Denken und Glauben



An welchen Gott können wir, wollen wir, heute glauben?

22. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Unser Thema im Religionsphilosophischen Salon am 20. Oktober 2017

Kurze Hinweise zu vielfach gestellten Fragen

Von Christian Modehn, am 18. Oktober 2017

Die allgemeine Überzeugung ist: Gott lässt sich nicht definieren. Man kann nicht in zwei Sätzen sagen, was und wer Gott ist. Dennoch: Gott ist in der philosophischen Tradition der Unendliche, der Ewige, der alles Gründende. Das gilt auch heute für viele. Oder wer es atheistisch will: Der Nicht – Gott ist jene angebliche Macht, die nicht existiert, von der wir nichts wissen, von der wir nichts ahnen. Und so bleiben Menschen allein in diesem Universum. Das nennt man metaphysisch obdachlos.

1.An welchen Gott können wir, wollen wir, heute noch glauben?

Bei dem Thema sind Voraussetzungen enthalten:  Es gibt de facto viele Gottesvorstellungen, Gottesbilder, viele Götter. Der Grund für die vielen Gottesbilder ist grundgelegt in der geistigen Verfasstheit der Menschen. Jeder Mensch hat als Individuum eine eigenen philosophische Welt, zu der dann bewusst oder unbewusst eine je individuelle Vorstellung von meinem Gott (oder eben Nicht-Gott) gehört.

Denn selbst wenn sich viele Christen nennen, dann ist in diesem Bekenntnis wieder jeweils eine bunte subjektive Vielfalt mitgegeben. In jedem Leben gibt es je nach Alter usw. verschiedene Gottesbilder.

Wenn es sich um meinen Gott handelt, hat dieser „mein“ Gott auch eine Beziehung und Gemeinsamkeit mit den Göttern der vielen anderen. Einen total individuellen Gott, den die anderen nicht verstehen, wird es nicht geben.

Vielfalt im Zusammenhang der Gottesfrage ist also eine Tatsache, es ist die Vielfalt hinsichtlich der Beschreibung des Göttlichen. Martin Luther sagt im Großen Katechismus von 1529: Das erste Gebot:Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Das heißt: Einen Gott haben bedeutet, etwas haben, an das ich mein Herz hänge und dem ich unbedingt vertraue“.

Da ist die Freiheit, meinen Gott zu haben, als Tatsache beschrieben. Das wurde in den Kirchen oft verschwiegen, weil die individuell Sprachfähigkeit über den je eigenen Gott nicht gepflegt wurde und man sich begnügte, das allgemeine Glaubensbekenntnis nachzusprechen. Der „wahre“ Glauben wurde im korrekten Nachsprechen des Bekenntnisses überprüft, bis heute. Was für eine Naivität.

ABER: Warum diese Reflexion überhaupt, wo sich Gott doch – theologisch gesehen – offenbart hat, etwa in der Bibel und damit offenbar Klarheit geschaffen hat: In der Bibel hat Gott nicht für Klarheit und Eindeutigkeit gesorgt. Weil die unterschiedlichen Texte von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Gottesbildern stammen.

In der Bibel wird in Bildern gesprochen, in widersprüchlichen Bezeichnungen Gottes, gut, strafend, barmherzig,. Gerecht usw. Es ist von Wundern die Rede. Von kriegerischen Elementen, Gott als parteilicher Gott für ein Volk; „Auge um Auge, Zahn um Zahn“… etc. Das heißt: die gesamte Bibel (und der Koran) müssen mit dem kritischen Verstand gelesen werden. Die vielen Gottesbilder müssen geprüft, heute Gültiges muss erkannt werden …und dies mit Hilfe unserer selbstkritischen Vernunft.

2. Beispiele der Vielfalt? 

Ich verwende hier im Zusammenhang der Gottes – Erfahrung auch den Begriff „wichtigster Mittelpunkt im Leben“, um den sich alles individuelle Leben momentan dreht, dem man alles opfert, dem man sich hingibt, auf den man sich freut. SPORT, Fußball, wäre ein Beispiel. Man könnte von säkularen Religionen sprechen mit säkularen Göttern. Nebenbei: Die Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen sind quasi religiös. Für Coubertin, den Gründer der olympischen Idee, ist Sport ganz klar ein religiöses Gefühl.

Zu den Spitzensportlern: Die ganze Lebensführung dieser Sportler untersteht dem Zwang, zur Spitze der Spitzensportler zu gehören. Training ist die oberste Maxime, um die sich alles dreht. Weitere Beispiele: Sich zu Tode Arbeiten, extrem in Japan (Karoshi); Verehrung von Stars, Partei Führern etc.

3. Muss man die de facto bestehende Vielfalt als solche auf sich beruhen lassen und sie unbedingt akzeptieren?

Natürlich gibt es in den wenigen noch demokratisch sich nennenden Staaten Religions – und Bekenntnisfreiheit und damit die Freiheit, dass sich jeder und jede seinen bzw. ihren eigenen Gott wählt und de facto in der subjektiven Konkretion schafft. Insofern ist auch die Freiheit gegeben, sich seinen Gott zu wählen. Aber ist es immer Gott im emphatischen, im vernünftig vertretbaren Sinne? Vernünftig vertretbar ist ein Gottesbild, das die humane Entwicklung der Menschen fördert, etwa die Menschenrechte.

Dies ist jedenfalls die subjektive Ebene.

Die Vielfalt der Götter stand lange Jahre wie eine absolute Erkenntnis im Mittelpunkt des postmodernen Denkens. Postmoderne verstanden als ein selbstgewisses Plädoyer für die Gültigkeit vieler Meinungen, verbunden mit einer Abwehr, dass gegenüber diesen vielen Meinungen Kriterien der Wahrheit und Gültigkeit vorgebracht werden (können, dürfen).

Ich habe die Gewissheit, dass diese postmoderne Haltung heute (2017) überwunden ist. Wir leben also in post – postmodernen Zeiten.

Bei allem Respekt vor den vielen Meinungen der einzelnen wird heute wieder die Wahrheitsfrage gestellt, in dem Sinne: Kann diese oder jene Meinung, auch auf Gott bezogen, einer allgemeinen kritischen Reflexion standhalten? Also, es gilt die Toleranz der Vielfalt gegenüber mit der Wahrheitsfrage zu verbinden. Diese Wahrheitsfrage hat ihr Kriterium nicht in einem religiösen Imperativ, sondern in der Frage: Hilft dieser oder jener Gott den Menschen, sich umfassend als Mensch in Freiheit und Verantwortung zu entwickeln?

4.Philosophie und kritisches Fragen.

Damit wird also nicht wie einst für eine Art religiöser Strenge und Dogmatik der einzigen Wahrheit plädiert. Überhaupt nicht. Es wird nur schlicht darauf hingewiesen, dass in philosophischer kritischer Reflexion der Gottesfrage nicht alles Mögliche als der Weisheit letzter Schluss behauptet werden kann. Philosophie ist in dem Sinne kein Ort der Präsentation beliebiger Wahrheiten, die man auf sich beruhen lassen kann. So sehr auch die Meinung des einzelnen respektiert werden muss, aber es ist eben eine Meinung eines einzelnen, die sich wie alle Meinungen dem kommunikativen Gespräch und damit der möglichen kritischen Korrektur stellen muss. Es gibt also durchaus einen gewissen Elan der Wahrheit, dass von Gott nicht total beliebig gesprochen werden kann. Denn der einzelne behauptet ja, dass sein Gott doch sprachlich, also vernünftig artikulierbar ist. Also doch auch der vernünftigen Reflexion untersteht.

Es geht um eine Kritik an Gott und den Göttern bzw. den säkular jeweiligen „heiligen“ Mittelpunkten im Leben.

Die These ist also: Gibt es philosophisch gesehen doch noch Hinweise auf den wahren Gott, der diesen Namen verdient. Es gilt also das philosophische Prüfen zu üben. Diese Prüfung gilt auch, förmlich als Voraussetzung für die eigene religiöse Entscheidung oder die Reform der eigenen religiösen Überzeugung bzw. des eigenen Glaubens an Gott.

5. Die Voraussetzung: Philosophie ist also Religionskritik.

Und Philosophie ist und bleibt immer noch Metaphysik, weil sie zeigt: Der Mensch ist ein Wesen, das durch den Geist, die Vernunft, die Seele, bestimmt ist: Der Mensch kann mit seinem Geist, seiner Seele, das Geheimnis des Lebens berühren. Dieses letzte, gründende Geheimnis ist das, was wir Gott nennen. Ein hilfloses Wort für eine Wirklichkeit, die kaum nennbar ist. Philosophie bewegt sich also auf der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Greifen, Definieren und dem bloß Berühren können (des Göttlichen); ohne es jemals zu umfassen und zu definieren.

Wer Gott denkt, bedient sich eines Symbols, an dem das philosophische Denken doch zu einem Ende kommt, über das hinaus nichts weiter gedacht werden kann. Wo möglicherweise das begründete Schweigen eintritt: Das Göttliche als das Umgreifende, das der Mensch mit seinem Denken eben nicht umfassen kann, nicht definieren kann. Er kann es förmlich nur berühren. Aber es ist, freilich anders als ein Gegenstand, „da“. Aber wenn das Göttliche als das Letzte überhaupt Denkbare gedacht und gedanklich, dann aber auch begrifflich und eher stammelnd gesagt wird, dann wird von diesem Letzten aus wieder alles neu gedacht. Vom Letzten wird also wieder alles andere, Nicht – Letzte und Vorletzte, im Licht dieses neu gesehenen Letzten gesehen, erlebt, gesagt. Das ist die Bewegung der Philosophie- die selbstverständlich an kein Ende kommt, weil das Letzte, das Göttliche, im Laufe des Lebens je neu wieder gesehen wird…

Das Berühren des Unendlichen /Gottes ist so eigener Art, so dass manche Philosophen dieses Berühren dann als eine Art „Schweben“ bezeichnen. Mit allem Zwiespalt ist das gesagt, weil eben diese Form der ungewöhnlichen Begriffe schnell ins Lächerliche gezogen werden kann. Vielleicht ein Vergleich: Auch Poesie, auch private Poesie, etwa von Verliebten, kann schnell von anderen wahrgenommen, ins Lächerliche gezogen werden.

6. Die entscheidende Frage angesichts der Pluralität der Götter: Gibt es Kriterien für den göttlichen Gott. Warum brauchen wir das Kriterium, um Gottes willen oder um unserer, der Menschen, wegen?

Gott als Gott wird zuerst im menschlichen Geist, in der Seele, im Gemüt erlebt. Darum muss diese Frage im Zusammenhang von Geist, Seele, Gemüt erörtert werden.

Ich beziehe mich auf eine Aussagen von Wilhelm Gräb in seinem Buch „Glaube aus freier Einsicht“, S. 13: „Der Glaube der Menschen, der ein souveräner Glaube ist, ist ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens, die gilt es zu durchdenken. Das ist ein Glaube, der aus dem bewussten Leben, dem Selbstverhältnis und Selbstverständnis der Menschen kommt, ein Glaube, der auf die im Leben aufrechenden Sinnfragen antwortet“ .

Die Frage ist: Ist die Vielfalt der Gottesbilder als solche hinzunehmen?

Sie ist zu respektieren. Aber die verschiedenen Gottesbilder müssen in ein Gespräch miteinander geführt werden. Dabei kann ich niemanden ein bestimmtes Gottesbild aufzwingen, etwa im Rahmen einer aggressiven Mission. Aber es wird sichtbar: Dieses oder jenes Gottesbild ist nicht akzeptabel, nicht nur weil es der Wirklichkeit eines Göttlichen unangemessen ist (ich kann nicht sinnvoll behaupten, dieser völlig genau beschreibbare Holzklotz ist für mich Gott), sondern auch, weil bestimmte Gottesbilder von Menschen in dieser Welt propagiert und durchgesetzt dann verheerende Wirkungen haben für das Zusammenleben der Menschen. Ich denke an den Gott der Nazis und der so genannten „Deutschen Christen“ als den Gott, der die Juden vernichten will, diesen Gott kann man nicht als vernünftig geltenden, also humanen Gott hinnehmen. Ich muss also manche Gottesbilder bekämpfen, so wie das Pater las Casas im 16. Jahrhundert tat, als er die Spanier anklagte, in der Eroberung Amerikas und der Tötung der Indianer aus einem falsch verstandenen christlichen Gottesbild heraus zu handeln. Heute muss man fragen: Sprechen die Frommen von Gott oder ist diese Gottes – Rede nur eine ideologisch politische Verschleierung nationalistischer Interessen, was wir momentan in Mynamar erleben in der Verfolgung von Muslimen durch Buddhisten.

7. Warum diese Frage auch politisch dringlich ist:

Im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2017 ist ein Interview mit Robert Menasse veröffentlicht, in dem er wie viele andere treffend den Nationalismus als größte Gefahr für den Frieden darstellt. Nation hat immer mit Eroberung und Kriegen zu tun. Ich will den Nation-Begriff auf die Kirchen und Religionen beziehen: Die in sich verkapselten Konfessionen sind – wie Nationen – von Feindseligkeit gegen andere geprägt. Es wurden Kriege unter den Konfessionen geführt. Darum ist Ökumene so wichtig. Ökumene ist um der Menschen, um der Gesellschaft und des Friedens willen wichtig. Und darum müssen Abweisungen der Ökumene heute zurückgewiesen werden. Darum müsste es Ökumene unter den vielen verfeindeten Traditionen des Islam geben usw. Also Anerkennung der Verschiedenheit.

8. Gibt es ein Kriterium für einen „menschlich akzeptablen Gott“?

Kriterium der Unterscheidung kann nicht ein religiöser Glaube sein. Kriterium ist die Vernunft. Das Kriterium der akzeptablen Religion und des akzeptablen Gottesbegriffes kann nur aus der allgemeinen menschlichen Vernunft stammen im Sinne der Menschenrechte. Das aber heißt: Ein Gott, der zum Handeln gegen die Menschenrechte auffordert, ist kein Gott.

9. Welchen Gott können wir und sollten wir verehren?

Den Gott, der sich nicht greifen lässt und sich nicht definieren lässt. Den Gott, der sich in tausend Sprachen sagen lässt, ohne dass eine einzige Sprache ihn fängt.

Den Gott, der nahe ist fern, der sich nicht definieren lässt und nur berühren lässt. Den Gott, der den Menschen in seine Freiheit ruft und alle Menschen nur als gleichwertig und gleich wichtig gelten lässt.

Den Gott, den wir, obwohl unfassbares Geheimnis, doch mit der Vernunft noch berühren. Der sich niemals als nebulöses, schwammiges Gefühlsobjekt nach unserer Laune und Emotion definieren lässt.

Und doch ist Gott sagbar, in Worten, die das Wohlwollen des Gründenden, des Sinnhorizontes, deutlich machen. Gott und Güte gehören zusammen. Ein Gott, der Mord und Totschlag als göttliche Moral den Menschen nahe legt, ist kein Gott.

Wenn man sich die Frage stellt: Was ist die Welt, was der Mensch, wenn an sie klassisch in der Weise der Schöpfung verstanden: Wie ist dann der Schöpfer in der Welt zugegen?

Er ist in der Seele des Menschen zugegen. Weil zur Annahme einer Schöpfung die geistige, seelische Anwesenheit des göttlichen Schöpfers in seinem geistigen (und natürlichen) Geschöpf anzunehmen ist.

10. Warum diese Frage: Warum denn überhaupt den ganzen Aufwand, von Gott zu sprechen?

Die Frage nach dem Letzten, ob nun theistisch oder atheistisch beantwortet, ist keine Laune einiger Leute. Diese Frage drängt sich von der Struktur des Geistes selbst auf.

Wer das Geheimnis des Göttlichen im Menschen zeigt, will vor allem den Menschen in seiner (göttlichen, also nicht manipulierbaren) Würde aufzeigen. Dass diese Würde meist ignoriert wird in de Politik und der Ökonomie, ist eine Tatsache, sie spricht aber nicht gegen diese Einsicht. Wo dieses Geheimnis ignoriert wird und zerstört wird, droht eine Begrenzung des Menschen auf etwas nur Endliches. Das muss man respektieren und argumentativ die Weite des Transzendenten ins Gespräch bringen.

Zum geistigen Selbstvollzug jedes einzelnen Menschen gehört es, konsequent zu fragen, auch nach dem alles und ihn selbst Gründenden. Also herauszutreten aus der Oberflächlichkeit des Umgangs mit dem gerade Sichtbaren und Greifbaren und auf den Grund gehend fragen: Wie kommt es, dass ich auf die Welt erkennend bezogen bin? Was ist eigentlich Welt im Ganzen und was ist mein Erkennen und das Erkennen aller anderer Menschen. Und dann bin ich schnell in der unausweichlichen Frage nach dem Göttlichen. Und in der „Konstruktion“ meines Gottes.

Bisher hatte man den Eindruck, als sei die Debatte über Gott sozusagen eine spekulative, theoretische. Wenn man den Spuren folgt, die ein vernünftiger, den Menschen zugewandter Gott bedeuten kann: Dann ist klar: Eine Verbundenheit mit Gott hat immer einen Ausdruck in einer bestimmten Lebenspraxis. Allein in der gelebten Liebe kann ein Mensch der Beziehung zu seinem menschlichen Gott entsprechen. Egoismus ist dann Ausdruck der Gottlosigkeit. Alle Formen des Egoismus, der Verschlossenheit in sich selbst, also etwa auch der Nationalismus, sind in dieser Hinsicht dann Gestalten des Atheismus. Insofern leben wir heute in einer atheistischen Welt. Atheistisch ist unsere Welt nicht zuerst dadurch, dass offenbar so wenige Menschen z.B. dem christlichen Glauben und seinen Dogmen anhängen, sondern weil der Egoismus, etwa auch in der Gestalt der Abweisung der Fremden, der Flüchtlinge, heute die politisch dominante Haltung ist. Allein eine Kultur der Liebe, der Nächstenliebe, des Respekts, der Bejahung des anderen als anderen, der Vielfalt also, ist eine Kultur, die dem Begriff des menschlichen, des vernünftigen Gottes entspricht. Von ihm sprechen auch viele Texte des Neuen Testaments und der prophetischen Tradition der hebräischen Bibel.

Von dieser Erkenntnis aus geht die Aufforderung, eine gerechte Welt zu gestalten, also politisch zu werden. Dies ist der wahre Gottesdienst! Die erfahrene göttliche Liebe muss sich Ausdruck schaffen in der Gesellschaft. Dies ist das Projekt des Reiches Gottes, das nie als solches zu schaffen ist, das aber ansatzweise gestaltet und erfahren werden kann, immer dann, wenn mehr Gerechtigkeit faktisch auch für die Armen Realität wird.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Das Ende der Ökumene? Kardinal Woelki schlägt zu

7. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Perspektiven und Probleme, Termine

Zum Ende der Reformationsdekade ein verstörender Text

Ein Hinweis von Christian Modehn veröffentlicht am 7.Oktober 2017, auch als Einstimmung zum Reformationstag.

Die Monatszeitschrift „Herder – Korrespondenz“ veröffentlicht in ihrer Oktober Ausgabe 2017 einen Beitrag des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki mit dem Titel „Das Verhältnis von Katholiken und Lutheranern im Reformationsjahr: EHRLICHKEIT in der Ökumene“. Dieser Text – in einer durchaus repräsentativen katholischen Publikation – kann großzügigerweise im Internet kostenfrei herunter geladen werden. Und dann, nach dem Studium, zu ebenso „ehrlichem“ Widerspruch auffordern. Falls man dazu nach all den dogmatischen Debatten über die angebliche rechte Lehre noch die Kraft und die intellektuelle Lust verspürt.

Kardinal Woelki (Köln) zeigt kurz vor Ende der Reformationsdekade 2017 das wahre Gesicht des offiziellen Katholizismus. Alle Hoffnungen auf einen möglichen Sprung nach vorn zugunsten der Einheit der Christen werden katholischerseits in Frage gestellt, wenn nicht vernichtet. Woelki ist in der römischen Kirchenführung insgesamt nicht irgendeiner: Er ist – tatsächlich – Mitglied des „Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen“, abgesehen von Mitgliedschaften in anderen päpstlichen Kommissionen, wie der für Gottesdienste und Sakramente. Diese Kommission leitet der bekanntlich erzreaktionäre Kardinal (und Papst Franziskus – Feind) Robert Sarah aus Guinea. Wenn Woelki also nun vor weiteren Hoffnungen auf Fortschritte in der evangelisch – katholischen Ökumene warnt und diese bisher errungene Ökumene eigentlich nicht mehr will, dann ist es förmlich der Vatikan selbst, der da spricht. Ob dieser unerwartete Querschuss dieses sehr Konservativen (Woelki hat seinen Dr. theol. bekanntlich an der römischen Opus-Dei-Universität erworben) mit Papst Franziskus abgesprochen ist, wird man wohl bei der üblichen Öffentlichkeitsarbeit im Vatikan niemals erfahren.

Was ist die Grundtendenz dieses Beitrags, auf den eigentlich nur bestimmte konservativ – reaktionäre katholische Kreise gewartet haben: Zunächst: Es gibt für Woelki einen Dissens zwischen Katholiken und Protestanten in sozialethischen Fragen, Beispiel Homoehe. Die evangelische Kirche verstehe sich zudem als „Konfession der Freiheit“, und deute dabei Freiheit als Autonomie und Emanzipation. Diese beiden Werte lehnt Woelki ab, für ihn gilt, angeblich darin ein treuer Schüler des ursprünglichen Luther, an erster Stelle der so genannte Gottesgehorsam. Und dieser schwammige Begriff wird selbstverständlich katholisch einzig gültig von den Herren der Kirche, den Bischöfen, interpretiert. Selbstverständlich auch für Woelki die alten konfessionellen Differenzen in der Dogmatik und Kirchenlehre weiter, etwa die von Gott selbst gewollte Vorrangstellung des Klerus gegenüber der Gemeinde oder etwa das Herausstreichen, dass sich diese ganze Schar der Bischöfe und Päpste über all die Jahrhunderte als Apostelnachfolger begreifen. Die anderen, etwa die obersten Leiter Reformierter Gemeinden, haben da ja katholischerseits nichts zu bieten. Ist so viel katholische Arroganz eigentlich heute noch denkbar? Nebenbei: Dass viele katholische Bischöfe und Päpste im Laufe der langen Geschichte de facto Verbrecher waren, wird im allgemeinen ja von Katholiken anerkannt, aber, so lautet die kluge Lösung, es waren die Menschen, die schlecht, also gar nicht so nett wie Petrus und Jacobus, waren. Schlecht war jedoch nicht das Amt, das sie als Bösewichter ausübten…Nur auf dieser Basis ist es möglich, dass der verbrecherische Ordensgründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, als Verbrecher (so genannte Pädophilie u.a.) von Papst Benedikt XVI. überführt ist, dieser Orden aber weiter besteht, als hätte ein Engel ihn begründet….

Zurück zu Woelki: Es wird von ihm ein neuer Stillstand im Miteinander von Katholiken und Lutheranern eingeläutet. Die Bindung an die alten Dogmen siegt wieder einmal. Die Glaubensformeln des 4. Jahrhunderts (die einige noch sprechen, aber fast keiner mehr versteht) sollen in der autoritären Glaubensinterpretation  Woelkis also weiterhin maßgeblich sein und so die alten konfessionellen Gräber erhalten. Manche der letzten wackeren Mohikaner im ökumenischen Leben werden sagen: „Es ist zum Heulen mit diesen katholischen Bischöfen“. Wie viele Katholiken haben für die Ökumene ihre wertvolle Lebenszeit eingesetzt, nun dieses Desaster. Woelki vertreibt so wahrscheinlich viele Katholiken weiter aus der Kirche. Und freut sich über die kleinen Schar der Aufrechten und Orthodoxen und Unkritischen…

Das Skandalöse ist, dass Bischöfe wie Woelki, die ja auch als Theologen etwa in der Großstadt Köln an der Gegenwart und ihrer Zerrissenheit ein bisschen innerlich teilnehmen, nicht sehen: Dass sich durch den heute lebendigen Geist Gottes, würden weit blickende Theologen sagen, das religiöses Bewusstsein der Menschen grundlegend verändert hat: Menschen sind froh, wenn sie überhaupt noch an Gott/Göttliches als Geheimnis des Lebens glauben können. Jesus wollen sie nicht als eine Person mit zwei Naturen verehren, sondern als erlösendes, menschenfreundliches Vorbild. Gebete verstehen sie bei der berechtigten Zurückweisung des allmächtigen Wundergottes vernünftiger- und geistvoller weise als persönliche Poesie. Und Gemeinde – wie der große Schleiermachen – als Ort des Austauschs und der Feier von religiösen, vor allem menschlichen Fragen. Debatten über das richtige Verständnis der Transsubstantiation oder der apostolischen Sukzession usw. sind den Menschen in Europa (ist es in Zimbabwe oder in Uruguay anders?), mit Verlaub gesagt, völlig schnuppe. Die Menschen haben, wenn sie überhaupt noch religiös und christlich sein wollen, andere Sorgen in dieser zerrissenen Welt. Es geht um den Sinn des Lebens in einer verrückten Welt. Mehr nicht. Wenn da die Herren Erzbischöfe keine Antworten finden, können sie sich ohnehin in ihre Paläste definitiv zurückziehen und weiterhin Texte verfassen oder die immer noch reichlich sprudelnden Kirchensteuermillionen glücklich strahlend nach zählen.

Jedenfalls: Vor den globalen Problemen sind die Ausführungen von Kardinal Woelki geradezu lächerlich und kindisch. Sie sind regressiv. Weil nicht erkannt wird:  So viele Christen, Katholiken, haben genug von dem Ballast, den die Kirchen in ihrer Dogmenfixiertheit verbreiten. Sie nehmen sich zurecht die Freiheit, ihren eigenen Glauben selbst zusammenzustellen. Individuell und frei.

Dass die Menschen diesen Dogmen – Ballast nicht mehr akzeptieren wollen, zeigen die Kirchenaustritte und die leer werdenden Kirchen anlässlich der Sonntagsgottesdienste… Und bei jungen Leuten ist das Ausbleiben des Interesses am Pfarrerberuf, Ordensleben etc. ganz offensichtlich. Die Klöster machen zu. Ende. Die Letzten machen dort tatsächlich schon ständig das Licht aus, weil diese dogmatische fixierte Welt junge Menschen nicht mehr lebensmäßig bewegt und befreit. Warum denn werden in Köln und anderswo immer mehr katholische Gemeinden zusammengelegt? Weil sich kein Kölner mehr findet, der sich in die zölibatäre Lebensform einspannen lässt. Oder manche treue Seelen landen in sektiererischen Gemeinschaften strengster Lehre, wie bei den Neokatechumenalen oder den Legionären Christi. So geben Katholiken die Freiheit auf zu denken und autonom zu leben. Das wird ja von Woelki gewünscht, siehe oben. Autonomie ist sein großes Schreckgespenst, darin folgt er den (anderen) maßgeblichen Opus-Dei-Theologen.

Das heißt: Diese alte dogmatische Kirche ist de facto und geistig theologisch am Ende, das kann jeder sehen. Nur die alten Dogmatiker wie Woelki klammern sich noch an die alten Lehren und wollen diese den Menschen einpauken und dabei auch die Errungenschaften der Ökumene beschädigen: Warum wohl? Weil diese Herren der Kirche in diesem System der Dogmen und Herrschaft eben auch privilegiert gut leben und weiterhin leben wollen. Gut leben im materiellen Sinne verstanden. Aus diesem puren Egozentrismus heraus, als Liebe zur eigenen Herrschaft und Vorrangstellung („besonderes Priestertum“) machen diese Leute die Ökumene kaputt. Darum können sie nicht weit denken, nicht großzügig sein, nicht Wesentliches von historisch Gewachsenen unterscheiden.

All das interessiert uns, offen gesagt, als Religionsphilosophischer Salon Berlin nur am Rande. Wir sind philosophisch nur entsetzt, wenn Kardinal Woelki gleich im 4. Absatz seines Beitrags die Überzeugung verbreitet, es lasse sich aus dem Evangelium eine „verbindliche Ethik ableiten“. Mit Evangelium ist wohl auch der Text des Neuen Testaments gemeint. Denn nun kommt wieder einmal der absolute Wahrheitsanspruch der römischen Kirche nach vorn: „Denn aus katholischer Sicht ist die Wahrheit in Christus offenbar geworden“.

„Die“ Wahrheit also ist in den Sätzen des Buches Neues Testament enthalten. Aus diesem Buch NT soll sich, so Woelki, eine „verbindliche Ethik ableiten“ lassen. Was sagte doch gleich Jesus zur Hospizbewegung und was zu Transplantationen usw? Mit dem Evangelium Buch in der Hand soll ins politische und allgemein ethische Alltagsgeschehen hinein agiert werden. Das sehen die evangelikalen Fundamentalisten in den USA und Europa genauso. Fördert Woelki wie viele seiner bischöflichen Kollegen in den USA eine rechts-fundamentalistische Ökumene von Katholiken und Evangelikalen? Man hat stark den Eindruck.

Aber was würde denn Woelki sagen, dass bekanntermaßen auch Muslime behaupten: Aus dem Koran lässt sich eine verbindliche Ethik für den Staat ableiten? Was, wenn orthodoxe Juden kämpferisch durchsetzen, aus der hebräischen Bibel lasse sich eine verbindliche Ethik (auch gegen die Palästinenser) ableiten? Was, wenn Buddhisten sagen, aus den Weisungen des Erleuchteten lasse sich eine verbindliche Ethik fürs heutige Japan ableiten? Was, wenn Atheisten sagen, aus den Werken Nietzsches lasse sich eine verbindliche Ethik ableiten? Und so weiter? Diese hundert religiösen und weltanschaulichen Ethiken würden die Welt noch weiter zerreißen. Oder denkt Woelki gar, die Wahrheit des Evangeliums sei DIE universale Wahrheit für alle, dieser Wahrheit Roms sollten alle folgen?

Wir fragen uns: Wie theologisch begrenzt darf eigentlich ein katholischer Bischof sein? Hat Woelki, der bekanntlich an der Opus Dei Universität in Rom zum Dr. theol. promoviert wurde, mit einer umstrittenen Fleiß-Arbeit über „Die Pfarrei“, hat also Woelki niemals etwas von den modernen katholischen Universitäts – Theologen Franz Böckle oder Alfons Auer gehört? Diese zeigten schon vor Jahren eindeutig: Die Ethik der Katholiken ist eine Vernunftethik, eine autonome Ethik! Katholische Ethik entstammt nicht unmittelbar dem Evangelium. Bestenfalls kann das Evangelium einzelne ethische Haltungen verstärken, wie die Nächstenliebe, aber dies geschieht nur, nachdem die Vernunft als Kriterium angesetzt wurde.

Aus religiösen Basis- Texten wie der Bibel oder dem Koran lässt sich keine allgemeine, begründete, für alle Menschen gültige Ethik ableiten. Man lese bitte wieder einmal Immanuel Kant!

Insofern ist dieser Woelki Text auch theologisch eine Blamage. Und ein Hinweis darauf, in welchen geistigen Höhen der oberste Klerus in Deutschland sich bewegt. Wenn schon Woelki für ein wortwörtliches Übernehmen der Evangeliums Sprüche eintritt, dann sollte er bestimmte, vom Klerus nie zitierte Worte Jesu auf sich selbst und seine Kollegen anwenden: Jesus sagte den Aposteln, den Jüngern: „Nennt euch nicht Meister“. Und er sagte: „Wer der Größte sein will, sei der Diener aller“. Und vor allem sagte er, so wird überliefert: „Eher gelangt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich“. Kardinal Woelki erhält als Single vom Staat ein Monatsgehalt von ca. 12.000 Euro monatlich, von allen Vergünstigungen, Dienstwohnung, Dienstwagen etc. abgesehen.

Den Woelki Text werden die noch verbliebenen Christen voller Wut beiseite legen und dann hoffentlich den eigenen, vernünftigen und jesuanischen Weg weiter gehen. Eine Schande bleibt dieser Text am Ende der Reformationsdekade allemal.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 



Für eine erste gesamtökumenische Enzyklika: Ein Plädoyer von Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

2. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Die Fragen stellte Christian Modehn. Veröffentlicht am 2. Oktober 2017

Ende Oktober 2017 geht die „Dekade“ zu Ende, in der die Menschen nicht nur in Deutschland eingeladen wurden, der Reformation zu gedenken. In den Zusammenhang passt als kritischer Impuls sehr gut Ihre neue, umfangreiche und gut von den Quellen her belegte Studie, die Sie im Untertitel zurückhaltend „“Essay zum Ökumenismus“ nennen. Darin fordern Sie eine „Erste Gesamtökumenische Enzyklika“, also ein Lehrschreiben, das von allen christlichen Kirchen verfasst und unterzeichnet wird und in den je eigenen Gemeinden verbreitet werden kann. Was sollte der wesentliche Inhalt einer solchen, geradezu sensationellen ökumenischen Enzyklika sein?

   Das Faktum selbst sollte die erste Botschaft sein: Es gibt Aussagen unseres Glaubens, die wir von nun an gemeinsam aussprechen wollen, weil wir sie teilen. Diese „gesamtökumenische“ Enzyklika, also ein Lehr-Rundschreiben oberster kirchlicher Repräsentanten (etwa der konfessionellen Weltbünde, des ÖRK und des Vatikan) gemeinsam, sollte die Bereitschaft kundtun, das ernst zunehmen und umzusetzen, was bislang alle Kirchen als ihren Willen schon erklärt haben: vertiefte Gemeinschaft zu leben in Wort und Tat, soweit keine gewissensmäßigen Hindernisse mehr im Wege stehen. Das ist gerade bei den grundlegenden Fragen der Fall: Wir sprechen das gleiche Vaterunser, bekennen das gleiche Glaubensbekenntnis, haben die gleiche Heilige Schrift und wissen alle, was das höchste Gebot ist: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Nun liegen seit vielen Jahren viele theologische Studien vor, die den tatsächlich schon gegebenen Konsens der bisher getrennten Kirchen beschreiben. Warum folgen die Kirchenleitungen, vor allem die römische Kirche, nicht diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Ist es Ignoranz oder verbissener klerikaler Machterhalt?

   Der hier von Ihnen genannte Konsens, der in den strittigen Hauptfragen im Weltrat der Kirchen gemeinsam mit Rom weltweit und auch besonders in Deutschland gefunden wurde, besagt in der Tat, dass dieses Wort von einst: „Wir verwerfen die falsche Lehre …“, nämlich der jeweils anderen, so heute zwischen unseren Kirchen nicht mehr gilt. Überall hat sich das Bewusstsein verändert, durch Einsicht in eigene Versündigungen und unverantwortliche Verweigerungen untereinander; durch theologische Aufklärung und nicht zuletzt durch die Erfahrung der Herausforderungen der Zeit, besonders der verbrecherischen Regime der Nationalsozialisten und Bolschewiken – Hier entstand die Una-Sancta-Bewegung:„Wir glauben an die Eine Heilige Kirche“ in den Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern.. Sicher gibt es nicht wenig Mentalität „klerikaler Machterhaltung“, wie Sie sagen – das muss jede Kirche bei sich selber prüfen. Doch müssen auch die Gewissen geachtet werden, denen diese neueren Einsichten noch fremd sind, nachdem in den Kirchen fünf Jahrhunderte lang die gegenseitige Verurteilung gepredigt wurde. Und ängstlichere Gemüter, auch in Leitungsgremien, die sich an alte Auslegungen überlieferter Formeln gebunden sehen, statt sie geistbewegt neu zu denken, müssen gewonnen werden. Es soll nicht zu neuen Spaltungen kommen.

Was wäre der neue Aspekt und der neue Inhalt einer ersten gesamtökumenischen Enzyklika?

   Aufgrund des wechselseitigen Sich-Kennenlernens in nun mehr als hundert Jahren ökumenischer Bewegung zwischen den Kirchen der Protestanten und der Orthodoxen, und seit mehr als 50 Jahren auch mit der römisch-katholischen Kirche ist ein grundlegendes Vertrauen zwischen den einstigen Feinden gewachsen. Man versteht besser, wie und warum die anderen auf andere Weise glauben – und dass wir oft Gleiches oder Ähnliches meinen, wenn auch in anderen Worten oder Strukturen und Gebräuchen. Und man fängt an, zu erkennen, dass es dabei, wie schon im Neuen Testament selber und in der Kirchengeschichte immer, Unterschiede gab und geben darf, wie überall in menschlichen Kulturen. Daher kann jetzt, meine ich, ein gemeinsames Wort gewagt werden, welches das ausspricht: Tausend Jahre Feindschaft zwischen Christen im „Westen“ und „Osten“ der Christenheit ist genug, und 500 Jahre Feindschaft innerhalb der „lateinischen“ Kirche des „Westens“ sind genug: Alle einstigen Reformationsansätze blieben unvollendet. So müssen wir öffentlich bekennen, dass wir gemeinsam an das „aggiornamento“(die erneuernde Anpassung) des Christentums für sein drittes Jahrtausend herangehen müssen. Das muss eine Botschaft an die Gläubigen nach „Innen“ sein, um die Widerstände aus Gewohnheit zu überwinden. Sie muss aber ebenso nach „Aussen“gerichtet sein: wie soll sonst die christliche Versöhnungsbotschaft in einer Welt voller Machtkonflikte zwischen Religionen und Ideologien glaubwürdig sein? Daher sollte ein Schwerpunkt liegen bei der im Kern für Christen gemeinsamen sozialethischen Botschaft zu den so missachteten Menschenrechten und zur Bewahrung der bereits in hohem Masse bedrohten Schöpfung.

Warum sind Ihrer Meinung nach immer noch theologische Dokumente, Papiere, Studien, Enzykliken überhaupt notwendig, um die Einheit der Christen zu fördern?

Der Streit der Konfessionen wurde durch Theologien und ihre Ausformulierungen in Recht setzenden Dokumenten ausgefochten, welche jeweils die „Anderen“ ausgrenzten, verurteilten oder gar der Hinrichtung preisgeben. Daher muss diesen Theologien und ihren Dokumenten, wenn sie sich absolut setzen, der Giftzahn gezogen werden. Sie müssen auf den Status von Teil-Ansichten zurückgeführt werden, die einer umfassenderen Wahrheit und einer tiefer gegründeten christlichen Praxis dienlich werden müssen.  

Was verstehen Sie unter der Einheit der Christen und der Kirchen?

   Eine bunte Vielfalt lebendig gelebter christlicher Traditionen, die sich wechselseitig bereichern und jeweils selbst relativieren im Blick auf die vielen anderen Möglichkeiten, die christliche Botschaft – das Evangelium – zu leben, und das heißt eben: „Katholisch“ im Ursprungssinne dieses Wortes zu denken und zu glauben, zu beten und zu handeln. Daher sollten unsere Kirchen zunächst eine gemeinsame Stimme finden und kundtun, verständnisvoll miteinander lernend weitergehen in dem, was wir den „konzilaren Prozess“ nennen, um eine neue Form zu finden. Damit ihre großartige universale, eben ihre „katholische“ Gemeinschaft als Kirche auch sichtbar werde – als die gemeinsame geistliche Heimat der Vielen Verschiedenen, die auf dem Wege sind.

 Nun ist die heutige konfessionelle „Landschaft“ unter den Christen sehr vielfältig: Man denke etwa an die vielen auch unter sich sehr gegnerischen Pfingstkirchen und an die vielen evangelikalen Bewegungen: Hat dann die Arbeit an der Einheit der Christen noch einen realistischen Bezug?

   Es kostete seit je viel Mühe, den Starrsinn und die Machtanmaßungen geistlicher Führer zu bändigen, großer Theologen oder Päpste ebenso wie von Lokalheroen oder Gurus. Nur die konsequente Einforderung der Selbstrelativierung im Angesicht Gottes und des Nächsten und das unumgehbare Liebesgebot, also die ethische Verantwortlichkeit, werden helfen, Wege zum Miteinander ausfindig zu machen, bei Anerkennung legitimer Unterscheidungen oder Besonderheiten. Der „Weltrat der Kirchen“ (Genf) ist geradezu das Labor dazu. Die Forderung einer uniformen Rechtssetzung für eine künftige Gestalt der Weltchristenheit ist abzulösen zugunsten der Suche nach Formen einer Anerkennung bereits gelebter oder möglicher Gemeinschaft auch recht verschiedener Traditionen auf der Basis von Heiliger Schrift, Credo und Vaterunser – dies, so meine ich, durchaus in neuer Gestalt im Weltmassstab. Ein gesamtchristliches Weltforum ist überfällig.

Was treibt Sie seit Jahrzehnten so an, dass Sie immer leidenschaftlich die versöhnte Verschiedenheit der Christen, also die Versöhnung und die Einheit, fördern und fordern? Ist dieses Engagement auch auf die politische Zerrissenheit der Welt bezogen?

   Meine Taufe war römisch-katholisch. Christ wurde ich, nach gutem Religionsunterricht (einschließlich Augustinus!) lutherisch; meine Wendung zur Theologie verdanke ich Romano Guardini, dem römisch-katholischen Kulturwissenschaftler und Vorkämpfer der Ökumene in NS – Zeiten. Meine Ordination verpflichtete mich der Una Sancta, für die ich in Württemberg und dann in Berlin, hier in einer Kirche der (protestantischen) Union tätig wurde, wo wir bereits in einer einzigen großen und „vielfarbigen“ (Eph. 3, 10) christlichen Gemeinschaft jeglicher Couleur leben. Wie könnte es also anders sein, als für „eine“ Stimme und auch „eine Gestalt“ der Kirche zu kämpfen, damit sie endlich in ihrer welt – bewegenden Botschaft glaubwürdig würde? Erst so, meine ich, könnte sie selbsternannten Potentaten und hasswütigen Predigern zeigen, was Sache ist. „Warten wir nicht länger“, so könnte ich einen Wahlslogan zitieren. Ich sage: Ergreifen wir den „kairós“: Den 31. Oktober 2017 als gottgegebene Gelegenheit, über den Schatten zu springen !

Copyright: Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

Die umfangreiche Studie Manfred Richters hat den Titel: „Oh sancta simplicitas. Über Wahrheit, die aus der Geschichte kommt. Ein Essay zum Ökumenismus“. 426 Seiten, 2017, Siedlce.



„Die wahren Künstler sind die religiösesten unter allen Sterblichen“: Zum 100. Todestag von Auguste Rodin

13. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Vor 100 Jahren, am 17. November 1917 ist der Bildhauer Auguste Rodin gestorben (geboren am 12. Nov. 1840). Der Religionsphilosophische Salon hat immer Interesse, Spuren des Religiösen und des Christlichen zu entdecken, in welchen Formen und Artikulationen auch immer. August Rodin sagte: „Si la religion n’existait pas, j’aurais eu besoin de l’inventer. Les vrais artistes sont, en somme, les plus religieux des mortels“.

Weitere Hinweise folgen.



An welchen Gott können wir, sollten wir, heute glauben? Ein religionsphilosophischer Salon anlässlich des „Thesenanschlags“ vor 500 Jahren.

12. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Der nächste Salon, Termine

Der Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren kann naturgemäß vom Religionsphilosophischen Salon Berlin nicht einfach übersehen werden. Das weiß nun jede(r): Am 31.10.1517 wurde eine Wende in der Geschichte nicht nur der Religionen eingeleitet… Wir stellen uns also in unserer Sitzung am Freitag, den 20. Oktober 2017, um 19 Uhr, dieser aktuellen (!) Reformations – Frage, die ein heutiger Luther stellen müsste:

An welchen Gott (Göttin) können wir, sollten wir, wollen wir heute glauben und … diesen Gott (be)denken.

Dabei stellen wir uns auch philosophisch die Frage: Selbst wer sagt, an keinen Gott zu glauben, der also das Glaubens – Bekenntnis des Atheisten ausspricht, hat doch irgendeinen anderen Gott, verstanden als absoluten Mittelpunkt in seinem Leben? Der Salon am 20. Oktober könnte auch zu einem mehr persönlich „gefärbten“ Gespräch werden, um einmal den üblichen, richtigen „Abstand“ vom eigenen Meinen und Fühlen im philosophischen Reden ein wenig abzuschwächen.

Herzliche Einladung also zu einem Gespräch, das auch der Reformation eigenen Denkens und Handelns dienen kann.

Wir treffen uns in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Zur Einstimmung gibt es viele Bücher und Texte. Eine Möglichkeit ist etwa: Die „neun komma fünf Thesen“ (anstelle der 95 von Luther), die ich hoffentlich als  Provokation auf diese website vor längerer Zeit schon gestellt habe.

Anmeldung also wegen der begrenzten Anzahl der Plätze erbeten an: christian.modehn@berlin.de



Jacob Böhme – ein Religionsphilosoph für unsere Zeit!

1. September 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Ein kurzer Hinweis von Christian Modehn

Über den Philosophen und Mystiker Jacob Böhme (1575 – 1624) haben die „Staatlichen Kunstsammlungen Dresden“ eine sehr beachtliche Ausstellung gestaltet, die kein religionsphilosophisch Interessierter, ja selbstverständlich kein kulturell Interessierter versäumen sollte! Bis zum 19. November 2017 kann die Ausstellung in der Schlosskapelle des Residenzschlosses Dresden besucht werden, täglich außer dienstags.

Jacob Böhme verdient Beachtung, Lektüre, Mitdenken und Debatte vielleicht heute noch mehr als im 16. und 17. Jahrhundert. Hegel sagt in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ (Band 3, Suhrkamp 1971, Seite 94) sehr treffend: “Böhme ist genannt worden der philosophus teutonicus, und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigentümlichen Charakter hervorgetreten. Es ist uns wunderbar zumute beim Leben seiner Werke; und man muss mit seinen Ideen vertraut sein, um in dieser höchst verworrenen Weise (der Texte Böhmes, CM) das Wahrhafte zu finden“. Eine mühsame Aufgabe auch heute! Immerhin widmet Hegel in seiner Vorlesung Böhme viel Aufmerksamkeit! Das Böhme Kapitel in dem genannten Buch umfasst immerhin 28 Seiten! Dabei ist Hegel aus seiner Position durchaus kritisch gegen Böhme, spricht von der „Barbarei in der Ausführung der Böhmeschen Gedanken“ (S. 118), von „gewaltsam sinnlichen Vorstellungen“ in Böhme Sprache. Dabei respektiert aber Hegel die “größte Tiefe“ von Böhmes Gedanken, „diese Tiefe hat sich mit der Vereinigung der absolutesten Gegensätze herumgeworfen“ (ebd.).

Denn der Philosoph und Mystiker aus Görlitz hat eine zentrale Erfahrung gemacht und zu Wort gebracht, auch wenn seine Sprache, seine Begriffe heute manchmal sehr vermischt und schwer zugänglich erscheinen: Aber es gibt eine zentrale Einsicht, sie berührt genau den heutigen globalen Umbruch der religiösen Situation in einer säkularisierten Welt. Gleichzeitig bieten Erfahrungen und Erkenntnisse Böhmes gerade auch Auswege an, angesichts des langsamen, aber sehr deutlichen Verschwindens der orthodoxen, katholischen oder evangelischen, aber in allen Fällen dogmatisch versteinerten Kirchenformen in Europa.

Was ist also inspirierend in Böhmes Erkenntnis? Dass Gott als der Ewige in jedem Menschen lebt. Und dass dies das einzig Wichtige und Entscheidende ist: Alle bürokratischen Kircheninstitutionen, aller Klerus, alle feierlichen Messen und Gottesdienste, alle Lehrschreiben usw. sind gegenüber der ewigen Präsenz des Ewigen IM Menschen mindestens sekundär! Was ist entscheidend? Die Pflege und Achtsamkeit auf diesen Gott In mir und IN uns. Und folglich wäre dann die Einrichtung von Gruppen, Kreisen, Salons usw., die diese Gestalt des Menschseins in aller Freiheit auch mit so genannten Atheisten besprechen.

Man möchte meinen, dass Böhme mit seinem absoluten Plädoyer für den Gott IN mir und IN uns eine gewisse Form moderner liberaler, d.h. auch freisinniger Theologie da formuliert. Dem wäre später eingehend einmal nachzugehen.

Die Gottesbeziehung ist nach Jacob Böhme also nichts Äußerliches, keine zuerst auf Worte. Lehren und Dogmen bezogene Lebenshaltung. Das setzt ihn heraus aus der lutherischen Orthodoxie. Manche Überzeugungen wirken gar katholisch, etwa wenn er die Weisheit verehrt wie eine jungfräuliche, weibliche Seite Gottes.

Auf Gott als der inneren und ewigen und ungeschaffenen und damit vom Tod nicht berührten Wirklichkeit bezieht sich der Mensch, wenn er sich auf sich selbst, seinen Geist und damit seine Freiheit bezieht.

Diese eine entscheidende Grundeinsicht wurde Jacob Böhme förmlich geschenkt: Alles gründet bei ihm auf einer mystischen Erfahrung, einer plötzlichen Einsicht, einer Erleuchtung: Die er aber nicht spinös oder fanatisch herausschreit, sondern in einem langen Reflexionsprozess gedanklich und sprachlich bearbeitet und zu Papier bringt. Man nennt ja manche Komponisten, wie Mozart, mit dem etwas altertümlichen Wort „Genie“. Ebenso ist es ja sicher treffend, Dichter, wie Goethe, genial zu nennen, ohne dabei in einen säkularen Heiligenkult umzukippen. Mit diesem Vorbehalt kann man selbstverständlich auch Philosophen genial nennen in der Konzentration ihres Gedankens. Jacob Böhme könnte wohl zu diesen Philosophen gehören. Er, der kluge Autodidakt, der ja bekanntermaßen das Schusterhandwerk gelernt hatte, also alles andere als ein stolzer, klerikal gebildeter Pfarrer oder gar Theologieprofessor war. Er hat sich alle Kenntnis selbst erworben und sich in damalige Theologie, Philosophie und die Wissenschaften eingearbeitet. Dass er dabei auch auf die Alchemie in gewisser Hinsicht zurückgriff, hängt ab von seiner Bindung an die gängige Kultur seiner Zeit. Er kannte die Arbeiten des damals hoch geschätzten Naturphilosophen Paracelsus (also Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493 – 1541). Schon Paracelsus legte – wie Müntzer – allen Nachdruck auf eine Kirche, die vom Geist, nicht aber vom toten Buchstaben, regiert wird. Die theologischen Auffassungen (seine Abweisung der gewaltsamen Mission, der Bekehrungen, sein Eintreten für die Gleichheit aller Stände) verdienen viel mehr Aufmerksamkeit als ihn bloß in die Ecke von Astrologie oder Magie zu stellen).

Jacob Böhme, der „Laie“ also, störte den dogmatischen Betrieb der lutherischen Kirche in Görlitz und anderswo. Nicht weil er stören wollte, sondern weil seine Erkenntnis so universal ist, dass sie den Frieden in der Welt, mitten im Dreißigjährigen Krieg, hätte bringen können: „Gott ist kein Gott der Christen“, sagt Böhme sehr treffend, Gott gehört keiner Konfession, Religionskriege sind Gotteslästerung, könnte man fortfahren. Religionskriege haben bis heute ihre Ursache in der Bindung an Dogmen, die der Vernunft nicht zugänglich. Dogmenferne und Friedfertigkeit gehören also auch für Böhme zusammen!

Er, der sich auf die Erfahrungen des heiligen Geistes berief und diese wichtiger fand als die ewige Wiederholung und das ständige Nachsprechen von Bibelworten, Böhme also, hat die Menschen seiner Zeit bewegt, weil er keine trockene Bücherlehre verkündete, sondern aus dem Leben selbst stammende Erweise des Wirkens Gottes im Menschen. Diese starke Bindung an die Wirkkraft des Geistes – gegen den trockenen Buchstaben der Bibel – erinnert an Thomas Müntzer, den Böhme sicher nicht kennen konnte: Denn Luther und seine Nachfahren hatten auch für den geistigen Tod des Reformators Müntzer gesorgt.

Aber auch Böhme wurde verfolgt, geschmäht, diffamiert. Die Herren der Kirche machten ihm das Leben sehr schwer. Seine Texte duften in Deutschland nicht gedruckt werden, als Abschriften von Hand wurden sie weitergereicht. In Holland, dem liberalen Land, konnten Böhmes Texte gedruckt werden, nicht nur auf Deutsch oder Niederländisch, sondern auf Englisch. Eine feste „Böhme – Gemeinschaft“ oder gar “Böhme – Kirche“ hat sich langfristig nicht gebildet, auch wenn eine kleine Begleitbroschüre zur Ausstellung auf S. 6 betont: „Viele Anhänger Böhmes gingen wegen religiöser Verfolgung ins niederländische Exil“. Der bekannte Spezialist für westliche esoterische Philosophie, Prof. Wouter J. Hanegraaff, UNI Amsterdam, erwähnt immerhin kleine „Böhme-Gruppen“: wie die „Angelic Brethren“ von Johann Georg Gichtel (1638 – 1710) oder die „Philadelphian Society“ von John Pordage (1607-1681) oder Jane Leade (1623- 1704), die erste `philosophisch – esoterische` Frau, wie Hanegraaff erwähnt (in: „Western Esotericism“, Bloomsbury,2013, Seite 32). Die Ideen einer „christlichen Theosophie“ (so Hanegraaff) verbreiteten sich dann weiter übe Friedrich C. Oetinger, Louis – Claude de Saint Martin und Franz von Baader…

Ein eignes Thema ist die Frage, die Böhme nicht zur Ruhe kommen ließ: Wie kommen Leiden und Böses in die Welt? Böhme denkt in diese Richtung. Wenn Gott der Schöpfer von allem ist, dann müssen auch das Böse, das Leiden, ihren Grund in Gott selbst haben…

Im ganzen gesehen hatte Böhme keine „philosophischen“ Schüler, die – wie etwa im Falle Hegels – nach dem Tod sein Werk „fortsetzten“.   Das ist eine Mangel, zumal wenn man bedenkt, dass bis heute meines Wissens keine ins moderne Deutsch übertragene kritische Gesamtausgabe von Böhmes umfangreichen, verstreut vorliegenden Werken gibt. So müssen viele LeserInnen die veraltet – sprachlichen Zitate durcharbeiten, das ist auch angesichts der an Symbolen reichen komplexen Sprache des Görlitzer Mystikers nicht einfach. Immerhin gibt es eine „Internationale Jacob Böhme – Gesellschaft“ in Görlitz, Vorstandsmitglied ist Sibylle Rusterholz, die insgesamt über die barocke Mystik forscht. Wir sind gespannt auf die Veröffentlichungen dieser Böhme – Gesellschaft.

Es bleibt natürlich ein Problem: Böhme setzt die „Existenz“ Gottes in seinem Denken voraus. Er wird ja förmlich in seiner mystischen Erfahrung von einer Wirklichkeit überwältigt, die er dann Gott bzw. etwas befremdlich „finsteres Tal“ bzw. „UNGRUND“ nennt. Und die Spekulationen zum inneren Leben Gottes selbst sind sozusagen auf Anhieb nur mitvollziehbar für jene, die schon eine reflektierte Kenntnis der „göttlichen Wirklichkeit“ haben. Böhme selbst wollte ja über die Naturerfahrung zur inneren göttlichen Wirklichkeit „durchstoßen“.

Damit will ich sagen: Um die aktuelle Relevanz Jacob Böhmes auch für die modernen Skeptiker und Zweifler deutlich zu machen: Da müsste man wohl versuchen, einen tragenden Sinn-Grund in jedem geistigen Leben gedanklich aufweisen und diesen Sinngrund dann gedanklich mit jener Wirklichkeit verbinden, die klassisch „Gott“ genannt wurde und wird. Diese Aufgabe muss wohl geleistet werden, um wirklich die Feinheiten der Gotteserfahrungen (also der alles gründenden SINN – Erfahrung) verständlich zu machen.

Was mich bei meinen aktuellen Studien besonders freut, dass Böhme selbstverständlich den Menschen als freies Wesen definiert, weil er ja Ebenbild Gottes ist, des – sozusagen „absolut“ – freien Wesens. Wenn der Mensch frei ist, kann er selbst sich für das Gute entscheiden. Die zerstörerische Macht der alle Freiheit und alles Denken vernichtenden Erbsünde ist also für Böhme hinfällig. Nur wenige Jahrzehnte nach Luthers und Calvins Reformation ist Böhme also eine Stimme der Freiheit, eine Stimme der Ablehnung dieser grässlichen Erbsünden-Lehre. Böhme ist deswegen tatsächlich kein treuer Lutheraner, er ist sozusagen ein weiterer, ein radikaler Reformator der Freiheit. Und eines universalen Gottes IM Menschen.

Gleichzeitig, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, stand in den Niederlanden der Theologe Jacob Arminius auf, um die Freiheit zu retten in der dogmatischen Starre des Calvinismus. Daraus entstand dann die theologisch liberale und freisinnnige Remonstranten Kirche…Über diesen Zusammenhang Böhme – Arminus müsste auch weiter studiert werden.

Zum Schluss ein zentrales Zitat von Böhme: “Ich trage in meinem Wissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern; sondern ich habe den Buchstaben in mir; liegt doch Himmel und Erden mit allem Wesen, dazu Gott selber, IM Menschen“ (in dem genannten Aufsatzband, S. 16).

Und ein hermeneutischer Hinweis zur angemessenen Lektüre: “Hermann Hesse schrieb über Böhme, die Lektüre seiner Texte erfordere `ein vorübergehendes Leerwerden`, eine völlig freie Aufmerksamkeit und Seelenstille`“.

Für religionsphilosophisch Interessierte ist es wichtig, den Aufsatzband „Grund und Ungrund – Der Kosmos des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ zu lesen. Der 216 Seiten umfassende, schön gestaltete Band wurde von Claudia Brink und Lucinda Martin herausgegeben, im Sandstein Verlag 2017. Auf einzelne Aufsätze komme ich später noch einmal zurück.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. ARTE zeigt einen Film von Roy Andersson.

21. August 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Religionsphilosophische Hinweise zu Roy Anderssons neuestem Film

Von Christian Modehn

Der Film wird auf ARTE am Mittwoch, den 23. August 2017 um 20.15 gesendet.

Manchmal müssen religionsphilosophisch Interessierte auf ihrer Vermutung beharren und „Religiöses“, vielleicht Christliches, sicher aber allgemein Spirituelles auch in Filmen suchen, die in den Kritiken kaum mit diesem religiösen Hinblick gewürdigt werden.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, aus Kunstwerken – und das sind oft Filme, selbstverständlich die von Roy Andersson – religiöse Kunstwerke zu „machen“ oder sie gar in einen christlichen Rahmen zu stellen. Es geht nur darum, dass, oft übersehen, tatsächlich religiöse Elemente im Kunstwerk Film anwesend sind, versteckt, indirekt, in Anspielungen.

Diese religiösen und sogar spezieller christlichen Strukturen sind auch in dem Film „ Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sichtbar. Diesen Film „eine schwarzhumorige Komödie“ zu nennen, wie in der Werbung geschehen, ist eine schon fast freche Banalisierung des Films, auch das Klischee „Tragikomödie“ ist unzutreffend. Es ist ein ins Nachdenken führender Film über das existentielle Leiden des Menschen. Andersson ist ein philosophischer Filmemacher!

Es sind die apathischen Menschen, existentiell am Ende, die beim Zuschauer den Wunsch und die Hoffnung wecken, es sollte ihnen besser geht. Das gilt insbesondere für die beiden Protagonisten, die Scherzartikel verkaufen wollen, aber dabei keine Erfolg haben. Sie wollen den Menschen helfen, zu lachen und Spaß zu haben, aber das gelingt nicht. Sie sind ja selbst verzweifelt. Traurig die Leute, die immer anderen am Telefon zurufen: “Ich freue mich zu hören, dass es euch gut geht“. Ihnen selbst aber geht es schlecht. Christlich im ethischen Sinne ist auch die Hilfsbereitschaft, etwa in der Kneipe, wie einem uralten, aber fast tauben Stammgast von allen anderen Gästen umständlich geholfen wird. Man brüllt ihm nach „Gute Nacht“. Oder die Liebe der Mutter zu ihrem Baby. Oder die Großzügigkeit der Kneipenbesitzerin „Humpel Lotte“ in ihrem Lokal in Göteborg: Sie ist über die liebevolle Umarmung der Soldaten so sehr erfreut, dass sie alle mit einem Schnaps belohnt. Auch die Vorstellung von einem göttlichen Gericht nach dem Tod fehlt nicht: Jonathan, einer der Scherzartikel Verkäufer, freut sich beim Hören von Kirchenliedern gar nicht, seine Eltern dort im Himmel wieder zu sehen… Er erlebt später einen schrecklichen Traum: Wie Kolonialherren die schwarzen Einwohner Afrikas, Sklaven, aneinander ketten und dann in einer riesigen Trommel verbrennen. Eine Art KZ im 19. Jahrhundert. Jonathan stellt am Schluss die entscheidende Frage: „Ist es denn richtig, andere Menschen nur zum eigenen Vergnügen zu benutzen?“ Eine Frage, die treffend von Mitbewohnern als philosophische Frage bewertet wird… Aber für eine Debatte sei es am Abend doch zu spät. „Na dann gute Nacht“, sagt Jonathan.

Dieser Film ist eine wunderbar gelungene Sammlung von Tableaus, von Bildern, die man als Standbilder bezeichnen könnte. Walter Benjamin hat „Denkbilder“ verfasst. Der Film enthält auch Denk – Bilder, die ins Religiöse weisen. Zwei Zitate aus einem Interview mit Roy Andersson, das Susanne Burg von DeutschlandRadioKultur am 27.12.2015 führte, sind hier wichtig. Andersson bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Bibel, er sagt: „Ich liebe diese Figuren in dem Film, auch wenn ich nicht immer verstehe, was sie tun. In der Bibel, im Neuen Testament, gibt es ja diesen interessanten Satz: Gott, vergib ihnen, auch wenn sie nicht wissen, was sie tun. Und Jesus liebt solche Menschen, und er versucht seinem Vater zu sagen, dass er ihnen vergeben solle“.

Seinen ethischen Anspruch als Künstler beschreibt Andersson in dem Interview so: „Wir leben zurzeit wirklich auf der Welt in schweren Zeiten, Apathie ist eine Konsequenz. „Ich würde ganz gerne das Gegenteil von Apathie verstärken, nämlich Empathie. Ich möchte mit dem Film helfen, dass man wieder mehr Empathie empfindet. Das halte ich für sehr, sehr wichtig in der Kunst, und ich finde, man hat als Künstler Dienst an der Menschheit zu leisten und vielleicht etwas zu tun, dass die Welt weniger apathisch wird“.

Aus der Bibel-Kenntnis von Roy Andersson sollte man nicht den Schluss ziehen, er sei ein hundertprozentig frommer Lutheraner, als der er geboren wurde. Er sieht die Kirche als Organisation und die offiziellen dogmatischen Titel für Jesus Christus als viel zu eng. In „Village Voice“ (New York) schrieb Jessica Winter am 2. Juli 2002: „Born in Gothenburg (Göteborg) to a Lutheran family in 1943, Andersson never found much use for organized religion: “All the church ever told us was to obey, work hard, be loyal to the king, and don’t enjoy anything too much.” More than once in Songs, a character remarks that Christ “wasn’t the son of God—he was just a nice guy,” while an overstock of hideous plastic crucifixes provides a recurring sight gag. “Jesus represents love and generosity, but we use him as a materialistic symbol—the church is a business like any other,” Andersson maintains. “So I’m teasing a little.”

Der Film von Roy Andresson „Das jüngste Gewitter“ (2008) sollte auch auf ARTE oder im Ersten gezeigt werden. Auch dieser Film enthält viele religionsphilosophische und ethische Aspekte: Der Verfall der Menschlichkeit, die Gehässigkeit in den Beziehungen der Menschen untereinander, auch der oberflächliche Umgang mit dem Tod sind dort Themen, die angstvolle Bedrohung durch Bomber, die kein jüngstes Gericht, sondern (bloß?) ein „jüngstes Gewitter“ ankündigen. Traurig die Szene, wie aus einer Kirche eine leidenschaftlich betende und bittende Frau vertrieben wird: Sie bittet als einzige lautstark Gott um Verzeihung für all die Sünden der kapitalistischen Gesellschaft, Gier, Geiz, Brutalität usw…Aber der Pfarrer will die berechtigte Klage nicht länger hören, er muss die Kirche schließen und, so wörtlich, „das Licht ausmachen“.

Roy Anderssons erster, schon damals preisgekrönter Film war „A swedish love story“ 1970. Einzigartig ist der Raum, in dem Andersson seine Filme schafft: In seinem „Studio 24“ im Zentrum von Stockholm wird alles gedreht, 200 Meter vom Königlichen Theater entfernt.

Eine Buchempfehlung: Culture, Health and Religion in the Millenium: Sweden Unparadised. Hg. von M. Demker, Y. Leffler und O. Sigurdson, Palgrave. 2014-

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

20. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Continue reading “Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?” »



Rechtsextreme Ideen werden vom Straßburger Erzbischof Luc Ravel propagiert

19. Juli 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.7. 2017

Luc Ravel (geb. 1957) ist seit einigen Wochen der neue Erzbischof von Straßburg im Elsass. Dort gelten – im Unterschied zum übrigen Frankreich – die Bestimmungen des Konkordates aus napoleonischen Zeiten; dementsprechend hat noch Staatspräsident Hollande entscheidend zu Ravels Anstellung beigetragen.

Ravel war zuvor Militärbischof. Er ist seit der Zeit als äußerst konservativer Theologe bekannt. Nun hat er vor einigen Tagen in der Tageszeitung „Dernières Nouvelles d Alsace“ erklärt: Frankreichs Bevölkerung (d.h. die weiße und irgendwie noch christliche) werde wohl bald von der kinderreichen muslimischen Bevölkerung ERSETZT. Das Wort „remplacement“ ist dabei entscheidend: Es finde also ein Austausch, ein „Ersetztwerden“, der Bevölkerung durch eine andere, ja man muss wohl sagen, Rasse, statt. Die diffusen Ängste von Michel Houellebecq (Roman „Unterwerfung“) und die Ideologie rechtsextremer Parteien hat sich also der Erzbischof zu eigen gemacht.

Zum Hintergrund:

„Frankreich verschwindet bald, weil die muslimischen Familien immer mehr Kinder bekommen“: Der rechtsextreme Ideologe Renaud Camus verbreitet diese Behauptung ziemlich erfolgreich. Bei der rechtsextremen Partei Front National finden seine Ideen Zustimmung sowie bei anderen entsprechenden Bewegungen, wie den „Identitären“. Aber selbst Nicolas Sarkozy hat sich am 5. August 2016 der populären Behauptung angeschlossen, als er sagte: „l’axe du monde étant clairement passé vers l’Afrique et l’Asie …Il nous faut réagir, ou on disparaîtra“. D.h.: Die Achse der Demographie dreht sich klar Richtung Afrika und Asien, wir Franzosen müssen reagieren oder wir werden verschwinden“. Mit dem „Wir“ sind die gebürtigen Franzosen gemeint, jene weißen Herrschaften, die allerdings oft vergessen, selbst ungarische (wie Sarkozy), italienische, spanische, polnische, russische, deutsche Großeltern zu haben. „Reinrassige Vollblut Franzosen, Gallier? “ gibt es „leider“ nicht! Nun aber haben diese weißen (katholischen) Herrschaften Angst zu verschwinden. Warum? Weil die muslimischen Familien, also die Leute aus Nordafrika oder aus den südlicheren afrikanischen Staaten, so kinderreich sind in Frankreich.

Es geht also ganz klar um einen Kampf der Rassen: Hier die ansässigen guten Franzosen (obwohl sie auch alle Mischlinge sind aufgrund der Einwanderungen seit 1800) und dort, auf der anderen Seite, die bedrohlichen Typen, die „wie wild“ Kinder zeugen und dadurch faktisch Frankreich erobern. Diese rassistische Idee wird in Frankreich viel diskutiert, auch in literarischen Kreisen. Sie wurde einerseits empirisch widerlegt und auf der anderen Seite klar gestellt: Dass in Frankreich immer schon „Mischungen“ von Menschen unterschiedlicher Herkunft besteht und dass es doch falsch sei zu behaupten, alle Muslime in Frankreich wollten sozusagen die Macht übernehmen und die Republik abschaffen.

Erzbischof Ravel jedenfalls übernimmt jetzt öffentlich (!) die rechtsextreme Ideologie und lobt sich deswegen selbst als mutigen Franzosen, „weil ich Frankreich liebe“. Er liebt aber nur das katholische, das alte Frankreich, nicht das offene, das dialogbereite republikanische Frankreich.

Das hat Erzbischof Luc Ravel schon beweisen, als er noch Bischof des Militär-Bistums war, auch dies gibt es in Frankreich, es sei all denen gesagt, die ewig und ungebildet von der totalen Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich plaudern und diese laicité dann als Deutsche bedauern…

Also, Bischof Ravel hat als Militärbischof nach den Terroranschlägen in Paris behauptet: Man solle die 17 Opfer dieser Terroranschläge mit den 200.000 Opfern vergleichen, die durch die Abtreibung in Frankreich nicht geboren werden. Diese Abtreibungs – „Morde“ seien wohl schlimmer als die 17 Opfer der Terroranschläge. Die Behörden des Verteidigungsministeriums haben gegen diese Aussagen protestiert.

Trotzdem wurde dieser absolute pro-life-Fan noch auf den Posten des Erzbischofs von Straßburg gesetzt, weil seine Tätigkeit als Militärbischof nicht verlängert wurde. Das ist die vatikanische Personalpolitik: Irgendwo muss man einen Kleriker, einen Bischof, eben unterbringen. So viele geeignete Kleriker fürs Bischofsamt gibt es ja ohnehin nicht mehr. Und zu allem Unglück war Ravel auch noch Mitglied der Glaubenskommission der französischen Bischofskonferenz. Die Politiker im Elsass haben den neuen Bischof voller Überschwang willkommen geheißen, selbst der sozialistische Bürgermeister war wohl begeistert.

Für den neuen Erzbischof von Strassburg, der Stadt Europas und der Menschenrechte, ist jedenfalls der französische Laizismus, wie er sagt, also die Trennung der Kirchen vom Staat. genauso gefährlich wie der Islamismus. das betont er deutlich mit Unschuldsmiene des Naiven, der er nicht ist. Und er ist felsenfest als Fundamentalist überzeugt: Dass „Jesus Christus der Meister des Kosmos und der Geschichte ist“, das heißt: Jesus Christus soll alles bestimmend sein in der Gesellschaft und im Staat. Was ist da der Unterschied zum alles bestimmenden Koran?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Ohne Erbsünde glauben!

11. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Meine Perspektive orientiert sich auch an der Philosophie Immanuel Kants in dem Zusammenhang. Der französische Philosoph André Comte-Sponville fasste diese Position, die ich teile, in dem knappen Satz zusammen: „Nach Kant ist die Eigenliebe die Quelle alles Bösen“ (in: Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt Verlag, 2001, S. 62). Indem das Böse in dieser Welt als Objektivierung von Eigenliebe(n) verstanden wird im Laufe der Geschichte, bleibt das Böse eben auch korrigierbar und letztlich auch einschränkbar und überwindbar! Eben indem man die einseitige Eigenliebe erkennt und mutig schrittweise überwindet. Und diese praktische Überwindung deuten Christen als Gnade, als Gabe des heiligen Geistes. Christen brauchen überhaupt nicht die Lehre von der furchtbaren unüberwindbaren (!) Erbsünde aus den Zeiten des Augustinus. Diese Lehre, auch als Dogma, ist mitgeschleppte Ideologie einer  Angst machenden Theologie.

Die Menschen mit ihren Fehlern sollten also nur an ihrem eigenen Egoismus arbeiten. Das wäre ein hübsches gemeinschaftliches Kirchenprojekt: Anstelle der Gottesdienste sonntags etwa psychologische Hilfen bieten zur Einübung in ein Leben jenseits des Egoismus! Das wäre vielleicht so etwas wie erlebte „Erlösung“, von der die orthoxoxen, dogmatischen Kirchen ständig plaudern und eine Messe nach der anderen feiern.

Diese neue Praxis aber ist schwerer zu realisieren als über die Last der Erbsünde zu jammern und tausend Bücher über die Mythen im Buch Genesis hin und her zu wälzen, wie es Eugen Drewermann tut und der dabei nur die veraltete Theologie/Ideologie in psychologischen Formulierungen wiederholt.

Für alle, die Kant in dem Punkt mißverstehen, weil sie mal schnell irgendwas vom „Hang zum Bösen“ bei Kant aufgeschnappt haben: Der Hang zum Guten gehört für Kant NOTWENDIG zur Möglichkeit des menschlichen Wesens! Während der „Hang zum Bösen“ nicht wesentlich ist für den Menschen. Das sollte man auch bei allen Leserbriefen beachten.

………..

Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte. Von Christian Modehn. (Inzwischen fanden auch Gespräche und Dispute zum Thema „Abschied von der Erbsünde“ statt: Dazu weitere Informationen.

Der Beitrag vom 11.7. 2017:

Ein Hinweis vorweg: Dieser Beitrag ist das, leider vom Zeitschriftenformat her bedingte viel zu kurze Plädoyer, an einem „Punkt“  theologisch „aufzuräumen“! Mit der Bereitschaft Continue reading “Ohne Erbsünde glauben!” »



Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!

5. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben

Einige wenige Hinweise von Christian Modehn am 5. Juli 2017

Zum Tod eines Kirchenfürsten passt sehr gut ein lateinisches Zitat: „De mortuis nil nisi bene“ (Über Verstorbene darf nur gut gesprochen werden).

Aber bei diesem verstorbenen Kardinal Joachim Meisner kann dieser Grundsatz nicht gelten, wenn denn auch nur im Ansatz historische Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eine Geltung haben sollen in einer demokratischen Öffentlichkeit.

Meisner war – milde gesagt – ein Kirchenfürst, der Continue reading “Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!” »



„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion

9. Juni 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Von Christian Modehn,  am 8. Juni 2017

1.Frage

Die Lehre von der Erbsünde ist, etwa in der katholischen Kirche, ein Dogma, also eine definierte Glaubenslehre. Kann man sich denn heute von einem Dogma mit dieser umfassenden Lehre befreien?

Ja, kann man und sollte man. Das kann nicht nur der einzelne, aufgeklärt denkende Glaubende, indem er dieses Dogma in dieser Form eben für sich beiseite lässt. Und das tun sehr viele. Die Befreiung von diesem Dogma kann aber prinzipiell auch das katholische Lehramt heute vollziehen. Wenn es denn so viel Vernunft walten lässt und erkennt: Dieses Dogma zur Erbsünde ist nicht Continue reading “„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion” »



Walter Benjamins 125. Geburtstag: Ein religionsphilosophischer SALONABEND

27. Mai 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Bitte beachten Sie die aktualisierten Hinweise zu Benjamin, besonders zu seinen Geschichtsphilosophischen Thesen von 1940. Publiziert hier am 16.7.2017.

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Am 15. Juli 2017 wird des 125. Geburtstages von Walter Benjamin gedacht, er ist vor allem Philosoph! Er ist auch Kritiker, Übersetzer, Journalist/Autor. Wir wollen in einem Salon-Gespräch einige Annäherungen an sein vielschichtiges Werk suchen und dadurch zur Benjamin-Lektüre ermuntern. Wir werden uns mit einigen Kapiteln seines Buches „Einbahnstraße“  auseinandersetzen, die Lektüre empfehle ich zumal für „Einsteiger“ in Benjamins Arbeiten. Wir werde an Benjamins Paris-Aufenthalte denken (und an Schriften von ihm zu Paris) und ermuntern, seine Geschichtsphilosophie und Religionsphilosophie zu studieren. Im Zentrum unseres Gespräches wird der wichtige, durchaus knappe, aber schwierige und viel besprochene Text „Über den Begriff der Geschichte stehen“ (in: Illuminationen, S. 251 – 262). Dies versteht sich als Einführung und Einladung zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Text!

Ein Benjamin-Abend also, diesmal an einem anderen Ort: In der neuen Kunstgalerie am Benjamin Platz in Berlin, nahe dem Kurfürsten Damm, Eingang über die Leibnizstr. Wir treffen uns also in der Galerie „Kunst und Grün“ am Freitag, den 14. Juli, passend zum französischen Feiertag (Beginn der Revolution 1789), um 19 Uhr. Anmeldungen erforderlich an: christian.modehn@berlin.de

PS: Walter Benjamin, von den Nazis als Jude verfolgt, lebte ab 1933 überwiegend in Paris; am 27.9. 1940 hat er in der Nähe von Port Bou Suizid begangen.

Wer sich mit einigen wichtigen Studien und Essays von Benjamin schon vertraut machen will: Dem empfehle ich „Illuminationen“, Ausgewählte Schriften, Band 1. Suhrkamp Verlag 410 Seiten, nur 15 Euro. Das oben empfohlene Buch Benjamins „Einbahnstraße“ (mit dem Text „Berliner Kindheit um 1900“) ist im Fischer – Taschenbuch Verlag erschienen, es kostet 8 Euro.



PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

21. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Termine

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 



Piusbrüder und Traditionalisten bald mit Rom versöhnt?

14. Mai 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. 5. 2017

Interne Entwicklungen der Kirchen haben immer auch eine religions-politische Bedeutung. Sie zeigen zudem, auf welchem selbstkritischen Niveau sich Kirchen und Konfessionen befinden, wie sehr ihnen also die Werte der Moderne, etwa Menschenrechte und Demokratie, wichtig sind.

Wer die Piusbrüder und mit ihnen die vielen tausend sich katholsich nennenden Traditionalisten weltweit wieder zum festen Bestandteil der römischen Kirche machen will, der holt sich Leute vom politischen Rechtsaußen (Marine Le Pen ist Mitglied der Piusbrüder-Gemeinde Saint Nicolas du Chardonnet, Paris) und fromme Seelen auf einem theologischen Niveau von 1910 wieder in Scharen in die Kirche. Der traditionalistische Wahlspruch heißt „Omnia instaurare in Christo“ – also „alles in Christus gestalten“, also alles, auch die Welt in Christus gestalten! Religiöse Gebote haben Vorrang vor demokratischen,staatlichen Gesetzen, heißt das konkret. Dies ist das fundamentalistisch klingende theologische Motto und Leitprinzip der Piusbrüder, es stammt vom hoch verehrten Papst Pius X. (Papst von 1903 bis 1914).

Nun also will auch Papst Franziskus alles tun, dass diese Herrschaften wieder volle Mitglieder der römischen Kirche werden.

Auf dem Rückflug von Fatima nach Rom sagte der Papst am 13.5. 2017: „Unsere aktuellen Beziehungen zu den Piusbrüdern sind brüderlich, aber es ist noch nicht die Zeit für einen Akkord, eine Übereinstimmung, gegeben. Man studiert weiter dieses Thema. Mit einem der vier (vom Traditionalistenführer Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 unrechtmäßig geweihten Bischöfen) Traditionalistenbischöfe, also mit Bischof Fellay habe ich als Papst gute Beziehungen. Wir haben einige Male zusammen gesprochen, ich will die Sache nicht schnell erledigen, wir müssen gemeinsam gehen, dann sieht man weiter. Dabei geht es nicht um Sieger und Besiegte, nicht um Triumphalismus (seitens Roms“). Es geht dem Papst darum, dass „ Brüder gemeinsam unterwegs sind und dabei gemeinsam die Formel suchen, Schritte nach vorne zu gehen“.

Wenn das nicht für die Kirche ein weiterer Schritt nach hinten, ins Konservative – Reaktionäre wird…

Warum um Himmels willen lässt man in Rom die Piusbrüder nicht machen, was sie wollen? Als eigene Kirche, die sich katholisch nennt? Wenn den Papst dieser Titel „katholisch“ bei den rechtsextremen Traditionalisten stört, warum bemüht er sich dann nicht auch um die Versöhnung , d.h. Übernahme der Alt-Katholiken in die römische Kirche. Diese eher progressiven, die Unfehlbarkeit des Papstes ablehnenden Alt-Katholiken, sollen nicht heim zur Mutterkirche Rom. Und diese wollen dies wohl jetzt auch nicht. Warum also diese beinahe versessen wirkenden Anstrengungen Roms, den Traditionalistenclub der Piusbrüder wieder richtig römisch und papstergeben zu machen? Denken viele Kardinäle und Bischöfe allmählich so, wie die Piusbrüder, lieben sie wie diese so sehr die lateinische still vom Priester gelesen Messe im Ritus von 1550? Kann Rom konfessionelle Vielfalt nicht ertragen, auch nicht die Vielfalt derer, die sich eben auch katholisch nennen? Wir meinen, es zu wissen: es geht um Vor-Herrschaft.

Quelle zu Äußerungen des Papstes im Flugzeug am 13.5. 2017: http://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/Pape/Le-pape-lavion-Fraternite-Saint-Pie-X-Medjugorje-abus-sexuels-2017-05-13-1200846902

Zu weiteren Hinweisen zum Thema Piusbrüder im Religionsphilosophischen Salon siehe:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin