke zerstört werden. Sinnvoll ist hier nicht die Gottes-An-Klage, sondern die Frage: Wie kommen wir von der Atomkraft los? Wer hat das veranlasst, dass direkt am Meer, etwa in Japan, AKWs gebaut wurden.

Wichtig ist es auf das Wesen der menschlichen Freiheit zu achten und dabei die Frage nach dem „moralisch Bösen“ zu bedenken. Da kann eine Überlegung von Kant hilfreich sein: Im April 1792 publizierte er in der „Berlinischen Wochenschrift“ den Beitrag: „Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten“ (im Menschen). Veröffentlicht dann als erstes Stück in dem immer aktuellen Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Königsberg, 1793. In der Meiner Ausgabe: S. 21 ff.

Nur so viel: Aufgrund der Freiheit des Geistes gibt es – für Kant – einen „Hang“ zum Bösen im Menschen, dieser Hang, diese Tendenz, zeigt sich, wann immer von den vernünftigen Maximen des moralischen Gesetzes abgewichen wird. Dieser Hang zum Bösen als Möglichkeit der Freiheit äußert sich für Kant in Selbstliebe, Eigendünkel, kurz: als bewusste Zurückweisung, dem Spruch des Kategorischen Imperativs zu entsprechen. Diese Möglichkeit, aus freier Reflexion unvernünftig und unmoralisch zu handeln, wurzelt in der Tiefe der menschlichen Freiheit. Freiheit ist also das erste, das Bösesein-Können und tatsächliche böse Leben ist das Zweite. Grundlegend ist die Anlage zum Guten; der Hang zum Bösen ist eine Konkretisierung der Freiheit. Nun hat – theologisch gesprochen – Gott diese Freiheit geschaffen, die in sich die Möglichkeit des Bösen enthält: Hat Gott also dann letztlich doch das Böse mit-geschaffen? Diese Frage zeigt, wie das Denken da an Grenzen stösst.

Auf das kritische Denken kommt es an, auf die vernünftige Fähigkeit, Widerstand zu leisten, wo immer Böses sich zeigt. Ohne dabei zu glauben, dass definitiv Böses aus der Welt geschafft wird. Aber dieser Widerstand kann als Ausdruck der Kraft des Geistes verstanden und erlebt werden: Gibt es Schöneres?  Wer ständig bei diesen Fragen Gott ins Spiel bringt, folgt Phantasien, verbreitet Nebel, erzählt Mythen, analysiert (sich selbst und den Weltzustand) nicht klar. Wobei letzte Klarheit als Durchschaubarkeit niemals erreichbar wird bei dem Thema Freiheit und das Böse. Religionsphilosophie hat also bei dem Thema die Aufgabe, Gott als Argument eher außen vor zu lassen. Philosophie kann begründen, warum es richtig ist, ihn außen vor zu lassen… Philosophisch ist es wohl so: Je mehr wir lernen, die Ursachen des Bösen zu erkennen und verzichten, das Böse religiös/mystisch zu verfärben, um so eher könnte den bösen Tendenzen Einhalt geboten werden.

Wer den SINN als die Basis seines Daseins wahrnimmt, kann sich auch zu dem alles Tragenden Sinn positiv verhalten. Warum nicht: Er kann sich diesem Sinn poetisch nähern, dankend, dass es ihn gibt. Denn das Erfahren, vom Sinn des Ganzen getragen zu sein, wird oft als Geschenk erlebt.

Welche Bedeutung hat dann noch die religiöse Poesie, etwa, wie sie Attar und Hiob vorlegen?

Deren Anklagen Gottes sind verschleierte Anklagen gegen die umgebende Gesellschaft, die als autoritäre Organisationen den Menschen keinen freien Lebensraum lassen. Oder es sind Klagen, dass sich der Sinn momentan entzieht, dass sie ihn aber einmal erlebt haben, denn sonst wüssten sie gar nicht, wonach sie schreien.

Jedenfalls wird man philosophisch nie zu einer schlüssigen und allseits und immer geltenden „Lösung“, Antwort kommen. Denn diese Frage nach dem Sinn des Ganzen bezieht sich eben wirklich auf das Ganze, das Alles- Begründenden, also jenes, das die Religionen Gott nennen. Dieses Ganze und Gründende (Gott) kann der erkennende Mensch, eben weil es das Ganze und Gründende ist, nie erkennend umfassen. Das heißt: Diese Frage bleibt offen. Das Ganze und Gründe kann philosophisch nur berührt, nicht aber definiert, also bestimmt (umfasst) werden.

Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Sinn des Ganzen bleibt wesentlich das, was man philosophisch Geheimnis nennt, niemals total aufzuklärendes Gründendes. Insofern ist der erkennende Mensch immer wesentlich auf das Geheimnis verwiesen bzw. mit ihm verbunden.

Wenn Religionen behaupten, sie hätten die Antwort auf das, was das Geheimnis (Gottes) ist: Dann sind diese Antworten eben Antworten frommer und selbstverständlich ernst zu nehmender Menschen: Sie sagen unreflektiert, was sie erlebt haben, etwa die Autoren der Bibel und anderer heiliger Bücher. Sie machen Vorschläge, die beachtet werden können: Etwa die Botschaft Jesu: Gott, das Gründende, der tragende „Sinn“, ist wesentlich Liebe. Es steht jedem Menschen philosophisch natürlich frei, dieses Angebot spiritueller Menschen persönlich geistig und umfassend im eigenen Leben zu prüfen. Das Gefühl, von einer letzten Liebe getragen zu sein, TROTZDEM und TROTZ ALLEM, kann sich dann einstellen. Davon berichten viele Menschen, die als Märtyrer der Menschenrechte (!) ihr eigenes Leben (und nicht wie die Selbstmordattentäter auch noch das vieler anderer Unschuldiger) opfern, etwa die Widerstandskämpfer gegen Hitler, Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer gegen moderne Verbrechersysteme, wie in El Salvador der selige Erzbischof Oscar Romero. Aber auch diese Menschen haben erlebt: Eine definitive runde und umfassende Antwort auf das Böse gibt es nicht. Und Gott kann nicht dazu missbraucht werden, unsere Wünsche nach umfassenden Antworten zu befriedigen. Gott ist bleibend Geheimnis, wie das Leben selbst bleibend Geheimnis ist. Wer solches sagt, weiß, dass Gott Geheimnis, das ist etwas anderes als eine fromme Vision.

Copyright: Christian Modehn, geschrieben am 31.3.2015

 

 



Ordentliche Orden? Neue sehr konservative Ordensgemeinschaften im Katholizismus

29. März 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Ordentliche Orden? Es gibt immer mehr Ordensgemeinschaften, die kritisches Fragen und kritisches theologische Theologie ablehnen.

Hinweise zu einem religionswissenschaftlich unbeachteten Trend und ein weiteres Stück Religionskritik

Von Christian Modehn

Es gibt katholische Ordensgemeinschaften weltweit, die stolz auf ihren stetig wachsenden „Nachwuchs“ sind. Und sie sagen das manchmal mit einer gewissen Häme, weil die meisten anderen (alt-etablierten) Orden zumindest in Europa und Nordamerika bald aussterben werden. Sie nennen sich Reformorden, weil sie die bestehenden „klassischen“ Ordensgemeinschaften als zu modern und verweltlicht ablehnen. Dabei wollen diese neuen Gemeinschaften innerhalb der römischen Kirchen leben und dem Papst eigentlich gehorchen, anders als etwa die Orden, die im Umfeld der traditionalistischen Lefèbvre-Bewegung entstanden sind und das 2. Vatikanische Konzil ablehnen. So bestehen z.B. seit 40 Jahre innerhalb dieser von Rom getrennten traditionalistischen Gemeinschaft die „Schul-Dominikanerinnen vom heiligen Namen Jesus“ von Fanjeaux bei Toulouse, sie haben 200 Mitglieder.

Die Rom-treuen, so genannten Reformorden sind vom Papst anerkannt, viele sind „bischöflichen Rechts“. Bisher werden sie von der theologischen und religionswissenschaftlichen Forschung übersehen. Dabei bestimmen sie das Gesicht der Kirche entscheidend schon heute, man denke nur an die Weltjugend-Tage. Bereits jetzt ersetzen einige hundert dieser Reform-Mönche in vielen Ländern Europas und Amerikas den alt gewordenen, aber eher progressiven Klerus in den Gemeinden. Diese Orden sind stolz darauf, sehr konservativ zu sein und entsprechende Bewegungen zu fördern, wie „Pro life“. Einige dieser „Reformorden“ neigen zum Traditionalismus und bevorzugen die lateinische Messe. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1961-64) gegründet, haben sie trotz aller Vielfalt eine gemeinsame Überzeugung: Die strengen Ordensregeln und Gelübde von einst müssen wieder respektiert werden, um die angebliche Verweltlichung in den Klöstern zu beenden. Theologie als kritische Wissenschaft spielt dabei keine Rolle. Der zumeist autoritären Führung der Gründergestalten müssen sich die Mitglieder fügen. Im gleichen konservativem Geist agieren die Priester der charismatischen Gemeinschaften (wie „Emmanuel“ oder „Gemeinschaft der Seligpreisungen“) und dem Neokatechumenat. Wie die „Reformorden“ bieten sie absolute Glaubens-Gewissheit in einer „bösen Welt“.

Nur einige Beispiele: (die um weitere ergänzt werden sollten, etwa zu neuen „Reformorden“ in Afrika, Lateinamerika und Asien, aber darum könnten sich auch mal die kritischen römischen Theologen wissenschaftlich kümmern…)

Die „Franciscan Friars of the renewal“ (1) trennten sich 1987 vom großen Kapuzinerorden, sie sind mit jungem Personal in vielen Ländern tätig, 120 Mitglieder zählt diese streng auf Armut fixierte Gemeinschaft. Wie alle anderen Gruppen legen sie großen Wert darauf, stets das Ordensgewand zu tragen. Von den Minoriten hat sich 1970 der Orden der „Franziskaner-Immakulaten“ abgespalten, (2), heute zählt er über 300 Mitgliedern, mit ihm verbunden ist – wie bei den meisten anderen – ein „blühender“ Frauenorden. Viele dieser Franziskaner-Immakulaten sind so sehr ins traditionalistische Milieu abgedriftet, dass der Papst den Gründer als Leiter absetzte und einen kommissarischen Leiter an die Spitze stellte. Mit dem argentinischen Nationalismus stark verbunden ist die inzwischen auch in Europa tätige Ordensgemeinschaft „Institut vom Inkarnierten Wort“ (3) mit 400 Priestern. Einige Mitglieder „klagen die Leitung an, mit eiserner Hand die Gemeinschaft zu führen, bis zu seelischer Manipulation und Unterwerfung“, berichten spanische Medien. Die jungen Priester des „Instituts Christus König und Hoher Priester“ (4) zeigen sich gern prächtigen Gewändern: 1990 gegründet, hat der Orden schon 150 Mitglieder. Einige Bischöfe in den USA wehrten sich gegen die Etablierung dieser Christus-König-Priester in ihrem Bistum. Für das esoterische Engelwerk wurde eine eigene Gemeinschaft gegründet, der Kreuzorden (5) mit 140 Priestern. Das Engelwerk wurde von der Seherein Gabriele Bitterlich gegründet, die Engelweihe machte sie berühmt. Mitglied des Engelwerk-Kreuzordens ist Bischof Athanasius Schneider, er arbeitet in Kasachstan. Er besucht gern den Generaloberen der tradititionalistischen Pius-Brüder, Bischof Fellay, zuletzt am 11. Februar 2015 in Winona, USA. (8) . Zuvor war er schon zu Besuch bei den Traditionalisten in Flavigny, Frankeich. Im Bistum Frejus-Toulon (der Bischof gehört zur sehr konservativen charismatischen Gemeinschaft Emmanuel) tummeln sich viele neue Orden mit durchaus merkwürdigen Namen: Von den „Salvisten-Priestern“ (6) wäre da zu berichten, oder den „Missionaren von Christus dem Meister“ (7). Auch viele neue Orden waren und sind willkommen im Bistum St. Pölten, vor allem zu Zeiten, als Kurt Krenn dort Bischof war. Die grau gewandeten „Johannesbrüdern“ sind im deutschen Sprachraum tätig, verwenden in ihrer Spiritualität zentral gern den Begriff „Abhängigkeit“ von Gott – tatsächlich wird die Abhängigkeit vom Ordensoberen gerühmt . „Psychologie hassen sie wie der Teufel das Wasser“, schreiben kritische Beobachter. Man hat den Eindruck, dass diese so genannten Reformorden mit ihrem jungen Personal eine stillschweigende Umprägung des Katholizismus Richtung vorgestern gestalten. Uns im Religionsphilosophischen Salon Berlin erstaunt es nur, dass sich kein Theologe dazu kritisch schriftlich äußert. Ist das Thema schon zu peinlich?

Diese und viele hier nicht erwähnte „Reform-Orden“ (allein die Namen sind ja bezeichnend) ziehen viele junge Leute an, weil sie ihnen absolute Glaubens-Gewissheit bieten, weil sie möglichst wenig Theologie betreiben, eine enge, alles kontrollierende Gemeinschaft haben und einen Ausstieg aus der bösen Welt garantieren. Ist es ein gewisser Fundamentalismus, der sich in der katholischen Kirche ausbreitet? Von kritischen theologischen Impulsen für die Gesellschaft ist von diesen Kreisen nichts zu hören, sie versinken sozusagen in der uralten Kirchenwelt oder pflegen den individuellen caritativen Beistand. Von einer Kritik an einer Armut erzeugenden Welt-Gesellschaft ist von den frommen Brüdern und Nonnen nichts zu vernehmen.

Bei vielen Bischöfen sind diese theologisch äußerst schlichten, aber missionarisch militanten und „sich aufopfernden“ Kreise zunehmend beliebt: Denn nur diese Gemeinschaften haben überhaupt noch viele junge zölibatäre Priester. So können die alten Kirchenstrukturen mit der Vormacht des Klerus weiterhin überleben. Dabei ist es vielen Bischöfen offenbar egal, dass diese Kreise für Ökumene oder den interreligiösen Dialog wenig bsi gar kein Interesse haben.

Copyright: Christian Modehn Berlin.

Dieser Beitrag erschien in sehr viel kürzerer Form in PUBLIK FORUM am 27. März 2015.

 

Einige Quellenhinweise:

(1)http://franciscanfriars.com/

(2) zu den Immaculata Franziskanen u.a. : https://veritacommissariamentoffi.wordpress.com/

oder: http://www.lastampa.it/2014/06/14/blogs/san-pietro-e-dintorni/il-papa-si-occupi-dei-francescani-dellimmacolata-mzeixH2PIa5gtJePrxsxCO/pagina.html

(3) die offizielle website des Inkarnierten Wortes: www.iveargentina.org

Kritik u.a.   http://www.pepe-rodriguez.com/Mentiras_Iglesia/Taxa/Taxa_taxacamarae_apologetica.htm

Auch Christian Modehn in: „Rolle Rückwärts mit Benedikt“. Publik-Forum Buch., dort Seite 159 mit Hinweis auf Unterstützung Benedikt XVI. für da Inkarnierte Wort.

(4) die ordenseigene Website: http://institut-christus-koenig.de/

(5) etwa: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Kreuzorden

Über die Rezeption des esoterischen Kreuzordens durch esoterische Medien siehe etwa mit Verweis auf die Seherin und Engel-Spezialistin Gabriele Bitterlich: http://188276.homepagemodules.de/t462f20-Magnum-Opus-Teil.html

(6) Die Salvisten nannten sich früher die Salvisten Yahvisten (sic). sind vor allem in Frankreich tätig:

siehe etwa: http://www.diocese-frejus-toulon.com/Les-peres-Salvistas-de-Six-Fours.html

(7) siehe etwa zu dem Christus Meister Orden:http://www.diocese-frejus-toulon.com/Les-missionnaires-du-Christ-Maitre.html

(8) siehe etwa: „Mitteilungsblatt“ der Priesterbruderschaft St. Pius X., April 2015, Seite 20 f.

 

 

 

 



Theresa von Avila 500. Geburtstag: Mystik bricht aus dem religiösen System aus

28. März 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher, Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?

Theresa von Avila und „Die mystische Fabel“

Ein Hinweis zum 500. Geburtstag der Mystikerin und eine Erinnerung an Michel de Certeau SJ

Von Christian Modehn

Theresa von Avila ist eine große Autorin, eine inspirierende Mystikerin, wohl auch heute.

Aber was heißt eigentlich „Mystik“? Welcher Sprache begegnen wir dann? Welche Lebenserfahrungen sind prägend? Wer darf sich Mysteriker, Mysterikerin, nennen oder darf so von anderen genannt werden?

Fragen, die anlässlich des 500. Geburtstages der Karmeliter-Nonne Theresa von Avila (28.3.1515 – 1582) wichtig sind, aber unseres Wissens im Umfeld dieses Gedenktages nicht (so oft) behandelt werden. Wie umfassend darf an kirchlichen (römischen) Gedenktagen gedacht werden?

Hilfreich sind immer die Studien des französischen Intellektuellen und Jesuiten Michel de Certeau (1925-1986). Wenn jemand die französische Ehrenbezeichnung „Intellektueller“ verdient, dann wohl er, der Historiker, Psychoanalytiker, Linguist, Theologe. Er hat unter anderem das (auch auf Deutsch vorliegende) Buch veröffentlicht “La Fable Mystique“, 1982 erschienen. 2013 wurde dann ein 2. Band publiziert: La Fable Mystique, II, Édition établie et présentée par Luce Giard, erschienen bei Gallimard, 392 p., 22,90 €. Luce Giard ist eine hervorragende Kennerin des Werkes de Certeaus.

Certeau spricht von „Fabel“, um das Sprechen und Briefe-Schreiben der Mystiker des 16. und 17. Jahrhunderts zu bezeichnen, und er meint damit: Es gibt bei den Mystikern eine bemerkenswerte Erfindungsgabe der Sprache. Sie sagen alles, „von dem man sagt, es nicht sagen zu können“ (so Johannes vom Kreuz, ein Mitstreiter und Freund Theresas, auch er ein Meister der Sprache, ein Poet). De Certeau zeigt, dass die Mystik (ein Wort, das vor dem 16. Jahrhundert unbekannt war, meint er) eine Art „paradoxe Wissenschaft“ sei, weil sie in neuer Sprache, befreit von der Last der klassischen Theologie und ihrer Systeme, wieder unverbraucht Wesentliches sagt. Die Welt der Mystiker dieser beiden Jahrhunderte ist erschüttert: Politischer Absolutismus, neue Welten („Amerika“), Wissenschaften, rationale Philosophie, Übersetzungen der Bibel etc…

Die Mystiker erleben diese neue Welt und wollen als Glaubende dieser erlebten neuen Welt Ausdruck geben. Es ergibt sich so eine „Befreiung der Stimme der Frauen“, ein Gespür für die Bedeutung der Subjektivität. Die alte Welt wird als untergehende erlebt, von der neuen Welt wird in neuer Sprache gesprochen, nicht in einer Geheimsprache, betont de Certeau. Es wird mystisch das NEIN gepflegt, das Nein zum alten System-Denken, es wird der alte religiöse Raum leer geräumt, zugunsten des NICHTS (vor allem bei Johannes vom Kreuz). Alte Sicherheiten zerbrechen, das Gehaltensein im Nichts als „dennoch“-Gehaltensein kann zum Glaubensausdruck werden.

Wer würde diese Gedanken nicht modern, also zeitgemäß finden? Bloß wo sind die Mystiker heute? Gibt es sie noch etwa unter den vielen tausend Nonnen der Unbeschuhten Karmelitinnen, also jenes Ordens, den Theresa unter Leiden und Not (drangsaliert von den reformunwilligen Nonnen) gegründet hat? Der Katholizismus hat „MystikerInnen“  in seinen Reihen, bloß die kommen nicht zu Wort, melden sich nicht, schweigen. Weil sie nichts zu sagen haben? Weil die Orden ihre beste Tradition aufgegeben haben und nicht mehr mystisch sind und bestenfalls historische Studien publizieren? Oder weil sie ihre vielleicht provozierende mystische Einsicht nicht sagen dürfen? Etwa: Dass wir vielleicht mehr an das Nichts, die Leere, als an den so lieben und allmächtigen und gerechten Gott denken sollten? Dass wir die Sprache des Schweigens üben und hören sollten als das viele religiöse Gerede, diese routinierte Fortsetzung von frommen Sprchen und Floskeln.

Vielleicht noch ein Hinweis zu dem empfehlenswerten Buch „Michel de Certeau“, herausgegeben von Marian Füssel, erschienen UVK Verlagsgesellschaft, 2007.

Aus dem Beitrag von Koenrad Geldof nur einige markante Sätze, immer bezogen auf das Werk de Certeaus selbst, als Einladung weiterzuforschen:

„Der Geburtsort der Mystik ist die Ruine“ (S. 138). „Die Mystik existiert gerade dank des Fehlens ihres Objektes Gott. Sie sehnt sich nach dem Abwesenden, aber ihre Sehnsucht kann und wird nie erfüllt werden: Diese Unmöglichkeit ist der Grund, aus dem die Mystiker sprechen und schreiben“ (S. 139).

„Der Mystiker ist dazu verdammt, ICH zu sagen, um im Namen seiner selbst sprechen zu können“ (S. 141).

Und Daniel Bogner schreibt in dem genannten Buch: “Wahrheit gibt es für die Mystiker nicht mehr als eine von der kirchlichen Institution treuhänderisch verwaltete und abrufbar bereitgestellte Wahrheit“ (S. 312). Wird man solche Sätze hören bei den nun einmal nicht ausbleibenden Jubelfeiern und Festgottesdiensten zu Ehren der Theresa von Avila. Papst Paul VI. hat 1970 diese unbequeme Frau und Kritikerin gar zur offiziellen Kirchenlehrerin ernannt. Wollte er diese radikale Theologin und Nonne besänftigend „eingemeinden“? Oder rechnete er damit, dass radikale Worte der Gottesferne und des Nichts wirklich in die Mitte des christlichen Glaubens und der römischen Institution gehören?

Dieser Beitrag bedarf einer Ergänzung:

Ich habe als Hörfunk und Fernseh-Journalist (RBB) im Karmelitinnen Kloster Regina Martyrum in Berlin Ordensfrauen getroffen, die durchaus von einer Weite des Denkens und des mystischen Erfahrens geprägt sind und dies auch so sagen. Ob alle Karmelitinnenklöster in Deutschland von diesem offenen Geist geprägt sind, ist eine andere Frage.

Einige Zitate aus verschiedenen Radiosendungen von mir.

Schwester Maria Theresia sagt zum Beten für andere Menschen: „Für andere beten, das heißt zunächst einmal von anderen wissen. Und nicht nur theoretisch, sondern auch direkt, persönlich, und auch die Lage von anderen Menschen, sich selbst unter die Haut gehen lassen. Es ist eine gewisse Solidarisierung. Das ist so etwas wie das Halten einer Hand, wenn wir sagen: Ich denke an dich“.

Die Gründerin des Karmelitinnenklosters in Berlin ist Schwester Gemma Hinricher, zuvor lebte sie im Karmel am Rande des ehem. KZs Dachau: Schwester Gemma ist 1990 verstorben, sie war in Berlin als geistliche Lehrerin sehr angesehen, ie sagte mir in einem Interview in Plötzensee:

„Es ist für die Karmelitinnen ganz wesentlich die Ausrichtung auf Gott und zugleich die Ausrichtung auf die Menschen. Ich glaube, dass wir teilnehmen an der Glaubensnot unserer Epoche. Dass wir ja in welcher Form auch immer auch ein Stück Gottferne erfahren. Es ist wichtig zu betonen, dass es uns da nicht besser geht, dass wir auch angefochtene Menschen sind und verletztliche Menschen, dass uns nicht alles zufliegt mit Heiterkeit“.

Gelegentlich besuchen auch Agnostiker und Atheisten den Berliner Karmel, so etwa Gita Neumann, Psychologin und Mitarbeiterin des Humanistischen Verbandes im Rahmen eines Filmes, den ich fürs ERSTE drehte. Gita Neumann fragte Schwester Maria Theresia:. „Betet man irgendwie zu Gott, zu Jesus, zu einer übergeordneten Instanz? Sind Sie der Meinung, dass da auch Wünsche auch irgendwo ankommen?“ Darauf die Karmelitin Schwester Maria-Theresia: :

„Ich muss gestehen, ich teile diese Frage auch. Für mich ist dieses Beten in eine gewisse Leere hinein wie ein Gottesbeweis. Weil ich mir sage: Eine fassbare Antwort, das ist nicht mein Gott. Es muss immer etwas bleiben, was geheimnisvoll ist, was scheinbar sogar das Gegenteil sogar von dem Erbeteten ist. Dieses durchkreuzende Moment von Gebeten führt mich, wenn ich ehrlich bin, letztlich weiter. Ich möchte darauf hin leben, dass ich Gott größer sein lasse als meine Gebete.“

In einem Beitrag über die spirituellen Dimensionen der Nacht konnte ich auch Schwester Maria Theresia zu dem Thema befragen: „Das beste Nachtgebet ist für mich, das, was am meisten mich selbst einsammeln kann, wo ich am meisten drin bin. Das ist überhaupt kein Gebet im üblichen Sinn. Das ist vielleicht ein Fallenlassen, ein Loslassen. Eine Einwilligung, in das, was jetzt gerade mein Leben ist, weil ich jetzt mal gerade so ganz zu mir kommen kann. Und ich denke, dass ist dann beste Gebet, auch wenn ich in dem Moment gar nicht merke, dass ich bete“.

Copyright: Christin Modehn Berlin

 



Ein etwas anderer philosophischer Salon: Eine Begegnung von Niederländern und Deutschen am Freitag, 17. April 2015

28. März 2015 | Von | Kategorie: Der nächste Salon, Termine

Ein „etwas anderer“ philosophischer Salon…

…am Freitag, den 17. April 2015 ab 18. 30 Uhr im Kulturzentrum Afrikahaus, Bochumerstr. 25, Stadtteil Tiergarten.

An dem Tag kommen 10 Mitglieder eines philosophischen Salons aus Amsterdam nach Berlin. Er findet statt in der philosophisch interessierten protestantischen, liberal-theologischen Kirche der Remonstranten. (Siehe:   http://www.vrijburg.nl/ )

Wir wollen gemeinsam Vegetarisches essen, nach afrikanischem Rezept, und ein Gläschen Wein trinken und uns danach weiter austauschen. Der Leiter der Amsterdamer Gruppe, der Philosoph Pieter Jan André, wird auf die Aktualität des „Sokratischen Gespräches“ hinweisen. Und Christian Modehn wird einige Fragen stellen über die Bedeutung des NEINSagens und des Widerstands in der Philosophie. Aber abgesehen davon: Es gibt genügend Zeit sich auszutauschen und persönlich kennen zu lernen. „Gezelligheid“ ist das entsprechende holländische Wort.

Wegen der Vorbereitung des afrikanischen vegetarischen Essens durch den Leiter des Afrika Hauses, Herrn Diallo, bitte ich bis zum 13. 4. um eine definitive Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Der Eintritt ist frei. Das Essen kostet 4,50 Euro., auch die div. Getränke sind „bezahlbar“.

Start um 18.30 Uhr. Das Afrika Haus in der Bochumer Str. 25 befindet sich dicht am U Bhf Turmstr., Ausgang Alt –Moabit.



Vom Glauben sprechen: Aber in homöopathischen Dosierungen

16. März 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Vom Glauben in homöopathischer Form sprechen. Zur Aktualität eines „mondainen“ Priesters in Paris: Abbé Arthur Mugnier

Von Christian Modehn

Am 13. Juli 1920 notiert der Pariser Priester, Abbé Arthur Mugnier, (1853-1944), in seinem Tagebuch: „Nach einem Mittagessen bei Madame Fitz-James mit Bischof Lemaistre von Carthago sagte dieser: Man solle sich in den Pariser Salons bemühen, die Leute, die Gäste, im strengen katholischen Sinn auszubilden“. Diese Meinung lehnt Abbé Mugnier, eine Art Dauergast/Freund in den Salons, absolut ab: Er meint: Wenn man dieses klerikale Programm anwenden würde, hätten die charmanten Mittagessen und Diners in den Salons keinen Sinn mehr, wo man doch dort frei sprechen kann, jeder kann seine Meinung vortragen. „Ich glaube nur an das kirchliche Apostolat, also die „Seelsorge“, in homöopathischer Form“.

Sanft und in homöopathischen Dosierungen vom Glauben sprechen in einer bunten und vielfältigen intellektuellen Welt der Schriftsteller und der Welt der Künstler und Schauspieler in Paris: Das konnte sehr gut Abbé Mugnier, er ist eine ungewöhnliche, gebildete, wenn man so will: eine einmalige Gestalt unter den Priestern und Theologen in Paris: Er war der gern gesehene Gast und Gesprächspartner in zahlreichen Salons. In einem umfangreichen „Journal“ (erschienen bei Mercure de France, Paris 1985) hat er von diesem ungewöhnlichen Leben berichtet, mit Menschen ins spirituelle Gespräch zu kommen, die sonst eher nicht einen christlichen Theologen respektieren, geschweige denn regelmäßig zum Essen einladen. Das lag daran, dass alle diese Literaten und Künstler, die oft gar nicht so christlich, schon gar nicht katholisch waren, sich einfach von Abbé Mugnier verstanden und ernst genommen fühlten.

Der Pariser Historiker, Autor und Übersetzer Charles Chauvin hat vor kurzem eine Biographie dieses ungewöhnlichen Abbés vorgelegt: „L Abbé Mugnier. L aumonier des Lettres“ erschienen bei Mediaspaul, Paris, 2015. 182 Seiten, 18 Euro. Charles Chauvin zeichnet genau den Lebensweg dieses dialogfreudigen Pfarrers nach, der kein Missionar war, sondern ein Gesprächspartner. Chauvin spricht von seinem frühen Engagement in verschiedenen Pariser Gemeinden, von seinen Schwierigkeiten mit den Bischöfen, schließlich von dem Freiraum, den er erlangen konnte: Endlich unter denen zu leben und zu wirken, denen er sich zugehörig fühlt: Eben den Schriftstellern und Schauspielern. Er ist in Verbindung mit Marcel Proust, mit Jean Cocteau, aber auch mit Paul Claudel. „Er war als guter Unterhalter („Causeur“) der Freund und der Vertraute von denen allen“ (S. 129). Er war der „libérale Abbé“ (S: 62) „Praktisch war Mugnier in seinem Engagement vom übrigen Klerus in Paris isoliert und von den Bischöfen nur toleriert“ (S. 130).Charles Chauvin berichtet von den Reisen Mugniers nach Deutschland, er war in Bayreuth und Berlin, besuchte in Röcken den geistig umnachteten Friedrich Nietzsche (S. 79). In seinem neuen Roman „Unterwerfung“ erwähnt Michel Houellebecq mehrfach den Schriftsteller Joris -Karl Huysmans: Mit ihm war der weit denkende und vernünftig fühlende Mugnier befreundet.

Mugnier war eine Ausnahmegestalt: großzügig, tolerant, entschieden antisemitisch in den Zeiten eines allgemeinen katholischen Antisemitismus, ein Mann der Verständigung auch mit den Deutschen, ein Theologe, der Sinne hatte für Ästhetik und Kunst.

Eine solche freie Gestalt gibt es selten im römischen Katholizismus, und wenn, dann eher in Frankreich als im eher bürokratisch geprägten deutschen Katholizismus. Charles Chauvin hat das große Verdienst, an diesen ungewöhnlichen Abbé zu erinnern, der sanft und verständnisvoll, hörend und lernend vom Glauben sprechen konnte, ohne Wahrheitsansprüche, und schon gar nicht mit dem „dogmatischen Hammer“, der zu der Zeit selbstverständlich war.

Wer die Biographie und die Tagebücher selbst liest, kann sich kaum vorstellen, dass solch eine Gestalt jemals auf neue Art wiederkehren könnte in den Kirchen Deutschlands oder Frankreichs. Dort hat sich längst der enge, der fundamentalistische Geist herrschend durchsetzen können. Liberale theologische Geister haben da kaum noch eine Chance.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Griechenland in Not: Wider das alte korrupte System und die Allmacht der Banken

16. März 2015 | Von | Kategorie: Denkbar

Griechenland in Not: Wider das alte korrupte System und die Allmacht  der Banken

Das Motto: Deutschland und die anderen alles bestimmenden europäischen Länder sollten nicht vergessen: EUROPA ist ein Wort und auch eine philosophische Realität, die aus Griechenland stammen. Europa ist insofern griechisch. Dabei ist klar, dass die EU als Wirtschaftsunion, als Finanzwelt, nicht die umfassende Idee Europas abbildet. Europa ist – hoffentlich- mehr als Kapitalismus. Aber man kann Europa kaputt machen.

Von Christian Modehn

Philosophen und philosophisch Interessierte haben häufig eine innere, eine freundschaftliche Nähe zu Griechenland und eine Verbundenheit mit den Griechen. So wie Christen vielleicht eine Nähe zu dem haben, was die Kirchen „Heiliges Land“ nennen, weil dort Jesus von Nazareth lebte und predigte. So haben Philosophen zu Griechenland eine positive Stimmung; dort lebten Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, dort wurde die Stoa begründet, dort wurde ursprünglich über die Bedeutung der Vernunft im Leben der Menschen gerungen. Gibt es eine Form „philosophischer Dankbarkeit“? Auch wennklar ist, dass Sokrates heute nicht in Athen lebt, genauso wenig wie niemand glaubt, dass Jesus noch in Israel lebt. Oder Goethe oder Heine heute das geistige Klima der Regierung in Berlin prägen.

Von daher also eine bleibende Nähe philosophischer Menschen zu Griechenland, zumal dann, wenn die jetzige Regierung, sechs Wochen im Amt, die ungeheure Aufgabe stemmen will und die Jahrzehnte lange Korruption beseitigen möchte.

In jedem Fall ist meine Sympathie für die neue Regierung in Athen zweifellos vorhanden, auch wenn natürlich jeder weiß, dass auch diese linke Regierung keine absolute Rettung, keine Heilsbringerin usw. ist. Das sind ja auch nicht die Regierungen in Berlin, Washington oder anderswo. Dort mischt sich Demokratie mit unerfreulichem Lobbyismus, durchaus auch mit Korruption, ja, mit Unrecht, wenn man nur an den Irak-Krieg von Mister Bush jun. denkt. Lupenreine Demokratien, das gibt es nicht. Das weiß inzwischen auch Herr Schröder. Aber es gibt sicher Regierungen, die die Korruption der Vorgänger beseitigen wollen, wie die jetzige Regierung in Athen. Sie will einen Neustart und sich von Politikern absetzen, die von vielen westeuropäischen Regierungen, auch von Deutschland, unterstützt wurden, waren diese konservativen Regierungen doch dem Scheine so brav, so angepasst, so christlich oder sie nannten sich sozialdemokratisch. Die ließen sich gerne Waffen deutscher Produktion aufschwatzen, von diesen korrupten Regierungen profitierte nicht nur die deutsche Wirtschaft.

Unsere Sympathie für die neue linke Regierung in Athen findet eine hervoragende Vertiefung in einem Beitrag des ausgezeichneten Berliner Recherche-Journalisten HARALD SCHUMANN vom „Tagesspiegel“ (Ausgabe 16.3.2015). Wir können nur einige Zitate aus diesem hervorragenden Beitrag bieten, eigentlich sollte er Pflichtlektüre aller Politiker in Deutschland sein, vielleicht könnten sie dann noch in ihrer bronierten Haltung ein wenig erschüttern lassen.

Harald Schumann schreibt u.a.:

….“So wird immer klarer, dass es beim Ringen zwischen der Athener Linksregierung und den anderen Euro-Staaten nicht wirklich ums Geld geht. Wäre Kanzlerin Merkel, Minister Schäuble und ihren Kollegen tatsächlich daran gelegen, möglichst viel der an Griechenland ausgereichten Kredite zurückzubekommen, dann würden sie die Chance nutzen, die eine vom Oligarchenfilz und Klientelismus unbelastete Regierung in Athen bietet. Dann würden sie Tsipras und seinen Ministern den finanziellen Spielraum verschaffen, den diese für den Aufbau eines funktionierenden Staatswesens und den Bruch mit dem alten Machtkartell benötigen. Aber die Verwalter der Euro-Krise fürchten den Erfolg einer linken Regierung offenkundig mehr als die milliardenschweren Verluste auf ihre Kredite, die das Scheitern der Regierung Tsipras ihnen zwangsläufig bescheren wird. Schließlich könnte das Beispiel Schule machen. Auch in Spanien, Portugal und sogar in Irland könnten linke Basisbewegungen bei den dort anstehenden Wahlen die Mehrheit gewinnen“.  Und wenn die linke Reform-Regierung von den anderen Europäern und ihrem Geld zerschlagen wird. Was ist dann?

Harald Schumann meint: „Denn der Sieg über die Widerständler wird europaweit ein verheerendes Signal aussenden: Entweder die wirtschaftlich schwächeren Länder kriechen bei den Deutschen und ihren Agenten in Brüssel zu Kreuze. Oder aber diese treiben sie in den wirtschaftlichen Niedergang. Das aber ist die beste Wahlkampfhilfe, die sich Marine Le Pen, ihr Front National und mit ihnen alle Anti-Europäer jemals wünschen könnten. Gegen diese Drohung können sie ihren ebenso einfachen wie verhängnisvollen Ausweg anbieten: Raus aus dem Euro und raus aus der Europäischen Union, weil man sich nur so von den Deutschen unabhängig machen kann. Erringt Le Pen mit dieser Botschaft die Präsidentschaft in Frankreich, wäre das der Anfang vom Ende der Europäischen Integration“…. Das ist die eigentliche Gefahr, aber Wolfgang Schäuble und seine Kanzlerin nehmen sie billigend in Kauf. „Die macht mir mein Europa kaputt“, warnte Altkanzler Helmut Kohl darum schon 2011. Hoffentlich hat er sich geirrt“.

Wir empfehlen dringend die Lektüre seines Texte, veröffentlicht im Tagesspiegel am 16.3.2015: http://www.tagesspiegel.de/politik/griechenland-krise-die-unterwerfung-athens-ist-ein-verheerendes-signal/11506994.html

 

 

 



Oscar Romero-Von der Leidenschaft für die Menschenrechte

16. März 2015 | Von | Kategorie: Befreiung

Oscar Romero: Von der Leidenschaft für die Menschenrechte

Der ermordete Erzbischof Oscar Romero (El Salvador) wird demnächst in Rom seliggesprochen.

Ein Interview mit Anita Escher Echeverría, der Botschafterin El Salvadors in Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Frau Escher Echeverría, Sie sind Botschafterin von El Salvador in Berlin, bald in dieser Funktion in Stockholm. Sie haben sich in verschiedenen NGOs für eine gerechtere und soziale Entwicklung in El Salvador eingesetzt. Nun wird der berühmteste Salvadorianer, Erzbischof Oscar Romero, selig gesprochen. Was ist heute wichtig an seinem Denken und seiner Praxis?

Anita Cristina Escher Echeverría: Oscar Romero stammte aus einer konservativen Familie. Als Bischof war er bis 1977 auch theologisch konservativ. Aber mit der Ermordung seines Freundes, des Befreiungstheologen Rutilio Grande, durch die rechtsextremen Todesschwadronen, vollzog er einen radikalen Kurswechsel. Dieser Schritt ist am wichtigsten! Romero bekehrte sich, wie er selbst sagte; er diente ganz der Befreiung der Armen. Deswegen galt er in der Militärdiktatur als Kommunist. Und Kommunisten mussten ausgelöscht werden, so die Doktrin. Romero hat die Guerillabewegung durchaus kritisiert, mit den Entführungen von Unternehmern war er nicht einverstanden. Aber er wusste: Wenn die Armen um ihre Menschenrechte kämpfen, dann wehren sie sich zu Recht gegen die bestehende Gewalt. Erzbischof Romero forderte öffentlich die jungen Soldaten auf, nicht länger auf die Armen zu schießen: »Tötet eure Brüder nicht«, mit anderen Worten: »Verweigert den Befehl!« Das war eine Attacke aufs System! Deswegen wurde er während einer Heiligen Messe von Todesschwadronen erschossen. Was schwingt von diesem brutalen Mord damals heute noch nach? Escher Echeverría: Die »Wahrheitskommission« hat 1992 den rechtsextremen Politiker und Leiter der Todesschwadronen, Roberto D’Aubuisson, als Verantwortlichen für den Mord benannt. Dessen Arena-Partei ist auch heute einflussreich. Arena-Leute wagen es jetzt, den seligen Erzbischof Romero zu preisen. Dabei weigern sich deren Politiker, das Grab Romeros in der Krypta der Kathedrale von San Salvador zu besuchen, wenn sie ausländische Gäste in der Hauptstadt begleiten.

Frage: Was sagt Präsident Salvador Sánchez Cerén zu der Seligsprechung?

Escher Echeverría: Unser Präsident – ich darf sagen: ein frommer Mann – war ein Kämpfer für die Befreiung in der Guerilla FMLN. Er hat sich für die Seligsprechung Romeros eingesetzt. Jetzt erklärte er wörtlich: »Unsere Regierung erkennt in Erzbischof Romero eine Leitfigur und ein Licht auf dem Weg zu einem guten Leben für alle. Er ist der spirituelle Führer unserer Regierung.« Wir Salvadorianer wissen, dass Romero seit seiner Ermordung in ganz Lateinamerika als Heiliger verehrt wird. Aber unser Land ist heute noch ein politisch und auch theologisch gespaltenes Land. Die Oligarchie im Land denkt in Kategorien von Herrenmenschen.

Frage: Jetzt wird Romero als Märtyrer offiziell von Rom anerkannt. Was bedeutet das für die Täter, die Mörder?

Escher Echeverría: Wenn Erzbischof Romero offiziell als Märtyrer gilt, dann geht es in erster Linie darum zu betonen, dass die Mörder Mitglieder der rechtsextremen Todesschwadronen waren. Das ist die Wahrheit! Und die ist sehr wichtig für El Salvador. Wir haben Papst Franziskus sehr zu danken, ohne ihn gäbe es die Seligsprechung Romeros nicht.

Frage: El Salvador wird derzeit von vielen gewalttätigen Attacken der Jugend-Banden, »Maras« genannt, erschüttert. Statistisch gesehen gibt es 14 Morde pro Tag. Kann in diesem Zusammenhang Romeros Seligsprechung eine Hilfe sein?

Escher Echeverría: Direkte Wirkungen sehe ich nicht. Es ist ein langer, schwieriger Weg, diese Gewalttäter zu sozialisieren. Oft wenden sich bekehrte Bandenmitglieder den evangelikalen Kirchen zu; von denen begrüßen einige durchaus die Seligsprechung.

Frage: Romero ist eine internationale Gestalt. Welche Konsequenzen hätte das etwa für Deutschland?

Escher Echeverría: El Salvador erhält leider keine bilateralen Entwicklungszuschüsse von Deutschland, auch nicht für die präventive Jugendarbeit. Kredite aus Deutschland sind zwar für die Gewaltprävention zugesagt. Sie können jedoch nicht ausgezahlt werden, weil die Arena-Partei im Parlament immer dagegen stimmt. Ohne Arena gibt es also keine Kredite. Diese Partei will unser Land mit seiner linken Regierung »lahmlegen«. Dennoch sollte Deutschland uns helfen!

(Anita Cristina Escher Echeverría, geboren 1958, ist Menschenrechtlerin und seit 2010 Botschafterin der Republik El Salvador in Deutschland, bald in Schweden. Sie engagiert sich vor allem in Alphabetisierungsprogrammen in Lateinamerika).

Zuerst erschienen in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 13. 3. 2015.

 



Weder heiß, noch kalt: Ein Lob der Lauheit. Eine Radiosendung am 15. März um 8.40 Uhr

16. März 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

„Weder heiß, noch kalt“: Dies ist der Titel einer Radiosendung von Christian Modehn am Sonntag, den 15. März 2015, um 8.40 Uhr im Programm NDR KULTUR, Reihe Glaubenssachen. Zum Nachlesen und hören klicken Sie bitte hier.

 

In einer Zeit, die Religionen vor allem im Zeichen von Auseinandersetzung, Intoleranz, Kampf, Feindschaft, Mord usw. kennt, tut es gut, sich an eine andere religiöse Tradition zu erinnern: Die Lauheit. Also die Abwehr von allzu viel Leidenschaft und Wut, von Bekehrungseifer und Rechthaberei im spirituellen Leben.  Lauheit war aber nie ein beliebter Begriff in Kreisen der religiösen Führer. Die wollten Feuer und Eifer für Gottes Sache sehen, sie wollten, dass die Seelen brennen, wie sie sagten,  für die eine und einzige Wahrheit, die man verkündete. Lauheit ist demgegenüber eine subjektive Absonderung der Mäßigung, des immer wieder Nachdenkens, des Zögerns, ja auch der Skepsis. Menschen, die religiös lau sind, sind meist auch tolerant. Sie sind nur dann leidenschaftlich bei der Sache, also „Feuer und Flamme“ im übertragenen Sinn, wenn es um das eine Entscheidende für die wirkliche religiösen und mystischen Menschen geht: Um den Schutz der Menschenrechte für alle.

Nebenbei: Lauwarme Gerichte sind sehr oft bekömmlicher als heiße Speisen oder eiskalte Suppen.



Heidegger, der politische Mensch…

15. März 2015 | Von | Kategorie: Heidegger und die Nazis

Martin Heidegger – nicht nur ein „Denker“, sondern ein politischer Mensch.

Von Christian Modehn

Eine weitere Fortsetzung (am 15. 3. 2015) zu unserem Thema, unserer Rubrik „Heidegger und die Nazis“:

Wir empfehlen die Lektüre des Interviews mit der Philosophin, Prof. Marion Heinz, Siegen, in „Die Zeit“ vom 12. März 2015 Seite 50f. Die Fragen stellte Thomas Assheuer.

Einige Hinweise zu uns zentral erscheinenden Erkenntnissen von Marion Heinz, die auch von anderen Forschern schon erwähnt wurden, nun aber noch einmal eine Bestätigung finden:

– „Die (jetzt fast vorliegende) Heidegger Gesamt-Ausgabe genügt den Prinzipien kritischer Editionen nicht; wir Forscher tappen im Dunkeln. Keiner weiß, wo Passagen gestrichen wurden….“   Gestrichen von den sich allmächtig aufführenden Erben Martin Heideggers…

-Es gibt die Jahre lang verbreitete These, Heidegger sei letztlich ein a-politischer, ein einsamer Denker in seiner weltfernen Hütte gewesen, der nur auf das Sein selbst lauschte etc… Dagegen betont Prof. Marion Heinz: „Das Bild vom politisch desinteressierten Philosophen Heidegger … ist das Ergebnis dessen, wie Heidegger sich selbst in der Nachkriegszeit inszeniert hat“. Mit anderen Worten: Viele Heidegger – Forscher haben seit 1945 diese Selbstinszenierung geglaubt und brav übernommen und verbreitet.

-Es wird in dem Zusammenhang behauptet, der weltferne Seins-Philosoph sei eigentlich gar nicht am Tagesgeschehen, etwa an der Zeitungslektüre, dem Radiohören etc. interessiert gewesen: „Die Briefe Heideggers zeigen, was für ein wacher und aufmerksamer Beobachter auch der Tagespolitik Heidegger war.. Er ist immer bestens informiert,….er verfolgt die Geschehnisse am Ende der Weimarer Republik überaus interessiert“.

-Martin Heidegger empfiehlt seinem Bruder Fritz in einem Weihnachtsbrief 1931, Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen, „begleitet von einer Einschätzung Hitlers, die überaus positiv ist“.

-Martin Heidegger glaubt, zu Hitler gebe es keine Alternative, “er sei ein Erfordernis des geschichtlichen Augenblicks“.

Bezeichnenderweise spricht Heidegger – wie heute andere Kreise – ständig vom Abendland, das es zu retten gelte.

-Auch die oft noch zur „Rettung der Aktualität von Heideggers Denken“ vorgebrachteten Argumente zählen nach Meinung von Marion Heinz nicht: Heideggers Kritik an der Technik wird da oft lobend vorgebracht. Marion Heinz hält diese Lobeshymnen für abwegig: „Es kann ja nicht sein, dass man Heidegger für unverzichtbar hält, bloß weil wir jemanden brauchen, der uns auf die Gefahren unserer Zeit aufmerksam macht“. (Das hat zur gleichen Zeit viel besser etwa Theodor W. Adorno gemacht, CM).

Dann bleibt die Hauptsache, auf die wir schon mehrfach hingewiesen haben: Was bleibt dann eigentlich noch von Heidegger? Ist sein Denken insgesamt „verdorben“, vergiftet“? Aus welchen auch psychischen Motiven hat sich Heidegger nach dem offensichtlichen Scheitern seines „großen“ Projekts „Sein und Zeit“ in die andere Seins-Philosophie gestürzt mit ihren Schickungen und Weisungen? Wollte er sich als der ganz Große, der Allein-Wissende, auf diese Weise etablieren? Diese Frage wäre doch recht spannend. Und: Warum sind so viele Philosophen auf Heidegger „reingefallen“ und haben Jahrzehnte lang seine Weisungen in tausend Büchern hin und her gedreht? Passte Heidegger in die Kultur des Nachkriegszeit, weil er das kritische Denken in das ewige Dunkel der Seinsgeschichte führte und damit ein Alibi schuf, sich mit der realen politischen Geschichte zu befassen, mit dem Krieg, dem Rassismus, mit Auschwitz, mit dem Kolonialismus, dem Anti-Kommunismus usw… Heidegger, so eine These, legte das Material bereit, philosophisch im Dunklen zu tappen und sich philosophisch der Auseinandersetzung mit der Gegenwaert – auch empirisch- zu entziehen. Nebenbei: Es ist doch bezeichnend, dass meines Wissens kaum ein Heideggerianer etwas zur Friedensbewegung, zur Anti-Atom-Bewegung, zur feministischen Bewegung sagte oder jetzt zu dem Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer sagt. Hat Heidegger das Denken im schlechten Sinne beruhigt? Wahrscheinlich. Das wäre eine spannende Frage. Marion Heinz sagt sehr treffend: „Die ernsthafte Auseinandersetzung darüber, was von der weithin behaupteten  Weltgeltung von Heideggers Denken (nach der Veröffentlichugn der Schwarzen Hefte) bleibt, STEHT ERST AM ANFANG“.

In „Die Zeit“ vom 12. März 2015 findet sich ein weiterer interessanter Hinweis des Heidegger-Schülers Prof. Rainer Marten mit dem Untertitel. „Seit Jahren nehmen die Herausgeber Martin Heideggers Werk in Beschlag. Das ist ein Skandal, der endlich ein Ende haben muss“. Marten ist empört, dass sich die Heidegger Familie anmaßt, über den Nachlass eigenmächtig zu verfügen. Er weist darauf hin, dass Heideggers Sohn es sich nicht nehmen ließ, der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (Nr. 45(02) ein Interview zu geben. Wie schon sein Vater Martin, sagt der Sohn Hermann: „Mein Vater wollte nicht, dass sich die neugierige Journaille auf den unveröffentlichten Nachlass stürzt…“ Journalismus gab es für Martin Heidegger immer nur in der Form der hässlichen „Journaille“… Die Junge Freiheit ist für Hermann Heidegger offenbar seriös, in dem gleichen Geist, in dem Friedrich Wilhelm von Hermann, der treue Heidegger-Deuter, ein Interview dem sehr rechtslastigen russischen Politiker und Putin-Freund Alexander Dugin ein Fernseh-Interview gab. Klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn

 

 



Zuerst die Menschlichkeit. Danach kommt die Religion

11. März 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Zuerst die Menschlichkeit: An zweiter Stelle stehen die Religionen

Von Christian Modehn

Eine zentrale Überzeugung unseres „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ wurde mehrfach diskutiert, zuletzt im Salon am 27. Februar 2015: Angesichts der Welle von Hass und Gewalt, im Namen von Religionen, heute wie damals, können wir als Prinzip unseres Denkens und natürlich auch Handelns nur betonen und versichern: „Zuerst kommt die Pflege der Menschlichkeit, an zweiter Stelle die Pflege der Religionen“, also auch meiner Religion und der Religion der anderen.

Mit anderen Worten: Die Religion und das Bekenntnis zu einem konkreten Glauben sollen niemals das Zentrum des Lebens sein, auch nicht des öffentlichen Lebens. Die Trennung der Religionen vom Staat ist ein Gewinn, der niemals aufgegeben werden darf. Die ursprüngliche Laizität in Frankreich ist da maßgeblich.

Die Pflege der Humanität, die sich als solche äußert noch vor aller religiösen Bindung und Indoktrination, ist der Mittelpunkt, das Zentrum des Menschen, jedes Menschen.

Natürlich gibt es unterschiedliche Kulturen. Aber in allen Menschen aller Kulturen gibt es aufgrund der allen gemeinsamen Vernunft eine Überzeugung von dem alle Menschen verbindlichen Ethos, das sich natürlich in verschiedenen Sprachen ausspricht, aber doch eine gemeinsame Grundlage hat. Sie äußert sich praktisch im Alltag, etwa im Nein zu Mord und tötender Gewalt, zu Folter, Frauenverachtung und Verfolgung von Homosexuellen, zu Rassismus usw. In diesem in der Lebenspraxis ausgesprochenen NEIN zeigt sich direkt oder indirekt die Überzeugung: Der praktische Respekt vor den Menschenrechten verbindet alle Menschen. Es gibt eine humane Basis einer allgemeinen, allen Menschen gemeinsamen Menschlichkeit. Es gibt immer wieder bei den Menschen das starke Gefühl und die Überzeugung: Hier handle ich als Mensch, und nicht als Angehöriger meiner Religion mit ihren Grundsätzen. Dies steht an erster Stelle, im Leben in der Gesellschaft, in der Bildung usw.

Darauf hat jetzt auch der in Paris lebende Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn in seinem Beitrag im „Tagesspiegel“ (10. März 2015, Seite 19) hingewiesen. Er erinnerte an den Angestellten Lassan Bathily, ein Muslim aus Mali, der „nur“ menschlich handelte: Er schützte am 7. Januar 2015, schnell entschlossen, im Keller des jüdischen Supermarktes „Hypermarché Cacher“ in Paris mehrere jüdische Kunden vor dem (islamischen) Massen-Mörder, der ebenfalls aus Mali stammt. Als Muslim konnte Lassan Bathily im jüdischen Supermarktes seine Gebete nach Mekka gewandt selbstverständlich immer sprechen. Benjamin Korn schreibt: „Der junge Retter Lassan Bathily führte für seine Tat nicht den Islam ins Feld. Gefragt, woher er den Mut und die Geistesgegenwart genommen habe, in dem von ihm vorher abgeschalteten Kühlraum zu verstecken, sagte er: Er habe nicht lange nachgedacht, er habe auf sein Herz gehört. Und fügte ein paar Sätze hinzu, die man an den Sternenhimmel schreiben könnte: Ich bin kein Held. Ich keine Juden gerettet. Ich habe nur Menschen gerettet“.

Eine wunderbare Formulierung.

Zuerst also die Menschlichkeit! Zuerst das auf das eigene Herz, das Gewissen hören und ihm folgen. Das steht im Mittelpunkt aller Beziehungen in einer multireligiösen Gesellschaft. Fragen wir nicht zu erst, welcher Religion gehörst du an! Fragen wir: Wie können wir gemeinsam unsere Menschlichkeit entwickeln und miteinander pflegen. Erst danach kann man auch über unterschiedliche religiöse Weisungen sprechen. Aber sie dürfen nicht der gemeinsamen Menschlichkeit konträr sein. Wenn sie das sind, sollte man sie beiseite lassen und sich Wichtigerem, eben dem Menschlichen, zuwenden.

In unserer Gesellschaft gibt es leider wenige Orte, die diese Menschlichkeit des Menschen, aller Menschen, ausdrücklich in der Öffentlichkeit pflegen. Es fehlen die Agoras, die Treffpunkte der Bürger, wo jeder und jede kostenfrei debattieren kann. Die modernen Demokratien haben offenbar von sich kein Interesse, solche Agoras zu fördern und zu finanzieren.

Die Schulen sind da gefordert: Aber wahrscheinlich sind sie viel zu sehr aufs Erlernen technischer Fähigkeiten aus. Eher könnten es die Religionen und Kirchen selbst sein. Indem sie erkennen: Der wahre Gottesdienst ist zuerst Menschendienst, im Sinne der Entwicklung der Humanität. Aber welcher Pfarrer, welche Gemeinde, hätte schon den Mut, an einem Sonntag auch einen ganz neu gestalteten „Menschendienst“ anstelle der Messe zu feiern? Welcher Imam würde am Freitag auch mal einen „Menschendienst“ gestalten, als offenes Gespräch der Gemeinde zur Frage: Warum sind wir Muslime zuerst Menschen wie alle anderen und erst an zweiter Stelle selbstkritische Muslime?

Copyright: Christian Modehn



Was ist das Wesen des Islams? Neue Aspekte einer Diskussion

3. März 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Interkultureller Dialog

Was ist das Wesen des Islam? Neue Aspekte einer Diskussion

Von Christian Modehn

Ende Dezember 2014 haben wir eingeladen, über das „Wesen des Islam“ nachzudenken. Weiter unten steht der Text, der damals publiziert wurde.

Anfang März 2015 haben wir eher behutsam-optimistische Hinweise veröffentlicht zur Rolle der Vernunft im heutigen Islam, wenigstens in Deutschland, siehe die Stellungnahmen von Abdel-Hakim Ourghi weiter unten.

Am 8.3. 2015 noch einmal erweitert: Ein Hinweis auf den absoluten Nihilismus auch kultureller Art bei denen, die sich Islamischer Staat (IS) nennen (aber mit einem authentischen Islam nichts zu haben) und ihr Imperium offenbar immer mehr erweitern: Nun hat der IS wichtigste kulturelle Schätze in Mossul und Nimrud zerstört, in einem religiös gefärbten Wahn, in einer nihilistischen Tat, die alle Zeugnisse kulturellen Leben VOR dem Auftreten des Islam nicht sichtbar gepflegt lassen und erhalten will. Heidnisches, Fremdes, für IS Mörder schwer Verständliches darf nicht existieren! Dabei spielen sicher auch ökonomische Interessen des IS eine Rolle, durch Verkauf wertvoller Objekte in den Westen…

Wenn nun der IS diese Regionen durch Zerstörung „säubert“, will er Raum schaffen für die in IS Sicht „pure“ islamische Welt, wie sie in Medina im Umfeld des Propheten existierte. Darum weist die nihilistische Zerstörungswut in Mossul und Nimrud auf noch viel Tieferes hin: Die IS Gebiete sollen auch von allen Zeichen, aller Lebendigkeit jüdischer und christlicher Kulturen, befreit werden. Befreiung stets verstanden als Zerstörung der Kultur und als Mord und Totschlag. Es spielt dabei auch der Hass der monotheistischen IS Muslime eine Rolle, der Hass auf die beiden anderen monotheistischen Religionen, auf Judentum und Christentum, also auf die Bibel in der Form des AT und NT. Bekanntlich hätte es keinen Koran geben können, ohne die Bibel, ohne die beiden Religionen Judentum und Christentum. Indem der IS diese Wurzeln des eigenen Glaubens vernichtet, zerstört er letzlich auch sich selbst. Es ist der Wahn, der da beim IS durchschlägt, als gäbe es eine Steigerung des monotheistischen Glaubens, von den angeblich primitiven frühen Formen des Judentums und Christentums hin zum späteren, evolutionär sozusagen höher stehenden Islam. Nur diese letzte, angeblich beste Stufe zählt. Diese These wird ja nicht nur vom IS vetreten! Sie ist vielerorts zu hören. Wer zur angeblich einfachen Gesellschaft des Propheten in Medina zurückkehrt, wehrt sich gegen Toleranz und Vernunft. Bekanntlich loben ja gebildete Muslime die Kultur des Propheten in Mekka, und die dort geschriebenen eher toleranten Texte gegenüber den eher heftigen Passagen des Koran, wie sie dann, für Medina gültig, aufgeschrieben worden. Insofern ist der IS auch eine Engführung des frühen Islam selbst und eine Art Halbierung des Propheten.

…………….

Jetzt, Anfang März 2015, wird die Debatte darüber in Deutschland weiter vertieft, mit neuen, präzisen Erkenntnissen des muslimischen Islam-Wissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi, Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Die Frage nach dem „Wesen einer Religion“ mag etwas großspurig erscheinen. Aber sie ist notwendig, weil sie ein Profil sucht, das über die faktischen Religionen, so wie sie heute leben, hinausweist. Der Wesens-Begriff ist nie ganz realisiert, er ist insofern ein kritischer Begriff. Das gilt auch für das Christentum, denn kein ernstzunehmender Beobachter des Christentums wird meinen, die evangelikalen MegaChurches in den USA seien Inbegriff des Christentums oder bestimmte Kreise des traditionalistischen Katholizismus typisch katholisch. Wer nach dem Wesen einer Religion fragt, sucht sozusagen die bessere, die humanere und spirituell-reine Gestalt des jeweiligen Glaubens in der religiösen Institution. Er sucht vor allem eine Gestalt, die vor dem bleibenden und gültigen Anspruch der Vernunft, wie sie sich heute artikuliert, bestehen kann.

Wichtig ist das Interview, das der islamische Theologe und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) der Zeitschrift HERDER KORRESPONDENZ gegeben hat (Heft 3/2ß15 S. 124 ff.) Wir können nur einige zentrale Aussagen zitieren und die Lektüre des ganzen Interviews dringend empfehlen.

– „Der Islam hat mit dem islamischen Terrorismus zu tun. Auch die Extremisten sind Muslime. Sie beten in Moscheen, erkennen den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran…“ (S. 124)

– Die Extremisten beziehen sich auf einzelne Suren aus der Zeit Mohammeds in Medina, „es findet eine Rückkopppelung der Extremisten an diese medinensische Phase statt“ (S. 125).

– „Wir müssen auch die unangenehmen Aspekte in den kanonischen Quellen kritisieren, um das Klima für eine angemessene Interpretation des Islam zu schaffen“. (ebd.)

– „Muhammed ist 632 gestorben, schon in der ersten gemeinde des Propheten kam es innerhalb der Gemeinschaft zu Gewalttaten“ (S. 126).

Am wichtigsten ist in unserer Sicht:

– „Es geht darum, den Koran ALS TEXT zu verstehen“… “ Die Muslime müssen sich der Tatsache stellen, dass der Islam des 7. Jahrhunderts nicht mehr unser Islam ist – und auch nicht sein kann“ (ebd.)

– „Es besteht die Freiheit, heute unangemssene Koranstellen zu kritisieren“. (S. 127)

– „Notwendig ist ein rationaler Verstehenszugang zum Koran“ (S. 128)

– „Es ist an der Zeit einzugestehen, dass der Islam nicht die einzige Religion ist“ (ebd.). PS: Will Abdel-Hakim Ourghi eigentlich sagen, nicht die einzig WAHRE Religion ist“ (C. M.)

– „Mich stört es nicht, wenn es solche Karikaruren wie in Charlie Hebdo gibt. Im Gegenteil: Ich brauche keine Angst um meinen Propheten zu haben. Es muss ganz normal sein, dass man den Propheten kritisieren darf“ (S. 128)

Das Interview ist ein Beispiel dafür, dass unter gebildeten Muslimen ein Islam gedacht und damit praktisch wohl auch vorbereitet wird, der zu den Grundlagen einer vernünftigen Kultur nicht mehr im totalen, feindlichen Widerspruch steht. Eine Anerkennung der Menschenrechte als der obersten Norm und als der kritischen Instanz auch in religiösen Fragen würden wir uns noch deutlich von Abdel-Halim Ourghi wünschen. Aber seine Überzeugung weist in diese Richtung: Wenn er etwa ablehnt, dass islamische Geistliche in Deutschland vom türkischen Religionsministerium bestellt werden. Dahinter steht der Wunsch, einer konsequenten Trennung der (islamischen) Religion von jeglichem staatlichen Einfluss.

Die ganze Debatte, die wir hier für wichtig halten, steht im Dienst der Religionskritik, die ja durchaus nach dem vernünftigen Potential der Religionen, auch des Islam, fragt. Es ist keine Frage: Ein sich reformierender Islam gehört selbstverständlich auch zu Deutschland, weil die Muslime hier leben, die sich auf diesen religiösen Weg begeben haben.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . .  . . . .    . . . . .

Dieser Text wurde Ende Dezember 2014 publiziert:

Seit etlichen Jahren werden wir von Islam-Wissenschaftlern und Vertretern islamischer Organisationen in den demokratischen Ländern des Westens belehrt mit vielerlei Erläuterungen, die alle den einen Grundtenor hatten und haben: „Eigentlich ist der Islam eine menschenfreundliche Religion. Vielleicht sind da und dort in einigen Formulierungen etwas scharf, aber sonst ist „der“ Islam doch sehr normal“.

Das trifft für viele Angehörige dieser Religion ja auch wohl zu. Wobei, philosophisch gesehen, kein Mensch in das Herz, also in die wahren inneren Überzeugungen eines anderen, völlig hineinschauen kann. Das gilt selbstverständlich auch für Christen, Juden oder Atheisten und alle anderen Menschen. Ob jemand friedlich IST, zeigt sich an seinem friedlichen und toleranten Leben, nicht in netten Worten allein.

Natürlich weiß allmählich jeder, dass es keine religiöse Zentralstelle, etwa einen Papst, der Sunniten oder der Schiiten gibt. Dennoch wären sehr deutliche Zeichenhandlungen von muslimischen Mitbürgern in allen Teilen Europas usw. möglich. Etwa: Sehr viele Moscheen veranstalten am Freitag kein Mittags-Gebet, sondern halten zur selben Zeit große Demonstrationen der Frommen in der Öffentlichkeit. Sozusagen ein pazifistischer Streik der Moscheen und ihrer Gottesdienste. Die Prediger könnten ausruhen und noch mehr nachdenken. Diese Demonstrationen können deutlich machen: Wir „normalen Muslime“ haben mit den IS Verbrechern nichts zu tun und wir halten diese Mörder auch nicht für Muslime. Wir verbannen sie, sind aber bereit, Menschen aufzunehmen und zu bilden, wenn sie sich von der Henker-Existenz abwenden. ANTI – IS Erklärungen gab es ja da und dort aus muslimischen Kreisen. Aber was bewirken Worte in diesen bestialischen Zusammenhängen?

Der Sufismus wurde und wird oft als der spirituelle Mittelpunkt eines mystischen, so innig religiösen und deswegen so friedlichen Islams hingestellt. Das wird so sein. Seitdem Zentren des friedlichen und mystischen Sufismus durch Terrormilizen des IS zerstört werden, seitdem bestialische Mordattacken und das Vernichten von wertvollsten Kulturgütern durch islamistische IS Terroristen üblich sind, gibt es immer mehr Fragen, die einfach ernst genommen werden sollen: Offenbar verstehen die Terroristen, dass die Sufis eine menschenfreundliche Religion darstellen, also sollen sie ausgeläscht werden. Und vor allem: Erneut die Frage: Was ist denn nun wirklich wesentlich im Islam? Vielleicht sind die Sufis gar die einzigen wahren Muslime? So, wie die katholischen Mystiker, die sanften und friedlichen, die einzigen wahren Christen waren in Zeiten der blutigen Expansion des Christentums in Afrika und Amerika?

Also: Was ist wesentlich am Islam? Diese Frage scheint in dieser Dringlichkeit neu zu sein und sie sollte mit aller Sorgfalt diskutiert werden. Denn einige radikale („deutsche“, „französische“, „niederländische“ usw.) Kreise in Europa warten förmlich darauf, aus eigenen (innen-) politischen Interessen das Bild der Fremden, auch der „fremden Muslims“ in Europa, so schlecht wie möglich hinzustellen. Damit man wieder ein „abendländisches“, also ein nur europäisches Europa in völliger Abschottung erleben kann…Diese reaktionären Kreise benutzen „den“ Islam nur für ihre eigene rigide Haltung. Sie nennen sich Abendländer, haben aber nicht verstanden, dass Abendland zuerst Dialog, Lernbereitschaft und Freundlichkeit bedeutete.

Trotzdem bleibt die Frage:

Viele Beobachter haben seit dem Auftreten der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) die fundierte Überzeugung: Der Islam steckt in einer tiefen Legitimationskrise, niemand auch unter den etwas gebildeteren Frommen weiß noch, was nun wesentlich zum Islam gehört, weiß noch, ob denn nun der Koran wesentlich human, wesentlich menschlich für ALLE Menschen ist oder nicht. Ob der Humanismus, also der Respekt vor JEDEM Menschen, Kern des Korans ist oder nicht und ob der Humanismus absolut vor jeder religiösen Lehre steht oder nicht? Dass diese Fragen nach der völligen Vorrangigkeit des Humanismus vor allem religiösen Dogmatismus selbstverständlich mit der gleichen Intensität auch dem Katholizismus, der russischen Orthodoxie, dem (ultra)orthodoxen Judentum oder Kreisen der fundamentalistischen „evangelischen“ Pfingstler gestellt werden müssen, ist völlig klar und sollte geschehen. Nur: In diesem kleinen Hinweis hier geht es nun einmal um den Islam!

„Der Islam, so wie er sich heute als Religion organisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren, vermitteln und begründen. Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Warum machen sich Selbstmordattentäter heutzutage wie eine Pest breit“? Diese und andere weit reichende Fragen stellt der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen in „Der Tagesspiegel“ vom 21. Dezember 2014, Seite 4f. Einige andere Spezialisten gehen noch weiter, wie der Palästinenser Ajhmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Er sagte – so zitiert M. Gehlen- in einem SPIEGEL Beitrag: „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit Ungläubigen usw. unterscheidet sich vom gängigen Islamverständnis nur graduell, nicht prinzipiell. D.h. diese radikalen Strömungen seien, so wörtlich „in Ähnlichkeit“ zum normalen Islam.

Es sind verstörende, unbequeme Einsichten, die jetzt, beim Erstarken der Terrormiliz IS, über das „Wesen des Islams“ öffentlich gemacht werden, eben von renommierten Islamwissenschaftlern und „Mitgliedern“ der islamischen Gemeinschaft selbst, wie dem Wiener Muslim und Islamwissenschaftler Ednan Askan (geboren in der Türkei). Er hat in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014 Seite 58 ein hoch aktuelles Interview gegeben. Er sagt im Blick auf die islamischen Gewalttäter, die sich auf den Koran berufen: „Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche (gewalttätigen) Inhalte lehren“. Mit anderen Worten: Prof. Aslan plädiert dafür, bestimmte religiöse Inhalte der Tradition, dann wohl auch aus dem Koran, als nicht mehr relevant, wenn nicht gefährlich beiseite zu legen und künftig als ungültig, weil inhuman, zu betrachten. Ähnliches gilt etwa auch für den verhängnisvollen antihumanen Spruch aus dem Alten Testament, der immer wieder zitiert und im Umgang mit Feinden in Israel und Palästina angewendet wird: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Buch Exodus, 21,23–25. Eine Religion, die sich menschenfreundlich nennt und nach außen hin auch sein will, also faktisch Humanismus höher wertet als religiöse Gebote aus uralter Zeit, sollte heute sofort diesen Satz aus dem heiligen Buch streichen und verbannen. Das ist unsere Meinung im Religionsphilosophischen Salon. Warum müssen alte Religionen vielen alten ideologischen „Schrott“, den man nur nach zweijährigem Studium versteht, mit sich herumschleppen? Wer wagt es denn, in den religiösen Traditionen von wegzuschaffendem Schrott zu sprechen? Wie eingeschüchtert sind eigentlich Theologen? Ist es einzig die unabhängige Philosophie, die klare Worte findet, die viele denken, aber nicht aussprechen können?

Aber, welche Religion hat so viel Mut, sich von den eigenen bösen Traditionen zu trennen und zu sagen: Diese inhumanen Sprüche gehören nicht mehr zu unserem menschenfreundlichen Glauben.

Um noch einmal auf das Interview von Evelyn Finger mit Prof. Ednan Aslan zurückzukommen: „Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben zu sagen, das bestimmte (fundamentalistische) Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel, Das tun wir aber nicht“.

Frage: Warum?

Antwort von Prof. Aslan, Wien: „Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts“..

Aslan fordert weiter, die Auffassungen der alten, immer noch gültigen islamischen Rechtsschulen als überholt zu bewerten …und „sie durch ein aufgeklärtes Islamverständnis zu ersetzen“.

Bis jetzt aber gebe es keine wirksame Theologie gegen die zunehmende Radikalisierung. „Es gibt keine starke Gegentheologie. Die Theologie der Gewalt ist derzeit die (islamische) Religion. Damit muss Schluss sein“.

Die Aufgabe ist gewaltig: Es gilt, die humanistischen Kräfte im Islam, die liberalen Gruppen und die vernünftigen Islam-Wissenschaftler zu stärken und zu schützen. Vor 400 Jahren noch waren viele christliche Theologen Anhänger der Hexenverbrennung und der Vernichtung von Ketzern. Eine halbwegs humane christliche Theologie ist erst entstanden, als sich der Humanismus und der Geist der Menschenrechte durchsetzte, also mit Hilfe säkularer Gruppen fand die christliche Theologie zurück auf die Wege des Friedens.

Die Stärkung der demokratischen Grüppchen einer Zivilgesellschaft in der arabischen Welt wäre wohl in dem Zusammenhang das oberste Gebot.  Damit aus Grüppchen einst mächtige Volksbewegungen werden. Eine Utopie?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon



KINO Start: Pepe Mujica. Der Präsident (von Uruguay). Und sein Text: Der Gott des Marktes.

2. März 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik, Termine

Pepe Mujica: Der Staatspräsident von Uruguay. Ein FILM. Kinostart am 5. März 2015

Und ein Text: Der Gott des Marktes
Von José Mujica, Staatspräsident von Uruguay

Dieser Beitrag von José Mujica wurde bei uns zum ersten Mal am 26. November 2013 veröffentlicht. Anläßlich des Films über José Mujica, in Deutschland in den Kinos ab 5. März 2015, haben wir den Beitrag aktualisiert.

Zum Film: Pepe Mujica – Der Präsident. Er ist ein anständiger Kerl, dieser „ärmste Präsident der Welt“, der seit bald fünf Jahren Uruguay regiert: Der Film über Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky handelt von ihrem Leben, vom gemeinsamen Kampf gegen die frühere Militärdiktatur, von ihrem Weg aus dem Widerstand in die offizielle Politik bis zum heutigen Präsidentenpaar, das immer noch einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet.

Die Filmemacherin Heidi Specogna kennt den ehemaligen Tupamaro-Kämpfer Pepe Mujica seit vielen Jahren und setzt dem mittlerweile fast Achtzigjährigen ein liebevolles filmisches Denkmal.

Webseite: www.piffl-medien.de. Ein Film von Heidi Specogna. 90 Minuten. Eine ausführliche Würdigung des Films: Siehe am Ende dieses Beitrags.

…… Dieser grundlegende Beitrag wurde im November 2013 im Religionsphilosophischen Salon publiziert:

Der uruguayische Präsident José Mujica, immer wieder der ärmste Staatspräsident der Welt genannt,  da er 90 % seines Einkommens sozialen Projekten spendet, hielt bei der 68. Vollversammlung der Vereinten Nationen im September dieses Jahres (2013) eine bemerkenswerte Ansprache. Seine Kapitalismus – und Konsumismuskritik haben wir in Auszügen ins Deutsche übersetzt.

„Wir haben unsere alten, spirituellen Götter geopfert und den Tempel dem Gott des Marktes überlassen. Nun organisiert dieser Gott uns Wirtschaft und Politik, Leben und Alltagsgewohnheiten. In Raten und per Kreditkarte finanziert er uns den Anschein von Glückseligkeit. Konsum scheint der Sinn des Lebens zu sein, und können wir nicht konsumieren, sind wir frustriert, fühlen uns arm und ausgeschlossen. Wir verbrauchen und hinterlassen Abfall in solchen Mengen, dass die Wissenschaft meint, wir bräuchten drei Planeten, wenn die gesamte Menschheit leben wollte wie ein Mittelschichts-US Amerikaner. Unsere Zivilisation basiert also auf einer verlogenen Versprechung. Der Markt stilisiert unseren heutigen Lebensstil zur allgemeingültigen Kultur, obwohl es niemals für ALLE möglich sein wird, diesen angeblichen „Sinn des Lebens“ zu finden. Wir versprechen ein Leben der Verschwendung und Freigiebigkeit und stellen es zukünftigen Generationen und der Natur in Rechnung. Unsere Zivilisation richtet sich gegen alles Natürliche, Einfache und Schnörkellose. Aber das Schlimmste ist, dass uns die Freiheit beschnitten wird, Zeit zu haben für zwischenmenschliche Beziehungen, für Liebe, Freundschaft und Familie; Zeit für Abenteuer und Solidarität, Zeit, um die Natur zu erforschen und zu genießen, ohne dafür Eintritt zu zahlen. Wir vernichten die lebendigen Wälder und pflanzen anonyme Wälder aus Zement; Abenteuerlust begegnen wir mit gepflegten Wanderwegen, Schlaflosigkeit mit Tabletten, Einsamkeit mit Elektronik … Können wir überhaupt glücklich sein, wenn wir uns dem zutiefst Menschlichen entfremdet haben? Wie benommen fliehen wir vor unserer eigenen Natur, die das Leben selbst als letzten Grund für das Leben definiert und ersetzen sie durch, nur dem Markt dienliche, Konsumorientierung. Und die Politik, ewige Mutter des menschlichen Schicksals, hat sich längst der Wirtschaft und dem Markt unterworfen.
Nach und nach ist Selbsterhalt zum Ziel von Politik geworden, weshalb sie auch die Macht abgab und sich einzig und allein mit dem Kampf um Regierungsmehrheiten beschäftigt. Kopflos marschiert die Menschheit durch die Geschichte, alles und jedes kaufend und verkaufend, Mittel und Wege findend, selbst das Unverkäufliche zu vermarkten. Es werden Marketingstrategien für Friedhöfe und Beerdigungsunternehmen, ja selbst für das Erlebnis Schwangerschaft erdacht. Vermarktet wird von Vätern über Müttern, Großeltern, Tanten und Onkeln bis hin zur Sekretärin, Autos und Ferien, alles. Alles, alles ist Geschäft. Marketingkampagnen fallen sogar über unsere Kinder und ihre Seelen her, um über sie Einfluss auf die Erwachsenen nehmen zu können und sich ein zukünftiges Terrain abzustecken.
Der Mensch unserer Tage taumelt zwischen Finanzierungsverhandlungen und routinierter Langeweile wohl klimatisierter Großraumbüros hin und her. Ständig und immer träumt er von Urlaub, Freiheit und Vertragsabschlüssen, bis eines Tages sein Herz zu schlagen aufhört und „Tschüss!“… Sofort wird es einen anderen Soldaten geben, der das Maul des Marktes füllt und die Gewinnmaximierung sicherstellt.
Die Ursache für die heutige Krise liegt in der Unfähigkeit der Politik begründet. Die Politik hat nicht begriffen, dass die Menschheit das Nationalgefühl noch nicht überwunden hat und sich nur schwer davon lösen kann, denn es ist tief verankert in unseren Genen. Dennoch ist es heute notwendiger denn je, den Nationalismus zu bekämpfen, um eine Welt ohne Grenzen zu schaffen.
Die größte Herausforderung heute ist, das Ganze im Blick zu haben. Doch die globalisierte Wirtschaft wird nur von Privatinteressen einiger weniger gesteuert, und jeder Nationalstaat hat nur seine eigene Stabilität im Blick. Als wäre das nicht schon genug, werden die produktiven Kräfte des Kapitalismus auch noch gefangen in den Tresoren der Banken, die letztendlich der Auswuchs der Weltmacht sind.
Veränderungen sind dringend notwendig, setzen aber voraus, dass das Leben und nicht die Gewinnmaximierung kursbestimmend wird. Ich bin allerdings nicht so naiv zu glauben, dass Veränderungen leicht zu erreichen wären. Uns stehen noch viele unnötige Opfer bevor. Die Welt von heute ist nicht in der Lage, die Globalisierung zu regulieren, weil die Politik zu schwach ist.
Eine Zeitlang werden wir uns an den mehr oder weniger regionalen Abkommen, die einen Freihandel vorgaukeln, beteiligen. Dann wird sich zeigen, dass sie in Wahrheit von notorischen Protektionisten erdacht wurden. Wir lassen uns trösten von wachsenden Industrie- und Dienstleistungszweigen, die sich der Rettung der Umwelt widmen. Gleichzeitig wird die skrupellose Gewinnsucht zum Wohlwollen des Finanzsystems weiter existieren. Weiterhin werden Kriege stattfinden, die Fanatismus schüren, bis endlich die Natur unserer Zivilisation Grenzen setzt. Vielleicht sind meine Vision und mein Menschenbild grausam, aber für mich ist der Mensch die einzige Kreatur, die in der Lage ist, gegen die Interessen der eigenen Spezies zu agieren.
Die ökologische Krise des Planeten ist die Konsequenz des überwältigenden Triumphs menschlichen Strebens. Die ökologische Krise wird dem menschlichen Streben aber auch ein Ende setzen, wenn die Politik unfähig ist, einen Epochenwechsel einzuläuten.“
Übersetzung: Anne Nibbenhagen (Christliche Initiative Romero)
Quelle: Magazin presente 4/2013 „Kaufst du noch oder denkst du schon? Konsumethik im Wandel“ der Christlichen Initiative Romero (CIR)

Wir empfehlen dringend die Zeitschrift der Christlichen Initiative Romero in Münster. Die Anschrift: Christliche Initiative Romero (CIR): Breul 23, D – 48143 Münster
Die website: http://www.ci-romero.de/ Mit vielen aktuellen Informationen.

Eine ausführliche Würdigung des Films von Gaby Sikorski:

José Alberto Mujica, genannt „Pepe“, ist nicht nur bescheiden und volksnah, sondern auch ein außergewöhnlich willensstarker Mensch, der – so wie es in Lateinamerika üblich ist – seine Botschaften gern in blumige Formulierungen packt. Der überzeugte Sozialist glaubt an das Gute im Menschen, und er selbst ist dafür das beste Vorbild. Anders hätte er vermutlich weder die vielen Jahre in Einzelhaft und die Folterungen durch das Militärregime in Uruguay überlebt noch die Kraft gehabt, im Alter von 75 Jahren Präsident seines krisengeschüttelten Landes zu werden. Seine Amtszeit endet 2015 – und in den letzten fünf Jahren hat er viel erreicht. Uruguay gilt heute als eines der freiheitlichsten Länder der Welt: Legalisiert wurden Eheschließungen zwischen Gleichgeschlechtlichen ebenso wie Abtreibungen und der Genuss von Cannabis.

Heidi Specogna begleitet Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky auf ihren Wegen zwischen Regierungsaufgaben und dem Privatleben auf einem Bauernhof mitten in der – und hier stimmt‘s tatsächlich: Pampa. Überall schafft es Pepe Mujica, sich mit Gelassenheit, Freundlichkeit und seinem ganz eigenen pfiffigen Charme durchzusetzen. Er wirkt ganz anders, als sich Klein-Fritzchen ein Staatsoberhaupt vorstellt, dabei aber so authentisch und würdevoll, als habe er eigenhändig das Präsidentenamt erfunden. Und natürlich hat er, der sprichwörtliche einfache Mann von der Straße, sich auch ein wenig anpassen müssen, trägt eher widerwillig schicke Anzüge, lässt sich aber auch gern mal feiern. Rundfunkreden, Ansprachen und Privatinterviews zeigen ihn als lebensklugen und hoch gebildeten Mann, der in jeder Lebenslage hundertprozentig authentisch bleibt.

Lucia Topolansky, seit vielen Jahren seine Lebensgefährtin und ebenfalls Regierungsmitglied, kann mit Pepe in allem locker mithalten. Sie ist vielleicht noch ein bisschen radikaler in ihren Ansichten, besonders wenn es um Frauenpolitik geht, und sie scheint noch umtriebiger zu sein als er, dem man bei aller Rüstigkeit die Last der Jahre und die Spuren der jahrzehntelangen Verfolgung und Inhaftierung doch ansieht. Während Pepe eigentlich eher harmlos wirkt und zunächst nur seine sehr wachen Augen verraten, dass hinter der schlichten Fassade ein außergewöhnlich intelligenter Mensch darauf wartet, seine Philosophie zu verbreiten, ist Lucia schon äußerlich eine willensstarke Dame, der man lieber nicht widersprechen möchte. Die beiden ergänzen sich perfekt zu einem Paar, das von einer tiefen Liebe ebenso geprägt wurde wie von den gemeinsamen politischen Zielen. Die Botschaft des Films stimmt optimistisch: Ja, es gibt sie noch, die Vorbilder und Idealisten in der Politik, die fest daran glauben, dass man durch gute Taten die Welt verändern kann und muss. Hier ist der lebende Beweis dafür, dass Macht nicht unbedingt korrumpiert. Dieses Präsidentenpaar, das lediglich ein Zehntel seiner Einkünfte behält und den Rest an NGO’s spendet, verkörpert eine soziale und tolerante Politik, von der viele träumen, die aber kaum jemand für möglich hält. Heidi Specogna, die seit ihrem Film TUPAMAROS mit beiden bekannt und offenbar gut befreundet ist, zeigt in ihrem kleinen und angemessen prunklosen Film das Leben dieser beiden Kämpfer und Träumer, die noch immer Visionen haben und dazu stehen. Sie erzählt gemächlich und mit kleinen Exkursen in die Vergangenheit.

Ein Höhepunkt des Films ist Pepes Staatsbesuch in Berlin inklusive Treffen mit Angela Merkel und Mitgliedern des Bundeskabinetts, die mit dem alten Herrn ihr Standardprogramm abziehen. Und wenn es so ist, dass jedes Land die Politiker hat, die es verdient, dann wären allein schon diese Bilder ein Grund, nach Uruguay auszuwandern. Muss ein sehr schönes Land sein!

Gaby Sikorski. http://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/pepe-mujica-lektionen-eines-erdklumpens/