Monatsarchiv



Glauben ohne „Wunder“! Warum Pater Pio endlich im Grab verschwinden sollte. Anläßlich des 50. Todestages.

31. August 2018 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 50.Todestag des Paters Pio. Siehe auch einen grundlegenden Beitrag.

Er ist immer noch einer der beliebtesten „Volksheiligen“ Italiens, als Foto mit Heiligenschein präsent in Kneipen, Taxis, Geschäften, Schlafzimmern und wohl auch in den geheimen Treffpunkten der sich auch fromm gebenden Mafia … und darüber hinaus wird er in der ganzen Welt von Katholiken verehrt, als Fürsprecher himmlischer Art… Sein Kult hat über all die Jahre immerhin dem Kapuziner Orden und dem Bistum Manfredonia so viel Geld eingebracht, dass in der Stadt seines Klosters, in San Giovanni Rotondo, Kliniken gebaut wurden, abgesehen von der pompösen „San Pio“ Kathedrale, die Renzo Piano dort errichtet hat.

Der Kapuzinerpater Pio (25.5. 1887 bis 23.9.1968) zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit dunkel rot erscheinenden, blutig wirkenden Verletzungen an seinen Händen: Diese wurden von ihm selbst, von den Frommen und später auch von den Päpsten als Stigmata, als Wunden Jesu am Kreuz, gedeutet. Eine äußerst seltene „Auszeichnung“ in der Sicht klassischer Wundertheologie. Therese Neumann von Konnersreuth („das Resel“ genannt) behauptete auch, auf solche blutige Weise gesegnet zu sein, was ernstzunehmende Theologen natürlich als Betrug deuten.

Pater Pio jedenfalls ist, kritisch betrachtet, und warum sollte man ihn nicht wie andere Menschen kritisch betrachten?, insgesamt gesehen ein Scharlatan, das meinten kritische Theologen und sogar zeitweise die Päpste. Mit Karbolsäure habe er seine Wunden erzeugt und mit dem Nervengift Vertarin die Schmerzen betäubt. So der Historiker Sergio Luzzatto in seiner Studie.

Weil das religiöse, aber kritisch nicht interessierte Volk herausragende Elemente von Jesus Christus leibhaftig sehen will, eben Stigmatisierungen oder sonst, wie ständig üblich, Reliquien (etwa Teile der Vorhaut Jesu, Fetzen aus dem Kreuz etc.) machte Pater Pio mit seinen rot gefärbten, dem Eindruck nach verschorft – blutenden Händen eine große Karriere. Man bewunderte ihn, sah in ihm, dem Priester, der kaum predigen konnte, ein Gottesgeschenk. Und diese Wunderkraft wollte und will doch die Kirche nicht stoppen, die das Geld hoch und heilig verehrt.

Über diesen Glauben an einen aus vielerlei, auch ökonomischer, Interessen „gemachten“ Heiligen habe ich an anderer Stelle berichtet, auch darüber, dass Papst Johannes Paul II. ein großer Verehrer dieses mit roten Handflächen herumlaufenden Kapuziners war; auch Papst Franziskus ist ja bekanntlich ein großer Heiligenverehrer: Man denke daran, dass er als Jesuitenpater, seit einem Aufenthalt in Augsburg, ganz begeistert war von der Gestalt und dem „Gnadenbild“ der Jungfrau Maria als „Knotenlöserin“. Den Kult um „Maria Knotenlöserin“ verbreitete er dann als Erzbischof von Buenos Aires in ganz Argentinien. Viele politische, gewalttätige, ökonomische usw. Knoten Argentiniens hat Maria jedenfalls offenbar bisher himmlisch nicht lösen können. Macht aber nichts , Hauptsache die Frommen haben eine Art Zufluchtsobjekt, wo sie sich ihren Gott und die Heiligen zusammenbasteln können, je nach Laune und Bedürfnis.

Bin ich also in einer Theologie, die als rationales Nachdenken diesen Namen verdient, gegen die Wunder, gegen die Wundertäter, die Wunderorte, die Marienerscheinungen usw.?

Ich bin im allgemeinen gegen den Wunderkult, diese Pio – Verehrung, die Verehrung der Maria, die als solche (!) aus dem Himmel herab nach Fatima schwebte usw… Denn: Wunderglaube in diesem weiten, populären Sinn führt die Menschen in die seelische Entfremdung, ist also, wenn er ernst genommen wird, seelisch schädlich. Und was schädlich ist, sollte man bekanntlich nicht ständig praktizieren. Auch wenn der ganz Trubel und Rummel um die Heiligen und heiligen Orte (Aufbewahrung der einbalsamierten Leichen, wie bei Lenin und dann auch Stalin und Mao etc…) natürlich eine exotische Abwechslung (Opium manchmal) ist einem eher tristen Alltag. Diese Freude, etwas Besonderes, an heilig genannten Orten zu erleben, mit anderen über (angeblich mysteriöse) wunderbare Erscheinungen und Begebnisse esoterisch zu plaudern, ist doch etwas Nettes. Aber nicht alles, was unterhaltsam ist und Gesprächsstoff für Spekulationen bietet, ist auch hilfreich und fördert die Entwicklung eines reifen Menschen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man in einer Oper von Mozart Wunderbares sieht und hört: Dann ist dies eben ein bewusst als solches wahrgenommenes Märchen, über das man schmunzeln kann, aber das war es dann auch. Hingegen hinterlässt Pater Pio auf Dauer negative Spuren im eigenen Leben, fördert den Glauben ans Fegefeuer und andere Absonderlichkeiten (er sah ja selbst arme Seelen von dort in seinem Zimmer etc..).Mit dem Gott der Wundertäter kann man einen deal machen, insofern passt er in kapitalistische Zeiten.

Wenn der Katholizismus aufhören will, Absonderliches zu vertreten und damit gegen die seelische Reifung der Menschen zu arbeiten, dann sollte er zuerst mit diesen Heiligenkulten, auch mit dem Kult um diesen Herrn Pater Pio, aufhören. Zwecks „Reinigung der Gemüter“ sozusagen. Die Kirche kann ja nur an Ansehen gewinnen, wenn sie sagt: Jetzt ist Schluss mit diesen mit roter Farbe verschmierten Pio Händen. Wir lassen die Infantilität dieser Kulte hinter uns usw. Und tun Wichtigeres, zum Beispiel den Armen gerecht zu begegnen und die Menschenrechte zu pflegen….

Ich möchte aber gern eine philosophische, also allgemein menschliche Haltung beachten: Dies ist die Erfahrung des Erstaunlichen, und dieses ist die Erkenntnis: Dass überhaupt etwas ist und nicht viel mehr nichts. Dieses DASS der Welt ist das einzige, das uns immer „ohne Lösung“ zu denken gibt, Leibniz sprach davon, viele andere auch. Wenn man so will, ist dies das einzige „Wunder“. Und für Religionsphilosophen, die das innere Verbundensein von göttlicher schöpferischer Wirklichkeit und Welt (mit den Menschen und ihrer Seele) zusammen denken, gilt: Dann ist es vor allem erstaunlich, dass Göttliches, Absolutes, Ewiges, in der Welt und in der geistigen, vernünftigen Menschenerfahrung sich zeigt, etwa in der Ethik. Siehe Kant. Wir Menschen sind in etwas sehr elementares und „einfaches“ Erstaunliches hineingesetzt. Dieses „Wunder“ gilt es zu bedenken, von da aus ergeben sich Spuren ins Religiöse. Alles andere ist frommes Machwerk.

Wenn Göttliches in der Seele und im Geist der Menschen als „Funken“ (Meister Eckart) anwesend ist, dann ist dieses das einzige Wunder, das diesen Namen verdient! Auch die Gestalt Jesu von Nazareth lässt sich nur so verstehen: Er lebte in enger Verbindung mit dem alle Menschen auszeichnenden Göttlichen, darin ist die Kraft der „Auferstehung“ zu sehen.

Noch einmal: Wunder im populären Sinne, da und dort, bei diesem und jenem, bei Menschen mit rot verschmierten Händen („Wundmalen“), aber nicht bei allen, und auch nur ganz bestimmten ausgegrenzten Orten, gibt es eigentlich nicht. Wer diesen Wunderkult betreibt, hat finanzielle und politische Interessen (etwa im Falle von Fatima), will Religion pompös aufwerten, als Show gestalten, so, dass alle staunen. Das ist Machwerk, aber keine spirituell oder gar mystische Frömmigkeit.

Erneut zum theologischen Hintergrund:

Nichts hat religiöse Menschen so sehr von der eigenen menschlichen, d.h. immer auch selbstkritisch reflektierten Spiritualität entfernt und in die Entfremdung geführt wie der populäre Wunder – Kult und der Kult um Wundertäter und Wunder-Orte. Diese Formen des von religiösen Führern propagierten Wunderkultes sind im christlichen Raum besonders im Katholizismus verbreitet, aber auch in evangelikalen und charismatischen Kirchen und Gemeinschaften. In manchen Pfingstkirchen werden die Gemeindemitglieder ja schon misstrauisch angesehen, wenn sie nicht von ihren persönlichen täglichen Wundern ausführlich erzählen können, etwa so: „Tante Olga brachte mir plötzlich wunderbaren Apfelkuchen vorbei, den ich so dringend brauchte, was für ein Wunder…“

Wenn etwas Besonderes, Außergewöhnliches, offenbar nicht (so schnell) zu Erklärendes geschieht, kann man dies vernünftig – prosaisch Zufall nennen. Religiöse Menschen nennen den für sie selbst positiv erscheinenden Zufall „Wunder“. Irgendwo wollen sie die in der Lehre der Kirchen verbreitete These des begleitenden, hilfreichen Gottes für sich endlich mal selbst materiell erleben und sinnlich spüren. Gegen solche Deutungen „dieser mein Zufall ist mein Wunder“ kann man, von außen betrachtet, so lange nichts kritisieren, als diese dann wundergläubigen Menschen seelisch halbwegs stabil und reflektiert bleiben. Ist ein Lottogewinn Zufall oder Wunder?

Die Krise erleben diese frommen Menschen ja erst dann, wenn der Zufall für sie selbst nicht positiv zu deuten ist. In solchen Situationen, die oft in Verzweiflung und sogar in Unglaube führen können, fragen die Menschen: Wo ist denn Gott? Warum greift er nicht hier direkt für mich ein, warum also durchbricht Gott (der dann allmächtig genannt wird) nicht die Naturgesetze ausnahmsweise mal und dann zu meinen Gunsten? Und rettet mich? Was mit den anderen dann passiert, ist mir erst mal egal. Mein Gott soll mich aus allen möglichen irdischen Bedrängnissen retten. Egoismus wird sichtbar. Und ein sehr menschlicher Umgang mit dem alle Naturgesetze durchbrechenden Gott.

Innerhalb der Wunder-Diskussion ist besonders das Beten zu heiligen Wundertätern problematisch. Etwa so: Pater Pio soll mir helfen, soll im Himmel aktiv werden und Fürbitte leisten bei Gott, dass Gott sich höchst persönlich selbst durch die Fürsprache des so tollen heiligen Pater Pio für uns einsetzt. Das gleiche Denkmodell liegt etwa im Umgang mit der Jungfrau Maria vor: Sie möge doch als Himmelskönigin für uns wirken, also himmlisch irgendwie eingreifen. Was für ein verdinglichtes Gottesbild ist da eigentlich sichtbar? Gottvater mit Bart lässt sich in himmlischem Plausch von Pater Pio zu irgendwas Außergewöhnlichem bewegen…

Diese Gebete sind sozusagen Irreführungen: In allen Lebenssituationen sollte sich der Mensch sammeln und bedenken: Und nur darauf kommt es wohl an: Mein Leben ist wie das Leben aller anderen Menschen undurchschaubar. Mein Leben als solches ist ein Geheimnis. Und Geheimnis ist bekanntlich etwas anderes als ein immer irgendwie aufzulösendes Rätsel. Woher komme ich, warum bin ich da, wohin gehe, dies sind die einzige erstaunlichen wunderbaren Fragen. Darauf bezieht sich meditative Sammlung, darauf bezieht sich religiöser Kult in aller Stille.

Im Zentrum steht also: Ich vertraue auf einen bergenden letzten Sinn im Leben, in meinem Leben und dem Leben aller. Und mehr ist „religiös“ für den einzelnen Frommen gar nicht not – wendig. Diese Lebenspraxis ist schon schwer genug. Vielleicht anstrengender, als sich vor dem Leichnam Pater Pios erschüttert zu verneigen oder in Fatima oder wo auch immer ein paar Stufen auf den Knien hoch zu krauchen … und dann im „Heiligtum“ zehn Vater Unser zu beten, damit die Knieschmerzen wieder aufhören.

Hat das ein Reformator eigentlich einmal gesagt: Wunder sind Machwerke. Und diese Wundertäter inszenierte gut bezahlte Schauspieler…

Zusammenfassend mein natürlich offiziell unerwünschter Rat an die römischen Kirchenführer und die Leiter des Kapuzinerordens: Lasst Pater Pio endlich im Grab verschwinden. Vergesst ihn! Zerstört seine Bilder!  Zeigt Bilder von Oscar Romero, Helder Camara oder Martinuther King überall. Und vor allem: Entschuldigt euch bei den Menschen, dass ihr einen Scharlatan benutzt habt, um einen infantilen, eben autoritätshörigen Glauben zu fördern. Werdet endlich vernünftig, ihr Kleriker…   PS: Werden sie aber nicht.

Papst Franziskus wird trotzdem zum 50. Todestag des Scharlatans und Geldbringers Padre Pio nach San Giovanni Rotondo reisen. Er wird sagen, das weiss ich schon heute, am 31. 8.2018: „Padre Pio, welch ein großer Heiliger, welch ein Vorbild der Armut, auch der geistigen; er hat sich aufgeopfert, er hat die Wundmale Christi erduldet. Hat sie allen gezeigt und dabei Erfolg gehabt. Er hat die Beichte bei so vielen gehört, wer macht das schon? Predigen oder gar argumentieren konnte er nicht. Ist ja auch nicht so wichtig für einen Frommen!  Folgen wir ihm also nach. Ohne Opfer geht nichts zum Heil auf dieser Welt. Man muss überhaupt nicht klug sein, wie Padre Pio es ja war, um Gott zu fallen….“

Und all die Leute werden Beifall spenden. Und den modernen Papst Franziskus loben…..So ist das. Leider.

Wann gibt es wieder mal eine wirkliche Reformation?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 



Der Glaube an den „einen“ Gott und die Gewalt: Der philosophische Salon im September

24. August 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Ein religionsphilosophischer Salon am Freitag, den 28. September 2018, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9

Den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ erhalten in diesem Jahr 2018 in Frankfurt/M. die beiden Wissenschaftler Aleida und Jan Assmann. Aleida Assmann arbeitet als Literaturwissenschaftlerin, Jan Assmann noch berühmter, wenn man so sagen darf, hat als Ägyptologe einen international hochgeschätzten Ruf: Er hat sich als universal gebildeter Religionsforscher in vielen Veröffentlichungen mit der „Gewalt im Monotheismus“ auseinandergesetzt und dadurch auch viele Kontroversen ausgelöst.

Wir wollen uns in diesem Salon – Gespräch dem zentralen Thema von Assmann kritisch nähern und uns fragen, wie in einem auch persönlich strukturierten Salongespräch üblich: Wo und wann haben wir Gewalt des Monotheismus erlebt? Und: Wann sind atheistische Ideologien als säkulare Mono-„theismen“ gewalttätig (gewesen)? So wird die Frage nach der Möglichkeit „absoluter Wahrheiten“ aufgeworfen. Ist dann „alles“ relativ?

Und vor allem: Wie lässt sich durch uns (!) eine Welt nicht nur der elementaren, aber oberflächlichen Toleranz, sondern des gewaltfreien Respekts aufbauen?

Lektüreempfehlung: Jan Assmann, Totale Religion. Picus Verlag Wien, 2016. Einige grundlegende Aufsätze und Hinweise zum Weiterforschen.. 183 Seiten.

Als philosophischer Hintergrund: Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen. Verlag der Weltreligionen, 2007. 218 Seiten.

Siehe auch die große Debatte im Perlentaucher Magazin, online sind die Texte als pdf verfügbar.

Bei Interesse an diesem Thema: Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de



Am Zweifel zweifeln!

17. August 2018 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Ein Hinweis zu Tomas Halik anlässlich der Erinnerung an den 21.8.2018, also der Erinnerung an die Zerstörung des „Prager Frühlings“.

Der Philosoph und Theologe Tomas Halik in Prag: Im Mittelpunkt seines Denkens steht die Reflexion auf den Zweifel.

Es lohnt sich, die Erinnerungen von Tomas Halik an diese Zeit eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, auch an Jan Patocka, zu lesen,: Und zwar in dem Buch „All meine Wege sind DIR anvertraut“, Herder Verlag, 2014, vor allem die Seiten 54 bis 87. Dort auch Erinnerungen an den Studenten Jan Palach, der sich am 16. Januar 1969 öffentlich auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannte … als Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings…

Ich habe mit Tomas Halik 2012 für den Hörfunk ein Interview gestaltet, anlässlich seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Aus dem Interview:  „Ich möchte diese suchenden Menschen in der Salvator Kirche in Prag begleiten auch selbst als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
Ich kann mich mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht!

Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, für einige sitzt ihr Glaube nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, dann spüren sie, dass sie ein verschlossenes Herz haben und ihr Glaube nur oberflächlich ist“.

Tomas Halik beruft sich auf eine Weisheit des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte: “Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten“.
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt: „Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!“

Und Halik fährt im Interview fort:
„Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln. Wir sollten lernen, an unseren Zweifeln zu zweifeln“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Sexueller Missbrauch durch Priester: Kein Ende in Sicht…Klerikalismus ist krank!

16. August 2018 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Verschwiegen wie die verschwiegene Mafia verhält sich der Klerus

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich empfehle den Recherchefilm „Das Schweigen der Hirten„, gesendet in ZDF Info im August 2018! Mit einem Beitrag über Erzbischof  Bergoglio (jetzt Papst Franziskus) in Buenos Aires und der Fall des Priesters Grassi dort.

Ausnahmsweise ist diesem Hinweis über die Allmacht der Kleriker ein Spruch aus der Bibel als Motto vorangestellt:

„Ein Mächtiger deckt den anderen, hinter beiden stehen noch Mächtigere“ (Kohelet, 5, 7 in der Übersetzung der „Neue Echter Bibel“ (katholische Übersetzung).

Und noch ein Motto, geeignet für theologische Debatten der Prälaten und Bischöfe, geschrieben  von dem großen Dichter Thomas Bernhard, der klar den Zustand der Gesellschaft und der Kirche analysierte: Er schreibt in dem Roman „Auslöschung“ (1986): „Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen: Wir sind von Grund auf zerstört worden. Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseele, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Das ist die Wahrheit“ (Suhrkamp, 1986, Seite 141). Dreißig Jahre nach diesen Worten von Thomas Bernhard wird die Zerstörung der Kinder(seelen) durch die sexuelle Gewalt der Priester als eine immer größer werdende Lawine Realität.

In seinem Roman „Auslöschung“, 1. Aufl. 1986, Suhrkamp, schreibt Thomas Bernhard:

Die Katholische Kirche handelt immer nur zu ihrem eigenen Vorteil, schweigt dort, wo zu reden ist, verschanzt sich, wenn es ihr zu gefährlich ist hinter dem jahrtausendelang ausgenutzten Jesus Christus“ (S. 460).

Und vernünftige Leute sagen heute angesichts der Lawine von Missbrauch und Vertuschung durch den (hohen) Klerus:  Eigentlich sollte diese Kirche mal für ein Jahr als Buße ihren „Betrieb“ völlig einstellen. Die religiösen Menschen finden Gott ohnehin in ihrer Seele, wie Meister Eckart sagt, auch ohne den Klerus. Aber das ist ein weitreichendes Thema….

Es ist interessant,  dass auch psychotherapeutisch ausgebildete Kleriker auch in der römischen Kirche jetzt offen zugeben: Der Klerikalismus dieser Kirche hat entscheidend Anteil  am sexuellem Mißbrauch durch Priester. Siehe dazu jetzt die kathol. Tageszeitung in Paris La Croix:

Im US – Bundesstaat Pennsylvania hat der Generalstaatsanwalt jetzt (Mitte August 2018) mehr als 1000 Opfer von Kindesmissbrauch durch katholische Priester in einem 1.400 Seiten starken Dokument genannt. Erwähnt werden natürlich auch die Täter: Bisher sind es mehr als 300 Priester, die sich in den letzten 70 Jahren an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, allein in diesem Bundesstaat. Diese Priester blieben unentdeckt, kamen nie vor ein Gericht, weil für die allmächtig agierenden Kleriker, auch die verantwortlichen Bischöfe, Vertuschen, Verschweigen, Verleugnen üblich war und ist. „Ein Kleriker schützt immer den anderen“, ist das oberste Gebot. Dieses stillschweigende Gesetz erinnert selbstverständlich an die Gesetze der Mafia. Wer zudem den Bericht des Generalstaatsanwaltes liest, glaubt, die verbrecherischen Priester seien Mitglieder sadistisch fühlender Porno-Produktionen. In vielen anderen Bistümern der USA haben die vielen Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester längst – wegen der „Schmerzensgeld – Zahlungen“  – zum Bankrott der Bistümer geführt, dem finanziellen Bankrott, vielleicht auch dem spirituellen.

Die Verbrechen an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute sind ein Thema, das immer mehr ans Licht kommt. Ein Ende ist nicht absehbar. Ganze Kirchenregionen „warten“ förmlich noch auf Freilegung pädophiler Priesterverbrechen, an erster Stelle wohl das immer noch ultra – katholische Polen: Solange die PIS Partei herrscht und Redemptoristen-Pater Rydzyk sein rechtsradikal – antisemitisches Medienimperium “Radio Marya“ leiten darf, wird man noch etwas warten müssen. Der polnische Klerus mauert sich in dieser Sache ein und der Vatikan wagt offenbar nicht, diese polnische Mauer einzureißen. Auch Italien ist ein katholisches Land, das auf weitere Freilegungen wartet oder viele lateinamerikanische Länder. Ein „pädophiler“ Nuntius aus Polen (Wesolowski) wurde 2015 in der Dominikanischen Republik ja bekanntlich nach seinen Orgasmen mit Kindern am Karibik – Strand verhaftet, mehr als 100.000 Kinderpornos ruhten in seinem Palast, der einem Nuntius zusteht… Aber dann wurde er freundlicherweise in den Vatikan abgeschoben. In seiner dortigen Wohnung, nicht etwa Gefängnis, ist er dann „plötzlich“ verstorben…

Es sollte jetzt eine Zeit beginnen, in der die zum Verschleiern und Vertuschen neigende Welt des Klerus endlich in den Mittelpunkt des theologischen Interesses rückt. Die Allmacht der alles versteckenden Kleriker wäre ein theologisches Thema, natürlich eine Sisyphus Arbeit. Immerhin hat der offizielle päpstliche Kinderschutzbeaufragte im Vatikan ebenfalls eine klare Meinung, siehe Tagesspiegel vom 17.8. 2018, Seite 5. Pater Hans Zollner SJ spricht jetzt wie ich seit langem von „geschlossenen katholischen Welten, in denen sich Geweihte (also Kleriker) alles herausnehmen konnten“.  Pater Zollner spricht von der Vergangenheit, ABER: Tatsächlich können sich Kleriker bei diesen Kirchengesetzen, Codex Iuris Canoici, vom Klerus eigenmächtig für den Kerus gemacht, nach wie vor alles herausnehmen im sonstigen klerikalen Lebensstil, in den Entscheidungen selbstherrlicher Art, ohne Rücksicht auf die, ständig vom Klerus abgewiesene, demokratische Lebensform auch in der römischen Kirche.  Ohne demokratische Strukturen in der römischen Kirche wird man auch nicht die Katastrophe der vielen tausend verbrecherischen Kindesmißbrauchs-Priester überwinden. Darüber sollte man auch reden.

In Chile wollten kürzlich alle (!) Bischöfe zurücktreten wegen pädophiler Verbindungen. Einige sind dann zurückgetreten. Chile und die Dominikanische Republik sind übrigens die Länder Lateinamerikas, in der prozentual gesehen die meisten Katholiken ihre Kirche verlassen. Bischof Philipe Wilson, Asutralien,  ist der erste  katholische Bischof, der jetzt mit einer Fußfessel durch seinen Bischofspalast humpelt…Ohne Fußfessel hätte er ein Jahr ins Gefängnis gemusst. Auch die australischen Katholiken  fragen sich allmählich: In welcher Kirche sind wir eigentlich gelandet? Es gilt auch dort: Die pädophilen Priester sind also die besten Vertreiber aus der römischen Kirche.

Im Mittelpunkt einer kritisch theologischen und religionsphilosophischen Klerus – Forschung sollte im Mittelpunkt stehen:

Es ist das systematische Verschleiern von Straftaten. Der Klerus bemüht(e) sich unter allen Bedingungen, sauber da stehen.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das jeder Kleriker von Beginn seiner Ausbildungszeit im Priesterseminar oder in den Ordensgemeinschaften lernt: Gib möglichst wenige Informationen nach außen. Schweige über das, was im Bistum passiert oder im Kloster oder in deiner Ordensgemeinschaft. Etwa auch über die Finanzen. Verschwiegenheit im Klerus, im Orden, ist wichtiger als das öffentliche Eingestehen von Fehlern und Verbrechen im Orden.

Das klassische Beispiel dafür ist der pädophile Verbrecher und Ordensgründer und Ordensoberer in Rom, Pater Marcial Maciel von den Legionären Christi. Wie viele seiner Ordensmitglieder haben ihm geholfen, beigestanden, geschwiegen, als er seine „Touren“ unternahm, nachts im Kloster oder auf den Reisen, die ihn rund um die Welt führten, dabei auch zu Frauen, mit denen er Kinder zeugte, die Frauen wollte er primär auch finanziell ausnehmen. Sein theologisches Hauptwerk heißt: „Christus ist mein Leben“ . Über das hier nahe liegende Thema Gotteslästerung in Orden und im Vatikan hat noch niemand geschrieben…

Die Untaten Maciels blieben in seinem römischen Kloster keinem der Mitglieder, die ja recht eng beieinander/miteinander wohnten, schliefen etc. verborgen.

Aber alle schwiegen, auch die Freunde unter den Kardinälen, selbst Johannes Paul II. lobte den Verbrecher, ein Vorbild der Jugend zu sein.

Er wurde schließlich nicht dem Gericht überstellt, sondern, als alles nach dem Tod des alles vertuschenden polnischen Papstes auch im Vatikan nicht mehr verheimlicht werden konnte, zu einem Leben in Buße und in Zurückgezogenheit in Rom verurteilt. Dieselbe milde Strafe traf jetzt den Kardinal von Washington. Der arme Pater Maciel

hat sich an den freundlichen Hausarrest aber nicht gehalten… er ist zum Sterben in die USA geflogen. Dieser Orden mit diesem Gründer besteht bis heute, er hat sehr sehr viel Geld, das will man bei einer Ordensauflösung dann doch nicht dem Vatikan überlassen. Nur wurden alle Bilder des Ordensgründers von den Kloster – Wänden genommen, eine Art „Entstalinisierung“ hat stattgefunden. Namentlich wird Maciel auf den website des Ordens nicht mehr genannt. Ein Orden ohne Gründer also! Das sind halt Legionäre!

Das ist die Tendenz des Klerus, die unbedingt wissenschaftlich kritisch vertieft werden sollte: Möglichst die weltlichen Gerichte meiden. Dahinter steckt das alte Herrschafts – Denken: Die kirchlichen Gesetze stehen über den weltlichen Gesetzen der demokratischen Staaten.

Die katholische Kirche will ja mit ihrer Moral ohnehin die Gesetze der Demokratien bestimmen, man denke an die absolute Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen, in Lateinamerika, in Nicaragua, in der Dominikanischen Republik usw. haben sich die Politiker der Klerikermoral längst gebeugt.

Das muss man bedenken: Kleriker, die das geborene Leben der Kinder missachten in ihren „pädophilen“ Verbrechen, sind oft auch die heftigsten Verteidiger des ungeborenen Lebens. Vielleicht hat so mancher Priester nach seinem Missbrauch an Kindern danach gleich an einer pro Life demo teilgenommen. Und die Frommen waren gerührt über diese moralisch so engagierten Priester.

Von pädophilen Verbrechen durch Priester und kirchliche MitarbeiterInnen ist explizit im offiziellen und universal geltenden Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 nicht die Rede.

Aber offenbar haben die Kleriker selbst ihren Katechismus nicht gelesen, oder sie fühlten sich als die Herren der Kirche an ihn gebunden („gilt nur für die dummen Laien“) , denn dann hätten sie ja gelesen, was wenigstens knapp angedeutet wird im § 2356 unter dem Stichwort Vergewaltigung, die zu den „Verstößen gegen die Keuschheit“ gezählt werden: Vergewaltigung wird also verurteilt, „weil sie schweren Schaden zufügt, der das Opfer lebenslang zeichnen kann“. Im Text steht wirklich „zeichnen“, nicht etwa realistischerweise „zerstören“ kann. Dann aber heißt es gleich: „Vergewaltigung ist eine in sich zutiefst verwerfliche Tat“.

Aber dann folgt der eine entscheidende Satz: „Noch schlimmer ist es, wenn Eltern oder Erzieher ihnen anvertraute Kinder vergewaltigen“. Immerhin, das wurde schon 1993 im Vatikan geschrieben. Die Vatikan Theologen sprechen dezenterweise nur von Erziehern, von Priestern die Kinder vergewaltigen, sprechen sie nicht. Wenn in 50 Jahren eine Neuauflage erscheint, wird man diese Ergänzung vielleicht einfügen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Prager Frühling vor 50 Jahren …. vernichtet.

8. August 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Zugleich eine Erinnerung an den tschechischen Philosophen Jan Patocka

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Prager Frühling 1968 war zeitlich gesehen nur eine Episode. Aber er ist ein bleibender denkwürdiger Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in Europa zu schaffen. Die westliche Gesellschaft sollte nicht kopiert werden, eine neue Form eines Sozialismus, der den Namen verdient,  sollte realisiert werden. Dafür fehlte den Akteuren in Prag allerdings die Zeit. Das heißt: Sie wurde ihnen genommen vom Imperialismus der etablierten, von Moskau gesteuerten Kommunistischen Parteien. Freiheit wurde wie üblich niedergeknüppelt.

Dazu hat der Spezialist für Osteuropäische Geschichte an der Uni in München, Martin Schulze-Wessel, ein wichtiges Buch veröffentlicht: „Der Prager Frühling“, Reclam Verlag. 332 Seiten.

Unser spezielles Interesse gilt aus diesem Anlass dem großen Philosophen Jan Patocka (1907 – 1977).

Nur einige Hinweise zu seinem Leben, das mit seiner Philosophie eng verbunden ist. Patocka war eine frühe philosophische Begabung. Er studierte auch an der Sorbonne, war ein Husserl Schüler, kannte Heidegger, studierte auch in Berlin. Aber er konnte in der kommunistischen Tschechoslowakei als Philosoph keinen Fuß fassen an einer Universität. Erst mit dem Prager Frühling konnte er seit 1968 wenige Jahre an der Karls – Universität lehren. Als er dann abgesetzt wurde, konnte er in kleinem Kreis, privat, in Wohnungen, Philosophie Kurse anbieten. Es gab sozusagen verbotene philosophische Salons im Kommunismus. Seine Vorträge wurden mitgeschrieben, vervielfältigt, und Gott sei Dank heimlich nach Wien gebracht. Später engagierte sich Patocka in der „Charta 77“ als einer der Sprecher. Und er sprach angstfrei, unbesorgt um das eigene Leben, auch mit interessierten Leuten aus dem Westen. Das blieb dem Verbrecher – Regime der KP nicht verborgen: So verhörte man den armen Patocka bis zur physischen Total – Erschöpfung, in den Folgen des Verhörs ist Patocka am 17.3. 1977 gestorben. An seiner Bestattung nahmen Hunderte teil, die tschechische STASI störte massiv das Begräbnis und filmte alle Trauernden. Die regime-treuen katholischen Friedenspriester, die auch Freunde in Westeuorpa hatten, etwa im Rahmen der SED hörigen „Berliner Konferenz“ (BK), waren selbstverständlich nicht unter den Trauernden.

Patocka war einer der großen tschechischen Humanisten, wie Vaclav Havel. Diese Form eines nicht konfessionellen Humanismus ist etwas Großes in der tschechischen Geschichte!

Das Eintreten für die Wahrheit und die Humanität bei allen persönlichen Gefährdungen war Patocka ein menschliches und deswegen philosophisches Herzensanliegen. In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betonte er: „Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen. 

Patocka ist ein Philosoph der Freiheit, das ist entscheidend. Und Freiheit hat für ihn immer mit Transzendieren als dem Überwinden des jeweils Gegeben zu tun. Überscheiten ist förmlich der Grundakt der Menschen. Darum konnte sich Patocka auch der „Charta 77“ anschließen, weil dort die Idee einer Freiheit formuliert wurde, die sich nicht deckte mit der westlichen kapitalistisch – liberalen Freiheit. Das war ihm wichtig.

Manche Freunde Patocka betonen: Er habe sich förmlich hingegeben für die Freiheit als dem ständigen Transzendieren und Überschreiten.

Der große tschechische Theologe Josef Zverina war sein Freund, der heutige international bekannte Autor, Philosoph und Priester Tomas Halik hörte Patocka noch an der Karls – Universität.

Als Einstieg ins Werk von Patocka empfehle ich: „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“ (Suhrkamp)

Es ist in meiner Sicht eine Schande, dass die jetzige Regierung in Prag die Erinnerung an den „Prager Frühling“ vor 50 Jahren offenbar nicht ausführlich in den Mittelpunkt des Gedenkens stellen will, wie Martin Schulze – Wessel berichtet. Die heutigen Machthaber wollen keine Erinnerung an eine Zeit, als wirkliche sozialistische ALTERNATIVEN noch gedacht und kurz erprobt werden konnten. Die neoliberale, aber anti-europäische Form der tschechischen Politik soll propagiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Die katholische Kirche Nicaraguas hat den jetzigen Diktator Ortega 2007 an die Macht gebracht

7. August 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Wegen ihres „Pro –Life – Wahns“ hat die katholische Hierarchie Nicaraguas Ortega stark gemacht. Und nun jammert die Kirche…

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich  weise auf Fakten hin, die in der üblichen katholischen Presse –und auch sonst – heute verschwiegen werden: Dass der jetzige Diktator Nicaraguas Ortega von der Kirche 2007 an die Macht gebracht wurde. Warum? Weil er als Präsidentschaftskandidat versprach, die Schwangerschaftsabbrüche absolut verbieten zu wollen. Und dies dann auch tat. Bekanntlich ist die Sorge um das ungeborene Leben den meisten Päpsten und Prälaten und Theologen absoluter Mittelpunkt ihrer Ideologie/Theologie.

Und nun sehen sie jetzt, wohin ihre ungebremste Pro Life Leidenschaft und Abwehr jeglichen Verständnisses für Frauen in Not das Land Nicaragua geführt hat.

Die katholische Kirche in Nikaragua steht jetzt, im Juli/August 2018, in heftiger Opposition zu Staatspräsident Daniel Ortega und seiner Regierung, dem Präsidenten, der sich als brutaler Diktator etabliert. Dieser Widerstand der Kirche ist zu begrüßen. Nur darf man nicht vergessen: Dieser Herr Ortega war einst als „Linker“ oder gar „Revolutionär“ der Feind der Kirchenführung, vor allem des ideologisch heftigst agierenden Erzbischofs (und Kardinals) Obando y Bravo. Dessen Hauptanliegen war, wie so oft bei reaktionären Bischöfen, die totale Abschaffung jeglichen Schwangerschaftsabbruches. Im Jahr 2003 sorgte er noch dafür, dass alle Helfer eines Schwangerschaftsabbruches bei einem 9 Jahre alten Mädchen exkommuniziert wurden. Quelle: http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/latin_america/newsid_2796000/2796003.stm

Das Mädchen war vergewaltigt worden.

Als sich dann der ehemalige Revolutionär (und Erzfeind von Erzbischof Obando) 2006 als Präsidentschaftskandidat präsentierte, fand er überraschend die „großartige“ Unterstützung der katholischen Hierarchie und der ähnlich denkenden fundamentalistischen Evangelikalen. Evangelikale und Katholiken sind oft „moralisch“ vereint, eine bisher kaum beachtete „Ökumene“.

Warum gab es so viel klerikale Sympathie für den Ex- Revolutionär Ortega? Weil er versprach, als Präsident das absolute gesetzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruches im Sinne der katholischen Hierarchie durchzusetzen. Und das tat er dann auch.

Der Lateinamerika – Kenner und Autor Hans Christoph Buch schreibt: „Ausschlaggebend für den Wahlsieg der Sandinisten (Ortegas) war das Bündnis Ortegas mit seinem früheren Erzfeind, Erzbischof Obando y Bravo. (in: „Das rollende R und die Revolution“).

Bischof Leopoldo José Brenes Solorzano von Matagalpa hatte den Vorsitz eines Regierungsbeirates für Familienpolitik inne. Er setzte als eine der ersten Maßnahmen sogar ein Verbot therapeutischer Abtreibung bei Todesgefahr für die Mutter oder bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung durch“. (Ludger Weckel, Nicaragua, in : Kirche und Katholizismus seit 1945, Band 6, Lateinamerika und Karibik, 2009, Paderborn, Seite 182.)

Ich habe bisher nirgendwo gelesen, dass die katholische Kirche Nicaraguas sich wenigstens jetzt für ihren Wahn entschuldigt, Herrn Ortega einzig des Verbots der Schwangerschaftsabbrüche wegen an die Macht gebracht zu haben. Ich habe nirgendwo gelesen, dass nun wirklich demokratische Rechte und umfassende Frauen-Rechte (auch die in demokratischen Staaten üblichen Schwangerschaftsabbrüche selbstverständlich) für die Herren der Hierarchie am wichtigsten geworden sind. Es ist wie so oft in Lateinamerika: Die katholische Moral, interpretiert durch die Hierarchie, hat etwa auch eine de facto bestehende absolute Fixierung auf das angeblich höchste Gut „Privateigentum“, und dies führt dann erst zu Krisen und (Klassen-) Kämpfen in Gesellschaft und Staat.

Zum Background in Nicaragua: „Mehr als 100 Jahre war in Nicaragua eine Abtreibung möglich, wenn Leben und Gesundheit der Mutter bedroht war – die so genannte medizinische Indikation (aborto terapeútico). Selbst während der Diktatur Somozas wurde dieses Gesetz nicht angetastet. Am 26. Oktober 2006, zehn Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Nicaragua, stimmte das Parlament für ein neues Gesetz – eingeführt unter dem Druck der katholischen Kirchenhierarchie und einiger evangelischer Kirchen, unterstützt aus wahltaktischen Gründen von der FSLN. Am 13. September 2007 wurde das neue Strafgesetzbuch unter Beibehaltung des Verbots der Abtreibung bei medizinischer Indikation im nicaraguanischen Parlament verabschiedet. Quelle: http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php/rundschreiben/rundschreiben-12008/234-der-kampf-geht-weiter-gegen-das-totale-abtreibungsverbot-in-nicaragua

Siehe auch:

https://ilga.org/nicaragua-defender-derechos-de-las-mujeres-constituye-asumir-el-riesgo-de-perder-la-vida-o-la-libertad-individual

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Europa unterstützt Diktatoren in Afrika: Wie Europa seinen Rassismus heute lebt. Ein Buchhinweis

6. August 2018 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher, Termine

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Vorweg: Ich veröffentliche diesen Hinweis bezogen auf den 15. August, den Tag von „Marias leiblicher (!) Aufnahme in den Himmel“, ein z. T. staatlicher (Bayern!, Frankreich, Italien usw.) wie insgesamt katholischer Feiertag. Diesen 15. August auf die Flüchtlinge zu beziehen, soll bedeuten: Eine humanistische, auf Jesus bezogene Religion täte gut daran, diesen intellektuell ohnehin kaum nachvollziehbaren Marien-Feiertag neu zu bestimmen: Als Tag der humanen leiblichen Aufnahme der Flüchtlinge in Europa. Dazu wird sich aber kein Kirchenfürst im Vatikan und anderswo aufraffen.

Europa, die EU und damit auch Deutschland, bedient sich einiger Diktatoren in Afrika, damit diese die Anwesenheit von afrikanischen Flüchtlingen in Europa massiv und gewalttätig verhindern. Für viele Millionen Euros tun Diktatoren und verbrecherische Clans bekanntlich alles. So krepieren viele tausend Flüchtlinge in der Sahara. Etwa der alles andere als demokratische Staat Niger wird von Deutschland und der EU finanziell großzügig ausgestattet, um die in dieses Transitland gelangenden Flüchtlinge aufzuhalten, auszubeuten, zurückzuschicken. Die EU unterstützt so das in Niger regierende autokratische Regime.  Die Flüchtlinge, die auf „Schleichwegen“ durch die Sahara doch noch nach Libyen gelangen, werden dann in den von der EU bezahlten „Lagern“ (dies sind moderne KZs) in Libyen festgehalten, gequält, missbraucht, verkauft. Viele ersaufen dann im Mittelmeer.Und die reaktionäre, katholisch geprägte PP Partei wird in Spanien alles tun, damit die bis jetzt hilfsbereite sozialistische spanische Regierung gerade der Flüchtlingshilfe wegen wieder „verschwindet“… So zeigt ein sich gelegentlich noch christlich bzw. humanistisch nennendes Europa sein wahres Gesicht gegenüber Menschen in Not. Die Schikanen gegenüber den rettenden Helfern auf ihren Booten sind eine Schande. Werden diese Helfer den Friedensnobelpreis erhalten?

Es wird von europäischen Politikern nicht erklärt: Wie denn nun die oft angedeuteten umfassenden, Strukturen verbessernden europäischen Hilfen für eine insgesamt menschenwürdige Zukunft der Armen in Afrika wirklich aussehen werden. Vielmehr ist es eine Tatsache: Es wird auch in Deutschland eine Art rassistische Abwehr betrieben, damit diese Armen bloß nicht unseren Wohlstand in Europa irgendeiner Weise in Frage stellen. Moralisch nennt man dieses Verhalten „tödlichen Egoismus“. Wie Skalven werden die Flüchtlinge dann auf den Obstplantagen in Spanien gern benutzt oder als unterbezahlte Tellerwäscher in europäischen Restaurants usw…

Zu dem umfassend verstörenden Thema ist schon vor einigen Wochen ein sehr lesenwertes Buch erschienen, auf das wir schon früher hingewiesen haben und noch einmal nachdrücklich hinweisen: „Diktatoren als Türsteher Europas”. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin 2017).  Meinen ausführlichen Text zu dem wichtigen Buch können Sie hier nachlesen.



Die Todesstrafe ist ab sofort nicht mehr Teil der katholischen Lehre

3. August 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Papst Franziskus zeigt, dass er als Papst Macht hat, unvernünftige und unevangelische Lehren aus dem Katechismus zu werfen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Erstens: Papst Franziskus korrigiert jetzt die alte katholische Morallehre: Nach dieser Lehrmeinung ist „in schwerwiegendsten Fällen“, so noch der offizielle Katechismus aus dem Jahr 1993, im § 2266, „die Todesstrafe nicht auszuschließen“. Todesstrafe war also bis vorgestern (1.8.2018) prinzipiell noch katholisch – moralisch vertretbar. Über diese katholische Lehre waren viele konservative US amerikanische Katholiken bisher entzückt: „According to a 2016 Pew Research poll, 43% of US Catholics support the death penalty, while 46% are opposed“ Quelle: https://edition.cnn.com/2017/10/12/world/pope-death-penalty/index.html).

Das Nein des Papstes zur Todesstrafe wird also eine heftige Kontroverse in den USA auslösen. Mister Trump ist ja auch ein Freund der Todesstrafe, er forderte sie kürzlich noch für Drogendealer. Auch der katholisch getaufte Präsident, bzw. Diktator der Philippinen, Herr Dutarte, ist ein heftig praktizierender Freund der Todesstrafe. Papst Franziskus macht sich mit dieser absolut richtigen, von Theologen ersehnten Stellungnahme auch wieder mal viele Feinde. Man fragt sich einmal mehr als Beobachter von auswärts, wie lange eigentlich vernünftige Einsichten brauchen, ehe sie im Vatikan wahrgenommen werden. Denn auch über den § 2266 gab es von Anfang an heftig begründeten theologischen Widerspruch. Nach 25 Jahren Diskussion, also jetzt 2018, ein Erfolg! Ein Vierteljahrhundert ja nur in einer Institution eine kurze Zeit, die gern in Ewigkeitsdimensionen denkt…Aber immerhin, diese Entscheidung von Papst Franziskus zeigt: Es gibt Korrekturen der katholischen Lehre!

Zweitens: Diese Entscheidung zeigt, was ein Papst, auch Papst Franziskus, eigentlich angesichts seiner gewissen Allmacht in „Glaubens – und Sittenfragen“ (ein Dogma von 1870! ) tun kann: Ein Papst kann kraft seines Amtes Lehren der Kirche abschaffen, sie förmlich aus dem Katechismus rauswerfen…wenn er denn eine wirkliche Entwicklung der katholischen Lehre und Moral will! Bisher herrscht ja die (unvernünftige) Überzeugung im Katholizismus: Was einmal (als Dogma) formuliert wurde, darf überhaupt niemals verändert werden, geschweige denn abgeschafft werden. Nun ist die Zustimmung zur Todesstrafe katholischerseits kein Dogma, wie etwa die Überzeugung von der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ (15.8. ist der internationale, z.T. sogar staatliche Feiertag). Hingegen: Das aus dem Mittelalter stammende Zölibatsgesetz für Priester könnte sozusagen von heute auf morgen durch einen Spruch des Papstes aufgehoben werden, denn das Zölibatsgesetz ist kein Dogma. Aber diese Aufhebung des Zölbatsgesetzes wird wohl nicht kommen, es sichert die Klerusherrschaft in der Kirche. Eher will sich die Kirchenführung ständig herumschlagen mit sexuellen Vergehen der angeblich zölibatär lebenden Priester und der de facto – Verheiratung der heterosexuellen Priester. Man frage Bischöfe und Theologieprofessoren aus Lateinamerika oder Afrika, sie sagen dann ehrlich ,„aber bitte nicht publizieren“: Dass de facto die heterosexuellen katholischen Priester alle „irgendwie“ mit einer Frau verbandelt sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Drittens: Man bedenke bitte, dass noch in dem für die gesamte Priesterausbildung in Deutschland grundlegenden und allseits verwendeten Buch „Katholische Morallehre“ des Kapuziners Heribert Jone, 15. Auflage von 1953, die Todesstrafe auf banalste Art in einer irrationalen Gläubigkeit an „den Staat“ verteidigt wurde. Die erste Auflage dieser katholischen Morallehre erschien 1929. Dieses Buch, das das Denken des katholischen Klerus über Jahrzehnte prägte und noch vielleicht bei den heute 80 jährigen Pfarrern prägt, erschien in französischer, italienischer, polnischer, niederländischer, portugiesischer und spanischer Sprache „in hohen Auflagen“, wie der Verlag Ferdinand Schöningh mitteilt.

Im Paragraphen 214 dieses universal verbreiteten „Opus“ steht unter dem Titel: “Tötung von Schuldigen“.
Ich zitiere wörtlich diese bis 1965 maßgeblichen Lehre:
„Ein Verbrecher darf getötet werden, wenn gerichtlich der Beweis erbracht wurde, dass es moralisch sicher ist, er habe ein schweres Verbrechen begangen, auf das vom Staat im Interesse des Allgemeinwohls die Todesstrafe gesetzt ist. Und wenn dann jemandem vom Staate der Auftrag gegeben wurde, das Todesurteil zu vollstrecken“. Es folgt nach solch unsäglicher unkritischen Undifferenziertheit des Denkens und der Begriffe dann noch der Hinweis: “Vor der Hinrichtung muss dem Verbrecher Zeit gegeben werden, die heiligen Sakramente zu empfangen. Will er sie nicht empfangen, so darf er doch hingerichtet werden“.

Im katholischen Spanien (mit dem sehr katholischen Diktator Franco) wurde erst 1978 die Todesstrafe abgeschafft. Im sehr katholischen Irland wurde die Todesstrafe 1954 abgeschafft….Im Staat Vatikan wurde die letzte Hinrichtung am 9. Juli 1870 vollzogen, mit Hilfe der aus der Französischen Revolution stammenden Guillotine. Darum merke: Die Päpste lehnten die Ideale der Französischen Revolution aufs heftigste ab, hatten aber die Guillotine in Verwendung. Immerhin etwas (tötende) Nähe zur französischen Revolution, möchte man sagen.

Viertens: Es gab früher schon Verfügungen der Päpste, die bis dahin gültige Lehre und Praxis der Kirche abschafften:

Es wurde etwa den Katholiken erlaubt, die bis in die Mitte des 20. Jahrhundert verbotene Kremierung der Leichen zu vollziehen. 1963 wurde die Feuerbestattung offiziell erlaubt.

Es wurden den Katholiken Erleichterungen geboten beim Empfang der Kommunion: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts mussten alle, die in der Messe die Kommunion empfangen wollten, nüchtern sein, ein Schlückchen Wasser am Morgen war erlaubt…Man denke an das Zweite Vatikanische Konzil, wo die absolute Gültigkeit der lateinischen Sprache in der Messe absgeschafft wurde….

Ein Zwiespalt bleibt:  Es gibt eine gewisse, allerdings in sich widersprüchliche Akzeptanz der Homosexuellen in der Kirche. Noch einmal zum Katechismus von 1993: Im § 2357 werden homosexuelle Handlungen als „in sich nicht in Ordnung“ betrachtet. „Sie sind auf keinen Fall zu billigen“, eben dort. Daran halten sich wohl katholische Politiker in Afrika, die homosexuelle Handlungen getreu den päpstlichen Weisungen „überhaupt nicht billigen“, sondern die Betreffenden verfolgen und töten. Man denke etwa an den katholischen Diktator Mugabe in Zimbabwe…

Dann aber wieder steht da der widersprüchliche, diplomatisch etwas freundliche Satz in § 2358: „Homosexuellen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen“. ..“Diese armen Schweine“, möchte man diesen Satz interpretieren, sollen doch bitteschön wenigstens taktvoll – mitleidig behandelt werden. Was für eine Ungeheuerlichkeit, diese Form der „Toleranz“… Hoffentlich werden wenigstens die vielen homosexuellen Priester taktvoll von Rom und den Kirchenbehörden behandelt… Aber vielleicht ändert sich da auch die Lehre etwa im Jahre 2178.

Fünftens: Es ist diese offensichtliche Schwerfälligkeit und Abwehr von lehrmäßigen Veränderungen, also diese Liebe zum einmal Fixierten und Definierten, kurz, diese Versteinerung und Leblosigkeit, die so viele Menschen aus der römischen Kirche treibt.

Sechstens: Durch das offizielle katholische Nein zur Todesstrafe wird es hoffentlich lebhafte Debatten mit Vertretern der islamischen Staaten geben, die weithin noch selbstverständlich an der Todesstrafe festhalten. Siehe die entsprechende Weltkarte: https://www.laenderdaten.info/todesstrafe.php

Siebentes: Diese Entscheidung des Papstes hat sicher auch Auswirkungen auf die Theologie des Friedens und damit zusammenhängend Theologie des Krieges: Denn die Tötung des Feindes ist ja in der Sicht des Tötenden immer auch die Tötung eines Verbrechers bzw. der Tötung eines Mitglieds eines verbrecherischen Regimes. Kann also ein katholischer Soldat noch so ohne weiteres „töten gehen“?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Wenn der Dialog heute verweigert wird

3. August 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Die Philosophie und das Verschwinden vernünftiger Kommunikation heute

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie von Karl-Otto Apel

Die Krise der Kommunikation heute, als Verleumdung, Lügenpropaganda, Abbruch des Dialogs, Niveauverlust in den Gesprächen usw. ist auch eine Krise der Demokratie heute. Zu diesem Krankheitssyndrom kann die Philosophie hilfreiche Hinweise geben, wenn sie auf die unaufgebbaren Voraussetzungen der Kommunikation aufmerksam macht. Wer sie nicht beachtet, schädigt sich selbst auf Dauer.

Philosophieren als Praxis der Philosophie kann die Welt zwar nicht unmittelbar, nicht sofort, nicht „ad hoc“, verbessern. Aber Philosophie bringt Klarheit in die von Menschen verwendeten Begriffe und Werte bzw. Unwerte: Wer will schon selber in einem widersprüchlichen Wirrwarr von Meinungen und Behauptungen leben, wie im Nebel orientierungslos herumirren? Philosophie zeigt Irrtümer und Lügen auf und stellt die Frage: Ob Menschen mit der Lüge leben wollen.

Die Stärke der Philosophie ist die tief greifende Analyse der Sprachwelten, in denen die Menschen sich heute bewegen. Philosophie klärt auf über das, was wir sagen und tun und welche Konsequenzen das hat.

Philosophen sagen also eher selten, was denn konkret jetzt im einzelnen zu tun ist. Sie sind dem Allgemeinen verpflichtet, der Reflexion auf das allen Gemeinsame, die Vernunft. Aber gerade darin liegt die Bedeutung der Philosophie bzw. einer bestimmten Form des Philosophierens. Philosophie hat Wesentliches in der Krise zu sagen. Leider sagen das so wenige PhilosophInnen heute. Die demokratischen Gesellschaften haben heute ein tief greifendes Kommunikationsproblem. Man könnte sagen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Parteienzugehörigkeit, Religionsbindungen usw. verstehen einander nicht mehr. Und das ist in dieser radikalen Dimension neu. Heute haben sich die Feinde der immer zu verbessernden (!) Demokratie innerhalb der Demokratie auch in Europa breit gemacht, das ist das Besondere und Gefährliche.

Jetzt reden Menschen aneinander vorbei, auch wenn sie noch die gleich klingenden Begriffe verwenden. Einen gemeinsamen sachlichen verbindenden und verbindlichen Inhalt gibt es oft nicht mehr: „Demokratie“, „Rechtsprechung“, „Gleichheit vor dem Gesetz“ usw. werden in widersprüchlichen Bedeutungen verwendet. Und die Kontrahenten sehen nicht mehr, was ein gemeinsames inhaltliches Verstehen leisten könnte.

Mister Trump erschüttert das Zusammenleben vernünftiger Menschen durch sein von Psychologen auch bestätigtes verrückt zu nennendes Agieren. Er sieht sich, der Autokrat, als der Herr der Wahrheit (ebenso Putin und die vielen anderen, die sich in Europa Politiker nennen): Um bei Mister Trump zu bleiben: Er kann heute die Wahrheit A und schon ein paar Stunden später die der Wahrheit A völlig widersprechende Wahrheit B verkünden. Die Bürger bzw. wenigstens seine Getreuen sollen gehorsam dem herrschaftlichen Umgang mit seiner Wahrheit folgen. Trump etabliert sich so als „der Führer“. Durch diese krankhafte Weise permanenter Verwirrung werden Menschen auf Dauer dann müde und zermürbt. Ihr Vertrauen in Erkenntnisse und Sätze mit Wahrheitsanspruch schwindet; ebenso wird das elementare Vertrauen in einen Mann, der sich Präsident nennt, zerstört. So bilden sich feinselige Fraktionen in ein und derselben Gesellschaft: Die einen halten sich an Wahrheit A, die anderen an Wahrheit B, und einige noch an die tatsächliche Wahrheit; vielen aber wird dieses ganze Thema dann doch ganz egal: Sie überlassen den Führern das Feld. Die permanente Verwirrung angesichts der Fakes und der Fakes – Behauptungen zerstört letztlich die letzten Reste von Demokratie. Und das wollen diese Herren, man befasse sich intensiver mit dem rechtsradikalen Freund von Mister Trump, mit Steve Bannon, der jetzt sein Netz knüpft zwischen allen rechtsradikalen Parteien Europas, auch die AFD hat Kontakte zu Bannon. Angesichts dieser eher hoffnungslos stimmenden Situation fragen sich einige: Und was haben Philosophen zu diesen Verhältnissen zu sagen? Philosophie hat es bekanntlich mit den „allgemeinen“ Fragen zu tun. Sie beschäftigt sich kritisch reflektierend mit der Vernunft und weiß, dass es tatsächlich nur eine gemeinsame Vernunft der Menschen geben kann. Selbst wer als Philosoph etwa in der Postmoderne von der Vielfalt verschiedener historisch – kulturell differenter „Vernünfte“ spricht oder sprach, verbindet doch die Vielfalt dieser „regional“ verschiedenen Vernünfte in seiner vernünftigen, von allen Lesern nachvollziehbaren Beschreibung zu einer gemeinsamen Verständlichkeit zusammen; d. h. wer von vielen Vernünften spricht, MUSS sich doch wieder einer gewissen „einheitlichen“ Sprache zur Erklärung dieser Behauptung bedienen. Noch einmal: Alle Interpretationen der vieler Vernünfte gelingen nur in der Verwendung dann doch einer gemeinsamen Sprache, der sich der darstellende Philosoph bedient.

Eine Privatsprache, die nur ich und vielleicht ein Freund verwenden und verstehen, kann man ja als Hobby entwickeln, nur wird sie als Privatsprache nie allgemeine Sprache werden (dürfen). Darauf hat der späte Wittgenstein bekanntlich hingewiesen.

Selbst wenn man die, kulturell bedingt, inhaltlich differenten Begriffe respektiert, etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Welt“ oder „Transzendenz – Immanenz“ in Westeuropa und in China, wird man doch bei aller Differenz dann in einer gemeinsamen (englischen ?) Sprache die kulturell bedingten inhaltlichen Verschiedenheiten herausstellen. Man wird sich also verständigen, weil es eben doch eine allgemeine Verstehensmöglichkeit auch begrifflicher Art gibt. Selbst wenn große kulturelle Errungenschaften wie die Menschenrechte in einem bestimmten Teil dieser Erde entstanden sind, eben in Westeuropa, haben die Menschenrechte doch als solche universale Gültigkeit. Die regionale Herkunft einer Erkenntnis schließt nicht die universale Geltung aus! Das verstehen leider viele immer noch nicht! Alle, die die Menschenrechte sozusagen auf den europäischen Raum begrenzen wollen (auch aus machtpolitischen Gründen), müssen sehen: Selbst die heutigen Chinesen wollen sich für den allgemeinen Respekt der Menschenrechte einsetzen, man denke an die Dissidenten, an das Nein der Leidenden zum Regime. Im Nein der Leidenden zeigt sich die Universalität der Empfindung für die Menschenrechte und in der Empfindung dann für die Inhaltlichkeit der Menschenrechte und deren universeller Geltung. Dass die Menschenrechte heute in den Ländern, in denen sie einst formuliert wurden, nicht praktisch umfassend genug gelebt werden, ist ja kein Widerspruch zu ihrer universalen Gültigkeit. Menschnrechtler aber protestieren gegen den Verfall der Humanität etwa im neuen nationalistischen Wahn in Europa. Aufgrund des Nichtrespekts der Menschenrechte durch Herrscher und Autokraten in der westlichen Welt zu behaupten: Dann gelten in dieser Situation die Menschenrechte eben nicht mehr, wäre eine Art Suizid der Menschheit.

Diese hier nur kurz in Erinnerung gerufenen Tatsachen sind allgemein bekannt oder sollten allgemein bekannt sein.

Wichtiger ist es, sich in dieser Situation allgemeiner Kommunikationsverwirrung mit der Diskursphilosophie von Karl-Otto Apel (1922 – 2017) wieder intensiver zu beschäftigen. Er ist zweifellos einer der ganz großen Philosophen der Gegenwart, sein Einfluss auf das Denken von Jürgen Habermas ist eine Tatsache. Nachteilig ist nur für viele nicht so geübte Leser philosophischer Autoren: Karl-Otto Apel schreibt eher sehr anspruchsvoll, die Mühe des denkenden Lesens sollte man aber unbedingt wagen. Empfehlenswert ist die Einführung in sein Denken von Walter Reese-Schäfer erschienen im Junius Verlag.

Um den Kern der Sache, um die es Apel und uns in dieser Krise der Kommunikation geht, kurz zu skizzieren:

Apel geht davon aus, dass mit dem Eintritt verschiedener Menschen in ein gemeinsames Gespräch, in einen Disput oder Diskurs, bestimmte Voraussetzungen von selbst (!) mit – gegeben sind; diese müssen philosophisch freigelegt werden. Nur so kann jeder Sprechende wissen, was er/sie eigentlich im Argumentieren schon mit-bringt an nicht thematisierten Voraussetzungen. Philosophie wird so bei Apel – in der Bindung an Kant – zu Implikationsforschung bzw. Freilegung von Implikationen, die immer schon in unserem geistigen Handeln, im Reden etwa, mitgegeben sind. „Apels Weg ist die hermeneutische Besinnung auf die notwendigen Voraussetzungen der Argumentation“, schreibt Reese-Schäfer, S. 56.

Diese Voraussetzungen sind nicht in erster Linie Voraussetzungen äußerer Art, etwa ein angenehmes Gesprächsklima mit entsprechenden Räumen oder die Entscheidung für eine allen Gesprächsteilnehmern gemeinsame Sprache.

Entscheidend sind vielmehr die „unsichtbaren“ Voraussetzungen im Sprechen und Zuhören und Antworten selbst. Diese unsichtbaren Voraussetzungen (Aprioris im Sinne von Kant, er spricht von transzendentalem Apriori) ) bringen die Menschen IMMER SCHON mit, als mit Geist/Vernunft ausgestattete Wesen, ob sie das wollen oder nicht, ob sie diese apriorischen Voraussetzungen für sich bejahen oder nicht. Man entkommt diesen Voraussetzungen förmlich gar nicht. Es geht also um Dimensionen de Vernunft „die man nicht bestreiten kann“ (Reese- Schäfer, S. 47). Wer diese immer schon mitgebrachten Voraussetzungen bestreitet, bedient sich aber ihrer noch einmal gerade im Bestreiten selbst; er wird diese Voraussetzungen nicht los. Sie sind „unhintergehbar“, wie Apel sagt. Im Reflektieren auf sie kommt der Geist/die Vernunft auf etwas Letztes, das er als Geist/Vernunft nicht noch einmal tiefer begründen kann.

Im Gespräch/Diskurs gehen die Redner, Zuhörer, Antwortenden immer schon de facto davon aus, dass sie einander verstehen wollen. Der Eintritt in den Diskurs ist freiwillig, es sei denn, es handelt sich um Friedensverhandlungen etwa nach einem Krieg. Wenn in Krisenzeiten Menschen sich dem Diskurs entziehen, kann dies Ausdruck von Misstrauen, Schwäche, Ablehnung von kommunikativer Nähe sein, diese Haltung wäre eigens zu bedenken.

Aber: Im allgemeinen gilt: Wer in die Kommunikation eintritt, will tatsächlich kommunizieren. Will verstehen, will sich selbst und andere verstehen in Richtung auf ein gemeinsames Ziel.

Dies ist die Voraussetzung ihrer Zusammenkunft. Selbst wenn ein Gesprächsteilnehmer an dem Diskurs teilnimmt, um sein Nichtverstehen und Nichteinverstandensein bald zu dokumentieren, so sagt er das in Worten, die alle anderen verstehen. Er will sich gerade als „Nichteinverstandener“ ja für andere verständlich etablieren. Selbst wenn er seine Haltung (nur) durch symbolisches Agieren dokumentiert, muss dieses symbolische Agieren, etwa durch Schreien, Aufstehen, den Raumverlassen usw. als symbolische Tat von den anderen verstanden werden. Ein symbolisches Handeln in einer „Privatsprache“, die nicht allgemein verstanden würde, wäre total sinnlos auch für diesen Agierenden.

Das heißt: Alle Gesprächsteilnehmer binden sich, meist unbewusst, aber doch gültig und tatsächlich, an die gemeinsam geteilte Überzeugung: zu einer einzigen Kommunikationsgemeinschaft zu gehören. Sie bekennen förmlich: Wir sind eine sich verstehende bzw. verstehen wollende Gemeinschaft. Nur aus diesem Grund kommen wir ja zusammen, nur aus diesem Grund sprechen wir miteinander.

Inhaltlich kann natürlich wirklich alles Mögliche gesagt werden. Nur: Formal steht das inhaltlich Gesagte immer unter einem nicht abzuwerfenden Apriori: Alles Gesagte darf nicht dem formal festzustellenden inneren Widerspruch unterliegen. Wenn jemand sagt: “Alle Sätze, alles Urteilen, sind sinnlos“, dann ist in diesem einfachen Beispiel natürlich auch sein Satz sinnlos und bedarf keiner weiteren Debatte. Dieser Redner lebt in einem Selbstwiderspruch, der für ihn nicht nur blamabel, sondern wohl auch seelisch schädlich ist. Der Selbstwiderspruch im Denken und Sprechen muss kommunikativ gelöst werden.

Wenn jemand sagt: „Jetzt behaupte ich als Faktum: Die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit 3,7 Millionen Menschen“. Was wissenschaftlich betrachtet korrekt ist. Wenn dieselbe Person dann aber ein paar Stunden später sagt: „Jetzt sage ich als Faktum, die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit nur 2 Millionen Einwohner“, dann ist das nicht nur ein dummer, autoritärer Umgang mit Fakten. Diese Person, die ja Kenntnis hat von der Einwohnerzahl hat, also durchaus gebildet ist, fühlt sich überhaupt nicht gebunden an die innere Verpflichtung des Geistes, der Vernunft, die Wahrheit zu sagen. Anders formuliert: Diese Willkür im Umgang mit Fakten kann vor dem universalen Wahrheitskriterium des Kategorischen Imperativs nicht bestehen. Eine Person, die die formale Bindung eines jeden Menschen an den Anspruch der Wahrhaftigkeit autoritär überspringt, muss zudem damit rechnen, dass Menschen auftreten und sagen: Jetzt ist diese Person noch der Präsident, ein paar Stunden später ist er es nicht mehr, weil wir Bürger ihn in ein Altersheim einweisen…Subjektive Willkür im Umgang mit Wahrheit rächt sich also.

Die große Frage ist: Wie gehen vernünftig und selbstkritisch argumentierende Gesprächsteilnehmer mit einem Menschen um, der gar nicht ernsthaft argumentieren will? Es ist ja im persönlichen, privaten Bereich möglich, sich vernünftigen Argumenten zu entziehen. Schwierig wird es, wenn diese Person auch politisch sehr einflussreich ist und etwa über das berühmte Knöpfchen verfügt, um einen Atomkrieg anzuzetteln…Walter Resse- Schäfer behauptet sogar, die Diskurstheorie von Apel enthalte „die stille Drohung , diese Irrationalisten in eine Heilanstalt zu sperren“ (Seite 51), was ja im Falle der für Atombomben Verantwortlichen, aber unvernünftigen Politiker so falsch wohl nicht wäre… Reese – Schäfer verweist auf Seite 157, Fn. 17, auf Apels Aussage in „Diskurs und Verantwortung“, S. 336 und er weist auf eine ähnliche Position bei Habermas hin, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, S. 109ff.

Wie auch immer man dieses schwere Problem weiter diskutiert: Wie Demokratie mit den inneren Zerstörern der Demokratie umgeht, ist eine der Hauptfragen der Zukunft. Der Krieg im Innern der Demokratie ist ja seit dem Faschismus und dem Nazi-Wahnsinn bekannt. Damals handelten nur sehr wenige rechtzeitig gegen die „Feind im Innern“, der letztlich ein Feind der vernünftigen Kommunikation war: Wenn Goebbels 1943 rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“, war das, philosophisch betrachtet, auch der Wille von Goebbels, selbst in diesem totalen (!) Krieg unterzugehen. Es waren Massen, die manipuliert wurden und schon im nationalistischen rassistischen Wahn lebten, sie waren von kritischer Reflexion nicht mehr erreichbar. Solche Niederlage der Vernunft geschieht durch populistische Agitatoren immer wieder. Widerstand muss rechtzeitig sein!

Wenn Philosophie etwas beitragen kann in dieser Krise, dieser Zerstörungssucht der Demokratien in Europa von innen her: Dann ist es das umfassende kritisches Nachdenken für alle und mit allen pflegen. Auf die inneren Widersprüche der Feinde der Demokratien aufmerksam machen. Wer den dummen Spruch sagt „Merkel muss weg“, muss sich logischerweise auch gefallen lassen. „Auch du rechtsextremer Politiker musst als Politiker weg“. „Denn du passt mit diesen brutalen Sprüchen nicht in eine demokratische Gesellschaft“. Diese rechtsradikale Argumentationsstruktur, falls sie noch den Namen verdient, lebt von inneren Widersprüchen. Philosophen müssen mit Psychologen zeigen, was es bedeutet, wenn Menschen mit logischen und inneren Widersprüchen leben. Wir sind wieder beim Thema, das schon in Punkt 6 angesprochen wurde.

10 Wenn der Mensch sich doch wesentlich noch als Wesen des Geistes, des Verstandes, der Empathie versteht, denn nur dann ist er Mensch und eben kein irrational agierendes Tier, dann muss er offen sein für Argumente, Diskussion, Ringen um die gemeinsame Wahrheit. Oder er verweigert sich und will eben Krieg aller gegen alle (siehe die zerstörerisch – apokalyptischen Visionen von Steve Bannon).

Es geht um die Frage: Wollen wir wirklich noch menschlich bleiben, wollen wir mental gesund bleiben? Wollen die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten äußert, als oberste Instanz anerkennen, wirklich als oberste Instanz, also auch über allen verschiedenen Religionen und sonstigen Weisheitslehren stehend. Über die Versöhnung der Differenzen in den unterschiedlichen Religionen können ja bekanntlich nicht die einzelnen Religionen befinden: Das Gemeinsame, Friedvolle, Humane kann nur die übergeordnete Philosophie entdecken und freilegen. Es ist also die Aktualität eines Hegelschen Gedankens, dass die Philosophie ÜBER den Religionen steht, die beachtet werden sollte. Womit nicht gesagt ist, dass nicht religiöse Menschen ihre Religion leben dürfen, im Rahmen der Menschenrechte, d.h. der allen gemeinsamen Vernunft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Den „Atom-Kriegern“ heute widerstehen

1. August 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Eine Benefizveranstaltung von IPPNW (= Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) am 9. August 2018 in Berlin – Dahlem

74 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki ist die Gefahr eines Atomkrieges größer denn je.

Nach Einschätzung des „Bulletins oft the Atomic Scientists“ dem Berichtsblatt der Atomwissenschaftler, steht die „Uhr des Jüngsten Gerichts“, die die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges anzeigt, seit Anfang 2018 auf 2 Minuten vor 12!

Wir erinnern daran und laden ein zum IPPNW-Benefizkonzert „Nie wieder Hiroshima – Nie wieder Nagasaki“ am Donnerstag, den 9. August um 20 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, Hittorfstraße 25, 14195 Berlin. U-3 Thielplatz. Bus M11,110

Der Organist Ulrich Eckhardt und die jungen japanischen Preisträger internationaler Wettbewerbe Kazuhito Yamane, Michiaki Ueno und Tomoki Kitamura stellen mit Werken von J.S. Bach, F. Schubert und J. Brahms der drohenden Zerstörung unserer Erde ein Stück Kultur entgegen, denn gerade im Atomzeitalter spielt Musik als Zeichen des Lebendigseins eine besondere Rolle.

Die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Kirchengemeinde Dahlem Frau Katja von Damaros und der stellvertretende Botschafter von Japan in Deutschland Herr Yasushi Misawa werden zur Begrüßung sprechen.

Die internationale Studierendensprecherin der IPPNW, Franca Brüggen spricht zum Thema: “Hiroshima und Nagasaki – Erinnerungen an das Unvorstellbare”.

Die Schirmherrschaft hat die Botschaft von Japan in Deutschland.

Einzelheiten zum Konzert finden Sie im beigefügten Plakat oder unter www.ippnw-concerts.de

Der Eintritt ist frei – Spenden erbeten.

…. 50 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fand in San Antonio/USA ein Kolloquium zum Thema „1945 – Feuerprobe der Befreiung“ statt. Der 87jährige Physiker Edward Teller, einer der Väter der amerikanischen Atombombe und ein entschiedener Befürworter der atomaren Rüstung ergriff das Wort und sagte, dass auch ein demonstrativer Abwurf der Atombombe über der Bucht von Tokio den Krieg beendet hätte. Dies hätten 10 Millionen Japaner gehört und gesehen, ohne dass ein einziger Mensch gestorben wäre. Vom moralischen Standpunkt aus sei dies der Bombardierung Hiroshimas vorzuziehen gewesen. Die Bombardierung Nagasakis drei Tage später nannte er völlig unnötig.

 



Schweden und die Kirche. Ein Radiosendung im Deutschlandfunk 2007

1. August 2018 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Ich wurde mehrfach gebeten, das Manuskript meiner Radiosendung über einige Aspekte der Lutherischen Kirche in Schweden zugänglich machen kann. Der Beitrag wurde 2007 im Deutschlandfunk, Studiozeit, Red. Hartmut Kriege, gesendet. Das hier nun veröffentlichte Manuskript hat ein Layout, wie es für Hörfunk Produktionen üblich ist. Christian Modehn am 1. 8.2018.

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DLF

Studiozeit 2007

Glaube in Schweden heute. Von Christian Modehn

-Eine Sendung VOR der Feier zum 60. Gründungstag des Lutherischen Weltbundes, in Lund, Schweden, gegründet; in Lund auch die Feier ab 20. März 2007. Auf den LWB wurde wunschgemäß auch wegen der aktuellen Berichterstattung nicht eingegangen, sondern ausschließlich wunschgemäß auf die (lutherische) „Schwedische Kirche“.

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  1. O TON : 0 25 « 

Spuren Gottes gibt es für die Schweden immer schon in der Natur. Und wenn man Natur sagt, meint man in Schweden ja was anderes, als wenn man in Deutschland Natur sagt. In Schweden meint man die Berge, d.h. die unberührte Natur, die es in dieser Weise ja in Deutschland gar nicht mehr gibt. Wenn die Schweden von Natur sprechen, meinen sie, dass der Mensch allein in der Natur den Naturgewalten ausgesetzt ist, den Schönheiten, den Schrecken, und dort Gott neu entdeckt.

 

1.SPR.:

Werner Jeanrond untersucht die Bedeutung der Gottesfrage in der schwedischen Gesellschaft von heute. Er arbeitet als Professor für Religionswissenschaften an der Universität von Lund. Seit 13 Jahren lebt er in Schweden, vorher war der aus Deutschland stammende Theologe in den USA und in Irland tätig.

Wer nach Schweden geht, so hatte er dort gehört, begibt sich in eine Kultur ohne Frömmigkeit und ohne Spiritualität. Tatsache ist: In Schweden spielt die Bindung an die Kirche keine große Rolle mehr. Die Menschen seien sehr säkularisiert, heißt es. Aber diese Verweltlichung hat doch Nuancen, hat Professor Jeanrond beobachtet:

  1. O TON, 0 17“

Viele Schweden, auch in meinem Bekanntenkreis, wenn ich sonntags morgens in die Kirche wandere, wandern die in die Natur. Und wenn wir uns dann mittags beim Kaffe treffen, dann vergleichen wir, was wir gefunden haben, welche Spuren Gottes es wo gibt. Wobei das überhaupt nicht ein Gegeneinander ist, sondern ein Miteinander.

 

1.SPR.:

In der Natur das Geheimnis der Schöpfung erleben …oder im Gottesdienst den Schöpfer des Universums verehren: Für Werner Jeanrond bilden beide Glaubenshaltungen eine Einheit. Davon sind die meisten protestantischen Theologen in Schweden überzeugt. Sie unterstützen ihre Landsleute in ihrer Sehnsucht nach einer Naturmystik. Denn gerade da äußert sich die spezifisch „schwedische Spiritualität“. Gelegentlich laden Bischöfe in ihre mittelalterlichen Domkirchen zu besonderen Gottesdiensten ein. Darin wollen sie das Wunder des Lebens, die Freude über die Einheit von Natur und Mensch feiern, musikalisch, meditativ, im Tanz. GAIA nennen sie den Zusammenhang alles Lebendigen. Der Theologie Professor Reinhold Brakenhielm hat kürzlich dieses Fest der Schöpfung vorbereitet:

 

  1. O TON, 0 39″

In der Kathedrale von Uppsala haben wir einen Gaia – Gottesdienst gehabt von großem Interesse. Gaia ist eine Inspiration, von einem englischen Biologen, der die ganze Welt beschrieben hat als eine lebendige Wirklichkeit, wo man die Biosphäre als lebendig ansehen kann. Es gibt eine Art spiritualistische Ökologie. Ich glaube, es ist eine Religion, die ihre Wurzeln in schwedischer Tradition haben.

 

  1. Zusp., Chormusik, ca. 0 05“ freistehend: dann etwas herunterziehen:

 

  1. SPR.:

In der neuen Kirchenmusik wird die „ökologische Spiritualität“ gepflegt, eine Neufassung des berühmten „Sonnengesangs“ des Heiligen Franziskus findet viel Zustimmung:

 

  1. Zusp., Chormusik,

 

  1. SPR.:

Heute gehen die Schweden sehr frei mit den Traditionen der christlichen Religion um. Sie wollen ihrem eigenen, individuellen Glauben selbständig Form und Inhalt geben. 80 Prozent der Bewohner, also 7 Millionen Menschen, sind Mitglieder der „Schwedischen Kirche“. So nennt sich offiziell die evangelisch-lutherische Kirche des Landes. Professor Brakenhielm hat die religiöse Mentalität seiner Landsleute genauer untersucht:

 

  1. O TON: 0 20″

Die große Majorität hat nicht einen aktiven Atheismus, aber sie sind nicht überzeugt von der ganzen Lehre des Christentums. Vielleicht glauben sie an Gott oder in eine transzendente Wirklichkeit, aber sie haben nicht eine präzise Dogmatik.

 

  1. SPR.:
    Darin sind sich Religionssoziologen einig: Nirgendwo sonst in Europa hat sich innerhalb einer protestantisch geprägten Kultur so viel „frei schwebende“, individuell geprägte Spiritualität entwickelt wie in Schweden. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Kirche. Professor Brakenhielm:

 

1.O TON, 0 23″

Jedes Jahr werden die Taufen ein oder zwei Prozent weniger, so ist es auch mit Gottesdienste im allgemeinen, so ist auch, wenn man die Statistik von Mitgliedern ansieht. Wir haben ein Problem hier in der Schwedischen Kirche, auch für die Zukunft.

 

  1. SPR.:
    Aber die meisten Theologen und Bischöfe der Schwedischen Kirche reagieren darauf nicht in einer defensiven Haltung; sie entwerfen keine umfassenden Strategien für eine neue Evangelisierung. Vor allem: Sie wollen ihre religiös interessierten Landsleute nicht mit schwer verständlichen dogmatischen Lehren konfrontieren. Deswegen verhalten sie sich großzügig, manche sagen liberal, weil sie jeden einzelnen unterstützen, den eigenen religiösen Weg zu finden. Diese theologische Position vertritt unter anderen Karl Gustav Hammar. Er arbeitet jetzt wieder als Theologieprofessor, bis vor einem Jahr war er als Erzbischof von Uppsala auch das Oberhaupt der Schwedischen Kirche.

 

  1. O TON, 1 10“
  2. SPR.:

Ich denke, eine der wichtigen Aufgaben der Schwedischen Kirche heute besteht darin, den Schweden helfen. Damit sie verstehen: Die Menschen sind gar nicht so distanziert von der Kirche, wie sie selbst denken. Sie sind gar nicht so säkularisiert, wie sie meinen. Es gibt in Schweden eine Spiritualität, die sehr eng verbunden ist mit der Natur, es gibt eine Verbindung mit dem Ganzen der Schöpfung, ähnlich der keltischen Spiritualität. Sicherlich, diese Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt, die Leute sind nicht kirchlich gebunden, aber sie sind doch spirituell. Ich würde sie auch nicht religiös nennen. Aber die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein.

 

1.SPR.:

Kirche und Volk bzw. Kirche und Staat waren über mehrere Jahrhunderte aufs engste verbunden. Im Jahr 1527 schloss sich König Gustav I. Vasa dem Lutherischen Glauben an. Nachdem er den Kirchenbesitz in staatliches Eigentum überführt hatte, ernannte er sich zum Oberhaupt der lutherischen Kirche. Seit dem 16. Jahrhundert war die Kirche wichtigste geistige Stütze des Staates, sie war ganz offiziell „Staats-Kirche“: Die Bischöfe z.B. wurden vom König eingesetzt. Erst im Jahr 2000 wurde diese enge Verquickung von Staat und Kirche aufgegeben. Mit großer Mehrheit unterstützte nicht nur das Parlament, sondern auch die oberste Kirchensynode diese Veränderung der schwedischen Verfassung: Altbischof Hammar:

 

  1. O TON, 0 37“
  2. SPR.:

Die wichtigste Veränderung betrifft die Mentalität des schwedischen Volkes. Denn früher war die Kirche in gewisser

Weise die offizielle staatliche Stimme, sie war Teil des Establishments. In dieser Situation wurde alles entwertet, was unsere Kirche sagte. Darum war es für Freikirchen oder staatlich unabhängige Kirchen einfacher, sich zu äußern als für uns. Jetzt aber denken die Leute: Wir sind frei, wir sind ein Teil der schwedischen Zivilgesellschaft. Wir haben eine bedeutende Stimme, deswegen ist die Kirche heute interessanter für die Menschen geworden.

 

  1. SPR.:
    Die Kirche ist nicht mehr der verlängerte Arm des Staates, sie kann, vom Geist der Bibel inspiriert, kritisch Stellung beziehen, etwa zum Lebensstil der schwedischen Gesellschaft:

 

 

  1. O TON, 0 31“
  2. SPR.:

Im positiven Sinne versuchen wir für eine erträgliche Zukunft und für eine erträgliche Gesellschaft zu arbeiten. Das verlangt von uns, dass wir einen anderen Lebensstil finden, der mit weniger Energie und weniger Konsum auskommt. In diesem Sinne ist es wichtig für uns, dass wir Teil der Zivilgesellschaft sind. Mit uns gibt es viele andere Stimmen, etwa im Umweltschutz oder in politischen Bewegungen, Befreiungsbewegungen usw. Sie alle sprechen dieselbe Sprache, wir gehören zu dieser Bewegung.

 

1.SPR.:

Endlich frei sein: Schwedische Theologen diskutieren die Auflösung der engen Verquickung von Kirche und Staat seit über 100 Jahren. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde kritisiert, dass es eigentlich keine Religionsfreiheit gibt, daran erinnert der Theologe Michael Persson aus Uppsala:

 

  1. O TON: 0 23″

Wenn man in Schweden wohnte, dann war man evangelischer Christ. Automatisch. Dann gab es ein Kirchengesetz von 1686. D.h.: Jeder, der in Schweden geboren ist, muss getauft innerhalb 8 Tagen. Also es war eine Kontrollgesellschaft. Bis 1851 durfte man kein anderes Bekenntnis haben als evangelisch-lutherisch.

 

  1. SPR.:

Wer wenigstens einen schwedischen Elternteil hatte, war also automatisch und ungefragt Mitglied der Schwedischen Staats – Kirche. Die Taufe war dann eher ein zusätzlicher religiöser Ritus. Erst seit 1851 ist ein Übertritt in eine Freikirche, etwa der Baptisten, oder auch in die Katholische Kirche gesetzlich erlaubt. Aber Christ musste ein Schwede in jedem Fall bleiben, Unglaube galt als „gefährlich“. Michael Persson:

11.O TON: 0 09″

Bis 1951 konnte man nicht als Atheist eingeschätzt werden. Ohne Glauben, das ging nicht! Entweder Kirche von Schweden oder eine von den anderen.

 

  1. 1. :
    Der Staat wollte durch die Bindung aller seiner Bürger ans Christentum für die eigene Stabilität sorgen und die innere Sicherheit fördern. Nur der christliche Untertan könne dem christlichen Königreich dienen, war die Überzeugung. Als dann seit 1950 immer mehr Ausländer ins Land kamen, darunter auch Flüchtlinge aus muslimischen Staaten sowie Juden und auch Buddhisten aus Asien, musste eine andere, eine säkulare Ideologie die Einheit unter allen Menschen in Schweden stiften. Darum bemühten sich die viele Jahre regierenden Sozialdemokraten, berichtet Professor Werner Jeanrond :

 

  1. O TON 0 23″

Der Volkheimgedanke, schwedisch Volkhem, bedeutet ja, dass diese Volksheimat, die aufgebaut werden soll, alle Bedürfnisse und alle Beziehungen der Menschen regeln wollte. D.h. sie hat natürlich einen vom Glauben aus gesehen totalitären Anspruch, totalitär in der Weise, dass sie alle Beziehungen des Menschen von der Wiege bis zur Bahre lenken und leiten wollte, auch die Religion.

 

1.SPR.:

Im Rückblick hatte die Bindung der Kirche an den sozialdemokratisch regierten Staat auch positive Aspekte, betonen Theologen heute. Denn der sich fortschrittlich verstehende Staat versuchte von sich aus, progressive theologische Auffassungen in der Kirche zu unterstützen. Professor Jeanrond:

 

13.O TON: 0 20″

Es gibt ja viele Sachen, die zwischen Kirche und Staat in den letzten Jahren erfolgreich in Schweden ausgehandelt wurden, z.B. die Rolle der Frau. Die Rolle der Frau in der schwedischen Kirche ist gleichgestellt. Es gibt vermutlich jetzt in Lund bald wieder zum zweiten Mal eine Frau als Bischöfin, und da haben Staat und Kirche zusammengewirkt gegen konservative Elemente in der Kirche.

 

  1. SPR.:

Als das Parlament die völlige Gleichstellung der Geschlechter beschloss und in den neunziger Jahren auch die Gleichberechtigung homosexueller Menschen, hat sich die Schwedische Kirche dieser Entwicklung angepasst. Kürzlich gestattete die oberste Synode die kirchliche Segnung homosexueller Paare. Diese Position ist allerdings nicht unumstritten, betont Michael Persson:

 

  1. O TON, 0 16″

Die Synode hat gesagt, das ist in Ordnung, ein Drittel hat gesagt, nein, wir wollen das nicht. Aber zwei Drittel von Synode hat gesagt: Wenn Leute zusammenleben wollen in Treue und in Liebe, dann segnet die Kirche das ein.

 

  1. SPR.:
    Innerhalb der Schwedischen Kirche gibt es unterschiedliche geistliche Strömungen. Aber nur eine kleine Minderheit geht einen eigenen, streng lutherischen oder evangelikalen Sonderweg, wie etwa die sogenannte „Schwedische Missionsprovinz“ konservativer Lutheraner. Ihr Führer, Pfarrer Arne Olsson, wurde von einem ebenfalls konservativen lutherischen Bischof aus Kenia zum Bischof geweiht. Die überwiegende Mehrheit wünscht sich einen modernen Glauben, also eine Verbindung von Moderne mit der biblischen Tradition. Dafür setzt sich Altbischof Hammar ein:

 

  1. O TON, 0 36“.
  2. SPR.:
    Mein theologischer Kampf als Kirchenführer hier geht nicht darum, undogmatisch zu sein. Mir geht es eher darum, wieder zu verstehen, was das Dogma heute bedeutet. Für mich ist das Dogma keine Lehre, die perfekte Antworten enthält, man begegnet nicht einer statischen Wahrheit. So missachtet man nur den historischen Sinn des Dogmas. Ich sehe das Dogma als den Ausdruck einer Erfahrung des Glaubens zu einer bestimmten Zeit, als Deutung, was Christsein in einem bestimmten Augenblick bedeutet. Unter diesen Bedingungen können für heute die alten Dogmen hilfreich sein. Man kann mit ihnen ins Gespräch kommen, aber sie begrenzen sie nicht die eigene Freiheit.

 

  1. SPR.:
    Die Gesprächsbereitschaft ihrer Kirche können die Schweden ständig im Alltag erleben: Alle Gotteshäuser sind täglich viele Stunden geöffnet, meist ist ein Pfarrer oder ein Gemeindemitglied dort erreichbar. Regelmäßig werden Kirchenführungen angeboten. Pfarrerin Veronica Helm erläutert zum Beispiel auch Schulklassen die Architektur der mittelalterlichen Kathedrale von Lund:

 

  1. O TON, Führung in Dom zu Lund, insges. 0 41″.

bleibt ca. 0 05″ freistehen.

 

1.SPR.:

Bei den Kirchenführungen werden immer auch kleine Einführungen in die christliche Glaubenswelt geboten. Die meisten Schweden haben nur oberflächliche Kenntnisse der kirchlichen Traditionen. In den staatlichen Schulen wird kein konfessionell geprägter Religionsunterricht gelehrt.

Jeder Besuch einer Kirche wird zur Glaubensunterweisung.

 

  1. Zusp., MUSIK: ORGEL,  

 

  1. SPR.:

An jedem Sonntag kann man überall im Land in einer der mehr als 3000 Kirchen ein Chor- oder Orgelkonzert erleben. Da zeigt sich die „Volkskirche“ von ihrer besten Seite! Die Schwedische Kirche beschäftigt über 2000 Musiker, eine ungewöhnlich hohe Zahl! Eric Boström ist Organist an der Oscar-Kirche von Stockholm:

 

  1. Zusp., MUSIK: ORGEL,

 

  1. SPR.:
    Die Schwedische Kirche will „allen Schweden behilflich sein bei der Suche nach dem Sinn des Lebens“: So wird der offizielle kirchliche Auftrag immer wieder umschrieben. Für Gottesdienst und Seelsorge zahlen die Mitglieder den Kirchenbeitrag, ein Prozent von der Einkommenssteuer wird vom Finanzamt als Kirchgeld abgezogen. Ihre kulturelle Aktivitäten muss die Kirche jetzt ohne staatliche Hilfe selbst finanzieren, etwa ihre Präsenz beim größten kulturellen Ereignis in Schweden, der Internationalen Buchmesse von Göteborg:

 

  1. O TON ATMO, 0 26″, bleibt ca. 0 05″ freistehen, dann herunterziehen:

 

  1. SPR.:
    Die Kirche hat in einer Ausstellungshalle ein weites Areal gemietet für Vorträge und Diskussionen. Den vielen tausend Besuchern stehen kleine Meditationsräume zur Verfügung, auch für seelsorgerliche Beratung ist genug Platz. Jonas Eck, ein junger Pfarrer, gehört zum Kirchenteam der Buchmesse:

 

 

  1. O TON, 0 39“.
  2. 2. SPR.:

Ich denke, das wichtigste Ziel für die Kirche besteht ja darin, aktiver Teil in der Gesellschaft zu sein. Die Kirche soll nicht hinter verschlossenen Kirchen-Türen sitzen, sondern dort sein, wo die Leute sind. Bei der Buchmesse kommen alle möglichen Menschen zusammen. Deswegen ist es für die Kirche eine wichtige Aufgabe, aktiv im kulturellen Leben zu sein. Einige Leute sind sehr religiös, andere gar nicht. Alle möglichen Leute kommen hierher, und hier kann die Kirche mit allen unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen.

 

1.SPR.:

Viele Besucher fragen nach Möglichkeiten, ehrenamtlich mit der Kirche zusammenzuarbeiten. Vor allem die Evangelische Stadtmission, ein Sozialwerk für Arme, ist für Helfer dankbar: Denn auch in Schweden nimmt die Zahl der Obdachlosen zu, 10 Prozent der Bevölkerung gelten als arm. Die Stadtmission bietet nicht nur Unterkunft und Speisungen an. Gabriel Lind af Hageby, ein Anwalt in Stockholm, engagiert sich ehrenamtlich für die Stadtmission:

 

  1. O TON, 0 25″

Sie versucht auch Obdachlose in das normale Leben zu integrieren. Es gibt neuerdings auch ein Projekt, wo Obdachlose trainiert werden, um in das Berufsleben zurückzufinden. Sie können auf die Volkshochschule der Stadtmission kommen. Das ist eine Volkshochschule der Stadtmission, dort können Leute die Grund-Schule und Gymnasium nachholen, wie sie wollen.

 

  1. SPR.:
    Gabriel Lind af Hageby ist einer von 300 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stockholmer Stadtmission. Für ihn ist dieser Einsatz kein „Opfer“, erst recht kein Zeitverlust, denn im Team der Ehrenamtlichen gibt es viele Diskussionen, dort kommen Menschen unterschiedlicher Weltanschauung zusammen: engagiert sich als „kirchenferner Humanist“ in dem evangelischen Projekt!

 

  1. O TON: 0 28″

Es gibt auch viele, die konfessionslos sind, das ist kein Problem. Ich bin in einer Kulturaktivität, und wir essen mit den Gästen, den Besuchern der Stadtmission zusammen, und machen dann etwas Kulturelles. Das kann Theater sein oder Konzerte, Wanderungen oder Museumsbesuche sein. Es gibt sehr viele Leute, die in Stockholm allein leben. Und man kann sagen, dass die Vereinsamung ein großes Problem ist.

 

1.SPR.:

Bei der Vereinsamung der Menschen vor allem in den großen Städten haben die Kirchengemeinden als Treffpunkte und offene Orte der Kommunikation neue Aktualität bekommen. Mit dem Rückzug in die eigenen vier Wände gibt es zunehmend Kommunikationsprobleme; da übernehmen auch Christen eine Art ehrenamtliche Seelsorge im Alltag, wie Werner Jeanrond berichtet:

 

  1. O TON: 0 36″

Mein langjähriger Nachbar, der nie einen Schlips trägt, ist mir vor nicht so langer Zeit, in einem schwarzen Schlips begegnet. Was mich erschreckt hat, ich hab ihn gefragt, warum hast du heute einen Schlips an? Da hat er gesagt: Ich bin dabei, meine Mutter zu begraben. Die ist 4 Wochen vorher schon gestorben, das hat er mir nie mitgeteilt. Dann bin ich abends, nachdem er seine Mutter begraben hat, mit einem Strauß Blumen zu ihm gegangen. Ich wollte diese Blumen als Zeichen meiner Anteilnahme überreichen. Und musste damit rechnen, dass ich abgewiesen wurde, das bin ich aber nicht. Ganz im Gegenteil. Das hat uns über diese Blumen zu einem Gespräch über Tod und Leben und Trauer geführt. Das, wie es mir schien, ihm sehr wohl getan hat.

 

  1. SPR.:
    Die Trennung der Kirche vom Staat hat dem kirchlichen Leben gut getan, auch wenn jetzt etliche die Möglichkeit nutzen, aus der Kirche auszutreten, nicht zuletzt, um das Kirchgeld zu sparen. Aber keine andere Organisation in Schweden bietet eine solche bunte kulturelle, spirituelle und politische Vielfalt wie die Schwedische Kirche. Die kleineren Glaubensgemeinschaften, wie die Katholische Kirche mit 150.000 Mitgliedern, sind dem gegenüber wesentlich geschlossener und „eindeutiger“, bemerkt Professor Jeanrond:

 

  1. O TON 0 52″

In der evangelischen Kirche in Schweden gibt es einen neuen Entdeckungsgeist, der die verschiedenen Formen, die uns traditionell oder aus anderen Lebensbereichen zur Verfügung stehen, neu testen möchte. In der katholischen Kirche in Schweden gibt es genau die umgekehrte Bestrebung, dass man eine Form hat, die uns genau von diesen Abenteuerformen entlastet, die uns die Sicherheit gleich schon gibt. Es gibt natürlich verschiedene Motivationen, warum Schweden zum katholischen Glauben übertreten. Aber es gibt sicherlich auch eine große Zahl derer, die das tun, weil sie eine Sicherheit suchen aus diesem Abenteuergeist der schwedischen Kirche heraus in den sicheren Hafen Rom. Um dann dort zu entdecken, dass der Petersplatz sogar anders gestaltet ist als man sich das gedacht hat. Und dann entsteht eine große Enttäuschung, die von manchen dann ästhetisiert wird, die sie dann in die orthodoxe Kirche treibt.

 

 

  1. SPR.:
    Mit dem Ende der Staatskirche hat eine neue Epoche für die Schwedische Kirche begonnen: Auch wenn sie von der Anzahl her schwächer wird: Die Zahl der mehr als 100.000 ehramtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder der 3.400 Pfarrerinnen und Pfarrer wird in den nächsten Jahren stabil bleiben. Gerade junge Pfarrer sind vom bleibenden Interesse der Schweden an „ihrer“ Kirche überzeugt: Jonas Eck:

 

  1. O TON, 0 24“

Sie befragen die Kirche und sie akzeptieren sie auch als einen Partner innerhalb des kulturellen Lebens. So ist die Schwedische Kirche zu einem respektierten Partner geworden bei kulturellen Fragen oder philosophischen Themen der Gesellschaft. Die Kirche ist zu einem neuen Treffpunkt geworden, um Menschen zu versammeln.

 

STOP