Denkbar

Unter diesem Titel bietet der Religionsphilosophische Salon regelmäßig ein Stück aus der DENKBAR. Vielleicht ein philosophisches „Wort zum Tage“…



Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der „Revolte“ in Berlin

10. Juni 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher, Termine

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 65 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 105 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner „Übersiedlung“ nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie auch gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus „einen Grand Meeting“ im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der „Präsident“, der Veranstaltung, das Motto war „Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est“, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der „Revolution prolétarienne“.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. „Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen“, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als „ein konservativer Denker“ gezeigt. Er behielt sich als „linker, aber unabhängiger“ Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklräte er: „Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus“ (zit. in „Dictionnaire Albert Camus“, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)



Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

4. Juni 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Religionskritik, Termine

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser („Rinnsteinkunst“) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft „Gedächtniskirche“ heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten „Sozial – Staates“…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: „Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den „Wohlhabenden heute“ sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten „teuren“ und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der „Stadtmission“ oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald „selig gesprochene“ (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den „Charme“ der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht  auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Junge PhilosophInnen philosophieren auf der Straße in Berlin – Reinickendorf

30. Mai 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Denkbar, Termine

Berlin hat am 21. Jui 2018 eine „Allee der Fragen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein philosophisches Ereignis in Berlin: Aber was ist ein philosophisches Ereignis? Vielleicht dies: Ein lange dauernder prägender Moment, wo Menschen mit einander in ein tieferes Gespräch kommen voller Fragen, die weiterführen und ins Weite führen.

Ein philosophisches Ereignis gibt es am 21. JUNI 2018 ab 16 Uhr in Berlin Reinickendorf: Da schlagen philosophisch interessierte und gebildete Schüler eine, wie sie sagen, „Denkachse“ durch den Alltag Berlins: Auf 200 Plakaten werden Resultate philosophischer Gespräche mit Leuten auf der Straße dargestellt: Sokrates philosophierte ja bekanntlich auch auf der AGORA von Athen. Die Schüler der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf wollen anlässlich dieser Plakate, Ergebnisse von Gesprächen,  mit den Menschen ins Philosophieren kommen: Denn jeder Mensch philosophiert „immer schon“, ob er das weiß oder nicht.

Die Schüler, die für die Philosophien ihre Leidenschaft haben, sprachen also mit Menschen in Kirchen, Seniorenzentren, Schulen, Büchereien usw. sogar in Kneipen und Supermärkten: Bravo, genau dort überall lebt Philosophie, weil Philosophie auch alltäglich ist und nicht nur eine akademische Disziplin an der Uni. Die Philosophie Lehrerin Melanie Heise hat das Projekt begleitet, sicher ein Vorbild für weitere ähnliche Unternehmungen an anderen Schulen. Hoffentlich nehmen auch viele andere Lehrerinnen anderer Schulen teil. Eigentlich ja ein Muss!

Ab 16 Uhr kann man also auf der Auguste Viktoria Allee in Reinickendorf, gut erreichbar mit der U Bahn, nicht nur die Plakate mit ihren philosophischen Fragen studieren, sondern auch mit den SchülerInnen debattieren, vielleicht bleibt mancher stundenlang nachdenkend stehen wie Sokrates einst in Athen.

Das Projekt „Allee der Fragen“ verdient alle Aufmerksamkeit. Denn Philosophie kommt wieder unter die Menschen, weil sie als ständiger kritischer Impuls zum Menschen gehört. Und es sind Schüler, die uns das zeigen! Vielleicht wird die „Allee der Fragen“ bald einmal ins Regierungsviertel verlegt, oder in die Nähe vieler großer religiöser (dogmatischer) Zentren oder in die Nähe eines gescheiterten Flughafens oder in die Nähe der großen Ausflugsgebiete, etwa am Wannsee:

Die Philosophie kommt unter die Leute. Was für eine Chance! Lassen wir uns also im Fragen verunsichern. Diese Unsicherheit ist heilsam, man muss es nur mal im Denken probieren… Wenn die Mitglieder vieler populistischer Parteien philosophisch, also selbstkritisch, sich selbst kritisch zuhören würden in ihren erbärmlichen Schimpftiraden und Hassattacken gegen seriöse PolitikerInnen, würden sie endlich vor intellektueller Scham den Mund halten und weiter nachdenken.

Also: Kritisches Reflektieren auf sich selbst ist politisch. Philosophie kann vergiftete Atmosphären und vergiftete Mentalitäten etwas heilen…Hoffentlich.

„Spiritus rector“ des Projekts ist der Schulleiter Matthias Holtmann, der sich auch überzeugt zeigt, dass es so etwas wie einen philosophischen „Urinstinkt“ gibt, den alle teilen. Die Philosophie Dozentin Melanie Heise, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts, betont: „Die Tatsache, dass alle Menschen solche Fragen in sich tragen zeigt uns, dass wir uns oft näher sind als wir wissen und uns mehr verbindet als uns trennt. Und gerade heute, in nervösen Zeiten in einer schnelllebigen Welt, die von vielen existentiellen Erschütterungen verunsichert wird, bietet es sich an, die Kraft und die Weisheit der uralten philosophischen Praxis zu nutzen.“

Die „Allee der Fragen“ ist ein Projekt des Quartiersmanagement Auguste-Viktoria-Allee und wird aus Mitteln des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen finanziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Die Wahrheit sagen: Der Schriftsteller Michael Köhlmeier legt die Ideologie der FPÖ frei: Ein Vorbild im Umgang mit der AFD

8. Mai 2018 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Beim Katholikentag in Münster (10. bis 13. Mai 2018) wird heftig über die AFD debattiert werden. Werden da auch öffentlich die tatsächlich verstörenden Erkenntnisse formuliert über die Ideologie der AFD, ihre Vernetzung mit rechtsextremen Parteien, etwa mit Österreichs FPÖ und Frankreichs Front National?

Es gibt ein Vorbild, mit welcher Kompetenz, auch das muss man in diesen rechtslastigen Zeiten schon sagen: mit welchem Mut in Wien der bekannte, international geschätzte Schriftsteller Michael Köhlmeier eine Rede gehalten hat, anläßlich des Holocaust Gedenkens am 5. Mai 2018: Köhlmeier hat präzise und schonungslos, mit großer Kraft, die Ideologie der dort mit – regierenden FPÖ freigelegt. Er geißelte die Partei, „deren Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosen“.

Wird man solche Worte auch in Münster beim Katholikentag in der Auseinandersetzung mit der AFD vernehmen?

Die Rede Köhlmeiers dauerte nur 6 Minuten. Sie sollte hier nachgelesen werden.

Die SZ hat mehrfach über diese durchaus historisch bedeutende Rede Köhlmeiers berichtet.

Über die widerwärtigen Formen des Umgangs sehr vieler Österreicher mit Verbrechern aus der Nazi -Zeit ist wieder einmal eine Studie über den „Schlächter von Wilna“ erschienen, sein Name: Franz Murer. 1955 nach Unterzeichnung des Staatsvertrages wieder freigelassen, wurde er in seiner Heimat Gaishorn begeistert begrüßt. Ebenso 1963, als er in einem erneuten Prozess freigesprochen wurde: Die Zeugen wurden von Murers Verteidiger der Lüge bezichtigt; man glaubte dem Täter, nicht denwenigen überlebenden Opfern. Wie ein Held konnte Murer den Gerichtssaal verlassen…(Johannes Sachlehner, Rosen für den Mörder. Die zwei Leben des SS Mannes Franz Murer. Molden Verlag, Wien 2017, 288 Seiten). In der Steiermark, der Heimat von Murer, wurde die FPÖ (nach der ÖVP) die zweistärkste Partei mit fast 28 % der Stimmen.

 

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.

 



Die CSU gehört nicht zu Deutschland (auch nicht zu Bayern).

19. März 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Dringende philosophische Fragen

Ein ernster ironischer Kommentar von Christian Modehn

Einige besorgte LeserInnen haben mich gefragt, ob ich denn die These meines „ernsten ironischen Kommentars“ kurz zusammenfassen kann: Die CSU mit dieser jetzt heftig verbreiteten Behauptung, „der“ Islam, „in welcher Form auch immer“ (Dobrindt CSU), gehöre nicht zu Deutschland, tritt mit dieser undifferenzierten, pauschalen und deswegen dummen Propaganda aus dem Konsens der in Deutschland gültigen Kultur: Denn dies ist die Kultur des differenzierten Denkens und abwägenden Argumentierens. Dies ist die Kultur, dass Parteien nicht um des eigenen Überlebens willen sich rechtsextremen Positionen anschließen. Politiker sollen in der in Deutschland doch schon etwas bewährten demokratischen Kultur nicht zu Propagandisten und zu Verhetzern des Volkes werden.

Also: Die CSU als Partei tritt in dem genannten Fall aus der demokratischen, von Vernunft geprägten Kultur in Deutschland heraus. Die CSU ist ganz offensichtlich ein Freund des ungarischen Populisten Orban und so (zer)stört die CSU jetzt die demokratische, von Toleranz, Differenzierungsvermögen und damit von Vernunft bestimmte Kultur in Deutschland. Über Strömungen des Fundamentalismus im Islam muss man reden, natürlich, genauso differenziert wie über zweifelsfrei vorhandene fundamentalistsiche Strömungen im römischen Katholizismus, in evangelikalen Kreisen usw…

Aktualisierung am 21.3.2018: Die pauschalen Urteile über „den“ Islam in Deutschland und Europa werden von undifferenziert denkenden Politikern, vor allem der CSU, immer wieder weiter verbreitet, wie von Alexander Dobrindt. Er wollte sein „Unterscheidungsvermögen“ über den vielfältig geprägten Islam dadurch beweisen, als er sagte: In allen Formen des Islam gehöre der Islam nicht zu Deutschland. Kennt der christliche Bayer „alle Formen des Islam“? Wohl kaum. Seine Worte und die früheren, ebenso pauschalen Äußerungen des Innenministers Seehofer können in einem Kommentar und Meinungsbeitrag nur als Volksverhetzung gelten. Und als taktische Anbiederung der CSU an AFD und Pegida und co. Diese CSU – Herren verbreiten undifferenzierten Unsinn, nur um des Wahl-Erfolges ihrer eigenen Partei willen. Wer nennt solches Verhalten demokratisch? Oder christlich? Oder sozial?

……..Der Text vom 19. März 2018:

Der neue Innen- und Heimat – Minister Horst Seehofer CSU unternimmt sofort nach Amtsübernahme alles, um die Stimmung in Deutschland heftigst anzuheizen, zu polarisieren. Seine Worte wecken den Rassismus, dies ist eine Meinungsäußerung. Wann kommen die Klagen wegen Volksverhetzung? Seehofer will eine Religion, den Islam, aus Deutschland ausgrenzen und damit vertreiben und auslöschen. Dabei aber will er freundlicherweise die Mitglieder dieser Religion, die Menschen, die Muslime, in irgendeiner Weise dann doch hier leben lassen. Geht ja auch – zunächst ? – nicht anders, sind doch viele Muslime deutsche Staatsbürger.

Also, der Vernunft und damit der Logik verpflichtete Menschen sollten den Seehofer – Spruch variieren:

Etwa: Der „Bundes-Verband der deutschen Sicherheits – und Rüstungsindustrie“ gehört nicht zu Deutschland und seiner christlichen und friedlichen Kultur!  Die Rüstungsproduzenten dürfen als Menschen in Deutschland weiter leben… falls sie umrüsten und in die ökologische Landwirtschaft oder die Krankenpflege investieren. Das wäre eine zeitgemäße Variante der Seehoferschen Weisheit.

Aber der Seehofer Spruch „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ widerspricht jeglicher Logik. Die rechtsextremen populistischen Kreise in der AFD und Pegida werden sich in ihrer Unlogik über so viel Beistand aus der angeblich demokratischen Ecke der CSU freuen. Nun haben die Gegner „des“ Islam allen Grund, heftig gegen Institutionen „des“ Islam vorzugehen. Seehofer spielt von daher mit dem Feuer, er hetzt mit seinem dummen Spruch das Volk auf. Wann wird er abgelöst und etwa nach Altötting in Pension geschickt? Aber werden seine Nachfolger und Freunde, Amigos, etwa aus Ungarn, denn anders denken? Die CSU pflegt ja bekanntlich ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis zu dem alles andere als „lupenreinen Demokraten“ Viktor Orban, dem Staatschef  von Ungarn, bekanntermaßen ebenfalls sehr „ausländerfreundlich“ und sehr „muslim -freundlich“… Wird sich etwa Herr Alexander Dobrindt CSU zum Islam als zu Deutschland gehörend bekennen? Wird Seehofer und die offizielle CSU Muslim – Politik in den Kirchen heftigsten Widerspruch finden? Bei den Katholiken sicher nicht. Denn die denken auf ihre Art – andere ausschließend – wie Seehofers CSU:

Die katholische Kirche praktiziert dieselbe irre Logik, wenn sie im offiziellen und immer noch gültigen Katechismus (Vatikan 1993) behauptet (§ 2357 folgende): Homosexualität als solche ist Sünde und ein Irrweg („in keinem Fall zu billigen“), während der/die einzelne Homosexuelle respektvoll behandelt werden soll. Und dann kommt der Hammer: Vorausgesetzt, der Homosexuelle lebt als Homosexueller enthaltsam, also verzichtet darauf, als Mensch andere Menschen erotisch/sexuell zu lieben. (§ 2359 in dem genannten Opus, in der deutschen Ausgabe auf Seite 596). Nur Platonisches erlaubt die römische Kirche den Homosexuellen, platonische Liebe, die ja bekanntlich alle zölibatären, heterosexuellen, homosexuellen oder pädophilen Priester als Platoniker vorbildlich praktizieren. Siehe dazu auch meinen Beitrag: „Der § 175 in der römisch – katholischen Kirche“. LINK

Konsequenterweise sollte, der vatikanischen „Einsicht“ folgend, Herr Seehofer also sagen: Muslime in Deutschland sollten ihre Religion nicht praktizieren, sondern am besten konvertieren, zum Christentum oder zum Judentum, denn diese beiden Religionen hält ja Seehofer für den Kern der deutschen Kultur! Von Humanismus und Aufklärung als den entscheidenden Quellen demokratischen Denkens und demokratischen Lebens in Europa, auch in Deutschland, hat der Bayer Seehofer nichts gehört. Tragisch ist es, mit welcher Selbstverständlichkeit da Christlich und Jüdisch in einer Formel zusammengebunden wird. Das würde stimmen, gäbe es nicht die Geschichte christlich motivierter Judenverfolgung und Judenausrottung, noch vor 85 Jahren auch durch Deutsche! Wer heute jüdische Wurzeln Deutschlands anspricht, bezieht sich leider auf Vergangenes, darauf, dass Deutsche, Christen, Millionen Juden getötet haben. Darum ist das Wort „christlich – jüdisch“ als Kennzeichnung deutscher Kultur eine große Verlogenheit. Würde sich Seehofer freuen, wenn Tucholsky noch lebte oder Walter Benjamin, sie würden ihm als Humanisten heftig widersprechen.

Ich behaupte also: Die CSU als Partei passt weder nach Bayern noch nach Deutschland. Ihre Ideologie zeigt gewisse Verkalkungen. Denn diese Partei ist auch so verfilzt in Amigo – und Korruptionsaffären, dass sie einfach nicht dem christlich – jüdischen Niveau in Deutschland entspricht. Die einzelnen CSU Herrschaften mögen als einzelne Menschen respektabel sein, aber es wäre besser, wenn sie aus diesem verfilzten Club, CSU genannt, austreten würden und sich etwa der SPD oder wenigstens der CDU anschließen. So sollen es ja auch die Muslime am besten machen: Raus aus „dem“ Islam, und rein in die christlichen Kirchen.

Dieses ausgrenzende,  durchaus rassistische Denken kommt übrigens von weit her; in Spanien etwa war es seit dem 16. Jahrhundert bis in Francos Zeiten gültig. Staatschef Franco wollte keine protestantischen Kirchen -Institutionen in seinem total katholischen Spanien haben. Einzelne zurückhaltende Protestanten wurden als Menschen freundlicherweise ertragen. Das heißt: Seehofer sollte mit seinem Vorstoß „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ eine Ehrenmedaille der alten Franco – Garde in Spanien erhalten, die da analog sagte: „Protestanten, Juden und Muslime gehören nicht zu Spanien“.

Zusammenfassend: Die CSU betreibt offensichtlich eine widersinnige ANTI- Muslim Propaganda: Um der AFD zu entsprechen und um mit dieser Position die Sache der eigenen Partei zu retten. Für den Sieg der eigenen, der christlichen Partei, opfert man gern die vernünftige Debatte in Deutschland. Und nähert sich rechtsextremen Positionen…

Als Lesetipp empfehle ich die Bücher von Wilhelm Schlötterer, dem kritischen Forscher zur CSU: Die Wochenzeitung „Die ZEIT“ schreibt: (Quelle: http://www.zeit.de/angebote/buchtipp/schloetterer/index)

„In der CSU gehören politische Intrigen, Machtmissbrauch und Korruption zur Tagesordnung, weiß Wilhelm Schlötterer und legt neue Fakten und Beweise für seine Vorwürfe vor. Aber nicht nur die kriminellen Machenschaften von Strauß, sondern auch der despotische Regierungsstil von Edmund Stoiber wie das überhebliche Verhalten von Horst Seehofer den entsprechenden Konsequenzen für das Land und den Bund werden in „Wahn und Willkür“ von Wilhelm Schlötterer analysiert“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Fünf Jahre Papst Franziskus – progressiv, aber zwiespältig

28. Februar 2018 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denkbar, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Franziskus ist ein Papst, der bei aller Zustimmung, auch einen zwiespältigen Eindruck bietet. Und das liegt auch an ihm selbst, an seiner progressiven sozialen Theorie und Praxis einerseits und seiner konservativen Theologie auf der anderen Seite.

1. So genannte progressive theologische katholische Kreise, die vor kurzem noch das Papsttum beinahe bekämpften (etwa in den Gestalten des polnischen Johannes Paul II. und des deutschen Benedikt XVI.) sind nun förmlich enthusiastische Papst – Fans geworden und fast schon wieder ultra-montan, wenn man an die Kritik an Bischöfen „zu Haus“ und das Lob für diesen Papst denkt. Und die Konservativen und Reaktionären, die früher Papsttreue und Papstliebe zur obersten Glaubenssache machten, sind nun entschieden gegen diesen Papst. Durch die Anwesenheit eines pensionierten Papstes im Vatikan (Benedikt) wird die Sache noch komplizierter. Der Pensionierte hat seine eigene Fan-Gemeinde. Und die Konservativen machen Franziskus das Leben schwer, wollen ihn wohl am liebsten kaltstellen. Dies ist eine Tatsache, und muss hier nicht seitenlang belegt werden. Es sind diese ewigen Sticheleien der reaktionären Besserwisser, von denen der Benedikt XVI.- Fan, Kardinal Müller, nur der harmlosere unter denen ist, die Papst Franziskus zusetzen.

2. Ist Franziskus wirklich rundum eine Gestalt des progressiven Durchbruchs? Stimmt das so pauschal? Man kann zur Entschuldigung für seine reformerische Halbherzigkeit daran erinnern: Er habe eben auch Angst vor der Allmacht der vatikanischen und sonstigen Reaktionären. So ist Franziskus gezwungen, zu jonglieren, ein bisschen gibt er mal recht den Konservativen, ein bisschen gibt er mal Grund den Progressiven, etwas zu frohlocken. Kurz, Franziskus will den äußerst pluralistischen „Laden“ irgendwie beisammen halten, will keine zahlenmäßigen Rückgänge im Weltkatholizismus hinnehmen. Tatsache aber ist, die Hierarchie als Hierarchie wird von ihm nicht angekratzt. Der Klerus hat immer noch total das Sagen. Am Klerus allein orientiert sich etwa die „Gemeindereform“, etwa jetzt hier in Deutschland: Da wird wegen der wenigen Priester eine permanente Zusammenlegung von Gemeinden praktiziert. Proteste der Laien, wenn noch vorhanden, sind wirkungslos. Der Klerus herrscht solange, bis er hierzulande ausgestorben ist.

3.  Hätte der Papst als Papst die Möglichkeit, das Zölibatsgesetz für Priester abzuschaffen? Ja, das Zölibatsgesetz ist eine kirchliche Verfügung, kein unfehlbares Dogma. Nur an einem (angeblich unbedingt zu glaubenden) Dogma darf auch kein Papst rühren. Das Zölibatsgesetz könnte Franziskus jedenfalls abschaffen. Er tut es nicht, hat er Angst? Wahrscheinlich. Also wird die Zölibatskirche weiter betrieben und letztlich in manchen Gegenden wid die Kirche gegen die Wand gefahren. In Lateinamerika haben viele Millionen Katholiken die katholische Kirche verlassen, weil schlicht und einfach keine zölibatären Priester für die Gemeinden zur Verfügung stehen. Es gibt keine „Seelsorge“, keine Eucharistiefeiern etc… Die Basisgemeinden einst wollten Frauen und Männer zu Priestern berufen und selbstverständlich ordinieren. Das hat Rom, vor allem der polnische Papst, ein Liebhaber des Klerus, verboten. So muss die Kirche in Lateinamerika sehen, wie die Evangelikalen und die Pfingstgemeinden immer stärker werden, manchmal sind schon mehr als die Hälfte der Bewohner nicht mehr katholisch, wie etwa in Guatemala. Dort sind nur noch 45 % der einst insgesamt katholisch getauften Guatemalteken katholisch. Es sind nicht nur übermütige Kirchenkritiker, die sagen: Dieser Niedergang schadet der katholischen Kirche gar nichts. Sie wird, wenn sie klerikal so weitermacht, sogar noch schwächer. Mit anderen Worten: Die Klerus – Fixierung, die auch Papst Franziskus prägt, kann sich als das Ende des Katholizismus in manchen Regionen zeigen. In Frankreich ist das sehr sichtbar. Dort stirbt die Kirche, weil der Klerus stirbt. Darüber haben angesehene Religionssoziologenin Paris  dicke Bücher geschrieben, die natürlich nicht zu einer Korrektur der kirchlichen Praxis führten.

4. Zwiespältig ist Papst Franziskus auch in der Ernennung von Bischöfen, die ja bekanntlich seine, nämlich seine päpstliche Sache letztendlich ist. Es wäre viel zu berichten, etwa über Frankreich, wo ein erklärter Konservativer (Michel Aupetit) vor kurzem Erzbischof von Paris wurde. Oder, von Strasbourg, wo der neue Erzbischof Luc Ravel, einst sogar in Militärkreisen höchst unbeliebter Militärbischof, bekannt für konservative Aussagen, behauptet: „Die Muslime werden eines Tages die Christen in Frankreich verdrängen“… Warum musste Franziskus ausgerechnet einen Opus-Dei – Mann zu seinem Pressesprecher machen? Sind das Gesten, um diese mächtige Organisation irgendwie bei Laune zu halten? Wahrscheinlich. Fehlt noch, dass er einen „Legionär Christi“ in die Studiengruppe zur Verhinderung des sexuellen Missbrauchs durch Priester und Ordensobere beruft…

5. Wer die private, sozusagen die innere Theologie von Papst Franziskus kennen lernen will, studiere bitte die Ansprachen, die er werktäglich in der Kapelle seiner Wohnung, dem Marta-Haus, hält. Es wäre ein eigenes Forschungsprojekt, in diesen Predigten die ständigen Bezüge auf den furchtbaren Teufel herauszuarbeiten. Dass der Papst auch Maria als „Knotenlöserin“ (so ein Andachts – Bild in Augsburg, das er dann in Argentinien populär machte, als Erzbischof von Buenos Aires) verehrt, ist seine persönliche Sache. Nur ist ein übertriebener Marien – Kult, auch in Richtung Knotenlösung, etwa für die Ökumene mit Protestanten nicht sehr hilfreich, vermute ich. Dass Franziskus immer noch auch im Luther – Gedenken 2017, fest an die Ablässe glaubt, ist niemandem entgangen. Genauso, dass er den ultra populären und viel Geld einspielenden Kult um Pater Pio unterstützt, den viele kritische Theologen und einige Leute im Vatikan für einen Scharlatan hielten mit seinen angeblichen Wundmalen, ist doch sehr erstaunlich. Dass er die argentinische „Theologie des Volkes“ hochschätzt und nicht die eher linke und theologisch schärfere Befreiungstheologie, ist ebenfalls bekannt. Wieweit er die umfassend kritischen Studien zur Zusammenarbeit von argentinischer Militärditatur und Kirche (auch Bischöfen !) unterstützt, müsste noch herausgefunden werden…

6. Papst Franziskus hat vieles Wegweisende getan und auch (vor)gelebt in seinem Lebensstil. Der Umzug aus dem Barockpalast in ein Appartement eines Gästehauses, ist wohl das deutlichste Symbol, dass er anderes und Richtiges will und dies auch tut. Er will den kirchlichen Ortswechsel. Die Bischöfe in den reichen Ländern, auch in Deutschland sind ihm darin nicht gefolgt, anstelle von Mercedes fahren sie jetzt vielleicht Audi oder so. Aber ihre riesigen Papp – Mützen, Mitren genannt, tragen sie permanent weiter als Zeichen ihrer besonderen „Berufung“. Solche Mützen liebt Franziskus nicht sehr. Dabei handelt es sich gewiss um Äußerlichkeiten, aber nicht um Kleinigkeiten. Einige Wirkungen hat Franziskus durch sein praktisches Engagement erzielt, für Flüchtlinge, Obdachlose usw. Etwa auch durch den Besuch im November 2015 in der von der Weltöffentlichkeit völlig vergessenen Zentralafrikanischen Republik. Ausgerechnet in der Elends –Hauptstadt Bangui eröffnete er die erste heilige Pforte im „weltweiten Jahr der Barmherzigkeit“…. und eben nicht im heiligen barocken Rom. Es ist die Liebe zur Peripherie und damit zu den Armen und Vergessenen, die sich in dieser Praxis ausdrückt.

7. Wenn man auf Franziskus leider einmal post mortem zurückblickt, werden viele, auch kritische Beobachter wohl sagen: Was war der doch für ein toller Papst, welche Ausnahme – Erscheinung, welch ein Vorbild in der Nähe zu den Armen. Oder werden einige auch sagen: Mit Papst Franziskus ist die grausige Vorherrschaft des Klerus in der römischen Kirche allmählich in die Endphase geführt worden: Das „allgemeine Priestertum“ aller Gläubigen ist nun in dieser Kirche nicht mehr bloß eine harmlose Behauptung, sondern praktische Realität, auch und vor allem für Frauen. Diese Erwartung habe ich nicht.

Vielleicht war Franziskus ein erfreuliches Intermezzo, so wie Johannes XXXIII. ein kurzes erfreuliches Intermezzo war… in einer aber grundlegend wandlungsunfähigen Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Schöne unbekannte Klänge: Chinesische Musik in Berlin

27. Februar 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Interkultureller Dialog

Ein Konzert zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 mit Muhai Tang in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie viele interessierte, gebildete Europäer kennen und schätzen die chinesische Musik, die klassische Gestalt dieser Musik? Also nicht die aktuellen Songs, Schlager (?), die man in chinesischen Restaurants in Deutschland als Geräuschkulisse nebenbei hört? China wird auch ökonomisch immer wichtiger. Aber wer kennt die Kulturen Chinas? Die Kenntnis der Philosophien soll jetzt auch an der FU Berlin vertieft werden mit einem „deutsch – chinesischen Alumni – Netzwerk“.

Aber bleiben wir bei der Musik: Wer etwa das durchaus kompetente und gut gestaltete großformatige „Das Reclam Buch der Musik“ , 514 Seiten stark, Ausgabe von 2001, aufschlägt, wird mit 50 (fünfzig) Zeilen über „Musik in China“ abgefertigt, S. 478 f. Der viel besprochene „Eurozentrismus“ ist hier einmal mehr sichtbar.

Umso mehr verdient es viel Anerkennung und Beachtung, dass anlässlich des Chinesischen Neujahrsfestes das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“ in mehreren Städten Deutschland chinesische Musik präsentierte unter Leitung des hierzulande bekannten Dirigenten Muhai Tang. Das Programm in der Berliner Philharmonie am 19.2. 2018 hat zweifellos viele Besucher begeistert. Leider blieben etliche Sitzplätze leer, Ausdruck des eurozentrischen Vorurteils?

Die musikalische Leistung fand ich hervorragend, mich überraschte, wie schnell es Wechsel und Sprünge gab von einer eher meditativ sanften Phase in eine beinahe bombastisch erscheinende, durchaus dröhnende Lautstärke. Ist das chinesische Dialektik, musikalisch ausgedrückt? Mit Fragen verließ ich das Konzert, und das ist auch gut so für weiteres Forschen.

Vom Moderator hätte ich mir mehr musikwissenschaftliche Erklärungen gewünscht. Denn viele Besucher werden die alten Instrumente wohl nicht nur zum ersten Mal gesehen, sondern als sichtbar vor Augen auch gehört haben. Was für ein Erlebnis, allein die Solisten an diesen Instrumenten zu erleben. Ich fragte mich, welche Rolle denn der – im Konzert eingesetzte – (europäische ) Flügel in der (klassischen) chinesischen Musik spielt? Die Jesuiten am Pekinger Kaiserhof im 17. Jahrhundert haben dieses Instrument noch nicht mitbringen können. Aber sie machten dort eine Melange aus chinesischer und europäischer Musik, die leider (hier) kaum aufgeführt wird…

Der glanzvolle Dirigent war der auch in Deutschland, vor allem in Berlin, schon bekannte Dirigent Muhai Tang. Geboren in Shanghai, begann er seine internationale Karriere mit Herbert von Karajan 1983 in Berlin, seitdem ist er in vielen Ländern hoch geschätzt. Muhai Tang dirigierte das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“. Er betonte in einem Interview zu diesem aktuellen Anlass: „Tatsächlich habe ich durch mein Studium in Europa auch eine neue Perspektive auf meine eigene Kulturgeschichte entwickelt. Als chinesische Künstler sollten wir ein neues Selbstverständnis entwickeln, wenn wir uns mit Europäern über Kunst und Kultur austauschen, wir sollten Wissenslücken gegenseitig stopfen, das Verständnis untereinander pflegen und voneinander lernen. Es gibt noch nicht viele westliche Musiker, die sich in der chinesischen Musik auskennen – aber wir selbst dürfen auch nicht das Gefühl haben, der Westen sei uns überlegen. Die letzten Jahrzehnte haben da schon einen Riesenfortschritt gebracht. Die vor uns liegenden Konzerte der aktuellen Tournee zum chinesischen Neujahr sind da ganz wichtig, der Welt auch ein neues kulturelles Selbstverständnis Chinas darzustellen“.

Die Musik zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 wurde von den „China Tours“, Deutschlands wichtigem Spezialisten für China-Reisen, und der Wu Promotion, Chinas führender Konzertagentur, präsentiert.

Im kommenden Jahr, so mein Wunsch, sollte vielleicht schon im Umfeld der Aufführungen über die Vielfalt klassischer chinesischer Musik informiert werden.

Dabei kann man sich schon heute auf einige wesentliche Worte von Konfuzius über die Musik einstimmen, Worte des chinesischen Philosophen, die in China und in der ganzen Welt Beachtung finden sollen: „Die Musik ist es, woran die Heiligen sich freuen, und man kann damit die Gesinnung der Menschen bessern! Sie beeinflusst die Menschen tief, sie ändert die Bräuche und wandelt die Gewohnheiten. Darum bewirkten die früheren Könige durch sie ihre Erziehung“.

Das Zitat ist dem Buch „Weisheit und Ritual. Die Geschichte des Konfuzianismus“ von Daniel K. Gardner entnommen, erschienen im Reclam Verlag 2016, als Übersetzung aus dem Englischen. Das Zitat steht auf Seite 41f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Gibt es Fortschritt? Ein Salongespräch am 23.2.2018.

22. Februar 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Dringende philosophische Fragen

Gibt es Fortschritt in meinem Leben?

Hinweis von Christian Modehn zum Salongespräch am 23.2.2018

Einige Hinweise zur Diskussion: Es ist fast obszön, gerade heute von Fortschritt zu sprechen, auch als Fortschritt im ethischen Verhalten der Menschheit. Wenn man das permanente Grauen von Krieg und Verletzung der Menschenrechte vor Augen hat.

Selbst wenn der Fortschritt als dauernde, maßlose Steigerung und Optimierung des Technischen (immer “bessere” Atombomben) philosophisch zurecht heftig kritisiert wird, bleibt doch die Frage: Kann eine kritische philosophische Ethik diesen “Fortschrittsrausch” noch steuern und bremsen? Gibt es also auch “guten” Fortschritt? Wie sollen wir den unterstützen?

Vor allem: Gibt es so etwas wie “Fortschritt” auch in unserem individuellen Leben? Wären dann die Begriffe Reifen und Erwachsenwerden hilfreich? Warum ist es gut und fortschrittlich, auch einmal stillzustehen, nicht mehr „weiter zu gehen“, sondern zu verweilen und nicht permanent auf der ewig weiter in die Zukunft strebenden Zeitlinie weiter zu schreiten. Warum wird der Begriff Fortschritt heute so diskriminiert? Weil die großen Organisationen, Parteien, die ständig von Fortschritt sprachen, die Grundidee eines auch ethischen Fortschritts verraten haben? Dies ist keine Frage mehr, sondern etwa im Blick auf den Kommunismus eine Tatsache.

Warum gibt es Fortschritt in den Religionen? Etwa in der Akzeptanz der historisch-kritischen Forschung bei der Interpretation von Bibel und Koran? Vor allem: Wie hoch ist der Fortschritt einzuschätzen, wenn sich immer mehr Menschen, auch religiöse, von infantilen Gottesbildern lösen? Ist der aktuelle Bezug, Rückgang,  auf die alte, auch mittelalterliche Mystik in dem Falle auch Fortschritt? Ist also der Rückgang in die Vergangenheit also nicht immer Regression? Warum ist die heute übliche rechtspopulistische und rechtsradikale Regression als Überwindung demokratischer Errungenschaften so gefährlich? Leben wir bereits in politisch regressiven Zeiten? Wer leistet da Widerstand? Selbst wenn viele TeilnehmerInnen seit Jahren den Begriff Fortschritt nicht mehr verwendet haben, so lohnt sich doch die Mühe einer grundlegenden, philosophisch fragenden Auseinandersetzung. Fortschritt geschieht in bewusster Entscheidung, ist also von der eher naturwüchsigen “Entwicklung” zu unterscheiden. Deutlich also ist: Auf die Idee des Fortschritts als Realisierung des ethisch Besseren können wir nicht verzichten, wissen dabei aber, dass es den “totalen”, insgesamt guten Weltzustand durch “Fortschritt” erzeugt nicht gibt. Religiös wird dieser insgesamt heilsame und rettende Zustand mit dem Bild „Reich Gottes“ beschrieben, auch Walter Benjamin spricht vom Kommen des Messias und der messianischen Zeit. Das Reich Gottes bleibt theologisch und religionsphilosophisch also eine zentrale anzustrebende Idee, aber mit dem Wissen, dass dieses Reich Gottes nie von uns „total“ geschaffen werden kann UND gleichzeitig jedoch in dem Wissen, dass wir (und jeder Mensch!) den Auftrag haben , danach dann doch tätig zu streben. Dieses stetige Streben hat mit “Sisyphus” nichts zu tun. Weil allein schon dieses  Streben (also dieses gute, also fortschrittlich – gute Handeln) erlösende, befreiende, Sinn stiftende Momente in sich birgt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Mit Schopenhauer glücklich leben?

12. Februar 2018 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Hinweise auf das Buch „Die Kunst, glücklich zu sein“ von Arthur Schopenhauer

Von Christian Modehn

Ausgerechnet auch noch dieses: „Schopenhauer und das Glück“. Der alte Pessimist: Hatte der denn überhaupt ein gewisses Verständnis fürs glückliche Leben? Offenbar ein bißchen! Nur sind leider seine Hinweise dazu erst post mortem gefunden und dann nach mühevoller Recherche zusammengestellt worden. „Ein echtes Kleinod“ nennt der Philosoph Franco Volpi den nun vorliegenden Schopenhauerschen Glückstext, „ein Kleinod, das bisher im Nachlass verborgen und unbeachtet geblieben ist“.

Der italienische Philosoph Volpi hatte zuerst die Ergebnisse der mühevollen Suche nach Quellen und Notizen in Italien publiziert, sie liegen auch auf Deutsch (C. H. Beck Verlag) vor – in einer bemerkenswerten Auflagenhöhe. Die Leute suchen offenbar immer wieder theoretische Glückserkenntnis – ausgerechnet bei Schopenhauer. Warum bloß?

Der Text selbst ist auch in der Beck-Broschüre als wissenschaftlicher Quellentext publiziert mit entsprechenden Fußnoten etc. Deutlich wird zudem, wie sehr der gut Spanisch lesende Schopenhauer auf das ziemlich berühmt (– berüchtigte) Buch des natürlich umstrittenen Jesuiten Baltasar Gracian „Oraculo manual“ zugriff und sich von diesem Meister der kurzen, sehr pragmatischen und manchmal egozentrischen Lebensregeln beeinflussen ließ. Ausgerechnet einen Jesuiten nennt Schopenhauer seinen „Lieblingsschriftsteller“, so in dem Text S. 4. Es sind wie bei dem Spanier 50 „Lebensregeln“ unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität sowie Quantität und unterschiedlicher Verständlichkeit versammelt. Aber diese intime Bindung Schopenhauers an einen Jesuiten ist der einzige Verweis auf „Christliches“ bzw. „Katholisches“. Er spricht in dem Text stets von „Schicksal“, offenbar eher antik-griechisch gemeint und nicht in Bezug zu einem Gott oder dem Gott der Bibel. Darin gibt es ja bekanntlich, in den Weisheitsbüchern des AT oder in der Bergpredigt Jesu etwa, auch radikale inspirierende Beiträge zur Glücksphilosophie. Aber das war dem Herrn Schopenhauer wohl alles zu fern und fremd und beschwerlich.

Eudämonologie nennt Schopenhauer seinen knappen Text, also Glückslehre, eudaimonia ist ja bekanntlich Glück im Griechischen.

Was fällt in diesen Notizen auf? Was ist bemerkenswert?

Der Autor bietet Empfehlungen, wie ein Leben gelingen könnte, wenn es nicht nach dem schnellen, materiellen Glück strebt. Sondern sich ganz um die Vermeidung von Schmerzen kümmert. Die Vermeidung von Schmerzen ist sozusagen der Mittelpunkt dieses Denkens. Das ist sozusagen ein materialistischer Aspekt seines Denkens, der freilich nicht ausgeführt in die Richtung einer politisch-sozialen Überwindung der Schmerzen der Elenden. Davon sprach dann später Marx. Schopenhauer ist ein biederer, reicher Bürger.

Und damit zusammenhängend: Ganz zentral ist für Schopenhauer die Pflege der Gesundheit. Sie ist für ihn die alles entscheidende Basis und Voraussetzung für ein glückliches Leben.

„Wir sollen bestrebt sein, den hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, dessen Blüte die Heiterkeit ist“ (Seite 48 in der Lebensregel Nr. 13) Die radikalen Freunde der Sportstudios werden vielleicht Schopenhauer zu ihrem Patron erklären, jene Leute also die nach vollkommener Gesundheit permanent streben und dafür alles tun und alles andere aufgeben.

Gesundheit als oberstes Glück also. Von rauschhaften Erfahrungen des Sich Fallenlassens ist selbstverständlich keine Rede. Von Ekstasen in der Erotik oder möglicherweise in der Mystik ebenso wenig. Es sind trockene Empfehlungen für ein trockenes Dasein in aller akzeptierten Begrenztheit der Bescheidenheit.

Als Gewährsmänner gelten ihm nur antike Philosophen, die Stoa und geschätzte 10 mal Aristoteles, aus der „Nikomachischen Ethik“: „Nicht nach Lust, sondern nach Schmerzlosigkeit strebt der Kluge“ (zit. S. 51) „Indien“ und Buddha werden explizit nicht erwähnt, sind aber vielleicht eine Melodie im Hintergrund.

Also: Heiterkeit mit der Basis „Gesundheit“ wird vom Eudämonologen Schopenhauer empfohlen, ein „Gut“ (Wert , CM ??), das man erwerben kann (S. 48). Heiterkeit als Lebenshaltung des Glücklichen wird gebunden an „den hohen Grad vollkommener Gesundheit“, die es „zu erhalten“ gilt. Ohne Gesundheit kein Glück: Ein ziemlich maßlose und dumme Behauptung des Glücksphilosophen: Natürlich will jeder und jede immer und ewig gesund sein. Aber welcher Gesunde ist schon total (auch geistig) gesund und nicht vielmehr halb krank? Und die Kranken selbst? Kennen die nicht oft den Sinn des Lebens besser als die Gesunden? Schopenhauer fällt es nicht ein, die Erfahrung des Sinns des Lebens als das höchste Glück zu sehen, schon gar nicht die Liebe, das Liebe-   Geben und das Liebe Empfangen. Insofern ist unser so genannter Eudämologe Schopenhauer höchst oberflächlich. Seine Glückslehre ist keine Hilfe, die sie ja eigentlich sein will.

Interessant und bedenkenswert sind sicher seine Hinweise: Dass wir nicht dem oberflächlichen Erfolg nachstreben sollten, sondern eher mit Wenigem zufrieden sein sollten. Aber wer weiss das nicht schon ohnehin? Schopenhauer nennt diese Haltung die „Jagd nach dem positiven Glück“ (S. 59, 61 usw.) Zynisch der Hinweis: Wem es schlecht geht, sollte öfter die „betrachten, welche schlimmer dran als wir“ (S. 64). Man soll die Armseligen also betrachten, anschauen, vielleicht fixieren, aber nicht etwa ihnen politisch oder sozial beistehen. Auf den Gedanken kommt unser Eudämonologe nicht.

Alles in allem ist dies ein nur für Historiker und Schopenhauer Historiker interessantes Buch. Sonst ist es höchst überflüssig. Man wundert sich, dass so viele diese problematischen, z.T. falschen Einsichten kaufen und offenbar lesen. Wer heute Philosophie mit dem Thema Glück verbinden möchte, sollte Menschen befragen, Menschen, die ihr Leben hingeben in der Hilfe für andere, in den Altersheimen und Asylen, in den Bahnhofsmissionen und Obdachlosenunterkünften, in der Hilfe für die Krepierenden in Afrika und anderswo. Dort sind Auskünfte, auch philosophische, zu holen, was denn Glück in diesem kurzen elenden Leben bedeuten könnte. Lassen wir philosophisch Schopenhauer als Meister des Glücks beiseite. Es gibt bessere. Die Philosophen sollten sie nur endlich einmal suchen in der Welt der Aktivisten und Engagierten. „Philosophen verlasst auch mal eure Unis und geht in die problematische Welt, also dahin, wo das Leben lebt, möchte man sagen, nach dieser geistig frustrierenden Lektüre dieses für heute eher überflüssigen Schopenhauer Textes. Natürlich muss Schopenhauer Forschung sein. Dank ihrer erleben wir ja diese Texte. Aber Philosophie und philosophische Publikationen dürfen nicht stagnieren und nur für Historiker interessante Texte unters Volk bringen. Es gibt auch philosophisch Wichtigeres und Hilfreicheres heute! „Philosophen macht endlich was Neues, was der heutigen Welt entspricht und hilft“, möchte man nicht ganz unzornig rufen…

Arthur Schopenhauer, Die Kunst glücklich zu sein. Hg von FrancoVolpi. C.H. Beck Verlag München. 5. Aufl. 2013. 105 Seiten. 7.95€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Philosophie im Salon: Rückblick und Ausblick

19. Januar 2018 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Termine, Themen bisheriger Salon-Gespräche

Ein inspirierender Rückblick zur „Philosophie im Salon“. Zusammengestellt vom Initiator des Religionsphilosophischen Salon Berlin: Christian Modehn.

Dass Philosophie in den „Salon“ gehört und nicht nur an die Universität, habe ich in einem kurzen Beitrag anläßlich der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie Ende September 2017  deutlich machen wollen.

Unsere Themen in den monatlichen Gesprächen im Religionsphilosophischen Salon Berlin von Dezember 2017 bis Mai 2014. Zu allen Themen wurden auch eigens weiter führende Hinweise/Impulse auf der website veröffentlicht. Diese website wurde seit 2009 bis Ende März 2018 417.000 mal angeklickt, einiges wurde sicher auch gelesen, viele der ca. 1000 Beiträge (natürlich kostenlos) „heruntergeladen“.

Die Gespräche fanden und finden, wie es sich für Philosophie gehört, in der säkularen Öffentlichkeit statt. Unser Treffpunkt ist meistens die Kunst-Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Die allermeisten TeilnehmerInnen hatten einzig über das Internet zu unserem Salon gefunden. Einige kommen fast regelmäßig, manche manchmal, manche nur zwei mal, je nach Lust und Laune…

2018

Am 23.3.2018 sprachen wir (mit 17 TeilnehmerInnen) über „Was gibt uns Halt im Leben?“

Am 23.2.2018 sprachen wir (mit 19 TeilnehmerInnen) über „Gibt es Fortschritt in meinem Leben“?

Am 26.1.2018 (mit 21 TeilnehmerInnen) sprachen wir mit Wolfgang Ullrich über das Thema „Wahre Meisterwerte“. So auch der Buchtitel im Wagenbach – Verlag.

2017:

Am 15. Dezember 2017 (mit 15 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Eine kleine Philosophie der Sehnsucht“.

Am 23.11.2017 (mit 19 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Vanitas, die Vergeblichkeit von allem?“

Am 25. 10. 2017 (mit 8 TeilnehmerInnen) sprachen wir – angesichts des Reformationsjubiläums – über das Thema:“An welchen Gott können wir und wollen wir heute (noch) glauben?“

Am 15. September 2017 (mit 17 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Was tun? Über den MUT, diese schwierige Tugend in düsteren politischen Zeiten!“

Am 4. August 2017 machten wir mit 10 TeilnehmerInnen wieder den Sommerausflug, diesmal nach Frohnau, u.a. mit Gesprächen mit Pfarrerin Gräb, dem Künstler Moegelin und einer Begegnung im Buddhistischen Haus…

Am 14. Juli 2017, sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich des 125. Geburtstages des Philosophen Walter Benjamin (am 15.Juli) vor allem über dessen „Geschichtsphilosophischen Thesen“.

Am 26. Mai 2017 sprachen wir mit 15 TeilnehmerInnen über das Thema „Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?“ (Anlässlich des Geburtstages von Karl Marx).

Am 21. April 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Postfaktische Untaten – Ein Salonabend über das Lügen und die Suche nach Wahrheit“.

Am 31.März 2017 sprachen wir mir 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Glauben und Wissen. Getrennt und doch verbunden“.

Am 24. Februar 2017 sprachen wir mit 14 TeilnehmerInnen über das Thema: „Bei Verstand bleiben. Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung“.

Am 29. Januar 2017 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Die Heimat des Weltbürgers. Ein Versuch, dem Wahn des Nationalismus und Dogmatismus zu widerstehen“.

2016:

Ende Dezember 2016 machten wir wieder eine kl. philosohische Weihnachtsfeier.

Am 16. Dezember 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Was ist uns heute (noch) HEILIG?“

Am 18. November 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über die aktuelle Bedeutung des Philosophen LEIBNIZ, anlässlich seines 300. Todestages.

Am 26. Oktober 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über das Thema „Der Mensch ist böse? Und von Gott geschaffen?“ (Zur so genannten „Erbsünde“)

Am 23. September 2016 sprachen wir mir 13 TeilnehmerInnen über das Buch des Philosophen Michel Serres: „Erfindet euch neu“. Mit einem Beitrag von Hans Blersch.

Am 26. August 2016 machten wir wieder unseren Sommerausflug, diesmal nach Karlshorst mit dem dortigen Pfarrer Edgar Dusdal.

Am 15.Juli 2016 sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) über die religiösen und philosophischen Hintergründe des „Goldenen Zeitalters“.

Am 24. Juni 2016 sprachen wir mit 21 TeilnehmerInnen in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ anlässlich des vorgegebenen Themas der Neuköllner Kulturtage über das Thema „Sattsein ….Übersättigtsein …..Hungern“.

Am 20. Mai 2016 sprachen wir mit 23 TeilnehmerInnen über den Philosophen Emil Cioran, mit dem Berliner Philosophen Dr. Jürgen Große.

Am 29. April 2016 sprachen wir mit 18 TeilnehmerInnen über das Thema „Alle Menschen sind Grenzgänger“.

Am 18. März 2016 gab es ein sehr großes Interesse mit 25 TeilnehmerInnen zum Thema „Für eine Philosophie der Auferstehung“.

Am 26. Februar 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema „Privateigentum und Gemeinwohl“. Mit einem Beitrag von Elisabeth Hoffmann..

Am 22. Januar 2016 sprachen wir mir 18 TeilneherInnen über das Thema: „Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?“

Zu 2015 nur diese wenigen Hinweise:

Wieder fand eine kl. eher private philos. Weihnachtsfeier statt.

Am 11. Dezember 2015 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen (in der Weinhandlung „Sinnesfreude“, Neukölln, über „Der schöne Schein, Wahrhaftigkeit und Authentizität“.

Am 27. November 2015 sprachen wir mit 26 TeilnehmerInnen mit dem remonstrantischen Theologen Prof. Johan Goud aus Den Haag über das Thema: „Theologie und Autobiographie“. 

Zu unserem Gespräch im Salon am 30. Oktober  2015 waren 20 TeilnehmerInnen gekommen. Angesichts der Diskussionen über Flüchtlinge in Europa (vor allem in Deutschland) wollten wir uns mit dem grundlegenden ethischen und damit philosophischen Thema der ANERKENNUNG des anderen/der anderen, des Fremden usw. auseinandersetzen. Grundlage dafür ist ein fundamentaler Text von Hegel („Herr und Knecht“). Mit uns diskutierte Frau Dr. Dorothee Hasskamp, Historikerin, Journalistin und Mitarbeiterin beim Jesuiten Flüchtlingsdienst Berlin. Nochmals besten Dank, dass Frau Hasskamp bei uns war. Meinen kleinen einleitenden Vortrag zu Hegel können Sie nachlesen, klicken bitte hier.

Beim Salonabend am 25. September 2015 waren 15 TeilnehmerInnen dabei. Wir diskutierten ziemlich kontrovers, also richtig, weil auf der Suche nach besserer Erkenntnis, über das allseits gelobte, aber selten kritisierte Buch von Navid Kermani „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“.

Beim Salonabend am 28.8. 2015 waren 26 TeilnehmerInnen dabei. Das große Interesse, die Vielfalt der Standpunkte, die „Betroffenheit“ der Teilnehmer zeigen, dass das Thema „Ethik ist wichtiger als Religion“ (so eine neue Publikation des Dalai Lama) von größter Bedeutung ist. Einige Thesen zum weiteren Diskutieren lesen Sie bitte hier. Die Diskussion darüber muss weiter gehen und gerade religiöse Kreise erreichen. Wir wundern uns, dass christliche und muslimische und jüdische Akademien/Gemeinden/Bildungszentren usw. diese Thesen des Dalai Lama nicht längst diskutieren! Haben sie Angst vor der Auseinandersetzung?

Am Donnerstag, den 20. August 2015, machten wir wieder einen philosophisch-theologischen Sommer-Ausflug, diesmal nach Jüterbog. 10 Teilnehmer waren dabei, durch fachkundige Führungen in den Kirchen Liebfrauen und St. Nicolai sowie im Kulturzentrum Mönchenkloster konnten wir u.a. auch über den Reformator Thomas Müntzer und den Ablasshandel sprechen sowie über die Umwidmung ehemaliger religiöser Gebäude.

Der Salon am 24. Juli 2015 (14 TeilnehmerInnen) hatte das Thema: Über die Tugend des Ungehorsams.

Der Salon am 26. Juni 2015 (13 Teilnehmer) hatte das Thema: „Glück oder Sinn?“ Worauf kommt es im Leben an?

Am 29. Mai 2015 hatten wir ein eher ungewöhnliches Thema: „Philosophie des Weines“. Von Hölderlin angeregt war das Motto: „Der Wein – eine Gabe der Götter“. 20 TeilnehmerInnen trafen sich in der großzügigen, fein gestalteten Weinhandlung „Sinnesfreude“, unter der kompetenten Leitung von Wolfgang Baumeister.

Im Religionsphilosophischen Salon im April 2015  (Thema: Die Beziehung von Esoterik und Exoterik) waren 14 Teilnehmerinnen dabei, mit einem wichtigen einleitenden Vortrag von Hartmut Caemmerer.

Im März 2015 sprachen wir über „Gott anklagen angesichts des Leidens“: Erfahrungen des islamischen Mystikers ATTAR (Autor “Das Buch vom Leiden”) in Konfrontation mit Hiob und Nietzsche.

Auch unser Salon am 27. Februar 2015 fand reges Interesse, 22 TeilnehmerInnen waren dabei. „Einige Aspekte zur Aktualität der islamischen Philosophie“ .

Beim Salon am 16. Januar 2015 waren 12 TeilnehmerInnen dabei. Das Thema war: “ICH BIN DER ANDERE”.

Am „Welttag der Philosophie“, am 20. November 2014, trafen wir uns   im Kulturzentrum „Afrika-Haus“ in der Bochumer Str. 25 in Berlin Tiergarten. Wir hatten ein inspirierendes Gespräch mit der Philosophin und Autorin Dr. Barbara Muraca, Uni Jena, über Gut leben angesichts des Endes der Wachstumsgesellschaft“.

Auch der religionsphilosophische Salon am 31.10. 2014 fand ein ungewöhnlich starkes Interesse mit 24 TeilnehmerInnen. Das Thema war: “Glücklich sterben? Zur Frage des ärztlichen Beistandes bei Suizidwünschen schwerkranker Patienten“.

Zum Religionsphilosophischen Salon am Freitag, den 26. September 2014, kamen 15 TeilnehmerInnen. Das Thema war: „Sprache der Musik-Sprache der Transzendenz?“ mit dem Musiker, Komponisten und Saxophonisten Joachim Gies (Berlin).

Bei unserem Salonabend am 29.8. 2014 waren 20 TeilnehmerInnen dabei. Zum Thema „Zen-Buddhismus- eine Religion ohne Gott“ hielt der vielfach geschätzte Buddhalehrer Michael Peterssen, Berlin, einen einleitenden Vortrag; er wurde von allen Teilnehmern als sehr erhellend, sehr inspirierend wahrgenommen.

Der Salon zum Thema Wie ist religiöses Leben ohne Gott möglich?“ anlässlich des neuen Buches von Ronald Dworkin: „Religion ohne Gott“ (Suhrkamp 2014) am 25. Juli 2014 hat sehr viel Interesse gefunden, mit 22 TeilnehmerInnen.

In unserem Salonabend am 27. Juni 2014 mit 15 TeilnehmerInnen sprachen wir über das Thema: Spielerisch leben – spielerisch glauben?“

Im Mai 2014 hatten wir das Thema im Anschluss an Meister Eckart: „Gott um Gottes willen lassen“.

Hinweise zu früheren Themen folgen…..

Christian Modehn, Initiator des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“

 

 

 

 

 



Der phantastische Jesus: Weihnachten bei den apokryphen Autoren

24. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Termine, Theologische Bücher

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Der Text einer Radiosendung von Christian Modehn (RBB 2012)

In der frühen Kirche, bis ins 6. Jh., gab es eine leidenschaftliche und phantasievolle Begeisterung frommer Autoren, die Weihnachtsgeschichte nachzudichten. Das Manuskript dieser Radiosendung bietet dazu einige auch unterhaltsame Hinweise.

 

  1. SPR.: Berichterstatter
  2. SPR.: Zitator und Übersetzer
  3. SPRECHERIN: Zitate

21 O TÖNE

5 Musikal. Zuspielungen

 

1.musikal. Zusp., (Schaffrath, Adagio) bleibt frei 0 08“ stehen, dann leise im Hintergrund.

 

  1. O TON, Plisch, 0 13“.

Die Evangelien im Neuen Testament schweigen über Jesu Kindheit komplett. Matthäus und Lukas berichten zwar über die Geburt. Lukas hat dann noch eine Geschichte vom 12 jährigen Jesus im Tempel. Und damit hat es sich aber auch schon. Da gibt es also eine große Lücke.

 

1.musikal. Zusp., 0 04“ wieder freistehend

 

  1. O TON, Schröter, 0 18“

Man kann sehen, dass sehr bald das Bedürfnis entsteht, genau über diese Phase des Lebens Jesu, seine Geburt und seine Kindheit, mehr zu wissen. Und bereits im 2. Jahrhundert setzt das ein, was wir heute so apokryphe Überlieferung nennen, dass das eben legendarisch ausgemalt wird.

 

1.musikal. Zusp., 0 04“ wieder freistehend

 

  1. O TON, Kaiser, 0 15“

Als Kind ist er Gott, hat göttliche Kraft, Wunderkraft vor allem. Und ist aber zugleich eben dieses Kind, was damit noch nicht so ganz vernünftig umgehen kann, gerade, was eben diese Emotionalität angeht. Und dann werden Geschichten erzählt, die ganz typisch sind für Kinder.

 

  1. musikal. Zusp., leise im Hintergrund, bei „Eine Sendung von… „ausblenden, um dann in die 2. Musik schon einzublenden.

 

Titelsprecherin:

Der phantastische Jesus

Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Eine Sendung von Christian Modehn

 

 

  1. Musikal. Zuspielung, ca. 0 08“ freistehend, Gesang steht frei: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär“…freistehend, dann leise im Hintergrund.

 

  1. SPR.:

Unbekannte Erzählungen und wohltuende Geschichten, eben eine gute, neue Mär bringt der Engel den Menschen zum Weihnachtsfest. Martin Luther will mit seinem Lied andeuten: Die Evangelisten Lukas und Matthäus melden nicht objektive oder gar historisch überprüfbare Nachrichten. Darin sind sich heute inzwischen die allermeisten Bibelwissenschaftler einig, betont der Berliner Theologe Jens Schröter:

 

  1. O TON, 0 57“, Prof. Schröter

Zusammenfassend könnte man von diesen Geschichten, die wir im Neuen Testament haben, sagen, dass da gewisse Aspekte legendarischer Erzählungen aufgenommen werden und die zur Grundlage einer bestimmten Erzählung vom Leben Jesu gemacht werden. Das sind mit Sicherheit keine historischen Dokumente, also historisch kann man über die Geburt Jesu fast nichts wissen, also dass die Mutter Maria hieß und der Vater Josef, das ist historisch wahrscheinlich,

aber wo das passiert ist, das ist nicht sicher. Ansonsten: Über die näheren Umstände der Geburt und der Jugend Jesu kann man historisch praktisch nichts wissen.

 

  1. musikal. Zuspielung, Jordi Saval, bleibt ca. 0 09“ freistehen, dann leise runterlegen:

 

  1. SPR.:

Die frühe Christenheit wollte ihrer frommen Phantasie keine Grenzen setzen. Den Gläubigen erschienen die knappen Hinweise der Evangelisten Matthäus und Lukas zur Geburt Jesu viel zu dürftig, um nicht zu sagen: armselig: Wenn schon ein Gottessohn geboren wird, dann müssen alle Möglichkeiten von Poesie und Imagination zur Entfaltung kommen. Darum wurden schon im 2. Jahrhundert in allen Ländern und allen Sprachen der damaligen Welt Texte geschrieben, die dann apokryphe, geheime Evangelien genannt wurden. Sie schildern mit vielen Details auch die Geburt und Kindheit Jesu. Die theologisch gebildeten Bischöfe hielten nicht viel von diesen wundersamen Geschichten; aber sie konnten die Begeisterung des einfachen Volkes nicht bremsen: Endlich kam die Neugier auf ihre Kosten, und es war es ein Vergnügen, von Jesus und seiner Familie zu lesen. Ein Lieblingsautor war ein gewisser Jacobus aus Ägypten: Er berichtet, dass Unvorstellbares auf Erden geschieht und eine neue Zeit anbricht: Gott selbst wird auf Erden geboren! Jacobus lebte in Ägypten im 2. Jahrhundert, als er seine Erzählung schrieb. Sie wurde nach griechischem Vorbild das „Prot“ – Evangelium, also das „erste Evangelium“ nach Jacobus, genannt.

 

  1. Musikal. Zuspielung, noch mal 0 04“ freistehend.

 

  1. SPR.:

Maria, die schwangere Jungfrau und Josef, der besorgte Pflegevater, sind unterwegs nach Bethlehem zur Volkszählung. Schon vor den Toren der Stadt, berichtet Jacobus, setzen bei Maria die Wehen ein. Josef, der hoch betagte Zimmermann, ist völlig fassungslos; hilflos irrt er umher, findet aber durch Zufall eine Hebamme. Zusammen eilen sie zu Maria. Sie hat sich in eine bergende Höhle zurückgezogen. Im apokryphen Text „Protevangelium“ heißt es dann:

 

  1. SPR.:

Als Josef und die Hebamme zu Maria kamen, bedeckte eine dunkle Wolke die Höhle. Die Hebamme aber sprach: Erhoben ist meine Seele, heute, da meine Augen Wunderbares geschaut haben, heute, da für Israel das Heil geboren ist. Und in diesem Moment verzog sich die Wolke von der Höhle und es zeigte sich dort ein großes Licht, so dass es für die Augen nicht zu ertragen war. Kurz darauf verlor sich aber dieses Licht, und das Neugeborene war zu sehen. Es kam und nahm die Brust von seiner Mutter Maria.

 

1.SPR.:

Die Geburt eines Gottessohnes entzieht sich menschlichen Blicken. Undurchdringlich sind die geheimnisvollen dunklen Wolken, unter denen Gott sein Wunder wirkt: Eine Frau bringt ihr Kind zur Welt und bleibt dabei auch biologisch gesehen eine Jungfrau. Die Hebamme ist von dieser einmaligen Geburt Jesu Christi so erschüttert, dass sie wie in einer Ekstase spricht:

 

  1. SPR:

Wie groß ist der heutige Tag für mich, da ich dieses wunderbare Schauspiel gesehen habe. Eine Jungfrau hat geboren, obwohl das doch ihre Natur nicht zulässt.

  1. SPR.:

Eine zweite Hebamme, Salome mit Namen, tritt hinzu; sie hält das Ganze für frommen Wahn. Sie fühlt sich betrogen und belogen und fordert fest entschlossen:

 

  1. SPR.:

Wenn ich nicht meinen Finger hineinlege und ihre geschlechtliche Eigenart untersuche, werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat.

 

1.SPR.:

Tatsächlich prüft Salome „die geschlechtliche Eigenart“, wie Jacobus so diskret schreibt: Aber ihre Zweifel werden schon bei der ersten Berührung bestraft: Ihre frevelhafte Hand fällt von ihr ab und wird wie von einem Feuer verzehrt… Für den frommen Autor Jacobus aber ist es selbstverständlich, dass Salome sogleich ihren Unglauben bereut … und – schon wieder ein Wunder – geheilt wird.

 

  1. musikal. Zusp., 0 06“ freistehen lassen.

 

  1. SPR::

Während in der Bibel lediglich von der göttlichen Zeugung Jesu in der Jungfrau Maria berichtet wird, gehen die Autoren der apokryphen Evangelien in ihrer frommen Phantasie viel weiter, betont die katholische Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 54“

Die Hebamme, die hier im Protevangelium des Jakobus auftaucht, hat letztendlich keine andere Funktion, als noch einmal zu bestätigen, dass die Geburt tatsächlich jungfräulich abgelaufen ist. Das ist ja etwas, was in der Antike ein sehr allgemein verbreiteter Gedanke war: Große Männer und bedeutende Menschen sind also in antiken Kulturen fast immer jungfräulich geboren worden, ob es die ägyptischen Pharaonen waren, von Alexander dem Große wird ähnliches berichtet, da hat man eben angeknüpft. Mitte des 2. Jahrhunderts sind von nicht christlicher Seite doch diverse Zweifel an der göttlichen Abstammung Jesu geäußert worden. Einer der klassischen Vorwürfe lautete immer wieder, dass Jesus das Kind eines römischen Soldaten sei, also ein illegitimes Kind, diesem Vorwurf musste man entgegen treten.

 

  1. SPR.:

Wenn Jesus Christus wie ein auf Erden wandelnder Gott verehrt wird, dann muss alles Menschliche fern bleiben, alles Sexuelle sowieso. Die offizielle kirchliche Lehre hat hingegen immer auch die Menschlichkeit Jesu betont und darum die Kompromissformel „Jesus ist Gott und Mensch zugleich“ gefunden. Aber das fromme christliche Volk schätzte diese Spitzfindigkeiten nicht sonderlich und hielt sich eher an die phantastischen apokryphen Geschichten:

 

  1. O TON, Schröter, 0 28“

Die haben sich in der Antike schon großer Beliebtheit erfreut, also gerade dieses so genannte Protevangelium des Jakobus ist in sehr viele Sprachen übersetzt worden, hat große Verbreitung gehabt.

 

  1. SPR.:

berichtet der Bibelwissenschaftler Jens Schröter. Und er weist auf das apokryphe Evangelium eines gewissen Matthäus aus dem Jahre 600 hin:

 

FORTSETZUNG 6. O TON:

Und dann gab es daneben immer noch so einzelne Episoden, wie zum Beispiel die Geschichte von der Flucht nach Ägypten, etwa, dass eine Palme sich neigt und dem Jesuskind und Maria seine Früchte gibt.

 

1.SPR.:

Zuvor hatte sich Maria, von dem langen Marsch durch die Wüste völlig erschöpft, bei Josef beklagt: Er solle doch endlich für Wasser sorgen! Aber der alte Mann weiß auch keinen Rat; er sieht nur die hohen, unbezwingbaren Palmen am Rande stehen. Was können die schon helfen? Aber der kleine göttliche Jesusknabe hat eine wunderbare Idee, erzählt der Autor Matthäus:

 

2.SPR.:

Da sagte das Jesuskind, das mit fröhlicher Miene auf dem Schoß seiner Mutter saß, zu der Palme: Neige dich, Baum, und erfreue meine Mutter mit deinen Früchten. Und sogleich neigte die Palme ihre Krone bis zu den Füßen Marias. Und man sammelte von ihr die Früchte, an denen sich alle gütlich taten…Dann sagte Jesus: Öffne unter deinen Wurzeln auch eine Wasserader, aus ihr sollen Wasser fließen, um unseren Durst zu stillen. Und sogleich begannen frische, ganz süße Wasserquellen zu sprudeln.

 

  1. SPR.:

Wer das göttliche Kind bewundert, möchte natürlich auch Genaueres von seiner Familie wissen. So lassen die Autoren der apokryphen Evangelien wiederum ihrer Phantasie alle Freiheit, wenn sie von ausführlich von Maria erzählen, wie etwa das „Protevangelium des Jacobus“, betont die Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 24“

Es ist die Geschichte von Maria! Und das hängt damit zusammen, dass in der frühchristlichen Tradition sehr bald die Frage nach der Gottesmutter aufgetaucht ist. Also wer war diese Frau, die Jesus geboren hat. Aus den Evangelien, die wir im Neuen Testament überliefert haben, ist uns relativ wenig bekannt von Maria. Das Bedürfnis der Gläubigen war aber, viel mehr über diese Frau zu erfahren.

 

  1. SPR.:

Und die Neugier wird umfassend befriedigt: Jacobus kann sogar die Namen von Marias Eltern nennen, als in gewisser Weise Oma und Opa von Jesus. So wird seine phantastische Geschichte noch glaubwürdiger:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 30“.

Anna und Joachim sind die Eltern Mariens. Das ist aus katholischer Sicht im volksreligiösen Bewusstsein bis heute immer noch sehr präsent. Wenn man natürlich die neutestamentlichen Schriften anguckt, stellt man fest: Über die Eltern von Maria steht da eigentlich gar nichts. Und ganz interessant ist, wenn man anschaut, wie Joachim und Anna hier gezeichnet werden, kann man sehr starke Parallelen zu anderen bedeutenden biblischen Paaren finden. (rausgehen)

 

  1. SPR.:

Anna, die Mutter Marias, alt und ergraut und zudem unfruchtbar, hat alle Hoffnungen auf ein eigenes Kind aufgegeben, so will es der fromme Autor Jacobus: Nur Gott selbst hat die Macht, in ihr ein Kind zu zeugen, und das geschieht tatsächlich:

 

  1. SPR.:

Und siehe, da trat ein Engel des Herrn zu Anna, er sprach: Anna, Anna, Gott der Herr hat deine Bitte um ein Kind erhört. Du wirst empfangen und gebären und deine Nachkommenschaft wird auf der ganzen Welt bekannt sein.

 

  1. SPR.:

So wird also auch Maria, die Mutter Jesu, bereits „unbefleckt empfangen“ und von einer Jungfrau geboren! Und das Kind entwickelt sich schnell zu einem ganz einmaligen Mädchen, schwärmt der Autor:

 

  1. SPR.:

Als Maria sechs Monate alt war, stellte es seine Mutter auf den Boden, um zu prüfen, ob es schon stehen könne. Und es machte sieben Schritte und kam bis zum Schoß seiner Mutter. Und seine Mutter hob es auf und sprach: So wahr Gott, der Herr, lebt: Du sollst nicht mehr auf diesem Boden laufen…Sie richtete ein Heiligtum in ihrem Schlafgemach ein und ließ nicht zu, dass Maria etwas Profanes und Unreines zu sich nähme.

 

  1. SPR.:

Im Alter von 2 Jahren wird Maria der Obhut der hohen Priester im Tempel übergeben: 10 Jahre später beschließen sie, ein reifer alter Mann sollte sich um sie kümmern, freilich ohne erotisch –sexuelle Neigungen, wie es ausdrücklich heißt. So rufen die Priester alle Witwer zusammen: Ein alter Herr wird durch ein wunderbares Zeichen Gottes auserwählt: Es ist Josef, aber der hat bereits aus Kinder aus erster Ehe. Erst nach langem Zureden der Priester lässt sich der alte Mann breitschlagen: Er nimmt das junge Mädchen Maria zu sich…Und Jesus wächst dann später in seiner Familie sozusagen im Kreis von Stiefgeschwistern auf…

 

  1. musikal. Zusp., ca. 0 07“ noch mal freistehend, dann ausblenden.

 

  1. SPR.:

Von den Eltern Josefs wissent die apokryphen Geschichten nichts zu berichten! Hingegen hat der fromme Autor Thomas, Verfasser des „Kindheitsevangeliums“, Näheres zum Beruf des Pflegevaters Jesu erfunden:

 

  1. O TON, Plisch 0 31“

Er ist nicht einfach nur Handwerker, Zimmermann, sondern der ist richtig Bau – Unternehmer, d.h. er ist eben auch lange unterwegs, seine verschiedenen Bauten zu betrachten.

 

  1. SPR.:

berichtet der Bibelwissenschaftler Uwe Karsten Plisch:

 

Fortsetzung 9. O TON

Das heißt: Das ist ganz klar die Absicht: Jesus kommt aus gutem Hause. Das ist nicht ein einfacher Handwerkersohn, sondern Papa ist eben richtig Bauunternehmer, wohlhabende Familie, ja also, das richtet sich schon gegen so ein christliches Armutsideal. Für die Akzeptanz in der heidnischen Umwelt: da ist so ein Erlöser aus gutem Hause sicherlich attraktiver als jemand aus der galiläischen Provinz.

 

  1. SPR.:

Aber Jesus, das Kind einer mittelständischen Unternehmerfamilie, ist alles andere als bürgerlich – brav, auch das weiß der Autor. Jesus hat einen dermaßen impulsiv – aufbrausenden Charakter, dass er sogar die gute Stimmung in der ganz Nazareth verdirbt.

 

  1. O TON, Frau Kaiser, 0 51“.

Er läuft mit Josef durch den Ort Nazareth, und ein anderes Kind kommt vorbei gerannt und rempelt ihn an. Und Jesus wird wütend; das stört ihn, und er sagt zu dem anderen Kind: Du sollst deinen Weg nicht weitergehen. Und darauf hin fällt dieses Kind um und ist tot.

 

  1. SPR.:

berichtet die Theologin Ursula Ulrike Kaiser.

 

  1. O TON Fortsetzung.

Und da haben wir beides zusammen, wir haben diese Unausgeglichenheit vielleicht noch, die für das Kind typisch ist, denke ich; und das ganz Besondere an Jesus, dass das natürlich sofort passiert, was er sagt, weil er ja zugleich Gott ist. Und dann natürlich die Reaktionen der Leute, die entsetzt sind, die aber zugleich auch anfangen zu fragen: Was ist das eigentlich für ein Kind, was steckt da dahinter, wieso kann er das, wieso kann er das sagen und das passiert sofort? Und das zieht sich durch die Geschichten hindurch, dass das immer wieder betont wird: Da ist schon etwas sichtbar von diesem Späteren, Göttlichen, von dieser Wundermacht. Und es ist aber zugleich das Kind, das da agiert.

 

  1. SPR.:

Die Leser fanden enormen Spaß an diesem „Kindheitsevangeliums nach Thomas“: Endlich einmal zeigten sich religiöse Texte von einer unterhaltsamen Seite, und auch so manch ein Vater damals konnte sich trösten, dass schon der heilige Josef seine liebe Not mit der Kindeserziehung hatte, meint Ursula Ulrike Kaiser:

 

  1. O TON, 0 26“, Frau Kaiser,

Josef ist der, der für die Erziehung zuständig ist. Und das ist er als Vater in dieser antiken Gesellschaft, und insofern spielt er natürlicherweise eine Rolle, weil die Erziehung des Jesuskindes eine Rolle spielt. Das heißt, immer, wenn was Schlimmes passiert in dieser Erzählung, gehen die Leute zu Josef und sagen: So geht’s nicht, du musst was tun. Josef, du kannst mit diesem Kind nicht bei uns wohnen, wenn du den nicht ordentlich erziehst. Die Mutter tritt nicht ganz so stark in Erscheinung in diesen negativen Geschichten.

 

  1. SPR.:

Aber das göttliche Kind ist für den Autor des Kindheitsevangeliums nicht nur ein Frechdachs, er hat auch seine lieben und netten Seiten:

 

12.O TON, Frau Kaiser, 0 23“.

Ganz hübsch ist z. B., dass Jesus losgeht, um für Maria Wasser zu holen und dann mit einem Krug durch die Menge geht und der Krug zerbricht, weil das Gedränge zu groß ist. Und dann breitet er sein Gewand aus und holt dann mit diesem ausgebreiteten Gewand dann Wasser. Oder er hilft dem Josef in der Werkstatt, der ein Bett herstellen soll, und die beiden Balken – Bretter sind offensichtlich unterschiedlich lang und er weiß nicht, was er machen soll. Und dann kommt Jesus und zieht das genauso lang, dass es genauso lang wie das andere ist.

 

  1. SPR.:

Diese fromme Unterhaltung wurde genauso wichtig genommen wie die Evangelien des Matthäus oder Lukas. Und so musste die Kirchenleitungen anerkennen, dass allzu viel Phantasie und Erzählfreude dem dogmatisch – korrekten Glauben nicht gut tut. Deswegen haben sie die apokryphen Schriften nicht in den maßgeblichen und bindende Korpus des Neuen Testaments aufgenommen, betont Uwe Karsten Plisch:

 

  1. O TON, Plisch, 0 47“

Was man sicher sagen kann, ist, dass es nicht einfach mal eine zentralistische Entscheidung gegeben hat, die fest gelegt hat, so und so, das gehört dazu und das nicht, sondern es scheint sich über mehrere Jahrhunderte über lokale Konsense entwickelt zu haben. Und gerade bei dem Protoevangelium des Jakobus, einem Kindheitsevangelium, ist es so, dass es gerade in der Ostkirche sich sehr großen Beliebtheit erfreut hat, wurde auch im Gottesdienst gelesen, speziell bei Marienfesten. Und wird im Westen, im 12. Jahrhundert, aussortiert, also sehr spät, weil es mit bestimmten dogmatischen Entscheidungen dann zusammenstößt und nicht kompatibel ist. Kriterium der Beurteilung könnte sein könnte sein, inwieweit die theologische Reflexion im Vordergrund steht oder ob es die reine Neugier ist, die befriedigt werden will. Da wird es theologisch uninteressant und dient einfach nur zur Unterhaltung. Als solche kann man es auch behandeln, als frühchristliche Unterhaltungsliteratur.

 

  1. SPR.:

Das Interesse am dem wunderbaren, dem göttlichen, geheimnisvoll – mysteriösen Jesus ist bis heute lebendig. Leidenschaftlich wird auch in der weiten esoterischen Szene debattiert: War nun Jesus eigentlich auch verheiratet? Hatte der was „mit Frauen“? Darf ein Gottmensch erotische Lust empfinden? Gibt es darauf eine eindeutige Antwort?

 

  1. O TON, Plisch, 0 34“.

„Die ältesten christlichen Zeugnisse schweigen darüber, allerdings in beide Richtungen, also es gibt weder Aussagen, dass Jesus nicht verheiratet war noch gibt es Aussagen, dass er verheiratet war. Andererseits ist in der Zeit, in der Jesus lebt, der Normalfall, dass Rabbis verheiratet sind. Und, wo sie es nicht sind, geraten sie auch leicht unter Rechtfertigungsdruck.

Das Gebot Seid fruchtbar und mehret euch, ist das erste Gebot, was Gott überhaupt an die Menschheit erlässt und deswegen hat das einen ganz hohen Stellenwert im Judentum. Und wer dieses Gebot nicht erfüllt, macht sich unter Schriftkundigen verdächtig.

 

  1. SPR.:

Aber vielleicht haben die apokryphen Evangelisten – wieder einmal –ein besseres geheimes Wissen? Vor wenigen Monaten meinten einige Wissenschaftler eine Antwort zu haben: Ein winziges Papyrusstück wurde gefunden, in dem von einer Gattin Jesu die Rede ist. Zu den wenigen lesbaren Wörtern in diesem Fragment gehört ein Spruch Jesu:

 

  1. SPR.:

Meine Frau wird mir Jüngerin sein können.

 

  1. SPR.:

Für ein paar Stunden schien die althergebrachte Lehre vom zölibatär lebenden Jesus wie ausgelöscht zu sein: Aber ist der angeblich koptische Text aus dem 4. Jahrhundert tatsächlich ernst zu nehmen? Uwe Karsten Plisch hat das als Spezialist für uralte Papyrus – Texte das angeblich so umstürzlerische Fragment untersucht:

 

  1. O TON, Plisch, 0 34“

Nach der ersten Aufregung und nach der Präsentation des Textes ist doch relativ schnell klar geworden, dass es sich hier um eine moderne Fälschung handelt. Das kann man sowohl papyrologisch ganz gut nachweisen: Die Schrift ist keine Buchschrift des 4. Jahrhunderts! Es gibt eine obere Schnittkante, die zeigt, dass dieser Papyrus irgendwo abgeschnitten wurde, offenbar zu dem Zweck, ein unbeschriebenes Stück haben, das man beschreiben kann nachträglich. Die Rückseite ist nicht ? beschrieben, das ist für Buchtexte aus der Antike extrem ungewöhnlich. Alle Indizien machen es höchst unwahrscheinlich, dass das ganze ein wirklicher antiker Text ist

 

1.SPR.:

Das heißt ja nicht, dass irgendwann im ägyptischen Wüstensand oder in den staubigen Archiven europäischer Museen doch noch einmal echte Schriftstücke gefunden werden, die Näheres vom Liebesleben Jesu berichten. Die Apokryphen – Forschung ist keineswegs abgeschlossen. Ungeachtet immer neuer Funde: Auch heute ist die Lust ungebrochen, neue apokyrphe Evangeliengeschichten zu erfinden. Im kanadischen Montréal zum Beispiel befindet sich die riesige neoromanische Basilika, die dem heiligen Josef geweiht ist: In diesem „Oratoire Saint Joseph“ schreiben die Gläubigen ihre ganz persönliche Josefs – Geschichte, berichtet der katholische Theologe Daniel Picot, er nennt sich selbst „Josefologe“:

 

  1. O TON, Picot, 0 59“. (zusammenfassend übersetzt)
  2. SPR.:

Jetzt erleben wir seit einiger Zeit eine Entwicklung, dass man Josef als jungen Mann sieht, stark, voller Vitalität, verliebt in seine sehr schöne junge Frau, wie er liebevoll besorgt ist um sein Kind. Wir erleben heute eine ganz ungewöhnliche Aneignung dieser Josefs – Gestalt! Es sind normale Christen, die solche Texte schreiben über Josef als Vater. Es sind psychologische Texte, sehr emotional, voller Sensibilität, aber sehr realistisch. Josef gilt fast als ein Modell: Er ist ein Mann, der auch praktische Schwierigkeiten im Leben hatte. Darin ist er uns so ähnlich! Auch war er politisch bedroht, durch die Allmacht des Herrschers Herodes. Josef musste ums Überleben kämpfen, gerade so wird er zum Vorbild in diesen Zeiten ökonomischer Erschütterungen. Josef hat da viel Stärke und Mut gezeigt in diesen verwirrenden Situationen.

 

  1. musikal. Zusp., Lateinam. Musik, bleibt ca 0 08“ freistehen.

 

  1. SPR.:

Wer heute apokryphe Geschichten über die Heilige Familie erdichtet oder speziell zur Gestalt Jesu Christi Geheimnisvolles weiß, möchte die Ereignisse von damals in seine eigene Gegenwart holen. In Lateinamerika schätzen die Gläubigen den armen Jesus Christus über alles; er lebte für sie nicht nur in Nazareth, sondern er lebt heute, zum Beispiel in den Favelhas von Rio de Janeiro. Inmitten von Wellblechhütten und stinkenden Abwässern, geplagt von Terror und Gewalt, hat auch der brasilianische Priester Paulo Süß sein eigenes Bild vom jugendlichen Jesus entdeckt:

 

  1. O TON, Suess, 0 19“

Ich sag immer: Das war ein Handwerker. Das ist ja das Schöne, er war kein Maurer, er hat keine Mauern gemacht, er hat Türen gemacht, die aufgehen! Also: Jesus hat gelernt, Türen zu machen, Fenster zu machen, aufzumachen, und keine Mauern zu setzen. Und das als Gegenspiel zur institutionellen Kirche, die immer Mauern baut.

 

  1. Musikal. Zuspielung, Lateinamerika, noch mal 0 05“ freistehend:

 

  1. SPR.:

Christus wird in Lateinamerika geboren: Mit Inbrunst singen die Frommen in Peru dieses Lied: Überall in Südamerika nehmen sie sich auch die Christen aus „indianischen“ Völkern die Freiheit, Weihnachten auf ihre eigene Weise zu deuten. Gäste aus aller Welt sind willkommen, wenn zum Beispiel die Mayas in Mexiko ihr ureigenes Evangelium in Krippenspielen darstellen, berichtet Paulo Süß:

 

  1. O TON, Suess, 0 37“

Also was ganz Schönes muss ich noch erzählen von der Krippe da in Mexiko. Bei einem Indiostamm kommt es also vor: die Krippe wird da aufgebaut. Und dann wird ein Kind hineingelegt, und einmal legen sie einen Jungen hinein, und einmal ein Mädchen. Und dann kommen die Leute so, wie man halt in das Geburtshaus da ankommt und sagt: Ist es ein Junge, ist es ein Mädchen. Heute ist es ein Mädchen, und einmal ist es ein Junge, das ist interessant, dass sie also gar nicht auf das Geschlecht Jesu achten. Sondern dieser Gott, der geboren wird, muss also einfach einmal als Junge und einmal als Mädchen auf die Welt kommen.

 

  1. musikal. Zusp. möglicherweise noch mal 0 04“ frestehend.

 

1.SPR.:

Sind heutige Jesus – Romane in Europa auch moderne apokryphe Evangelien? Viele Theologen sind davon überzeugt. Manchmal sind sie auch selbst Schriftsteller und lassen in ihren Romanen ihrer gebildeten Phantasie freien Lauf, wenn sie uns den jugendlichen Jesus von Nazareth nahe bringen wollen. Der protestantische Theologe Klaas Huizing (sprich Häuzing) hat vor wenigen Wochen seinen Roman veröffentlicht mit dem Titel „Mein Süßkind“, gemeint ist der so viel geliebte, so „süße“ Jesus. Klaas Huizing erklärt den Leuten sogar mitten auf dem Weihnachtsmarkt seine persönliche Sicht von dem jugendlichen Jesus von Nazareth.

 

  1. O TON, Klaas Huizing, 0 24“.

Es ist ein spannendes Leben, aber es ist in der Unterströmung auch sehr humorvoll, das ist erst sehr spät entdeckt worden, dass die Bibel sehr viel humoreske Situationen bietet, obwohl es auch eine ernste Lebensgeschichte ist, es sollte immer auch humorvoll gebrochen sein. Deshalb ist es seriös, die Romanform zu wählen, damit die Leser wissen, es könnte so gewesen sein, könnte aber auch ganz anders gewesen sein.

 

  1. SPR.:

Apokryphe Schriften weiten das Denken, sie wecken die Lust am frommen Spektakel. Und, das ist wichtig, manchmal inspirieren diese Schriften sogar Bischöfe der katholischen wie der orthodoxen Kirche zur Vertiefung der rechten Glaubenslehre. Offizielle Konzilien haben zum Beispiel die apokryphe Lehre von der jungfräulichen Geburt Jesu zum allgemein gültigen Dogma erhoben. Genauso haben sie die jungfräuliche Geburt Mariens als zu glaubendes Dogma festgelegt. Auch Anna, Marias Mutter, fand als apokryphe Gestalt universale Verehrung, bis hin zu Wallfahrten, etwa in der Bretagne. Anna und ihr angeblicher Gatte Joachim werden bis heute als heilige Vorbilder verehrt, obwohl man eigentlich von ihnen nichts weiß. Und die Künstler haben sich stets apokrypher Motive bedient, etwas wenn sie die geheime Legende von der „Entschlafung Marias“ malten oder ihre leibliche Aufnahme in den Himmel priesen. Der Theologe Jens Schröter:

 

  1. O TON, Schröter,

Diese Schriften haben von früher Zeit an für die Volksüberlieferung und den Volksglauben, das meine ich gar nicht abwertend, sondern das hat für den christlichen Glauben immer eine große Rolle gespielt, dass man sich auch verankert so im religiösen Leben der Menschen. Und dafür haben diese Schriften von früher Zeit an eine große Rolle gespielt. Schnitt. Wieder rein: Und sind in die darstellende Kunst etwa vielfältig eingegangen. Und sie auch bis heute in Krippenspiele usw. eingegangen. Also die Geschichte von Ochs und Esel an der Krippe etwa, die findet sich auch nicht im Neuen Testament, es ist auch eine, die apokryph ist, wenn Sie so wollen.

 

1.SPR.:

Die apokryphen Schriften prägen das Bewusstsein vieler Christen bis heute geprägt. Aber bei aller Begeisterung fürs fromme Fabulieren gilt doch ein gewisser Vorbehalt: Denn diese Texte fördern die Vorstellung, Jesus sei eigentlich kein Mensch, sondern ein Gott. Das ist theologisch gesehen natürlich falsch. Insofern kann die Fülle apokrypher christlicher Texte für einen kritischen, einen modernen Glauben eher abträglich sein, weil das Vorurteil gestärkt wird: Gott erscheint auf Erden als Gott, als ein mysteriöses willkürlich handelndes Wunderwesen. Glauben wird so zum puren Wunderglauben.

Trotzdem: Theologen wollen auch einen bleibenden Wert dieser Literatur anerkennen: Sie befreit von der Vorstellung, das Christentum sei eine einförmige, fest strukturierte und völlig übersichtliche Organisation, in der alles uniform und kontrolliert „abläuft“. Die katholische Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 40“.

Ich finde die gesamte Apokryphen Forschung deswegen so spannend, weil die einfach auch ein völlig anderes Bild noch zeigt dieser christlichen Tradition, als die, die wir traditionell kennen. Diese ganzen Texte zeigen eigentlich, wie ungemein vielschichtig das Christentum in den ersten Jahrhunderten war, und dass es also auch zu einer bestimmten Zeit noch gar keine wirklich definitiven Regeln, Vorgaben gab, was denn die christliche Lehre an sich ist. Also ich glaube, wenn wir uns bewusst machen, wie vielfältig auch die christliche Tradition am Anfang auch war, dann wird es uns etwas leichter fallen, die Vielfalt des Christentums heute auch besser auszuhalten.

 

  1. musikal.Zusp. noch einmal einspielen, mindestens 10 Sek. freistehen lassen, dann herunterziehen für den

 

Abspann:

 

 

 

Buchhinweise: wird noch vollständiger nachgeliefert….

Katharina Ceming und Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften. Marix Verlag, Wiesbaden, 2010, 264 Seiten.

 

Uwe Karsten Plisch, Was nicht in der Bibel steht. Apokryphe Schriften des frühen Christentums. Verlag Deutsche Bibelgesellschaft, 176 Seiten, 2006.

 

Ursula Ulrike Kaiser,

Jesus als Kind. Neuere Forschungen zur Jesus Überlieferung in den apokryphen ‚Kindheitsevangelien‘. In J. FREY – J. SCHRÖTER (Hg.), Jesus in apokryphen Evangelienüberlieferungen, Tübingen, 2010, dort S. 253–269.

 

 

 

 

 

 

 



Wir gehören „zu den besten Berliner Salons“

1. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Philosophische Bücher

Darf man sich auch mal freuen? Das bekannte und bewährte Berliner Stadtmagazin Tip zählt in seinem Beitrag von Eva Apraku auch unseren Religionsphilosophischen Salon zu den „besten Berliner Salons“: Unsere  10 jährige Arbeit hat bisher noch kein philosophisches „Medium“ gewürdigt, ein theologisches schon gar nicht, wegen unserer Religionskritik. Und dabei sind wir der Meinung: Lieber 10 philosophische Salons in der Stadt als überschaubare Treffunkte und DIALOG Räume intellektuellen Austauschs zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen …. in völliger Gleichberechtigung als… drei große kirchliche Akademien, diese machtvollen, offiziellen Institutionen… Zur Lektüre des ganzen Beitrags im TIP klicken Sie hier.



Vanitas, Eitelkeit, Nichtigkeit, Sterblichkeit, Tod.

27. November 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Vanitas – Vorschläge für eine Orinetierung im Leben und Sterben.

Von Christian Modehn. Diese Thesen wurden im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24.11.2017 diskutiert.

 

  1. Unter Vanitas verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit, Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens, auch Endlichkeit, dem Tod ausgesetzt sein.

 

  1. Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

 

  1. Die Totenköpfe sind eine Mahnung, an den Tod zu denken. Uns geht es philosophisch um dieses, auf die Existenz des Menschen bezogene Thema.

 

  1. Vanitas wird in der Literatur bedeutungsvoll Thema im alttestamentlichen Buch Kohelet („Der Prediger Salomos). Dies ist kein nihilistisches Buch.

 

  1. Vanitas hat nichts mit dem epikuräischen „Carpe Diem“ (Horaz) zu tun: „Genießen wir heute, denn morgen könnte alles vorbei sein“. Epikur selbst wehrte sich gegen maßloses Genießen!

 

  1. Vanitas zeigt: Wir leben heute in einer Zeit der totalen Banalisierung des Todes in der Öffentlichkeit, in den Medien, siehe das Unberührtsein angesichts des massenhaften Mordens weltweit.

 

  1. Vanitas sagt: Ich werde sterben. Es geht um meinen Tod. Siehe das Bild „Die Gatten Burgkmeier“…

 

  1. Vanitas hat es mit dem totalen Verfall der Leiblichkeit zu tun. Bleiben nur die Knochen? Was bleibt nach dem Tod, nach meinem Tod? Such der gepflegte Leib der Reichen vermodert.

 

  1. Vanitas ist eine Herausforderung: Wie gestalte ich mein Leben? Und will keine Verdrängung des Todes, meines Todes

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Der will –angesichts der Skelette und Totenschädel- nur noch den Frieden..

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, will mit dem Verklammertsein an die vielen Dingen („Haben“ im Sinne von Erich Fromm) aufhören.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, stellt sich der schweren, niemals „wissenschaftlich“ zu „lösenden“ Frage: Was ist nach dem Tod, nach meinem Tod. Dies ist wahrscheinlich eine europäische Frage, Buddhisten fragen anders. Aber wir sind nun einmal in den europäischen Kulturen verwurzelt.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Kann natürlich sagen und sich daran halten: „Ich komme als Mensch aus dem Nichts. Und ich gehe ins Nichts. Ich versinke und verschwinde“ Manche sagen: „Ende aus, basta“. Siehe etwa die seriöse vorgetragene Position von Norberto Bobbio, „Vom Alter“. Diese Position ist eine Haltung, die Respekt verdient und durchaus mit Argumenten auskommt, letztlich aber auf der zentralen These beruht: Es gibt keine Schöpfung. Alles ist Zufall…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann philosophisch auch erkennen: Ich bin als Mensch ein geschaffenes Wesen. Es gibt so etwas wie eine Schöpfung der Welt und damit der Menschen. Schöpfung ist ein Bild, kein umfassendes naturrechtliches Konzept wie in der Kathol. Kirche, sondern ein Bild, um das Gegebensein der Welt philosophisch zu verstehen. Eine Antwort auf:“Warum ist überhaupt etwas, und nicht viel mehr Nichts?“

 

  1. Wenn Schöpfung, dann gibt es also auch die Vorstellung von „Gott“. Wenn diese Welt von Gott gewollt ist, dann ist diese Welt eine ENDLICHE (und das heißt immer eine unvollkommene !) Welt. Dann hat aber jeder Mensch an der göttlichen Schöpfung Anteil. Diese Haltung kann egozentrisch missverstanden werden, ist sie aber nicht: Weil alle Detailbehauptungen über das „Wie“ eines postmortalen Lebens völlig offen bleiben. Philosophische Metaphysik ist in der Hinsicht bescheiden. Aber sie lehnt die Position des „Ende, Aus und basta“ mit Gründen ab.

 

  1. Ein Ausweg wäre die Bindung an die Natur und den Naturkreislauf: Wie die Blätter auf die Erde fallen, so werde auch ich einst fallen und auch zertreten werden und kehre in Erdreich zurück…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann natürlich alle denkbaren, auch spinösen Positionen vertreten. Philosophisch gesehen hat die Vanitas Debatte nur Sinn, wenn es im Leben selbst (!) Anhaltspunkte gibt für eine kritisch reflektierte Vanitas – Position. Also auch im Leben selbst Anhaltspunkte für ein Leben über den Tod hinaus. Alles andere wäre aufgesetzte Behauptung. Hier zeigt Philosophie ihre spekulative Stärke. Philosophie ist Geistphilosophie.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, könnte etwa mit dem Dichter Heinrich Böll sagen: „Ich als Mensch gehöre nicht ganz der Welt“, bin also woanderes „zu Hause“.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, sucht zur Frage: Ein „Leben“ nach dem Tode, eher die poetische Sprache für seine Argumente. Siehe Albert Camus.

 

  1. Siehe auch Ludwig Wittgenstein in seiner Erkenntnis, dass wir im Erleben der qualifizierten Gegenwart in die Ewigkeit eintreten. So ähnlich auch Meister Eckart.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt als Philosoph, übernimmt die Haltung des Philosophen Hegel in der Hinsicht (!): Der Geist des Menschen hat sich „abzuarbeiten“ an der Endlichkeit, am „Nichts“, aber der Geist zeigt sich dabei als der stärkere gegenüber dem Negativen. Der menschliche Geist hat Anteil am unendlichen (göttlichen, absoluten) Geist (siehe Eckart usw.).

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, weiß, dass der Tod, der Tod eines jeden, „prinzipiell“von Gott als dem Schöpfer dieser Welt, gewollt ist. Der Tod ist kein Übel, etwas zu Bekämpfendes, sondern ein Übergang.

 

  1. Wer diese Vanitas Vorstellung ernst nimmt, weiß: Die meisten Menschen haben keine Chancen auf einen selbst bestimmten Tod. Dies ist die Schuld anderer Menschen, der Strukturen, der Kriege, der Gesetze gegen das frei gewählte Sterben. Diese frustrierende Erfahrung kann nicht einem Gott angelastet werden. Sie ist Ausdruck des Egoismus der Menschen. Dass die Natur oft Unglück erzeugt (Erdbeben), ist Ausdruck dafür, dass auch die Natur zur endlichen und begrenztenWelt gehört. Wie der Mensch eben auch endlich ist.

 

  1. Vanitas ist eine Einübung in die reflektierte Annahme der Endlichkeit. Und die Aufforderung, das Sterben der Menschen menschlich und selbstbestimmt zu gestalten.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



Salons, auch philosophische, in Berlin. Ein Beitrag des Stadtmagazins TIP

18. November 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Neue Lebensformen, Themen bisheriger Salon-Gespräche

In der neuen Ausgabe des TIP vom 16.11.2017 hat die Redakteurin Eva Apraku einen interessanten Beitrag veröffentlicht über die Vielfalt kultureller Salons in Berlin heute. Man möchte nach der Lektüre meinen, wir gehen einer neuen Ära der Salons entgegen (und befürchten fast ein bisschen, dass nun fast alle Veranstaltungen, abgesehen von Opern-Aufführungen etc., sich allmählich Salon nennen…) Aber Salons als Veranstaltungen anspruchsvoller Gespräche in eher kleinem, oft privaten Kreis in angenehmer Atmosphäre (mit gelegentlichem gemeinsamen Essen) haben durchaus eine Chance und eine Zukunft. Sie können zu Orten werden, wo unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Kulturen und Ideologien regelmäßig zusammenkommen. Und zwar außerhalb der so genannten Event-Kultur, die die TeilnehmerInnen fast immer zu passiv und stumm dasitzenden und zuhörenden Subjekten macht. Dies gilt auch sehr oft für die Veranstaltungen der Akademien, wo nach langen Vorträgen ein paar Minuten für Fragen aus dem Publikum erlaubt werden. Ich halte diese im übrigen hoch finanzierte (von Kirchen, Parteien etc.) Akademie Kultur für weithin überholt. Die kläglichen Ergebnisse trotz superteurer Werbung etc. sprechen für sich. Also, mein Vorschlag ist: Lieber 12 verschiedene Salons in den Galerien, Lofts, Restaurants etc. in verschiedenen Stadtvierteln als eine einzige klotzige und teure Akademie im Zentrum.

Salons sind jedenfalls eine Alternative. Der Beitrag im TIP erwähnt auch den Religionsphilosophischen Salon Berlin, der seit 10 Jahren, fast immer einmal im Monat, philosophische Gespräche in kleinem Kreis (bis zu 20 TeilnehmerInnen) organisiert in Galerien, zur Zeit in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Wer sich mit dem Beitrag im TIP vertraut machen will und danach das Heft selbst lesen  will:

www.facebook.com/tip.Berlin/photos/a.10150911000384648.451990.59810144647/10155816965834648/?type=3&theater

Christian Modehn



Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Themen bei französischen Schriftstellern heute

17. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Gott in Frankreich

In der Zeitschrift PUBLIK FORUM, Ausgabe vom 13. Oktober 2017, habe ich anläßlich des Ehrengastes der Buchmesse in Frankfurt auf einige Aspekte zu „Religiöse Themen bei französischen Schriftstellern heute“ hingewiesen.  Den Beitrag können Sie hier lesen und dabei auch die Zeitschrift PUBLIK FORUM näher kennenlernen.