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PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

21. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Termine

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 



Pfingsten – Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

8. Mai 2013 | Von | Kategorie: Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, Weiter Denken

Pfingsten – das Fest des Geistes
Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Hat das Pfingstfest eine Bedeutung für die heutige moderne Lebenserfahrung, die so oft sagt: Wir leben in geistlosen Zeiten?

Bereits der Gregorianische Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ruft nach der schöpferischen Kraft des Geistes. „Veni Creator Spiritus“ – „Komm Schöpfer Geist“. Offensichtlich war der Eindruck schon immer der, dass es an Geist mangelt oder jedenfalls, dass wir um den Geist bitten müssen. Nach dem Geist verlangen, um den Geist bitten wir, weil wir nicht über ihn verfügen, weil wir ihn nicht machen können, aber doch von diesem Geist leben! In uns selbst aufkommend, aber eben unverfügbar aufkommend: ‚Da hatte ich eine Idee!‘ ‚ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen!‘ Jetzt wird mir die Sache klar!‘ Wir wissen, wie sehr alle menschliche Kreativität vom gelungenen Einfall lebt!

Geistlose Zeiten? Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, was Menschen alles können, auf den Gebieten von Wissenschaft und Technik, von Kunst und Kultur. Großartiges mit zuvor ungeahnten Möglichkeiten finden wir auch in unserer Zeit, denken wir nur an den Computer und das Internet. Wozu der Mensch fähig ist, das freilich ist auch an Grausamkeit nicht zu überbieten. Der menschliche Geist ist wirklich zu allem fähig!

Ich sehe im Geist die göttliche Kraft in uns Menschen, das Schöpferische und Kreative. Ich sehe in ihm den göttlichen Grund der menschlichen Freiheit. Deshalb, so meine ich, verlangt und ermöglicht zugleich der Geist aber auch, dass wir uns bewusst und d.h. letztlich immer auf verantwortliche, kritische Weise zu ihm verhalten. Wir verfügen nicht über den Geist. Er ist vielmehr die schöpferische Energie aus der wir leben. Genau dies können wir uns jedoch bewusst klar machen. Dann sehen wir darauf, dass wir verantwortlich mit unseren schöpferischen Fähigkeiten umgehen müssen.

Der schöpferische Geist von uns Menschen kann sich in eine teuflische Kraft verwandeln, ins Zerstörerische und Mörderische. Auch deshalb braucht er die kulturelle und ethische Formung. Er muss sich ausrichten können an dem, was dem Leben dient. Er braucht die Einsicht in das, was gut ist für alle Menschen.

Der menschliche Geist ermöglicht aber selbst auch die Selbstthematisierung, in ethischer und in religiöser Hinsicht, die Ausrichtung am Guten, die Vergewisserung dessen, dass der Mensch in Gott gründet – einem Gott, der nichts als Liebe ist. In dieser Selbstbesinnung auf die Kraft des Geistes liegt die Bedeutung des Pfingstfestes.

Wenn der Geist geehrt und gefeiert wird zu Pfingsten: Ist denn der „heilige Geist“ in jedem Menschen lebendig?
Der „heilige“ Geist ist keine Größe, die wir uns in gegenständlicher Gegebenheit vorzustellen hätten. Die biblisch fundierte Bildwelt des Christentums hat zwar für solche Vorstellungen gesorgt – Feuerzungen auf den Häuptern; die Taube, die vom  Himmel herabfährt – aber das sind symbolische Zeichen, die dafür stehen, dass der Geist uns Menschen ergreift, dass er über uns kommt, uns erfüllt. Wir spüren seine Kraft, aber wir können dieses Spüren nicht selbst hervorrufen. Wenn wir aber diese uns erfüllende Kraft spüren, dann können wir uns bewusst zu ihr verhalten, ihr eine Form geben und sie zu lebensdienlicher Wirkung bringen.

So verstanden ist der „heilige Geist“ in jedem Menschen lebendig als diese unwahrscheinliche Lebenskraft. Allerdings achten wir zumeist gar nicht darauf, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht hervorgebracht haben und hervorzubringen nicht in der Lage sind. Deshalb, wenn wir an Pfingsten den Geist feiern, dann feiern wir im Grunde das Wunder des Lebens, dann zelebrieren wir die Energie, die in uns Menschen steckt, unseren Einfallsreichtum, die elementare Kraft zur Bewältigung dieses oft so komplizierten Lebens.

Alle Menschen haben Geist, haben Vernunft: Haben sie dadurch Göttliches in sich selbst, das sich vielfältig ausdrückt?

Die Kraft des Geistes ist in allen. Insofern kann man auch sagen, alle Menschen haben Göttliches in sich, so wie der Theologe Friedrich Schleiermacher der Meinung war, alle Menschen seien Künstler, ein Dictum, das ebenso von dem Aktionskünstler Joseph Beuys überliefert ist. Gemeint ist das kreative Potential, das in uns Menschen steckt, von dem aber ebenso gilt, dass es in Form gebracht, bewusst gestaltet, mit vernünftiger Einsicht vermittelt werden will.

Wenn der göttliche Geist so allgemein ist: Sind dann die vielen nichtchristlichen Religionen auch von dem einen göttlichen Geist beeinflusst?

Da muss ich die Bibel zitieren: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8) Der Geist kennt keine Grenzen. Er richtet sich nicht nach den sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten, in die wir die Menschen und Menschgruppen einteilen. Er ist unverfügbar, in seinem Woher und Wohin nicht manipulierbar. Dadurch ist er der Grund der menschlichen Freiheit, selbstverständlich der Freiheit aller Menschen.

Der heilige Geist ist kein Christ. Die verschiedenen Religionen sind vielmehr verschiedene Formungen des menschlichen Geistes, sofern dieser sich seines göttlichen Grundes bewusst wird. Wo Menschen nicht nur aus der Kraft des ihnen innewohnenden göttlichen Geistes leben, sondern sich dieser Kraft bewusst werden, als einer solchen, die von außen, von Gott her, über sie kommt, dort ist gelebte Religion – in welcher Form auch immer. Jede Religion ist als Religion umso lebendiger, je klarer sie die bewegende Kraft des Geistes feiert, dann aber ihr auch eine lebensdienliche, in der Liebe eifrige Form gibt.

Wir identifizieren oft Geist mit der Fähigkeit zur Kritik. Ist der heilige Geist also auch skeptisch, auch kritisch, aber wem oder was gegenüber?
Das genau gehört entscheidend zur Formung, zu der die Bewusstheit des Geistes diesem selbst verhilft, die Fähigkeit zur Kritik. „Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Wo wir der Lebendigkeit des Geistes in uns selbst bewusst werden, ihn gar religiös feiern, ihm begeistert unsere Lieder singen und unser Herz schenken, da tun wir dies nur dann auf rechte Weise, wenn wir uns zu seiner Wirkung in uns selbst und in anderen kritisch verhalten. Wir müssen prüfen, ob das, was wir in der Kraft des Geistes, der unsere Lebendigkeit ausmacht, tun, auch wirklich dem Leben dient, uns selbst förderlich ist und denen, für die wir da sind und Verantwortung tragen, für diese Welt und ihre Zukunft.

Die sich ihrer bewusst werdende Lebendigkeit des Geistes ist immer kritisch, kritisch sich selbst gegenüber. Sie weiß, dass der Geist  zu allem fähig ist, auch zu teuflischem Tun. Deshalb können wir den Geist nicht feiern, ohne ihn zu prüfen. Das Kriterium der lebendigen Kraft des Geistes liegt aber bereits in ihr selbst. Zu prüfen ist, ob sie dem Leben dient.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon