Monatsarchiv



Pragmatisch leben oder mit dem Pragmatismus leben UND denken ?

30. September 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Zum Oktober Heft (2017) des „Philosophie Magazin“

En Hinweis von Christian Modehn

Das neue Heft des „Philosophie Magazin“ möchte ich vor allem wegen der Beiträge zur Philosophie des Pragmatismus empfehlen. Diese lebendige aktuelle Philosophie (siehe Richard Rorty) ist in Deutschland noch zu wenig bekannt. Deswegen erspare ich mir weitere Hinweise auf selbstverständlich sonst noch lesenswerte Beiträge in dem Heft.

Der Titel dieser aus den USA stammenden Philosophie erinnert, oberflächlich betrachtet, an so genannte pragmatische Menschen und vor allem pragmatische PolitikerInnen, jenen Menschentypus also, der möglichst fern von jeder festen Weltanschauung lebt und handelt und „je nach dem“, also je nach Lage der Dinge, das vermeintlich Beste für sich oder die eigene Nation bzw. Partei „herausholen“ kann. Der Kenner pragmatischer Philosophie, Prof. Michael Hampe, Zürich, nennt etwa Kanzlerin Merkel in dem Zusammenhang: „Sie ist ideologiefrei, sie ist eine Problemlöserin, sie passt sich an die jeweilige Sachlage an…“ (S. 60).

Pragmatismus als Philosophie und vor allem auch als philosophische Haltung hat mit diesem schwankenden und beliebigen pragmatischen Denken nichts zu tun. Eben auch nichts mit Utilitarismus. “Auf Handlungskonsequenzen eines Begriffes zu achten, wie es die pragmatistischen Philosophen tun, ist nicht gleichzusetzen mit einer Ethik der Nutzenmaximierung“ (S. 63). Pragmatismus leidet in Deutschland immer noch an vielen Missverständnissen. Er ist kein banaler Utilitarismus.

Wer sich aber auf die Philosophie des Pragmatismus also einlässt, kann in seinem alltäglichen Leben viel mehr Klarheit (und damit Lebensorientierung) gewinnen jenseits von technokratischen Nützlichkeitserwägungen: Es geht um die Klarheit der jeweils im Leben verwendeten Begriffe im Blick auf ihre praktischen, lebensmäßigen  Bedeutungen.

Martin Duru erläutert in dem Heft die Geschichte des Pragmatismus. Der zündende Geistes-„Blitz“ kam Anfang der 1870er Jahre, als Charles Sanders Peirce und William James in Cambridge, Massachusetts, USA, erkannten: Bei Begriffen reicht nicht die spekulative Erhebung von Bedeutungen und Verflechtungen mit anderen Begriffen. Es kommt darauf an, die lebens-praktisch bedeutsamen Konsequenzen eines Begriffs zu erkennen. Um die Jahrhundertwende steht dann William James im Mittelpunkt dieser „philosophischen Schule“. Martin Ducu schreibt: „Es gilt für James zu prüfen, welches `Verhalten` eine Idee diktiert oder anregt“. Auch das religiöse Verhalten der Glaubenden wird bei James unter diesem Maßstab beurteilt: Wer begrifflich behauptet, an Gott zu glauben, ist erst glaubwürdig, wenn die Handlungen dieses Menschen seiner Glaubenstheorie entsprechen. Das Buch von James „Der Pragmatismus“ (1907) wird ein Bestseller. John Dewey führt nach dem Tod von James (1910) die Philosophie des Pragmatismus weiter. Dewey kümmert sich auch um pädagogische Konzepte: „Learning by doing“ ist eine seiner zentralen Forderungen. Er verlangt dringend die Belebung der demokratischen Lebensform, die inhaltlich viel mehr ist, als bloß an einer Wahl teilzunehmen. Demokratie als Leben fordert auf, immer weiter zu suchen und immer wieder zu neuen Lösungen zukommen….Philipp Felsch vertieft diese Gedanken: “Der Pragmatismus bevorzugt konkretes gegenüber abstraktem Wissen und betrachtet das Denken nicht als Selbstzweck, sondern als Instrument zur Verbesserung unserer irdischen Existenz, weshalb er metaphysischen Spekulationen skeptisch gegenübersteht – es sei denn, sie hätten praktische Konsequenzen für unser Leben.“ (S. 43). Michael Hampe, Professor für Philosophie in Zürich, ist einer der besten Kenner des Pragmatismus im deutschsprachigen Raum. Mit ihm bietet das „Philosophie Magazin“ ein sehr interessantes Interview. Er sieht die aktuellen politischen Dimensionen des Pragmatismus in der Abweisung der heute schon fast üblichen „Experto-Kratie“: Die höheren Klassen stützen sich auf Experten, um ihre Macht durchzusetzen. Die Bürger – für unwissend gehalten und unwissend gemacht – werden zu unmündigen Subjekten, im „Brexit“ wurde dies deutlich (S. 61).

Für religionsphilosophisch Interessierte ist nicht nur William James wichtig. Auf den entsprechenden Beitrag weist der Religionsphilosoph Thomas Rentsch hin, wenn er in seinem Buch „Gott“, erschienen im Walter de Gruyter Verlag (2005) auf Charles S. Peirce aufmerksam macht (s. 147 ff.): „Gott ist ein Wort der Alltagssprache. Gerade in seiner Vagheit erfüllt es den Zweck, eine unbedingte Hoffnungs- und Sinnperspektive für jedermann verständlich zu artikulieren“ (S. 148), so fasst Rentsch die Position von Peirce zusammen.

Man denke auch daran, dass der große, kürzlich verstorbene Karl- Otto Apel eine wichtige Studie zu Peirce (bei Suhrkamp) veröffentlicht hat. Schade eigentlich, dass das Heft „Philosophie Magazin“ zum Thema Pragmatismus nicht an Apel erinnert. Ein Apel-Sonderheft wäre sehr spannend! Weil er doch auch Habermas sehr viele Anregungen gegeben hat. Und dieses Thema bewegt nicht nur „innerphilosophische“ Kreise…

Man ist zudem gespannt, ob das „Philosophie Magazin“ einmal im Verbund mit dem gleichnamigen französischen „Vorbild“ das Thema „Populäre Philosophie“ aufgreift, das Thema wurde immerhin als ein (Rand)-Thema beim Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ im September 2017 in Berlin debattiert. Gehört das „Philosophie Magazin“ selbst zur Populärphilosophie? Dies wäre eine hübsche Frage auch an die LeserInnen…

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Sollen wir an der Idee des Fortschritts auch heute festhalten? Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

30. September 2017 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog, Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

Weiterdenken:

Die Fragen stellte Christian Modehn.

Der Begriff Fortschritt hat heute in Europa, aber nicht nur dort, keinen guten Klang. Zu deutlich werden etwa die Nachteile des industriellen „Fortschritts“ gesehen, z.B. bei Adorno und Horkheimer. Sehr berechtigt ist sicher die Kritik an der pauschalen Ablehnung der Vergangenheit in zweifelsfrei dummen Fortschrittssprüchen „Vorwärts immer, rückwärts nimmer…“. Aber ist die heute so offensichtliche Ablehnung „des“ Fortschritts nicht zu wenig differenziert? Sollte man nicht immer sagen, in welcher Hinsicht, Rücksicht, es doch auch heute noch Fortschritt gibt und geben sollte?

Die Kritik des Fortschritts lebt ja tatsächlich immer noch von den Motiven, die Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) während ihres amerikanischen Exils und unter dem Eindruck der totalitären Herrschaft der Nazis gegen das allein auf den ökonomisch-militärischen Komplex gerichtete Fortschrittsdenken vorgebracht haben. Die Kritik des Fortschritts gilt seither, und das zurecht, einer oft rücksichtslosen, von Wissenschaft, Technik und kapitalistischer Ökonomie vorangetriebenen Naturbeherrschung, der alles, schließlich auch die arbeitenden Menschen, zu Mitteln für Zwecke wird, die selbst kein Gegenstand von Reflexion, Diskussion und Kritik mehr sind. Diese Fortschrittskritik ist nach wie vor berechtigt, als Kritik einer „instrumentellen Vernunft“, die sich dominant an technischen Neuerungen und ökonomischen Produktivitätsraten orientiert, aber die Fragen nach dem allgemeinen Wohl und die desaströsen Folgen des ungehemmten Ressourcenverbrauchs für die nachkommenden Generationen ausklammert.

Diese Kritik ist ja auch in Öffentlichkeit und Politik angekommen. Obwohl der Begriff des Fortschritts immer noch vor allem an ein „immer mehr“, „immer größer“ „immer besser“, „immer weiter“ denken lässt, hat in gesellschaftliche Debatten durchaus Eingang gefunden, dass es neben Wissenschaft, Technik und Ökonomie weitere wichtige Dimension des Lebens gibt, wo Fortschritte im Sinne von Verbesserungen durchaus wünschenswert sind und zurecht auch angestrebt werden.

Der Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist ja auch gar nicht aufzuhalten. Was wir daher brauchen, sind gesteigerte Aktivitäten und Reflexionen dort, wo es darum geht, was wir mit all den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Ökonomie anfangen, somit, wie wir eigentlich leben wollen.

Fortschritte der diskursiven und moralischen Vernunft braucht es. Für sie sollten wir uns engagieren, was viele ja auch tun, dort, wo die ökologische Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens zur Debatte steht, die Steigerung der Lebensqualität auch der bislang Marginalisierten, die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die Achtung vor der unverletzlichen Würde jedes Menschen. Es ist schon einiges geschehen, denken wir an die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Folter. Aber es ist eben noch längst nicht genug geschehen und der Rassismus lebt wieder neu auf, auch in unserem Land.

Wir leben in einem Europa, in dem populistische Parteien die demokratischen Werte von Toleranz, Meinungsvielfalt, kritische Kultur in den Dreck ziehen, also Resultate der fortschrittlichen Aufklärungsphilosophie schlecht machen. Wie können die bei Vernunft gebliebenen Europäer diese Werte gegen die Reaktionären verteidigen?

Genau dadurch, dass wir einen Fortschritt reklamieren, wie ihn G.F.W. Hegel in kritischer Bezugnahme auf die Aufklärung und die Französische Revolution aufgefasst hat, dass nämlich jetzt der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ alle unsere Anstrengungen verlangt. Es gilt die Errungenschaften einer liberalen demokratischen Kultur zu verteidigen, dafür einzutreten, dass Individualität und Pluralität respektiert werden, Fremde willkommen geheißen, Toleranz gegenüber anders Denkenden und anders Glaubenden praktiziert wird.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948) war die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Barbarei und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Ohne den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, die Achtung der unverletzlichen Würde eines jeden Menschen und die Anerkennung des jedem und jeder zukommenden Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben, wird unsere Gesellschafft die Offenheit, Integrationsfähigkeit und Veränderungsdynamik, die sie bislang auszeichnet und so lebenswert macht, nicht nur nicht steigern können, sondern zunehmend verlieren.

Die uns heute bedrängende und die medialen Debatten bestimmende Frage ist denn auch, gerade nach der Bundestagswahl am 24.9.2017, wie der tief sitzenden Fremdenangst begegnet werden kann. Auch da wird die Antwort in Richtung eines nötigen Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit liegen. Aufgabe der Politik ist es, Fortschritte dort zu erzielen, wo es gilt, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich nicht abgehängt fühlen, dass sich ihnen Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungen eröffnen und Chancengleichheit erreicht wird.

So jedenfalls meine Hoffnung: Wenn Menschen sich mit ihrem eigenen Leben und ihrer Lebensleistung anerkannt erfahren, verlieren sie die Angst vor den Fremden. Diese werden nicht mehr als unbotmäßige Eindringlinge, sondern als Bereicherung wahrgenommen.

Auch in den Kirchen gibt es und gab es in den letzten Jahrzehnten gewisse Fortschritte: Man denke an die Anerkennung antisemitischer Traditionen in der Theologiegeschichte; man denke an einige Reformen im römischen Katholizismus, wie die Anerkennung der Religionsfreiheit. Sie persönlich sind immer für weitere, auch dogmatische Reformen eingetreten: Welche Fortschritte in der Hinsicht wären Ihrer Meinung nach heute für die Kirchen dringend geboten?

Natürlich hängt es sehr von der jeweils eigenen religiösen und theologischen Position ab, ob bestimmte Entwicklungen als „Fortschritt“ oder als Irrweg angesehen werden. Ich selbst vertrete in der Tat die Auffassung, dass die entscheidenden Impulse zur Befreiung der Kirchen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dem Geist der philosophischen und theologischen Aufklärung entspringen. Die Anregungen dazu, den christlichen Wahrheitsabsolutismus aufzugeben, den Wahrheitsanspruch anderer Religionen anzuerkennen, die Menschenrechte zu achten, unabhängig von rassischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten, das alles verdankt sich Impulsen der Aufklärung.

Es gilt auch, die von Adorno / Horkheimer diagnostizierte „Dialektik der Aufklärung“ zu sehen. Aber die Konsequenz darf eben nicht sein, dabei ihre befreienden, auch die Kirchen fortschrittlich verändernden Effekte zu verkennen. Die Aufklärung leitete Prozesse der Umformung von Theologie und Kirche in Richtung der Anerkennung individueller Selbstbestimmungs- und Menschenrechte ein. Sie ermöglichte ein Verständnis des religiösen Glaubens, wonach dieser nicht die Anerkennung vorgegebener Satzwahrheiten (Dogmen) verlangt, sondern ein auf eigener Lebenserfahrung aufbauendes, vertrauensvolles Verhältnis zu Gott, dem Grund des Seins, bedeutet.

Das Verhältnis von Theologie, Religion und Politik ist allerdings kompliziert. Denn wie wir jetzt gerade wieder an Positionen in der katholischen Kirche sehen, es kann eine in der Flüchtlings- und Migrationsfrage sehr offene und vom Menschenrechtsdenken beeinflusste theologische Haltung mit einer schroffen Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts in religiösen und ethischen Fragen – wie etwa der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – einhergehen. Es können unter Umständen ganz konservative, an alten Dogmen wie der Erbsündenlehre oder der Lehre vom stellvertretenden Opfertod Christi orientierte theologische Positionen dennoch mit einer Politik der Befreiung aus ökonomischer Unterdrückung und Ausbeutung korrelieren.

Ein Fortschritt in theologischer und religiöser Hinsicht liegt jedoch m.E. immer dann vor, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass ein souveräner Glauben möglich ist, der nicht autoritätshörig von anderen übernommen wird oder lediglich kirchlichem Gebot folgt. Dann verdankt er sich der Begegnung mit Menschen, die im Geist der Freiheit engagiert sind. „Christlich Glauben“ verlangt keine autoritätshörige Anerkennung von Satzwahrheiten und starren moralischen Gesetzen, sondern führt in die aktive Teilhabe an der von Jesus ausgehenden, der Erniedrigung des Menschen ein trotziges und mutiges Hoffnungsversprechen entgegensetzenden Befreiungsgeschichte.

Sie sind auch mit Studien über die Kirchen und Theologien in Afrika beschäftigt, etwa in Ghana. Dort erleben Sie einerseits, wie der ganze Müll und Dreck aus europäischer Computer – Technologie in Ghana miserabel entsorgt wird und wie die landesüblichen landwirtschaftlichen Strukturen dort durch europäische Importe (etwa von europäischem, meist aber minderwertigem (Hühner)Fleisch) zerstört werden. Wie können Sie sich erklären, dass so viele Menschen in Ghana doch immer noch so viel Interesse an einem doch letztlich europäisch geprägten Christentum haben?

Das ist eben nicht so! Das Christentum in Afrika ist längst nicht mehr von den europäischen Missionskirchen geprägt. Was die christlichen Kirchen in Afrika wachsen lässt und zur stärksten gesellschaftlichen Kraft macht, hängt eng damit zusammen, dass sich in den letzten 50 Jahren ein indigenes afrikanisches Christentum gebildet hat. Höchst lebendig sind zwar auch die traditionellen Missionskirchen, dies aber inzwischen vor allem deshalb, weil sie ebenfalls viel von der traditionellen afrikanischen Religionskultur und auch von den Pfingstkrichen übernommen haben.

Den pfingstlichen, charismatischen und Unabhängigen afrikanischen Kirchen (AICs) gelingt es jedoch noch viel besser, die christlichen Vorstellungen vom Heiligen Geist als unwahrscheinlicher Lebenskraft sowie das Vertrauen auf Jesus als geistbegabtem und über himmlische Kräfte verfügendem Heiler mit der die afrikanischen Kultur prägenden Weltansicht zu verbinden, in der böse und gute übernatürliche Mächte die erfahrbare Wirklichkeit durchdringen und miteinander ringen.

Mit unseren europäischen Augen mag uns vieles an dieser Religionskultur fremd erscheinen, vor allem dann, wenn wir uns von einer allzu verstandesmäßig und eindimensional verstanden Aufklärung (orientiert an der instrumentellen Vernunft) leiten lassen. Und es gibt auch nicht wenige Theologen, sowohl bei uns wie an afrikanischen Universitäten (wenn auch mit unterschiedlichen Wertungen auf den beiden Seiten), die diese afrikanische, von einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild geprägte, Spirituelles und Materielles verbindende Religionskultur in einem harten Gegensatz sehen zur europäischen, die historische Kritik der Bibel betreibenden und an die vernünftige Einsicht appellierenden Theologie. Gerne wird von afrikanischen Theologen ein direkter Zusammenhang behauptet zwischen dem die europäische Kultur dominierenden wissenschaftlich-technischen Rationalismus und den von Ihnen, mit ihrer Frage angedeuteten, nach wie vor verheerenden Folgen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus.

Ein Zusammenhang ist da auch nur schwer zu bestreiten. Und dennoch gibt es interessante, bislang allerdings viel zu wenig diskutierte Gemeinsamkeiten zwischen einer aus der Aufklärung hervorgegangen rationalen, liberalen Theologie und den pentekostalen, charismatischen Kirchen, die in Afrika die meisten Menschen, und dabei besonders die Armen und Benachteiligten, erreichen. Diese Gemeinsamkeiten liegen nicht im theologischen Ausdruck des Glaubens, nicht auf der dogmatischen, lehrhaften Ebene und auch die moralischen Normen sind oft ziemlich rigide. Nimmt man nur die Satzwahrheiten, stößt man in der Tat auf harte Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten können wir hingegen sehen, wenn wir darauf achten, wie stark sowohl die rationale, liberale Theologie wie die pentekostalen, charismatischen Kirchen den Erfahrungsbezug des Glaubens betonen, damit die befreiende, zur Selbstbestimmung und vor allem Selbstentfaltung befähigende Kraft, die von ihm ausgeht. Gerade dann, wenn wir, belehrt durch die riskante Dialektik der Aufklärung, den jetzt notwendigen Fortschritt in der Ermächtigung zum Bewusstsein der Freiheit erkennen, in der Befähigung von Menschen, die Verbesserung ihrer sozialen und ökonomischen Lage selbst in die Hand zu nehmen, können die rationale, liberale Theologie und die pfingstlich-charismatische Bewegung durchaus zusammenfinden.

Unter dem Label einer „Befreiungstheologie“ hat man diese Zusammenhänge verschiedentlich auch zu erfassen unternommen, zumeist leider jedoch ohne die Religion der pfingstlichen und charismatischen Kirchen wirklich zu würdigen. Die „Befreiungstheologen“ grenzen sich in der Regel sowohl von der liberalen Theologie wie von den Pfingstkirchen ab. Die Pfingstkirchen bezichtigen sie, ein primär am ökonomischen Fortschritt interessiertes „Prosperity Gospel“ zu predigen. So verkennen sie, dass viele von ihnen eine ganzheitliches, auf ein erfülltes Leben ausgehendes Verständnis des Evangeliums (Human Florishing) propagieren und einen Fortschritt wollen, der auf die Förderung sowohl des spirituellem wie des materiellem Wohlergehens zielt. So treten sie, als Stimme der Armen, für mehr Chancengleichheit und Befähigungsgerechtigkeit ein.

In ihrer Kritik der rationalen, liberalen Theologie übersehen die „Befreiungstheologen“ gern deren Insistieren auf der erfahrungsbasierten und Lebensgewinn verschaffende Kraft des Glaubens, verkennen das transformative Potential, das der Religion im Unterschied zur Moral innewohnt.

Diese Antwort ist jetzt etwas allzu lang ausgefallen, aber das liegt daran, dass ich von meinen Feldforschungen bei den pfingstlichen und charismatischen Kirchen in Ghana noch ganz erfüllt bin. Vielleicht können wir diesem Thema bald mal noch ein weiteres Interview widmen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

 



Philosophie ist immer auch praktisch, insofern verständlich für viele, insofern auch populär ?

28. September 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Beim Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ in Berlin (24.9. – 27.9.2017) gab es am 26.9. auch ein Forum zum wichtigen Thema „Populäre Philosophie“. Es war nach meinem Eindruck gut besucht mit ca. 80 TeilnehmerInnen. Leider kam der wohl am meisten interessierende Philosoph, Prof. Michael Hampe, Zürich, nach meinem Eindruck viel zu wenig, auf dem Podium sitzend, zu Wort. Er hätte so viele Fragen zu seinem Buch „Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“, Suhrkamp, 2014, beantworten können.

Deutlich wurde in der 90 Minuten dauernden Veranstaltung die Mühe, mit der die meisten hier versammelten, an Universitäten und Hochschulen lehrenden und forschenden Philosophinnen mit der Wirklichkeit und Möglichkeit einer populären Philosophie haben. Sie sind offenbar so stark eingebunden in die akademische Welt, dass sie die nun einmal notwendig gegebene Verwurzelung des Philosophierens, allen Philosophierens möchte ich sagen, nicht so deutlich sehen. Philosophieren ist als Praxis der Philosophen in die Alltagswelt, auch in die politische Welt, eingebunden. Dabei ist wohl jeder noch so schwierige philosophische Text („Kritik der reinen Vernunft“, „Phänomenologie des Geistes“, „Sein und Zeit“ usw.) „letztlich“ aus praktischen, drängenden Lebens-Fragen entstanden! Diesen praktischen (populären ?) Ursprung aller Texte darf man überhaupt nicht verleugnen. Man muss sich nur fragen, warum diese alltäglichen Fragen dann in einer oft so schweren Zugänglichkeit erörtert wurden und beantwortet werden, siehe etwa einige der sich in ihrer Sprache esoterisch gebenden, aber „medial“ hoch angesehenen französischen Philosophen heute. Dabei ist auffällig, dass es andererseits in Frankreich durchaus kein Schimpfwort ist, als populärer Philosoph zu gelten, man denke natürlich an Alain, vielleicht sogar an Albert Camus oder sicher auch an den vielseitigen und gut lesbaren Philosophen André Comte-Sponville.

Philosophie jedenfalls ist weltweit eine akademische Disziplin neben anderen geworden, und dabei sicher eine der, quantitativ gesehen, kleinen Disziplinen, nicht ganz so klein gemacht im Wissenschaftsbetrieb wie die Ethnologie, aber ähnlich. Philosophie in dieser sicher auch politisch gewollten Begrenzung kümmert sich trotzdem oder deswegen fast nur um sich selbst: Es wird also Zeit, nach allen Seiten Philosophien der Philosophien zu entwickeln. Dies wäre ein dringendes Themen der nächsten 100 philosophischen Promotionen! Man hat natürlich nichts dagegen, wenn zum 100. Mal Kant und Hegel hinsichtlich ihrer Transzendentalität oder Geschichtlichkeit verglichen werden und dazu nicht gerade preiswerte Bücher in kleiner Auflage publiziert werden. Keine Frage: Forschung muss sein. Genauso wichtig wäre es aber dann doch, populär, also nachvollziehbar, also verständlich für alle, für die etwas Nachdenklichen und für die etwas Gebildeten (wer ist schon vollständig nachdenklich und umfassend gebildet ?) zu schreiben und zeigen: Was ist die Aktivität unseres Geistes im Sich – Orientieren, im Fragen, im Zweifeln, im Hoffen, im Lieben, im Sterben usw. Diese philosophischen Fragen „brennen“ (hoffentlich noch) den Leuten im Herzen und im Kopf. Warum fordert eigentlich niemand einen verpflichtenden Philosophie Unterricht in den Schulen, wie in Frankreich (obwohl dort die Realität des Unterrichts oft betrüblich ist, weil man Philosophie dort paukt wie Physik). In jedem Fall: Die Frage ist dringend: Was ist praktisches Philosophieren mitten im Alltag? Und diese Fragen müssten natürlich unter den Menschen, den so genannten Nicht-Philosophen, die aber philosophisch gesehen selbstverständlich als Menschen eben doch auch Philosophen sind, gemeinsam mit den Fach- Philosophen diskutiert werden. Das passiert aber nicht. Ansatzweise wird in den (populären ?) philosophischen Zeitschriften wie „Philosophie Magazin“, „Der blaue Reiter“, “Hoheluft“ dieser Dialog gesucht. Es müsste vielleicht ein gewisser philosophischer Ortswechsel stattfinden: Philosophen sollten öfter raus aus der akademischen Welt der Seminare und Schreibzimmer, und rein in die Gesellschaft, etwa in die bestehenden und noch zu gründenden philosophischen Gesprächskreise und Salons. Oder in die Kunstgalerien oder in die politischen und ethischen Debattierclubs, die Flüchtlings-Initiativen, die antirassistischen Initiativen und so weiter. Da spielen sich die Fragen ab unter den „Bürgern aller Fakultäten“, also aller weltanschaulichen und politischen Orientierungen. So könnte ein philosophischer Beitrag entstehen gegen das polemisch sich darstellende Auseinanderfallen der Gesellschaft, die wir gegenwärtig erleben. Neue Fragen würden so entstehen, eine neue Sprache würde entstehen, der Geist könnte etwas sprühen. Die Berliner bzw. Potsdamer Philosophin Prof. Susan Neiman wurde im Tagesspiegel (vom 27. 9., Seite 22) mit der treffenden Worten, gesprochen während des Kongresses, zitiert: „Man hat (also die Philosophen, CM) die richtigen Ideen. Aber Gespräche werden nur untereinander geführt und in einer Sprache, die nur ein paar Leute erreicht“…Zwar sehnen sich alle nach Theorie, aber was wir anbieten, befriedigt nicht das Bedürfnis“.

Nach meinem Eindruck, ich hoffe, ich irre mich, hat die Presse (in Berlin) den großen philosophischen Kongress jetzt im September 2017 kaum wahrgenommen. Welcher Nicht- Philosoph lässt sich von einem sicher philosophisch wichtigen, aber nach außen hin esoterisch wirkenden Thema „Norm und Natur“ in ein Uni-Gebäude bewegen? Bei dem Thema, so das populäre Verständnis, geht es doch auch irgendwie um (angebliche) natürliche Geschlechter – Identiät, sagte mir ein Freund, der allerdings eine philosophische Vorbildung hat. Da geht es um die Unfähigkeit, Natur als Natur überhaupt zu erleben, weil eben alles längst zur Kultur gemacht ist, sagte mir ein anderer Freund, sicher treffend. Aber dieser abstrakte Titel! Er ist Ausdruck der akademischen Begrenztheit auf die Innenwelt akademischer Lehr-Philosophie. Will „man“ wirklich unter sich bleiben?

An wird also ab sofort viel mehr diskutieren, dass Philosophie doch etwas Merkwürdiges, Besonderes, ja Einmaliges ist: Wissenschaft auch, aber eben nicht nur! Immer bezogen auf (politische) Lebenspraxis, sich thematisch dieser verdankend. Philosophie fällt aus dem Rahmen der üblichen Zuordnungen. Sie ist dann doch gebunden an die orientierenden Dimensionen des Lebens, nicht im Sinne des Rezepte – Verteilens, aber der Klärung, Erhellung, Differenzierung usw. Philosophie bringt Licht ins Leben, oder neue Dunkelheit als gewusste. Aber sie ist niemals „Glasperlenspiel“.

Mich haben für diese Gedanken die Ausführungen von Michael Hampe inspiriert. Und sein Buch „Die Lehren der Philosophie“ muss weiter diskutiert werden, vor allem das erste Kapitel. Denn es gibt keinen Zweifel: Philosophie ist immer  „auch“ nicht-doktrinäre Philosophie, wie Hampe treffend und  provozierend schreibt.

Wir kommen darauf auch in unserem Religionsphilosophischen Salon Berlin zurück.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.



Wenn Gott schwarz wäre…Ein Buchhinweis

25. September 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Wenn ein katholischer Pfarrer aus der „Demokratischen Republik Kongo“ von Rassisten aus München vertrieben wird

Ein Buchhinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 25.9.2017

So schlimm ist es bereits gekommen: Rassisten gelingt es, mit ihren Attacken einen katholischen Priester aus seiner Gemeinde in München – Zorneding (9.000 Einwohner) zu vertreiben: Über die Ereignisse berichtete 2016 sogar das ERSTE in den Tagesthemen. Nun hat der betroffene Pfarrer und habilitierte Philosoph Olivier Ndjimbi-Tshiende eine Art Rückblick auf die Ereignisse in München – Zorneding geschrieben und dabei die Chance genutzt, auch einige seiner theologischen Überzeugungen vorzutragen unter dem Titel „Und wenn Gott schwarz wäre…“

Im September 2012 wird Pfarrer Olivier, wie er allgemein wohl genannt wird, in Zorneding in sein Amt eingeführt. Nicht allen gefällt die Anwesenheit dieses afrikanischen Geistlichen im so gut katholischen, aber eben weiß – blau bayerischen Bayern. Vor allem die Ortsvorsitzende der CSU im Kreisverband Zorneding Sylvia Boher, eine promovierte Politologin, beginnt im Oktober 2015 in ihrem Parteiblättchen gegen Flüchtlinge einerseits zu hetzen und Pfarrer Olivier zu attackieren: Er hat sich erlaubt, die humane Geste in der frühen Flüchtlingspolitik von Angela Merkel öffentlich zu loben und richtig zu finden. Die AFD unterstützt die Äußerungen der CSU Frau (S. 25). Der 2. führende CSU Mann dort, Johann Haindl, nennt den Pfarrer „unseren Neger“ (S. 23).

Aus dieser Polemik der CDU Ortsvorsitzenden entwickeln sich heftige verbale Attacken gegen Pfarrer Olivier, bis hin zu unsäglichen Beleidigungen und Drohungen, die um Leib und Leben fürchten lassen. Anonyme Morddrohungen werden abgeschickt, später wird ein Rentner zu 10 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt: Er hatte gedroht, den Pfarrer während der Messe zu ermorden. Aber in Zorneding ist die Bevölkerung keineswegs geschlossen aufseiten des attackierten Opfers. „Die Leute machen ihn und seinen Pfarrgemeinderat dafür verantwortlich, dass der ganze Aufruhr um den Text der CSU Frau Boher solche weiten Kreise zieht“ (s. 34). Und das Ergebnis? Das Opfer, der afrikanische Priester, soll schuld sein am öffentlichen Streit über Flüchtlinge und „den Neger – Priester“. Pfarrer Olivier will in diesem widerlichen Milieu nicht weiter leben und arbeiten: Am 6. März 2016 kündigt er seine Abreise aus Zorneding an. Heute arbeitet der Theologe und Philosoph an der katholischen Universität Eichstätt über Flucht und Migration.

Offen bleiben in dem Buch zu den Zornedinger Ereignissen einige Fragen: Wie stark war die Unterstützung der Pfarrer Kollegen für ihren afrikanischen „Mitbruder“? Wie stark war von Anfang die Unterstützung des Münchner Kardinals Marx? Hat er dazu Stellung genommen? Wie hat sich die Parteiführung der CSU in München zu dem rassistischen Skandal verhalten? Warum wagt man es nicht in der Kirchenverwaltung des Erzbistums München, Pfarrer Olivier eine andere Stellung als Pfarrer zu geben, wenn er denn das noch will. Offenbar sind Christen in Deutschland oft nur in der Lage, Geld für Afrika zu spenden, für die armen Heidenkinder, wie man früher sagte. Aber sie sind nicht bereit, sich darüber zu freuen, dass nun aus Afrika selbst ein kompetenter Theologe seine spezielle Sicht des Glaubens erläutert. Diese Leute in Zorneding und anderswo haben offenbar wenig Interesse am Dialog, am Fragen, am Neues Entdecken. Ich hätte mir noch sehr viel mehr harte Fakten in dem Buch gewünscht. Aber offenbar ist der Autor so betrübt, dass er die Zusammenhänge rassistischer Überzeugungen von Katholiken über die CSU bis zur AFD nicht weiter ausführlich freilegen will. Angesichts der Bundestagswahlergebnisse in Bayern wäre darüber erneut zu sprechen.

Pfarrer Olivier ist so höflich, dass er seine eigenen theologischen Vorschläge zur Reform der Katholischen Kirche sehr vorsichtig formuliert. Der 2. Teil des Buches, also ca. 140 Seiten, handelt davon. Es geht um die „ewigen“ katholischen Reformthemen, wie Abschaffung des Pflichtzölibates, Zulassung von Frauen zum Priestertum, mehr Barmherzigkeit, und auch dies ist wichtig für den Autor: Weniger Dogmen in einer Kirche, die tausend und einen Lehrsatz kennt und predigt.

Dies sind alles Themen, die in der europäisch dominierten Theologie seit Jahrzehnten – ohne Erfolg selbstverständlich – vorgeschlagen werden. Denn gäbe es nicht den Pflichtzölibat, bräuchte kein polnischer, indischer oder nigerianischer Priester in Deutschland die Lücken stopfen, die der Priestermangel in Deutschland und ganz Europa erzeugt. Und Pfarrer Olivier hätte von vornherein, seiner Ausbildung angemessen hierzulande die afrikanischen Formen des Christentums erklären können….

Bei dem Titel des Buches „und wenn Gott schwarz wäre“ erwartet der Leser zudem auch Hinweise zu afrikanischen Theologien und Spiritualitäten, etwa Berichte über die Inkulturation des Glaubens in den afrikanischen Kulturen. Über die Rolle des Tanzes in der katholischen Eucharistiefeier. Oder Hinweise zu den unterschiedlichen Strömungen afrikanischer Philosophien. Oder Hinweise zu dem von Rom verbotenen Ritus der „Messe von Kinshasa und Zaire“. Oder Stellungnahmen zur heftigen und in Europa als absurd empfundenen Abweisung von gelebter Homosexualität durch die allermeisten katholischen und evangelischen Bischöfe in Afrika. Das Buch „und wenn Gott schwarz wäre“ hinterlässt den Leser also nach großen Erwartungen bei dem Titel sehr ratlos. Das muss bei allem Respekt fürs Leiden Pfarrer Oliviers in Zorneding gesagt werden. Wenn Gott schwarz wäre: Würden dann die weißen Europäer den schwarzen Gott verehren? Jesus von Nazareth, geboren in Kinshasa, warum eigentlich nicht? Aber welchen Sinn haben überhaupt, philosophisch betrachtet, Farbzuweisungen zur geheimnisvollen Wirklichkeit Gottes? Unseres Erachtens gar keinen. Gott und das Göttliche haben keine Farbe und kein Geschlecht. Zentral bleibt die jesuanische Botschaft von der prinzipiellen gleichen Werthaftigkeit aller Menschen! Dies ist die Mitte des Glaubens, auch die politische. Sie passt nur all jenen Christen nicht, die sich als Europäer und CSU Mitglieder für etwas Besseres halten. Und das bedeutet: Vom Christentum haben diese Herrschaft eigentlich nichts verstanden, trotz der Predigten, Wallfahrten, Messen usw., die seit 1000 Jahren im Land der Bayern und anderswo gefeiert werden. Sind alle diese kirchlichen Veranstaltungen wirkungslos geblieben? Manchmal möchte ich das glauben.

In jedem Fall würde ich mir wünschen, wenn Pfarrer Olivier die Kraft fände, die oben genannten Themen zur Inkulturation des Christentums und des Katholizismus in Afrika oder wenigstens rund um den Kongo in einem weiteren Buch zu besprechen. Klar ist, dass uns Lesern hier dann auch die Frage dringend bewegt, wie es denn weiter geht mit der Diktatur in der „Demokratischen Republik Kongo“? Wann wird sie von wem vertrieben und verschwinden? Welche Europäer profitieren von den vielen Diktaturen in Afrika? Braucht Europa das elende Afrika für den eigenen Profit? Diese Fragen sind endlos. Sie werden selbst von aufgeschlossenen Politikern in Europa kaum noch gestellt. Und selten von Kirchenleuten, die es eigentlich wissen (müssten). Zurecht kritisiert Pfarrer Olivier,so wörtlich, die Prunksucht einiger Bischöfe hierzulande. Interessant wären seine Schilderungen, wie denn afrikanische katholische Bischöfe leben? Wie diese dann wahrscheinlich eher armen Bischöfe die Prunksucht ihrer so netten Bischofskollegen in Deutschland erleben? Denken sie dann vielleicht zu recht an Klassenunterschiede in der einen, angeblich so brüderlichen Kirche. Heiße Themen, an die sich niemand heranwagt. Weil die armen Bischöfe, wenn sie denn relativ, auf ihre Bevölkerung bezogen, tatsächlich arm sind, die paar Euros brauchen, die ihnen die Prunkbischöfe mit ihrem Milliardenhaushalt in Deutschland zuwerfen. Und man fragt sich zum Schluss, was die einst kolonisierten und misshandelten Völker Afrikas eigentlich an die Religion, also das Christentum, ihrer gar nicht so lieben Kolonialherren damals wie heute innerlich und spirituell bindet.

Olivier Ndjimbi – Tshiende, „Und wenn Gott schwarz wäre…“ Gütersloher Verlagshaus, 2017. 17,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Was tun? Wie können wir das Bessere und das Wertvolle tun in politischen Krisenzeiten?

18. September 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Hinweise für ein Gespräch im religionsphilosophischen Salon am 15.9.2017

Von Christian Modehn

Der Titel des Buches der Philosophin Hilal Sezgin „Nichtstun ist keine Lösung“ hat uns zum heutigen Salon inspiriert, einige philosophische Hinweise zu diskutieren: Über das Tun, unser Tun, in einer radikal als Krise und Umbruch erfahrenen Gegenwart. Dabei wird jeder selbst entdecken, wo und wann und wie er sich im politischen Tun neu orientiert. Kriterium bleibt wohl immer: Mein Tun soll vor den Kriterien der allgemeinen Vernunft bestehen.

Eine Reflexion über unser Tun:

Was kann ich tun im Sinne der Verbesserung der Verhältnisse, denn darum geht es. Es soll besser werden, d.h. nicht Krieg geben, sondern Frieden. Nicht dumme Politiker, sondern reflektierte wollen wir wählen können. Und vor allem: Weil ich nie als einzelner und Isolierter lebe und denke: Was können wir gemeinsam tun im Sinne einer Verbesserung der Verhältnisse?

Was kann das Philosophieren da leisten?

Es ist sicher die aus dem Abstand geleistete Reflexion auf einige Begriffe wie TUN und Handeln, beide sehe ich jetzt mal noch als Einheit.

Dabei ist es philosophisch wichtig, bereits auf die Implikationen zu achten, die in meinem Tun immer schon indirekt, oft aber unreflektiert, mit enthalten sind. Dann nämlich ist das neue Handeln zugunsten des Besseren durch uns gar nicht mehr so fern und fremd. Neues und Besseres tun ist keine ferne Idee und unerreichbare Utopie. Mit einem Wort: Wenn wir handeln und immer schon handelten, dann wollen und wollten wir immer schon das Bessere. Wir müssen JETZT nun nur sehen, was denn in dieser Situation das Bessere ist! Das heißt: Wenn ich etwas tue, wenn ich mich um mich kümmere, meine Bildung, meinen Beruf, dann ist darin immer enthalten eine grundsätzliche Lebensbejahung. Ich will durch mein Tun leben! Und zwar möglichst gut leben und damit wohl auch besser als in meinem jetzigen Zustand, weniger krank,, gebildeter, kommunikativer. Selbst wenn ich das Gegenteil von all dem wähle, glaube ich noch, dass der Rückzug oder der Egoismus oder das Verharren auf einem ungebildeten Niveau für mich dann doch das „Beste“ sein soll.

Mit anderen Worten: Ich entkomme in meinem Leben nicht und niemals der Praxis, gut und möglicherweise besser als in meinem jetzigen Zustand zu leben.

ABER: Das gute Leben hat für uns hier in Europa eine andere Bedeutung hinsichtlich des materiellen Wohlstandes als für einen armen Bauern in Brasilien. Er hat sehr berechtigte Wünsche, dass es ihm auch materiell besser geht. Bei uns hier ist der Wunsch nach materiell besserem Leben eher auch problematisch, gebunden an das unreflektierte Dogma des ständigen ökonomischen Wachstums… Fortschritt hat für den Bauern in Brasilien eine andere Bedeutung als für uns. Fortschritt ist für uns hier eher auch Askese, möglicherweise Verzicht, den aber alle leisten sollten, nicht nur die Rentner und prekär Beschäftigten.

Diese Hinweise sind also keineswegs als Bejahung der Wachstums – Ideologie zu verstehen. Das gute Leben ist mehr als das finanziell gute Leben.

Dabei ist aber auch eine weitere Implikation klar: Mein Leben kann ich nur gestalten in meinem Tun, wenn ich anerkenne: Alles, was ich tue, verdanke ich den anderen. Andere haben mich meine „Mutter“ – Sprache gelehrt; andere liefern das Getreide, andere sind bereit, mich zu informieren usw. Das heißt: Wenn ich also handle zu meinen Gunsten, bin ich immer schon eingebunden in ein Netz von anderen. Und das ist entscheidend: Ich kann mich also nur um mein gutes Leben kümmern, wenn ich mich auch gleichzeitig um die anderen kümmere und ihnen die gleichen Chancen einräume wie mir. Und das neue Tun zugunsten des Besseren kann nur in einer neuen Gemeinschaft gelingen.

Diese Implikationen zu erkennen, scheint mir fürs persönliche Philosophieren zentral zu sein.

Indem ich leben will, will ich auch, dass andere gut leben. Das heißt in meiner gesamten Alltags – Praxis ist indirekt der Wunsch nach einem guten und besseren, im Sinne des ethisch besseren Lebens, für alle enthalten. Aber das gute Leben ist jeweils weltweit inhaltlich abgestuft, das ist eine Form der Gerechtigkeit.

Aber was ist eigentlich Tun/Handeln?

Wir müssen erkennen, dass Tun und Erkennen, also Theorie, stets eine Einheit sind. Es ist nicht so: Hier erkenne ich sozusagen erst mal isoliert vom Tun am Schreibtisch etwas, widme mich also dem Geistvollen und der Theorie. Und dann trete ich aus der Studierstube hinaus und handle in einem eigenen, vom Erkennen, getrennten Vorgang. Diese falsche Vorstellung einer totalen Trennung von Theorie und Praxis fällt mir immer ein, wenn ich an die Parteitage der SED oder der KPDSU denke: Da hieß es: Wir müssen die Beschlüsse, also die angehoben theoretischen Erkenntnisse der Parteitage, nun in die Praxis umsetzen, also in der Außenwelt gegenüber der Innenwelt der Theorie realisieren. Grüner Tisch gegen Realität könnte man diese Konzeption nennen. Diese Praxis – Vorstellung herrscht immer noch vor. Sie ist falsch.

Alles menschliche Leben ist immer schon Tat. Darauf hat Heidegger in „Sein und Zeit“ hingewiesen: Er beginnt seine Analysen mit dem In-der-Welt-Sein des Menschen.

Wir sind jeweils als ein sich wissendes Ich entstanden aus einer ursprünglichen Tathandlung, darauf hat der Philosoph Fichte schon in seiner Wissenschaftslehre von 1794 hingewiesen. Ihm geht es um die Erkenntnis der innersten geistigen Struktur, wie der Geist erwacht, mein Geist, und wie er sich in der Gleichzeitigkeit als Ich weiß und als Ich bejaht, „setzt“, sagt Fichte. Der Mensch als jeweiliges Ich ist also Ergebnis eines Tuns. Geist und Tun sind also identisch.

FICHTE zeigt den Primat der Praxis vor der Theorie und spricht „von einer Subordination, Unterordnung, der Theorie unter das Praktische“.

„Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln bestimmt sind (also immer schon handeln müssen, CM). Die praktische Vernunft ist die Wurzel aller Vernunft“ (Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, 1794).

Der Mensch setzt sich selbst als vernünftiger Mensch, das Tun des Setzens ist mit dem Produkt, dem sich gesetzten Menschen, identisch: „Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es setzt sein Sein, vermöge seines bloßen Seins“ . Das Ich ist also zugleich das Handelnde, und das Produkt der Handlung; das Tätige, und das, was durch die Tätigkeit hervorgebracht wird; Handlung, und Tat sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: Ich bin Ausdruck einer Tathandlung“. (Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. Hamburg, Meiner, 1997, S. 16). Ich bin also im tiefsten und wesentlichen immer tätig. Ich bin immer tätig, auch wenn ich nur nachdenke.

Wir müssen ein neues Verständnis fürs Reflektieren als Tun gewinnen: Dieses Reflektieren ist ein Präsentsein in der Gegenwart, es ist das Beobachten der Wirklichkeit, das lebendige und kritische Dasein in der Gegenwart. Denken ist Tun.

Erst, wenn es Handlungsmöglichkeiten gibt, das Bessere zu tun, sollten wir eingreifen. Es ist dies der Kairos, der richtige Augenblick, den es manchmal abzuwarten gibt. Ein Kairos mag später noch einmal wieder kommen, aber dann unter erschwerten Bedingungen für eine bessere Zukunft. Man denke etwa an die Abweisung der Klimaverträge durch die Trump – Regierung. Den verpassten Kairos zu reparieren ist mühevoll, manchmal unmöglich.

Auf dieses INNERE TUN gilt es zu achten:

In jedem Denken als Tun spielt auch eine Entscheidung hinein: Also die Reflexion ist dabei: Was will ich jetzt als im Augenblick Wichtiges tun? Erlebe in mir eine Art Aufruf: Was ist jetzt wichtig für mich? Ich stehe in einer Situation der Entscheidung. Und folge dann dem Üblichen, dem Eingespielten, dem Ritus, oder entscheide mich neu für was anderes.

Dieses innere Erleben und innere Reflektieren der Entscheidungssituation ist der Ursprung der Handlung und der Tat: Ich bin stets inmitten von Entscheidungen, die meisten alltäglichen aber „laufen“ förmlich nach Gewohnheit ab. Ich tue also immer etwas, und die Frage ist nur: Was ist das richtige Tun für mich und was ist in diesem Tun auch für die anderen, die Gesellschaft hilfreich und gut?

Dies ist die Frage, die im Übergang, im Zwischenraum der Entscheidung fürs Tun, für neues Tun, gestellt wird. Dies ist aber entschieden eine Frage, die auch nach einem Sollen fragt, was denn sein soll zumindest für eine Gruppe, im Grunde aber für die Welt der Menschen im ganzen. Denn alle Menschen sind als Menschen bekanntlich gleichberechtigt. Das Tun des Guten, vermittelt durch den kategorischen Imperativ oder durch eine abwägende Ethik, ist nötig. Aber es muss eben das Tun des Guten sein. Etwa die Entscheidung, viel weniger Fleisch zu essen, vegetarisch zu leben, dann gerate ich in ein neues Lebensmodell: Ich bin aus der Welt der Fleischkonsumenten in die Welt der Vegetarier eingetreten. Ich bin sozusagen ein Konvertit. Der Dialog ist die Mitte fürs Denken als Tun: Das Sich Aussprechen mit anderen, die Korrekturen, die gemeinsamen Verabredungen fürs Tun in der Gesellschaft sind Mittelpunkt des Tuns als Reflexion.

Wer meint, politisch absolut nichts zu tun und nicht einmal wählen geht, stärkt mit seinem Nichtstun die Rechten und Rechtsextremen. Denn diese militanten Leute gehen eben unbedingt zur Wahl und machen ihre Partei gegenüber demokratischen Parteien stark. Die Demokratie kann an der Faulheit der Demokraten zugrunde gehen.

Was also leistet das Philosophieren?

Es ist die Denkpraxis der Analyse, der Kritik, der Selbstkritik, es ist das Abstandnehmen von Selbstverständlichkeiten, es ist der Mut, Neues im Denken zu entdecken und diese Entdeckung nicht bloß als Theorie abzutun, sondern als Beginn einer Handlung und Tat, weil das Denken selbst schon Tat ist. Die konkrete Arbeit, etwa in der Kritik der Ökonomie, etwa gegen Steuertricks vorgehen im Rahmen von ATTAC: EU muss gegen Steuertricks von Facebook, Apple, Amazon und Co. vorgehen. Die philosophische Analyse öffnet Wege ins Tun, in andere Wissenschaften, in politische Praxis, wobei die Philosophie immer das Kriterium vorlegt: Ist das ethisch gut, was ich da tue. Das heißt: Das philosophische Denken verlässt niemals das geistvolle Leben.

2. Die antike und mittelalterliche Philosophie hat streng getrennt zwischen Theoría und Praxis. Theoria also als Kontemplation verstanden, die mit dem politischen Tun des Bürgers, und dies war damals Praxis, nichts zu tun hatte. Mit dem Göttlichen wird der Mensch vereint in der Theoria, der Kontemplation, nicht in der Praxis: Man bedenke den radikalen Unterschied etwa zur Weisheitslehre Jesu: Da wird von Jesus das Tun des Guten (Helfen, Speise geben, Kranke Besuchen, Nackte bekleiden usw.) als Praxis beschrieben, die mit Gott verbindet. Praxis also ist Gottesdienst. Heute bedeutet religiöse Praxis, sonntags zur Kirche zu gehen und zu beten, das heißt dann Gottesdienst, welch ein Unterschied zu Jesu Weisheit. Da wäre über jüdisches Denken und griechisches Denken, also über die Rolle der Theoria jeweils.

Wegen der Bindung an griechische Philosophie (und der Distanz von jüdischem Denken) hat sich die spätere Kirche von Jesu Weisheit distanziert und das kontemplative beschauliche Dasein der Mönche lange Zeit als den besseren Weg zu Gott gehalten, besser und gottgefälliger als den Weg der Laien, die in der Welt zu tun hatten. In der Reformation wurde diese Sicht aufgegeben.  In der Philosophie Geschichte hat Kant förmlich auch einen philosophischen Trost zu bieten für Menschen, die handeln, aber im Handeln zur Resignation, zur Hoffnungslosigkeit neigen, „weil mein kleines Handeln ja nichts nützt“, sagen viele.

Diese Frage im Hintergrund, beantwortet Kant in mehreren seiner Hauptschriften. Zusammengefasst:

Bei KANT wird dann Praxis als Tätigkeit verstanden, die eine Anwendung von Begriffen und Prinzipien bedeutet. Und diese Tätigkeit bezieht sich auf die sinnlich vermittelte Erfahrung, also auf die Außenwelt der Dinge und der Natur um uns herum.

Dieses Tun hat als Voraussetzung den freien Willen. Der Wille reagiert nicht passiv auf etwas, sondern er entscheidet sich frei etwas zu tun.

Aber dieses Tun ist geleitet von den allgemeinen moralischen Prinzipien. Ein Beispiel: Ich will jetzt Gutes tun, mich für eine Klinik der Armen engagieren z.B. Ich erkenne das in meinem moralischen Bewusstsein, dass ich das unbedingt tun soll, weil die Not um mich herum oder in der Ferne so groß ist.

Da ist es interessant, dass Kant dieses – selbstverständlich im Umfang immer begrenzte – Tun des Guten vor der Verzweiflung bewahrt, zu der einzelne, wenn er etwas Gutes tut, oft neigt: Es gibt Rückschläge, Widerwärtigkeiten, Erfolglosigkeiten usw…

Kant will gegen den sich einstellenden Defätismus vorgehen. Er will gegen die Verzweiflung vorgehen, die sich in der Praxis ergibt.

Er sieht durchaus, dass die christliche Religion da Hilfen bietet, indem sie sagt: Dein Tun wird gottwohlgefällig sein und letztlich dem Aufbau des Reiches Gottes beitragen. Dieser Gedanke, dass nichts gut Getanes vergeblich ist, tröstet religiöse Menschen.

Kant will aber die religiösen Inhalte in eine rationale Argumentation für alle (!), auch für Nicht – Christen, überführen, darum sagt er: Das Tun des Guten, das Entsprechen also dem moralischen Sittengesetz also, befördert „das höchste Gut“ der Menschheit, das ist sozusagen ein säkularisierter Begriff des christlichen Reiches Gottes. Habermas spricht davon, dass Kant, Hegel und Marx dabei noch den „Stachel des religiösen Erbes“ spüren lassen.

3.  Was führt uns ins TUN und was führt uns im Tun?

Da muss über den MUT gesprochen werden. Dabei ist zu erkennen, dass Mut eine zwiespältige Praxis ist. Mut kann Tugend und Untugend sein: Wer sein eigenes Leben gefährdet und einen Ertrinkenden rettet, ist mutig. Wer voller Stolz eine Bombe an seinen Körper legt und diese zündet und sich und andere tötet, ist zwar nach außen hin mutig, de facto aber ein Verbrecher. Tugendhaft mutig sind diejenigen, die immer noch Flüchtlinge auf Schlauchbooten im Mittelmeer retten, eher feige und einfallslos sind diejenigen Politiker, die ihre Nationen einmauern, die die verbrecherischen libyischen Machthaber um Hilfe bitten, doch die Flüchtlinge von unseren Wohlstandsinseln fernzuhalten.

Mut als Tugend hat also immer mit dem Schutz des Lebens und der Förderung anderer zu tun. Martin Seel sagt in seinem empfehlenswerten Buch „111 Tugenden, 111 Laster“, S. 178: „Mut ist eine Tugend von irritierender ethischer Neutralität“. (siehe das Beispiel des mutigen Verbrechers). „Mutig sind Personen, die bereit sind, unter bestimmten Umständen ihr eigenes Wohl aufs Spiel zu setzen oder zu gefährden… „Nur wer Angst verspürt, kann Angst überwinden“, also dann doch mutig eingreifen.

Mut ist auch die Tugend, etwas (neu) zu beginnen. Und die Tugend, das richtig Begonnene weiter zuführen. Mut ist die Tugend, sozusagen im Gegenwärtigen transzendierend auf das Bessere zu hoffen. Man muss kämpfen, weil alles andere unwürdig ist. Feiglinge sind meist unangenehme Typen.

Dem Mut gegenüber steht vor allem die Willensschwäche: Thomas von Aquin sagt, der Willensschwache halte sich nicht an seine eigene Erkenntnis, „er geht nachlässig mit den eigenen Erkenntnissen um“ (Seel, S 54). „Die Willensschwachen verlieren die Selbstbeherrschung, indem sie einer Verlockung nachgeben, die ihren eigenen generellen Vorsätzen direkt widerspricht“ (ebd.) Gute Vorsätze haben mit der Zukunft zu tun, aber die jetzige Gegenwart steht uns näher: Wer da in der Gegenwart genießt, vergisst die bessere Zukunft. „Ein bisschen Regression darf sein“, denken wir dann falsch und handeln falsch

Der Mut als Tugend als Engagement für das bessere Leben der andern und deswegen auch meines Lebens ist eine Art Dynamis, eine Art innerer Schwung, der das Leben begleitet. Mut ist die geistige Triebkraft im Handeln, also im Leben.

Was bedeutet das heute? Wo können wir noch mutig sein?

Mut die richtige Sprache sprechen. Nicht nachplappern. Die richtigen Analysen machen, die der Selbstkritik standhalten. Selbst reflektierend sprechen. Fakten als Fakten anerkennen. Mutig ist, wer als Abweichler auffallen. Mut ist, nicht allen Blödsinn etwa der Parteien als Parteimitglied noch mitzumachen, sondern eben auszusteigen. Das gilt selbstverständlich auch für religiöse hierarchische Machtorganisationen.

Mut ist als politische Tugend die Haltung des reflektierten Ungehorsams.

Was tun, wenn ich nichts mehr machen kann in offenbar ausweglosen Situationen? Eine schwere Frage religionsphilosophische und theologische Frage, die jeder und jede aufgrund seiner je eigenen Spiritualität beantworten kann.

Da gibt es etwa den in der Türkei gefangenen, aus Berlin stammenden Journalisten und Menschenrechts- Aktivisten Peter Steudtner. Er ist mit der evangelischen Gethsemane Gemeinde in Mitte verbunden.

Was können seine Freunde tun in dieser Situation der Gefangenschaft? Natürlich kann jeder individuell an ihn denken und versuchen, diese Gedanken ihm im Gefängnis irgendwie zu übermitteln.

Etwas anderes ist möglich im gemeinsamen Tun:

In der Gethsemanekirche wird regelmäßig Peter Steudtner in öffentlichen Gottesdiensten gebetet.

Was heißt da Beten und Bitten? Gott soll Peter Steudtner aus dem Gefängnis holen? Dies kann nicht das Ziel des Gebetes sein. was wäre dies für ein unvernünftiges Gottesbild. Wer an Gott glaubt, will doch nicht an einen unvernünftigen Gott glauben: Etwa: Gott soll Peter Steudtner retten, nicht aber die andere in der Türkei gefangene Menschenrechtsaktivisten, für die vielleicht niemand betet usw…

Das Gebet gilt den Betenden, den Versammelten: Sie wollen sich in der Gemeinschaft in einem Raum besonderer Art, einer Kirche, sammeln und sich stärken, Peter Steudtner niemals zu vergessen. Nicht das Elend in der Türkei zu vergessen, nicht das – geistige, politische – Elend der Welt zu vergessen. Die stärkende Kraft des Ritus ist nicht zu unterschätzen: Kerzen anzünden. Sprechen, Stammeln, Singen, einander die Hand reichen… und wissen, dass andere da sind, die die eigene Lebensauffassung teilen. Glauben diese Menschen, dass sich ihre geistige Energie, nennen wir dies Gebet, sich förmlich bündelt? Sich überträgt, dass sogar die betreffende Person diese Energie spürt? Davon sind manche überzeugt, auch wenn es dafür selbstverständlich keine Beweise gibt. Ich erinnere nur an die Widerstandskämpfer in der Nazizeit: Wenn diese Männer dann Briefe von ihren Frauen im Gefängnis erhielten, die versicherten: Ich denke an dich, war dies eine unglaubliche Stärkung, den eigenen Weg, wie auch immer, möglicherweise bis zur Hinrichtung, zu gehen, weil sie sich nicht nur in der Welt der Familie geborgen wussten, sondern in einem letzten Sinngrund, der größer ist als alle Gewalt und Politik.

Dass es sinnvoll ist, in solchen Situationen weiterzuhandeln, hat ja Kant gezeigt: Wir können in unserem Handeln, das sich immer in komplexen Zusammenhängen gestaltet, niemals alle einzelnen Wirkungen unseres so begrenzten Tuns voraussehen. Wir wissen nur, dass es Wirkungen gibt in jeglicher Aktivität, in jeglichem Sprechen… sicher auch in unserem philosophischen Salon….

Es gibt aber durchaus Situationen der Aussichtslosigkeit, wo sich der einzelne nur noch in seiner persönlichen Poesie, seinem Gebet, dem jeweiligen persönlichen Gott anvertrauen kann. Um aus dieser poetischen Praxis Energie für sein und unser Leben, auch für den Ungehorsam, den Widerstand, zu finden…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Literaturtipps zum Salon am 15.9.2017

Philipp Blom, Was auf dem Spiel steht. (Für eine neue Aufklärung unter den Prämissen des 21-. Jahrhunderts). Hanser Verlag 2017, 223 Seiten, 20 Euro.

Hilal Sezgin, Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs. Dumont Verlag, 2017, 159 Seiten, 14 Euro.

Martin ROTH: WIDERREDE. 2017, 96 Seiten, 9,95 Euro. Edition Evangelisches Gemeindeblatt: Auf der Spiegel Bestseller Liste! Mit großer Sorge beobachtete Martin Roth – bis Herbst 2016 Direktor des Victoria and Albert Museums in London – die aktuellen politischen Entwicklungen in Europa. Entsetzt über den Brexit verließ er seine Position als Museumsdirektor in Großbritannien und kehrte nach Deutschland zurück. Roth sah die politische Kultur und die Idee Europas in großer Gefahr – nicht nur, weil Politiker in seinen Augen die Politik allzu oft als bloße Machterhaltungsmaschinerie begriffen, sondern auch, weil die Bevölkerung den Politikern zu viel überließ… Martin Roth ist am 6.8. 2017 plötzlich gestorben…

Zur Philosophie über die Tugend des Mutes:

Sehr inspirierend ist das Buch über Tugenden und Werte des von mir schon oft empfohlenen französischen Philosophen André Comte – Sponville. „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“, RoRoRo, meine Ausgabe von 2001 kostete damals nur 8, 90 Euro. Zum Mut dort S. 59 bis 75.

Nach wie vor empfehlenswert das Buch des Frankfurter Philosophen Martin Seel, „111 Tugenden, 111 Laster“. S. Fischer Verlag, 2011, zum MUT S. 178 ff.

Zur Tugend des Ungehorsams: immer noch grundlegend:

Das Buch des Freundes von Montaigne, also von Etienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft, mehrere Ausgaben, etwa auch: Europäische Verlagsanstalt.

Henry David Thoreau, Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Viele Ausgaben.

 



Was tun? Ein philosophischer Salon über den Mut, diese schwierige Tugend.

13. September 2017 | Von | Kategorie: Der nächste Salon, Termine

Der nächste religionsphilosophische Salon findet am Freitag, den 15. September 2017 um 19 Uhr in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin-Wimersdorf statt.

Angesichts der allgemein erfahrenen Hilflosigkeit gerade auf dem politischem Feld stellt sich die Frage: Was können wir (noch) tun? Diese Frage wird zu einer Reflexion über die schwierige (politische) Tugend, den MUT. Wir werden uns austauschen und dabei u.a. die Bücher „Was tun ?“ des französischen Philosophen Jean Luc Nancy im Hintergrund  mit bedenken (das Buch erschien im Diaphanes Verlag) und der deutschen Philosophin Hilal Sezgim „Nichtstun ist keine Lösung“ (Dumont Verlag). Es geht also um mehr Klarheit zu dem Thema: Was tun wir notgedrungen immer schon? Was können wir in unserem gemeinsamen Tun so verändern, dass noch (politische) Verbesserungen in der allgemeinen Misere möglich sind. Aber was wären die Maßstäbe für ein neues, besseres gemeinsames Tun? Und warum tun wir in der Hinsicht so wenig gemeinsam? Fehlt uns der Mut? Es ist so gar ein Zeichen für die gelebte Tugend Mut, in dem Zusammenhang auch über (eigene, gemeinsame) Faulheit, Trägheit, Ausreden, Resignation nachzudenken?  Lassen wir es zu, dass uns die „miesen Verhältnisse“ unsere Lebendigkeit abtöten?

Herzliche Einladung. Für die Raummiete bitte ich um einen Beitrag von 5 Euro.

Anmeldundungen sind erwünscht an: christian.modehn@berlin.de



„Die wahren Künstler sind die religiösesten unter allen Sterblichen“: Zum 100. Todestag von Auguste Rodin

13. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Vor 100 Jahren, am 17. November 1917 ist der Bildhauer Auguste Rodin gestorben (geboren am 12. Nov. 1840). Der Religionsphilosophische Salon hat immer Interesse, Spuren des Religiösen und des Christlichen zu entdecken, in welchen Formen und Artikulationen auch immer. August Rodin sagte: „Si la religion n’existait pas, j’aurais eu besoin de l’inventer. Les vrais artistes sont, en somme, les plus religieux des mortels“.

Weitere Hinweise folgen.



Über das Nichts hinaus. Paradoxien des Nihilismus. Eine Radiosendung im RBB

12. September 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Eine RADIOSENDUNG im RBB Kulturradio am Sonntag, dem 22. Oktober 2017, von 9.04 bis 9.30 Uhr

Von Christian Modehn

Der Nihilismus ist zuerst ein Lebensgefühl, bevor er philosophisch und religiös Ausdruck findet. Mitten im Alltag erscheinen Bindungen an Werte banal, Freundschaft und Liebe langweilen, Gottesbilder wirken belanglos. Das Gefühl der Sinnlosigkeit macht sich breit. Wenn nichts mehr Lebendigkeit verheißt, legt sich das Nichtige wie ein Schleier über alles. Ist der Nihilismus eine Art Endstation der Verzagten und Verzweifelten? Oder gibt es inmitten von allem Nein Wege zu einem verwandelten, neuen Leben hin? Der Philosoph Nietzsche war dieser Meinung. Er plädierte nach dem Tod Gottes und dem daraus folgenden Nihilismus allerdings für den „Übermenschen“. Anders die Mystiker wie Meister Eckart. Sie bejahen die Leere, finden gar über das Nichts hinaus den wahren, den „göttlichen Gott“. Im Nein zeigt sich für religiöse Menschen ein Ja, das stärker ist als die negative Kraft des Nichts.

 



An welchen Gott können wir, sollten wir, heute glauben? Ein religionsphilosophischer Salon anlässlich des „Thesenanschlags“ vor 500 Jahren.

12. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Der nächste Salon, Termine

Der Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren kann naturgemäß vom Religionsphilosophischen Salon Berlin nicht einfach übersehen werden. Das weiß nun jede(r): Am 31.10.1517 wurde eine Wende in der Geschichte nicht nur der Religionen eingeleitet… Wir stellen uns also in unserer Sitzung am Freitag, den 20. Oktober 2017, um 19 Uhr, dieser aktuellen (!) Reformations – Frage, die ein heutiger Luther stellen müsste:

An welchen Gott (Göttin) können wir, sollten wir, wollen wir heute glauben und … diesen Gott (be)denken.

Dabei stellen wir uns auch philosophisch die Frage: Selbst wer sagt, an keinen Gott zu glauben, der also das Glaubens – Bekenntnis des Atheisten ausspricht, hat doch irgendeinen anderen Gott, verstanden als absoluten Mittelpunkt in seinem Leben? Der Salon am 20. Oktober könnte auch zu einem mehr persönlich „gefärbten“ Gespräch werden, um einmal den üblichen, richtigen „Abstand“ vom eigenen Meinen und Fühlen im philosophischen Reden ein wenig abzuschwächen.

Herzliche Einladung also zu einem Gespräch, das auch der Reformation eigenen Denkens und Handelns dienen kann.

Wir treffen uns in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Zur Einstimmung gibt es viele Bücher und Texte. Eine Möglichkeit ist etwa: Die „neun komma fünf Thesen“ (anstelle der 95 von Luther), die ich hoffentlich als  Provokation auf diese website vor längerer Zeit schon gestellt habe.

Anmeldung also wegen der begrenzten Anzahl der Plätze erbeten an: christian.modehn@berlin.de



„Nichtstun ist keine Lösung“

4. September 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn am 3.9.2017

Die Philosophin und Journalistin Hilal Sezgin (geboren 1970 in Frankfurt am Main) hat ein wichtiges, gut lesbares Buch verfasst, das reflektierte Klarheit bringt zu der Frage: „Was tun?“ Und das, damit zusammenhängend, Kritik übt an der alltäglichen beliebten Ausrede: „Ich kann nichts politisch Wirksames tun durch mein Engagement“. Oder: „Die Welt ist so ungerecht, da hilft mein Tun zugunsten von mehr Gerechtigkeit nichts“.

Es ist das kritische, und das ist immer auch das selbstkritische Nachdenken, das sich gegen diese gängigen, dummen Sprüche wehrt. Grundsätzlich gilt: „Wenn wir das Gute nicht tun, wird das Schlechte überhand nehmen und uns in den Abgrund reißen“ (S. 13), schreibt die Autorin. „Das Gute“ gibt es als solches selbstverständlich in dieser abstrakten Allgemeinheit nicht, gemeint ist: Das Tun zugunsten konkreter politischer Gerechtigkeit; der Respekt vor der immer mehr zerstörten Natur; die Anerkennung, dass die Menschen im reichen Europa ihre Lebenshaltung ändern müssen, wenn sie glücklich sein wollen usw. „Das Schlechte“, ebenfalls in überschaubarere Strukturen übersetzt, kann dann bedeuten: Der ausbeuterische Welthandel zugunsten der reichen Länder; das Zulassen des Elends etwa in Afrika; die Ignoranz gegenüber dem Rassismus; die Gewöhnung an die unmoralische Tatsache, dass die Armen immer ärmer werden; die Angst, Flüchtlinge seien prinzipiell eine Bedrohung auch ökonomischer Art usw.

Hilal Sezgin präsentiert keine langen Listen von den vielen lebendigen Menschen, die aus dem resignativen Nichtstun herausgefunden haben. Sie argumentiert sehr freundlich, aber immer sehr überzeugend und nachdrücklich dafür: Du kannst noch handeln in dieser verrückten Welt: Wenn du dich selbst nicht überforderst; wenn du nicht der Illusion verfällst, die ganze Welt zu retten, sondern realistisch einen kleinen, dir typischen Bereich der Hilfe und des Nachdenkens aussuchst; und vor allem: Wenn du mit anderen zu handeln lernst.

Hilal Sezgin weist auf unbequeme Tatsachen hin: „Warum diffamieren wir Gutestun und diejenigen, die Gutes tun, so häufig?“ (S. 31), etwa so: „Der Gutmensch will sich doch nur noch vorne drängen“. Wir sollten im gemeinsamen Tun vor allem Konkurrenz – Denken überwinden. Nicht jeder muss das gleiche tun, der hilfsbereite Nachbar hat andere Fähigkeiten zu helfen als ich. Jeder und jede sollte aber entdecken: Wo sind meine eigenen Stärken und Möglichkeiten meiner mir denkbaren Hilfe. Und: Wer Ungewöhnliches, Störendes, Provokatives ausspricht, sollte erst mal gehört und ernst genommen werden.

Man lese etwa die Reflexionen Hilals zu den Menschen, die absolut nicht mehr helfen wollen, weil sie, so sagen sie gern, „einmal geholfen hatten und dabei schlechte Erfahrungen gemacht haben“ (S. 58). Wenn dieses Prinzip des „Einmal“ immer gelten würde, dürfte man nie mehr eine Kneipe betreten: Denn einmal wurden wir sicher schon sehr schlecht bedient. Die Autorin weist auf skandalöses Verhalten, auch von CDU Politikern, hin, die etwa angesichts so vieler Ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer empfehlen: Man müsse nicht zu viel Rührung zulassen, und sich von diesen Fotos nicht erpressen lassen und eben auch mal wegschauen (S. 63).

Lesen wir auch die von der Autorin empfohlenen Bücher des Ökonomen Branko Milanovic (er hatte eine leitende Funktion in der Weltbank, ist also alles andere als ein Sozialist oder Kommunist…) „Es gibt einen Ortsbonus, d.h. die Geburt in einem reiche Land. Wer in einem armen Land zur Welt hat sozusagen eine „Ortsstrafe“ ( 79). Viele Menschen in den reichen Ländern handeln nach der ins Grausame verkehrten Formel der Goldenen Regel, die nun heißt: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg halt einem anderen zu“ (S. 78).

Sehr dringend erscheinen die Hinweise von Hilal Sezgin zu einer neuen Pflege und Kultur des VERZICHTS (82). Mit besonderer Aufmerksamkeit ist sicher das Kapitel zu lesen „Ethik als Verbundenheit“ (87 ff.)

Interessant sind die persönlichen Hinweise der Autorin: Ihr Leben als Veganerin oder etwa ihre Verbindung mit den Sufis, vor allem mit Hazrat Inayar Khan.

Insgesamt: Ein empfehlenswertes Buch, auch geeignet für Gruppengespräche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Jacob Böhme – ein Religionsphilosoph für unsere Zeit!

1. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Ein kurzer Hinweis von Christian Modehn

Über den Philosophen und Mystiker Jacob Böhme (1575 – 1624) haben die „Staatlichen Kunstsammlungen Dresden“ eine sehr beachtliche Ausstellung gestaltet, die kein religionsphilosophisch Interessierter, ja selbstverständlich kein kulturell Interessierter versäumen sollte! Bis zum 19. November 2017 kann die Ausstellung in der Schlosskapelle des Residenzschlosses Dresden besucht werden, täglich außer dienstags.

Jacob Böhme verdient Beachtung, Lektüre, Mitdenken und Debatte vielleicht heute noch mehr als im 16. und 17. Jahrhundert. Hegel sagt in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ (Band 3, Suhrkamp 1971, Seite 94) sehr treffend: “Böhme ist genannt worden der philosophus teutonicus, und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigentümlichen Charakter hervorgetreten. Es ist uns wunderbar zumute beim Leben seiner Werke; und man muss mit seinen Ideen vertraut sein, um in dieser höchst verworrenen Weise (der Texte Böhmes, CM) das Wahrhafte zu finden“. Eine mühsame Aufgabe auch heute! Immerhin widmet Hegel in seiner Vorlesung Böhme viel Aufmerksamkeit! Das Böhme Kapitel in dem genannten Buch umfasst immerhin 28 Seiten! Dabei ist Hegel aus seiner Position durchaus kritisch gegen Böhme, spricht von der „Barbarei in der Ausführung der Böhmeschen Gedanken“ (S. 118), von „gewaltsam sinnlichen Vorstellungen“ in Böhme Sprache. Dabei respektiert aber Hegel die “größte Tiefe“ von Böhmes Gedanken, „diese Tiefe hat sich mit der Vereinigung der absolutesten Gegensätze herumgeworfen“ (ebd.).

Denn der Philosoph und Mystiker aus Görlitz hat eine zentrale Erfahrung gemacht und zu Wort gebracht, auch wenn seine Sprache, seine Begriffe heute manchmal sehr vermischt und schwer zugänglich erscheinen: Aber es gibt eine zentrale Einsicht, sie berührt genau den heutigen globalen Umbruch der religiösen Situation in einer säkularisierten Welt. Gleichzeitig bieten Erfahrungen und Erkenntnisse Böhmes gerade auch Auswege an, angesichts des langsamen, aber sehr deutlichen Verschwindens der orthodoxen, katholischen oder evangelischen, aber in allen Fällen dogmatisch versteinerten Kirchenformen in Europa.

Was ist also inspirierend in Böhmes Erkenntnis? Dass Gott als der Ewige in jedem Menschen lebt. Und dass dies das einzig Wichtige und Entscheidende ist: Alle bürokratischen Kircheninstitutionen, aller Klerus, alle feierlichen Messen und Gottesdienste, alle Lehrschreiben usw. sind gegenüber der ewigen Präsenz des Ewigen IM Menschen mindestens sekundär! Was ist entscheidend? Die Pflege und Achtsamkeit auf diesen Gott In mir und IN uns. Und folglich wäre dann die Einrichtung von Gruppen, Kreisen, Salons usw., die diese Gestalt des Menschseins in aller Freiheit auch mit so genannten Atheisten besprechen.

Man möchte meinen, dass Böhme mit seinem absoluten Plädoyer für den Gott IN mir und IN uns eine gewisse Form moderner liberaler, d.h. auch freisinniger Theologie da formuliert. Dem wäre später eingehend einmal nachzugehen.

Die Gottesbeziehung ist nach Jacob Böhme also nichts Äußerliches, keine zuerst auf Worte. Lehren und Dogmen bezogene Lebenshaltung. Das setzt ihn heraus aus der lutherischen Orthodoxie. Manche Überzeugungen wirken gar katholisch, etwa wenn er die Weisheit verehrt wie eine jungfräuliche, weibliche Seite Gottes.

Auf Gott als der inneren und ewigen und ungeschaffenen und damit vom Tod nicht berührten Wirklichkeit bezieht sich der Mensch, wenn er sich auf sich selbst, seinen Geist und damit seine Freiheit bezieht.

Diese eine entscheidende Grundeinsicht wurde Jacob Böhme förmlich geschenkt: Alles gründet bei ihm auf einer mystischen Erfahrung, einer plötzlichen Einsicht, einer Erleuchtung: Die er aber nicht spinös oder fanatisch herausschreit, sondern in einem langen Reflexionsprozess gedanklich und sprachlich bearbeitet und zu Papier bringt. Man nennt ja manche Komponisten, wie Mozart, mit dem etwas altertümlichen Wort „Genie“. Ebenso ist es ja sicher treffend, Dichter, wie Goethe, genial zu nennen, ohne dabei in einen säkularen Heiligenkult umzukippen. Mit diesem Vorbehalt kann man selbstverständlich auch Philosophen genial nennen in der Konzentration ihres Gedankens. Jacob Böhme könnte wohl zu diesen Philosophen gehören. Er, der kluge Autodidakt, der ja bekanntermaßen das Schusterhandwerk gelernt hatte, also alles andere als ein stolzer, klerikal gebildeter Pfarrer oder gar Theologieprofessor war. Er hat sich alle Kenntnis selbst erworben und sich in damalige Theologie, Philosophie und die Wissenschaften eingearbeitet. Dass er dabei auch auf die Alchemie in gewisser Hinsicht zurückgriff, hängt ab von seiner Bindung an die gängige Kultur seiner Zeit. Er kannte die Arbeiten des damals hoch geschätzten Naturphilosophen Paracelsus (also Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493 – 1541). Schon Paracelsus legte – wie Müntzer – allen Nachdruck auf eine Kirche, die vom Geist, nicht aber vom toten Buchstaben, regiert wird. Die theologischen Auffassungen (seine Abweisung der gewaltsamen Mission, der Bekehrungen, sein Eintreten für die Gleichheit aller Stände) verdienen viel mehr Aufmerksamkeit als ihn bloß in die Ecke von Astrologie oder Magie zu stellen).

Jacob Böhme, der „Laie“ also, störte den dogmatischen Betrieb der lutherischen Kirche in Görlitz und anderswo. Nicht weil er stören wollte, sondern weil seine Erkenntnis so universal ist, dass sie den Frieden in der Welt, mitten im Dreißigjährigen Krieg, hätte bringen können: „Gott ist kein Gott der Christen“, sagt Böhme sehr treffend, Gott gehört keiner Konfession, Religionskriege sind Gotteslästerung, könnte man fortfahren. Religionskriege haben bis heute ihre Ursache in der Bindung an Dogmen, die der Vernunft nicht zugänglich. Dogmenferne und Friedfertigkeit gehören also auch für Böhme zusammen!

Er, der sich auf die Erfahrungen des heiligen Geistes berief und diese wichtiger fand als die ewige Wiederholung und das ständige Nachsprechen von Bibelworten, Böhme also, hat die Menschen seiner Zeit bewegt, weil er keine trockene Bücherlehre verkündete, sondern aus dem Leben selbst stammende Erweise des Wirkens Gottes im Menschen. Diese starke Bindung an die Wirkkraft des Geistes – gegen den trockenen Buchstaben der Bibel – erinnert an Thomas Müntzer, den Böhme sicher nicht kennen konnte: Denn Luther und seine Nachfahren hatten auch für den geistigen Tod des Reformators Müntzer gesorgt.

Aber auch Böhme wurde verfolgt, geschmäht, diffamiert. Die Herren der Kirche machten ihm das Leben sehr schwer. Seine Texte duften in Deutschland nicht gedruckt werden, als Abschriften von Hand wurden sie weitergereicht. In Holland, dem liberalen Land, konnten Böhmes Texte gedruckt werden, nicht nur auf Deutsch oder Niederländisch, sondern auf Englisch. Eine feste „Böhme – Gemeinschaft“ oder gar “Böhme – Kirche“ hat sich langfristig nicht gebildet, auch wenn eine kleine Begleitbroschüre zur Ausstellung auf S. 6 betont: „Viele Anhänger Böhmes gingen wegen religiöser Verfolgung ins niederländische Exil“. Der bekannte Spezialist für westliche esoterische Philosophie, Prof. Wouter J. Hanegraaff, UNI Amsterdam, erwähnt immerhin kleine „Böhme-Gruppen“: wie die „Angelic Brethren“ von Johann Georg Gichtel (1638 – 1710) oder die „Philadelphian Society“ von John Pordage (1607-1681) oder Jane Leade (1623- 1704), die erste `philosophisch – esoterische` Frau, wie Hanegraaff erwähnt (in: „Western Esotericism“, Bloomsbury,2013, Seite 32). Die Ideen einer „christlichen Theosophie“ (so Hanegraaff) verbreiteten sich dann weiter übe Friedrich C. Oetinger, Louis – Claude de Saint Martin und Franz von Baader…

Ein eignes Thema ist die Frage, die Böhme nicht zur Ruhe kommen ließ: Wie kommen Leiden und Böses in die Welt? Böhme denkt in diese Richtung. Wenn Gott der Schöpfer von allem ist, dann müssen auch das Böse, das Leiden, ihren Grund in Gott selbst haben…

Im ganzen gesehen hatte Böhme keine „philosophischen“ Schüler, die – wie etwa im Falle Hegels – nach dem Tod sein Werk „fortsetzten“.   Das ist eine Mangel, zumal wenn man bedenkt, dass bis heute meines Wissens keine ins moderne Deutsch übertragene kritische Gesamtausgabe von Böhmes umfangreichen, verstreut vorliegenden Werken gibt. So müssen viele LeserInnen die veraltet – sprachlichen Zitate durcharbeiten, das ist auch angesichts der an Symbolen reichen komplexen Sprache des Görlitzer Mystikers nicht einfach. Immerhin gibt es eine „Internationale Jacob Böhme – Gesellschaft“ in Görlitz, Vorstandsmitglied ist Sibylle Rusterholz, die insgesamt über die barocke Mystik forscht. Wir sind gespannt auf die Veröffentlichungen dieser Böhme – Gesellschaft.

Es bleibt natürlich ein Problem: Böhme setzt die „Existenz“ Gottes in seinem Denken voraus. Er wird ja förmlich in seiner mystischen Erfahrung von einer Wirklichkeit überwältigt, die er dann Gott bzw. etwas befremdlich „finsteres Tal“ bzw. „UNGRUND“ nennt. Und die Spekulationen zum inneren Leben Gottes selbst sind sozusagen auf Anhieb nur mitvollziehbar für jene, die schon eine reflektierte Kenntnis der „göttlichen Wirklichkeit“ haben. Böhme selbst wollte ja über die Naturerfahrung zur inneren göttlichen Wirklichkeit „durchstoßen“.

Damit will ich sagen: Um die aktuelle Relevanz Jacob Böhmes auch für die modernen Skeptiker und Zweifler deutlich zu machen: Da müsste man wohl versuchen, einen tragenden Sinn-Grund in jedem geistigen Leben gedanklich aufweisen und diesen Sinngrund dann gedanklich mit jener Wirklichkeit verbinden, die klassisch „Gott“ genannt wurde und wird. Diese Aufgabe muss wohl geleistet werden, um wirklich die Feinheiten der Gotteserfahrungen (also der alles gründenden SINN – Erfahrung) verständlich zu machen.

Was mich bei meinen aktuellen Studien besonders freut, dass Böhme selbstverständlich den Menschen als freies Wesen definiert, weil er ja Ebenbild Gottes ist, des – sozusagen „absolut“ – freien Wesens. Wenn der Mensch frei ist, kann er selbst sich für das Gute entscheiden. Die zerstörerische Macht der alle Freiheit und alles Denken vernichtenden Erbsünde ist also für Böhme hinfällig. Nur wenige Jahrzehnte nach Luthers und Calvins Reformation ist Böhme also eine Stimme der Freiheit, eine Stimme der Ablehnung dieser grässlichen Erbsünden-Lehre. Böhme ist deswegen tatsächlich kein treuer Lutheraner, er ist sozusagen ein weiterer, ein radikaler Reformator der Freiheit. Und eines universalen Gottes IM Menschen.

Gleichzeitig, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, stand in den Niederlanden der Theologe Jacob Arminius auf, um die Freiheit zu retten in der dogmatischen Starre des Calvinismus. Daraus entstand dann die theologisch liberale und freisinnnige Remonstranten Kirche…Über diesen Zusammenhang Böhme – Arminus müsste auch weiter studiert werden.

Zum Schluss ein zentrales Zitat von Böhme: “Ich trage in meinem Wissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern; sondern ich habe den Buchstaben in mir; liegt doch Himmel und Erden mit allem Wesen, dazu Gott selber, IM Menschen“ (in dem genannten Aufsatzband, S. 16).

Und ein hermeneutischer Hinweis zur angemessenen Lektüre: “Hermann Hesse schrieb über Böhme, die Lektüre seiner Texte erfordere `ein vorübergehendes Leerwerden`, eine völlig freie Aufmerksamkeit und Seelenstille`“.

Für religionsphilosophisch Interessierte ist es wichtig, den Aufsatzband „Grund und Ungrund – Der Kosmos des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ zu lesen. Der 216 Seiten umfassende, schön gestaltete Band wurde von Claudia Brink und Lucinda Martin herausgegeben, im Sandstein Verlag 2017. Auf einzelne Aufsätze komme ich später noch einmal zurück.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Zwischenräume schätzen lernen: Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

1. September 2017 | Von | Kategorie: Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

Weiterdenken: Zwischenräume schätzen lernen.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die Ferien sind Unterbrechungen im Alltag. Wir finden uns in einem zeitlichen und räumlichen „Zwischen“ wieder: Der Alltag liegt hinter uns und was nach den Ferien kommen wird, ist letztlich nicht genau bekannt, selbst wenn es irgendeine Form des Vertrauten hat.  In diesem „Zwischen“ liegt ein eigener Charme. Das Zwischen ist ja keine banale „Verschnaufpause“. Es geht um Wesentlicheres: Ist unser Leben im ganzen ein „Zwischen“, hineingesetzt zwischen Geburt und Tod? Halten Sie diese Frage eigentlich für sehr fromm oder gar antiquiert? Oder hat sie heute eine hilfreiche Bedeutung?

Ich mache im Urlaub, in dem ich jetzt auch diese Zeilen mit dem Versuch einer Antwort auf Ihre Fragen schreibe, die Erfahrung, dass sich die Zeit ungeheuer dehnt. 14 Tage kommen mir viel länger vor als dies zuhause der Fall ist. Der Rhythmus des Tages ist ein anderer, die Routinen vor allem, sie werden weitgehend verlassen. Eine Struktur zur Einteilung der Tageszeit fehlt oder muss, wenn sie jetzt überhaupt sein soll, neu entwickelt werden. Doch das eigentlich merkwürdige ist, genau diese Umstände sind es, die die Zeit lang machen. Die Zeit dehnt sich, weil wir sie in ihrem unaufhaltsamen Dahinfließen ausdrücklich erleben. Wir erleben gewissermaßen unser Erleben der dahinfließenden und zerrinnenden, ebenso aber mit Gewicht und Inhalt sich füllenden Zeit.

In den Gewohnheiten des Alltags geht die Zeit dahin, oft ist ein Tag wie der andere oder es sind die Pflichten und Geschäfte, die Sorgen und Lasten, die unsere ganze Kraft und Aufmerksamkeit erfordern. Im Urlaub hingegen kann es geschehen, dass uns das Erleben der Zeit an sich selbst bewusst wird. Dadurch spannt sie sich aus und gewinnt zugleich einen Richtungssinn. Wir blicken zurück, woher wir kommen – und schauen voraus, wohin wir gehen.

Sobald wir uns gesteigert des Richtungssinns unseres Lebens bewusst werden, liegt aber auch der Ausgriff auf dessen religiöse Deutung nahe. Woher komme ich und wohin gehe ich? Im Zwischenraum des aus dem Alltag herausgehobenen Zeiterlebens, wie ihn ein Urlaub öffnet, kann diese Frage durchaus deutlicher ins Bewusstsein dringen, womit allerdings noch nicht gesagt ist, dass die Antwort, die sich mir einstellt, einen religiösen Charakter trägt. Es ist die in der Dehnung der Zeit aufkommende Frage nach meinem Woher und Wohin jedoch genau diejenige, in der wir die Grundfrage der Religion erkennen. Von jeder Religion wird eine Antwort auf die Frage nach dem (Richtungs-) Sinn unseres Lebens erwartet. Insofern, so denke ich, kann der Urlaub durchaus zur religiösen Meditation Anlass geben oder für die religiöse Ansprache empfänglich machen. Bedenkenswert kann dann vielleicht auch die Antwort erscheinen, die der christliche Glaube auf die religiöse Grundfrage nach dem Woher und Wohin unseres Lebens gibt. Für ihn sind die Anfangs- und Endpunkte, zwischen denen unser Leben sich erstreckt, nicht mit Geburt und Tod gesetzt, sondern mit der Taufe und dem Eingang in Gottes Ewigkeit gesetzt. Gemeint ist damit, dass der Glaube dem, der ihn erschwingen kann, sein Leben mit einem hoffnungsvollen Richtungssinn erfüllt – der unendlich weit trägt, auch wenn es die Mühen des Alltags wieder zu bestehen gilt.

Wer sich auf religiöse Erfahrungen einlässt, tritt förmlich aus den Üblichkeiten des Alltags heraus. Er / sie lebt eine Unterbrechung des Alltags in einem „Zwischen“: Wer meditiert, zuhause die Bibel liest und dabei auch zur eigenen Poesie, zum Beten, gelangt, tritt in eine Art Zwischenraum: Er /sie verlässt den linearen Zeitrhythmus, erlebt nur andauernde Gegenwart: Kurzum: Ist der christliche Glaube insgesamt eine Unterbrechung alltäglicher Strukturen?

Die Frage ist vielleicht gar nicht so sehr, inwieweit wir uns auf diese Erfahrung des „In Between“, des „Dazwischen“, einlassen. Sie kommt doch relativ leicht auf, dort, wo der Alltag unterbrochen wird, wir in das Erleben der Zeit, in das Erleben unseres Erlebens, in die reale Gegenwart, hineinfinden. Schwieriger dürfte es heute sein, Verständigung darüber zu gewinnen, ob und wenn ja welche religiöse Deutung wir dem empfundenen Richtungssinn unseres endlichen Lebens geben wollen und können.

Die Kategorie der „Unterbrechung“ wählte um 1800 schon der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher, um auf human plausible Weise zu beschreiben, warum es uns gut tut, am Sonntag von der Arbeit zu ruhen und den Gottesdienst zu feiern (Urlaub als Massenphänomen gab es damals noch nicht). Die „Unterbrechung des geschäftlichen Lebens“ (Schleiermacher) sollte der Gottesdienst durch die Besinnung auf den göttlichen Seins- und Sinngrund unseres Daseins mit einem tieferen Inhalt füllen.

Das ist ein Verweis, der in der Erfahrung des „Dazwischen“ m.E. immer noch trägt. Wir brauchen die Unterbrechung unserer alltäglichen Geschäfte und Beanspruchungen, um zur Besinnung auf den Grund dessen zu kommen, was es macht, dass wir – trotz allem, was dagegen steht und uns den Mut immer wieder nehmen kann – von hoffnungsstarker Zuversicht erfüllt unser Leben führen können.

Es gibt Menschen, die religiös interessiert sind, sich aber nicht an eine Kirche binden wollen. Sie leben also in einem Zwischen; stehen mit einem Bein förmlich noch in ihrer alten Überzeugung, z.B. dem Buddhismus, mit einem anderen schon in der christlichen Welt. Und viele entscheiden sich, auf dieser Schwelle, zwischen diesen beiden „Räumen“, zu verweilen. Entsteht also, heute vermehrt, im Zwischen eine ganz eigene Lebensform und Spiritualität?

Menschen, die auf der Suche nach dem Wohin ihres Lebensweges sind und für die die Unterbrechungen des Alltags gute Gelegenheiten sind, sich auf ihr Woher zu besinnen, verhalten sich zumeist auch selbständig zu den Antworten, Hinweisen und Anleitungen, die die Kirchen und Religionen geben. Für gar nicht so wenige scheint auch etwa der buddhistische Weg attraktiv zu sein. Denn er bedeutet offenbar, sich auch noch von der Sinnfrage zu lösen, gar nicht mehr so fixiert zu sein auf Ziele, die den eigenen Einsatz zu ihrer Erreichung verlangen. Sich von all dem zu lösen, was das Begehren weckt, an nichts mehr anzuhaften, was die Offenheit für das göttliche All-Eine begrenzt, wird dann zur Daseinsmaxime. In welche Richtung die Suche auch immer gehen mag, die Situation dürfte heute tatsächlich weithin so sein, dass die religiösen Traditionen eher zu Steinbrüchen geworden sind, aus denen die, die auf der Suche nach der spirituellen Dimension ihrer Daseinsform sind, sich herausbrechen, was sie für ihre Lebensdeutung „gebrauchen“ können. Und manchmal pendeln sie dabei auch zwischen verschiedenen Steinbrüchen hin und her, um sich das jeweils für sie passende herauszusuchen.

Im Dazwischen sich zu bewegen, zwischen verschiedenen religiösen Traditionen und ihren Lebensdeutungsangeboten, kann anstrengend sein. Es gehen diesen Weg deshalb auch nur diejenigen, die fast schon zu den „religiösen Virtuosen“ (Schleiermacher) zu zählen sind. Sie aber stehen dafür ein, dass die Religionen und Kirchen nicht dazu da sind, die Menschen Glaubenszwängen auszusetzen und sie mit Verhaltensnormen zu gängeln, sondern mit einer Wahrheit zu überzeugen, die in ihrer Lebensdienlichkeit zwanglos einzuleuchten vermag. Dazu fällt mir als christlichem Theologen allerdings gleich wieder ein Bibelwort ein, das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8, 32).

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin