Alternativen für eine humane Zukunft



200. Geburtstag von Karl Marx

18. April 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Vom religiösen Opium und über den Klassenkampf: Marx als „Fremdprophet“

Hinweise von Christian Modehn

……….Dieser Text war ein Kurzreferat für eine Gesprächsrunde

Provozierende Thesen stelle ich vor, wie sie sich zum 200. Geburtstag von Karl Marx gehören. Irgendwie sollte beim Marx Gedenken in diesem Jahr das klare Denken auch mit der Leidenschaft für eine gerechtere Welt verbunden sein, nur so kann man mit Marx denken und von ihm sprechen: Leidenschaft für die Gerechtigkeit war das Lebensthema von Karl Marx.

Wir können nun freier und unbefangener auf das in sich vielfältige, anerkanntermaßen unvollendete Werk von Marx blicken. Die Neuausgabe seiner Schriften MEGA genannt, kommt gut voran.

Dass Marx sich selbst nicht „Marxist“ nennen ließ, dass er nicht die Diktatur der Bolschewisten voraussagte, geschweige denn bejaht hätte, ist heute ins allgemeine Bewusstsein gebildeter Menschen gedrungen. Der Kommunismus bolschewistischer Prägung ist eine Verirrung, eine Absage an das Denken von Marx. So wie, im Vergleich, die Ausschaltung und Vernichtung so genannter Hexen durch die Kirchenführungen nichts mit der zentralen Botschaft des Propheten Jesus von Nazareth, seiner Bergpredigt etwa, zu tun hat. Marx ist sehr wahrscheinlich ein Fremdprophet, der von außen auf Religion, auf Christentum, schaute und als Humanist und Atheist – wie alle Propheten – Provozierendes sagte.

Dieses Wichtige, die zentralen Einsichten von Marx, wurde viele Jahrzehnte von den Kirchen und ihren Theologen ignoriert. Marx galt dort – unzutreffend – nur als Begründer des bösen Kommunismus. Der Kommunismus aber war in der Sicht der Kirchen säkularisierte Ersatzreligion, Machbarkeitswahn des Endgültigen, Hoffen auf ein Reich Gottes ohne Gott. Darum wurden Sozialisten und Kommunisten in Westeuropa verfolgt, und kirchlicherseits exkommunziert, wie etwa in Italien.. Es dauerte bis 1965, dass einige unentwegte Christen und Marxisten miteinander ins Gespräch kamen. Und manch ein Marxist, wie Roger Garaudy, wurde in diesen Jahren zum Reform – Marxisten und selbstverständlich aus der Partei PCF ausgeschlossen. Dissidenten schließt man aus: Dieselbe Praxis pflegte auch die katholische Kirche Jahrhunderte lang. Katholizismus und Kommunismus stehen sich im Umgang mit ihren Mitgliedern, in der Herrschaft der Herrschenden, bekanntlich sehr nahe. Diese Nähe wurde nie untersucht. Vielleicht hassten sich deswegen Katholiken und Kommunisten so sehr, weil sie in so vielem, Endzeiterwartungen und Zentralistische Führung etc. ähnlich waren und sind.

Theologische oder kirchenpolitische Veränderungs/Reformprozesse wurden durch diese Dialoge in diesen meist katholisch geprägten Kreisen rund um die „Paulus Gesellschaft“ in Ansätzen sichtbar: Das Thema Zukunft und Hoffnung rückte in den Mittelpunkt einiger theologischer Denker. Wenn Protestanten Marxisten wurden, dann oft sogar „stramme Anhänger“ der letztlich doch bolschewistischen Parteien, der SED oder Kommunistische Partei der CSSR usw. Stichwort: „Prager Friedenskonferenz“ rund um den Theologen und Karl Barth Schüler Josef L. Hromadka. Bei den Katholiken war es – etwa bei der „Berliner Konferenz“ – ähnlich. Die DDR galt als der bessere deutsche Staat…Die „Friedenspriester“ in Prag waren mit der Kommunistischen Partei in der CSSR verbunden, aber sie „retteten“ noch gewisse Restbestände katholischen sakramentalen Lebens in dieser auch kulturellen „Eiszeit“ dort.

Heute gilt es, einige Vorschläge von Marx, einige zentrale als aktuelle Impulse des Weiterdenkens (!) zu debattieren. Die Schriften von Marx werden der bolschewistischen Irrdeutungen entnommen und Marx wird als Denker wie andere Philosophen und Ökonomen oder Humanisten ernst genommen. In dieser Weise wird man auch in den Kirchen und Theologien mit ihm umgehen!

Marx nannte sich Atheist, definierte aber Religion umfassend als Opium des Volkes UND gleichzeitig als Ausdruck des wirklichen Elends sowie als Protest gegen das (soziale, materielle) Elend. Immerhin, so Marx, sei Religion das Gemüt einer herzlosen Welt. Aber er sah Religion als ein beruhigtes, ein zum Stillhalten führendes Gemüt der Armen. Im Opium Rausch erscheint die gerechte Welt schnell als schöner Traum. Das Erwachen ist böse. Und die meisten, die erwachen, werden politisch nicht aktiv. Sie sind im Rahmen einer „Opium“ – Religion eher gelähmt.

Genauso wichtig für heute ist die Sensibilität von Marx, immer wieder die Gesellschaft auf ihre Klassenstruktur, auf Herrscher und Beherrschte, auf unverdient (trotz aller Gewinne durch die Ausbeutung der Armen) Reiche und nichts verdienende Untermenschen, Arme, Arbeiter etc. hinzuweisen.

Das Thema Klassenspaltung und Klassenüberwindung in einer gerechten Ökonomie und Politik ist DAS aktuelle Thema von Marx, es kann auch für die Arbeit der Theologie und der Kirchen eine hohe, manchmal wohl,immer noch neue Relevanz haben. Und die Kritik von Papst Franziskus am Kapitalismus, an einer „Wirtschaft, die tötet“, ist ja doch irgendwie von Marx inspiriert, selbst wenn Papst Franziskus schon um seines eigenen Überlebens willen alles tun muss, um nicht irgendwie als Marxist zu gelten. Dennoch äußerte in einem Interview mit La Stampa im Dezember 2013 ganz offen seine Sympathien für die „guten Marxisten“, die er wohl in seiner argentinischen Heimat erlebte.

Die 1. These: Religionen (Kirchen, Islam, Judentum usw.) dürfen normalerweise kein Opium sein.

Die 2. These: Die Kirche ist Teilnehmerin des heutigen Klassenkampfes

Zur ersten These: Religion darf normalerweise kein Opium sein.

Warum „normalerweise“? Weil es Ausnahmen gibt, in denen Religion als seelischer Trost in Situationen ohne jede Aussicht auf „weltliche“, materielle, leibliche, gesellschaftliche Verbesserung eine hilfreiche, wenn auch betäubende Bedeutung haben kann. Ob im Blick auf das Sterben und den Tod diese Rolle des „hilfreichen Opium“ wichtig ist, bleibt eine andere Frage. Man sieht: Bei der Frage nach der Verbindung von Opium und Religion gibt es wohl kein absolut klares Entweder Oder, es kommt nur entschieden darauf an, dass Religion als solche nur als Ausnahme Opium ist, schon gar nicht aber von Machthabern als Opium FÜR das Volk dargereicht wid.

In Lateinamerika hat die Befreiungstheologie seit 1970 die Armen vom Opium der beruhigenden Religion und Kirche befreien wollen. Religion und Glauben ist eine Kraft der Lebensgestaltung, des Widerstands gegen Unrecht, der Erfahrung von tragender Gemeinschaft, des Respekts, der Gleichheit, des Endes allen Klerikalismus. Da wird eine Spiritualität entwickelt, die nicht alte fromme Floskeln wiederholt, sondern das gelebte Leben als Schrei nach Gerechtigkeit artikuliert. Man lese bitte wieder einmal Helder Camara, Oscar Romero, Pater Sobrino, Pedro Casaldaliga, Leonardo Boff usw…

Diese Befreiungstheologie wurde attackiert von Rom, von den Päpsten: Sie versuchten, sie zu spalten, in eine moderate, also der Hierarchie angenehme Theologie und in eine rebellische, sich der marxistischen Methode bedienenden Theologie. Diese Spaltung schwächte die Befreiungsbewegung, und das war das vatikanische Ziel, Der Vatikan hatte sich nachweislich mit den USA und ihren Präsidenten (Reagan vor allem) verbündet, um auch gegen den angeblichen Kommunismus der Befreiungstheologie vorzugehen. Entsprechende Ausbildungszentren explizit gegen die Befreiungstheologie und ihre Bewegungen, man denke an die „School of Americas“ , wurden eingerichtet, um Befreiungsbewegungen auszuschalten und deren Inspiratoren zu töten, siehe etwa in Guatemala oder heute in Honduras usw.

Mit anderen Worten: Die römische Kirche hat sich vor kurzem ganz offiziell anti – marxistisch verhalten. Sie las Marx in als einen Feind der Kirche und der Theologie.

Nur wenige Theologen erkannten, dass Marx in der Hinsicht kein Feind der Kirchen ist, sondern deren befreiender Kritiker, eine Art Prophet von außen, ein „Fremd-Prophet“ ist.

Aber gerade heute bilden sich wieder religiösen Bewegungen, auch innerhalb der Pfingstkirchen oder der Evangelikalen, die Religion nur als Beruhigung verstehen. Oder als Impuls, sich selbst zu bereichern und dieses Geschehen als Ausdruck der göttlichen Zuwendung zu deuten. Andererseits ist der Zustrom der Armen zu diesen Kirchen doch auffällig: Vielleicht sind sie (in Afrika, Asien, Lateinamerika, USA) so elend gemacht worden durch die neoliberalen Strukturen und deren Herren, dass sie dieses Opium brauchen. Aber die Führer dieser genannten Kirchen nützen die Armen und den so genannten Mittelstand auch noch oft schamlos aus, um sich selbst zu bereichern. Entsprechende Studien liegen vor, etwa zu Nigeria oder Brasilien.

Insgesamt ist es noch eine dringendes theologische und religionsphilosophische Aufgabe, zentrale Begriffe der alten christlichen Tradition auf deren Opium-Charakter hin zu überprüfen und dann zu korrigieren. Etwa „Erlösung“, „Heil“, Auferstehung usw.

Die Kirche ist Teil des heutigen Klassenkampfes

Es ist heute bei den meisten kritisch reflektierenden Soziologen und Politologen, bei Journalisten und Ökonomen eine selbstverständlich angenommene Erkenntnis: Unsere (Welt-) Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft. Jeder – auch demokratische – Staat ist ein Klassenstaat. Und Gesetzgebung ist von Klasseninteressen geprägt. Gesetze sind selbst in den wenigen verbliebenen Demokratien sehr oft Ausdruck von Klasseninteressen. Bekanntlich sitzen in den Parlamenten nicht gerade sehr viele Arbeiter, Arbeitslose, Obdachlose, allein erziehende Mütter, Studenten, Flüchtlinge, Ausländer etc. Diese Menschen bilden, wenn man ihre Zahl addiert, alles andere als eine Minderheit in einem Staat. Aber sie schaffen keine Gesetze, sind nicht im Parlament vertreten … und waren es wohl noch nie. Gesetze machen „gut-bürgerliche“ und sehr wohlhabende Politiker im Verbund mit ihren befreundeten Lobbyisten, etwa in der Autoindustrie…

Ähnlich sind die Verhältnisse in den Synoden der evangelischen Kirche, in den Gemeinderäten, wo kommen die Pfarrer her, aus welchen Klassen: Wie viele Kinder aus Arbeiterfamilien sind Pfarrer, wie viele Bischöfe stammen aus Obdachlosenfamilien oder Ein – Personen – Haushalten? Ähnlich sind die Zustände in der römisch – katholischen Kirche. Der Klerus stammt fast immer aus dem Mittelstand. Der brasilianische Kardinal Aloisio Lorscheider bracht es auf den Punkt: „Es gibt sehr viele in der Kirche, die fühlen sich am wohlsten in der High Society“ (zit. „Lasst euer Licht leuchten“, Münster 2015, Edition ITP Kompass, Seite 72). Neuerdings wird der Adel in der Kirche Deutschlands wieder sehr sichtbar. Ganze Listen von Adligen Familien, die der theologisch konservativen Seite und konservativen politischen Seite selbstverständlich stark zuneigen, hat schon der Journalist Peter Hertel in seinem wichtigen Buch „Glaubenswächter“ (2000) publiziert, ab Seite 163. Die enge Verbundenheit der Fürstin von Thurn und Taxis mit Bischöfen, wie Kardinal Müller und anderen, ist bekannt. Bischöfe, die aus der Oberklasse stammen, verhalten sich als Oberklasse, dazu gibt es viele Beispiele auch aus Lateinamerika, etwa zu Kardinal Nicolas de Jesus Lopez Rodriguez aus Santo Domingo.

Und in den Gemeinden sind es jetzt vor allem noch die Wohlhabenden, die sich noch am offiziellen kirchlichen Leben beteiligen. Darüber gibt es Studien etwa zur Teilnahme an der Sonntagsmesse im 16. Pariser (ultrareichen) Stadtbezirk oder in den feinen Gegenden von Versailles. Diese Kreise sind politisch sehr rechts, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen die „Homo-Ehe“…Katholisch „praktizieren“ und politisch zum sehr rechten Spektrum zählen, das die eigenen ökonomischen Privilegien verteidigt, gehört zusammen.

Durch die Einbindung der Kirche in den deutschen Staat, durch die vereinbarte freundliche Kooperation in Sachen Kirchensteuer, ist die Kirche alles andere als ein prophetische Stimme in Gesellschaft und Staat, geschweige denn ein Akteur provozierend neuer prophetischer Praxis. Diese Kirche gehört zur Klasse der Wohlhabenden, auch wenn sie mit Caritas etc. ihr dadurch noch vorhandenes schlechtes Gewissen beruhigt. Man schaue nur, wie diese Kardinäle und Bischöfe bei Veranstaltungen, im Umfld von Gottesdiensten, bei offiziellen Empfängen herumlaufen, in einer Tracht, manche sprechen von langen roten Röcken, aus dem 4. Jahrhundert, man denke an die Mitra und die Pracht der teuren Gewänder, man denke an die Paläste, in den sie in Deutschland, Österreich, Spanien, Italien usw. wohnen… Die Kirchenführer sind nicht Teil der Klasse der Unterdrückten. Kirche und Klassenbindung ist ein dauerndes Thema.

Darum werden die besonders finanziell besonders „einträglichen“ und gut bürgerlichen Gegenden und Städte auch von den Klerikern bevorzugt, ins Arbeitermilieu oder in die Armensiedlungen will kaum ein Pfarrer. Darum sind reiche und schöne Städte wie München Sammelpunkte vieler Kleriker und Ordensleute, da lebt es sich sooooo gut, anders als in Dortmund oder Chemnitz oder Ost – Berlin. Mit anderen Worten: Die Bibel, die man ja als Schrift gegen jegliches Klassendenken, Oben und Unten, verstehen solle, ist wirkungslos gegenüber den Klassenbindungen der Kirchenführungen.

Man sieht als bei diesen wenigen Hinweisen: Marx macht mit seinem Stichwort de Klassenherrschaft die Gedanken frei, er führt zur kritischen Analyse, die nur wenige öffentlich vertreten. Wird es im Marx Jahr anders?

Es wäre weiter zu fragen, wie in der theologischen Forschung Filter eingesetzt werden, die verhindern, über den eigenen Klassenstandpunkt hinauszuschauen. Über die Trennung von Kirche und Staat wird in der deutschen Theologie fast gar nicht mehr diskutiert. Über die Gemeinden als Orten, in den sich alle, auch die Armen als solche wohlfühlen und als Teil der Gemeinde wahrgenommen werden, wird eher wenig gesprochen. Vor allem: Die Gebete und frommen Texte werden nicht nach Aussagen untersucht, die die alte autoritäre Herrschaft ausdrücken: Christus als König; Maria als Königin… Demut als Tugend oder Gehorsam als zentrale Tugend passen genau in das Konzept. Überhaupt das Bedürfnis, ausgerechnet in Krisenzeiten, in Zeiten der Kriege und des Hungers usw., also heute, ernsthaft Lächerlichkeiten als theologische Probleme zu diskutieren, ist ja auch Ausdruck der Einbindung in einer von den oberen Klassen geprägten Kultur: Sie versteht Kultur als höhere Freizeitbeschäftigung, so versteht sich manchmal Theologie auch: Etwa wenn über das insgesamt doch wohl lächerliche Thema der Zulassung von Wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion überhaupt noch ein Wort verloren wird. Theologie ist da Flucht aus der Wirklichkeit, oder bedient Fragen, die geschätzte 1 Prozent der Katholiken überhaupt noch persönlich bewegen.

Innerhalb einer wissenschaftlichen und kritischen Standards verpflichteten (Kirchen) Geschichtsforschung wäre viel mehr zu fragen und zu debattieren über den uralten Antimarxismus, Antisozialismus und Antikommunismus der Kirchen. Die Kirchen, bischöfe, Päpste, Kletiker, Gemeinden usw. fanden den Faschismus weniger schlimm als den Kommunismus, Rom schloss bekanntlich Konkordate mit Mussolini, Hitler, Franco oder dem Dikator Leonidas Trujillo, um nur ein Beispiel aus Lateinamerika zu nennen. Rom fand letztlich den Faschismus und mit ihm die Judenausrottung weniger schlimm als den Kommunismus. Der Kommunismus erschien als religiöse biblische Variante, als Häresie, die es absolut zu bekämpfen galt, mehr noch als den Faschismus. Man denke daran, dass die deutschen Kriegspfarrer im 2. Weltkrieg im Kampf gegen die Sowjetunion das extreme Feindbild Kommunismus ständig an der Front propagierten: „Was den Antibolschewismus angeht, waren die christlichen von den nationalsozialistischen Diskursen dabei kaum zu unterscheiden“, schreibt die Historikerin Dagmar Pöpping in ihrer Studie „Kriegspfarrer an der Ostfront“. Die Nazis wie die Pfarrer waren überzeugt: Atheistische Bolschewiki seien seelenlos, weshalb man mit ihnen nicht wie mit beseelten Menschen zu verfahren brauchte. (vgl. dazu die ausführliche Besprechung dieses neuen Buches im „Tagesspiegel“ vom 22.12. 2017, Seite 25, von Christoph David Piorkowski)

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Mai 68 und die katholische Kirche … und die Klöster im Mai 68

15. April 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Mai 68 und die katholischen Klöster: Wenn eine uralte Tradition in Europa zu verschwinden beginnt  (1996 lebten 42.000 Frauen und Männer in Klöstern in Deutschland; im Jahr 2017 sind es nur noch 20.0000, die allermeisten im „Seniorenalter“…)

Ein Hinweis von Christian Modehn

ERSTER TEIL:

Mein Leben im Kloster

Philosophische Religionskritik ist immer auch kritische Reflexion auf die historischen und gegenwärtigen Formen von Kirchlichkeit. Und dazu gehört die immer noch eher verschlossene Welt der Klöster, trotz all der „offenen Türen“, die man jetzt dort werbend organisiert. Ihre Finanzen legen die Orden – im Unterschied zu den Bistümern – nicht einmal ansatzweise frei.

 

  1. Was ich in diesem Essay über „Klöster und Mai 68“ schreibe, habe ich persönlich erlebt. Wie so oft: Ausführlichere Informationen zur „Geschichte des auch in Klöstern immer noch vorhandenen privaten Lebens“, hätte es nur in einer anonymen und fiktiven Form geben können. Ein Roman kann manchmal ehrlicher sein als ein Tatsachenbericht. Aber seine Sätze sind historisch – kritisch nicht zitierfähig. Es ist notwendig, zuerst ausführlicher das thematische Umfeld im „katholischen Deutschland“ zu skizzieren.
  1. Mein Beitrag will zu einer historisch – kritischen Untersuchung des Themas: „Die Klöster und der Mai 68 in Deutschland“ auffordern. In der aktuellen Forschung der (Kirchen-)Geschichte wird dieses Thema nicht bearbeitet. Dabei gibt es noch Zeitzeugen.
  2. Das Thema „Klöster und Mai 68“ ist alles andere als marginal. Die Entwicklung der katholischen Klöster seit 1968 spiegelt die grundlegende Veränderung des Katholizismus an einer wichtigen, zentralen Schaltstelle katholischen Lebens. Klöster, Mönche und Nonnen waren (und sind ?) „Vorzeigeobjekte bzw. Vorzeige-Subjekte“ des Katholizismus. Heute ist es eine Tatsache: Die meisten Klöster in Deutschland und weiten Teilen Europas gleichen eher Altersheimen, wenn die Klöster nicht längst aufgeben und für gutes Geld verkauft wurden. Dies ist eine Untersuchung wert.
  3. Das seit 1968 anhaltende „Verschwinden“ der Klöster, und damit der Nonnen, Mönche und Ordensleute im allgemeinen hat mit einem „unbearbeiteten Mai 68“ gerade INNERHALB der Orden zu tun. Ein definitives Verschwinden des Ordenslebens wäre in Europa wäre bei einer großen geistigen und theologischen Offenheit nicht nötig gewesen. Indem man nach wie vor nur unverheiratete (nicht offen homosexuell lebende) Katholiken als Mitglieder respektierte, die dann auch zu einer „ewigen Bindung“ an den Orden bereit sein mussten , hat man sich nach 1968 förmlich aus der offenen, immer auch „relativen“ Kultur der Gegenwart verabschiedet. Diese bevorzugt eher kürzere Lebensbindungen und kein vernünftiger Mensch lässt es für sich selbst noch zu, dass man sich Gott weihen soll, aber dabei auf Liebe, auf erotische und sexuelle Liebe verzichten muss. Mit anderen Worten: Die Klöster sind auch selbst schuld, dass sie in Europa heute verschwinden.
  4. Zum theologischen Hintergrund: Der „katholische Mai 68“ fand zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils (Dezember 1965) statt. Dieses Konzil hatte unter vielen Katholiken, auch in Deutschland, Interesse, Anteilnahme, wenn nicht Euphorie geweckt und auch Ängste der sehr Konservativen und Reaktionären erzeugt: Sie hatten sich schon während des Konzils vereint als einflussreiche Minderheit (Ottavini, Ruffini, Lefèbvre, Sigaud, zum Teil auch Bengsch, um nur einige Namen zu nennen).
  5. Am 25. Juli 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. seine Enzyklika „Humane Vitae“, die jegliche „künstliche Geburtenregelung“ verbot, die sonst eigentlich geschätzte Gewissensentscheidung katholischer Frauen und Männer diskriminierte und dadurch den Katholizismus sogar noch hinter das Mittelalter zurückschleuderte. Die Autonomie der Person, das große Thema des Mai 68, wurde total ignoriert. Die Kirchenführung im Vatikan lebte 1968 kulturell förmlich wie auf dem Mond; sie stand außerhalb des allgemeinen, reflektierten ethischen Empfindens der “Moderne“. Die Stimmung unter gebildeten, kritischen Katholiken war entsprechend sehr mies, manchmal rebellisch, aber wirksame Proteste gegen diese Kirche gab es kaum: Die Austritte aus der römischen Kirche hielten sich 1968 und einige Jahre danach noch in Grenzen. Die autoritäre Bindung, voller Angst vor Ungehorsam, war unter Katholiken noch die Haupttugend.
  6. In Lateinamerika ging es auch turbulent zu im Katholizismus: Vom 26. August bis zum 8.September 1968 fand in Medellin, Kolumbien, die erste, die berühmte lateinamerikanische Bischofskonferenz statt. Dort verpflichteten sich die Bischöfe, zumindest in ihrem Abschlussdokument, den Armen Vorrang und Respekt zu gewähren. Der Theologie der Befreiung wurde sozusagen eine gewisse Berechtigung zugesprochen. Diese qualitativ neue Theologie hätten die Amtskirche und Rom später aber am liebsten bald wieder ausgelöscht: Der Vatikan fand wenige Jahre später die Studien des angeblich marxistischen Leonardo Boff häretisch, Gustavo Gutiérrez hingegen galt als akzeptabel. Kardinal Müller nennt merkwürdigerweise Gutiérrez noch heute seinen Freund.
  7. Am 7.September 1968 erschien es die erste Ausgabe der für katholisch Verhältnisse progressiven katholischen Wochenzeitung PUBLIK. Dieses katholische publizistische „Wunder“ dauerte nur einige Monate, bis zum November 1971. Dann wurde PUBLIK von den Bischöfen verboten. Angeblich fehlte ihnen das nötige Geld. Viele Millionen DMark stellten die Bischöfe (aus Kirchensteuergeldern) kurz darauf für die CDU Wochenzeitung Zeitung Rheinischer Merkur zur Verfügung. Die Bischöfe zeigten sich wieder einmal als Parteigänger der CDU/CSU.
  8. Der 82. Deutsche Katholikentag fand vom 4. bis 8. September 1968 in Essen statt, er war sicher einer der am deutlichsten von Kontroversen geprägte Katholikentage. „Fast alle TeilnehmerInnen waren für die Pille“, hieß es in einem Kommentar. Der deutsche Katholizismus erlebte eine gewisse aufmüpfige, rebellische Gruppierung. Sie wurde zu Beginn von der immer allmächtigen Hierarchie geduldet, wohl auch belächelt. Einige Hierarchen taten nach außen so, als freute sie sich über die Pluralität. Tatsächlich aber wollte der höhere Klerus die Vorherrschaft über die Kirche nicht aufgeben. Später (1971 – 1975) wurde in Würzburg eine katholische Synode veranstaltet, aber synodal, d.h. demokratisch organisiert, wurde die Kirche natürlich nicht. Viele damals engagierte Katholiken nannten ihren Einsatz nur traurig „eine Art Glasperlenspiel“, ein wirkungsloses Debattieren, eine Freizeitbeschäftigung…
  9. In diesen bewegten Wochen also trat ich in ein Kloster ein. Ich wa, von meiner Heimat Berlin kommend, seit September 1968 Novize im Kloster St. Augustin bei Bonn, das Kloster war eine – staatlich anerkannte – philosophisch – theologische Hochschule. Der Orden nennt sich „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD); in Deutschland wegen des Hauptklosters in Holland in Steyl wird der Orden oft „Steyler Missionare“ genannt. Der Orden zählte damals weltweit ca. 5000 Mitglieder. In St. Augustin lebten ca. 170 Ordensleute, Priester, Ordensbrüder sowie ca. 120 Ordensstudenten und Novizen. An der Hochschule studierten nur Ordenskandidaten, also keine Frauen, auch keine Ordensschwestern. Es gab auch keine Frauen unter den Dozenten. Frauen waren für uns nur sichtbar in den Gestalten der kaum Deutsch sprechenden jungen jugoslawischen Nonnen, sie arbeiteten in der großen Küche. Dadurch konnten sie für ihren Orden in Jugoslawien – wie Gastarbeiterinnen – Geld überweisen. Frauen waren auch in den zahlreichen Betrieben tätig, wie etwa der „Missionsprokur“, die sich um Informationen aus den so genannten Missionsländern, vor allem aber ums Spendensammeln kümmerte. Die tatsächliche Drecksarbeit, das Saubermachen in den großen Räumen usw. leisteten Laien, unterstützt von einigen Ordesnbrüdern.
  1. Ich bin sicher, dass diese Strukturen einer eher abgeschotteten männlichen Führung in allen Klöstern und Klosterhochschulen bestimmend war. Umgekehrt gab es in Frauenklöstern eben Frauen als Priorinnen, aber sie durften als Frauen nicht das Wesentliche im Klosterleben vollziehen: Die Messe feiern, dafür wurde immer ein Priester (auch als „Beichtvater“) benötigt.  Künftige Priester erlebten also in diesen Klöstern Frauen als Dienerinnen des Klerus. Und die Ordensleute verdienten sich ihren Lebensunterhalt nicht durch ihrer Hände (Schreib)- Arbeit, sondern man lebte vor allem von Spenden, auch von den sprichwörtlichen Spenden des armen Mütterchens sowie – wie in unserem Kloster – durch den Verkauf ordenseigener Zeitschriften…Eine gewisse Dekadenz des Sich – Bedienen – Lassens prägte das Ganze. Lächerlich erschien es mir manchmal, wenn ich an das Gelübde der Armut dachte: Denn tatsächlich wurde ich ja wie alle Ordensleute rundherum bedient und umfassend versorgt, selbst wenn ich meist nur ein Taschengeld verfügte. Wenn ich heute in den Großstädten die letzten verbliebenen Ordensleute an Bettlern und obdachlosen vorbei gehen sehe, frage ich mich: Wer ist da wirklich arm? Die gut rundherum versorgten, sich arm nennenden Ordensleute gewiss nicht.
  1. „Mein“ Kloster war also eine sehr große, kaum überschaubare Kommunität (oder sollte man treffender von „Ansammlung von vielen“ sprechen?): Die Patres hatten ihren Speisesaal, die Ordensbrüder ihren eigenen, die Klerikerstudenten und Novizen wiederum ihren eigenen. Ebenso verhielt es sich in den „Lesesälen“ den Zeitschriften, ebenso in den Räumen, in denen das Fernsehen gestattet war. Bei dieser Größe und den ständig durchreisenden Missionaren aus aller Welt konnte es sein, dass sich ein Novize inmitten fremder Männer befand, die dann offiziell „Mitbrüder“ genannt wurden.
  2. Als ich in das Kloster (mit der Hochschule) eintrat, waren einige STUDIEN Reformen bereits von den Ordensstudenten durchgesetzt worden, also der rebellische Elan hatte schon 1966 gewirkt. So wurde Pater Johann Haverott, seit Jahrzehnten ein Dozent für dogmatische Theologie, bestreikt: Die wenigen Publikationen dieses „Professors“ befassten sich mit dem Wunder in Fatima… Die Studenten konnten es nicht mehr ertragen, von ihm Vorlesungen zu hören, die das 2. Vatikanische Konzil missachtete. Der Streik hatte Wirkung: Pater Haverott wurde als Dozent pensioniert, lebte aber noch am Rande der gesamten Kommunität. Zudem war es dem Protest der Ordensstudenten zu verdanken, dass die Vorlesungen nicht länger in lateinischer Sprache, sondern auf Deutsch gehalten wurden. Es ist unbekannt in der interessierten Öffentlichkeit, dass bis Mitte der neunzehnhundertsechziger Jahre Vorlesungen in katholischer Theologie in den kircheneigenen, aber staatlich anerkannten Hochschulen (auch in Rom) auf Latein gehalten wurden. Es gab die berühmten Lehrbücher, etwa zur Moraltheologie, die auf Deutsch erschienen waren, aber heikle Themen, etwa zur Sexualmoral, nur auf Latein darstellten. Mir liegt das damalige Standardwerk „Katholische Moraltheologie“ von Pater Heribert Jone, 15. Auflage 1953, Schöningh Verlag noch vor, in dem ab Seite 200 die Homosexualität auf Latein besprochen wird unter dem Titel „Perversio sexualis“. Offenbar hatten die damaligen Theologen Angst, dass sich studentische Leser auf Deutsch mit dem Thema Sadismus, Masochismus, Fetischismus auseinandersetzen. Die Ordensstudenten sorgten auch dafür, dass sie im so genannten Rat der Hochschule mit einem Vertreter dabei sein konnten. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie die Ordensleitung, durch das Konzil und vielleicht auch durch die von Ferne aufgenommenen Informationen über den „Mai 68“ bestärkt, spürte: Die alte Kirchenwelt des autoritären Stils geht zu Ende. So war man halben Herzens zu Zugeständnissen bereit. Noch zu Beginn der sechziger Jahre lebten so viele Ordensstudenten in St. Augustin, dass nur große Schlafsäle zur Verfügung standen, so dass die Privatsphäre sehr eingeschränkt war. Als ich im Herbst 1968 in das Kloster kam, waren die Schlafsäle aufgelöst, es gab schon mehr Platz, weil viele junge Ordensleute das Kloster verlassen hatten. Aber die privaten Räume waren klein und bescheiden, nur die Patres, die sich als Dozenten oft großspurig Professoren nennen ließen, hatten große Zimmer. Als dann das Kloster immer weniger Mitglieder hatte, Mitte der neunziger Jahre, wurden dann die Wohn- Schlafzimmer mit Badezimmern ausgestattet. So gleicht eine Klosterzelle von einst heute einer Hotelunterkunft Qualität 3 Sterne…
  1. Zu meinem Noviziatskurs gehörten insgesamt 9 Abiturienten. Fünf kamen sozusagen „bruchlos“ nach dem Abitur in einem Internet der Steyler Missionare nach St. Augustin, vier kamen, wie ich, als so genannte Externe, von staatlichen Schulen. Wobei dieser Prozentsatz Externer sehr hoch war. Normalerweise kamen über alle Jahre – seit den zwanziger Jahren eigentlich – die Novizen aus den Internaten des Ordens. Manche waren dort schon mit Beginn der Sexta, als 9 Jährige, von den Eltern im Kloster – Gymnasium mit Internat abgegeben worden. Das Noviziat und der Ordenseintritt war sozusagen nur eine Fortsetzung der kindlichen (jugendlichen) Ausbildung. Wobei die Lebensbedingungen in diesen Steyler Internaten hier nur angedeutet werden können. Es gab nur Schlafsäle (schließlich mussten zwischen 1930 und 1960 bis zu 300 Knaben in dem Internat untergebracht werden), die Privatsphäre war eher minimal. Es gab eine streng geregelte Tageszeit, meist war der Besuch der täglichen Messe (in lateinischer Sprache) und einer Abendandacht obligatorisch. Der Orden kannte das so genannte Viertelstunden Gebet: Das heißt: Alle 15 Minuten wurde tagsüber – durch einen Glockschlag signalisiert – jegliche Beschäftigung für einen Augenblick des Gebets und der Andacht unterbrochen. Wie viele theologische und philosophische Gedanken dabei unterbrochen wurden, ist eine offene Frage…Tatsache ist jedoch für diesen und viele andere Orden: Die Priester, denen später die Gemeinden begegneten, waren solche, die schon als Kinder mit dem Orden aufs engste verbunden warenund nur die klerikale Sonderwelt kannten. Viel Verständnis für „weltliche“ Lebensfragen konnte man von vielen dieser Priester nicht erwarten. Sie waren oft treu ergebene Funktionäre der Kirche.
  2. Als ich mit diesen hier nur kurz angedeuteten Tatsachen in meinem Kloster als Novize konfrontiert wurde, da fragte ich mich: Wo war ich gelandet? Ich hatte in meiner Heimat Berlin an einem staatlichen altsprachlichen Gymnasium Abitur gemacht; hatte danach ein Semester Philosophie und evangelische Theologie (als getaufter Katholik) studiert. Und wollte – naiverweise, musste ich schon bald mir sagen – über den Orden in Lateinamerika arbeiten. Das war mein Interesse. Nur eine starke Bindung an den Katholizismus durch die Familie erklärt mir mein Verhalten: Ich wollte als Ordensmitglied etwas Vernünftiges in Lateinamerika mit den Menschen dort tun. Damals gab es allerdings eher wenige säkulare Organisationen, die ein entsprechendes Angebot bereit stellten, anders als heute. Zudem: Ich wollte (eigentlich immer schon für Theologie und Philosophie interessiert) an einer kleinen Hochschule in Ruhe beides studieren. Dass die allermeisten Dozenten dort eher schwach waren auf ihrem Gebiet, kann ich hier nur andeuten. Viele trugen inihren Vorlesungen seit Jahren schon die selben „Skripten“ vor oder schämten sich nicht, aus alten Büchern zur Kirchengeschichte, etwa Bihlmeyer – Tüchle, einfach nur vorzulesen…  Das Angenehme aber an dieser Hochschule war die große Bibliothek, die ich seit dem Noviziat ständig besuchen könnte, auch abends, immer war sie offen. Welch ein Glück bei den sonst eher sehr mittelmäßigen Lehrveranstaltungen der Dozenten, sie hatten meistens und bestenfalls einen Doktortitel an einer römischen / vatikanischen Universität erworben, oft nur ein Lizenziat dort …
  1. Die jungen Ordensleute dort, die Theologiestudenten, gaben eine „hausinterne Zeitschrift“ heraus, zuerst mit dem heftigen Titel „Tarantel“, später dann milder „Fermente“. Dort wurden Vorschläge und Kritiken von Seiten der jungen Ordensmitglieder publiziert. Diese Zeitschriften waren bei der Ordensleitung nicht gerade beliebt, aber sie wurden wenigstens geduldet. Ich schrieb bald in FERMENTE einen etwas radikalen Artikel, in dem ich forderte, unser Orden sollte sich, auch dem Geist von 68 folgend, in ein „Internationales religiöses Dialogforum“ umwandeln: Anstelle der großen Klöster sollten kleine Wohngemeinschaften weltweit gegründet werden, in denen Ordensmitglieder mit Menschen anderer Religionen (auch Atheisten) zusammen wesentliche religiöse und philosophische Fragen besprechen und gemeinsam an gesellschaftlichen Projekten arbeiten. Dieser Vorschlag wurde noch nicht einmal öffentlich diskutiert.
  1. Als Novize habe ich am Anfang noch zwei oder dreimal meinen Novizenmeister fragen müssen, ob ich nach Bonn ins Kino gehen darf (ich hörte meine Freunde in Berlin geradezu lachen über meinen Ordensgehorsam). Irgendwann hörte diese Fragerei von selbst auf, es gab dann auch Hausschlüssel, so dass man sogar mal eine Spätvorstellung besuchen oder gar an einem philosophischen Seminar an der Universität Bonn teilnehmen konnte. Schließlich wurde jedem Ordensmitglied ein Taschengeld ausgezahlt, es waren, glaube ich, 20 DMark. Tatsächlich verfügten aber viele Ordensleute wohl über mehr Geld, meist durch Schenkungen aus dem Familienkreis, so dass man sich u.a. auch mit eigenen Büchern (oder Hemden usw.) nach eigenem Geschmack usw. recht gut eindecken konnte. Manchmal war so viel Geld übrig, dass man sogar mal in ein Restaurant gehen konnte. Diese eigentlich schlichten Beispiele zeigen, wie langsam, aber sicher sozusagen normale, sagen wir bürgerliche (im Doppelsinn von citoyen und bourgeois) Verhältnisse ins Kloster einzogen. Und die Mitglieder verbürgerlichten sich, das ist keine Frage. Man wurde durchaus gern ein bisschen bourgeois. Ich wohl auch, weil die bürgerliche liberale Freiheit für ein Individuuum nun einmal etwas Unverzichtbares ist. Aber das war eher ein „schleichender Prozeß“, der sich langsam ausbreitete bis dahin, dass einige Patres ihren eigenen VW besaßen, „ein Geschenk von Mutti“, wurde gesagt…“Mein“ Kloster öffnete sich der Welt, übernahm selbstverständliche alltägliche Lebenspraxen aus der bürgerlichen Welt, aber keiner wusste so genau, wo die „Reise“ unter diesen Bedingungen hingeht. Die Öffnung zur Welt hin ist ja keine Verweltlichung, wie konservative Katholiken gern sagen. Denn in der Welt und der Gesellschaft ist so vieles Gute und Richtiges, dass man als Ordenschrist dies nur mit Freude annehmen kann. Aber nach den Jahren strenger Askese wurde dann Einstieg in die bürgerliche Welt vielleicht übertrieben. Und sehr viele junge Ordensleute verließen das Kloster. Heute studieren an der Hochschule St. Augustin noch 2 oder 3 aus Deutschland stammende Ordensstudenten, alle anderen sind Laien, sie stammen aus China usw., auch Frauen sind als Studentinnen willkommen, eine neue, bessere Zeit des Studiums dort ist wohl ist angebrochen. Nur: Es sind eben fast keine Ordensstudenten mehr dort, mindestens keine aus Deutschland stammenden.
  1. Zurück zu 1968: Diese stetige und im ganzen von allen Betroffenen unreflektierte „Öffnung zur Welt“ berührte natürlich das Verständnis der drei Ordensgelübde, der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit. Das Gefühl, wirklich arm zu sein, hatte ich im Kloster nie: Ich war wie auch alle meine Ordensmitbrüder bestens umsorgt, brauchte nie Lebensmittel einzukaufen, brauchte nie zu kochen, ich kannte gar nicht die Brotpreise: Immer war der Tisch reichlich gedeckt, von morgens bis abends. Auch das Ordensgelübde Gehorsam wurde sehr menschlich ausgelegt, was ich ja sehr richtig fand,m gegenseitigen Dialog: Je mehr Vernunft, um so besser! Noch in den fünfziger Jahren wurden Missionare von ihren Oberen irgendwohin mit irgendeiner Aufgabe geschickt, ohne auf die persönlichen Wünsche Rücksicht zu nehmen. Wie viele Missionare sind noch in den dreißiger Jahren an Tropenkrankheiten krepiert, weil ein solcher Einsatz ihrer körperlichen Konstitution nicht entsprach…Der Gedanke der Kollegialität und des Dialogs, vom 2. Vatikanischen Konzil propagiert, wirkte sich in meinem Kloster positiv aus. Oft ist allerdings der dialogische Gehorsam von Seiten der Leitung nur eine Verlegenheit, weil einfach so viele Stellen von so wenigen Ordensleuten zu besetzen waren, so dass der einzelne tatsächlich beinahe machen kann, was er will…Am schwierigsten ist es naturgemäß über das Gelübde der Keuschheit zu sprechen. Zum Thema Sexualität hat der „Mai 68“ im Kloster nicht stattgefunden. Es wurde damals insgesamt unter den Ordensstudenten über Sexualität geschwiegen, wie die Patres mit ihren bevorstehenden Ordensaustritten und Heiraten umgingen, wurde von uns abgeschirmt. Ich kam aus Berlin, wo in Studentenkreisen im Mai 68 das offene Wort selbstverständlich war. Im Kloster nun absolutes Schweigen, alles in dem Zusammenhang war peinlich, bloß keine gezielten Fragen stellen. Bloß keinen öffentlichen Disput. Man stelle sich das vor: Da leben 170 Männer auf engstem Raum zusammen und schweigen sich zu dem Thema aus… Ob das die seelische Gesundheit fördert, ist das noch eine Frage? Als ich einmal wissen wollte, was denn eine „echte Freundschaft“ sei, von der die neu formulierte Ordensregel SVD ausdrücklich spricht, wurde mir gesagt: „Na, ja, das ist halt eine wahre Freundschaft“. Meine Antwort: “Aha, Danke“…Irgendwann hörte ich so ganz versteckt und nebenbei, dass ein junges Ordensmitglied plötzlich über Nacht aus dem Kloster entlassen wurde. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, er sei „irgendwie und vielleicht homosexuell“. Das Wort homosexuell habe ich dort sonst kaum noch öffentlich gehört, in der Moraltheologie war nur von „Abweichungen und Verirrungen“ die Rede. Der Paragraph 175, aus der Nazizeit übernommen, hatte und hat die katholischen Gemüter vergiftet, er wurde ja erst 1969 abgeschafft. Schwule junge Ordensleute wurden zum Schweigen verdonnert, zur Nicht- Identität, zum Verstecken. Das hielt ich nicht lange aus…
  1. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Der Orden hat meine philosophischen und theologischen Interessen immer gefördert! Er hat mich etwa an Kongressen über den christlich – marxistischen Dialog teilnehmen lassen, er hat mir als Novizen schon die Teilnahme an den Salzburger Hochschulwochen erlaubt… Ich konnte den liberalen Marxisten aus Wien, Franz Marek, Chefredakteur des „Wiener Tagesbuch“, ins Kloster zum Vortrag einladen. Und ich konnte im Frühling 1973 zusammen mit drei Mitstreitern die erste Tagung in Deutschland über die lateinamerikanische Theologie der Befreiung anregen und auch organisieren. Aber längst hatte sich das Klima verändert, der Bischof von Essen, Franz Hengsbach, hatte als Chef des Hilfswerkers ADVENIAT und als Opus Dei Mitglied seine wilde Polemik gegen die Befreiungstheologie eröffnet. Da war eben eine Ordenshochschule zur „Ausgewogenheit“ verpflichtet. Dabei hätte es dieser neuen und noch unbekannten Theologie der Befreiung sehr gut getan, erst einmal als solche ausführlich diskutiert zu werden.Die Tagung war zwar ein großer Erfolg, aber sie zeigte mir, wie halbherzig auch ein „Missionsorden“ in Deutschland sich zur Stimme einer neuen Theologie in Lateinamerika macht. Auch kritische Informationen über schwerwiegende Vorgänge im Orden wurden nicht öffentlich diskutiert: Da gab es den brasilianischen Erzbischof Geraldo de Proenca Sigaud aus Diamantina, Brasilien. Er war Mitglied der Gesellschaft des Göttlichen Wortes. Während des Konzils gehörte er zum sehr konservativen Flügel, der alle Reformbeschlüsse ablehnte. Er hat, wie Nicolas Senèze schreibt, während des Konzils einen reaktionären Arbeitskreis von Bischöfen gegründet, dem dann auch Erzbischof Marcel Lefèbvre angehörte. Erzbischof Sigaud SVD war eng liiert mit der reaktionären „Bewegung für Tradition, Familie und Eigentum“. Sie hat eng mit den brasilianischen Militärs zusammengearbeitet. Eigentlich hätte dieses Thema auf die befreiungstheologische Tagung gehört, aber es wurde als unpassend zurückgewiesen.

 

  1. Was die Spiritualität angeht, so gab es zumindest in den ersten Jahren den Willen, Neues zu versuchen: Messen wurde in kleinem Kreis, rund um einen Tisch, in einem der kleinen Gruppenräume gefeiert. Dass nicht der vorgeschriebene römische Kanon verwendet wurde, war eher selbstverständlich. Fast jede Messe wurde mir Gebeten von Huub Oosterhuis aus den Niederlanden gestaltet: Im ganzen waren meine Jahre im Kloster, vom September 1968 bis Juli 1973, von der Suche nach einem modernen Ordensleben geprägt. Erst spät wurde mir klar, dass dieses Projekt zum Scheitern verurteilt ist, solange das römische System als Herrschaft und Hort der Wahrheit fortdauert und sich durchsetzt. Lediglich den Talar gegen den Anzug einzutauschen ist eine reine Äußerlichkeit. Neuer Wein passt nicht in uralte Schläuche, zumal diese alten Schläuche permanent restauriert werden.
  1. Ab Herbst 1973 studierte ich in München in einem vom Orden so genannten „Freisemester“, um vor allem Philosophie zu studieren. Der Orden hat mir dies ermöglicht. Aber der Sprung – auch so vieler anderer junger Ordensleute – in eine normale studentische Freiheit wurde im Orden leider nicht reflektiert, es wurde nicht gefragt: Wie geht es mit den „Freisemestlern“ möglicherweise frei und anders als bisher dann im Kloster weiter? So galt wohl für die Ordensoberen das Freisemester als Intermezzo ohne Folgen für die Struktur des Ordens. Irgendwie hofften die Ordensleitungen insgesamt noch, das alte System irgendwie wiederherzustellen.
  2. Als ich 1968 an der Kloster- Hochschule St. Augustin bei Bonn zu studieren begann, gab es noch eine große Fülle ähnlicher Hochschule anderer Ordensgemeinschaften: Der Jesuiten in Frankfurt und München, der Pallottiner in Vallendar, die Oblaten in Hünfeld, die Redemptoristen in Hennef und Gars am Inn, der Franziskaner in München und Münster, der Kapuziner in Münster, der Dominikaner in Walberberg, der Picpus Missionare in Simpelveld Holland, der Salesianer in Benediktbeuern und so weiter und so weiter. Fast unglaublich, diese Fülle von theologischen Hochschulen. Was ist nur daraus geworden? Wohin ist diese ganze theologische Energie verdampft? Heute gibt es von allen diesen Ordenshochschulen noch drei oder vier. Sie können sich nur am Leben halten, weil sie ausländische Studenten (Chinesen, wie in St.Augustin), oder weil sie, wie in Vallendar auch medizinische Studien, anbieten. Die Hochschulen der Jesuiten erfreuen sich wohl großer Beliebtheit.. Insgesamt sind die Ordenshochschule aber in ihrer Existenz dadurch bedroht, dass es keine Ordensmitglieder mehr gibt, die an den Hochschule dozieren können und wollen. Das Ende dieser Hochschulen ist absehbar. Das Ordensleben wird in Deutschland in 20 Jahren an ein Ende kommen, einige Benediktinerabteien werden noch überleben, einige Jesuitengemeinschaften oder Dominikaner Kommunitäten auch. Viele Orden wollen in Deutschland dadurch überleben,dass sie Mitglieder aus Indien oder den Philippinen nach Deutschland holen, selbstverständlich auch aus Polen. In Holland kann man die Zahl der Klöster an einer Hand abzählen. Leider, sagen viele Holländer, die sich gern zur Meditation in Klöster zurückziehen. Über die durchschnittliche Altersstruktur der Klöster wird kaum gesprochen, 65 bis 70 Jahre ist üblich. Auch in Deutschland: Wer ist schuld für diese Entwicklung, noch einmal: Eben nicht nur der viel beschworene säkulare Geist, schon gar nicht der Atheismus, sondern die Mutlosigkeit, die geringe Reformbereitschaft der Ordensoberen.
  1. Im Jahr 1976 bin ich aus dem Orden ausgetreten, nachdem ich noch mein theologisches Schlussexamen gemacht hatte. Niemand hat meinen Austritt aus dem Orden mir gegenüber bedauert. Wer frei von seiner eigenen Sexualität spricht, wurde damals eher zur unerwünschten Person.Ich musste schmunzeln, als ich später las, dass von den fünf Jesuiten an der Amsterdamer Studentengemeinde vier heirateten und nur ein Homosexueller als Priester übrig blieb. Übrigens war er ein großartiger und aufgeschlossener, moderner Theologe und Studentenpfarrer

22. Wer heute das noch verblieben Klosterleben in Deutschland beobachtet, wird durchaus offene Strukturen und viel Gesprächsbereitschaft finden. Aber prinzipiell hat nichts verändert: Laien (sogar im ökumenischen Geist Protestanten) als voll berechtigte Mitglieder in den Klöstern gibt es nicht. Einige Ansätze von assoziierten Mitgliedern mag es geben. Aber an der überlieferten, klerikal bestimmten Herrschaft hat sich nichts geändert. Einige junge Ordensleute haben im Umfeld des Mai 68 „das Wort ergriffen“, um ein berühmte Wort von Michel de Certeau SJ (prendre la parole) zum Mai 68 in Frankreich zu wiederholen, aber dieses Wortergreifen hat nur wenig vermocht bei den „ewigen“ Strukturen des römischen Katholizismus.

In Europa ist der Katholizismus mindestens von der Anzahl der so genannten praktizierenden Katholiken in seiner Existenz insgesamt bedroht. Was bleibt sind fundamentalistisch sektiererische Kreise, die sich obendrein noch selbst bekämpfen und zerreißen, wie es jetzt sogar deutsche Bischöfe vorführen…. Opus Dei, die Legionäre Christi, die Charismatiker, die Neokatechumenalen und viele andere Ultras bestimmen längst das Klima der katholischen Kirche. Über diese Gruppen umfassend kritisch und präzise mit Namensnennungen usw. zu berichten, wagt kaum ein Theologe. Ich habe 2015 einige Hinweise über die neuen sehr konservativen Orden veröffentlicht.

Zum Ende des westeuropäischen Katholizismus lese man nur die neuesten Studien von Soziologen und Theologen, etwa „Comment notre monde a cessé d etre chrétien, ed. du Seuil, Paris 2018.

ZWEITER TEIL:

Junge Ordensleute in Paris als Rebellen

Ein Hinweis auf die Dominikanerhochschule

Von Christian Modehn

 

  1. Auch die jungen Studenten des Dominikanerordens in Paris neigten im Mai 68 zur Rebellion. Und der Aufstand war wohl heftig. Dieser „Mai 68“ der Dominikaner fand auch präzise im Mai statt, vom 20. Mai bis zum 29. Juni 1968, berichtet der Politologe Yann Raison du Cleuziou in seinem Beitrag innerhalb der wichtigen Studie „A la gauche du Christ“, éd. du Seuil, Paris 2012, S. 314 ff. Es ist bemerkenswert, dass es überhaupt eine politologisch – soziologische Studie über einen zentralen Moment in der Geschichte der Orden in Frankreich gibt.

2.Diesem Beitrag folgend, nur einige Stichworte zur Rebellion der jungen Dominikaner-Studenten in ihrem Studienhaus in Etiolles bei Evry (bei Paris). Diese große Hochschule, auch traditionell Le Saulchoir genannt, hatte ein großes Renomé, wegen einiger herausragender Professoren, wie Pater Chenu oder Pater Congar, die immer wieder von Rom diskriminiert wurden wegen ihrer „neuen Theologie“, wegen ihres Eintreten für die Arbeiterpriester. Im 2. Vatikanischen Konzil kämpften sie dann an vorderster Front für die Kirchenreform.

Nach dem Protest der Studenten des Ordens, wurde die Hochschule dort 1971 aufgegeben und das Studium mit weniger Studenten nach Paris, in den Couvent Saint Jacques, Paris 13, verlegt. Leider zeigt der genannte Artikel nicht, welche Rolle die beiden genannten herausragenden Theologen bei der Rebellion ihrer jungen „Mitbrüder“ spielten. Ein anderer Dominikaner, Pater Jean Cardonnel, war eng mit dem allgemeinen Mai 68 verbunden, er deutete den Generalstreik im März 68 als eine Art „revolutionäres Fasten in der Vorosterzeit…“

  1. Die Ordensstudenten protestieren zunächst gegen die Vorwürfe ihres Vorgesetzen, P. Besnard, der sie anklagte: „Ihr stellt Fragen, als wäret ihr die ersten, die neue Fragen stellen“. Eine neue Studienordnung sollte für die jungen Dominikaner erarbeitet werden, aber nur zwei von ihnen dürfen dann an den Beratungen teilnehmen. Dagegen protestiert die große Mehrheit der jungen Dominikaner. Sie beklagen die große Differenz zwischen dem Klosterleben und der erlebten (politisch – sozialen – kulturellen) Realität. Deutlich benennen die jungen Dominikaner ihre bereits gelebte Abweichung von den üblichen alten Ordensvorschriften: „Zum Chor-Gebet („vie chorale“) komme ich, wann ich will“. Ein anderer bekennt, eine Art taktischen Ungehorsam zu praktizieren, „um die Wahrheit unserer Ordensberufung im aktuellen Rahmen leben zu können“. Es gibt, so der Autor, eine Art Spott gegen die Ordens-Regel und damit die gesellschaftlichen und kirchlichen Regeln, was ein Charakteristikum ist für den Aufstand im Mai 68. Beklagt wird das Nebeneinander von offiziell Gesagten und wirklich Gelebten im Kloster. Ein junger Dominikaner sagt: „Man ist hier eher dazu verpflichtet, sich zu unterwerfen, als selbst zu denken“. Viele halten das Leben dort noch aus, so der Autor in dem genannten Buch, aber sie wissen: „Das wirkliche Leben ist anderswo“. „Unsere Riten in diesem Kloster dispensieren uns oft von brüderlichen Kontakten und ganz einfachen menschlichen Begegnungen“. Im Chorgebet, so wird berichtet, es dauert insgesamt täglich zwei Stunden, langweilt man sich. Im Studium glaubt man eher verformt als gebildet zu werden. Die Hochschule wird ein „System“ genannt. Die jungen Dominikaner, so berichtet der Autor, fühlten sich entfremdet: „Jeder macht die Erfahrung, nicht ganz bei sich selbst zu sein…“(S. 315).
  1. Als Folge des Protestes wurden tatsächlich neue Formen des Zusammenlebens außerhalb des großen Klosters versucht. Aber, so möchte ich gar nicht zynisch sagen: Wer einmal die Freiheit des In der Welt Seins erlebt hat, bei allen Belastungen auch dieses Lebens, der kehrt nur ungern in die Enge eines Klosters, wenn nicht die Unfreiheit, zurück. Nur dann, wenn er sich zu schwach für diese Welt fühlt oder im Rückzug aus dieser Welt meint, Gott am besten dienen zu können. Der Dominikaner Orden in Frankreich, in dem sich eigentlich eine intellektuelle Elite versammelte, hat in der Folge des Mai 68 viele Mitglieder verloren.

5.Versuch einer Zusammenfassung

Es sind also heftigste Erfahrungen und Einsichten junger Ordensleute, dass die überlieferte, routionierte alte Klosterwelt nicht mehr akzeptabel ist; dass neue Themen das Theologie – Studium bestimmen müssen; dass Menschlichkeit wichtiger ist als die seit Jahrhunderten erzwungene klerikale Konformität, dass für die meisten eine Abgeschlossenheit in eine Klosterwelt wie die Flucht in ein gesellschaftliches und kulturelles Getto erscheint. Klosterleben und Weltflucht sollte nicht identisch sein. Wobei die Distanz zur „Welt“ gerade mitten in der Welt neu gefunden werden müsste. Aber diese Dialektik des In der Welt Seins war den wenigsten noch nicht einmal bewusst. Nur starke Persönlichkeiten können diese Dialektik wohl leben, mitten in der Welt und doch außerhalb von ihr zu sein.

Mit dem Mai 68 war die konkrete politische und kulturelle Gegenwart in das Klosterleben „eingebrochen“. Der Mai 68 fegte Unerträgliches weg, etwa den blinden Gehorsam gegenüber dem Oberen. Aber alle katholischen Klöster sind, mehr oder weniger, letztlich doch immer noch absolut eingebunden in das römische System der Kontrolle. Der Suche nach Ungehorsamen, Ketzern etc., wurde unter dem polnischen Papst und Ratzinger wieder Alltag.

Tragisch ist für die Entwicklung einer modernen Kirche und eines modernen Klosterlebens: Am traditionellen und umfassenden System der Dogmen und der Moral-Lehre wurde absolut nicht gerüttelt, keine veraltete Lehre wurde aufgegeben. Der Katechismus der vielen zu glaubenden Wahrheiten wurde nicht etwa immer schmaler, moderner, sondern immer dicker. Diese alte Glaubenswelt mit ihren Sprüchen und Bekenntnissen wollten nur wenige noch mittragen und nachsprechen und gar diese noch anderen erklären. Die Krise rund um den Mai 68 war also in der katholischen „Klosterwelt“ nicht nur

der eher “politische“ Versuch, institutionell und rechtlich etwas mehr Demokratie in dieser alten Welt zu wagen. Der Mai 68 führte zu dem bewussten (oder nur unbewusst vollzogenen) Eingeständnis: Die Last der alten und veralteten Glaubenslehre und Moral kann ich als reflektierter Mensch des 20. Jahrhundert nicht mehr als für mich gültig und bestimmend akzeptieren. Weil sich diese Einsicht bei so vielen in Europa durchsetzte, sind die Klöster heute in Europa und Amerika weithin leer. Und es ist eine vage Hoffnung, wenn in einer Kirchenzeitung (Tag des Herrn, vom 15.4. 2018) vollmundig auf Seite 1 behauptet wird: “Klöster wird es immer geben“. Ja, einige wenige in Europa und zahlreiche in Indien oder auf den Philippinen wird es „immer geben“, dort, wo die jungen Frauen und Männer aus ärmlichen Verhältnissen im Kloster auch Karriere machen wollen. Wie einst in Europa, seit dem Mittelalter, als der Eintritt in ein Kloster ein Schritt in soziale Sicherheit, Bildung und Karriere bedeutete. So lange also auch die ärmere Mittelschicht in Afrika und Asien so arm bleibt, wie sie heute ist, wird es wohl dort noch lange Zeit katholische Klöster geben. Dieser Pragmatismus der ärmeren jungen Menschen, in Klöster einzutreten, ist menschlich verständlich, sicher sind auch explizit religiöse Motive ausschlaggebend. Aber insgesamt gilt wohl: Viele Klöster gibt es nur dort, wo die demokratische Kultur nicht weit entwickelt ist und die Anzahl der Menschen aus der armen Mittelschicht noch groß ist. Es ist statistisch erwiesen: Die meisten Mitglieder haben viele Orden heute in Indien, auf den Philippinen oder in Kolumbien, nicht aber in Spanien, Deutschland oder Frankreich…

Das langsame Verschwinden der Orden und Klöster aus Europa ist in gewisser gesellschaftlich problematisch, weil Formen eines letztlich doch noch etwas radikaleren Lebensentwurfes verschwinden. Wenn es keine Häuser und Menschen der kritischen „Weltferne“ und reflektierten Weltfremde mehr gibt in dieser Konsumwelt, wird alles Leben noch eindimensionaler.

Es gibt zwar viele neu gegründete charismatisch geprägte und fundamentalistisch ausgerichtete, absolut dem Papsttum und den Dogmen ergebene Ordensgemeinschaften: Sie finden einen gewissen Zuspruch. Denn sie versprechen ihren Mitgliedern unerschütterliche, militante Gewissheit und eine anti-intellektuelle Weltferne, die schon wieder ins Getto einer römisch – katholischen Gegenwelt, eines Getto, führt. Diese neuen fundamentalistischen Orden sind zwar „vorhanden“, aber sie spielen im kulturellen und theologischen Leben keine Rolle. Sie pflegen die uralte Volksfrömmigkeit und giften gegen alle Katholiken, die noch an eine moderne katholische Kirche aufbauen wollen. Aber auch diese progressiven Kreise werden aus der Kirche vertrieben, sie sterben aus. Der heutige Trend zum Konservativen und Reaktionären betrifft als auch die Kirche und die Klöster.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literaturhinweise zum Kloster in Deutschland:

Zur ersten wissenschaftlichen Tagung über die lateinamerikanische Befreiungstheologie im Mai 1973 in Deutschland, in Sankt Augustin bei Bonn: siehe: Christian Modehn, Orientierung, Zürich, 1973, S. 145f

Zur völlig unaufgearbeiteten Beziehung von Erzbischof Sigaud svd und dem traditionalistisch – integristischen Erzbischof Marcel Lefèbvre: Nicolas Senèze, La crise intégriste, Bayard, Paris 2008, dort s. 37f.

Zum schwierigen Umgang der Befreiungstheologie mit der schwulen Bewegung in Lateinamerika: André Sidnei Musskopf, Ein Spalt in der Tür. Persönliche Erfahrungen als schwuler Theologe im Kontext Lateinamerikas, in: Werkstatt Schwule Theologie, München, Heft 3 und 4 2005, dort S. 112 ff.

 

 

 

 



Auferstehung: Das Ewige im Menschen erkennen und leben

3. April 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Denken und Glauben, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Gedicht von Clara F. Janning.

Die Kirchen feiern eine lange Osterzeit bis Pfingsten: Von daher gibt es Wochen lang Gelegenheit, sich über die Auferstehung des Lebens Gedanken zu machen…

Man könnte den folgenden Text nur als TROST mißverstehen; dies ist er vielleicht auch, zumal möglicherweise für die Milliarden Menschen, die im Laufe der Geschichte immer als Untermenschen, als Unwichtige, Überflüssige, als „Menschenmaterial“ mißhandelt wurden und werden. Etwas „Ewiges“ hatten und haben sie trotzdem! Über das „Ewige im Menschen“ auch in Verbrechern (auch Verbrechern als „Politiker“, Stalin, Hitler usw.) kann sich jeder Leser, wie bei allen Vorschlägen hier, selbst Gedanken machen.

Wie die Emmaus -Erzählung heute neu – im Horizont gegenwärtiger Politik – verstanden werden kann, habe ich zu erklären versucht.

Über Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth und damit unsere menschliche „Auferstehung“ können wir und sollten wir nur in nachvollziehbaren, des gemeinsamen nachdenklichen Gesprächs würdigen Formulierungen reden. Und nicht, wie so oft (in Predigten) üblich, einfach nur eine der Geschichten von Jesu Auferstehung bilderreich aus dem Neuen Testament nacherzählen. Dann können wir nichts verstehen. Oder wir glauben nur, dass die Bilder des Neuen Testaments irgendwie doch „historische Wunder“ sind, die uns zwar zum Verzicht auf jegliche Vernunft verpflichten, aber doch das (falsche) Gefühl geben, irgendwie etwas Mysteriöses berührt zu haben. Es gibt zweifelsfrei das Geheimnis im Leben, aber es nicht gebunden an Bilder und Vorstellungen des 1. Jahrhunderts und an Sprachen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Die förmlich einen Riss in unser Leben bringen und uns zur gläubigen Dummheit verdonnern. Das wollen bekanntlich immer weniger Menschen. Gott sei Dank.

Wie also von Ostern und der Auferstehung Jesu Christi sprechen?

Entscheidend ist, meine ich, die vielen bunten und hübschen Bilder und mysteriösen Ereignisse (der Auferstandene erscheint leiblich, verschwindet dann wieder unleiblich etc…) auf etwas zugänglich Menschliches zurückzubeziehen. Sie also nicht historisch ernst zu nehmen. Von der Auferstehung Jesus gibt es keinen Zeitungsbericht. Wie sollte das auch gehen?

Ostern und die Auferstehung Jesu sind als Angebot einer Daseinsdeutung zu verstehen, die eine menschliche Qualität erschließt, über die aber man sprechen kann. Ostern macht also eine besondere Qualität des Menschen offenbar, die man „Auferstehung“ nennt. Indem Jesus schon sehr früh „der Erste der Auferstandenen“ genannt wurde, offenbart er nur, was alle anderen Menschen an bleibender, „auferstandener“ Qualität, also ewiger Qualität „haben“. Dieses „Haben“ ist kein von Menschen Gemachtes, sondern etwas mit der „Schöpfung“ der Welt und der Menschen Gegebenes. Über die Schöpfung also muss man reden, wenn man von der Auferstehung als der Erkenntnis des Ewigen im Menschen spricht. Dies ist die Grundlage.

Ich biete jetzt noch einmal den Text an, den ich den Abonnenten des newsletters zu Ostern 2018 geschickt hatte:

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich für Zweifelnde und Skeptiker, zu denen auch ich gehöre, zum Weiterdenken inspirierend, Hinweise für ein kritisches Verstehen der Auferstehung und damit zu Ostern vorschlagen kann. Was jetzt folgt, sind einige Thesen… Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, diese Zeilen zu lesen. Heute wird gern im Internet die Lesedauer eines Beitrags genannt: Gelesen also ca. 10 Minuten. Bedacht ca. 1 Stunde. Klingt arrogant, ist aber wahr. Wer keine Denkzeit hat, lese bitte etwas anderes!

Tatsache ist: Nichts ist schwieriger als in Begriffen über eine ungewöhnliche Erfahrung zu sprechen, die einige Menschen nach dem Tod Jesu hatten: Sie sprachen von der Auferstehung Jesu von Nazareth, sein Befreitsein aus dem Tod in eine andere Form des Bleibens, des unanschaulichen Daseins und der Lebendigkeit.

Nichts ist schwieriger, als über die vielfältigen (!) Auferstehungs-Erzählungen im Neuen Testament zu sprechen, die alltägliches Denken und Sprechen sprengen. Denn wir sind auch heute (leider) gewöhnt, in unserer Konsumgesellschaft, uns ganz aufs Gegenständliche und Greifbare zu beziehen und von daher unser Denken und unseren ganzen, umfassenden Lebensentwurf bestimmen zu lassen. Wir leben in gewisser Weise in eindimensionalem Denken.

Andererseits: Es gibt nichts Dringenderes, als tatsächlich von dem zu sprechen und sprachlich darum zu ringen, was unser Dasein betrifft im Blick auf die Endlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens. Der Tod ist ja immer mein Tod, der mich vor die Frage stellt: Und die Frage nach dem Tod ist eine andere als die des guten Sterbens, diese steht heute völlig im Mittelpunkt. Zurecht, aber nur in gewisser Hinsicht. Die Frage bleibt irgendwie doch bei einigen: War es mit dem Tod dann alles? Die Asche wird verstreut. Ende. Aus. Basta. ?

So sehr ich materialistische Lebensentwürfe versuche zu verstehen: Ich bleibe doch immer auch der sehr Tiefes sehenden metaphysischen Denk – Tradition verpflichtet. Weil sie eben gerade heute inspiriert! „Alt“ in der Philosophie bedeutet ja niemals vergangen und passé!

Es wäre in diesem Sinne zu sprechen über zentrale Lebens – Erfahrungen, die wiederum schwer in Worte zu bringen sind, nichts desto weniger aber in jedem Leben real sind und deswegen wachgerufen werden können. Es sind dies Lebenserfahungen, die zeigen: Es „gibt“ Ewiges in unserem Leben.

Viele Menschen erleben unerwartet Augenblicke des grundlegenden Getragenseins und Geborgenseins als ein Geschenk. Viele erleben einen kürzeren schönen, aber gar nicht „opium – mäßigen“ Ausstieg aus der Alltäglichkeit, etwa im Hören von verschiedenen Formen der Musik, immer wieder: Bach. Beim Hören der Matthäus Passion weinen ja bekanntlich auch Atheisten, aus welchen Gründen auch immer. Wir erleben Momente des absolut Sich Verpflichtetfühlens, also im ethischen Leben. Es gibt Ekstasen in der Erotik, wo Menschen spüren, sich selbst zu überschreiten. Es gibt Einsichten, dass wir mit allen Menschen das Hineingestelltsein teilen in die von uns unabwerfbare Erfahrung, dass es Gutes als Gutes gibt, Wahres als Wahres, Schönes als Schönes. Dies ist eine nicht zu tötende formale Erfahrung im Lebendigsein. Es gibt Erfahrungen des solidarischen Handelns, in den wir über die engen Grenzen unseres Ich hinauswachsen. Dieses „Mehr“ ist gemeint, das nicht von uns manipuliert werden kann, das da ist und nur mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Liste der Erfahrungen, die auf Unbedingtes und allen Menschen Gemeinsames hinweisen, auf allgemeine und bleibende Strukturen des Geistes, möge jeder und jede fortsetzen: Es gibt in einer bestimmten Form der Daseinsinterpretation die Einsicht: Es gibt in mir etwas Bleibendes, Nicht Zerstörbares, man könnte sagen: Ewiges IM MENSCHEN, das nicht aus dem individuellen Leben entspring!

Warum sage ich das alles? Gerade das erschließt das Verständnis von Auferstehung.

Genau diese Erfahrung des Ewigen, des Bleibenden, des Tragenden, des Wesentlichen wie auch immer: Genau diese Erfahrung ist philosophisch gesehen ein Kennzeichen der Menschen: Sie haben Ewiges, Bleibendes, Erhebendes in sich selbst, in ihrem Geist oder in der Seele sprechen. Schließlich sind wir Menschen sicher nicht ein plumper Klumpen purer Materie.

Diese Erkenntnis (des Ewigen im Menschen) gilt nicht nur für die guten reichen Bürger im satten Europa. Diese Erfahrung trägt letztlich auch die Lebensenergie der Armen weltweit. Die natürlich einen absoluten Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse haben. Aber nur aus der genannten inneren Erfahrung können Sie überhaupt um Gerechtigkeit kämpfen, auf Gerechtigkeit hoffen, auf die Bekehrung der Reichen zur Solidarität mit den Armen. Man denke an die Spiritualität Gandhis oder des heiligen Erzbischof Oscar Romero El Salvador…

Was hat das mit der Auferstehung zu tun? Genau diese Erfahrung des Ewigen, Bleibenden, im Menschen IST Auferstehung: Es gibt etwas, das nicht vergeht von mir und von keinem Menschen. Nicht das Ich als konkrete Gestalt bleibt ewig; aber ein Funke, ein Glanz, der mich im Dasein beschenkt hat, ist unzerstörbar und ewig. Ob darin etwas Persönliches bewahrt ist? Darüber kann man nur spekulieren. Mystiker und philosophische Mystiker sprachen jedenfalls vom ewigen göttlichen Funken. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Theologie der Schöpfung der Welt und damit des Menschen durch Gott(Göttliches). Das kann hier nur angedeutet werden. Und die Sprache ist hilflos, weil wir Dimensionen berühren, die da sind, aber die wir selten artikulieren in unser aufs Platte und Pragmatische eingeschränkten Sprache…

Genau dieser ewige göttliche Funken in jedem Menschen wird zu Ostern gefeiert. Man merkt, wie schwer sich die Sprache tut, diese Dimension überhaupt in Worte zu bringen. Aber: Diese Einsicht ist Ostern. Das ist unglaublich viel. Eine universale menschliche Botschaft, ein Vorschlag zur Daseinsdeutung. Das heißt: Jesus von Nazareth hat als der gerechte Mensch nach seinem grausamen Tod diese Erkenntnis unter seinen Freundinnen und Freunden wachgerufen: Sie haben erkannt: Dieser geliebte Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, lebt in gewisser Weise nach seinem Tod. Denn er hatte diesen göttlichen Funken, den auch wir haben. Das hat er uns offenbart! Mit ihm sind wir auferstanden, weil wir den göttlichen Funken als Gabe des Göttlichen in uns nun wissen.

Natürlich lag der tote Mensch Jesus von Nazareth nach seinem Tod im Grab. Seine Leiche verweste. Aber er lebte, das wussten die Menschen um ihn, die mit ihm den göttlichen Funken als das Ewige in jedem Menschen entdeckt hatten. Diese Ewigkeit im Menschen lebt selbstverständlich in allen Menschen aller Religionen.

Das Drama ist: Die Kirchen haben die bildhaften Erzählungen des Neuen Testaments von der Auferstehung Jesu ebenso anschaulich und in gewisser Weise naiv permanent weiter – und nacherzählt, die Bilderwelten nur nach – gesprochen, aber dadurch kaum tiefes Verstehen des Auferstehungsgeschehens bewirkt. Die Texte des Neuen Testaments sind Bilder. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen das Eine: Das Ewige im Menschen ist unzerstörbar. Wie konkret dann dieses Ewige post mortem bewahrt bleibt, muss naturgemäß offen bleiben.

Wer diesen Hinweis mit – gedacht hat, kann gern noch über ein Wort von Plotin nachdenken: Auf dem Sterbebett  sagte Plotin: „Ich versuche gerade, das Göttliche in mir zum Göttlichen im Universum zu bringen“ (Porphyrius, Das Leben des Plotin).

——-Wer sich mit dem Thema weiter befassen will, kann meine 24 Minuten dauernde Radiosendung hören: Am Ostersonntag um 9.04 RBB KULTUR oder nachlesen im Programm RBB. Der Titel: Auferstehung für Aufgeklärte. (Siehe auch: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/gott_und_die_welt/archiv/20180401_0904.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ich hatte die LeserInnen des newsletters eingeladen, Ihre eigene Weise der Auferstehungs – Erfahrung mitzuteilen für eine Publikation auf dieser website. Clara F. Janning schickte mir ein Gedicht, geeignet als Gesang, eine Poesie, die sie schrieb, inspiriert von Willigis Jäger, auch Hermann Hesse und musikalischen Gedanken aus dem ABBA Song „arrival“:

Komm, komm, wenn die Zeit zur Ankunft gekommen ist, dann komm.

Scheu die Mühe nicht, wir warten voll Freude, darum komm.

Mit dem, was du mitbringst, ist für dich ein Platz bei uns bereit.

Komm und teil‘ ein Stück von deinem Weg und ein Stück von deiner Zeit. ://

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin führt unser Weg?

All dies fragen wir, indem wir ihn gehen, unsern Weg,

fließen mit im Strom des Lebens und „verbringen“ unsre Zeit,

sind ein Teil der Sinfonie des Lebens in aller Jahreszeiten Kleid. ://

Geh, geh, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, dann geh.

Trauer hält dich nicht, der Fluss fließt zum Meer, und dahin geh.

Geh in Liebe, und geh im Vertrau’n auf eine Wiederkehr.

Allem Ende wohnt ein Zauber inne, der Anfang ist, ein Mehr. ://

Clara F. Janning

 

 

 

 

 



Der Fremde offenbart Jesus den Lebendigen:EMMAUS heute.

2. April 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Eine aktuelle Neu – Interpretation der Emmaus –Erzählung (Lukas, 24, 13- 34)

Am zweiten Osterfeiertag wird in vielen, zumal katholischen Kirchen ein Text über ungewöhnliche Ereignisse in EMMAUS vorgelesen. Hier ein Beispiel für eine Neuinterpretation, die selbstverständlich aus dem Rahmen des Üblichen fällt….

Von Christian Modehn

Die Texte, die Erzählungen und Mythen des Neuen Testaments sind keine tote Masse, die man immer wieder nur unverändert bewegt. Sie sind keine leblosen Steine, die man, wie in der klassischen Theologie und Predigt immer nur hin und her dreht, ohne dass dabei neue Einsichten sich ereignen und neue hilfreiche Lebensmöglichkeiten erschlossen werden.

Erst mit dem Mut, ganz neu und selbstverständlich in „anderer Besetzung der Personen“ die Geschichte zu erzählen, ergibt sich ein inspirierender Text für heute. Und um das Heute, also mein Leben, unser Leben in dieser zerrissenen Welt, geht es ja immer. Alles andere wäre dumme Repetition, die bekanntlich langweilt.

Das habe ich von Meister Eckart gelernt mit seiner ungewöhnlichen, aber treffenden „anderen“ Interpretation der Geschichte von Maria und Martha. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Blick auf die Emmaus – Geschichte hat der Maler Caravaggio auch Neues ins Bild genommen: Das Ehepaar, das die drei Gäste bewirtet. Sie lassen sich den einen, den ungewöhnlichen Gast „nicht entgehen“.

Ich will hier die alte Geschichte des Emmaus – Ereignisses nicht wiederholen.

Nur die Struktur der Neu – Erzählung kann ich hier andeuten:

Zwei Männer, Jünger Jesu, sind nach dem Tode Jesu unterwegs, fragend, suchend. Und sie sind in der Lage, als sich ihnen ein Fremder anschließt, von Jesus ungewöhnlich offen zu sprechen! Wenn man bedenkt, dass der Lukas – Text etwa um 80 geschrieben wurde. Also zu einer Zeit, als die theologische (christologische) Reflexion über Jesus schon weit gediehen war.

Beachtlich also ist: Die beiden Jünger nennen Jesus einen „Propheten“. Das ist ungewöhnlich! Es ist nicht die Rede von „Jesus, dem Christus“. Sondern „nur“ von dem Propheten Jesus von Nazareth. Das ist großartig. Dieser Brauch, hier vom Propheten Jesus v. N. zu sprechen, ist festzuhalten auch heute; auch im Blick auf den Dialog mit Muslims. Sie verehren bekanntlich auch Jesus den Propheten. Aber das ist ein anderes Thema.

Entscheidend ist in der Neuinterpretation:

Der Fremde geht mit den beiden (Glaubenden, Christen) zum Mahl in die Gastwirtschaft. Man setzt sich und beginnt zu speisen. Dem Fremden wird eine herausragende Rolle überlassen: Er bricht vor den Augen der Jünger (und der Wirtsleute, Caravaggio) das Brot. Der Fremde kennt als Mensch diesen zentralen menschlichen Ritus: Wo das Brot gebrochen und geteilt wird, wo man Gott dankt für das Mahl, in eine Art poetischen Lobpreis einstimmt, da wird (!) Göttliches anwesend. Der Fremde kann das Göttliche im Teilen des Brotes sich ereignen lassen, er als Fremder beschenkt die Jünger mit neuem Erleben und neuen Einsichten.

Die Jünger hatten wohl das letzte Abendmahl mit Jesus kurz vor seinem Tod erlebt; aber vom Fremden müssen sie sich zeigen lassen, dass im Brotbrechen die Gegenwart des Göttlichen auf immer da ist.

Jesus hat im letzten Abendmahl nur den in allen Menschen eigentlich vorhandenen Sinn für das „heilige Brotbrechen“ geweckt. Der Fremde als Fremder, als Mensch, kannte diesen Ritus.

Ein weltlicher Ort, eine Kneipe, wird Ort der göttlichen Präsenz, die nichts anderes ist als die Gegenwart des Teilens.

Was bedeutet das für uns? Das ist ja eine übliche Frage biblischer Meditationen: Die Frommen, die Christen, die Europäer (die beiden Jünger in der Geschichte) sollen sich öffnen für den, die Fremden. Sie sollten gemeinsam unterwegs sein. Sie sollten gemeinsam einkehren und in einem Wirtshaus, einer Herberge, verweilen. Kirchen und Tempel sind ja oft auch „Herbergen“ genannt worden. Das gemeinsame Essen ist entscheidend, nicht das kultische „Opfermahl“, die offizielle Liturgie der Priester.

Und in der Herberge können die Frommen erleben, dass der Fremde als erster zum Brot greift und es teilt und einen Lobpreis auf die Gemeinschaft spricht und so ein neues Miteinander stiftet.

Wir sollten die Fremden (Flüchtlinge) mit uns gehen lassen, Gemeinschaft schenken, sie einladen, ihnen die Chance geben, das Brot für uns zu brechen und für uns und alle Anwesenden zu segnen. Dann passieren Wunder. Dann ereignet sich die Einsicht: Die Auferstehung ist Realität. Das heißt in dem Falle: Die alte Welt der Trennungen und Mauern ist durchbrochen. Wir können aufstehen und den Aufstand wagen gegen die Unmenschlichkeit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Zu denken geben. Das neue Philosophie-Magazin

28. März 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf das „Philosophie Magazin, Ausgabe April, 2018.   (Und: dies ist kein „Leser – Brief“.)

Von Christian Modehn

Eine philosophische Zeitschrift, selbst eine „populäre“, sollte man selbstverständlich nicht wie eine Zeitung oder irgendein Nachrichten -Magazin lesen und dann „durch – gelesen“ beiseite legen. Sondern als eine Sammlung von Texten, „die zu denken geben“. Dieses Wort „zu denken geben“ habe ich lange Jahre nicht mehr gehört. Leider. Ich finde es wichtig. Und hilfreich. Es deutet als Konsequenz an: Nur mit Unterbrechungen im Alltag, beim Verweilen bei dem, was zu denken gibt, gelingt Philosophieren. Und Philosophieren ist bekanntlich der entscheidende Grundvollzug von Philosophie „als Wissenschaft an der UNI“. So, wie das Malen absolut notwendig ist beim Künstler für das Gestalten von Bildern.

Und dieses Wort „zu denken geben“ fällt mir ein, wenn ich die neue Ausgabe (April/Mai 2018) des Philosophie – Magazin lese. Da sind, wie gewohnt, Kommentare, Buchbesprechungen, Interviews, Gespräche versammelt, bei denen man während der Lektüre innehält, sich im Denken unterbricht. Ich will aus der Fülle der Beiträge nur auf einiges hinweisen. Dass die Philosophin (und Journalistin) Svenja Flaßpöhler die neue Chefredakteurin ist, haben wir ja auch schon aus der Presse entnommen.

Diese Zeitschrift hat Philosophie nie im engen und begrenzten Sinne verstanden, als wäre das Blatt eine Verlängerung des akademischen Lehrbetriebs an den Unis. Politische Fragwürdigkeiten werden also auch analysiert, etwa die Debatte um die „Tafel“ genannte Armenspeisung in der Stadt Essen. Nils Markwardt schreibt (S. 19) sehr treffend: „Die flächendeckende Notwendigkeit der Tafeln ist vor allem Ausdruck einer politisch gewollten Almosenökonomie, die aus dem jahrzehntelangen Rückbau des Sozialstaates resultiert“. Und, das ist explizit philosophisch: „Die Armen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“. Als nächstes Thema würde ich Nils Markwardt vorschlagen: Was nützt ein C bei bestimmten Parteien, was nützt das sozial bei einer anderen Partei in Deutschland, wenn auch diese herrschenden Parteien, mit einem nach außen propagierten humanen ethischen Anspruch, dann doch, „politisch gewollt“ auch schon hierzulande (und nicht bloß durch eine imperiale Wirtschaftspolitik gegenüber Afrika) Almosenempfänger erzeugen. Und zwar in einer Anzahl, die in die Millionen geht. Und die Kirchen ersetzen offenbar gern den Sozialstaat…Verhältnisse entstehen wie in den USA: Wo die Milliardäre darum beten, dass die Kirchengemeinden und ihre hilfsbereiten Geister die schlimmste Armut mildern und so Hunger – Rebellionen verhindern. Dies wäre ein Thema im Marx – Gedenken 2018. Der religionsphilosophische Salon wird sich damit befassen. Dass „Religion oft Opium“ (Marx) ist, haben wir ja in einem Salon schon besprochen… Die Debatte geht weiter angesichts des Zustandes der Kirchen in Europa und der Religionen im allgemeinen.

Ebenso inspirierend fürs WEITER – Denken ist der leider so kurze Beitrag des Philosophen Philipp Hübl (Uni Stuttgart) zum so häufig gebrauchten und missbrauchten „Argument der schiefen Ebene“. Das da populär verbreitet wird und unbefragt so oft hingenommen wird: Wenn A passiert, dann passiert doch furchtbarerweise auch gleich B und C und D. Man nennt dies den „Domino-Effekt“ oder das „Dammbruch Argument“. Philipp Hübl zeigt den Unsinn dieses Dammbruch Arguments am Beispiel der rechtlichen Zurückweisung einer Suizidassistenz, etwa auch in den Worten des in christlichen Kreisen hoch beliebten ehemaligen Verfassungsrichters Udo Di Fabio.(Seite 20). Dieses Dammbruch Argument (auch Slippery-Slope Argument genannt) wurde und wird oft noch dummerweise verwendet, kürzlich in der Debatte zugunsten der Ehe für alle: Da sieht sich die absolute Mehrheit der Heterosexuellen (etwa 90 % der Bevölkerung) total bedroht, wenn auch die Ehe für Homosexuelle möglich wird. In einigen Staaten Skandinaviens, in Holland etc. gibt es seit vielen Jahren die Ehe für Homosexuelle: Niemals wurde bekannt, dass dadurch die armen Heterosexuellen verfolgt, diskriminiert wurden oder gar die Geburtenziffern gegen Null stürzten. Das Dammbruch Argument ist das hilflose Geplapper reaktionärer Leute, es ist auch in den Kirchen immer noch gültig: „Wenn wir als Katholiken mit Protestanten selbstverständlich das Abendmahl feiern würden, dann verschwindet die uralte Identität des Katholizismus und damit ein Stück absoluter Wahrheit usw“. Oder: „Wenn der Zölibat als Gesetz aufgehoben wird, dann könnten ja auch Frauen Priesterinnen werden und ähnliche „furchtbare“ Dinge passieren“

Also, man sieht: Jeder und jede wird bei der Lektüre des Heftes in eigenes kritisches Denken geführt. Über die eher kleine, aber lesenswerte Rubrik „Erzählende Zahlen“ (S. 26) wäre weiter zu berichten, etwa über die Tatsache, dass es in Las Vegas ein „Luxe Pet Hotel“ gibt, also ein luxuriöses Hunde – und Katzen -Hotel mit Kingsize – Betten in einem hübschen Raum von 15 Quadratmetern. Leider wird nicht berichtet, ob denn Herrchen und Frauchen mit ihren Allerliebsten Kötern das Bett teilen etc. Wer noch einen minimalen Restbestand an ethischem Bewusstsein hat, wird wohl dieses Hotel (200 Dollar Pro Nacht por Zimmer) eine Schande pervers gewordener Tierfreunde nennen. Dieses Hunde Luxus Hotel dürfte allenfalls existieren, wenn die Nutzer gleichzeitig dieselbe Summe (200 Dollar pro Tag) an Obdachlosen – Initiativen überweisen. Die Frage entsteht: Kann man in dieser offenbar verrückten Welt noch vernünftig denken, ohne dabei in einen Zustand von dauernder Wut zu geraten.

Wohin mit der Wut, wäre mal ein Thema fürs Philosophie Magazin. Ich habe kürzlich die Einrichtung von öffentlich gepflegten Räumen des Schreiens und Brüllens in den Großstädten empfohlen, als ersten (!) Ansatz, die eigene maßlose (hilflose) Wut rauszulassen, klicken Sie hier.

Parallel zur Nutzung des Hundeluxus Hotels in Las Vegas passt das Bedürfnis der ganz Reichen (wohl ebenfalls Hundebesitzer) im Silicon Valley, Californien. Es geht letztlich um die Abschaffung oder doch stärkste Einschränkung des eigenen Todes, der Sterblichkeit, der Übermensch als Herrenmensch wird aktuell. Selbstverständlich ist dieses Ersehnen nur Sache der Reichen dort aus dem Umfeld von Google, Amazon, Facebook: Die Mieter aus dem benachbarten San Francisco wurden nachweislich von den ewig Lebend Wollenden schon vertrieben, so dass sie lange und abgeschottet leben dürfen in der hübschen Stadt S.F. Interessant ist, dass auch im sozialistischen Russland, Sowjetunion, an der Idee des ultralangen Lebens gebastelt wurde. Offenbar war es für einige Revolutionäre so schön dort, dass sie gern ad aeternum diesen Kommunismus erleben wollten. Sehr passend, als Kontrast zum bisher Gesagten und im Heft Angesprochenen, ist der Hauptartikel „Einfach leben“. Beeindruckend der Hinweis auf den „Minimalismus“: Leere deinen Geist. Das sollten vor allem die Verblendeten tun, etwa als Therapie für Herrn Trump und andere zu empfehlen. Ernüchternd die Reportage über das sich einfach nennende, aber rundum versorgte Leben der Mönche, etwa im Benediktiner Kloster Ettal in Bayern. Leider hat der Autor nicht herausgefunden, wie reich denn an Immobilien, Wald, Wirtschaftsunternehmen etc. die sich arm nennenden und Armut gelobten Mönche tatsächlich sind. Bekanntlich ist das Vermögen (nicht das geistige) der Klöster und Mönche in Deutschland sehr groß und ein absolut gehütetes Geheimnis. Eher erfährt man das Monatsgehalt von Kardinal Wolki, Köln, nämlich 12.000 Euro, als auch nur den leisesten Ansatz des Vermögens der reichen Orden, die immer um Spenden betteln…

Passend zur Debatte über ein Heimat – Ministerium (im Rahmen des Innenministeriums unter Leitung von Herrn Seehofer CSU („Der Islam passt nicht zu Deutschland“ ist sein pauschaler und deswegen dummer Satz) veröffentlicht Thea Dorn jetzt ihr Buch über Deutschland. Wie man es dreht und wendet, und die Interviewerin Svenja Flaßpöhler gibt sich alle Mühe, Kritisches und Klares der Frau Dorn (vergeblich) zu entlocken: Dass nun in dieser Zeit des neuen Miteinanders, des dringenden Dialogs der Kulturen, der Wandlungen der althergebrachten Identitäten usw. dass da nun ausgerechnet ein Buch „Über Deutschland“ erscheinen muss, ist schon befremdlich, der Untertitel verheißt dialektisch, aber unklar einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. Welcher Patriot würde sich denn auch öffentlich als unaufgeklärt bezeichnen? Patrioten nennen sich heute Leute aus dem Umfeld der AFD oder Leute von Rechtsrock Bands etc. Da hätte sich Frau Dorn bei Kenntnis dieserTatsachen wohl gehütet, nun den Begriff Patriotismus selbst in der Form der „Aufgeklärtheit“ in die Debatte zu werfen. Der Titel Aufgeklärter Patriot – das ist eine pure Schutzmaßnahme, um als National-gebundener oder Heimatfreund noch einen Rest Anstand zu wahren in einer Welt, die neue offene, übernationale Lebensformen verlangt, eben auch kosmopolitisches Leben. Nur dieses hat Chancen, Frieden wiederherzustellen in dieser zerrissenen Welt voller Politiker, die national denken und handeln. Um den neuen Kosmopolitismus sollten sich PhilosophInnen bemühen und nicht alte Themen aufwärmen. Peinlich berührt ist der Leser, wenn Thea Dorn sich förmlich entschuldigt, dass sie öfter mal an einer türkischen, also muslimischen, Hochzeit teilnahm: „Ich war recherchehalber auf traditionellen türkischen Hochzeiten….“(S. 71) Bemerkenswert: bloß recherchehalber also, nicht aus Gründen eines neuen menschlichen Miteinanders, um miteinander zu feiern….

Insofern müsste Derridas Konzept der Dekonstruktion – wird im Heft vorgestellt – auch auf den Heimatbegriff und den Nationen-Begriff angewendet werden. Ob es dann bei einer Dekonstruktion bleibt und nicht in dem Falle in die gebotene Destruktion der Begriffe führt, wäre dringend zu bedenken. Denn Nationales Denken versteckt sich im Heimat-Denken. Und beides führt zum Krieg. Philosophinnen sollten doch mehr historisches Wissen haben. Ein Hinweis noch von Heinrich Heine:

 

„Fatal ist mir das Lumpenpack,

das, um die Herzen zu rühren,

den Patriotismus trägt zur Schau,

mit allen seinen Geschwüren.“

 

(Heinrich Heine, Ein Wintermärchen, entnommen

aus dem Internet am 8. Dezember 2015, [http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/heine_

wintermaehrchen_1844?p=143]. )

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Philosophie in Deutschland in der Krise?

8. März 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Ortswechsel der Philosophen könnte der Beginn einer Besserung sein.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Krise „der“ Philosophie in Deutschland, wie sie Wolfram Eilenberger in „DIE ZEIT“ vom 1.3. 2018 (S. 69), unter dem Titel „Wattiertes Denken“ sogar wörtlich als „desolaten Zustand“, beschreibt, ist meines Erachtens etwas übertrieben. Er erwähnt ja selbst zwei relativ neue und noch nicht pleite gegangene philosophische Zeitschriften (- Magazine) in Deutschland; vergisst dabei leider die schon seit langem sehr wertvolle und rundum philosophische Zeitschrift “Der blaue Reiter“. Philosophische Autoren, viel gelesen, wie Wilhelm Schmid, erwähnt er namentlich nicht. Er denkt dabei wohl an seinen Begriff des „Populärphilosophischen“, und muss zugeben, dass diese Populärphilosophen, zu denen er offenbar sich selbst gar nicht rechnet, zu den Bestseller Autoren gehören. Gibt es also einen gewissen Hunger auf Philosophie? Gewiss! Denn die Fragen und Antworten der Religionen und Kirchen interessieren immer weniger Menschen, weil die Vertreter dieser Religionen argumentativ oft nicht erklären können, wo sich Göttliches im Leben zeigt. Und viele halbwegs Gesunde haben nach 100  psychotherapeutischen Sitzungen auch Lust, etwas anderes, eben Philosophie, die Fähigkeit des Selberdenkens, zu erleben. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens ist eine philosophische Frage, über die man gern mit Philosophen diskutieren würde… Auch erwähnt Eilenberger nicht die wöchentliche Sendung „Philosophie“ auf ARTE usw. Bedauerlich ist vor allem dies: Dass er nicht erwähnt, obwohl er es weiß aus seiner früheren Zeit als Chefredakteur des Philosophie Magazin: Es gibt sehr viele philosophische Gesprächskreise (Philosophische Salons etc.) im ganzen Land und überall in Europa und Amerika! Er hätte ja nicht gleich vom Religionsphilosophischen Salon Berlin sprechen müssen, den es als private Initiative, ohne jeglichen öffentlichen Zuschuss etc., seit 11 Jahren gibt. Der TIP, das Berliner Stadtmagazin, hat den „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ kürzlich etwas ausführlicher erwähnt. Die philosophischen „Cafés“ sind ja bekanntlich eine Erfindung (1992) des Philosophen Marc Sautet in Paris (Café des Phares, direkt an der Bastille gelegen!) .

Dennoch ist die Frage von Eilenberger interessant: Warum spielen Philosophen heute in der Öffentlichkeit keine große Rolle? Ob das so stimmt, ist eine weitere Frage, wenn man doch an die gelegentliche Medienpräsenz etwa Frankfurter Philosophen oder von Dieter Thomä von St. Gallen denkt usw. Aber Eilenberger hat im ganzen wohl recht: Die großen Namen der großen Philosophen fehlen, die sechziger und siebziger Jahre sind vorbei, als etwa die Bücher von Karl Jaspers noch stapelweise verkauft wurden. Die Frage ist natürlich: Wem nützen die großen Namen und die angeblich sehr bedeutenden Köpfe? Sicher ist: Der Kult der großen Namen in der Philosophie ist, durch die heutige (auf Massen hin orientierte) Kultur vorbei, es gibt sehr viele hochinteressante, aber nicht weltberühmte Philosophen, viele gute und bis mittelsprächtige. Und das ist zunächst als Ausdruck des kulturellen Wandels zu verstehen. Sehr berühmte Musiker mag es immer geben, etwas berühmte Philosophen gibt es auch jetzt.

Gemeinsam ist den meisten, und das ist gelinde gesagt ein „Problem“ (ich hätte am liebsten angesichts der Traditionen der Philosophien im „alten Griechenland“ gesagt eine „Schande“): Diese Herren und oft auch Damen Dr. phil., Dozenten, Professoren etc.  haben eine unbremsbare Lust daran, sich ultra kompliziert auszudrücken. Man könnte denken, damit möchten sie eine gewisse öffentliche Bedeutungslosigkeit kompensieren. In Frankreich ist es noch heftiger: Dort muss ein Philosoph förmlich sehr absolut unverständlich und esoterisch schreiben, um als Philosoph öffentliche Anerkennung etwa in „Le Monde“ zu finden. Die Leser sollen staunen, von welcher „Geburt“ denn etwa Foucault gerade redete, leider sprach er nicht von der Geburt der Kirche aus dem Geist des Maskulinen…Vorbei sind offenbar in Frankreich die Zeiten von Camus oder Voltaire.

Durch ihre höchst komplexe Sprache, die keineswegs immer sachlich notwendig ist, bauen die Philosophen selbst unheimliche Barrieren. Ausnahme: Michael Hampe, Zürich, zum Beispiel. Mit anderenWorten: An der Krise der Philosophie, ja an ihrem möglicherweise desolaten Zustand, wie Eilenberger sagt, sind die PhilosophInnen auch selbst schuld. Philosophie ist im eben keine höhere Mathematik und keine Astrophysik, keine Immunforschung usw.. Diese Wissenschaften müssen von ihrer Sache her notwendigerweise kompliziert sein, sie können nicht für den „Mann auf der Straße“ sofort verständlich sein.

Anders die Philosophie, die ja eigentlich niemals eine „strenge Wissenschaft“ sein kann und sein will, von der Logik als Philosophie vielleicht abgesehen. Philosophie hat in ihrer bleibenden Bindung an das alte Griechenland und Rom eben sehr viel mit dem Mann und der Frau auf der Straße zu tun. Mit der Agora, dem öffentlichen Disput auf öffentlichen Orten! Also mit Sokrates. Er wurde nie zum ersten „philosophischen Heiligen“ erklärt…

Das Desaster der Philosophie in Deutschland ist vor allem die Fixierung auf den engen Raum der Universität. Philosophen hocken in ihren Bibliotheken und brüten immer neue Themen aus, oft sind es alte Themen (warum nicht mal wieder, zum geschätzten 100. Mal,  ein „Vergleich der Wissenschaftslehren von Fichte“ oder „Was meint Heidegger eigentlich mit seinem Gestell?“) Solche ironischen Fragen zu stellen, hat nichts mit Banausentum zu tun. Es geht schlicht um die Frage der öffentlichen (!) Relevanz der Philosophien. Man könnte heulen, wenn Philosophen in Lateinamerika in den Universitäten vorwiegend den deutschen Idealismus vortragen (nichts gegen Kant!) und nicht analysieren: Was ist Korruption? Was ist öffentlich zugelassene Verelendung der Massen usw. In Europa würde mich interessieren, wie viele hundert Dissertationen und Habilitationen über Heidegger seit 1945 verfasst wurden: Und ich würde die obszöne Frage stellen: Cui Bono? Der Öffentlichkeit sicher nicht. Bestimmt nicht wurde durch so viel Fleiß zu „Meister Heidegger“ der Entwicklung eines demokratischen Bewusstseins gedient; bestimmt nichts zur Überwindung von Rassismus und Antisemitismus wurde getan. Hätten diese Philosophen doch lieber die Ethik von Kant vielen Menschen, dem Mann auf der Straße,  erklärt oder die Tugend – Ethiken usw. Mit anderen Worten: Viele dieser sicher spekulativ anspruchsvollen und sprachlich hoch komplexen Studien haben den Büchermarkt bereichert, aber nur wenige zum Selber – Denken, also zum eigenen Philosophieren, veranlasst. Denn das ist ja im Unterschied zur Astrophysik die Sache der Philosophie: Nicht jeder kann Astrophysiker werden, aber jeder und jede kann Philosophieren lernen und die je eigene Philosophie leben. Klar ist also: Der messbare und irgendwie auch hilfreich – orientierende Beitrag so vieler Heidegger – Deutungen über das Seyn statt das Sein oder die Vierung oder „das Göttern“ ist wohl äußerst gering.

Will also Philosophie wieder relevant werden, in dieser tiefen Krise der Menschheit heute (Ökologie, Krieg, zugelassenes Massensterben, Ertrinken der unerwünschten Flüchtlinge im Mittelmeer, Zulassen von immer mehr Armen in den reichen Städten Europas und so weiter), muss sie diese brennenden Fragen aufgreifen. Und sie muss diese dringenden Fragen da besprechen, wo diese Frage auftauchen: An der Basis eben, unter den Leuten, in den Cafés, den Wohnheimen, den Asylen, den Kulturzentren, den Kirchen und Moscheen usw. Aber auch unter Politikern und Bankern. Und diesen Herren eben nicht beruhigend zu Munde reden, sondern sie mit ein paar Thesen von Karl Marx vertraut machen. Philosophen sollten unter den Menschen sein. Und der Staat hätte bei aller Förderung der etablierten Kultur die dringende Pflicht und Schuldigkeit, auch Philosophie an der Basis, an den beschriebenen Orten, ohne jede ideologiche Vorgabe zu fördern. Wäre das nicht einmal ein Thema für Frau Grütters?? Konkret: Der Staat sollte auch philosophische Gesprächskreise finanziell fördern und die vielen offenbar auch arbeitslosen jungen Philosophen zu einer anständigen Bezahlung verhelfen in diesen neuen Orten des Philosophierens. Philosophie als öffentliche Kultur verdient genauso viel öffentliche Förderung wie diese ewigen Wagner Opern in Bayreuth, um nur eines von vielen tausend anderen Beispiel zu nennen. Philosophie ist ja nicht neidisch auf das, was Kunst und Museen, Opern, Konzerthäusern und Literaturhäusern und Literaturfestival alles an Unsummen von Geld so überwiesen wird. Aber Philosophie verdient endlich viel mehr Aufmerksamkeit und Förderung. Philosophieren kakann Demokratie fördern, weil sie im Dienst umfassender aufklärung steht. Der Beitrag von Herrn Eilenberger ist da eher kontraproduktiv…

Eine bzw. treffender viele neue Philosophien also! Dann könnte ein Wechselspiel von Praxis und Theorie entstehen. Wie würde denn eine Philosophie von und mit Obdachlosen aussehen? Von Leuten der TAFEL? Von ausgepowerten Krankenschwestern und Altenpflegern? In diesen Kreisen werden sich junge Philosophen bewegen, hören und zuhören, elementare Fragen stellen, vorsichtige Antworten geben, die Mut zu Überleben machen.

Die Krise der Philosophie in Deutschland und anderswo ist also auch und meines Erachtens vor allem eine Krise des Ortes und der Plätze, auf denen sich Philosophen philosophisch aufhalten und fragen und denken und schreiben. Vielleicht wäre dies ein Beitrag zum 50 Jahre Jubiläum des Mai 68: Philosophen: Raus aus den Unis! „PhilosophInnen hört und fragt an der Basis, und kehrt dann mit neuen Themen wieder in die Unis zurück“. Eine spannende Dialektik könnte entstehen.

Damit man mich richtig versteht: Ich habe nichts gegen die akademische und universitäre Arbeit der Philosophen in Deutschland und anderswo. Ich plädiere “nur“ für eine dringende Vertiefung und Verbreiterung ihres Denkens durch unmittelbares Mitleben und Mitdenken an der so vielfältigen Basis. Dieser Basis-Bezug als ORTSWECHSEL führt aus dem von Herrn Eilenberger behaupteten „desolaten Zustan“ sicherlich  heraus. Das Lamentieren hätte ein Ende. Es wäre auch die Wiedergewinnung einer „griechischen und römischen“ Kulturen der Philosophien seit Platon. Man lese bitte die Bücher des großen Pierre Hadot. Und in der philosophischen Ausbildung an der Uni würden diese praktischen Einsätze der Philosophinnen selbst Thema, in Seminaren und Vorlesungen. Vielleicht würden so einige kleine „Sokrates“ ausgebildet…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Wer heute Heimat sagt, meint die Nation

28. Februar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Interkultureller Dialog, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. In letzter Zeit wird in Deutschland wieder heftig und häufig von Heimat gesprochen und für das (deutsche) Recht auf Heimat eingetreten! Bezeichnenderweise seit 2017. Nach Ankunft der Flüchtlinge wurde gleich unterstellt, die Flüchtlinge aus Afghanistan oder Syrien hätten ihre „Heimat verlassen“: Da wurde mit dem Wort Heimat die übliche Assoziation geweckt: Sie hätten im Grunde doch wohlbehütete Regionen voller Freundlichkeit und Wonne verlassen, also Heimat im emphatischen deutschen Sinne. Sozusagen den mit Heimat meist imaginierten „Brunnen vor dem Tore“ des Romantikers Wilhelm Müller. Nur: Kann es Heimat mit dem „Brunnen vor dem Tore“ jetzt in Kabul oder Aleppo geben? Nein, die Flüchtlinge haben ihr Herkunftsland verlassen, um sich aus dem tödlichen Chaos dort zu retten. Wer von vornherein den Flüchtlingen den so tief traurigen Verlust ihrer Heimat unterstellt, will sie am liebsten gleich wieder in die doch hübsche, sichere, eigene Heimat Syriens, des Irak usw. wieder zurückschicken. Denn lieber Flüchtling: „Dein ständiges Leben in dieser deiner Heimat ist dein gutes Recht!“ Übersehen wird: Ehe dieses Chaos dort wieder einmal Heimat werden kann, vergehen Jahrzehnte bei dem Tempo einer angeblich auf Frieden bedachten (Welt)

Politik. Wichtiger aber ist in dem deutschen Argument: Auch meine Heimat ist mein gutes Recht! Meinen wunderbaren Ort mit meinem relativen Luxus und den Restbeständen eines Sozialstaates lasse ich mir doch nicht von euch Flüchtlingen und Fremden (und Muslims obendrein) nehmen.

2.

Der Begriff Heimat wird also jetzt propagiert und mit bestimmten präzisen politischen Interessen beladen, voller Ideologie und versteckten Ressentiments. Auch der kurz vor dem Hungertod stehende Afrikaner in seiner Heimat Tschad möge doch in dem chaotischen Wüstenstaat als seinem Zuhause bleiben, weil er doch in seiner Heimat „groß geworden“ ist. Dass er dort verhungert, finden wir Europäer alle schlimm, sagen das auch, tun aber tatsächlich Wirksames nichts dagegen. Eher geben wir unser Geld für Libyen aus, wo die Flüchtlinge aus Afrika wie Sklaven missbraucht werden. Aber die verbrecherischen Verhältnisse in Libyen halten jedenfalls die Fremden fern…

Heimat, so meint man in Deutschland, sei nun einmal die Region, in der Menschen geboren wurde. Der Wechsel in andere „Heimaten“ wird so ausgeschlossen. Nur DDR Deutschen wurde bis zum Mauerbau schweren Herzens in der BRD eine neue, antikommunistisch glänzende Heimat bereitet. Bauprogramme hießen bekanntlich „neue Heimat“: Das waren winzige Wohnungen für kinderreiche Familien.

3.

Und es waren nachweislich die Bayern und ihre Partei, die CSU, die begannen, wieder die Heimat als sehr hohen Wert zu propagieren. Markus Söder (CSU) zeigte sich beim „politischen Aschermittwoch 2018“ wie ein bayerischer Heimatminister. Ihm ist klar: Heimat hat sehr wohl mit Grenzziehung zu tun: „Wir überlassen Bayern nicht den anderen“, ruft Söder. Und übrigens: „Ich bin der Markus, da bin i dahoam, und das will ich auch bleiben!“ (Der Tagesspiegel, 14.2. 2018). Wen meint Herr Söder unter den „anderen“, denen er sein Heimatland nicht „überlassen“ will? Sicherlich auch die in Bayern mächtiger werdende AFD. Die AFD Leute will Herr Söder lieber in seine CSU integrieren, damit diese Partei wieder richtig zahlenmäßig stark wird …und die CSU dann zur halben AFD wird. Aber auch: Die „anderen“, das sind für Söder auch die Fremden und Flüchtlinge, die „uns“ „unser“ so hübsches und sauberes und gerechtes Bayern zerstören….

4.

Heimat ist ein exklusiv deutscher Begriff. Das Wort kommt in anderen europäischen Sprachen in dieser Prägnanz, also ohne weitere Umschreibungen, nicht vor. Ein gewisser Kult um die deutsche Heimat wurde vor allem in der Romantik betrieben, also seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die singenden Wandergesellen aus ihrem Zuhause, Heimat genannt, in die Fremde aufbrachen, um alsbald wieder in dieses gelobte Land zurückzukehren, zum Lindenbaum, wo man so schön in dessen Schatten träumte.

5.

Wer möchte diese traumhafte Idylle prinzipiell schlecht machen? Sie hat damals vielleicht wie Opium beruhigt? Aber die romantische Heimatidylle ist nur ein Bild, ein Traumbild der Geborgenheit und wunderbaren Beziehung zwischen Natur, Mensch, Kunst, Kirche, Gott, einer Welt, in der sich der Romantiker befand. Und in dieser Welt eingezwängt war, darum wanderte er ja so viel…

6.

Heimat wurde oft als politische Zielvorstellung missbraucht. Das war extrem bei den Nazis der Fall. Alle Nazi – Organisationen hatten letztlich das Ziel, die „Verwurzelung“ der „echten deutschen Herrenmenschen“ in ihrer Heimat durchzusetzen. Heute gibt es bezeichnenderweise in der rechtsradikalen Pegida Bewegung auch „Heimatschutz“ Leute. Nils Minkmar schreibt in „Spiegel Essay“: „Für die Nationalsozialisten war Heimat ein Bollwerk gegen alles Fremde, Städtische, Andersartige. Wer heute über Heimat reden will, muss daher diese unselige Verklärung von Natur und Gemeinschaft kennen“. Wie viele Nazi-Propaganda Filme hatten eigentlich das Wort Heimat im Titel?

Nebenbei: Seit Mitte der fünfziger Jahre nutzte auch die allein herrschende SED den Heimat – Begiff für ihre Propaganda, um irgendwelche heimatlichen Gefühle der DDR Bevölkerung zu wecken. „Bauen wir die Heimat“ auf, hieß es im bekannten „Choral“ der FDJ, den Erich Honecker noch als Greis mit erhobener Faust sang. Bis 1961 verließen viele DDR Deutsche sehr gern diese erzwungene Heimat.

7.

Heutige Politiker in Deutschland, wenn sie nicht ganz ungebildet sind, kennen natürlich diese heftigsten Verbindungen des Heimat-Begriffes mit der Nazi-Ideologie. Natürlich darf man nicht alle Begriffe, weil von Nazis verdorben, beiseite legen. Aber die inhaltlichen Bestimmungen des Heimatbegriffs sind so eng, so miefig, dass der Begriff besser heute nicht mehr verwendet werden sollte. Zumal wir erleben, dass Menschen mehrere Heimaten haben bzw. als Flüchtlinge haben müssen. Heimat ist also der Ort, wo ich, wo wir menschlich leben können, dies muss nicht eine bestimmte Stadt, die Geburtsstadt, sein. Wenn Heimat als der Ort der Geburt und der Kleinfamilie definiert wird, ist sie automatisch etwas sehr Statisches, nicht Entwicklungsfähiges, nicht Lebendiges.

8.

Aber „Heimatfans“ schüchtern ihre Kritiker gern ein, indem sie von dem „Wesen des Menschen“ schwärmen, der nun einmal „seinen heimatlichen Platz“ braucht etc. Aber: Heimatpropaganda ist etwas andere als die vernünftige Anerkennung, dass Menschen kulturelle und sprachliche Herkünfte haben.

9.

Die naturwüchsige Heimatbindung, kritisch reflektiert, soll überwunden werden, über die naturhaften, sozusagen automatischen “Heimat“ – Bindungen sollen wir ins Offene gelangen, Teil der „einen“ Menschheit werden. Wir sind eben nicht nur Niederbayern oder Ostfriesen, sondern auch Menschen dieser EINEN Menschheit, die den Menschenrechten zu entsprechen haben und nicht nur den hübschen kulturellen und kirchlichen Bräuchen unserer Region, man denke an die Tier – und Autosegnungen im katholischen Raum. Nebenbei: Katholische homosexuelle Paare werden nicht katholisch gesegnet, hingegen Handys und Walrösser, wie kürzlich vom Hamburger Erzbischof vollzogen…

Das miefige Milieu der Heimatverbundenen kann tödlich sein, das hat der Film „Jagszenen aus Niederbayern“ einst gut herausgearbeitet. Und philosophisch hat Martin Heidegger in seinem späteren Werk, seit 1930, gezeigt: Die ihm eigene philosophisch behauptete Heimatliebe ist auch im Denken regressiv, sie führt zu Bindungen an ein ereignishaften SEYN, dessen Schickungen sich niemand entziehen kann. Sehr viele Briefe, etwa an den Theologen Bernhard Welte, hat Heidegger noch in den fünfziger Jahren „mit landmannschaftlichen Grüßen“ unterzeichnet. Und er hat in seinen „Schwarzen Heften“ sich unverfroren und seelisch erkaltet zur NSDAP Ideologie bekannt. Als Heimatfreund fiel ihm in den Jahren der Ausrottung der Juden nichts ein, kein Bedauern, kein Protest, kein Schmerz. Seinem Bruder Fritz hingegen gratulierte er immer zum Namenstag und schrieb Erbauliches aus der Familie. Kein Wort des Heimatfreundes Heidegger aus seiner behaglichen Schwarzwald-Hütte zur Judenverfolgung, zum tausendfachen Morden und Metzeln in dem von Deutschen losgetretenen Krieg! Heidegger ist das klassische Beispiel, wie Heimatliebe zu einer gewissen geistigen Starre führt, milde ausgedrückt.

10.

Horst Seehofer CSU soll nun Minister eines sehr aufgeblähten Innenministeriums werden. Er soll ausdrücklich die Pflege der Heimat fördern, gleichzeitig aber auch die Sicherheitsaufgaben und Flüchtlingsintegration (!) betreuen, auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt soll der Heimatminister/Innenminister fördern. Es ist bezeichnend, dass in dieser Zeit der viel besprochenen Flüchtlingskrise ein Heimatministerium eingerichtet wird! Für wen eigentlich? Für die AFD Wähler, damit sie sehen: Auch die CSU liebt unsere Berge und Weiden und Kühe. Und die Deutschen im allgemeinen sollen wissen: Meine kleine Heimat ist so unglaublich wichtig und wert zur Verteidigung, genau so wichtig, wie die „Kleine Kneipe in unserer Straße, wo das Leben noch lebenswert war“, wie es in einem alten beliebten Schlager heißt. Kurz: Die Idylle soll wiederkehren und mit ihr letztlich auch die Nation, die man ja als Summe vieler regionaler Heimaten verstehen kann. Es wird also von Heimat gefaselt, gemeint ist aber das Erstarken der Nation (trotz aller formalen und wirkungslosen Bekenntnisse in Deutschland zu Europa und seinen – abendländischen – Werten). Die Nation aber muss sich wehren, Nation ist immer tendenziell schon Nationalismus und damit Krieg, das ist evident. Heimat bereitet also Nationalismus vor, bzw. verstärkt ihn auf die süße romantische Art. Die AFD und auch Gruppen in der CDU/CSU denken bereits nationalistisch, das macht die Situation in Deutschland und Europa so gefährlich…

11.

Soll der neue Heimat/Bundesinnenminister aus Oberbayern etwa (neue) Heimat schaffen? Oder ist nur gemeint, dass die ökonomisch und kulturell „abgehängten“ Regionen und Provinzen stärker gefördert werden sollen? Das wäre ja sinnvoll. Dabei ist es aber   problematisch, immer wieder zu hören: Diese armen ländlichen Regionen seien eigentlich so etwas wie der Inbegriff von Heimat. Und man wolle diesen armen, „abgehängten“ Menschen etwa in der nördlichen Oberpfalz oder in Franken, in Pommern oder in der Oberlausitz, wieder echte Lebensaussichten und Arbeitsaussichten und damit Heimatgefühle gewähren. Aber was vermag ein solcher Heimatminister angesichts der politisch schon nicht mehr kontrollierbaren Macht der internationalen Konzerne? Kann der Heimatminister für die Heimat verbundenen Franken etwa Arbeit beschaffen, sie vor dem Pendler Dasein ins ferne Nürnberg oder München bewahren? Und vor allem, wenn man schon den Heimat begriff noch mal politisch abklopft: Haben denn Menschen in Großstädten etwa keine „Heimatgefühle“? Werden im Zuge der Vertreibung von Mietern durch Investoren nicht auch Heimatvertriebene in einer Stadt wie Berlin erzeugt? Etwa der Rentner, der seit Jahrzehnten in Prenzlauer Berg wohnt, nun aber nach Modernisierung und damit Unbezahlmachung seiner Wohnung etwa ins ferne und fremde Spandau umziehen muss? Wenn das überhaupt klappt und die Heimatvertriebenen in den Großstädten nicht auf der Straße landen. Es gibt „Heimatvertriebene“ heute aus den angestammten Bezirken der Großstädte. In Paris haben die Reichen Jahrzehntelang ihre ärmeren angeblichen Mit – Bürger der Metropole Paris aus der Stadt vertrieben und in die Weite der hässlichen und grausamen Banlieue geschickt. Dort kocht die Wut der Vertriebenen, zurecht…, aber bislang wirkungslos.

12.

Was ist das eigentlich ein deutscher „Heimat“ – Staat für die Deutschen, wenn dieser Staat vielen tausend Menschen, Bürgern und europäischen Gästen und Flüchtlingen, keinen Wohnraum bietet und sie auf den Straßen leben und frieren lässt? Wie wagen es Politiker überhaupt noch, sich sozial und christlich zu nennen, angesichts der Unfähigkeit, wenigstens Menschen in Deutschland menschenwürdig leben und wohnen zu lassen, also die viel behauptete „Heimat“ zu bieten?

13.

Heimat ist heute ein gefährlicher, ein ideologisch aufgewärmter Begriff der Romantik, sehr gelegentlich für träumerische Reisen bei Schubert Liedern ganz hübsch. Aber dann muss doch wieder die Vernunft herrschen: Heimat ist heute ein politisch reaktionärer Begriff. Ein Begriff, der Nation meint. Das ist der Kern der Debatte..

14.

Wir sollten unsere Heimat als humanes Miteinander pflegen, in unseren Sprachen, in der miteinander geteilten Kunst, in der Gesellschaft der „vielen“ Kulturen. Möglicherweise auch in den Gemeinden der Religionsgemeinschaften und Kirchen, wenn sie sich nicht ihrerseits auch „heimatlich“ abschließen und „die anderen“ zwar nicht verbal, aber de facto ausgrenzen.

15.

Darüber sollte weiter diskutiert werden: Heimat, die nicht in Nationalismus umschlägt, gibt es heute nur im kosmo-politischen Denken und kosmopolitischen Leben.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Fortschritt in der Diskussion. Fragen nach einem philosophischen Salongespräch

24. Februar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Die Diskussion über Sinn und Unsinn des Fortschritts geht weiter… Heute, am 26.2. 2018, schreibt Elisabeth Hoffmann, Berlin, diesen Kommentar:

Die Schattenseiten des Fortschritts

Fortschritt zum guten d.h. lebenswerten, d.h. nachhaltigen und zukunftstauglichen Leben gibt es schon sehr viel in der Welt. Wir wären selig und zuversichtlich, wenn wir jeden Tag davon in den Zeitungen lesen würden, statt diejenigen Nachrichten, die eine „Normalisierung“ des Krieges und Feindbilder wieder aufleben lassen. Gegen diese Vergiftung des Geistes eines Weltbürgertums müssen wir uns innerlich und äußerlich wehren. Die Mehrheit der Menschen ist im humanen Sinne fortschrittlich, kooperativ, gutmeinend, vertrauend und immer mehr gebildet, um die Zusammenhänge zu verstehen und zu handeln. Wichtigster Fortschritt bleibt für mich die Emanzipation und sozial-politische Bildung und Demokratisierung von allen Lebensbereichen.  Ein Zitat von Bazon Brock zum Thema: „Es gibt keinen Fortschritt in der Entwicklung der Kulturen. Alle Kulturen aller Zeiten haben immer schon das volle Potenzial der menschlichen Möglichkeiten, wenn auch in je unterschiedlicher Weise, entfaltet. Das anzunehmen ist zwingend, da wir inzwischen wissen, dass die Menschen seit mindestens 35.000 Jahren in jeder Hinsicht die gleichen waren wie wir es heute sind“. Bazon Brock, Berlin, am 27.03.2017). Davon abgeleitet würde ich sagen, dass Fortschritt als solcher erst dann benannt werden dürfte, wenn die Folgen für Mensch und Natur und Zukunft, also die „Schattenseiten“, davon mit bedacht werden (wie Endlager für Atomabfälle, Plastikmüll in den Meeren, Mikroplastik, Krebs, Zusammenbruch des Immunsystems, keine Antibiotika mehr die helfen, Insektensterben, Seelensterben, Einsamkeit, Ohnmacht, Konsum als Kompensation etc). Was dann unterm Strich eine Verbesserung ist, das „nehmen“ wir aufs Konto des Fortschritts….. das wird nicht viel sein, was das Technische angeht.

…..

Ein Hinweis von Christian Modehn, verfasst am 24.2.2018:

Der religionsphilosophische Salon am Freitag, den 23. Februar 2018, hatte das Thema: „Gibt es Fortschritt in meinem Leben und in der Welt/Gesellschaft?“, an dem Gespräch beteiligten sich 18 Personen. Einige Hinweise zur Diskussion: Es ist fast obszön, heute von Fortschritt zu sprechen, auch als Fortschritt im ethischen Verhalten der Menschheit. Wenn man das permanente Grauen von Krieg und Verletzung der Menschenrechte vor Augen hat.

Selbst wenn der Fortschritt als dauernde, maßlose Steigerung und Optimierung des Technischen (immer „bessere“ Atombomben) philosophisch heftig kritisiert wird, bleibt doch die Frage: Kann eine kritische philosophische Ethik diesen „Fortschrittsrausch“ noch steuern und bremsen? Gibt es also auch „guten“ Fortschritt? Wie sollen wir den unterstützen? Vor allem: Gibt es so etwas wie „Fortschritt“ auch in unserem individuellen Leben? Wäre dann die Begriffe Reifen und Erwachsenwerden hilfreich? Warum ist es gut und fortschrittlich, auch einmal stillzustehen, nicht mehr „weiter zu gehen“, sondern zu verweilen und nicht permanent auf der ewig weiter in die Zukunft strebenden Zeitlinie weiter zu schreiten. Warum wird der Begriff Fortschritt heute so diskriminiert? Weil die großen Organisationen, Parteien, die ständig von Fortschritt sprachen, die Grundidee eines auch ethischen Fortschritts verraten haben? Dies ist keine Frage mehr, sondern im Blick auf den Kommunismus eine Tatsache.

Warum gibt es Fortschritt in den Religionen? Etwa in der Akzeptanz der historisch-kritischen Forschung bei der Interpretation von Bibel und Koran? Vor allem: Wie hoch ist der Fortschritt einzuschätzen, wenn sich immer mehr Menschen, auch religiöse, von infantilen Gottesbildern lösen? Ist der aktuelle Bezug, Rückgang,  auf die alte, auch mittelalterliche Mystik in dem Falle auch Fortschritt? Ist also der Rückgang in die Vergangenheit also nicht immer Regression? Warum ist die heute übliche rechtspopulistische und rechtsradikale Regression als Überwindung demokratischer Errungenschaften so gefährlich? Leben wir bereits in politisch regressiven Zeiten? Wer leistet da Widerstand? Diese und andere Fragen besprachen wir in unserem Salon am 23. 2. 2018 und entdeckten dabei: Selbst wenn viele TeilnehmerInnen seit Jahren den Begriff Fortschritt nicht mehr verwendet haben, so lohnt sich doch die Mühe einer grundlegenden, philosophisch fragenden Auseinandersetzung. Fortschritt geschieht in bewusster Entscheidung, ist also von der eher naturwüchsigen „Entwicklung“ zu unterscheiden. Deutlich also ist: Auf die Idee des Fortschritts als Realisierung des ethisch Besseren können wir nicht verzichten, wissen dabei aber, dass es den „totalen“, insgesamt guten Weltzustand durch „Fortschritt“ erzeugt nicht gibt. Religiös wird dieser insgesamt heilsame und rettende Zustand mit dem Bild „Reich Gottes“ beschrieben, auch Walter Benjamin spricht vom Kommen des Messias und der messianischen Zeit. Das Reich Gottes bleibt theologisch und religionsphilosophisch also eine zentrale anzustrebende Idee, aber mit dem Wissen, dass dieses Reich Gottes nie von uns „total“ geschaffen werden kann UND gleichzeitig jedoch in dem Wissen, dass wir (und jeder Mensch!) den Auftrag haben , danach dann doch tätig zu streben. Dieses stetige Streben hat mit „Sisyphus“ nichts zu tun. Weil allein schon dieses  Streben (also dieses gute, also fortschrittlich – gute Handeln) erlösende Momente in sich birgt. Darüber werden wir in unserem Salon am 23. 3. 2018 sprechen!

copyright: Christian Modehn



Kapitalismus Museum in Berlin eröffnet!

23. Februar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Das weltweit erste Museum des Kapitalismus ist am Freitag, den 23.2. 2018 in Berlin Kreuzberg, Köpenicker Str. 172 eröffnet worden. Heute am Sonntag, den 25.2. 2018, ist das Museum geöffnet von 14 bis 20 Uhr, der Eintritt ist (antikapitalistisch) frei, aber nicht „umsonst“, im Sinne von vergeblich oder sinnlos. Das Kapitalismus Museum an dem festen Standort jetzt ist eine Basis – Initiative von Menschen mit unterschiedlichen politischen Orientierung. Das Museum kommt zur richtigen Zeit aus vielfachen Gründen, ein Grund ist sicher das Gedenken an den 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. 5. 2018.  Marx wohnte ja bekanntlich nicht weit vom Kapitalismus Museum, nämlich in Berlin – Stralau; dies war im Jahr 1837, er wohnte in der heutigen Straße „Alt-Stralau, Nr 25“.

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist das Museum eine erneute Aufforderung, wieder den Text von Walter Benjamin „Kapitalismus als Religion“ zu lesen.

Siehe diesen link: http://www.museumdeskapitalismus.de/

 



Die Herzlichkeit der Vernunft. Eine Buchempfehlung

22. Februar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge im Gespräch

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag wurde als kurze und knappe Rezension in PUBLIK – FORUM veröffentlicht.

Die Autoren, auch international geschätzte Intellektuelle, lassen die LeserInnen teilnehmen an ihren privaten Gesprächen. Diese Plaudereien auf hohem Niveau beginnen etwa bei Reflexionen über Sokrates, Voltaire und Kleist, gelangen aber schnell zu einer Fülle philosophischer, juristischer und politischer Fragen. Bei allem Charme des oft assoziativen Miteinander – Denkens werden grundsätzliche Erkenntnisse vorgestellt: Keine Ideologie, keine Religion sollte in der Gesellschaft maßgeblich sein; auf die Maßstäbe der Vernunft sollten alle achten: Sie sei keineswegs kalt oder abstrakt, sondern in ihrer Klarheit auch menschenfreundlich, eben herzlich. Die Vernunft begleitet das schwierige Leben auf der Suche nach Maß und Mitte. Dauerhaften Trost, so Ferdinand von Schirach, können wir in der Literatur finden. Manche Sätze dieses kleinen, aber großen Buches wirken wie gute Spruchweisheiten: „Das Eigentliche ist das Trotzdem: Trotz Sterblichkeit und Bösartigkeit können wir lieben“.

Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen, es hat 192 Seiten und kostet 10 EURO



Zum Thema Fortschritt: Vieles muss besser werden.

14. Februar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft

Hier finden Sie einen link zur Radiosendung über den Fortschritt von Christian Modehn im Programm NDR Kultur vom 21.1.2018.  Der Beitrag mit dem Titel „Vieles muss besser werden“ enthält einige Thesen, die zur Diskussion anregen zur Frage: Welchen Sinn hat es heute noch, die Idee des Fortschritts weiterzudenken?



Die wertlosen Menschen …

24. Januar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Heute an Auschwitz denken und immer

Ein Hinweis von Christian Modehn

Es ist Zufall, dass unser religions-philosophische Salon im Januar 2018 einen Tag vor dem internationalen Auschwitz-Gedenken am 27. Januar stattfindet. Der Tag bedeutet heute: Menschen in Deutschland tun alles, dass Antisemitismus heute in Deutschland keinerlei Chancen hat!

Nicht nur deswegen liegt es nahe, einige Hinweise mitzuteilen zum Weiterdenken und Weiterforschen über den Zusammenhang von WERTEN (unser Thema am 26.1. 2018) und Auschwitz, als dem historischen Ort der viel-tausendfachen Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die von der Nazi-Ideologie als Untermenschen definiert wurden, Sintis, Kommunisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas usw. Als „wertlos“ wurden sie alle ins Abseits gedrängt, der Würde beraubt und fast immer getötet.

Auschwitz steht stellvertretend für alle anderen KZs. Die Orte der millionenfachen systematischen und bürokratischen Vernichtung der Juden und aller, die angeblich für wertlos von der Nazi Ideologie erklärt wurden. Die Ideologie der Herrenmenschen ist keineswegs überwunden. Fühlen sich nicht viele Europäer und US – Amerikaner als die „Herren der Welt“?

Schon in Dachau hatten die Nazis ihre zentralen Werte den dort Inhaftierten unübersehbar eingeschärft: „Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Opfersinn“. Das klingt noch „preußisch“ – und sogar noch relativ harmlos; gemeint war aber das totale Gefügigmachen der Menschen gegenüber der Nazi-Ideologie.

Die Nazis hatten die Umwertung der klassischen, „abendländischen“ und christlichen Werte systematisch betrieben, so intensiv, so brutal, dass sehr viele Deutsche dieser Ideologie aus Bequemlichkeit, Egoismus, politischer Dummheit und Antisemitismus folgten. Und in der Tötungsmaschinerie mittaten. Ab 1945 hatten sie natürlich nichts gewusst.

Das Auschwitzgedenken hat nur Sinn, wenn man nach heutigen Ideologien fragt, nach Ideologien und Philosophien, die wieder die Menschheit in wertvolle und wertlose Menschen unterscheiden. So deutlich nach außen hin spaltet die Menschheit kaum jemand in der gebildeten Welt Europas oder Amerikas. Man gibt sich heute etwas moderater. Aber die Tatsache der Spaltung der Menschheit in wertvolle Menschen und wertlose Menschen ist überall zu sehen und wahr – zunehmen.

Das Auschwitz – Gedenken muss sich heute als Tag des  Kampfes gegen alle Formen des Rassismus  verstehen.

Diese Spaltung der einen Menschheit in wertvolle und weniger wertvolle Menschen ist die Basis für den Faschismus und jede Form des Totalitären. Der bekannte jüdische Psychiater Boris Cyrulnik, Jahrgang 1939, geboren in Bordeaux, spricht in dem Zusammenhang von einer „perversen Moral“: „Ein Individuum kann mit seinen nahen Angehörigen gute Beziehungen haben, aber für dieses Individuum können dann Juden, Sintis, „Neger“ Untermenschen sein. Dann wird es für dieses Individuum normal, diese Untermenschen zu vernichten, so, wie man die Schmutzflecken entfernt…Pervers ist für mich jemand, der in seiner eigenen Welt ohne den anderen lebt“ (vgl. dazu das Interview mit Boris Cyrulnik und Tzvetan Todorov in „Le Monde“ vom 1. Januar 2017)

Der Auschwitz Gedenktag ist die Aufforderung zu denken und emphatisch mitzufühlen mit diesem einen zentralen Inhalt, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Jeder hat den gleichen Wert. Diese elementare Tatsache aller Humanität wird heute weltweit negiert: Im Umgang mit den von den so genannten Eliten Arm-Gemachten in Afrika, den krepierenden Flüchtlingen im Mittelmeer. Als Untermenschen werden in demokratischen Staaten auch Obdachlose behandelt, der so genannte, aber wohlhabende Sozialstaat mit vielen steuetbegünstigten Millionären und Milliardären kann für sie nicht sorgen usw. Untermenschen brauchen nicht eine gute Medizin wie die anderen, sie brauchen  keine gesunde Nahrung… Als Untermenschen betrachten viele Politiker in Lateinamerika die Indígenas, die ursprüngliche, „indianische“ Bevölkerung und töten sie, siehe Guatemala, El Salvadorheute vor allem Honduras. Wer kümmert sich eigentlich in Deutschland aktiv und informativ um die wertlos gemachten armen Menschen heute in Honduras? Alle so genannten großen Medien befassen sich mit GROKO oder mit Herrn Trump usw. Wie viele sind eigentlich wieder begrenzte Nationalisten geworden?

Philosophisch gesagt: Wir leben in einer Welt, in der der andere Mensch als anderer nicht respektiert wird. Und es gibt populistische Parteien, die sich gegen die „anderen“ wehrhaft wehren. Die Namen dieser Parteien sind bekannt. Die FPÖ in Österreich ist wohl das bekannteste Sammelbecken derer, die zur radikalen Abwehr der anderen, der Fremden, der Flüchtlinge entschlossen sind. Mit Hilfe von Herrn Kurz. Um sich schuldlos zu fühlen, gerieren sich diese Kreise als die besten Freunde der Juden. Öffentlich, das ist zum Lachen. Das sagen die FPÖ Leute nur, um von ihrer Islam-Feindschaft abzulenken. Dies ist meine Meinungsäußerung! Diese Kreise in ganz Europa finden Zuspruch, weil die Bürger wieder dem nationalen Stolz, einem „uralten Wert“, folgen. Nur Aufklärung kann gegen diese Un-Werte noch „angehen“ und es die wirkliche Beachtung der Gesetze, die den Freunden aller Unwerten Einhalt gebieten.

Der Auschwitz-Gedenktag ist wichtiger denn je. Jeder Tag des Jahres sollte  Auschwitz Gedenktag sein. Die Ignoranz und aktive Feindschaft gegenüber den „anderen“ nimmt zu. Und Philosophie wird „die Philosophie des/der anderen“ schon aus politischen Gründen zur Hauptdisziplin erklären müssen.

Dieses Thema „Respekt für die anderen Menschen“ als Basis der Demokratie wird um so dringender, als die künftige Arbeitswelt vorwiegend von Robotern bestimmt sein wird. Dies bedeutet: Viele Millionen werden in die Arbeitslosigkeit  entlassen und damit in eine lange weilende Freizeit als Langeweile geschickt. Sie werden die Masse der eigentlich überflüssigen Menschen darstellen. Sie werden, falls es gut geht, zu Objekten einer minimalen Sozialfürsorge.

Schon heute gelten die Armen in der kapitalistischen (Un-)Kultur als die „Überflüssigen“, die eigentlich den „Betrieb“ nur stören…Für die vielen Millionen aus der Arbeit Entlassenen, etwa in 30 Jahren, gilt: Diese erleben dann eine leer empfundene, erzwungene Langeweile; diese hat nicht nur psychische Auswirkungen, sondern auch erheblich politische. Die Arbeitswelt der allseits herrschenden Roboter ist sicher nur für die Unternehmer ein weiterer  Schritt in die große Freiheit…

Nebenbei: Eigentlich könnten religiöse Gemeinschaften, auch Kirchen, Orte sein, um die Langeweile der Vielen meditativ und sozial engagiert zu gestalten. Aber diese Kirchengemeinden werden dann, wenn es gilt, mit den „Überflüssigen“ zusammenzuleben, schon kaum noch existieren, wenn der gegenwärtige Trend anhält: Dass nämlich Kirchenleitungen, wie jetzt,  von selbst Gebäude und Orte der Gemeinden und Gemeinschaft abbauen. Weil diese Kirchenleitungen, widerspruchslos hingenommen, etwa die katholischen, von der Ideologie des Klerikalismus befallen sind. Oder wie die Protestanten, die selbst in Deutschland angeblich kein Geld mehr haben für das, was man einst so „nett“, aber richtig Seelsorge nannte.

Copyright: christian modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 



Philosophie im Salon: Rückblick und Ausblick

19. Januar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Termine, Themen bisheriger Salon-Gespräche

Ein inspirierender Rückblick zur „Philosophie im Salon“. Zusammengestellt vom Initiator des Religionsphilosophischen Salon Berlin: Christian Modehn.

Dass Philosophie in den „Salon“ gehört und nicht nur an die Universität, habe ich in einem kurzen Beitrag anläßlich der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie Ende September 2017  deutlich machen wollen.

Unsere Themen in den monatlichen Gesprächen im Religionsphilosophischen Salon Berlin von Dezember 2017 bis Mai 2014. Zu allen Themen wurden auch eigens weiter führende Hinweise/Impulse auf der website veröffentlicht. Diese website wurde seit 2009 bis Ende März 2018 417.000 mal angeklickt, einiges wurde sicher auch gelesen, viele der ca. 1000 Beiträge (natürlich kostenlos) „heruntergeladen“.

Die Gespräche fanden und finden, wie es sich für Philosophie gehört, in der säkularen Öffentlichkeit statt. Unser Treffpunkt ist meistens die Kunst-Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Die allermeisten TeilnehmerInnen hatten einzig über das Internet zu unserem Salon gefunden. Einige kommen fast regelmäßig, manche manchmal, manche nur zwei mal, je nach Lust und Laune…

2018

Am 23.3.2018 sprachen wir (mit 17 TeilnehmerInnen) über „Was gibt uns Halt im Leben?“

Am 23.2.2018 sprachen wir (mit 19 TeilnehmerInnen) über „Gibt es Fortschritt in meinem Leben“?

Am 26.1.2018 (mit 21 TeilnehmerInnen) sprachen wir mit Wolfgang Ullrich über das Thema „Wahre Meisterwerte“. So auch der Buchtitel im Wagenbach – Verlag.

2017:

Am 15. Dezember 2017 (mit 15 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Eine kleine Philosophie der Sehnsucht“.

Am 23.11.2017 (mit 19 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Vanitas, die Vergeblichkeit von allem?“

Am 25. 10. 2017 (mit 8 TeilnehmerInnen) sprachen wir – angesichts des Reformationsjubiläums – über das Thema:“An welchen Gott können wir und wollen wir heute (noch) glauben?“

Am 15. September 2017 (mit 17 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Was tun? Über den MUT, diese schwierige Tugend in düsteren politischen Zeiten!“

Am 4. August 2017 machten wir mit 10 TeilnehmerInnen wieder den Sommerausflug, diesmal nach Frohnau, u.a. mit Gesprächen mit Pfarrerin Gräb, dem Künstler Moegelin und einer Begegnung im Buddhistischen Haus…

Am 14. Juli 2017, sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich des 125. Geburtstages des Philosophen Walter Benjamin (am 15.Juli) vor allem über dessen „Geschichtsphilosophischen Thesen“.

Am 26. Mai 2017 sprachen wir mit 15 TeilnehmerInnen über das Thema „Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?“ (Anlässlich des Geburtstages von Karl Marx).

Am 21. April 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Postfaktische Untaten – Ein Salonabend über das Lügen und die Suche nach Wahrheit“.

Am 31.März 2017 sprachen wir mir 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Glauben und Wissen. Getrennt und doch verbunden“.

Am 24. Februar 2017 sprachen wir mit 14 TeilnehmerInnen über das Thema: „Bei Verstand bleiben. Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung“.

Am 29. Januar 2017 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Die Heimat des Weltbürgers. Ein Versuch, dem Wahn des Nationalismus und Dogmatismus zu widerstehen“.

2016:

Ende Dezember 2016 machten wir wieder eine kl. philosohische Weihnachtsfeier.

Am 16. Dezember 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Was ist uns heute (noch) HEILIG?“

Am 18. November 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über die aktuelle Bedeutung des Philosophen LEIBNIZ, anlässlich seines 300. Todestages.

Am 26. Oktober 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über das Thema „Der Mensch ist böse? Und von Gott geschaffen?“ (Zur so genannten „Erbsünde“)

Am 23. September 2016 sprachen wir mir 13 TeilnehmerInnen über das Buch des Philosophen Michel Serres: „Erfindet euch neu“. Mit einem Beitrag von Hans Blersch.

Am 26. August 2016 machten wir wieder unseren Sommerausflug, diesmal nach Karlshorst mit dem dortigen Pfarrer Edgar Dusdal.

Am 15.Juli 2016 sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) über die religiösen und philosophischen Hintergründe des „Goldenen Zeitalters“.

Am 24. Juni 2016 sprachen wir mit 21 TeilnehmerInnen in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ anlässlich des vorgegebenen Themas der Neuköllner Kulturtage über das Thema „Sattsein ….Übersättigtsein …..Hungern“.

Am 20. Mai 2016 sprachen wir mit 23 TeilnehmerInnen über den Philosophen Emil Cioran, mit dem Berliner Philosophen Dr. Jürgen Große.

Am 29. April 2016 sprachen wir mit 18 TeilnehmerInnen über das Thema „Alle Menschen sind Grenzgänger“.

Am 18. März 2016 gab es ein sehr großes Interesse mit 25 TeilnehmerInnen zum Thema „Für eine Philosophie der Auferstehung“.

Am 26. Februar 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema „Privateigentum und Gemeinwohl“. Mit einem Beitrag von Elisabeth Hoffmann..

Am 22. Januar 2016 sprachen wir mir 18 TeilneherInnen über das Thema: „Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?“

Zu 2015 nur diese wenigen Hinweise:

Wieder fand eine kl. eher private philos. Weihnachtsfeier statt.

Am 11. Dezember 2015 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen (in der Weinhandlung „Sinnesfreude“, Neukölln, über „Der schöne Schein, Wahrhaftigkeit und Authentizität“.

Am 27. November 2015 sprachen wir mit 26 TeilnehmerInnen mit dem remonstrantischen Theologen Prof. Johan Goud aus Den Haag über das Thema: „Theologie und Autobiographie“. 

Zu unserem Gespräch im Salon am 30. Oktober  2015 waren 20 TeilnehmerInnen gekommen. Angesichts der Diskussionen über Flüchtlinge in Europa (vor allem in Deutschland) wollten wir uns mit dem grundlegenden ethischen und damit philosophischen Thema der ANERKENNUNG des anderen/der anderen, des Fremden usw. auseinandersetzen. Grundlage dafür ist ein fundamentaler Text von Hegel („Herr und Knecht“). Mit uns diskutierte Frau Dr. Dorothee Hasskamp, Historikerin, Journalistin und Mitarbeiterin beim Jesuiten Flüchtlingsdienst Berlin. Nochmals besten Dank, dass Frau Hasskamp bei uns war. Meinen kleinen einleitenden Vortrag zu Hegel können Sie nachlesen, klicken bitte hier.

Beim Salonabend am 25. September 2015 waren 15 TeilnehmerInnen dabei. Wir diskutierten ziemlich kontrovers, also richtig, weil auf der Suche nach besserer Erkenntnis, über das allseits gelobte, aber selten kritisierte Buch von Navid Kermani „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“.

Beim Salonabend am 28.8. 2015 waren 26 TeilnehmerInnen dabei. Das große Interesse, die Vielfalt der Standpunkte, die „Betroffenheit“ der Teilnehmer zeigen, dass das Thema „Ethik ist wichtiger als Religion“ (so eine neue Publikation des Dalai Lama) von größter Bedeutung ist. Einige Thesen zum weiteren Diskutieren lesen Sie bitte hier. Die Diskussion darüber muss weiter gehen und gerade religiöse Kreise erreichen. Wir wundern uns, dass christliche und muslimische und jüdische Akademien/Gemeinden/Bildungszentren usw. diese Thesen des Dalai Lama nicht längst diskutieren! Haben sie Angst vor der Auseinandersetzung?

Am Donnerstag, den 20. August 2015, machten wir wieder einen philosophisch-theologischen Sommer-Ausflug, diesmal nach Jüterbog. 10 Teilnehmer waren dabei, durch fachkundige Führungen in den Kirchen Liebfrauen und St. Nicolai sowie im Kulturzentrum Mönchenkloster konnten wir u.a. auch über den Reformator Thomas Müntzer und den Ablasshandel sprechen sowie über die Umwidmung ehemaliger religiöser Gebäude.

Der Salon am 24. Juli 2015 (14 TeilnehmerInnen) hatte das Thema: Über die Tugend des Ungehorsams.

Der Salon am 26. Juni 2015 (13 Teilnehmer) hatte das Thema: „Glück oder Sinn?“ Worauf kommt es im Leben an?

Am 29. Mai 2015 hatten wir ein eher ungewöhnliches Thema: „Philosophie des Weines“. Von Hölderlin angeregt war das Motto: „Der Wein – eine Gabe der Götter“. 20 TeilnehmerInnen trafen sich in der großzügigen, fein gestalteten Weinhandlung „Sinnesfreude“, unter der kompetenten Leitung von Wolfgang Baumeister.

Im Religionsphilosophischen Salon im April 2015  (Thema: Die Beziehung von Esoterik und Exoterik) waren 14 Teilnehmerinnen dabei, mit einem wichtigen einleitenden Vortrag von Hartmut Caemmerer.

Im März 2015 sprachen wir über „Gott anklagen angesichts des Leidens“: Erfahrungen des islamischen Mystikers ATTAR (Autor “Das Buch vom Leiden”) in Konfrontation mit Hiob und Nietzsche.

Auch unser Salon am 27. Februar 2015 fand reges Interesse, 22 TeilnehmerInnen waren dabei. „Einige Aspekte zur Aktualität der islamischen Philosophie“ .

Beim Salon am 16. Januar 2015 waren 12 TeilnehmerInnen dabei. Das Thema war: “ICH BIN DER ANDERE”.

Am „Welttag der Philosophie“, am 20. November 2014, trafen wir uns   im Kulturzentrum „Afrika-Haus“ in der Bochumer Str. 25 in Berlin Tiergarten. Wir hatten ein inspirierendes Gespräch mit der Philosophin und Autorin Dr. Barbara Muraca, Uni Jena, über Gut leben angesichts des Endes der Wachstumsgesellschaft“.

Auch der religionsphilosophische Salon am 31.10. 2014 fand ein ungewöhnlich starkes Interesse mit 24 TeilnehmerInnen. Das Thema war: “Glücklich sterben? Zur Frage des ärztlichen Beistandes bei Suizidwünschen schwerkranker Patienten“.

Zum Religionsphilosophischen Salon am Freitag, den 26. September 2014, kamen 15 TeilnehmerInnen. Das Thema war: „Sprache der Musik-Sprache der Transzendenz?“ mit dem Musiker, Komponisten und Saxophonisten Joachim Gies (Berlin).

Bei unserem Salonabend am 29.8. 2014 waren 20 TeilnehmerInnen dabei. Zum Thema „Zen-Buddhismus- eine Religion ohne Gott“ hielt der vielfach geschätzte Buddhalehrer Michael Peterssen, Berlin, einen einleitenden Vortrag; er wurde von allen Teilnehmern als sehr erhellend, sehr inspirierend wahrgenommen.

Der Salon zum Thema Wie ist religiöses Leben ohne Gott möglich?“ anlässlich des neuen Buches von Ronald Dworkin: „Religion ohne Gott“ (Suhrkamp 2014) am 25. Juli 2014 hat sehr viel Interesse gefunden, mit 22 TeilnehmerInnen.

In unserem Salonabend am 27. Juni 2014 mit 15 TeilnehmerInnen sprachen wir über das Thema: Spielerisch leben – spielerisch glauben?“

Im Mai 2014 hatten wir das Thema im Anschluss an Meister Eckart: „Gott um Gottes willen lassen“.

Hinweise zu früheren Themen folgen…..

Christian Modehn, Initiator des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“

 

 

 

 

 



Diktatoren werden von Deutschland und Europa unterstützt

16. Januar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

„Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert“:

Über das Buch „Diktatoren als Türsteher Europas“. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist das Studium und die Verteidigung der universal geltenden Menschenrechte ein Schwerpunkt. Dieses Thema führt in die Politik, in politische Stellungnahmen und selbstverständlich zur Kritik der Politik(er), auch in Europa. Zu unserem Thema gehört die Warnung vor einem Ende der offenen, der demokratischen Gesellschaft in Europa. Die Trauer über diesen kulturellen und humanen Niedergang ist die bestimmende „Melodie“ dieser Überlegungen. Oder, wenig poetisch gesagt: Wie Europa, wie Deutschland, seine Seele verkauft. Oder: Wie „demokratische“ Politiker in Europa und Deutschland Vernunft und Menschlichkeit aus ihrem Denken streichen…

Bevor auf einige zentrale Aspekte des wichtigen Buches „Diktatoren als Türsteher Europas“ hingewiesen wird: einige Überlegungen zur Einstimmu.

1. Die rigide Abwehr von Flüchtlingen bestimmt längst alles Denken und Tun der meisten Politiker in Europa, auch in Deutschland. Die „Willkommenskultur“ war nur eine Art momentaner „Ausrutscher“ einer irritierten, sich menschenfreundlich gebenden Kanzlerin. Nur kurzfristig zeigte sie sich Flüchtlings-freundlich. Seitdem rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in fast allen Ländern Europas ihren Hass gegen Fremde und Flüchtlinge in der Öffentlichkeit einpeitschen und diffuse Ängste erzeugen sowie den etablierten Parteien Stimmen „wegnehmen“, folgen auch sehr viele demokratisch sich nennende Politiker den Parolen der Populisten und Rechtsextremen. Sie wollen ihre eigenen Parteien retten und stark machen, die politische demokratische Kultur zu retten ist hingegen vielleicht erst der zweite Gesichtspunkt…Politiker demokratischer Parteien lassen sich förmlich die Handlungsanweisungen aus den Kreisen der Populisten geben. Sie vertrauen nicht mehr auf die Kraft der Vernunft und der Argumente zugunsten umfassender Humanität. Sie halten die Bürger für so blöd, als könnten differenziertere Argumente schon gar nicht mehr verstehen. So werden demokratische Politiker selbst zu populistischen Akteuren. Sie machen ihre demokratische Arbeit der Flüchtlingsabwehr nur etwas elegant und diplomatisch – versteckt und in tausend bürokratischen Bestimmungen oft nicht so schnell durchschaubar.

2. Es ist jedenfalls evident und bedarf überhaupt keines Beweises mehr: Europa schottet sich ab, es baut rings um den Kontinent nicht nur Mauern, sondern errichtet tötende Schutzzäune und fördert die Abwehr der Flüchtlinge schon im unmittelbaren Umfeld Afrikas. Der Nachbarkontinent Afrika ist in dieser paranoiden Sicht Europas zur Ansammlung feindseliger Elemente geworden, die es wie die Pest fernzuhalten gilt. Trumps Mauerbau an der mexikanischen Grenze und seine Vertreibung der in den USA lebenden Flüchtlinge etwa aus El Salvador ist nur eine Variante europäischer Ängste und Identitäts-Sehnsüchte. Die rassistischen Ausfälle zu Beginn von 2018 dieses Politikers der USA sind nur ein Beleg, welche Mentalität sich hinter der Ausländer – und Flüchtlingspolitik oft verbirgt.

Was haben doch BRD Politiker einst über den Spruch des SED Führers Walter Ulbricht gelacht, als er 1961 noch sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer (in Berlin) zu bauen“. Jetzt sind demokratische Politiker in ihrem angstbestimmten Denken selbst die besten und größten Mauer-Bauer und Stacheldraht Spezialisten geworden. Sie folgen also ihrem großen „Vorbild“ Walter Ulbricht. Er ist einer der ihren. Nur darf man nicht vergessen: Die eingemauerte DDR ist 28 Jahre später (1989) implodiert und zusammengebrochen. Wird dies mit dem eingemauerten demokratischen Europa auch passieren? Wohin würde dann dieser Zusammenbruch des eingemauerten Europa führen? Wahrscheinlich in Richtung eines dann expliziten Faschismus der „besseren“ Menschen, der „wertvollen und weißen Rasse“?

3. Diese Überlegungen sind Teil der Überlegungen vieler Menschen, die der umfassenden und prinzipiellen Humanität verpflichtet sind sowie der sich so mühsam und abstrampelnden, von Spenden lebenden Solidaritäts-Vereine und Assoziationen, die ziemlich hilflos, weil politisch schwach, an der Seite der Flüchtlinge stehen: Sie stehen diesen flüchtenden Menschen bei, nicht weil alle Flüchtlinge automatisch Heilige sind, sondern weil sich in der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge die Humanität zeigt, die ja Europa gern in Sonntagsreden beschwört. Und die viele populistische Politiker etwa in der CSU auch gern als „abendländische“ oder gar anmaßend als „ihre“ christliche Gesinnung hoch jubeln.

4. Wer sich mit den grundlegenden Fakten vertraut machen will, und das sollten sehr viele, was heute Europa ins kulturelle und ethische Abrutschen bringt, sollte das neue Buch der Politologen und Journalisten Christian Jakob und Simone Schlindwein lesen: Nun liegt es schon in der 3. Auflage vor, offenbar haben alle Abgeordneten des Bundestages und alle Landtagsabgeordneten und alle Bürgermeister dieses Buch gekauft und werden es lesen. Bei der AFD wird es wahrscheinlich „verschlungen“…

Lassen wir diese Utopie der Vernunft: Dieses Buch ist eine sehr gründliche Studie, objektiv in der Sprache, nicht so zuspitzend wie mein Kommentar. Das Buch enthält ca. 240 Seiten TEXT und fast 40 Seiten klein gedruckte Quellenangaben. Eine Meisterleistung der Recherche, eine Ehre für diese Journalisten. Aber die Autoren sind klar und deutlich in ihrer elementaren Erkenntnis, die evident ist und die niemand ignorieren darf, der bei Verstand ist: Europas Politiker bedienen sich der übelsten Diktatoren in Afrika, dies tun die Europäer, nur um ihre eigene rigide Abwehr der Flüchtlinge aus Afrika zum Erfolg zu bringen.

5. Es sind etwa die Diktatoren in Eritrea und Sudan, sowie die Regime in Libyen und Ägypten, die zu den besten Helfern europäischer Flüchtlingspolitik ausersehen sind; diese brutalen Herrschaften werden für ihre mörderische Abwehr von afrikanischen Flüchtlingen von Europa reichlich belohnt, mit Millionen Euros, mit Waffenhilfe, die sich diplomatisch geschickt als Entwicklungshilfe tarnt. Bundesentwicklungsminister Müller etwa reiste nach 20 Jahren diplomatischer Verachtung für dieses Regime nach Asmara, Eritrea und sagte: „Wir Deutsche können Eritrea unterstützen, den Exodus der Jugend zu stoppen“ (S. 34). Als würde die Jugend aus Eritrea aus Langeweile nach Europa ausweichen, und nicht, um dem widerwärtigen diktatorischen Regime zu entkommen. Natürlich fügte Müller die Floskel an, Eritrea „möge die Menschenrechtslage verbessern“ (ebd).

Wichtig ist die Darstellung, wie Spanien durch den Beitritt zum Schengener Abkommen 1991 die spanischen Enklaven auf algerischem Boden Ceuta und Melilla zu Festungen ausbaute und die Freizügigkeit beendete. „Verbaut wurde in dem Zaun rund um Melilla und Ceura Klingendraht des Typs Concertina 22, gedacht zum Schutz von Atomkraftwerken, Munitionslagern und Flughäfen. Im Abstand von 38 Millimeter sind daran scharfe Klingen angebracht; 22 Millimeter lang, 15 Millimeter hoch“ (41). Man braucht einige Nerven, um die weitere objektive Darstellung dieser Abwehr Europas vor den Afrikanern weiter zu lesen: Viele Afrikaner haben sich in den Klingen verfangen, wer springt, verfängt sich in Drahtseilen usw. Als es 2013 im spanischen Parlament eine Debatte darüber gab, entschied der sehr katholische Ministerpräsident Rajoy: „Die Klingen bleiben“ (42).

6. Das Buch ist systematisch gegliedert: In einer Dokumentation über die Schließung der Grenzen (zu Afrika) werden so genannte „Vorbilder“ für Europas Politiker genannt, darunter sehr erhellend die unmenschliche Flüchtlingspolitik des Staates Israel (89 ff). 45.000 Flüchtlinge, meist aus Eritrea, halten sich in dem jüdischen Staat auf. Weil Abschiebungen nach Eritrea aus humaner Einsicht nicht möglich sind, entscheidet sich Israel, massiven Druck auf die Flüchtlinge auszuüben, dass sie in andere Länder ausreisen. Sie werden in Flugzeuge gesetzt und praktisch zu Staatenlosen ohne Pässe gemacht, werden also ausgeflogen und landen dann wie „Nichtse“ in Gefängnissen etwa in Ruanda oder Uganda. Es war ja die von Nazis verfolgte Jüdin Hannah Arendt, die das grausame Schicksal der staatenlosen jüdischen Flüchtlinge etwa in den USA beklagte. Nun setzt Israel diese Politik fort. Als Belohung für die Aufnahme gestrandeter staatenloser eriträischer Flüchtlinge belohnt Israel die aufnehmenden Staaten. “Nach Informationen von Militärangehörigen beider Armeen profitieren Ruanda und Uganda seither von Trainings ihre Spezialeinheiten an Drohnen und hoch auflösenden Kameras aus Israel… Der Waffenexport nach Afrika hat 2014 um 40 Prozent zugenommen“ (98). Es gibt also einen Handel angesichts der abgeschobenen Flüchtlinge. Menschen werden zur Ware. Dies ist nur ein Beispiel für die globale Tendenz, dass zu den großen Gewinnern in der „Flüchtlingskrise“ auch die westlichen Waffenhändler sind. Netanjahu, der Präsident, hat übrigens die Abschiebungen aus Israel keineswegs bestritten, als er so scheinbar gutmütig erklärte: “Diese Menschen sind arbeit suchende Migranten. Es sind gesunde junge Männer, das sind keine Flüchtlinge“ (99). Jetzt sitzen diese jungen Männer schutzlos in Gefängnissen fremder Staaten. Dabei sind die meisten Flüchtlinge in Israel keineswegs die immer angeblich bedrohlichen Muslime, sondern Christen aus Eritrea. Aber selbst diese will der jüdische Staat nicht aufnehmen oder gar „integrieren“…

7. Das 3. Kapitel in dem Buch widmet sich dem Menschenhandel als dem Milliardengeschäft, es handelt also vom Schlepperwesen. Aber indem die europäische Politik die kriminellen Schlepper ausrotten will, möchte sie vor allem auch die Flüchtlinge von Europa fernhalten. Auf den Gedanken, eine humane Form der Einreise von Bedrohten und Schutzsuchenden zu gestalten, kommen nur wenige Politiker.

8. Sehr lesenswert sind die Hinweise zu der im ganzen gesehen durchaus humanen Flüchtlingspolitik des bettelarmen Staates UGANDA (S. 116 ff). „Das kleine Land in Ostafrika hat eine der weltweit liberalsten Flüchtlingspolitiken. Rund 1,3 Millionen Menschen suchen derzeit Schutz in Uganda…Mittlerweile steht in dem kleinen Land, das selbst nur 39 Millionen Einwohner zählt, das größte Flüchtlingslager der Welt“ (116). Das Bruttonationaleinkommen in Uganda betrug 2014 tatsächlich nur 660 US Dollar, zum Vergleich: Deutschland hatte 2014 ein Bruttonationaleinkommen von 47.640 US Dollar. Das „bettelarme“ Deutschland aber ist total überfordert…

9. Besonders perfide ist die europäische Flüchtlingsabwehr in der Zusammenarbeit mit dem Wüstenstaat Niger: Dort hat die EU usw. Militär und Polizei technisch so gut ausgestattet, dass die Flüchtlingsbusse von Agadez aus auf den eher befestigten Hauptstraßen abgefangen werden. Aus Angst, dass der Weg durch die Wüste nach Libyen also versperrt ist, nutzen die Schlepper – Busse nun Nebenwege, die oft keine Wasserstellen kennen. Etliche Menschen sind in der Wüste verdurstet wegen der durch Europa forcierten Kontrolle der Hauptstraße. Merkel war im Oktober 2016 in dem ultraarmen Staat Niger und „hatte dem Land umfassende Hilfe gegen illegale Migration angekündigt“ (132). Die Autoren verwenden in dem Zusammenhang wieder ihren Begriff „Türsteher“, der an die Willkür etwa der Wächter vor den Berliner Nacht – Clubs erinnert: Dort entscheiden die Türsteher, wer nach langem Warten den Club betreten darf und wer abgewiesen wird. Die Türsteher in Afrika haben hingegen die Aufgabe, prinzipiell alle Bewerber abzuwehren und zwar mit Gewalt. „Albert Chaibou, Journalist aus Niger und Gründer einer Migranten-Notruf-Hotline“ klagt: Unser Land ist im Dienst Europas zum Friedhof verkommen“ (133).

Die weiteren Kapitel präsentieren die Härte, mit der FRONTEX durchgreift, sehr traurig zu lesen: “Das Mittelmeer: Sterben, wo andere Urlaub machen“ (207 ff).

10. Das Buch muss von jedem Leser gründlich durchgearbeitet werden. Ein Studienbuch für Gesprächskreise! Sehr gut gelungen ist das „Faszit: Europas Träume, Afrikas Träume“ (251 bis 262). Dieses Schlusskapitel könnte auch am Anfang gelesen werden, zur Einstimmung, es allein schon lohnt aufgrund der treffenden Zusammenfassung den Kauf dieses Buches. „Einem Land wie Niger, wo Menschen verhungern, Kinder chronisch unterernährt sind und nicht zur Schule gehen, einen Hightech-Zaun (gegen Flüchtlinge) zu schenken, das ist so, als ob man einem nackten frierenden Kind nur eine Mütze schenkt“ (260). Es ist eine zynische europäische Politik, die einzig das absolut egoistische und absolut nationalistische und damit kriegerische Interesse hat, keine Fremden, keine Flüchtlinge, erst recht keine Afrikaner, nach Europa zu lassen; diese oft von so genannten Christen und so genannten Christ-Sozialen oder Sozial -Demokraten gestaltete Politik bedient sich der ärmsten Staaten und deren oft korrupter Herrscher bzw. Diktatoren und überschüttet diese mit Geld, bloß damit Europa als die hübsche WohlstandsInsel und Idylle bleiben kann. Die Autoren bringen es noch einmal auf den Punkt: “Von geschützten Grenzen und der Öffnung der Märkte träumt die EU. Von geschützten Märkten und offenen Grenzen träumt Afrika. Solange dieses Interessendilemma nicht gelöst ist, wird es keine echte Partnerschaft geben“ (261). Und keinen Frieden.

Der Kampf gegen Terroristen fixiert das gesamte europäische Denken und lässt es erstarren. Die Versagen in der europäischen Terroristen-Abwehr werden kaum eingestanden, statt dessen wird der pauschale Verdacht gegen „die“ Afrikaner ungestüm verbreitet…

Das empfehlenswerte Buch: Christian Jakob und Simone Schlindwein, Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. Erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin 2018, 317 Seiten, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Hinweis zum Schluss:

Als religionsphilosophischer Salon gilt unser Interesse der Gegenwart der Religion und Kirchen im politischen Zusammenhang. In dem Buch ist von Kirchen und Religionen auch als Förderern der Menschenrechte in Afrika erstaunlich sehr wenig die Rede. Ich könnte mir wünschen, dass dieses Thema einmal bei einer weiteren Auflage erwähnt wird. Tatsache ist ja, dass die allermeisten helfenden NGOs säkularen Ursprungs sind. Haben sich religiöse Organisationen aus dem Zusammenhang verabschiedet. Sind die Bischöfe nur noch Sonntagsredner? Konkret: Was sagen und tun (die zahlenmäßig schwachen) christlichen Kreise und muslimischen Organisation etwa heute in Niger für oder gegen die neue „Türsteher-Funktion“ ihres Staates?



Schwierigkeiten mit Weihnachten … und wie sie überwunden werden.

15. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Hinweise von Christian Modehn am 18.12.2017

Meine schon früher, am 6.12.2017,  veröffentlichten Hinweise zu den theologischen und religiösen Schwierigkeiten mit Weihnachten haben einiges Interesse und einige Nachfragen gefunden.

Weihnachten wird ja auch heute von vielen, aufgrund von früherer Indoktination und volkstümlicher Frömmigkeit, gefördert durch die üblichen Weihnachtslieder, als „Kommen Gottes in die Welt“ verstanden: Also etwa so: Gott greift punktuell mal in die Welt ein und sendet seinen göttlichen Sohn in der Gestalt des Kindes in der Krippe usw. Ich nenne nur zwei Beispiele:

Im Gemeindebrief (Dezember 2017) einer katholischen Gemeinde in Berlin-Schöneberg schreibt der Pfarrer, ein Dr. theol.: „An einem Punkt in Raum und Zeit trat Gott selber als Kind in unsere Welt“. Die Frage ist: War er, Gott, vorher etwa nicht da? Eine angesehene ökumenische Zeitschrift stellt Ende 2017 die merkwürdige (ich meine: falsche) Frage: „Wie kommt Gott in die Welt?“ Und ein von mir eigentlich geschätzter Theologe gibt dann darauf eine knappe Antwort: „Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes kommt Gott in die Welt“. Wieder dieses mysteriöse Geschehen, Gott kommt mal plötzlich in die Welt…

Ich möchte hingegen vorschlagen: Wer Weihnachten verstehen will als die Geburt des Jesus von Nazareth, muss nicht vom punktuellen Eingreifen Gottes in der Geschichte sprechen und nicht von einem datierbaren Wunder (etwa so: „unter Kaiser Augustus kommt Gott auf die Erde“). Vielmehr: Jesus von Nazareth ist deswegen ein bedeutender Mensch, weil er zur Menschheit und damit zur Welt gehört, die von Gott geschaffen ist. Das heißt: In der von Gott geschaffenen Welt und Menschheit ist Gott von Anbeginn anwesend. Darin hat der Philosoph Hegel recht und mit ihm ein breiter Strom der mystischen Philosophie wie Meister Eckart: Wenn die Welt von Gott her „stammt“, dann bleibt sie auch als Welt mit Gott eng verbunden, ist eins mit ihm. Eine völlig eigenständige Welt neben Gott wäre aber eine Art zweiter Gott. Das würde die Sache noch komplizierter machen…

Nur weil die Welt und die Menschheit mit Gott immer schon verbunden sind und mit ihm eins sind, also Gott selbst in Welt und Menschheit anwesend ist, kann es die bedeutende Gestalt Jesu von Nazareth geben, dem manche so hohe Qualitäten zusprechen, dass sie ihn „wunderbar“, „Retter“ nennen, sogar metaphorisch „göttlich“ finden. Göttlich wie gesagt in Anführungszeichen, denn Jesus von Nazareth IST nicht Gott. Seine Gestalt ist für viele so berührend, dass sie seinem Lebensentwurf folgen und in diesem Nachfolgen ihre persönliche Rettung, ihr Heil, sehen. Jesus von Nazareth ist also erlösendes Vorbild. Weihnachten ist dann nichts anderes als eine festliche Erinnerung an dieses Vorbild, dem man in der Praxis entsprechen kann und sollte. Tolle Lieder alter Art, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder „Stille Nacht“ usw. erscheinen dann bestenfalls als hübsche Unterhaltung, als kurze Flucht in angeblich heile Kinderwelten, diese Flucht mag ja verständlich sein bei der Frustration über diese Welt.

Der religiöse Zauber rund um Weihnachten hat nur Sinn, wenn er an das eine und das einzige Wunder erinnert: Dies ist die Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott. Und damit ist jeder und jede schon immer von Göttlichem berührt. Jesus von Nazareth erinnert nur uns nur an diese allgemeine spirituelle „Struktur“ von Welt und Menschheit. Dass es in der Welt de facto immer noch so trostlos aussieht, geht einzig zu Lasten der Menschen, die sich egoistisch verkrampfen und nicht in der Weite des Geistes leben, die etwa in der authentischen Lehre der Menschenrechte ausgesprochen wird.

Wenn man das klassische Bild von Weihnachten noch verwenden will, das da heißt „Gott wird Mensch“, dann bedeutet das in vernünftiger Sicht konkret: Gott „will“, dass wir die Menschenrechte respektieren und von egoistischer, nationalistischer Enge befreit leben. Insofern ist Weihnachten kein Fest der frömmelnden, aber eigentlich nicht mehr nachvollziehbaren Songs, sondern ein Fest der Menschenrechte und der „göttlichen“ Würde eines jeden Menschen. Das haben die Kirchen sehr sehr selten deutlich so gesagt. Und die Konsumwelt erstickt diese Erkenntnis, so dass sie beinahe verschwunden ist.

Zusammenfassend: Die Regression, das Absinken in kindliche Vorstellungen, dominiert zu Weihnachten also. Und daran sind die Kirchen selbst schuld, weil sie kein vernünftig nachvollziehbares Verstehen von Weihnachten anbieten, sondern, sorry, auf dummen Wiederholungen von seit Jahrzehnten bekannten mythologisch wirkenden Sprüchen und Liedchen verharren. Wer Weihnachten feiert, möge bitte das Denken abschalten, könnte die kirchliche Maxime heißen.

Welch ein Jammer, welch eine theologische Schande, wenn man bedenkt, wie viel Energie etwa der einst noch weltweit geschätzte katholische Theologe Karl Rahner SJ darauf verwendete um zu zeigen: Die Schöpfung, also das, was Theologen „Natur“ nennen, ist „immer schon“ von göttlicher Gnade umfangen. „Gott“ ist also auch für Rahner immer schon „in der Welt“. So auch der Titel der berühmten Rahner Festschrift. Und da zeigen sich universale Perspektiven: Gott ist immer schon lebendig in allen Menschen aller Religionen. Jesus von Nazareth offenbart „nur“ diese allgemeine und universale Struktur von Welt und Menschen. Das ist eine andere Perspektive, als diese dummen Songs „Leise reiselt der Schnee“ oder „O Tannenbaum“ uns vorgaukeln. Mit anderen Worten: Die Kirchen sind aufgrund ihrer Abwehr von vernünftiger, allgemein verständlicher Theologie schuld, dass Weihnachten total unter Niveau gefeiert wird. Das ließe sich ändern, wenn endlich Pfarrer und Prediger auf dem Niveau der Theologie predigen würden und nicht bequemer weise alte Sprüche wiederholen.

Was aber wäre gewonnen bei einer vernünftigen, geistvollen Deutung von Weihnachten? Die Menschen bräuchten nur noch an das eine und einzige (!) Wunder ihrer Existenz zu glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und in ihnen lebt. Dies wäre die Antwort auf die radikale philosophische Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht viel mehr nichts?“

Das Ewige ist immer schon in uns und unter uns. Wir sollten der „göttlichen Bedeutung“ des Menschseins entsprechen, also die Menschenrechte realisieren. Das ist Weihnachten. Und das ist sehr politisch, man denke an die Abweisung der Flüchtlinge aus nationalistischem und egoistischem Wahn der reichen Europäer, die sich einmauern. Das ist allerdings schwieriger, als Stille Nacht zu singen.

Meditative Momente der Schönheit und Ruhe ergeben sich allerdings in der neuen Deutung von Weihnachten wie selbst. Es sind Augenblicke der Herzlichkeit, des Verstehens, des Zuhörens, des gemeinsamen Speisens in Ruhe, der Runde der Freundschaft mit Fremden und Flüchtlingen, des reifen Umgangs mit sich und anderen. Das wäre Gottesdienst. Es ist das Erlebnis von Kunst, die diesen Namen verdient und vielleicht auch das leise Summen von Liedern, die schön und ohne Banalität den Widerschein des Ewigen spürbar machen. Vielleicht ist es Schubert, Vielleicht Leonhard Cohen? Vielleicht Jazz? Jeder hat seine Musik der Stille zur Weihnacht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin